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047
ZEITSCHRIFT
FÜR SLAVISCHE
PHILOLOGIE
BAND 4
1927
SPE
KRAUS REPRINT CORPORATION
OTTO HARRASSOWITZ WIESBADEN
ZEITSCHRIFT
FÜR SLAVISCHE
PHILOLOGIE
En Herausgegeben
von
Dr. MAX VASMER
ord. Professor an der Universität Berlin
+
Band IV
(abgeschlossen am ı. April 1928)
MARKERT & PETTERS VERLAG, LEIPZIG
sPE
KRAUS REPRINT CORPORATION, NEW YORK 17, N. Y.
OTTO HARRASSOWITZ, WIESBADEN
Printed in Germany
INHALT
I. AUFSÄTZE
Arper, W. Das Kehlkopfrasseln in Vokalen . : :
Barovis, Franz. Neuere Forschungen über die Kultur Nie Goldenen
Horde. .
BarvcHarys, S. Die Uni Fbrchknr er 1918 : :
Brückner, A. Michajlo Potyk und der wahre Sinn der Bylinen u
& »„ Franziskus Skorina : un.
Buszıca, D. Nochmals über die Aral iäire von A. Bert
BuracHovskw, L. Die Intonation des slavischen Supinums
CERNOBAJEV, V. Studien zu Krasifiski’s „Irydion“.
1. Der „Irydion“ und Schillers „Fiesko“ .
2. Die Chöre . :
Crzevseys, D. Tjuteev und ale Aedlichs Romantik 5
Detev, D. Ein Beitrag zu den slavisch-thrakischen Sprschbiiichungn
GAMILLSCHEG, E. Zum Lautwert von altruss. 3: Ana Reina
Hıpprus, W. Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Stedrin- Be
Houtzmann, R. Die Quellen zur slavischen Namenforschung in der
Provivz Sachsen und dem Freistaat Anhalt.
ILsınsks, G. Nochmals der Name von Moskau . Arco
Knurtsson, Kx. Zur slav. Lehnwörterkunde. 1. russ. AbIHA. ji: poln.
gont. 3. ksl. koräiji. 4. russ. Tybens, Tyan .
KosrtıAr, I. Entgleiste Iterativbildungen
Lorentz, Fr. Polab. 0 aus urslav. 0 ®
Meuıca, J. Zur slavischen Wortforschung. 1. Be Satörs „Zeit“ usw.
MexHarpotr, H Alttechische Bibelglossen aus der Maria-Saaler Hand-
schrift Nr. 7 ,
MicuasLov, A. Zur en ehiähte‘ äsr TEN Paleja“
NIEDERMANN, M. Lit. obuolmusas arklys, obuolmusys „Apfelschimmel“
Noua, M. Zum Alter der urslav. Nasalvokale ;
PoKorntv, J. Zu slav. guxa „Pelz“
Schwarz, E. Zur Chronologie der arBätn remetllung‘ in
den deutsch-slavischen Berührungsgebieten
- „ Zur Etymologie von Preßburg . R
Sıcynskys, V. Ukrainische Veröffentlichungen über Kraus Künkt
in den letzten 10 Jahren (1917—1927) . nr
Skörp, H. Zur Akzentzurückziehung auf Akutsilben ..
SosoLevskis, A. Zum Namen des Flusses Abgas . a
STENDER-PETERSENn, A. Zur Geschichte des altslav. *vitego
Tuomson, A. Beiträge zur Geschichte des Diphthongs w in den slavi-
schen Sprachen Se A
TRUBETZKoJ, Fürst N. Ursiav. dhzdks Fe £
Russ. ceMp „sieben* als gemeinosslarschen Merk
mal. ä
Vasmer, M. Beiträge zur slavischen ER 2. Ze otalarischen
Wandel von anlaut. (j)e zu 0-
Etymologisches. 12. urslav. socha. 13. aksl, "chodogn. 14. russ.
”„ „ ”„
Nachtrag zu GAaMmILLscHre Ana Reina
Nachtrag zu ILsımskıs Der Name von Moskau 3
Studien über die germanisch-slavischen Beziehungen.
1. Gibt es slavische Lebnwörter im Gotischen?
Vermeintliche Gräzismen . . nz:
sn „ Zu den german. Fee im Aeeieches: x Gled
„ Zur alten Geographie der slavischen Länder. 2. Bitolj .
eins, G. Beiträge zur Geschichte der Freimgurerei und des
Mystizismus in Rußland . PR
Voznesenski), A. Die Methodologie der rer nen
1910—1925. Teil 1.
ZELENIN, D. Die russische erereen völksisndiiche er Ar
1914. Teil4 .
Zıemunskis, V. Byron und Pukkin. Teil 2... ‚
I. BESPRECHUNGEN
Berınskis, V.G. Ilonsoe coöpanne counnenuäd. Bd. 12. Petersburg
1926 besprochen von N. Kasm
BRUGMAnN, Kırı. Die Syntax des einfachen er im a Indogermanischen
Bailn 1925 besprochen von E. FRAENKEL .
Cuxovskı, K. Hekpacor. Petersburg 1926 erh von N. Bir
ÜzERAnowskı, J. Wstep do historji stowian. Perspektywy antropologiezne,
etnograficzne, prehistoryezne i FSBRETER Lemberg 1927 be-
sprochen von M. VAsMER.
Duson, A. K xapakrepncruke YRPaunckuX rOBOpoR. Pecny6anku
Hesmeg Hosomsen. Pokrovsk 1928 besprochen von M. VasmEr
Durxovo, N. Oyepk ucropnn PyCCKoTO A3bIKA. RER 1924 be-
sprochen von $. OBNoRSKIJ .
Hermann, Ep. Litauische Studien. Berlin 1926 ae von
E. Sırrıe
Hrusevsevs, M. Icropin ykpaiucskoi aireparypur. Ba. My, Teil 1.
Enbers 1923—1926 besprochen von A. BRÜckNErR .
dial. xabapda „Fischotter“ . . 2 2... „144. 376.
285
264
260
273
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Karma, J. Syrjänisches Lehngut im Russischen. en 1927
a von M. VAsMmER . &
Karınskıs, N. O6pasusı IIMCbMa AB snelimero mepzona Eon
pycckof kHurm. Petersburg 1925 besprochen von N. Durnovo
MarcuLits, A. Der akslav. Codex Suprasliensis. ne 1927 be-
sprochen von N. van Wıx . ; A
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berg 1924 besprochen von E. Tancı :
NIEDERMANN, M., Senn, A. u. BRENDER, F. Wörerbuch der Bacon
Beheiisurache, Lief. 1. BORETE 1926 besprochen von T. Tor-
BIÖRNSSON : ER
Preerz, V. K m Enopa 0 Hoamy Viropene«. san
1926 basprochen von N. Gunzu . 3 ee
Pererz, V. CnoBo o monky IropeBim. Kiew 1926 Deipsschen von
N. Gunzs . .
TRAUTMANN, R. Baltisch- Bbedischen Wörterbuch. Göttingen 1923 ve
Een von A. BRÜCENER . .
VonDrÄk, V. Vyvoj soutasneho EEE jasyka Bene, Brünn 1926
besprochen von FR. TRAvniöEk
Voznsar, M. Icropua yKpaiHcbKoi en Ba. 1-8. Lemberg
1920—1924 besprochen von A. BRÜCKNER. . .
Winzer, M. P. Caadaev. Fe RA RRINEE, 1927° besprochen von
Orro MEHLITZ . u en
Berichtigungen .
Verzeichnis der bei der Redaktion EEERETRENEN Bücher, . 287.
Wortindex zu Bd. IV von M. WoLTner
Seite
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Neuere Forschungen
über die Kultur der Goldenen Horde
In den Jahren 1919—1922 habe ich mit Unterstützung der
Saratover Universität, deren Lehrkörper ich damals angehörte,
sieben Expeditionen von einer Dauer von zwei Wochen bis zu
zwei Monaten in die südlichen Kreise des Gouv. Saratov und in
die Gouv. Caricyn und Astrachan’ unternommen, um kulturelle
Altertümer der Goldenen Horde zu sammeln und die alten Ruinen-
stätten zu erforschen. Ausgrabungen auf dem Uvek und in
Kvasnikovka 1919, auf den Burgbergen von Danilovka und
Ternovka und dem Trümmerfelde von Meletka, auf dem Berge
Durman und dem Ternovskij Syrt 1920, eine Wolgafahrt von
Caricyn bis Balyklei 1921 und Ausgrabungen in Carev und dem
Dorfe Selitrennoje 1922 — lieferten ein Material, das neu, mannig-
faltig und künstlerisch wertvoll ist. In meinen zwei Büchern
Ilpusosszickne Ilomnmenu Moskau 1923 und Crapzıd u Hosprä Capan,
cronmust Bonorofi Opası Kazan 1923!) berichtete ich über die
ausgeführten Arbeiten und gab ein Verzeichnis des wichtigsten
bereits früher gefundenen Materials. Im vorliegenden Aufsatz
soll auf jene Funde eingegangen werden, auf Grund deren die
alte Ansicht über die Goldene Horde und ihre Kultur unbedingt
geändert werden muß. Denn nur aus der vorgefaßten Meinung,
der Goldenen Horde habe eine höhere Kultur gefehlt, und deshalb
habe sie das alte Rußland in kultureller Beziehung positiv nicht
beeinflussen können, erklärt sich die Tatsache, daß selbst be-
deutende russ. Historiker in ihren Werken wenig über die Ge-
schichte der Goldenen Horde berichten und ihre Kultur meistens
1) Siehe jetzt auch: Alt-Sarai und Neu-Sarai, die Hauptstädte der
Goldenen Horde, Riga, L. U. Raksti XIII.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd.IV. 1
9 F. BaLopıs
mit Schweigen übergehen. Weniger hervorragende Gelehrte und
heimatkundliche Forscher aber haben nicht selten infolge von
nationalistischer Befangenheit die Tataren als Barbaren geschildert,
unter deren Joch das alte Rußland verwüstet und verroht sei.
„Die tatarischen Städte im Kiptak dürfen wir uns nicht
wie die jetzigen oder wie die russischen Städte vorstellen mit
großen und schönen Gebäuden. Sie konnten nicht regelrecht
organisiert sein bei der nomadisierenden Lebensweise der Be-
völkerung des Kiplak. Stets mieden die Tataren das Stadtleben:
nur in der Steppe, unter freiem Himmel konnte der Tatare frei
atmen“, schreibt 1845 SasLukov!). „Die mongolischen Tataren
kamen nach Rußland als ein halbwildes Nomadenvolk, für das
der Krieg Arbeit, Erholung und Zeitvertreib war“, — lesen wir
bei V. OppokovaA Ilpommoe Caparogckoro kpan, (erschienen 1924
S. 26): „in den unterworfenen Ländern zerstörten sie die
früheren Städte und legten sofort das städtische Leben lahm“.
Selbst bei dem ausgezeichneten russ. Historiker N. Fırsov Yreuna
no ncropnn Cpennkero n Hmxnero Ilosonpikpa Kazan 1921 S. 43
heißt es: „Die mongolischen Tataren waren zur Zeit ihres Ein-
falls... ein Volk, das das Nomadenleben noch nicht aufgegeben
hatte. Ihre Psychologie war diejenige von Steppenräubern .. .“
Diesen Ansichten schließen sich häufig Behauptungen an,
wie z.B.: „Die Tataren haben uns einen Stempel aufgedrückt,
den wir bis heute tragen und noch lange tragen werden“?), —
als ob der Geist von Karamzın und Kosrtomarov noch heute in
den Werken der russ. Historiker lebendig wäre. Daß das so-
genannte „Tatarenjoch“ die Ursache der Verrohung in Altrußland
wäre und daß der kulturelle Niedergang Rußlands unter dem
Einfluß grausamer Eindringlinge, halbwilder Viehzüchter und
Jäger erfolgt sei, — wird noch oft als ein unanfechtbares Axiom
angesehen.
Der vorliegende Aufsatz bezweckt aber nicht nachzuweisen,
daß Einflüsse von seiten der Goldenen Horde auf das alte Rußland
möglich waren; einige bemerkenswerte Angaben hierüber bieten
1) SABLUKOV Oyepku BHYTP. cocronnnn Kunyarck, uapersa S. 29.
2) GERAKLITOV Hcropusı Caparosck. kpan Saratov 1923 8, 13.
Neuere Forschungen über die Kultur der Goldenen Horde g
bereits die Aufsätze von F. Lxontovıd!) und P. Brssonov?).
Schon a priori läßt sich behaupten, daß ein jahrhundertelang
andauerndes Zusammenleben nicht ohne Folgen bleiben konnte.
Glaubt man aber, es hätten Einflüsse nur negativer Art vorge-
legen, so fragt es sich, wie sich diese Einstellung mit den neuesten
Forschungsergebnissen verträgt. Um diese Frage zu klären, ist
das in letzter Zeit gefundene Material heranzuziehen. Bereits
TerESöenko®) hatte durch Ausgrabungen „nicht nur die Um-
gegend der ehemaligen Hauptstadt der Goldenen Horde“ unter-
sucht, „sondern tatsächlich ihr ganzes Zentrum und den alten
mohammedanischen Friedhof...“ Es wurde viel neues Material
gefunden, Paläste ausgegraben, Häuser, Mausoleen, eine Unmenge
kunstgewerblicher Gegenstände, Wandmalereien, Ziegel mit Auf-
schriften, 4337 Münzen usw., so daß schon damals um die
Mitte des 19. Jahrh., bedeutendes Material über die Kultur der
Goldenen Horde vorhanden war. Leider verblieben aber die
Erfolge TereSöenko’s wenig beachtet und Nachrichten von
den Ergebnissen späterer, weniger wichtiger Ausgrabungen von
Funden drangen nur langsam in die wissenschaftlichen Kreise.
Selbst die goldene Krone des DZanibek, die der Wolgakolonist
Bauer nach Jena schickte, fand nicht in genügendem Maße Be-
achtung, und die Ausgrabungen zweier bedeutender russ. Archäo-
logen, V.GoRonDcov*)in MadZary und Spıcvx in Selitrennoje, wurden
bei Darstellungen der materiellen Kultur der Goldenen Horde
außer acht gelassen.
Vielleicht hat das Werk von Baron TırsEnHAUSEN?) dazu
beigetragen, das Interesse für die Goldene Horde zu wecken,
und neue hist.-geogr. Darstellungen angeregt, wie sie bereits
1) Mourono-oüparckiii ycraB BösickaHii, Bar. Hop. Yums. 1879.
2) Munmsi Typaunam. Yrenisı Mock. O6. Her. u Ipepnocrei 1884.
3) TERESÖENKO ÜOXoHyaTenbHoe MCcneNoB. MecTHoctu Capan C
oyepkom cıenoB lenm-Kunyakck. yapcrsa. YueH. 3an. Ar. H. 1854 UI
S. 89 ff.
4) GORODCOV Peaynpratsı apxeon. uccHeNoBaHni Ha MecTe pas-
pannu r. Manap 1907 r. Tpynsı XIV Apx. Cveaga Bd. III 164.
5) C6opuuk Mmarepmanop OTHoC. K ner. 30. OpAbt Bd. I Peters-
burg 1884. |
1*
4 F. BAnopis
Gricor'sev!) und Brun?) geliefert hatten: den Gelehrten der
Hauptstadt (VeszLovskıs?) Trurovskıs®)) folgten provinzielle
Enthusiasten (ZaskovsıJ5), Krorkov®)). Aber die von Tıesen-
HAUSEN publizierten Schilderungen der kulturellen Bedeutung der
Wolga-Städte im 13. und 14. Jahrh. wurden nicht in gebührender
Weise beachtet. Auch der Aufsatz von STRAToNITsKıJ?) änderte
trotz seiner objektiven Analyse des Chronikenmaterials nichts
an der allgemeinen Auffassung von der Goldenen Horde. Niemand
wollte oder niemand wagte es, eine zusammenhängende Geschichte
der Goldenen Horde unter Berücksichtigung der archäologischen
Ergebnisse, dieser einzig zuverlässigen Quelle für die alte Zeit,
zu schreiben: als ob nach dem Erscheinen von HAmMmER-PurG-
staur’s Geschichte der Goldenen Horde kein einziger neuer Fund
gemacht worden wäre! Man schien überhaupt den durch den
Spaten zugänglichen unterirdischen Archiven keine Bedeutung
beizumessen, das Museumsmaterial zu ignorieren, und kümmerte
sich auch nicht um die Reisebeschreibungen von PArLas®) und
Leoror.' Dov?).
1813 besuchte Vosz3Kov!P) die Ruinen der Goldenen Horde
und fand noch „Straßen, Wasserleitungen vom nahen See, durch
deren Blei- und Tonröhren noch Wasser floß“. Und 1717 lud
der älteste Sohn des Kalmückenkhans Cakdorzan den Oberkom-
mandanten von Astrachan’ Cirikov ein „subrua y 3eneHoä
1) GRIGORJEV O mecronoso:keHun cTonmusı 307. Opnsi, Capan
Petersburg 1845.
2) Yepnomopte. C6opHuk no ucr. reorpabun IO. Poccan II.
3) 3aran. Tiommcran 3on. Opxer. San. Bocr. Orn. P. Apxeoı. O6m.
XX, 2—3 8.58.
4) TRUTOVSKIJ Tynmcras 3on. Opxsı. Ilpesuoctn Bocr. 1889 11
5) ZAJKOVSKIJ Toponume Benppkamen. Tpyası Cap. Yu. Apx.
Kom. XXIV S. 33.
6) Hapasuarck-Myxımn.
7) STRATONITSKIJ MoHrONBCKoe yIpaBıleHue IOKOpeHHEIMn Kuraem
u Apmenneä Moskau 1913.
8) Ilyremectsne no pasHu. npop. Pocc. Toc. 1788 Bd. II
8. 209. Hin
9) LEOPOL’DOV HUcropas. Oyepk Capar. Kpan; vgl. GRIGOR'JEV
Mecrononoxkeune S. 290 ff.
10) Becrank Esponsı 1813 Nr. 13 Juli IV Cmecz.
Neuere Forschungen über die Kultur der Goldenen Horde 5
Meyern, rye HoBylIo cesmrpy Bapsır“2), d. h. in die Nähe des
heutigen Dorfes Selitrennoje, wo damals wohl noch eine halb-
verfallene Moschee, geschmückt mit grünen Kacheln, stand, ein
Gebäude aus der Zeit des Alten Saraj. Als ob alle diese Hin-
weise der Beachtung nicht wert wären oder durch die Mitteilung
der Chronisten beseitigt würden, nach denen die Tataren nur
Nomaden waren, „die weder Hausgeräte, noch Luxus kannten
und ein Leben führten wie Hunde... .“2), Heiden, die mit Feuer
und Schwert Altrußland verwüsteten: „sun&, sıko HECTb BR HUX%
mo6pa...Haya 6onMmm ckopöbru Aymem, Bun 60 o6anaemu
MBABONIOM ...“®). Allerdings mußten es tüchtige Krieger ge-
wesen sein, um den größten Teil Asiens und Europas erobern
zu können; aber Kriegstaten großer Kämpfer beweisen noch nicht
Roheit und Barbarei des siegenden Volkes, obwohl die Chronisten
eines unterlegenen Gegners stets bemüht sind, dick aufzutragen
und gern die negativen Eigenschaften des Feindes erwähnen.
Welches Bild erhalten wir nun von der Goldenen Horde
auf Grund der an der unteren Wolga gefundenen Kulturüberreste ?
Die archäologische Erforschung der Wolgadörfer läßt mich
in den Gouv. Saratov, Caricyn und Astrachan’ folgende Städte
und Siedlungen annehmen: a) Städte — auf dem Uvek, bei
Dubovka (auf dem Trümmerfelde von Vodansk), beim Dorfe
Rynok (Trümmerfeld „Metetnoje Gorodiste“), an der Mündung
des Flüßchens Carica (heute Caricyn), am Ausfluß der Achtuba
(heute Verchneachtubinskoje), bei Carev, dem Dorfe Selitrennoje,
auf den Sarennyje Bugry (in der Nähe von Astrachan‘); b)
Siedlungen — bei Ust‘ Kurd’um, Staryj Saratov, Saratov, Pod-
stepnoje, Kvasnikovka, Uzmor’je, Achmat, Danilovka, Ternovka,
bei den Dörfern Velikaja Dobrinka, Siäkin Bugor, ‚Balyklej,
Prolejka, Vinnovka, Verchneje und Niäneje Pogromnoje, Kopa-
novka, Ak-Saraj, Astrachan‘, ferner mehrere Siedlungen zwischen
Verchneachtubinskoje und Carev. Siedlungsspuren fanden sich
auch auf der Insel „Deneänyj“ gegenüber dem Meöetnoje Goro-
dif®e.e Und nicht nur in den drei angegebenen Gouvernements
1) Acrpaxancknä Kanmeıukai Apxus, Meno 1717 r. Nr. 5 Bl. 110.
2) TIESENHAUSEN Marepnamı S. 74 (Ibn Vasyl).
3) Hypatiuschronik (Petersburg 1871) s. a. 1250 (6758) S. 535 2.23.
6 F. BaLopis
befanden sich Städte der Goldenen Horde und nicht nur an der
Wolga: ich erinnere bloß an MadZary an der Kuma und MuchSi
an der Mok$a (bei Narovöatsk, Gouv. Penza); vor kurzem noch
meldete mir B. Zaskovskıs von Spuren zweier weiterer Städte
in der Steppe jenseits der Wolga, im Kreise Pugatev. Die erste
Münze der Goldenen Horde wurde in Bulgar gemünzt; hier be-
fand sich die Sommerresidenz Bätü’s. Sarajöik am Ural und die
Krimstädte könnten neben anderen, noch nicht auf die archäo-
logische Karte der Goldenen Horde eingetragenen, das angeführte
Verzeichnis ergänzen; es ist ohnehin größer als die Verzeichnisse
von Frinn!) und SısLukov?) und liefert Erklärungen zu den
Karten von Pıcıcanı und Fra Mauro. Das Ergebnis ist somit
ein ziemlich dichtes Netz von Siedlungen hauptsächlich längs
dem Haupthandelswege der Goldenen Horde, der Wolga; vielleicht
gab es dort zu jener Zeit sogar mehr Städte als heute. Beachtens-
wert ist ferner jene interessante Tatsache, daß die Ausdehnung
der alten Städte im allgemeinen wohl kaum kleiner war, als die
der heutigen Gouvernements- und Kreisstädte im Wolgagebiet
oder der Dörfer, die an den Stellen alter Siedlungen entstanden sind.
Das Gelände des Metetnoje GorodiSte, einst dicht mit Ge-
bäuden besetzt, ist nicht groß (1 qkm), jedoch nicht kleiner als
das des ihm heute benachbarten Dorfes Rynok. Vod’ansk war
mit einer Ausdehnung von 4!/, qkm größer als die heute in seiner
Nähe gelegene Kreisstadt Dubovka. Auch das alte Ukek nimmt
heute noch ungefähr 4 qkm ein, obgleich ein Teil der Stadt von
der Wolga weggespült worden ist; es übertrifft somit das heutige
Uvek, wenn es auch natürlich kleiner ist als das benachbarte
Saratov. Dafür erstreckte sich Neu-Saraj über 50 qkm, Alt-
Saraj über 40 qkm: nicht nur Carev und Selitrennoje finden auf
diesen Gebieten Platz, es bleibt sogar noch eine bedeutende
Fläche übrig; diese ist umso größer, wenn man die Worte von
Lxoror vov berücksichtigt, daß noch zu seiner Zeit „angefangen
von Bezrodnoje (oder Verchneachtubinskoje) sich auf dem Kamm
des Syrt 70 qkm weit Ruinen hin bis zum Dorfe Pri$ib zogen...“
| 1) Fräun Monronsckni ropoa Yrek ına peke Bome, übersetzt von
GERAKLITOV Stavropol 1911 8.3.
2) SABLUKOV Oyepkn Buyrp. cocr. 8. 27.
Neuere Forschungen über die Kultur der Goldenen Horde 7
„Diese Ruinen stehen“, erzählt er, — „bald dichter nebeneinander,
bald seltener; bald sind sie groß und geräumig, dann wieder klein
und unbedeutend...; ferner sieht man vom Dorf Pri$ib über
Carey hin fast bis zum Dorfe KolobovSöina 15 qkm weit Ruinen,
die sich fast ununterbrochen hinziehen und zum größten Teil
sehr groß sind, — das sind die Überreste der früheren Stadt“
(Neu-Saraj)... Ibn ‘ArabSah!) hält Neu-Saraj für eine der best-
gelegensten und bevölkertsten Städte. An Ausdehnung übertraf
Neu-Saraj tatsächlich nicht nur die heutige Kreisstadt Carev
(einschließlich seines Tatarenvorortes „Saraj“), sondern selbst die
Gouvernementsstadt Carieyn, und man darf dabei nicht vergessen,
daß auch Caricyn an der Stelle einer alten Siedlung steht, und
die Wolga fast ganz die Insel DeneZnyj weggespült hat, wo sich
ebenfalls eine Tatarenstadt befand.
Dem gleichen Schicksal ist die Stadt auf den Sarennyje
Bugry in der Nähe von Astrachan’ anheimgefallen; noch jetzt
(Expedition 1922) ragen Mauern ihrer Gebäude und Werkstätten
über den Fluß, von diesem unterspült, dabei ist der größte Teil
des Stadtgebietes wohl untergegangen. Hier befand sich das
alte ChadZi-Tarchan — „eine der schönsten Städte mit großen
Märkten“, nach Ibn Batüta?). Endlich heißt es beim selben Ibn
Batüta, die Stadt Staryj Krym sei so groß gewesen, daß ein Reiter
aufgutem Pferde sie kaum an einem halben Tag umreiten konnte?)...
In der Siedlung an der Mündung der Ternovka (linkes Ufer)
gelang es allerdings nicht, Spuren von Holz- oder Steingebäuden
zu entdecken; auf einem 300 x 320 x 150 qm großen Raum fand
man in der Kulturschicht nur Herdspuren, die von einer Zelt-
Siedlung tatarischer Viehzüchter und Fischer (nach dem Inhalt
der Kulturschicht zu urteilen) übriggeblieben sind. Aber solche
Stätten beweisen nur, daß die Bevölkerung der Goldenen Horde
teilweise tatsächlich „Zeltbewohner“ waren (wovon auch EI-
‚Omari*) berichtet), während es in den Städten „Märkte, Bade-
stuben, Gotteshäuser“ gab, und der „Herrscher im großen Schloß
1) TiesEnHAUSEN Marepnansı 461. 2) ib. S. 241.
3) Vgl. auch die neuesten Ausgrabungen 1925: BoROZDIN Conxar
Moskau 1926 8. 3 u. 15 ff., daselbst weitere Literaturangaben 3. 64.
4) TIESENHAUSEN Marepnamı 230.
8 F. Banovıs
weilte..., das von Mauern, Türmen und Häusern umgeben war,
in denen seine Emire wohnten ...“'). „Die Stadt Saraj“, heißt es
bei Ibn Batüta?), „ist eine der schönsten Städte von ungewöhn-
licher Ausdehnung, mit großer Bevölkerungszahl, mit hübschen
Märkten und breiten Straßen“; hier gibt es „geschlossene Häuser-
reihen; leere Plätze und Gärten fehlen. ..., sie hat 13 Moscheen
für den Gottesdienst... Die Kaufleute aber und Fremden...
leben in ihren Stadtteilen, wo Mauern ihren Besitz beschützen...“
„Saraj wurde zu einem Mittelpunkt der Wissenschaft und einer
Segensquelle, und in kurzer Zeit versammelte sich hier ein guter
Teil von Gelehrten und hervorragenden Männern, von Schrift-
stellern und Künstlern“: so beschreibt Ibn ‘ArabSah®) die Haupt-
stadt der Goldenen Horde. Wollen wir objektiv sein und aner-
kennen, daß es in der Goldenen Horde viele Städte gab, deren
Ruinen sich weit über die Wolgasteppe erstrecken. Ihre Be-
wohner waren nicht nur Viehzüchter und Jäger, sondern es gab
hier auch seßhafte Bevölkerung. Wie die Chroniken berichten,
kam die Goldene Horde durch den Handel mit anderen Ländern
in Berührung und konnte sich eine höhere Kultur aneignen, die
Künstler und Gelehrte in den Wolgastädten zusammenführte.
Jedoch auch folgende Ansicht von Fırsov*) verdient ange-
führt zu werden: „Nach Beendigung der Verwüstungen und Er-
langung fester Wohnsitze an der unteren und mittieren Wolga
unterwarf sich die wilde und grausame nomadisierende Horde
unwillkürlich der im Wolgagebiet herrschenden Kultur; diese
hatte sich in der chazarisch-bulgarischen Zeit des Wolgagebietes
entwickelt... Von den Bulgaren übernahmen die Tataren deren
städtisches Leben .. .*
In einer bestimmteren Formulierung finden sich diese Ge-
danken Fırsov’s bei V. Orroxova°): „Als die mongolischen
Tataren das Wolgagebiet einnahmen, gab es bei ihnen noch
keine Städte; in den unterworfenen Ländern zerstörten sie die
früheren Städte und vernichteten anfangs das städtische Leben ...
Als echte Nomaden lebten die Tataren in leicht auseinander-
1) ib. 241. 2) ib. 306. 3) ib. 461.
4) Fırsov Mrenns 44, 45.
5) OPPOKOVA Ilpoumoe Capar. kpan 8. 26, 27.
Tat. ı. Keramik aus Alt-Saraj: Flaschen. Krüge. Sparbüchse, Schale und
großes Vorratsgefäß; Abb. a, rechts und links, Fragmente von Alabaster-
Gesimsen, rechts zwei Ziegel; Abb. b im Vordergrunde, in der Mitte, Guß-
formen {Ausgegraben ı922. jetzt im Tatar. Nationalmuseum in Kazan).
Fe
‚seta nee
4 "; Br
Neuere Forschungen über die Kultur der Goldenen Horde N)
nehmbaren, runden Hütten, die aus Stangen oder Reisig ge-
macht waren... Sie waren unsaubere Menschen und ihre wenig
anziehenden, kleinen Hütten wimmelten von Ungeziefer“.
Die Folgerung liegt nahe, daß die im allgemeinen erst später
entstandenen Städte der Goldenen Horde auf der Grundlage der
wiedererwachten bulgarischen Kultur erstanden, zumal nach
Fırsov der bulgarische Adel in den obersten Schichten der
mongolisch-tatarischen Gesellschaft „aufging“..., die ihrerseits
„von den entsprechenden Schichten der bulgarischen Gesellschaft
Technik und Lebensweise übernahm...“ Mit anderen Worten:
die Völker Bätüs zerstörten die Kulturzentren des bulgarischen
Reiches; in der breiten Masse blieben sie Barbaren, aber die
oberste Schicht wurde in kultureller Beziehung bulgarisiert und
nahm dann an der Fortpflanzung der bulgarischen Kultur teil,
indem sie die bulgarischen Städte wiederherstellen ließ.
Ob solche Gedankengänge richtig sind, ersieht man am besten
aus dem vorhandenen numismatischen Material. Es muß
hier jedoch erwähnt werden, daß nach den Chronikenberichten
bereits Bätü, wie Grıgor sev!) nachgewiesen hat, zwischen 1242
und 1254 Alt-Saraj gegründet (oder zu neuem Leben erweckt)
hat. Augenscheinlich waren die tatarischen Herrscher bereits
unter Cingizchan bemüht um die Wiederherstellung der Städte
und des städtischen Lebens in den verheerten Gebieten?), wie
auch von Industrie und Handel.
Auf den Trümmerfeldern der Goldenen Horde habe ich im
Laufe meiner 4jährigen archäologischen Durchforschung des
Saratov-Astrachaner-Gebietes bis zu 4000 Münzen gefunden,
darunter 2300 in Alt-Saraj. Etwa 1000 Münzen aus der Goldenen
Horde besitzt das Saratover Archäologische Museum; auch Kazan’
und Astrachan’ besitzen größere Sammlungen. Für unsere Zwecke
ist leider das in den Museen vorhandene numismatische Material
nicht immer verwendbar, weil häufig die Angaben über den Fund-
ort fehlen. Jedoch lassen sich für die Wolga-Städte der Goldenen
Horde an der Hand von Münzen bekannter und nachgeprüfter
1) GRIGOR’JEV Mecrononorkenme 8. 9.
2) BARTHOLD Kysırrypa Myeynpmanerra S. 83; STRATONIT=-KT.
Monronsckoe yırpazaemie 8. 10.
10 F. Baropıs
Herkunft oder solcher, die ich selbst gefunden habe, folgende
Münzperioden feststellen:
für das Meietnoje Gorodisde — 1274—1377; die Blüte-
zeit dieser Stadt war unter Uzbek (32°), Münzen) und DZanibek
(48%/,); aus der Zeit des Mengu-Timur stammen 4°/,, des Toktogu 7%,
aus der Zeit der Wirren 9%;
für Vodansk — 1310—1395; auf die Zeit des Toktogu
kommen 20°/,, des Uzbek und DzZanibek — 60°/,, der Wirren —
30%, Tochtamys 8°%,, doch wurden hier Münzen auch aus der
vortatarischen Zeit (3. Jahrh. v. Chr.—11. Jahrh. n. Chr.) gefunden;
für Uvek — 1273—1394 ; Mengu-Timur — 1°/,, Tuda-Mengu
3%, Toktogu — 8%/,, Uzbek — 40°/,, Dzanibek — 38°/,, Wirren —
18°%,; ferner Münzen aus vortatarischer Zeit (2. Jahrh. v. Chr.—
11. Jahrh. n. Chr.);
für Alt-Saratov — 1280—1366, das Trümmerfeld von
Podstepnoje — 1322—1365, Saratov 1350—1366, Uzmorje —
1291—1362; Ternovka — 1310—1406 (vortatarische Münzen
aus dem 2. Jahrh. v. Chr.—10. Jahrh. n. Chr.), Verchneachtubins-
koje — 1280—1365;
für Neu-Saraj (auf Grund des ganzen vorhandenen Ma-
terials) — 1310 (?)—1431; der Zeit des Toktogu gehören an —
3%, des Uzbek — 27°%,, des DZanibek — 25°,, der Zeit der
Wirren — 20°%,, des TochtamyS -— 6°, und des Timur — 1%,;
weder TeRrESCENKko noch mir ist es gelungen, Münzen aus der
Zeit vor Uzbek zu finden;
für Alt-Saraj, auf Grund meiner Funde, die nicht aus
dem ältesten, heute bebauten zentralen Teil der Stadt stammen,
— 1310—1500; die Münzen der Zeit des Toktogu bilden 0,5%,
des Uzbek — 27°/,, des DZanibek — 10,8°/,, des Birdibek — 0,2%,
der Wirren — 47,6°/,, des Verfalls — 12%,, aus der Zeit nach
der zweiten Hälfte des 15. und Anfang des 16. Jahrh. — 1,8%/,;
In Alt-Sarai wurden aber auch Münzen aus der vortatarischen
Zeit gefunden (2. Jahrh. v. Chr.—10. Jahrh. n. Chr.) und das
Museum von Astrachan’ hat tatarische Münzen aus Alt-Saraj,
die aus der Zeit vor 1310 stammen.
Aus den angeführten Daten geht zweifellos hervor, daß
unter Uzbek und DZanibek die tatarischen Städte ihre Blütezeit
Neuere Forschungen über die Kultur der Goldenen Horde 11
hatten; damals hatte sich die Goldene Horde bereits ganz die
muselmanische Kultur angeeignet; ferner müssen Alt-Saraj, die
‚Tatarenstadt des Trümmerfeldes von Vod’ansk, die Siedlungen
bei Ternovka und Ukek zweifellos an Orten älterer Siedlungen
errichtet worden sein. Die überwiegende Mehrzahl der Städte
und Siedlungen ist aber noch im Laufe des 13. Jahrh. ent-
weder neu errichtet oder wiederhergestellt worden: Alt-Saraj
zwischen 1242—1254 unter Bätü; Ukek und Meletnoje (Tartanli?)
unter Mengu-Timur (1267 —1281); Alt-Saratov und Verchne-
achtubinskoje (Gülistan?) unter Tuda-Möngu (1281—1287); Uz-
more, Ternovka, Vodansk (Beldäamen ?) und Neu-Saraj(?) unter
Toktogu (1291—1313). Natürlich können nicht so viele Städte
von der soeben verarmten einheimischen Bevölkerung neu be-
gründet worden sein; augenscheinlich drangen nicht nur Nomaden
— Viehzüchter und Jäger ein, sondern gemeinsam mit ihnen
auch kulturell höher stehende nichtnomadische Bevölkerung.
Cingiz-chan war am Onon geboren. Hier stieß das Gebiet
der unkultivierten Jäger, „der wilden Tataren“, der Waldbe-
wohner der nordwestlichen Mongolei, an dasjenige der nomadi-
sierenden „schwarzen Tataren“, der Bewohner der Ost-Mongolei,
die kulturell stark durch die türkischen Uiguren beeinflußt waren.
Und wenn auch der Gedanke an eine Weltherrschaft inmitten
mongolischer Stämme am Onon wach wurde, so mußten die
mongolischen Eroberer doch auf ihrem Siegeszuge mit vielen
hochkultivierten Völkern in Berührung kommen und konnten sich
die Kulturgüter von China, Zentral- und Westasien aneignen.
Vrapınırcov!) bemerkt, Cingiz-chan sei ein begeisterter Ver-
ehrer uigurischer Kultur und Bildung gewesen, und den mongo-
lischen Stämmen schloß sich — wenn auch gezwungen — eine
solche Menge kulturell hoch stehender Bevölkerung an, besonders
türkischer Herkunft, daß Bätü über Ingenieure, Künstler, Ge-
lehrte, Handwerker und Gärtner natürlich frei verfügen konnte.
Auch ohne Unterstützung von seiten der bulgarischen Meister und
der heimischen Bevölkerung war es daher dieser Intelligenz möglich,
Städte zu bauen und das Aufblühen des neuen Reiches zu organi-
1) VLADIMIRCOV Yunruc-xan Berlin 1922 5. 156.
N)
(L
|
12 F. Banopıs
sieren. Ausdiesem Grunde darf man sich Bätü, als er in Alt-Rußland
eindrang, auf keinen Fall als einen Barbaren, Nomaden oder J äger
denken, obgleich sein Heer auch mehrere wilde Stämme aufwies:
zweifellos haben sich gemeinsam mit ihm auch Nicht-Nomaden, die
teils türkischer Abstammung, hauptsächlich aus dem nahen Tur-
Gage Een (
\ \ \ \ }
Abb. ı. Die Wasserleitungsanlagen auf dem Gebiet von Neu-Saraj (Carev),
aufgenommen im Sommer ı922 von A. GorSenin.
kestan waren, im Wolgagebiet niedergelassen. Die Tataren waren
daher nicht auf eine kulturelle Unterstützung „von seiten der
oberen Schichten der bulgarischen Gesellschaft“ angewiesen und
konnten sofort auch eine Bautätigkeit in Angriff nehmen.
Und tatsächlich weisen die meisten Städte der Goldenen
Horde den T'ypus der muselmännischen Städte des nahen Ostens!)
1) Vgl. BARTBOLD Kyaprypa MycynsmaHcrra 8.28; K NcTopnn
Mepsa Jar. BOCT. oT4. pyccx. Apxcon. Oö. XIX 2—3 8. 116; Hcrop.-
reorp. 00s0p IIpana 8. 8.
Neuere Forschungen über die Kultur der Goldenen Horde 13
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Abb. 2. Bassin- und Schleusensystem in Neu-Saraj, aufgenommen von
A. Gorsenin: A Das Bassinsystem, B Querschnitt durch das Bassinsystem,
(die Schleuse rekonstruiert‘, ( Terrassen des Bassinsystems (vgl. hierzu Balodis
Alt-Sara- und Neu-Saraj Riga 1926 S. 2ı).
1a
14 F. Barovıs
auf. Besonders charakteristisch hierfür ist das Trümmerfeld
von Vod’ansk: dort lassen sich noch heute deutlich die Spuren
einer Zitadelle (kuchendiz) und der inneren Stadt (medina) er-
kennen, die aus einer ursprünglichen Siedlung (Sachristan) und
einem Handelsvorort mit Märkten bestand; auch hatte Vod’ansk
einen zweiten Vorort zwischen der Mauer der inneren Stadt
und der zweiten, die ganze Stadt umgebenden (rabad), und ent-
spricht so durchaus dem ganzen arabischen beled. Ferner sind
in der Umgegend von Vodansk Spuren einzelner Gebäudegruppen
(rustak) gefunden worden. Auch Uvek, Ait-Saraj und Neu-Saraj
sind nach dem gleichen Plan gebaut.
In dieser Hinsicht sind nicht weniger interessant die 1922
von mir untersuchten, komplizierten Wasserleitungsanlagen
auf dem Gebiet von Neu-Saraj (einschließlich des Villenvorortes und
der Gärten): das Wasser wurde aus zwei riesigen, auf dem Syrt be-
findlichen Bassins mit Hilfe großer Schleusen und einesganzen Kanal-
netzes über das ganze Stadtgebiet verteilt (vgl. Abb. 1 u. 2); kleinere
Schleusen und Bassins im Weichbilde der Stadt selbst dienten
zur Regulierung der ungeheuren hierher geleiteten Wassermengen,
wie das noch heute in Turkestan mit seinen Aryk-Netzen zu
beobachten ist. Eine vortatarische Erbauung dieses Kanalnetzes
anzunehmen ist unmöglich, da Neu-Saraj erst unter Uzbek er-
baut oder bedeutend erweitert worden ist‘), vor Toktagu be-
‘ stimmt nicht existiert hat.
‘Weder bulgarischer noch altrussischer Entstehung sind ferner
die sogenannten Kany, eine Art von Zentralheizung, die
ich auf den Trümmerfeldern von Meletnoje und Alt-Saraj fest-
stellen konnte: horizontale Öfen und Rauchessen ziehen sich am
Fußboden längs der aus Ziegeln oder Saman ‘(Luftziegeln aus
Lehm,-Stroh und Schwarzerde) erbauten Zimmerwänden, teilweise
auch innerhalb derselben hin; oft schließen sie die Fläche des
Wohnhauses ein und münden an einer Ecke des Gebäudes in
den vertikalen Schornstein. Solche Öfen konnten tatsächlich den
Kampf mit jenem im Wolgagebiet herrschenden starken Frost
aufnehmen, von dem auch Ibn Bätüta?) berichtet. Diese Öfen
1) Vgl. BALLOD Crapsıt m Hossti Capaiı 8. Sf.
2) TIESENHAUSEN Marepnamsı $. 302.
%
Neuere Forschungen über die Kultur der Goldenen Horde 15
sind ostasiatischer Herkunft und zeugen davon, daß auch ost-
asiatische Völker, die sich der Goldenen Horde angeschlossen
hatten, ihren Anteil an Kulturerrungenschaften zur Ausstattung
von Wohngebäuden in das Wolgagebiet mitgebracht haben.
Somit wird die Kultur der Goldenen Horde nicht erschöpft
durch Filzjurten und Viehzucht. Nicht nur J urten, sondern auch
Komn.N-3.
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71
Komn.N-&
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ZeureiananandE
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Abb. 3. Die Heizanlage (Kany) im Gebäude Nr. 2 in Alt-Saraj (Selitrennoje
vgl. Balodis Alt-Saraj und Neu-Saraj S. 57—63).
gut ausgestattete Häuser mit wohlgebauten Öfen, oft aus be-
malten Kacheln, Städte mit Wasserleitungen, wie sie noch Terr-
SGenko ausgegraben hat, erhoben sich auf den Ufern der Wolga
und Achtuba. Händler, Gärtner und Handwerker bewohnten
diese Städte, in denen sich auch bedeutende Fabrikviertel befanden.
Erdproben von den Peripherien von Neu-Saraj zwingen
ferner anzunehmen, daß dort Gartenanlagen gewesen seien.
16 F. BaLopvıs
Bei Alt-Saraj habe ich ganze Haufen von Hirsehülsen ausge-
graben; ferner fand TerzSörnko auf dem Gebiet von Neu-Saraj
nicht nur Weizen- und Hirsevorräte, sondern auch schichtweise
Kerne von Gartenfrüchten: ein weiterer Beweis dafür, daß es
in der Goldenen Horde Acker- und Gartenbau gegeben hat. Be-
zeichnet doch auch Ibn Bätüta!) die Stadt MadzZary als eine
obstreiche Gartenstadt, und nicht ohne Grund wird man Gülistan
in der Goldenen Horde eine Rosenstadt genannt haben. Das
turkestanische Aryk-System kam eben dem dürren Gebiet von
Astrachan’ und Caricyn gut zustatten, da hohe Wanderdünen
sonst die blühenden Achtuba-Ufer bedrohten. Nach dem Bericht
von EI-‘Omari?) lag ja Saraj „zwischen Sand und dem Fluß“
(der Wolga).
Dieser Kampf mit den Dünen, seinem verheerenden Ein-
fluß auf Stadt und Gärten beschäftigte die Bewohner der Goldenen
Horde und zwang sie, komplizierte Abwehrmaßnahmen zu er-
sinnen. Bei meinen Ausgrabungen auf dem besonders vom Sande
bedrängien Gebiet um Alt-Saraj gelang es mir eine besondere
Art der Dünenbefestigung festzustellen.
Der je nach aer Windrichtung ständig hin und her wogende
Sand um Selitrennoje konnte natürlich nicht den geeigneten Boden
für die zu errichtenden Gebäude abgeben. Jedoch mußten aus
irgend einem Grunde auf einem der Dünenhügel, vielleicht dem
„DZigit-Chad2i“ des Pallas, Häuser gebaut werden®); um den
Hügel zu befestigen, ihn in eine widerstandsfähige und beständige
Erhöhung zu verwandeln, wurde ein rechteckiger tiefer Graben
angelegt, in den eine Saman-Mauer eingebaut wurde: diese Mauer
stützte Fichtenbalken, auf deren oberen Enden eine zweite ganz
niedrige Saman-Mauer (nur zwei Ziegelschichten) als Basis für
die Hauswände angelegt wurde. So war eine feste Grundlage
auf dem Wandersande errichtet und zugleich auch die Düne zu
einer festen, bleibenden Erhöhung umgestaltet, die unter dem
Einfluß der Winde ständig an Größe nur zunehmen mußte. Es
mag sein, daß die Dünenhügel an der Peripherie der alten Haupt-
1) TIESENHAUSEN Marepnamsı S. 287. |
2) TIESENHAUSEN Marepnansı 8. 229.
3) BALLOD Crapsıä u Hoss Capaü S. 40 und 49 Abb 21.
Taf. 2. Keramikfragmente aus Alt-Saraj (!,,, ausgegraben 1922, jetzt im
Tatar. Nationalmuseum in Kazan).
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Neuere Forschungen über die Kultur der Goldenen Horde 17
stadt nicht nur ein natürlicher Schutzwall sind, sondern ihr Ent-
stehen auch dem Eingriff tatarischer Ingenieure verdanken.
Die Ruinen von Alt-Saraj sind überhaupt ganz besonders
wichtig für einen, der sich mit der Kultur- und Wirtschafts-
geschichte der Goldenen Horde vertraut machen will. Ergibt
eine Untersuchung der Umgebung von Carev, daß Neu-Saraj
inmitten von Gartenanlagen sich befand, daß die Hauptstadt
Uzbeks und DZanibeks nicht nur mit den Steppennomaden im
Austausch stand, sondern auch aus dem Ackerbau der Umgegend
Nutzen zog, dann war Alt-Saraj vorwiegend ein Industrie-
zentrum. Im 14. Jahrh., der Blütezeit der Goldenen Horde, war
die Hauptstadt Bätüs von einer dichten Kette von Fabriken
und Werkstätten umgeben, die das Land mit den Erzeugnissen
einer entwickelten Kultur versahen. Nicht genügend untersucht
sind vorläufig die bei Kiselevka (Südende des Dorfes Selitrennoje)
gefundenen „chemischen Fabriken“. Trotzdem läßt sich aus der
Form und Größe der Ziegel und des Saman wie überhaupt aus
der Bauart der in einem von Bauern halbabgetragenen Hügel
gefundenen Mauer mit Sicherheit behaupten, daß in der Mitte
des 14. Jahrh, was auch Münzfunde bestätigen, hier ein großer
eigen konstruierter Ofen errichtet worden ist. In diesem Ofen
fand man Asche von verbrannten Steppengewächsen (potasrik),
die noch heute von den Steppenbewohnern zum Wäschewaschen
gebraucht wird.
Ferner sind im Rayon Kiselevka auch jene Hügel noch nicht .
untersucht worden, die Haufen von verbrannten Ziegeln mit
Kupferschlacken und Kupferklumpen enthalten; dagegen hat
TERESCENKo in Neu-Saraj 8 Schmelzöfen ausgegraben, „darunter
einen mit 79 Zugklappen; in der Mitte des Schmelzofens befand
sich ein zerfallener Ofen; diesen umgaben Wasserleitungsröhren,
die sich längs den Wänden der Zugklappen verzweigten“; in der
Nähe des Ofens fand man einige Nachtlampen, „Krüge, Kessel,
eine Menge Eisen, Kupfer, Gußschalen und Gußformen. In zwei
anderen Schmelzöfen und um sie herum lagen Metall- und Glas-
klumpen umher“!): In der Goldenen Horde muß es daher eine
1) TIESENHAUSEN OxkonyarenbH. OTYeT S. 91; vgl. GRIGOR JEV
O mecrononomenunu 8. 24.
Zeitarhrift. ? alav. Philologie. Bd. IV, 2
18 F. BALopis
Metallindustrie gegeben haben. Hierfür spricht auch die
Tatsache, daß in vielen Städten der Goldenen Horde Kupfer-
und Silbermünzen geprägt wurden, ferner, daß man in den Gräbern
der Goldenen Horde so viele metallene Schalen, Schüsseln, Teller,
Spiegel und allen möglichen Schmuck gefunden hat. Natürlich
waren auch die vielen von mir in Alt-Saraj gefundenen Guß-
formen für die Herstellung von Metallschmuck in heimischen
Metallwerkstätten bestimmt (vgl. Taf. 1b. Die Gußformen im
Vordergrunde in der Mitte).
Eine Entscheidung darüber, ob die Goldene Horde auch ihre
eigene Glasindustrie hatte, wage ich nicht zu fällen, obgleich
TERESOENKO „Glasklumpen“ entdeckte. Doch habe auch ich in
Alt-Saraj große Stücke einer glasähnlichen Masse gefunden; an
dieser klebten aber Scherben von glasierter Keramik. Folglich
handelt es sich hier nicht um Glas, sondern um Glasur. Das ge-
fundene Glas, besonders aber das von Sırınsk1s-Sıchmarov auf
dem Trümmerfelde von Metetka ausgegrabene Fragment mit
arabischer Aufschrift, — spricht für einen Import.
Vorzüglich entwickelt war in der Goldenen Horde die
keramischeIndustrie!). Das etwa 1 qkm große „Scherbenfeld“ des
Dorfes Selitrennoje (Alt-Saraj) ist mit einer dicken Schicht Brack
und zerschlagener und heiler Töpferware bedeckt (vgl. Taf. 1 u. 2),
und zeugt von der Existenz einer Fabrik, in der hauptsächlich
Geschirr aus rohem Töpferlehm mit und ohne Glasur angefertigt
wurde. Mehrere Töpferöfen sind von mir, wie auch früher bereits
von anderen, auf dem Gebiet von Alt-Saraj, Neu-Saraj und Ukek
ausgegraben: es sind dies zweistöckige gewölbte Öfen. Die darin
gefundene Keramik berechtigt zur Folgerung, daß in diesen Öfen
nicht nur Geschirr aus gewöhnlichem (rotem) Töpferlehm, sondern
auch’ die sog. „tatarische Fayence“ (Geschirr aus weiß-gelbem
Ton) und glasierte gemusterte Ziegel und Kacheln gebrannt
wurden. In Muster und Technik der Keramik zeigt sich starke
Beeinflussung durch Turkestan und Persien, aus welchen gewiß
die Töpfer der tatarischen Ankömmlinge entstammten, da die
Horde eben durch diese Länder gezogen war (vgl. Taf. 2).
1) Vgl. auch: ‚PaPA-AFANASOPULO 3ONOTOOPABIHCKAA KEePaMHKAa
Saratov 1925 erschienen während des Druckes dieses Aufsatzes.
Fr. Skorina 19
Eine besondere Beachtung verdient aber eine von mir in
Alt-Saraj ausgegrabene Werkstatt. Darin sind verschiedenfarbige
Kachelplatten zu kleinen Stücken von verschiedener Form zersägt
worden. Meine eignen Funde, besonders aber diejenigen von
TERESÖENKo, weisen darauf hin, daß diese Stückchen zu jenen
Mosaiken verwendet wurden, mit denen oft die besseren Häuser
in den Wolgastädten bekleidet waren.
Hiermit ist aber die Industrie der Goldenen Horde noch
lange nicht erschöpfend behandelt: die vielen Gold- und Silber-
sachen in tatarischen Gräbern beweisen, daß es in der Goldenen
Horde auch Juwelierwerkstätten gegeben haben muß. Außerdem
werden die Tataren, als ausgezeichnete Krieger, wohl kaum alle
ihre Waffen von auswärts bezogen haben.
Somit haben wir feststellen können, daß in der Goldenen
Horde neben Viehzucht, Fischfang, Acker- und Gartenbau, eben-
falls Industrie und Handel eine Rolle gespielt haben. Auch war
die Goldene Horde, besonders im 14. Jahrh. durchaus ein Kultur-
staat, der Gesandte und Handelsvertreter anderer Staaten empfing
und in andere Länder ausrüstete, sogar Handelsverträge mit
westeuropäischen Staaten abschloß!); aus Münzen aus der Zeit
Uzbeks mit einem zweiköpfigen Adler oder persischem Löwen und
Sonne geht deutlich das Bestreben nach Festigung der ange-
bahnten kulturellen Beziehungen hervor.
Wir müssen eben annehmen, daß manche ältere Schilderung
von Kultur und Leben der Goldenen Horde nicht immer genügend
objektiv gewesen ist?).
Riga, im August 1924 Franz BaLovıs
Fr. Skorina
Hatte das Königsberger Archiv unerwartetes Licht über
diesen katholischen (!!) Weißrussen verbreitet, so gewinnen wir
erst aus dem Posener Stadtarchiv entscheidende Aufschlüsse. Im
1) TIESENHAUSEN Marepmansı S. 165, 167, 68, 56, 67, 60 u.a;
HAMMER-PURGSTALL Gesch. d. Gold. Horde $. 254, 357, 517, 576.
2) Vgl. bierzu auch: BOROZDIN Conxar Moskau 1926 (S. 2—3)
erschienen während des Druckes dieses Aufsatzes.
9+
90 V. ZIRMUNsKIJ
Kwartalnik historyezny XL, Lemberg 1926, S. 473—5, hat Frau
M. WoscıechowskA daraus Daten veröffentlicht, die ich abkürze
und erkläre.
Die Skorina’s waren Handelsleute; der Bruder Iwan war
Lederhändler und unterhielt in Posen eine große Niederlage; hier
starb er 1529; Dr. Franz kam nach Posen wegen seiner Ansprüche,
im Namen der Ansprüche seiner Frau Margarethe (katholischer
Name; sie hatte offenbar eigenes Geld in den Betrieb des Schwagers
hineingesteckt), und seiner eigenen (für einen Ballen Lyoner Tuch
und die Erbschaftskosten); Iwan’s Sohn, Roman, befriedigte die
Gläubiger. 1530 kommt die Königsberger Episode (s. Zeitschrift
III 235), aber nach wenigen Wochen verließ Dr. Franz den her-
zoglichen Dienst und entführte noch dazu aus Königsberg nach
Wilno einen jüdischen Arzt und einen Buchdrucker. Offenbar
waren ihm in Wilno günstigere Bedingungen geboten, denn 1532,
bei seinem zweiten Aufenthalt in Posen, bezeichnet er sich als
Sekretär und Hofarzt des Wilnoer Bischofs, in dessen Interesse
er nach Posen gekommen wäre. Diesmal hatte er Pech; auf die
lügenhafte Anschuldigung von Juden, daß er für Schulden Iwan’s
aufzukommen hätte, wurde er auf ein königliches Mandat hin
eingekerkert und erst: nach 10 Wochen freigelassen, als er den
König Roman durch Gönner (der nachmalige Bischof von Wilno,
Johann, war ja unehelicher Sohn des Königs) über die wahre
Sachlage aufgeklärt hatte; für den Schaden und die Unbill ver-
langte Dr. Franz einen Ersatz von 6000 Gulden. Daß er in
Diensten des katholischen Bischofs kein Interesse mehr für schis-
matische Drucke hatte, ist leicht begreiflich. Vielleicht wird aus
den Wilnoer Konsistorialakten noch etwas über ihn herauskommen.
Berlin Pd A. BrRÜcKkNER
Puskin und Byron
IV).
Es fragt sich nun, in welchem Maße eine wissenschaftliche
Analyse der Kunstmittel von PuSkin’s Dichtungen und ihr Ver-
gleich mit derjenigen Byron’s unter diesem Gesichtspunkt Anspruch
1) Vgl. diese Zeitschrift III (1926) S. 290.
Puskin und Byron >
auf objektive historische Geltung erheben kann? Mit anderen
Worten: welches ist in der kunsthistorischen Entwicklung die
objektive Wirkungskraft jener Elemente des poetischen Stils, die
wir in den Kunstwerken der Dichter als Resultat einer wissen-
schaftlichen Abstraktion durch üie „Formanalyse* gefunden
haben? Eine Antwort auf diese Frage gibt vor allen Dingen
die literarische Kritik der Zeitgenossen von Puskin. Sie hebt
jene Züge seiner Werke hervor, die als kühne Neuerungen und
künstlerische Errungenschaften die Aufmerksamkeit der Zeit-
genossen auf sich lenkten. Dabei sind in solchen Fällen die
Äußerungen der ihm feindlichen Kritik nicht weniger wertvoll
als die Lobsprüche seiner Anhänger: denn die Vertreter der alten
Generation verstanden es meist besser als die anderen jene Züge
des Kunstwerkes hervorzuheben, die als Abweichungen von der
Tradition empfunden wurden.
Der Byronismus der Verserzählungen Puskin’s ist für die
russische Kritik der 20er Jahre vor allen Dingen ein künst-
lerisches Problem; das darf nicht Wunder nehmen, da die russ.
Kritik auf den Traditionen des französischen Klassizismus fußte
und gewohnt war, eine jede Dichtung vom Standpunkt der Kunst
zu betrachten, ihr Verhältnis zu den „Gesetzen des Schönen“ und
den traditionellen Literaturgattungen zu prüfen, die Frage nach
ihren künstlerischen Vorzügen und Nachteilen aufzuwerfen usw.
In diesem Zusammenhang wird das Problem der neuen Literatur-
gattung erörtert und ihre Merkmale werden mitunter genannt;
dem neuen „romantischen Poem“ stellt man das heroische Epos
aus der Zeit des Klassizismus gegenüber. Für die Vertreter der
fortschrittlichen, romantischen Kritik kommen die neuen Werke
Puskin’s einem seit langem bereits empfundenen Bedürfnis ent-
gegen, sich von den überlebten Literaturschablonen zu befreien:
unter diesem Gesichtspunkt entsprechen die neuen Themen und
Kompositionsformen dem veränderten Lebensgefühl und Kunst-
geschmäck der Zeit; sie verwirklichen die geheimsten Hoffnungen
der literarischen Neuerer. Nach den Vertretern der konservativen.
klassischen Kritik brechen diese Werke mit der Tradition, die
jahrhundertelang durch die Namen ruhmvoller Dichter geheiligt
war, verletzen die für alle Zeiten gültigen Vernunftgesetze der
23 V. ZIRMUNsKLI
Kunst, kanonisieren anstelle der künstlerischen Harmonie, Ver-
ständlichkeit und Schlichtheit der klassischen Formen, chaotische
Zerstörung einer jeden Form, individuelle Willkür des Dichters,
monströse Verirrungen des verderbten Geschmacks der roman-
tischen Zeit. So entwickelt sich der Streit um die byronistischen
Dichtungen PuSkin’s zu einer prinzipiellen Auseinandersetzung
über das Problem der alten klassischen und der neuen roman-
tischen Poetik, ihrer relativen Vorzüge und Mängel. In ähnlicher
Weise verlief einige Jahre später der bekannte Streit um die
Tragödie in Frankreich.
Aus diesen zeitgenössischen Urteilen kann der Forscher für
die Geschichte der „byronistischen Verserzählungen* eine ge-
nügende Menge formaler Beobachtungen schöpfen, die sich auf
alle Elemente des künstlerischen Wesens dieser Dichtungen be-
ziehen. Man streitet über die neue Literaturgattung, die die
Grenzen der alten Gattungen zerstört und deren Stilmittel in
‘ sich vereinigt, wobei die Benennung der Literaturgattung selbst
— „Erzählung in Versen“ oder „Poem“ — den Anlaß zu theo-
retischen Zweifeln bietet; man erörtert die Eigenarten der Kom-
position — das Fragmentarische, Abgebrochene, Gipfelhafte in
der Entwicklung der Handlung; man redet über die romanhaften
Elemente der Fabel, die exotische Dekoration, z. B. bei Natur-
bildern oder Szenen aus dem Leben der wilden Völker, indem
man das Problem des sog. Lokalkolorits (couleur locale) in den
Vordergrund rückt; man handelt über den Charakter des byro-
nistischen Helden und die Stilmittel seiner Charakteristik; schließ-
lich taucht mit voller Deutlichkeit die Frage nach den Unter-
schieden im poetischen Stil von Puskin und Byron, dem Schüler
und Lehrer, auf. Aus diesem reichen und mannigfaltigen Material
sollen hier nur einige wesentliche Beispiele hervorgehoben werden.
Der wichtigste Streitpunkt zwischen den Anhängern der
klassischen und romantischen Richtung ist die fragınentarische
Komposition der neuen Gattung, wodurch die für das heroische
Epos nach altem Stil traditionelle Langsamkeit, Ununterbrochen-
heit und Ebenheit im Gange der Erzählung verletzt wird. Fürst
V’AZENsKıJ, der Theoretiker der russischen Romantik und Freund
Puskin’s, vergleicht mit Recht das Problem der „ununterbrochenen
Puskin und Byron 23
Einheit der Handlung in der epischen oder erzählenden Gattung“
mit der „Einheit von Ort und Zeit, dem strittigen De
zwischen den klassischen und EHERERCHTEn Dramaturgen ..
(Mocrosckuä Tesrerpad 1827, Nr. 15 über die „Zigeuner“). 1
PuSkin feindliche Kritik male ihm das „Fehlen eines Planes“
zum Vorwurf, z. B. im Springquell von Bach£isaraj (JInreparyp-
une JInerkn 1824 Nr. 2). „Der Dichter unterbricht — recht
häufig — die Durchführung und den Sinn der angeschnittenen
Ideen und geht plötzlich zu neuen Gedanken über, indem er den
Leser in re Unkenntnis darüber läßt, was er eigentlich
sagen wollte... Bei diesen jähen und ee Übergängen
setzt er sich sogar über die Reime hinweg, läßt Verse ohne
Reim stehen... Hierdurch erscheinen alle diese Stellen... so-
zusagen als bunte, eingenähte Fetzen“. Fürst V’AzEmskıs da-
gegen widmet viel Raum in seinen Aufsätzen einer Rechtfertigung
der fragmentarischen Komposition bei Byron und Puskin, die er
zum künstlerischen Prinzip der gesamten zeitgenössischen Kunst
erhebt. „Im Zusammenhang selbst oder besser gesagt, im Fehlen
des sichtbaren und fühlbaren Zusammenhangs, nach dem Puskin
den Plan zu seiner Schöpfung skizziert hat, macht sich die Lek-
türe von Byron’s Giaur bemerkbar und die wohlüberlegte Fol-
gerung, daß Byron weder aus Faulheit noch aus Unfähigkeit
die einzelnen Teile zu einem Ganzen zu verschmelzen unterließ,
sondern aus einem klaren Gedanken heraus und dem richtigen
Verständnis für den Charakter seiner Zeit“. „Benötigen etwa
Phantasie und Gefühl, die einzig berechtigten Richter dichterischer
Schöpfungen, eine mathematische Folgerichtigkeit und geradlinige
Aufreihung in den der Anschauung unterliegenden Gegenständen ?
Ist es etwa nötig, daß die Gedanken numeriert einer nach dem
anderen vorbeiziehen, in ununterbrochener Reihenfolge, um ein
volles und fehlerloses Resultat zu ergeben?...“ In der neuen
Auffassung der Kunst sieht V’azemskıs den Ausdruck einer Ver-
änderung im Rhythmus des zeitgenössischen Lebens oder genauer
einer Veränderung des Lebensgefühls: „Man muß gestehen, dab
wir in historischer Beziehung nicht das hätten durchleben können,
was wir in unsrem Jahrhundert durchlebt haben, wenn die heu-
tigen Ereignisse sich wie früher nur allmählich entwickelt hätten,
24 V. ZIRMUNsKIJ
den üblichen Kreis des alten Zifferblattes durchlaufend; heute
überspringt der Uhrzeiger gleichsam die Minuten, und zählt die
Stunden allein...“ (ib. über die „Zigeuner“). In einem anderen
Aufsatz (Vorwort des Herausgebers zur Erstausgabe des Spring-
quells von Bachöisaraj) vergleicht V’azeuskıs die abgerissene
Komposition der romantischen Verserzählung mit der Weglassung
von verbindenden, formalen Elementen in der dichterischen Sprache
der neuen, romantischen Schriftsteller (der sogenannten „Ellipse“):
„Häufige Pronomina in der Rede verlangsamen ihren Gang, be-
einträchtigen die Erzählung. Erfindung und Konzeption haben
gleichfalls ihre Pronomina, von denen sich das Talent durch
gelungene Ellipsen zu befreien sucht. Warum alles aussprechen
und unterstreichen, wenn man es mit Leuten von rührigem und
scharfem Verstand zu tun hat?...“ Hieraus ergibt sich die
prinzipielle Folgerung: „Je weniger sich der prosaische Zusammen-
hang in den Teilen offenbart, umso größer sind die Vorteile hin-
sichtlich des Ganzen“. Einige Jahre später wird derselbe Gedanke
von J. Kırksevskıs vertieft (Mockoscrnä Becrnux 1828, 8,
Einiges über den Charakter der Dichtung Puskins); in der
abgerissenen Komposition des Springquells von Bach£isaraj
sieht er die Einheit des Gefühltons, der Ilyrischen Stimmung,
die den logisch-gegenständlichen Zusammenhang ersetzt: „Alle
Abweichungen und Unterbrechungen sind untereinander durch
ein gemeinsames Gefühl verbunden; alles strebt danach, den
einen wichtigen Eindruck zu erzeugen. Überhaupt ist die äußere
Ungeordnetheit der Darstellung ein wesentlicher Bestandteil der
byronistischen Gattung; diese Unordnung ist aber nur scheinbar
und die unharmonische Reihenfolge der Gegenstände ' spiegelt
sich in der Seele wieder als harmonischer Übergang der Emp-
‚ findungen. Um eine so geartete Harmonie zu verstehen, muß
man auf die innere Musik der Empfindungen lauschen, die sich
aus den Eindrücken der beschriebenen Gegenstände ergibt, während
die Gegenstände selbst hier nur Werkzeuge sind, Tasten, die
auf die Herzenssaiten schlagen. Diese seelische Melodie bildet
den wichtigsten Vorzug des Springquells von Bach£isaraj*.
\as die Thematik anbelangt, muß besonders hervorgehoben
werden, wie sich die zeitgenössische Kritik zu der für die „byro-
Puskin und Byron 5
nistische Gattung“ traditionellen romanhaften Fabel mit An-
häufung ungewöhnlicher Ereignisse, melodramatischer Erleb-
nisse usw. verhielt. In krasser Opposition gegen diese Züge
der romantischen Dichtung stand N. NaprZpm, ein Wahrer
klassischer Tradition und Kunstgefühls; er äußert sich über die
Schule von PuSkin und Byron, wobei er es aber auf die Führer
selbst abzielt: „Was finden wir aber jetzt in unseren Poemchen?...
Es gibt kein einziges unter ihnen, das nicht von Flüchen wider-
hallte, sich nicht in Krämpfen wälzte, nicht Verrücktheiten spräche
im Wachen und Träumen und nicht mit einem Mord endete.
Der übliche Effekt, den unsere neuen Dichter erzielen wollen,
besteht nur darin, den Leser mit Frost zu durchschütteln, daß
die Haare auf schwindelndem Haupte zu Berge stehen, sein Herz
mit tödlichem Schauer zu erfüllen, kurzum — Körper und Geist
zugleich mit einem krankhaften Fieber anzustecken. Der Mord
ist das beliebteste Thema der heutigen Dichtung, das in zahl-
losen Variationen wiederholt wird: Erstechen, Erschießen, Er-
trinken, Erwürgen, Erfrieren et sic in infinitum“. Den melo-
dramatischen Effekten der Fabel stellt NanrZoın, was zu er-
warten ist, die erhabene Ruhe und konventionelle Größe des
klassischen Epos gegenüber: „Könnte nicht dieses romantische
Gerassel und Gemetzel überreich ersetzt werden durch wahren
Wert und Größe der dargestellten Gegenstände, durch instruk-
tive Bedeutsamkeit der Drapierung, durch Klarheit der Gedanken,
die das innere Auge nicht blenden, durch Wärme der Empfin-
dungen, in der man nicht erstickt ...?* (Beceruuk Esponsıt
1829 II).
Nach der zeitgenössischen Kritik unterscheiden sich PuSkin
und Byron voneinander in der Art.der Schilderung des Haupt-
helden und des ihn umgebenden malerischen Milieus. In den
Helden der Puskindichtungen sahen die Zeitgenossen „den Schatten
der Helden Byron’s“ (S. Sevreev Mocksursanum 1841 V) oder
„den durch unseren Dichter gesammelten Tribut von verschiedenen
Gestalten, die unter Byron’s Pinsel Wesen erhalten haben“ (Cain
Oreyecrsa 1824, 92). Besönders wertvoll ist eine Beobachtung
von V’azemsxıs, die er anläßlich des Gefangenen im Kaukasu‘
ausgesprochen hat: „Dieser Charakter ist in seiner Gesamthe !
96 V. ZIRMUNSKIS |
in den Werken von Byron geschildert: bei unserem Dichter wird
er nur leicht angedeutet; wir müssen die Absicht des Dichters
fast erraten und in Gedanken das in seiner Schöpfung unvoll-
endet Gebliebene ergänzen“ (Cum Oreuecrza 1822, 82). Dagegen
in den „klassischen dichterischen Beschreibungen“ (vgl. Bararo-
mamepennoe 1822, 19) PuSkins findet man ein Zeugnis für die
Selbständigkeit des russischen Dichters und die Eigenart seiner
Begabung. „Der Gefangene im Kaukasus, schreibt z. B. PLernev
(Copesnogarenp Ilpocsemenun 1822,20) ist dank den Lokal-
schilderungen das vollkommenste Werk unsrer Poesie...“ Ein
Vergleich mit Byron ergibt „in wie glücklicher Weise unser
Dichter unter den gleichen Bedingungen den englischen besiegt“ ...
Im Vorwort zum Springquell von Bachlisaraj, wo Fürst V AzEMSKIS
das Problem des „Lokalkolorits“ (couleur locale) behandelt, stützt
er sich auf das Beispiel von PuSkin’s Dichtungen: „Das Lokal-
kolorit ist in der Erzählung mit aller Frische und Farbigkeit
bewahrt. Ein Widerschein des Orientalischen macht sich in
Bildern, Gefühlen und Sprache bemerkbar...“ Ähnliches äußert
VAzEmsKkıs über die Zigeuner: „Im Hintergrunde des Bildes
wird das Lager der südlichen Zigeuner dargestellt mit der ganzen
Schönheit seiner eigentümlichen Farben, poetischen Wildheit der
Sitten und Betätigungen, Unabhängigkeit der Sitten... Eine
Malerei kann nicht befriedigender oder sozusagen greifbarer
sein“ (Mockrosckuä Teserpa® 1827, 15).
Wenn man bei PuSkin die Darstellung des Charakters des
Helden mit der Beschreibung des äußeren Milieus, der malerischen
„Dekoration“, verglich, kam man zum gleichen Ergebnis wie
etwa 8. Sevrerv: „Die Gesichtszüge sind dunkel skizziert, aber
die Gegenstände der Umgebung glänzen hell in den mannig-
faltigsten Farben“ (Mockoscknü Becruur 1828, 7). SevyREv
sieht darin „den Kampf zwischen der byronistischen Idealität und
der bildbaften Volkstümlichkeit des russischen Dichters“. Gleich-
‘ zeitig hält auch J. Kırksevsk1s (ib. 1828, Teil 8) für die wesent-
lichste Eigentümlichkeit PuSkin’s das „Bildhafte“ seiner Dich-
tungen, sowie „die Fähigkeit, sich in den Gegenständen der
Umwelt und in jedem Augenblick des Lebens zu vergessen“.
Die lyrischen Formen der romantischen Verserzählungen Puskin’s
Puskin und Byron 97
waren nach Kırzsevsk1s hinderlich für die weitere Entwicklung
seiner dichterischen Eigenart: „PuSkin ist allzu vielseitig, zu
objektiv, um Lyriker zu sein: in einer jeden dieser Dichtungen
macht sich das unwillkürliche Streben bemerkbar, den einzelnen
Teilen ein eigenes Leben zu verleihen“.
Als Sevreev dreizehn Jahre später in einer allgemeinen
Würdigung der Schöpfungen PuSkin’s noch einmal auf die „byro-
nistische Periode“ einging, kam er zu demselben Ergebnis wie
im Aufsatz aus den zwanziger Jahren; in den Grundzügen stimmt
seine Auffassung zu den Resultaten der hier vertretenen Form-
analyse: „Byron und Puskin erscheinen uns im Wesentlichen ihres
Charakters einander entgegengesetzt. Byron ist ein rein lyrischer,
subjektiver Dichter, der sich in die Tiefe seines Geistes zurück-
zieht und sich dort seine eigene Welt schafft; PuSkin ist das
direkte Gegenteil davon; wir sind durchaus nicht mit denen
einverstanden, die ihn hauptsächlich als Lyriker anerkannten;
er ist als Dichter rein objektiv, gegenständlich, gefesselt von
der Außenwelt und bis zur Selbstverleugnung fähig, sich in ihre
Erscheinungen hineinzufinden; er ist ein Dichter von Epos und
Drama. Diese Gegensätzlichkeit im Wesen der beiden Dichter
ist der Grund, warum der Einfluß Byrons eher eine schädliche
als förderliche Wirkung auf PuSkin ausübte. Durch ihn wurde
nur die Einheit und Selbständigkeit Puskin’s in seiner Entwick-
lung als Künstler gestört. Der Gefangene im Kaukasus, der
Springquell von Bachlisaraj und die Zigeuner haben am stärksten
unter diesem Einfluß gelitten. Was zeigt sich in diesen Werken?
Zwei Elemente, die miteinander kämpfen und sich nicht ver-
einigen können. Byron’s Element macht sich in den geisterhaften
Idealgestalten bemerkbar, die des wirklichen Lebens entkleidet
sind; Pu&kin’s Eigenart — in der lebendigen Schilderung der
kaukasischen Landschaft, des Lebens der Bergvölker, der Pracht
eines orientalischen Harems, in Bildern aus der bessarabischen
Steppe und dem Nomadenleben der Zigeuner“ (MocksursunH
1841, Teil 5).
Zu diesen Eindrücken und Würdigungen der Zeitgenossen
hat die russische Kritik und Literaturwissenschaft der folgenden
Jahrzehnte nur wenig Bedeutendes hinzuzufügen gewußt. Seit
28 V. ZırRmunsKis
Beumskıs entfernt man sich in der Behandlung dieser Fragen
immer mehr von den Werken Puskin’s und Byron’s; man verliert
das unmittelbare Gefühl für diese literarischen Ereignisse, das
bei den Zeitzenossen beider Dichter lebendig war. Statt dessen
vertieft man sich mit Vorliebe in wenig fruchtbare und un-
bestimmte Erörterungen über den persönlichen Charakter der
beiden Dichter, über die Bedingungen des sie umgebenden gesell-
schaftlichen Milieus, über die religiöse, moralische, soziologische
Interpretation der von ihnen geschaffenen Typen usw. In diesem
Sinne muß die neue kunsthistorische Forschung auf V’AzENSK1J,
Sevykev, NanEZvın zurückgreifen, deren allgemeine Einstellung
zum dichterischen Kunstwerk sie beibehält, indem sie ihre Me-
thoden der Formanalyse nach Kräften vertieft.
y
Eine weitere Bestätigung der Ergebnisse einer kunstgeschicht-
lichen Analyse der „byronistischen Verserzählungen“ liefern die
Nachahmer Puskin’s. In ihren Werken bedienen sie sich jener
Züge, die vor allem die Aufmerksamkeit der Zeitgenossen auf
sich lenkten und die weitere Richtung der literarischen Tradition
bestimmten.
Für die 20er und den Beginn der 30er Jahre des 19. Jahrh,,
die Zeit der Blüte und Herrschaft der Poesie in Rußland, hat
die neue Literaturgattung, „das romantische Poem“, die gleiche
Bedeutung wie das „heroische Epos“ für das klassische 18. Jahrh.:
sie ist die „große“ Literaturgattung, in der die Dichter haupt-
sächlich ihr opus magnum schaffen. Homer, das Vorbild auf dem
Gebiet des Epos, wird nun durch Byron und dessen Schüler
PusSkin verdrängt. Die Zahl der romantischen Dichtungen in
den nächsten zwanzig Jahren (1822—1842) nach dem Erscheinen
des Gefangenen im Kaukasus ist ungewöhnlich groß. Das von
mir zusammengestellte bibliographische Verzeichnis enthält ohne
die Werke von PuSkin und Lermontov gegen 85 einzeln er-
schienene Poeme, über 50 abgeschlossene Dichtungen resp. Frag-
mente aus den „Gesammelten Gedichten“ einzelner Verfasser,
gegen 70 aus den literarischen Zeitschriften dieser Zeit und über
50 aus den Almanachen. Die Gesamtzahl der veröffentlichten,
Puskin und Byron 99
zur neuen Literaturgattung gehörenden Dichtungen, einschließlich
der Fragmente, übersteigt somit 200 Titel, wovon etwa 120 ab-
geschlossene Dichtungen darstellen.
In diesem Verzeichnis begegnet man fast allen Dichtern der
PuSkinzeit. Darunter finden sich die bekanntesten Namen der
damaligen Zeit wie Bararynskıs, Kozuov, RyLEsev, A. Bestuäev
(MAruınsk17), A. Poporınskıs. Ferner sind es Dichter, die sich
damals einer gewissen Popularität, ja sogar Anerkennung er-
freuten, wiederholt in Almanachen und Zeitschriften gedruckt
wurden, heute aber so ziemlich in Vergessenheit geraten sind,
z. B.: A. WELTMANnn, hauptsächlich bekannt als Prosaschriftsteller
aber auch durch die Verserzählungen Der Flüchtling und Die
Wälder von Murom (1831); A. Sıßkov II, der anfänglich. als
„Nachahmer“ PuSkin’s in schlechtem Rufe stand, später jedoch
als Übersetzer von Schiller’s Dramen und L. Tieck’s Märchen
geschätzt wurde (Die Gefangene von Daghestan 1824; Lonskij
1828; Jermak 1828); En. Huzer (I'vöep), der erste Faustüber-
setzer (Der Brudermörder); Baron H. Rosen, bekannt als Ver-
fasser des Libretto zu Glinka’s Oper Das Leben für den Zaren
(Drei Gedichte 1828; Die Jungfrau mit den sieben Engeln; Das
Geheimnis 1829; Die Geburt Johanns des Grausamen 1830) u. 2.
Weiterhin kommen noch dunklere resp. ganz unbekannte Namen
vor, 2. B.: FEp. ALEKsEJEV, der seinerzeit mit seiner „Ural*-
Erzählung Ceka (1828) gewisse Aufmerksamkeit erregte, die von
einem rebellischen Kosaken handelt; oder Prov Maxsımoviö, der
Verfasser der Obdachlosen (1830), eines tragischen Familien-
dramas mit einem enttäuschten Jüngling als Zentralfigur; oder
der fruchtbare P. MA$kov mit seinen drei Dichtungen Der Räuber
(1828), Die Nacht der Vergeltung (1829), Das Grab am Ufer
des Lago Maggiore (1829), der sich später im Romanschreiben
versuchte, und viele andere. Neben den beiden Hauptstädten
ist auch die Provinz vertreten: in Charkov haben wir P. Inozem-
cov (Der Verbannte 1833; Zal'mara 1837); in Odessa J. Kosa-
ROVSKIJ (Der Überläufer 1832), A. ASık, sonst bekannt als Archäo-
loge (Die Verräterin 1837), N. Grranovsk1s (ChadZibey 1858);
im Mittelpunkt des Kazaner literarischen Kreises steht Aurk-
sanprA Fuchs, die in ihren Dichtungen ortsgeschichtliches und
90 V. ZırRmunskıs
ethnographisches Material verwertet (Die Gründung von Kazan
1836, Fürstin Chabiba 1842); sogar aus Orenburg schickt der
frühverstorbene P. Kupra$rv „der Sänger des malerischen Ba$-
kirenlandes, des schnellen Ural und der unendlichen Steppen der
Kaisak-Kirgisen“ (wie. er im Nekrolog Oreyeersennsie 3anucku
1828, 35, S. 145—176 genannt wird) Stücke aus seinen beiden
Dichtungen Abdrachman und Pugatev an die Zeitschriften der
Hauptstädte. Durch Verbreitung der modischen Poesie wird in
der Provinz die Vorliebe für ethnographische „lokale“ Themen
geweckt; das Niveau der dichterischen Kultur ist aber meist
umso niedriger, je weiter von der Hauptstadt entfernt; selbst
Moskau bleibt in dieser Beziehung hinter Petersburg zurück.
Innerhalb der allgemeinen Eigentümlichkeiten der „byro-
nistischen Poeme“ gehen nur wenige Dichter originelle und
schöpferische Wege. Bararynskıs zum Beispiel versucht bereits
in seiner ersten „finnländischen“ Dichtung Edda (1826), deren
Heldin seine Zeitgenossen treffend mit PuSkin’s Cerkessin ver-
glichen, sich bewußt von dem verführerischen Vorbild zu befreien,
wie aus dem Vorwort zur Dichtung hervorgeht: er stellt sich
die psychologische Vertiefung der Handlung, Analyse der Seelen-
zustände und ihrer Entstehungsbedingungen zur Aufgabe und
sprengt damit den Rahmen der lyrischen Verserzählung; im Ball
(1828) und in der Konkubine (1831) schafft er eine neue Gattung
der realistischen‘ Novelle in Versen, die modernes Leben mit Vor-
liebe zeichnet und einige Ähnlichkeit mit den Versromanen vom
Typus des Eugen Onegin aufweist, dem sie auch teilweise ihre
Entstehung verdankt. Selbständig und von Puskin unabhängig
betritt byronistischen Boden KozLov mit seinem Mönch (1825),
der unter starkem Einfluß des Giaur geschrieben ist; durch die
eigenartige Verbindung von Byronismus und schwärmerischer
Religiösität, die auf die Schule Zuxovskıs’s zurückgeht, übt diese
Dichtung unabhängig von Puskin und neben ihm einen starken
Einfluß auf die Zeitgenossen aus. Selbständig bis zu einem ge-
wissen Grade ist auch Ryıesev im „Vojnarovskij“ und den
Fragmenten aus Nalivajko (1825), ferner A. BEsTUZEV-MARLINSKIJ
in „Fürst Andrej von Perejaslav!’“ (1828—30): Ryuzsev benutzt
Themen aus der Geschichte der Ukraina. für eine national-poli-
Puskin und Byron 31
tische Rhetorik im Geiste des russischen Frühliberalismus, durch
welche die üblichen romanhaften Motive vollständig verdrängt
werden; BerstuZev-Maruınskıs berücksichtigt stärker als seine
Zeitgenossen bei Ausarbeitung eines Themas aus der Frühperiode
der russischen Geschichte die Elemente einer malerischen volks-
tümlichen Einkleidung. In der Dichtung Div und Peri (1827)
hat A. Popvouinskıs selbständige westliche Vorbilder (Thomas
Moore Lalla Rookh) verwertet; in Borskij (1829) und dem
Bettler (1830) zeigt er sich als ein gewandter und angenehmer
Verkünder der typischen Allgemeinplätze seiner Zeit. Was die
vielen übrigen romantischen Dichtungen anbelangt, so variieren
sie mehr oder weniger die bei Puskin angedeuteten Handlungs-
schemen, Kompositionsmittel, traditionelle Gestalten, Landschafts-
motive, indem sie die Eigenarten der neuen romantischen Literatur-
gattung zu einer gleichförmigen literarischen Schablone machen.
Unberechtigterweise in Vergessenheit geratene Talente findet man
darunter nicht, sie unterscheiden sich nur durch bessere oder
schlechtere Aneignung der hohen dichterischen Kultur der Puskin-
zeit. Gleich der zeitgenössischen Kritik müssen auch wir WELT-
MANN, OZNOBISIN, OBonovskıs und Ar. Sı$kov den Vorzug geben,
die sich Puskins stilistische Schablone in den allgemein herrschen-
den vierfüßigen Jamben der romantischen Verserzählung glück-
licher angeeignet haben als es in unförmigen Produkten des
dichterischen Provinzialismus, wie etwa in dem Räuber von MArves
Poxrovskıs (1830), dem Eremiten von Nık. Kopyuın (1851), dem
Gefangenen der Türkei von Komısarov (1830) der Fall ist.
Jedoch weder hier noch dort dürfen wir originelle Stoffe, neue
Charaktere oder dramatische Situationen erwarten: der ganze
Unterschied besteht darin, daß z. B. die Gefangene von Daghestan
von A. Sıfkov (1824) oder der Flüchtling von Weurmann (1831)
eine mehr oder weniger freie Kombination der traditionellen
Motive darstellt, während der Kirgisische Gefangene von N. MurAv-
sev (1828) oder der Gefangene in der Türkei von Kommsarov
(1830) einfach Nacherzählungen des Gefangenen im Kaukasus sind.
In der Entwicklung dieser literarischen Massenproduktion
lassen sich wichtige chronologische Grenzen feststellen. Im Laufe
der ersten vier Jahre nach PuSkin’s Rückkehr aus Südrußland
39 V. ZirRmunsKıJ
(1824—1827) sind im ganzen nur acht Dichtungen erschienen, die
der neuen Literaturgattung angehören; darunter befinden sich
jedoch die ersten Werke von BARATYNSKIJ, KozLov, RyLEsev,
PovoLisskıs. Das statistische Maximum fällt in die Jahre 1828
bis 1833. Damals wurden in Einzelausgaben 50 Dichtungen
veröffentlicht: 1828 — 13, 1829 — 7, 1830 — 9, 1831 — 9,
1832 — 7, 1833 — 5. Es sind Jahre starker dichterischer Pro-
duktion und gehobenen Interesses für Gedichte. Jedoch in diesen
Jahren werden die Eigenheiten der neuen Literaturgattung zu
einer literarischen Schablone; die charakteristischen Naclı-
ahmungen Puskin’s fallen in diese Zeit, so die Dichtungen von
MaSxov, die „Gefangenen“ von N. MurAavsev und KoMIsArov,
die Kudejar-Höhle von S. Steranov (1828); oder die Nach-
ahmungen Zukovskıs’s und Kozrov’s: der Bettler von PopoLin-
sKkıs (1830), der Verbannte von P. Inozemcev (1833) u.a. Seit
1832, besonders aber seit 1834, geht die literarische Produktion
stark zurück (1834 — 2, 1835 — 2, 1836 — 1 usw.) und wird
aus den Hauptstädten in die künstlerisch rückständige Provinz
verdrängt: dieser Umschwung erklärt sich aus dem abnehmenden
Interesse für die Poesie und dem allmählichen Sieg der Prosa.
Die Rezensionen in den Zeitschriften jener Zeit spiegeln diesen
Wandel deutlich wieder: bis 1827 dauert der prinzipielle Streit
um die .neue Literaturgattung, hervorgerufen durch Werke von
PuSkin und seinen nächsten Gesinnungsgenossen ; von 1828—1830
wird mit den Nachahmern Puskin’s polemisiert: damals tritt
N. NapeZoin hervor als prinzipieller Gegner Puskin’s und der
neuen Schule (vgl. besonders die Rezension über Borskij von
Povouımskıy Beernuk Esponsı 1829 Nr. 2), In den 30er Jahren
verliert die Polemik an Schärfe und weicht einem eisigen
Schweigen der Kritik oder verächtlichen Äußerungen über die
Zuspätgekommenen; der Tod der Peri von Popoumwskıs (1837)
und die Helena von Bernet (A. K. Zukovskıs, 1838), die in
diesen Jahren erscheinen, rufen bereits kein ernsteres Interesse
hervor. Bis in die Mitte der 40er Jahre findet diese Literatur-
gattung noch einige verspätete Vertreter (vgl. Der letzte Chlak
von V. Zorov 1842; Zulejka von Barsarı Lizocug 1845 u. a.);
jedoch selbst die glänzende Erscheinung Lermontov’s, des Voll-
Puskin und Byron 33
enders dieser Tradition, kann keinen entscheidenden Einfluß mehr
auf das Schicksal der überlebten Literaturgattung ausüben.
Im Laufe dieser zwei Jahrzehnte wird Byron für die russi-
schen Nachahmer vollständig durch Puskin verdrängt. Ein jedes
der „byronistischen Poeme“ PuSkin’s zieht eine Gruppe litera-
rischer Trabanten nach sich: der Gefangene im Kaukasus — die
Gruppe der „Gefangenen“, der Springquell von Bachtisaraj —
die Gruppe der „Haremstragödien“, die Zigeuner — die Familien-
dramen mit Eifersucht und blutiger Katastrophe. Die letzte
Gruppe steht gleichzeitig unter dem Einfluß von Kozuov’s Mönch
(1825), der einzigen russischen Dichtung, die ihrer großen Popu-
larität nach mit Puskin wetteiferte.e An die Räuber-Brüder
knüpfen sich, was das Thema anbelangt, zahlreiche andere Räuber-
dichtungen ; außerdem beeinflußt die Entwicklung der romantischen
Dichtung Zukovskıs als Übersetzer von Byron’s Prisoner of
Chillon (1821), der eine zahlreiche Gruppe von „Sträflingen“
hervorruft. Den zwei letzten Gruppen fehlt ein festes Handlungs-
gerippe und unbedingte Selbständigkeit, die drei ersten aber
bilden jede einen fest umrissenen Typus mit bestimmten charak-
teristischen Merkmalen.
Zur Gruppe der „Gefangenen“ gehört z. B. der Kirgisische
Gefangene von N. Muravsev (1828), der Gefangene in der Türkei
von Komısarov (1830), der Gefangene von Ropıvanovsk1J (1832),
der Flüchtling von Wentmann (1831) und einige andere. Das
feste Handlungsgerippe bildet in allen diesen Dichtungen die
Erzählung von der Gefangennahme eines Europäers (Russen) und
seinem Leben im exotischen Milieu des muselmanischen Orients,
die Liebe eines einheimischen schönen Mädchens und der Flucht-
versuch, der glücklich oder unglücklich ausläuft. An dieses
Gerippe schließen sich einzelne, von PuSkin vorgezeichnete Kom-
positionsmotive: z. B. Beschreibung des friedlichen Lagers kriege-
rischer Stämme, ihrer nächtlichen, häufig durch Lieder unter-
brochenen Unterhaltungen;; plötzliches Erscheinen des Gefangenen;
biographische Reminiszenz, mit Geschichte der Enttäuschung des
Helden; Beschreibung der wilden Natur; ethnographische Bilder
(Kriegsspiele), an denen der Held als passiver Zuschauer teil-
nimmt; Szenen eines nächtlichen Stelldicheins; gegenseitige
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd.IV. 3
94 V. ZıRMUNSKIJ
Geständnisse in Dialogform und Flucht; schließlich ein Epilog,
der wie bei Puskin, persönliche Erinnerungen des Verfassers an
den Aufenthalt im fernen Lande oder patriotische Motive enthält.
Lückenlos finden sich diese Motive natürlich nur bei N. MuRAvsEV
oder Komısarov, die gewissenhaft nach Kräften PuSkin wieder-
erzählen; die anderen Verfasser bieten originellere Kombinationen
dieser Motive. So nähert sich Weutmann’s Flüchtling teilweise
dem Typus der Haremstragödien, woher auch die Gestalt des
orientalischen Pascha entlehnt ist. Der Ogin von DanıLov (1830)
enthält Eifersuchtsszenen mit blutiger Katastrophe, die auf Miß-
verständnissen beruht; der Räuber von P. MaSkov (1838) und
die Kudejar-Höhle von S. Sreranov (1828) verlegen die Handlung
in das Milieu der Räuberdichtungen, wobei im letztgenannten
Stück der Räuberhauptmann Kudejar als Freund und Tröster
eines trauernden Gefangenen in der Rolle der Cerkessin auftreten
muß, wodurch der Verfasser verführt wird, in einer großen Szene
gegenseitiger Bekenntnisse alle sentimentalen Züge der verliebten
Heldin mechanisch auf den Räuber zu übertragen. Schließlich
finden sich in einer ganzen Reihe in Zeitschriften verstreuter
„Fragmente“ aus verschiedenen Dichtungen einzeln aufgegriffene
populäre Motive des Gefangenen im Kaukasus, besonders ethno-
graphische Beschreibungen eines friedlichen Lagers mit nächt-
lichen Unterhaltungen der ruhenden Krieger, Schilderungen von
Kriegsspielen usw.
Zu den „Haremstragödien“ gehören z. B. Selam von Ozxo-
BI8ın (1830), Zalmara von P. Inozemcov (1837), ChadZibej von
N. GERBANoVsK1J (1838), Zulejka von P. CernoLurskıs (im Alma-
nach Hescknü Ası6om 1839), eine andere Zulejka von BARBARA
Liızocug (1845), die anonyme Dichtung Hassan Pascha (erschienen
im Cru Oreyecrsa 1840) und einige andere. Mit dem Spring-
quell von Bach£isaraj haben die Dichtungen dieser Gruppe das
malerische Handlungsmilieu gemeinsam (Bilder aus dem Harem
eines muselmanischen Herrschers) und die Hauptfiguren, den
orientalische Pascha und die Haremsschönheit, die bald an die
orientalische Odaliske Zarema, bald an die schöne Christin Marija
erinnert. Neu ist die bei PuSkin fehlende, schablonenhafte Gestalt
des jungen Helden, des glücklichen Liebhabers der Haremssklavin.
Puskin und Byron 95
Die schöne Heldin ist, wie bei Byron, mitunter Frau des Pascha
(Gulnaratypus), mitunter dessen Lieblingstochter (Zulejkatypus).
Auf PuSkin gehen eine ganze Reihe ständiger Kompositionsmotive
zurück: als einleitendes Bild und Ausgangspunkt der Handlung
— der in Gedanken versunkene Pascha im Kreise seiner Diener,
als Schlußmotive (nach der Katastrophe) — die Einsamkeit des
Pascha nach dem Tode seiner geliebten Frau, das verfallende
Schloß, das Grab der Heldin, gewöhnlich mit einer poetischen
Legende umwoben, und in einigen Fällen — ein patriotischer
Epilog nach dem Vorbilde des Gefangenen im Kaukasus oder
der Zigeuner. Aus den anderen Kompositionselementen, die mehr
oder weniger häufig mitten in der Erzählung wiederkehren, fällt
auf das Motiv von „Marias Mädchenstube“, die durch den Schein
eines ewigen Lämpchens vor dem Muttergottesbilde erleuchtet
wird, wo die Haremsgefangene sich vor ihrem Herrscher ver-
birgt. Häufig wird auch eine orientalische Hinrichtung der treu-
losen Frau erwähnt, die an das Schicksal der Zarema (oder der
Leila in Byrons Giaur) erinnert. Niemand von den Nachahmern
wagt es, Puskin in den Bildern des Haremsleben zu folgen, dafür
wird aber gern die charakteristische Gestalt des Eunuchen, des
„Wächters der Frauen des Khan“ übernommen.
Zu den Familiendramen mit blutiger Katastrophe gehören
z. B. Borskij (1829) und der Bettler (1830) von Popoumskıs, der
Einsiedler von Nik. Kosyrın (1831), das Grab von D. SoLovsEv
(1831), Julie, eine Verserzählung aus der russischen Geschichte
von Vas. Lirvinov (1832), der Verbannte von P. Inozemcov (1833),
der Brudermörder von E. Huzer (I'y6ep) und einige andere. Ge-
meinsam mit den Zigeunern haben die Dichtungen dieser Gruppe
das Eifersuchtsmotiv: sie alle reproduzieren die tragische Kata-
strophe der Zigeuner — die Zentralszene des belauschten Stell-
dicheins und die Ermordung der falschen Frau in einer plötzlichen
Aufwallung von Eifersucht. Povouisskıs führt das beliebte Motiv
des unbegründeten Mordes ein: der Eifersüchtige mordet aus
unzureichendem Verdacht (Borskij); Opfer wird dabei ein dem
Helden nahestehender Mensch: im Bettler — sein eigner Bruder;
gleiches finden wir im Einsiedler und Brudermörder; in den
Dichtungen das Grab von Solovjev und Ogin von Danızov ist der
53%
36 V. ZIRMUNSKIS
Ermordete ein Bruder der Geliebten. Die übrigen Kompositions-
motive dieser Gruppe gehen auf den Mönch von Kozuov zurück, so
vor allen Dingen der gemeinsame kompositionelle Rahmen, der
bereits in Byron’s Giaur erscheint: in Form einer Ich-Erzählung
wird uns die Beichte eines Mörders vorgetragen, meistens — am
Vorabend seines Todes; als Rahmenerzählung wird eine kurze Ein-
leitung vorausgeschickt, die den Helden bereits viele Jahre nach
verübtem Verbrechen einführt. In der Autobiographie des Ver-
brechers erwähnen wir als einführende Motive — das Motiv der
Verwaisung (einsame traurige Kindheit nach dem frühen Tode
der Eltern, so bereits in den Räuber-Brüdern und daraus im
Mönch von Kozuov); frühe Enttäuschung; glückliche Liebe, die
der tragischen Peripetie vorausgeht; darauf nach der Katastrophe
in verschiedener Reihenfolge eine Gruppe von abschließenden
Motiven: Flucht von dem Ort des Verbrechens; Glockengeläute,
das den Verbrecher vor Selbstmord rettet; jahrelanges Umher-
irren als Sühne; Rückkehr an das Grab der Ermordeten; vor
dem Tode — ein Gesicht, das Vergebung im Jenseits verspricht;
die Beichte als Beginn der Erlösung auf Erden. Im Gegensatz
zu den Dichtungen der ersten zwei Gruppen vermeiden die
Familiendramen das exotische Milieu und zeigen die Tendenz,
sich dem Typus der realistischen Versnovelle aus dem modernen
Leben zu nähern; hinderlich dabei sind jedoch die romanhaften
Elemente der traditionellen Fabel.
In kompositioneller Hinsicht bewahren die Nachahmer PuS$-
kin’s die grundlegenden Merkmale der „byronistischen“ Gattung:
Isolierung dramatisch-effektvoller Gipfel der Handlung häufig mit
Dialogen, Abgerissenheit der Erzählung, effektvoller Anfang in-
mitten der Handlung mit charakteristischem Zurückgreifen auf
die biographische Vergangenheit des Helden, sowie die übliche
lyrische Färbung der Erzählung und die konstante metrische
Form (viesüßiger Jambus). Im Einzelfall finden sich außer einer
Reihe spezieller Kompositionsmotive, die zu dieser oder jener
Dichtung PuSkin’s gehören, auch gewisse allgemeine und kon-
stante Elemente der Komposition, wie z. B. lyrische Ouverture
(Aufzählung der Schönheiten der südlichen Landschaft), be-
schreibende Einführung (gewöhnlich — ein Nachtbild), plötzliches
Puskin und Byron 97
Erscheinen des Helden in einer effektvollen Situation, einführendes
Porträt, biographische Reminiszenz, dialogische Szenen gegen-
seitiger Geständnisse des Helden und der Heldin, eingeschobene
Lieder, lyrisches Schlußbild (z. B. Beschreibung des Grabes),
Epilog mit biographischen und patriotischen Motiven, wie bei
PuSkin. Da der Verfasser eines romantischen Poems über eine
fertige Reihe solcher Kompositionsschablonen verfügte, konnte
er bei einem jeden Stoff vorgezeichnete Wege einschlagen, ohne
um neue Motive der Handlung besorgt sein zu müssen, und sich
auf die lyrische Zusammenstellung einzelner effektvoller Stücke
beschränken. Auf ähnliche isolierte und effektvolle Gipfel kon-
zentriert sich tatsächlich die ganze Aufmerksamkeit der Nach-
ahmer. Bei der lyrisch-fragmenthaften Kompositionstechnik, die
bereits Byron zu einem künstlerischen Prinzip erhob, führt eine
solche Isolierung letzten Endes zu einer vollständigen Loslösung
der einzelnen dramatischen Szenen resp. lyrisch ausgeschmückten
beschreibenden Fragmente aus dem größeren Ganzen einer um-
fangreichen Dichtung. Das lyrisch-dramatische „Fragment“ wird
durch Zerstörung des Zusammenhangs mit der Handlung zu einer
selbständigen Kompositionsform, einer besonderen neuen Gattung
des lyrischen Gedichts: diese eigenartige Kompositionsform ge-
stattete es dem Dichter ohne jegliche Handlung auszukommen,
zugleich aber den Anschein einer Zugehörigkeit des einzelnen
Fragments zu dem größeren Ganzen einer Handlung zu erwecken,
in welchem es als ein gewohntes Glied an einer bestimmten
Stelle erscheinen könnte. In den Zeitschriften, Almanachen und
Gedichtsammlungen jener Zeit sind bis zu 150 Fragmente aus
romantischen Dichtungen enthalten; ein großer Teil davon ist
nie beendet worden oder wenigstens nicht vollständig publiziert.
Indirekt beweist diese Tatsache die wesentliche Eigenart der
künstlerischen Konzeption einer romantischen Dichtung: sie zeigt
noch einmal, daß auch in anderen Fällen die Handlung in der
romantischen Verserzählung keine selbständige Bedeutung hat
und eher ein Anlaß ist zur Aneinanderreihung effektvoller dra-
matischer Szenen, emotional gefärbter Beschreibungen und Iyri-
scher Bekenntnisse des Dichters, die rein gefühlsmäßig in der
Einheit der lyrischen Färbung der Dichtung vereinigt sind.
98 V. ZıRMUNSKIS
Auf dem Gebiet der Thematik bewahrt die romantische
Dichtung das exotische Milieu der Handlung, den novellistischen
Stoff, romanhafte Motive der Liebesintrige, die Zentralfigur des
enttäuschten Helden mit charakteristischem Äußern und eigen-
artiger Biographie und die mit ihm verbundene ideale Heldin.
Gleich PuSkin suchen die Dichter innerhalb der Grenzen des
malerischen Rußlands nach ethnographischer Exotik. Außer für
den von Puskin besungenen Kaukasus begeistern sich die russi-
schen Romantiker einerseits für die von jeher mit dem musel-
manischen Orient verbundenen Steppennomaden, andrerseits für
das Kosakentum, besonders das ukrainische, in seinem helden-
haften Kampf um die Unabhängigkeit. Der exotische Westen
ist durch Finnland (Barırynskıs), Livland zur Ordenszeit (JazY-
xov) und Polen vertreten. Den romantischen Reiz des zeitlich
Entfernten bieten schließlich viele Stoffe aus der russischen
Geschichte. Jedoch trotz der scheinbaren Mannigfaltigkeit der
Themen beschränkt sich die Anwendung des historischen und
ethnographischen Elements gewöhnlich nur auf Namen und einige
wenige äußerlich bezeichnende Merkmale des historisch-nationalen
Lebens. Im übrigen verfolgt der Verfasser die für eine roman-
tische Dichtung üblichen Aufgaben: im Mittelpunkt — der mo-
derne melancholische Held, der Träger der Liebeshandlung und
typischer romanhafter Erlebnisse, die sich trotz der veränderten
Dekoration fast niemals wandeln. Mit Hilfe der für die roman-
tische Dichtung traditionellen Motive kann die Liebesfabel mit
einem beliebigen historischen Stoff assimiliert werden: so wird
der Gefährte des Dmitrij Donskoj, Fürst Jurij Chrabry, zum
Helden eines Familiendramas mit blutiger Katastrophe (V. Lir-
vınov Julie 1832) oder die Thronbesteigung des Fürsten Alex-
ander‘ von Tver’ (von K. Bachrurın 1833) gibt den erwünschten
Anlaß zu einer Liebesintrige zwischen der Haremsschönen, der
Frau des Tatarenkhans, und dem schönen Ausländer, dem russi-
schen Recken, der in der traditionellen Rolle eines „Gefangenen“
auftritt.
Wir sagten bereits, daß in den meisten Fällen Byron für
die russischen romantischen Dichter durch Pu&kin verdrängt
worden ist. Von den Grundprinzipien der Kunst Puskin’s weichen
Puskin und Byron 39
jedoch die meisten seiner Nachahmer ab: melodramatische Effekte
der Fabel, Jagen nach dramatisch gespannten Situationen, über-
triebene Expressivität der Bewegungen und Gesten des Helden,
rhetorisches Pathos im Ausdruck der Gefühle — trennt die
künstlerische Manier der jüngeren Dichter von der Meisterschaft
Puskin’s, der klassisch streng und beherrscht ist. Ein idealer
Vollender dieser künstlerischen Bestrebungen der in Vergessen-
heit geratenen Zeitgenossen Puskin’s ist LerRMoNTov mit seinem
Streben nach emotionaler Ausdrucksfähigkeit des poetischen Stils,
deklamatorischem Pathos usw. — ein Dichter, der Byron nach
den individuellen Eigenarten seiner Begabung verwandter ist als
PuSkin. Ein Vergleich des „Gefangenen im Kaukasus“ von
LermonTtov mit dem Gefangenen von N. Muravsev oder Konut-
SAROV, seinen anderen romantischen Dichtungen mit irgend einem
Flüchtling von WeLtmann oder dem Grebensker Kosaken von
A. Smrovskıs (1831) ergibt am besten, welche künstlerischen
Bedürfnisse jener Zeit in den Werken Lermonrtov’s Ausdruck
und Befriedigung fanden.
Andrerseits kommt eine symptomatische Bedeutung zahl-
reichen Parodien auf die romantische Dichtung zu. So parodiert
bereits 1829 FEnpor SoLovsev PuSkin in seinem Moskauer Ge-
fangenen, indem er die Handlung aus dem romanhaften Milieu
des poetischen Kaukasus in das moderne Alltagsleben Moskaus
verpflanzt; der Held, aus Kaluga stammend, fällt in die „Gefangen-
schaft“ von Moskauer Spielern, verspielt dabei sein ganzes Ver-
mögen, und eine junge Moskauerin, gefesselt durch seinen melan-
cholischen Blick, bietet ihm Gold an, damit er sein Vermögen
wiedergewinnt. Die Richtung des neuen Kunstwollens, das sich
bewußt von den überlebten Schablonen der romantischen Themen
loslöst, ist in einer anderen gereimten Parodie angedeutet (Frag-
ment aus einer namenlosen Novelle von N. N., in Csin Oreyecrsa
1831 Nr. 19), worin der Verfasser verspricht, „nicht einen fabelhaften
Helden, Mönch, Gromoboj, Childe Harold, Pascha, nicht Tod,
Aufstände, Gefechte oder Taten eines Vampirs“ zu beschreiben,
„sondern die Erlebnisse, Äußerungen und Meinungen eines Kolle-
giensekretärs“: das neue „niedere“ alltäglich-realistische Thema
der „Novelle vom armen Beamten“, das von der sogen. russischen
40 V. Ziemunskıs
„naturalistischen Schule“ durch Gogol und seine Zeitgenossen in
die Prosa eingeführt worden ist. Außerhalb des traditionellen
„romantischen Poems“ von Byron und PuSkin entsteht tatsächlich
bereits eine neue erzählende Literaturgattung: die realistische
Versnovelle (oder der Roman in Versen), ursprünglich mit ko-
mischer Färbung, die sich aber bald gänzlich verliert; begründet
wurde sie von Puskin und BArATYNsKıJs; auch weist sie Berührungs-
punkte mit den „Familiendramen mit blutiger Katastrophe“ auf.
Diese neue Gattung entspricht mehr den Wünschen der neuen
„realistischen“ Zeit, die sich hauptsächlich auf künstlerische Prosa
orientiert. Bereits PoLEZAJEv und LERMONTov waren ihr tribut-
pflichtig; über PuSkin hinaus weist sie in die Zeit NEKRAsoY®.
VL
Aus der Behandlung dieser historischen Einzelfragen ergeben
sich einige allgemeine methodologische Ausblicke.
Das Problem des literarischen Einflusses ist vor allen Dingen
eine Frage der Beeinflussung eines Künstlers, des Schülers, durch
einen andern, den Lehrer. Wie bei den darstellenden Künsten
die Bestimmung eines solchen Einflusses (z. B. Fra Filippo Lippi’s
auf Botticelli) mit einem Vergleich der Kunstwerke (im gegebenen
Fall — bestimmter Bilder) beginnt, so muß auch der Literar-
historiker von einer Gegenüberstellung der Dichterwerke aus-
gehen und nicht von allgemeinen Erörterungen über die Persön-
lichkeit und Weltanschauung der Dichter. Der Einfluß zeigt
sich in der Komposition des Dichtwerkes, der Thematik und dem
Wortstil. Dabei existieren die Themen in einem Dichtwerk nicht
abstrakt: es kommt ihnen immer eine bestimmte kompositio-
nelle Funktion zu, die gewöhnlich bei Übernahme in andere
Werke erhalten bleibt. So gibt es z. B. in den romantischen
Verserzählungen von Byron und Puskin nicht ein exotisches
Milieu im allgemeinen, sondern die Beschreibung einer exotischen
Landschaft oder eines ethnographischen Bildes in Form einer
lyrischen Ouvertüre oder Einleitung; es besteht nicht
die Gestalt des enttäuschten Helden als solche, sondern sie
wird durch die literarische Tradition vermittelt als einführen-
des Porträt oder biographische Reminiszenz des Ver-
Puskin und Byron 41
fassers. Wesentlich sind gleichfalls spezielle Entlehnungen, Text-
übereinstimmungen und Parallelen, doch nicht an sich, sondern
als Beweis für das Vorhandensein einer bestimmten künst-
lerischen Tradition. Neben der Feststellung der Ähnlichkeit
zwischen dem Lehrer und Schüler müssen immer auch die Unter-
schiede ihres individuellen Stils berücksichtigt werden: ein solcher
Vergleich bildet den einfachsten Weg zur Würdigung der indi-
viduellen Meisterschaft in ihrem Verhältnis zur literarischen
Tradition. Bei einer solchen Einstellung wird das Problem des
„literarischen Einflusses“ zu einem zentralen für die kunst-
historische Betrachtungsweise der Dichtung, so weit eine solche
die Dynamik des kunsthistorischen Prozesses verfolgen will als
Wechselwirkung zwischen der künstlerischen Tradition und neuen
schöpferischen Impulsen.
Für eine solche Untersuchung ist der Begriff der „literarischen
Gattung“ besonders wichtig. Unter Literaturgattung verstehe
ich hier die typische Form der Verbindung kompositio-
neller und thematischer Elemente eines Kunstwerks (in einigen
Fällen mit konstanten Merkmalen des Wortstils). Die Literatur-
gattung als Form einer solchen Vereinigung ist immer histo-
risch bedingt. Es läßt sich z. B. nicht ohne weiteres be-
haupten, daß die Kompositionsform des heroischen Epos klassischen
Stils an sich unbedingt das Vorhandensein mythologischer „Me-
chanik“ wie bei Homer, Vergil oder den epischen Dichtungen
der italienischen Renaissance und des französischen Klassizismus
fordere; der Zusammenhang zwischen diesen Elementen (die auch
tatsächlich teilweise fehlen können, z. B. im Nibelungenlied) ist
ganz durch die historische Tradition bedingt. Ebenso erklärt
sich auch im „byronistischen Poem“ die Verbindung gewisser
Kompositionsmittel (z. B. Abgerissenheit, Isolierung dramatischer
Gipfel) mit exotischen, orientalischen Themen oder mit der Ge-
stalt des enttäuschten Helden (möglich ist z. B. eine romantische
Verserzählung anderer Art, die sich etwa nach dem Typus der
Christabel von Coleridge aufbaut — mit mittelalterlichem Milieu
und der Gestalt einer dämonisch schönen Fran im Mittel-
punkt).
Bei der Bestimmung der Merkmale einer literarischen Gattung
493 . M. NIEDERMANN
ist es wichtig, daß die Untersuchung sich nicht auf isolierte
Meisterwerke der Dichtung beschränkt, sondern zugleich die
Massenproduktion beachtet, die sich um einzelne künstlerisch
hervorragende Gipfel lagert. In der Geschichte der literarischen
Gattungen fixieren gerade die Nachahmer die Merkmale der
Gattung, denn sie machen die individuellen Eigenarten eines
Kunstwerks zu Normen für die ganze Gattung. Die Untersuchung
der Massenproduktion ist aber auch aus anderen Gründen ein
besonders wichtiges Problem der modernen Literaturwissenschaft.
Die Dichter zweiten Ranges, die heute vielfach vergessen sind,
erscheinen häufig als Vorläufer neuer Errungenschaften, indem
sie in der zeitgenössischen Literatur jene Unterströmung bilden,
welche erst in einer späteren Zeit an die Oberfläche tritt, „ka-
nonisiert“ wird. In anderen Fällen treten sie als Mitkämpfer
großer Schriftsteller auf, und zwar mitunter von ihnen unab-
hängig; in ihren Werken offenbaren sich dieselben Zeittendenzen,
hin und wieder in einer besonders ausgeprägten und konsequenten
Form. Als Nachahmer fixieren sie schließlich jene Eigenheiten
der neuen Literaturformen, die vor allen Dingen das Bewußtsein
der Zeitgenossen beschäftigt haben. Die Literaturwissenschaft
muß in Zukunft solche beschreibende Monographien erarbeiten,
die den einzelnen Literaturgattungen gewidmet sind und auf einer
vollständigen bibliographischen Beschreibung der zeitgenössischen
Massenproduktion beruhen. Natürlich verdienen in einer solchen
Beschreibung auch die Urteile der zeitgenössischen Kritik ge-
ziemende Beachtung. Nur auf diesem Wege kann die moderne
Literaturgeschichte aus einer Geschichte der einzelnen großen
Schriftsteller und genialen Meisterwerke zu einer Darstellung
des realen Prozesses der kunsthistorischen Evolution werden.
Leningrad V. ZiRMUNsKIJ
Litauisch öbuolmusas arklys, obuolmusys
„Apfelschimmel“.
Für das deutsche „Apfelschimmel“ gibt es im Litauischen
drei Entsprechungen, nämlich obuolainis und obuoliniotas arklos,
Litauisch öbuolmusas arklys, obuolmusjs „Apfelschimmel‘ 43
die sich mit lett. abuölains!) und Abuöluöts zirgs?) decken, und
öbuolmusas arkljs beziehungsweise substantivisches obuolmusüs,
dem das Lettische, soweit ich unterrichtet bin, nichts Ähnliches
an die Seite zu stellen hat. Da im Baltischen wie im Slavischen
die Fähigkeit zu spontaner Bildung von Nominalkomposita schon
früh stark zurückgegangen ist®), so darf von vornherein vermutet
werden, daß das zusammengesetzte dbuolmusas (arkljs), obuolmusys
seine Entstehung einer Lehnübersetzung verdankt. Diese Ver-
mutung gewinnt jedoch erst dann einen wirklichen Wert, wenn
es gelingt, das zugrunde liegende Original zu ermitteln. Das
Russische, das für den ‚Apfelschimmel‘ keinen besonderen Namen
hat, sondern den Begriff durch c&pas nomanp BB A6N0KaxXB
umschreibt, bietet keine Handhabe, wohl aber, wie ich glaube,
das Polnische. Zwar der schriftsprachliche poinische Ausdruck
Jabtkowity (kon) ist kein Kompositum, sondern eine Ableitung
von jabiko ‚Apfel‘ mit dem Adjektivsuffix -i#y ‚reich an etwas,
reichiich versehen mit‘, das noch jetzt dialektisch verbreitet, in
der Schriftsprache dagegen größtenteils durch -isty ersetzt ist®).
Aber der Siownik Warszawski II 120 verzeichnet als altpolnische
Dublette zu jablkowity ein jabikobity, das sich, wie mir Kasımız
Nıtsc# freundlichst mitteilt, z. B. in zwei altpolnischen Urkunden
aus Lwöw vom Ende des 15. Jahrh. findet. Dieses jabikobity nun
konnte leicht als Zusammensetzung von jablko , Apfel‘ (=lit.obuolas)
mit Dbity, dem Participium praeteriti passivi von bic ‚schlagen‘
(= lit. müsti), aufgefaßt und infolgedessen auf litauisch durch
obuolmusas wiedergegeben werden (wozu man nachträglich nach
Mustern wie etwa kvailas adj. ‚dumm‘: kvailys subst. ‚Dummkopf‘
ein Substantivum obwolmusys hinzufügte). Archaische Ausdrücke
halten sich, wie die Erfahrung lehrt, des öftern an der Peripherie
eines Sprachgebietes, und so ist denn jablkobity noch immer gerade
1) MUHLENBACH-ENDZELIN Lett.-Deutsches Wtb. I 234, Über
übuölains zirgs, äbuölains kumelins im lett. Volkslied s. P. SMIDT's
„Senovös latviu Zirgas‘ in Tauta ir Zodis II 62.
2) MÜHLENBACH-ENDZELIN ibid. I 235.
3) Zum Absterben der Nominalkomposition im Slavischen vgl. z. B.
MEILLET Le slare commun S$. 322. }
4) Vgl.z.B. dial. wodnity ‚wasserreich‘ neben schriftsprachl. wodnesty
(KARLOWICZ Stownik gwar polskich VI, 144).
44 Av. STENDER-PETERSEN
unter den Polen Litauens im Gebrauch, wofür ich Herrn Dozent
Dr. Aurken Senn zwei Belege aus der Umgegend von Kaunas
(Raudondvaris: Czerwony Dwör und Garliava: Godlewa) verdanke.
Dadurch scheint mir die Deutung von lit. obuolmusas als fehl-
greifende Lehnübersetzung von poln. jablkobity zu einer an Ge-
wißheit grenzenden Wahrscheinlichkeit erhoben zu werden.
Neuchätel (Schweiz) Mıx NIEDERMANN
Zur Geschichte des altslavischen *vitegb
81. Vor etwa zwei Jahren erschienen ungefähr gleichzeitig
zwei Aufsätze über die Herkunft und Geschichte des gemein-
und altslavischen Wortes *vitege. Der eine Aufsatz rührte von
dem Verfasser dieser Zeilen her!), der andere dagegen von Ernst
Schwarz in Prag?). Während ich an der jetzt schon traditionell
zu nennenden Auffassung festhielt, daß das slav. Wort vom altnord.
vikingr abzuleiten .sei, und mir daher nur die Aufgabe stellte,
einerseits gewisse lautliche Schwierigkeiten, die sich bei dieser
Ableitung uns darbieten, befriedigend zu erklären und zu be-
seitigen, andrerseits aber die semasiologische Entwicklungsge-
schichte des Wortes zu skizzieren und die Zeit der Entlehnung
annähernd festzustellen, hat Schwarz es in seinem Aufsatz ver-
sucht, eine von der traditionellen ganz abweichende, neue Auf-
fassung von der Herkunft und Geschichte des Wortes geltend
zu machen. Wie anregend und originell seine Darlegungen auch
immer sein mögen, so glaube ich nicht, daß seine Schlußfolgerungen
akzeptiert werden können, und erlaube es mir daher, ihnen an
dieser Stelle aus folgenden Gründen entgegenzutreten.
$ 2. Zunächst möchte ich meinen Zweifeln an der Richtig-
keit der von Schwarz vorgebrachten Auffassung von der laut-
lichen Seite des Verhältnisses zwischen altnord. vikingr und ge-
meinslav. *vitedzv Ausdruck geben. Seine Auffassung wird nämlich
den wirklichen Tatsachen durchaus nicht gerecht. Indem Schwarz
1) Minnesskrift utgiven av Filologiska Samfundet i Göteborg (Göte-
borgs Högskolas Arsskrift Bd. XXXI) Göteborg 1925, SS. 44—55.
2) Vgl. diese Zeitschrift II 8. 104 ff.
Zur Geschichte des altslavischen *vitegs 45
vorläufig die Ableitung des slav. Wortes vom altnordischen gut-
heißt, sagt er folgendes gleich am Anfang seines Aufsatzes:
„Lautlich wäre die Übernahme des altnord. vikingr so zu denken,
daß dafür asl. vikegs, nach der zweiten Palatalisierung viceg,
bzw. bei Setzung im Plural viöedzi, danach analogisch der Singular
videdzv eingetreten wäre. Durch Dissimilation des © (=t'$) gegen-
über d2 wäre dann die Form vitedzo, vitezo entstanden (wenn
nicht schon mit Dissimilation von vikeg» > viteg» gerechnet wird),
weil die i-Form in allen slav. Sprachen und ebenso in den...
nichtslav. Sprachen!) herrschend ist“. Man wird hier vor allem
darüber stutzig, wie der Übergang des nord.-germ. -ing- zu slav.
-edz»d erklärt wird: das von BauDoum DE CoURTENnAY gefundene
und später mehrfach umredigierte Gesetz der progressiven Pa-
latalisierung von Gutturalen nach gewissen Vokalen wird über-
haupt nicht herangezogen, und man gewinnt den Eindruck, als
wollte Schwarz behaupten, daß solche Formen wie altslav. kanedzo,
vitedzv, *koldedzv, useredev, penedzv, stoledzv, *svledzv und wahr-
scheinlich auch *mosedz» ihr Suffix -edzo nicht etwa kraft jener
(bei Unbetontheit der vorhergehenden Silbe eintretenden) Pala-
talisierung aus einem zeitlichälteren Suffix -egs entwickelt, sondern,
daß sie dasselbe analogisch aus den Pluralformen konedzi zu
*konege, penedzi zu *peneg>, vitedzi zu *vitegs usw. auch für die
übrigen Singular- und Pluralformen, wo die regressive Palatali-
sierung nicht wirken konnte, verallgemeinert hätten. Eine solche
Auffassung, die die allgemein herrschende Betrachtungsweise
ganz auf den Kopf stellt, wird kaum gebilligt werden; denn es
ist, um von allen anderen Argumenten ganz abzusehen, schlechter-
dings unbegreiflich, wie z. B. in dem Flexionsparadigma des Wortes
*yitegs (nämlich: vitega, vitegu, vitego, vitegomp, vitedze, viteze,
vitega, vitegu, vitegoma, vitedzi, vitegs, vilegoms, vitegy, vılegy,
vitedzdx,) die drei (gesperrten) Formen, in denen ein durch
die zweite regressive Palatalisierung eventuell entstandenes
-de- < -g- möglich wäre, sich die absolute Mehrzahl der übrigen
Kasus, darunter auch die stark gebrauchten Akkusativformen,
hätten unterwerfen können. Wir werden sicher gut daran tun,
1) Nämlich rum. vztez, mad). vitez, lit. vitis.
46 AD. STENDER-PETERSEN
nach wie vor das Wirken der progressiven Palatalisation auch
an den Worten unsres Typus anzuerkennen.
83. Aber auch was die Erklärung des übers ganze slav.
Sprachgebiet verbreiteten ? statt des % des nordischen Wortes
bzw. eines c, das sich daraus im slav. Lehnwort vor dem folgenden
vorderen Vokal kraft der zweiten regressiven Palatalisation hätte
entwickeln sollen, anbetrifft, kann man ScuwAarz durchaus nicht
beipflichten. Die Frage muß so gestellt werden: wie ist es zu
erklären, daß den einzelslav. Formen unsres Wortes nicht ein
altes *vikegs bzw. daraus regelrecht entwickeltes *vicego zugrunde
liegt, sondern durchaus ein *vitege? SCHWARZ meint nun, wenn
ich ihn recht verstanden habe, daß das nord. Wort im Slavischen
tatsächlich zunächst ein *vikegs ergeben habe, daß dieses *vikegd
infolge der zweiten regressiven Palatalisierung zu *vicege ver-
wandelt wurde, daß sich daraus — kraft des oben behandelten
Analogieprozesses — ein vicedev entwickelt habe, und daß aus
diesem endlich „durch Dissimilation* des -c- gegenüber dem
folgenden -dz- die fürs ganze slav. Sprachgebiet anzunehmende
Grundform vitedev entstanden sei. Es muß demnach in der Ge-
schichte des Wortes, und zwar noch während einer gemeinslav.
Urperiode, Zeiten gegeben haben, wo zuerst ein *vikegs, dann
ein *vicegs, weiter ein *vicedzv existiert hätten, bevor endlich
aus dem letzteren ein vitedzv entstand. In dieser Entwicklungs-
kette gäbe es für ein eventuelles *vitegs überhaupt keinen Platz.
Nun scheint mir aber die, auch nach Scawarz’ Meinung, aus
einer altslavischen Quelle entlehnte altpreußische Wortform
*vitingas sehr nachdrücklich den Ansatz eines slav. *vitego zu
empfehlen, wie es überhaupt in jeder Beziehung fruchtbarer ist,
von dieser Form als der einzig zu eruierenden Grundform aus-
zugehen. In meinem Aufsatz, wo ich die Ansicht vertrete, daß
das Wort aus allgemeinen Gründen erst im letzten Stadium der
slavischen Spracheinheitsperiode, an der Grenze der schon be-
ginnenden Diaspora der slav. Stämme entlehnt worden sein könne,
habe ich auch noch darauf verweisen können, daß es schwer
denkbar sei, daß jene Dissimilation, die wohl erst in die Zeit
des einzelslavischen Sprachlebens zu verlegen wäre, „so einmütig
in allen slavischen Sprachen durchgeführt worden sein soll“, doch
Zur Geschichte des altslavischen *vitegs 47
muß ich hier von diesem Argument absehen, da Schwarz ganz
andre Ausgangspunkte wählt und, wie wir gleich sehen werden,
nicht vor der Annahme einer einzelslavischen Entlehnung des
Wortes und seiner „Wanderung“ von Volk zu Volk zurückschreckt.
Solchenfalls wäre es nun sehr möglich, daß die Dissimilation an
einem Orte von einem Volke durchgeführt worden, und daß das
Wort dann in der schon „dissimilierten“ Lautform weiterge-
wandert wäre. Die Bedingungen für eine solche Annahme fehlen
aber meiner Meinung nach ganz, wie ich unten noch zu zeigen
suchen werde. Hier aber sei nur noch bemerkt, daß Schwarz
seine — leider nur ganz flüchtige — Aufmerksamkeit jener Frage-
stellung schenkt, die ich als die einzig richtige betrachte, nämlich:
wie ist das Entstehen eines *vitegs aus altnord. vikingr zu er-
klären? Doch auch hier wird er mit seiner Vermutung kaum
das Rechte getroffen haben, es könne „mit Dissimilation von
vikego > viteg» gerechnet“ werden. Die Durchführung einer solchen
Dissimilation setzt nämlich voraus, daß die,Slaven das Wort
wirklich zunächst als vikegs oder vikegs entlehnt hätten, d.h.
daß sie, die doch ihre sämtlichen Gutturale vor Vokalen der
vorderen Reihe aufgegeben hatten, in diesem einzigen Falle wirk-
lich das Wort zunächst mit einem k oder k ausgesprochen hätten,
das es in ihrer Sprache überhaupt nicht mehr gab. Seit Jahr-
hunderten, seit dem Eintreten der ersten regressiven Palatali-
sation hat der Slave überhaupt kein k, g oder x vor einem Vokal
der vorderen Reihe aussprechen können, und als die Mono-
phthongierung neue Vokale dieser Reihe schuf, beseitigte die Welle
der zweiten urslavischen Palatalisation die Schwierigkeiten, die
sich bei der Aussprache eines %k, g, x vor vorderen Vokalen er-
gaben. Ich habe in meinem Aufsatz meine Überzeugung hin-
länglich nachzuweisen gesucht — und branche daher nicht hier
darauf zurückzukommen —, daß unser Wort aller Wahrschein-
lichkeit nach zu einer Zeit entlehnt worden sei, als die regressiven
Palatalisierungen, so wohl die erste als auch die zweite, schon
längst ein fait accompli waren, und wenn sonst die Gutturale
nur vor Vokalen der ninteren Reihe vorkamen, so muß ein in
die Sprache neuaufgenommenes Lehnwort mit einem % vor vorderem
Vokal ein solches Unikum gewesen sein, daß man es überhaupt
48 An». STENDER-PETERSEN
aufgab, einen solchen Laut auszusprechen und sofort die Artikula-
tionsstelle von der Hinterzunge auf die Zungenspitze übertrug.
Ein mehr <der weniger palatal affizierter i-Laut war damals
schon das einzige Mittel, das die Slaven besaßen, um ein auch
wohl mehr oder weniger palatal ausgesprochenes nord. k wieder-
zugeben, und ich meine daher nach wie vor, daß wir hier ein-
fach „eine natürliche Lautsubstitution“ vor uns haben, d.h. daß
es überhaupt niemals sei es ein slav. *vikegs oder *vikegs oder
*yicego bzw. *vicgdzo gegeben habe, sondern daß das nord. vikingr
von vornherein durch ein „von selbst“ sich darbietendes slav.
*yitego substituiert worden sei. Fassen wir die Frage so auf,
dann fallen alle problematischen Entwicklungsketten fort.
$ 4. Nun bestreitet aber Schwarz, daß das slav. Wort über-
haupt seine Quelle im nord. vikingr habe. Seine Argumente sind
teils semasiologischer, teils kulturgeschichtlicher Art, und ich
werde mir daher erlauben, sie hier der Reihe nach zu mustern.
Vor allen Dingen findet Schwarz es befremdend, daß ein nord.
Wort, das nach dem Zeugnis Anıms von BREMEN ‚Seeräuber,
pyrata‘ bedeute, beim Übergange ins Slavische die abweichende
Bedeutung ‚Krieger, Held, Sieger‘ habe erhalten können. An der
letzteren Bedeutungsreihe ist natürlich nicht zu rütteln, und auch
ich kam auf Grund einer eingehenden Musterung der verschiedenen
semasiologischen Daten der slav. Einzelsprachen zu dem Resultat,
daß „alsursprüngliche Bedeutung des vorauszusetzenden gemeinslav.
vitedzv die semasiologische Reihe ‚siegreicher Kämpfer, Sieger,
Ritter, Held‘ festgestellt“ werden müsse; in dieser Entwicklungs-
reihe sind die beiden letzten Glieder wohl als spätere Phasen
noch zu merzen, und ‚siegreicher Kämpfer, Sieger‘ wäre somit
das letzteruierbare semasiologische Resultat. Man darf dasselbe
aber‘ keineswegs so auffassen, als stände es in einem durchaus
unüberbrückbaren Gegensatz zu der Bedeutungsangabe Anıms
von Bremen, denn nach dem Kontext, in dem seine Angabe zu
lesen ist („pyratae, quos illi withingos apellant, nostri ascomamnos“),
sagt er gar nicht, daß das Wort vikingr ‚Seeräuber‘ oder ‚Pyrata‘
bedeute, sondern nur daß jene nordischen Seeräuber, um die es
sich ihm handelt, im skandinavischen Norden von den ihrigen
in ihrer eigenen Sprache Vikinger genannt werden, wobei es ganz
Zur Geschichte des altslavischen *vitegs 49
unbestimmt bleibt, was dieses Wort eigentlich bedeutet. Hätte
ADAM VON BREMEN wirklich gemeint, daß jenes Wort ‚Seeräuber‘
bedeutete, dann müßte für ihn auch das parallel daneben gestellte
Wort ascomannus dieselbe Bedeutung gehabt haben. Nun ist
aber die Etymologie dieses Wortes völlig durchsichtig, das altnord.
askmadr, das ags. escmann, mit dem altnord. askr ‚Esche, kleines
Fahrzeug, Boot‘ komponiert, kann — wie Schwarz selbst sehr
richtig bemerkt — eigentlich nichts anderes bedeuten als ‚Schiff-
mann, Seemann‘. Und wenn ascomannus für Anam von BREMEN
nur ein Eigenname für die nordischen Piraten war, so war
ihm das Wort vikingr sicher auch nichts mehr oder anderes. Man
kann daher prinzipiell nichts Befremdendes darin finden, daß das
Wort vikingr, mit dem im Norden aus diesem oder jenem Grunde
als Seeräuber auftretende Leute benamst wurden, bei den Slaven
aus diesem oder jenem Grunde als Bezeichnung für siegreiche
Kämpfer galt. Was das Wort eigentlich bedeutet hat, weiß man
ja immer noch nicht, und die Etymologie des Wortes steht nach
wie vor nicht fest. Persönlich finde ich die Ableitung vom Stamme
vik ‚Bucht‘ immer noch am plausibelsten und würde ihm daher
die Bedeutung ‚Buchtenfahrer‘ beilegen, aus der sich dann die
Bedeutung ‚Seefahrer, See- und Strandräuber‘ entwickelt haben
kann. In der Wortform s@wzeingas, die Schwarz als Bezeichnung
für die Juden anführt, steckt deutlich noch die ältere Bedeutung
‚Seefahrer‘. Doch davon sei des Näheren noch unten gehandelt.
Während nun Scawarz auf Grund jenes vermeintlichen Gegen-
satzes zwischen der von Anpam von BREMEN bezeugten Bedeutung
des nord. Wortes und der Grundbedeutung des slav. Wortes nach
einer anderen Quelle für das slav. Wort fahndet, habe ich in meinem
Aufsatze folgendes, wie ich glaube, richtige Bild der vorliegenden
Zusammenhänge gegeben:
Was speziell unser Wort anbetrifft, so muß eine noch nicht end-
gültig gestörte kulturelle, sprachliche und völkische Zusammenge-
hörigkeit der Slaven als unzweifelbare Vorbedingung für seine weite
Verbreitung in allen slavischen Sprachen ... betrachtet werden. Das
Wort muß von den Sıaven im letzten Stadium ihrer Einheit, spätestens
am Anfang ihrer beginnenden Diaspora, also im 6.—7. Jahrh. ent-
lehnt und von so großer geschichtlicher Bedeutung gewesen sein,
daß die Slaven insgesamt das Wort mit dem Ruhme ihrer Träger
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd IV. 4
50 An. StENDER-PETEKSEN
in ihre neuen östlichen, südlichen und westlichen Heimaten mit sich
führten. Somit müssen jene „Krieger“, „Helden* und „Sieger“, die sich
Vikinger nannten, schon im 6.—7. Jahrh. (wenn nicht noch früher)
ihre Züge gegen die Ostseeküste und ihre Flußmündungen und Buchten,
weiter die Flüsse hinauf nach den Ländern an denselben und vor
allen Dingen die Weichsel stromauf ins Herz des slav. Landes unter-
nommen haben. Dieses Resultat steht gewissermaßen im Gegensatz
zu der landläufigen Vorstellung vom Beginne der Vikingerzeit, die
gewöhnlich frühestens ans Ende des 8. Jahrh. verlegt wird, als die
ersten Vikinger an den Küsten Frieslands und auf den britischen
Inseln auftraten. Nach der obigen Darstellung .. . müssen die Slaven
schon im 6. oder 7. Jahrh., also bestenfalls 1'/, Jahrh. vor der eigent-
lichen Vikingerzeit, die Vikinger unter diesem Namen kennen gelernt
haben. Vom Standpunkt des slav. Philologen unterliegt es keinem
Zweifel, daß das in allen Sprachen belegte vetedz& durch Jahrh. sprach-
licher Entwieklung von den typisch-altrussischen Spuren der eigent-
lichen Vikingerzeit, den im 9. Jahrh. aufgenommenen *varegs > sapaes
und *kalbege > x01n0n25, geschieden sein muß... Aber auch vom
Standpunkt des nordischen Philologen wird dieses Resultat wahr-
scheinlich annehmbar sein, denn es ist schon längst entschieden, daß
das Wort v£kingr älter als.die Vikingerzeit ist, und man wird schließen
dürfen, daß es auch vor derselben Vikinger gegeben haben wird.
Ich will hier sogar einen Schritt weiter tun und die Vermutung
aussprechen, daß das Vikingerwesen, bevor es an den Gestaden
der Nordsee in das Bereich der geschichtlich aufgezeichneten
Ereignisse trat, sich schon bedeutend früher gerade in dem ge-
schichtlich dunklen Gebiete der Ostsee entwickelt und sozusagen
vervollkommnet hat. Es hat sicher schon lange vor dem Auf-
treten der Waräger in Rußland direkte feindlich-friedliche Ver-
bindungen zwischen dem skandinavischen Norden und den jenseits
der Ostsee sich immer mehr ausbreitenden Gebieten der Slaven
gegeben. Diese Verbindungen waren sicher eine mehr oder weniger
direkte Fortsetzung jener kulturgeschichtlich wichtigen Bande,
die Zwischen Skandinavien und den Slavenlanden schon während
der Zeit der gotischen Eroberungen geknüpft wurden, und das
Schweigen der geschichtlichen Quellen, die so schlecht über Nord-
osteuropa unterrichtet waren, gibt uns noch keinen Anlaß dazu,
zu meinen, daß mit dem Abzug der nordischen Goten aus Ost-
preußen nach Südrußland im 2. Jahrh. unsrer Zeitrechnung oder
mit ihrer, von den Hunnen beschleunigten Wanderung nach West-
europa im 4. Jahrh. auch alle Verbindung zwischen den beiden
Zur Geschichte des altslavischen *vilegs 51
Küsten der Ostsee abgebrochen worden ist. Der bekannte Zug
der Eruler aus Dänemark über das Weichselgebiet nach dem
südrussischen Gotenreiche Anfang des 3. Jahrh. ist wohl nur ein
zufällig bewahrtes Einzelereignis aus der wahrscheinlichen Masse
ähnlicher Ereignisse und zeugt von aufrechterhaltenen Verbin-
dungen zwischen den nordischen und slavischen Gebieten. Eine
ganze Reihe andrer Tatsachen scheint darauf zu deuten, daß
diese Verbindungen auch in den folgenden Jahrh. keineswegs
erschlafften, und ohne die Hypothesen, die sich darauf stützen,
mir ganz zueigen machen zu wollen, möchte ich doch an dieser
Stelle an O. v. Frıesens 1920 mit großer Kombinationsgabe durch-
geführte Hypothese!) erinnern, nach der es noch bis ins 5. und
6. Jahrh. hinein in den Weichselgebieten ein mehr oder weniger
starkes Gotenreich gegeben habe. Diese Hypothese, die sich auf eine
kritische Untersuchung der im Widsip und in der Hervararsaga
enthaltenen Angaben stützt, wird jedenfalls insoweit von der
Archäologie bestätigt, als Nıus ÄBEBe?) neulich wirklich einen
gotischen Kulturherd des 6. Jahrh. östlich der Weichselmündung
im Samlande hat nachweisen können. Es scheint mir unter allen
Umständen zulässig, von Verbindungen zwischen Slaven und Skan-
dinaviern schon im 6. resp. 7. Jahrh. zu sprechen, wenn uns auch
keine historische Quelle etwas Positives davon zu melden hat oder
melden kann, und es liegt nichts Unwahrscheinlichesin der Annahme,
daß den Zügen der Waräger nach dem Osten und denjenigen
der dänischen Vikinger nach dem Westen, die im 8. und 9. Jahrh.
konstatierbar sind, einige Jahrh. vorher schon kühne Züge nordischer
Seefahrer nach den Buchten der Ostsee und den in diese aus-
mündenden großen Flüssen, tief ins Land der Slaven, vorausge-
gangen seien.
8 5. Scmwarz hat dergleichen Möglichkeiten nicht ins Auge
gefaßt, und da ihm die Bedeutung ‚Seeräuber‘, von der er irr-
tümlicherweise ausgeht, für das nord. vikingr nur erst im 9. Jahrh.
möglich ist, das slav. Wort aber schon früher entlehnt sein muß,
so fällt es ihm leicht, die Zusammengehörigkeit der Wörter zu
1) Orto von FRIESEN Rökstenen 1920.
2) N. ABERG Ostpreußen in der Völkerwanderungszeit Upsala 1919.
4*
52 Av. STENDER-PETERSEN
verneinen. Er hat natürlich ganz recht, wenn er sagt, daß die
Zusammenstellung unsres Wortes mit den Jomsvikingern zeitlich
nicht befriedigen könne, „trotzdem uns hier eine Beherrschung
von Slaven durch Vikinger bezeugt ist. Der dem Dänenkönige
zinspflichtige Wendenkönig Burisleif ..... teilte nach der Joms-
vikingarsag& friedlich mit Palnatoki, dem Jarl dieser Vikinger,
die Herrschaft über sein Land Jom, wo die militärisch straff
organisierten Seeräuber die Jomsburg erbauten... Die Fest-
setzung der Dänen im Wendenlande ist nach Busez um 800 er-
folgt, die Zeit der Jomsvikinger ist etwa das Ende des 10. Jahrh.
und der Anfang des 11. Jahrh. Auch hier ist die Wanderung
des Wortes zwar nicht unmöglich ..., aber die Bedeutung läßt
doch an ein höheres Alter der Entlehnung denken“. Nach meiner
Meinung fällt die Möglichkeit einer Wanderung eines im 9. bis
11. Jahrh. entlehnten Wortes von dem einen Slavenvolke zu dem
anderen genau ebenso und in noch höherem Grade fort als bei
dem Worte *korlv, auf das Scawarz sich beruft, doch mag es
mir vorbehalten sein, die alteingewurzelte Ansicht von der Her-
stammung dieses Wortes vom Namen Karls des Großen an anderem
Orte zu bekämpfen. Welchen Ursprungs unser Wort *viteg» auch
immer sein mag, seine gleichmäßige Verbreitung über das ganze
ungeheure Sprachbereich der Slaven darf nicht durch „Wande-
rung“ erklärt werden, da eine solche Wanderung selbst völlig
unerklärt ist und bleiben wird; die Verbreitung unsres Wortes
— ich wiederhole es hier — kann nur durch die Annahme er-
klärt werden, daß die Slaven es zu einer relativ so frühen Zeit
erhielten, als sie noch ein einziges Volk waren, das aber freilich
schon nach allen Seiten seine Fühler ausgestreckt hatte. Die
ersten Geber des Wortes können also auch: nach meiner Ansicht
nicht die dänischen Jomsvikinger gewesen sein, sondern es waren
die in geschichtliches Dunkel gehüllten Vorläufer derselben. Und
zwar meine ich, daß diese Vorläufer eine ganz besonders wichtige
Rolle in jenen Gebieten gespielt hätten, die ihnen am nächsten
lagen und am zugänglichsten waren, nämlich in den später
deutschen Gebieten rechts der Elbe, in die die Slaven nach der
Aufhebung ihrer ‘völkischen Einheit als „Wenden“ vordrangen.
Ein bedeutsames Anzeichen für die engeren Verbindungen zwischen
Zur Geschichte des altslavischen *vitega 53
den „wendischen“ Siaven und den Vikingern habe ich in meinem
Aufsatze in jener besonderen Bedeutungsentwicklung unsres
Wortes ersehen wollen, .die bei den Sorben zu konstatieren ist
und die durch polabische Ortsnamen bestätigt wird. Diese be-
sondere Bedeutungsentwicklung, die bei den übrigen Slaven auch
nicht in einem leisesten Nachklange bewahrt ist, und die daher
eine besondere Erklärung erfordert, hat Scawarz nicht befriedigend
zu erklären vermocht: er hat uns nicht sagen können, wie es
kommt, daß das Wort bei allen Slaven ‚Sieger‘ bedeutet, bei den
Sorben außerdem aber noch etwa ‚Lehnsmann, berittener Vasall‘,
und daran muß sein ganzer Gedankengang scheitern. Ehe ich
aber zu einer abschließenden Kritik desselben übergehe, möchte
ich in Kürze daran erinnern, daß meiner Meinung nach jene
witsezen oder withasii, auf die die Deutschen nach Urkunden des
12.—14. Jahrh. bei der Eroberung der slavischen Gebiete stießen,
und die eine besondere soziale Schicht, wenn nicht vielmehr eine
besondere Bevölkerungsgruppe bildeten, nichts anderes als Nach-
kommen eingewanderter und allmählich slavisierter Vikinger
waren. Während also die Masse der Slaven schon in sehr alter
Zeit die Vikinger als siegreiche Krieger kannte, die von Norden
her in ihre Länder einfielen und -mit Beute beladen wieder heim-
kehrten, um immer aufs Neue ihre Züge zu wiederholen, haben
die Vorfahren der späteren Sorben und Polaben in den folgenden
Jahrh. mit ihnen nähere Bekanntschaft anknüpfen müssen, die
vor allem darin sich äußerte, daß die Vikinger in ihrem Lande
ganze Kolonien gründeten und zum Teil als privilegierte Herren-
schicht unter ihnen auftraten. Diese privilegierte Stellung der
freilich schon slavisierten Vikinger oder Withasen haben die
Deutschen später, bei der Eroberung des Landes im 11.—12. Jahrh.
anerkennen müssen, und so kam es denn, daß das sorb. Wort
vicaz die Bedeutung ‚Cliens, Vasallus, Lehnbauer, Freibauer‘
erhielt. Wir haben somit in dieser Bedeutungsreihe das Re-
sultat einer späteren, speziell „wendischen“ Entwicklung zu
sehen. Bei dieser Meinung, die, wie ich glaube, den semasiolo-
gischen Daten am besten gerecht wird, verharre ich immer
noch, trotz der von Schwarz vorgebrachten, ganz abweichenden
Deutung. j ;
54 Lv. STENDER-PETERSEN
8 6. Schwarz — um nun zur Kritik seiner Hypothese über-
zugehen — geht zwar auch von einem germanischen wiking-
aus, das die Quelle des Wortes zu sein hat, meint aber, daß es,
im Grunde genommen, gar nichts mit dem nordischen Worte zu
tun habe. Er ündet seinen Ausgangspunkt in der Tatsache, daß
die Langobarden, mit denen er mit Muc# die headobeardan der
angelsächsischen Überlieferung identifiziert, im Widsip unter
anderem wieinga cynn ‚Vikingergeschlecht‘ genannt werden. Hier
glaubt er den eigentlichen Ursprung des Wortes auf germanischer
Seite suchen zu müssen, ihm bieten „die langobardischen Stamm-
sitze eine gute Erklärungsmöglichkeit, da ihr Hauptort Bardewik
als älteren Namen einfach Wik erschließen läßt und der in Epos
und Sage weiterlevende Name der Langobarden dann eben ‚Wik-
leute, Leute aus Wik‘... wäre“, und da nun weiter aus den
Sagen bekannt sei, „daß die Langobarden in ihrer alten Heimat
mit den angrenzenden Völkern im ständigen Kampfe lagen“, so
könnte man in diesem Umstande „den Ausgangspunkt des Volks-
namens Vikinger und seiner Entwicklung zur Bedeutung ‚Krieger‘
sehen“. „Wollte man“ — fährt Scawarz fort — „die Lango-
bardenreste im Bardengau in der Lüneburgerheide mit den Slaven
in Verbindung setzen, so wäre die Übernahme des Volksnamens
durch die polabischen Slaven erfolgt“. Das kann aber nicht so
ohne weiteres geschehen sein, vor allem wohl deswegen nicht,
weil wir den „Langobardenresten“ im Bardengau im 7.—8. Jahrh.
‚keine so gewaltige Expansionskraft zumuten können, die das
Aufkommen einer „langobardischen“ Herrenschicht unter den vor-
rückenden Slaven möglich gemacht hätte. Das sieht auch Schwarz
sehr wohl ein, und er unternimmt es daher, wie ich giaube, ohne
vielen Erfolg, ein neues Glied zwischen die „Langobardenreste“
und die Slaven einzurücken. Bekanntlich sind die ersteren unter
den Sachsen aufgegangen, unä nun meint Schwarz, daß eine
anglu-friesisch-varnische oder einfach varnische „Herrenschicht“,
deren tatsächliche Existenz aurch einen „starken anglo-friesischen
Einschlag“ im Altsächsischen bezeugt sei, sich über die sächsischen
Gebiete der Elbe und Saale, besonders aber im Merseburgischen,
verbreitet habe und hier beim Vordringen der Slaven mit diesen
in Berührung gekommen sei: „in der Merseburger Gegend und
Zur Geschichte des altslavischen *yitegs 55
östlich der Saale war sie (jene varnische Herrenschicht) als Volk
zunächst neben den Thüringern vorhanden .. .“ „Am wahrschein-
lichsten* — meint er — „ist es nun die vithasi als die slavisierten
Varnenreste zu erklären“. Und als abschließende Formel seiner
Resultate hebt er hervor, „daß ein zunächst für die Langobarden
geltender Volksname Vikinger auf die über den Bardengau bis
Thüringen hinausgreifende varnische Herrenschicht im 5. und
6. Jahrh. übertragen wurde, der dann infolge der sozialen Stellung
seiner Träger im Lande östlich der Saale und der weiteren
Slavisierung.dieser Varnen mit der hier noch vorliegenden älteren
Bedeutung ‚Krieger‘ seinen Weg von den Sorben zu den anderen
slavischen Stämmen gefunden hat“.
$ 7. Wir haben hier mit einer Hypothese oder eher einer
ganzen Reihe von Hypothesen zu tun, die sich nicht beweisen
lassen, die sogar von vornherein sehr unwahrscheinlich anmuten.
Erstens scheint mir Schwarz allzu gewagte Schlüsse aus der
Tatsache zu ziehen, daß die Hadubarden bzw. Langobarden im
angelsächsischen Widsip ein Vikingergeschlecht genannt werden.
Ich will nicht allzu stark betonen, daß jenes Gedicht, wenn auch
in seinen Grundlagen in alte Zeiten zurückreichend, ‘denn doch
erst aus dem Ende des 10. oder Anfang des 11. Jahrh. über-
liefert ist, und daß daher kaum als bewiesen gelten kann, daß
die Langobarden seit jeher den Beinamen der Vikinger führten.
Dagegen möchte ich hervorheben, daß, wenn die Langobarden
oder Hadubarden wzeinga cynn genannt werden, damit nicht ge-
meint zu sein braucht, daß sie eben das Volk der Vikinger wären,
sondern ebenso gut und vielleicht noch besser nur, daß sie ein
Volk von Vikingern waren, d.h. ein in mancher Beziehung
als Vikinger auftretendes Volk, wobei die Bedeutung des Wortes
viking zwar ehrenvoll aufgefaßt wird, in der Tat aber ganz un-
bestimmt verbleibt. Die Bedeutung des Wortes s@wieingas, wie
in angelsächsischen Quellen die Juden genannt werden, beweist
doch, daß das Wort ein einfaches Appellativum, nicht aber ein
Volksname war. Auch Schwarz’ Versuch zu erklären, wie die
Langobarden dazu gekommen wären, Vikinger genanut zu werden,
erscheint mir wenig plausibel, und zwar aus ähnlichen Gründen,
aus denen mir Wansrew’s freilich weit besser motivierte Hypo-
56 Av. STENDER-PETEBSEN
these über den Ursprung des ags. wieing!) unakzeptabel ist. Von
der letzteren wird hier auch gleich die Rede sein. ScHwarz
meint, daß Bardowik, der-Hauptort der Langobarden, in älterer
Zeit einfach Wik geheißen habe, und daß die Langobarden daher
auch Vikinger resp. wieingas genannt wurden. Das ist eine Hypo-
these, die schon von DE Vrıes?) vorgeschlagen worden ist. Wenn
dem aber so ist, dann kann der Wiäsip, wo der Name der Vi-
kinger genannt wird, nach Wanstein’s Bemerkung?®), nicht schon
im 7. Jahrh. entstanden sein, da es damals noch nicht den erst
später aufgekommenen Ortsnamen Bardowik gegeben hat. Folg-
lich kann es auch noch nicht. den Vikingernamen als Bezeichnung
der Langobarden gegeben haben und kann auch derselbe nicht
schon im 5. und 6. Jahrh., wie Scuwarz meint, auf die varnische
Herrenschicht übertragen worden sein. Scheitert seine Argumenta-
tion schon an dieser Betrachtung, so fragt es sich auch noch,
ob Bardowik wirklich je einfach Wik geheißen hat; freilich führt
Wapstem die verkürzte Bezeichnung Wie statt Quento-wie an,
woraus man vielleicht folgern dürfte, daß auch Bardowik einfach
Wik genannt wurde; gibt es doch auch ein Wijk bij Duurstede,
das dafür sprechen könnte. Direkte Beweise dafür haben wir
aber nicht. Es kann übrigens hier bemerkt werden, daß die
Bewohner von Eofor-wie (jetzt York) gern Eofor-wieingas und
die Bewohner von Llydaw in der Bretagne Lid-wieingas genannt
wurden, daß eine solche Ableitung vom Namen des Hauptortes
irgendeiner Gegend als Bezeichnung für die Bewohner desselben
somit durchaus nicht auf die eventuellen Bewohner eines Bardowik
oder Wik beschränkt gewesen zu sein braucht. WanstEın ver-
mutet, daß auch die Bewohner von London Lundun-wieingas,
die von Norwegen Nor-wieingas genannt wurden, und es be-
steht daher durchaus kein Anlaß anzunehmen, daß die Lango-
barden des Bardengaus ein besonderes Anrecht darauf hatten,
sich etwa. Beardo-wieingas oder gar einfach Wieingas zu nennen,
weil ihr Hauptort Bardowik bzw. Wik hieß. Da scheint es mir
1) Erıs WapstEin Le mot viking in den Melanges de Philologie
offerts a M. JoHAN Vısing Göteborg-Paris 1925 SS. 581 u. ff.
2) J. DE VRIES De Wikingen in de Lage Landen bij de Zee 8. 56.
3) A.a. 0. S. 384 Textnote 3.
Zur Geschichte des altslavischen *vitegs 57
schon weit plausibler, wenn Wapsteın aus der Existenz von
solchen Bezeichnungen wie Eoforwicingas, Lidwieingas die ganz
allgemein-appellative Form wzcing in der Bedeutung ‚eitadin,
Stadtbewohner‘ abstrahiert und annimmt, daß dieses so gewonnene
Wort allmählich über die Bedeutungsglieder ‚commercant, Kauf-
mann‘ und „navigateur, Seefahrer‘ zur Bedeutung ‚pirate, See-
räuber‘ gelangt sei. Was speziell das nord. vikingr anbetrifft,
so meint Wansteın, daß es „comme dösignation de ‚eitadin‘, a
certainement &t& introduit en m&me temps que la ville Slesvig
fut fondee et quelle recut le nom de Slias-wik, c’est-A-dire au
commencement du neuvieme si&cle environ“, und fügt hinzu, daß
„les Slias-vikingar, de m&me que d’autres marchands navigateurs
de ce temps, se livraient, sans doute, parfois a des pillages; aussi
le sens de ‚pirate‘ du mot viking a-t-il de bonne heure 6t& röpandu
dans le Nord en suivant les voies de commerce partant de Slesvig“.
Diese Deduktion scheint mir aus mehreren Gründen zweifelhaft,
vor allen Dingen aber, weil unser Wort bei den Slaven schon
im 6.—7. Jahrh. bekannt gewesen sein muß, während es nach
Wapsteim’s Meinung in der primären Bedeutung erst im 9. Jahrh.
aufgekommen sein kann. Zudem ist es kaum glaublich, daß die
‚Städter‘, die angeblich Vikinger genannt ‘wurden, den Slaven als
‚siegreiche Krieger‘ erschienen, die Bedeutung ‚Seeräuber‘ hätte
besseren Anlaß dazu gegeben, diese aber kann sich erst dann
entwickelt haben, als die ‚Städter‘ und ‚Kaufleute‘ wirklich in
größerem Maßstabe sich als ‚Seeräuber‘ zu betätigen begannen.
WAaDsTEın scheint die Schwierigkeiten, die sich seiner Deutung
darbieten, selbst eingesehen zu haben, da er in einer Textnote
die Möglichkeit einräumt, daß die nordischen Seeräuber ihren
Namen vikingr von der norwegischen Landschaft Vik hätten. Von
größter Bedeutung ist es aber, daß das Wort nord. vikingr, ags.
wieing in selbständiger Funktion nirgends in den Bedeutungen
‚Städter, Kaufmann‘ zu belegen ist, und es fragt sich sehr, ob
ein Eoforwieing wirklich als Eofor-wieing, als Zusammensetzung
mit wzeing, und nicht vielmehr als Eoforwie-ing, d.h. als Ab-
leitung vom Stadtnamen Eoforwie, zu lesen sei. Solchenfalls wäre
es ganz problematisch, ein wzeing in der Bedeutung ‚Stadtbe-
wohner‘ zu rekonstruieren. Jedenfalls erweist es sich also, dab
58 Av. STENDER-PETERSEN
man keinesfalls aus der Bezeichnung wzeinga cynn für die Lango-
barden schließen darf, daß diese sich so nannten, daß das ihr
völkischer Name war. Wenn Schwarz in seinem Aufsatz des
weiteren den Übergang von der völkischer Bedeutung des ver-
meintlichen Langobardennamens zur Bedeutung ‚siegreicher
Krieger‘ des slav. Lehnwortes mit einem Hinweise darauf erläutert,
daß die Langobarden bekanntlich eifrige Krieger waren, und
daß ihr Name daher leicht die appellative Bedeutung ‚Krieger‘
erwerben konnte, so kann man ihm entgegenhalten, daß der Name
der Vikinger genau aus demselben Grunde dieselbe Bedeutung
erhalten konnte, wie ich in der Tat auch immer noch glaube.
Es fragt sich weiter, wie Schwarz es eigentlich beweisen wolle,
daß jene angebliche varnische Herrenschicht, die den Slaven den
Vikingernamen weitergegeben haben soll, sich je den angeblich
langobardischen Namen beigelegt habe. Wenn. wir bedenken,
daß nach ScawArz’ Meinung die Poiaben es gewesen seien, die
den Namen zuerst zur Bezeichnung der sie sozial überragenden
varnischen Herren übernahmen, wodurch die sorbisch-polabische
Spezialbedeutung des Wortes erklärt werden soll, so werden wir
es unerklärlich finden, daß das Wort von ihnen aus nur in der
älteren Bedeutung ‚siegreicher Krieger‘ zu den übrigen Slaven
gewandert sei, okne auch nur die leiseste Spur einer sozialen
Beibedeutung aufzuweisen. Auf der Vermutung, daß das t für k
im slavischen Worte durch „eine dem Altfriesischen nahestehende
Mundart“ hervorgerufen sei, besteht nicht einmal Schwarz selbst,
der übrigens die bei Anam von BREMEN vorkommende Wortform
withingi statt wichingi falsch deutet: ich habe in meinem Aufsatz
hierin wohl mit recht einen einfachen Schreibfehler gesehen. Auch
dieschon von Prısker geltend gemachte Herleitung des slavischen
skot» ‚Vieh‘ aus dem altfriesischen sket ‚Geld, Vieh‘ wird nicht
besser dadurch, daß das Varnische dafür verantwortlich gemacht
wird. Und schließlich gibt es kaum ein Argument, wodurch es
glaubhaft gemacht werden könnte, daß ein im äußersten Westen
des Slaventums entlehntes Wort ohne jeglichen äußeren oder
inneren Anlaß, ohne die geringste Spur eines von Westen aus-
gehenden, mehr oder weniger starken Kulturstromes über die
polnisch-echischen Westslaven hin zu den östlichsten Vertretern
Polab. 0: aus urslav. o 59
- der Slaven, den Russen, und zu den südlichsten Vertretern der-
selben, den Südslaven, vorgedrungen sein kann. So scheint der
Versuch, dem gemeinslavischen *vitegs eine neue, eigenartige
Deutung zu geben, an einer ganzen Reihe von lautlichen und
geschichtlichen Hindernissen scheitern zu müssen, und wir werden
sicher gut daran tun, an der traditionellen Auffassung von der
Herkunft unsres Wortes vom nord. vikingr und der von mir ge-
lieferten Interpretierung derselben auch fernerhin festzuhalten.
Gotenburg AD. STENDER-PETERSEN
Polab. oi aus urslav. o
Zeitschr. 1154 Fußn. 1 spricht sich Fürst N. TrusetzkoJ
über die Auffassung Rosr’s von H.’s sedeley, sjungtei, peiwöy als
Gen. auf -u: sedläu, sjötäu, peiwäu aus, er lehnt sie ab, allerdings
mit der etwas sonderbar anmutenden Begründung, daß „neutrale
o-Stämme keinen v-Genitiv haben können“, denn wenn Rosr’s
. Deutung zutrifft, so hätten sie ihn eben, und wir würden uns
damit abzufinden haben. Ich bin jedoch auch der Ansicht, daß
Rosrt’s Auffassung nicht zutreffend ist, denn ich wüßte nicht,
wie H. bei den Begriffen ‚Sattel‘ und ‚Festtag‘ zur Aufzeichnung
eines Gen. Sing. gekommen sein sollte, und gegen die Auffassung
von peiwdy als Gen., die syntaktisch vollständig richtig und
eigentlich allein möglich ist, da das Wort in der Verbindung
tyenay peiwöy ‚Kanne Bier‘ erscheint, spricht der Umstand, daß
H. sonst nie einen aus « entstandenen Laut durch oy wiedergibt.
Ich glaube darum, daß hier kein Gen. vorliegt, sondern der Nom.-
Akk., und daß tyenay peiwöy eine wörtliche Übersetzung des
deutschen ‚Kanne Bier‘ ist.
Wenn ich somit auch TRrUBETZKos beistimme, daß jene Formen
als Nom.-Akk. aufzufassen sind, so kann ich doch nicht in dem
ey, ei, oy eine ungenaue Schreibung der aus urslav. o entstandenen
polab. Diphthonge sehen, denn ein Diphthong ist, wie schon
SCHLEICHER richtig gesehen hat, gar nicht daraus entstanden,
sondern ein Monophthong, der unbeeinflußt als ö und in ent-
palatalisierter Form als ö erscheint, Rosr’s Schreibung üö ist
ganz unbegründet, nur für ursl. *990”% schreibt die Hs. A wundyüör
neben wundyirr wundyör der andern Hss. Neben dieser Ver-
60 Fr. LoRENTZ
tretung von urslav.o muß es aber noch eine dialektische Ver-
tretung durch einen i-Diphthongen gegeben haben, für die folgende
Beispiele vorliegen: |
draweneü Pr., drawney, drawndy, drawndy H. ‚Stück Holz‘
neben drawni, drawni, drawenü, drawnü H. Daß hier dialektische
Formen vorliegen, ergibt sich deutlich aus H.’s Zusatz ‚ali‘.
janeu Pr., janeu Voc. ‚ein, erstens‘, janeüu disangnötzti Pr.,
ganney disangnötsti H., gannay dissangnootsti Bauc. ‚einund-
zwanzig‘ neben janütschülü Pr., wa ganni, ganni, gani, wagany,
wäyani, wa ganny, ganni, waygani H., ganni Bauvc.
liuteü Pr., lutoi Voc., lütoi D. ‚Jahr‘ neben niwaglutüf Pr.,
lijotüh S., Igoti, ilgoty, Igeti, hoty, Yöty, Yoti H.
peiwoy, peywöy, peiwdy H. ‚Bier‘ neben peywi, peiwi Pr.,
peiwi Voc., pojwi An., peiwü S., peiwi, peywy, pevwi, peiwj H.,
peiwie Bauc. |
perei Pr., perli (verschr. für peret) Voc., perei D. ‚Feder‘ neben
perü, peru Pr., perü S., peri, peri, peri, pery H., peri, peri Bauc.
ronei Pr., röner Ec., ronei Voc. ‚früh, am Morgen‘ neben
ranı, ranı H.
sedley Pr., sedlei Ec., setlei Voc., setloi D., sedeley, sedley H.
‚Sattel‘ neben seedelüh S., sedeli, sedelj H., sedeli Bauc.
siuncteü Pr., sjungtey, sjunctey H. ‚Festtag‘ neben sjungti,
sjunti, junti H.
boipey Pr. ‚Bohnen‘ neben büpey Voc., büpoiD.,pübdy, pübay H.
neuwa Pr. ‚neu‘ neben niwaglutüf Pr., niwu, niwe, nywa H.
woizia Voc. ‚Schaf‘ neben wücia Pr., wücia, wüzia Ec.,
wyzja An., witeia, witzia H., wjtzia Bauvc.
stojje Pr., stöje Eco., stoyje Voc., stoye D. ‚steht‘ neben stühe S.,
stüe, stie, stie, stige, stye, styge, stige, stye H.
poipöl Pr. ‚Asche‘ neben pupeel Voc., pipeel An., pipel H.
sübotda Pr., suboida Voc. ‚Sonnabend‘ neben sübüda Voc.,
subuda D., sibötta H.
neböizier Pr., neboizier Ec. ‚Bohrer‘ neben nebütgärr, ne-
bützgärr,nebizgärr,nebütjärr,nebützjärr,nebütsigarr,nebizzgärrH.
meyziü Pr. ‚Fledermaus‘ neben mützia H.
. pöglü Pr. ‚Feld‘ (als pöl’% nicht aufzufassen, da *H»ülü zu
erwarten wäre) neben pueli, püeli, püeli, püely H.
Polab. oi aus urslav. o 61
wungseyputz, wüngseiputz, wunzeyputz H. ‚Barbier‘ neben
wungseputz, wüngseputz H. aus *gso-puc,
warteywawüsa Pr. ‚Wirtshaus‘, poss. Adj. *vartova.
jülmeiwa Pr. ‚un orne‘: nach Rosr jelmiöve ‚Ulmenwald‘,
vielleicht auch Nom. Plur. auf -ove.
woytrundeiwyona, woytrundeywiona H. ‚ausgehöhlt‘: nach
Rost voitrotövone.
poiwunigsa Pr., poiwungsa Voc., poinungsa D. ‚Geruch‘, vgl.
püwausdayik, püwöde H.
Der für das o auftretende Diphthong kann nach der Schreibung
in den Quellen nur ein i-Diphthong gewesen sein, der dem aus
urslav. y entstandenen äi sehr nahe stand, wenn er nicht mit
ihm identisch war. Da es nun einerseits sehr schwierig, ja sogar
unmöglich sein dürfte, die Identität der beiden Laute festzustellen,
andererseits unsere ganze Transkription des Polabischen doch
nur konventionell sein kann — daß wir jemals ein wirklich
phonetisch getreues Abbild der Sprache erreichen werden, wird
sich doch niemand einbilden wollen —, so empfiehlt es sich, für
diesen Laut die noch freie Bezeichnung oi zu wählen, die sich
vom di nicht allzusehr unterscheidet, also drävundi, sedlöi, boibai,
voica, sübdita zu schreiben.
Dies o:i ist eine dialektische Entwicklung des o, worauf H.s
„alii“ deutlich hindeutet. Wie das or entstanden ist, lassen die
wenigen überlieferten Belege nicht erkennen, es scheint aber,
daß nur das nicht entpalatalisierte o in vv übergegangen ist, denn
nur neben süboita tritt in süböta die entpalatalisierte Form auf
und gerade hier war auch die nicht entpalatalisierte vorhanden,
wie sübüda Voo. zeigt. Es ist nicht unmöglich, daß oi eine
weitere Entwicklung des ö ist, vielleicht eine parallele Erscheinung
zu der Entstehung des @& aus y.
Die Entwicklung des o zu oi haben nur die beiden Quellen-
gruppen Pr.-Voc. und H., bei M., An. und S. sind keine Beispiele
für oi vorhanden!).
Zoppot FRIEDRICH LORENTZ
1) Zeitschr. III 333 spricht Fürst TRUBETZKOI die Ansicht aus,
H.’s diphthongische Schreibungen des urslav. o seien durch PF. (oder
62 Fürst N. TRUBETZKOJ
Urslav. *dpzdzb „Regen“
Die urslavische Bezeichnung des „Regens“ ist noch nicht
befriedigend erklärt worden. Das Wort tritt in zwei Lautge-
stalten auf: *ds2d2e und *da$to. Nach E. BERNERERr’S (Slav. etym.
Wo. u. ds2dZo) Ansicht soll *ds$Es die ursprünglichere Form sein,
während *ds2d£v aus *ds3%b „durch Übertragung der stimmhaften
Anlautsartikulationsart in den Wurzelauslaut“ entstanden wäre.
Diese Annahme ist schon an und für sich ziemlich unwahrschein-
lich, wird aber bei der Erwägung der geographischen Verteilung
der Formen *ds2dZv und *d»3% noch weniger wahrscheinlich: die
Form *dss%o ist nämlich ausschließlich auf das westslavische
Gebiet beschränkt!), daneben finden wir aber in einzelnen west-
slavischen Sprachen auch einige Spuren der Form *ds2dzv, —
so poln. didzy, didzowy, altpoln. Gen. sing. dädzu, — und das
Polabische scheint ausschließlich d«zd (<*de2d2v) gekannt zu
haben?). Diese wortgeographischen Verhältnisse sprechen dafür,
die ursprüngliche „Sammlung X“) veranlaßt. Die Möglichkeit ist nicht
zu bestreiten, bewiesen ist die These aber noch nicht, ebensowenig wie
die angenommene große Abhängigkeit der Sammlung H.’s von PF. (oder
der „Sammlung X“). Im vorliegenden Falle müßte außerdem noch
nachgewiesen werden, daß das urslav. o im Polab. zu einem „unechten*
(oder „schwebenden“) Diphthonge geworden sei, dieser Nachweis fehlt
aber noch. [Korr.-N.]
1) Klr. dow ist nicht alt. A. I. SOBOLEVSKIJ wollte es freilich
mit den Schreibungen wie AmKuh, HKyenY usw. in den galizisch-
wolhynischen Denkmälern des 12.—14. Jahrh. verbinden (JIeruin, 3. Aufl.
S. 38), jedoch sicher mit Unrecht: für die Wiedergabe der Lautver-
bindung 3€ gebrauchten die altrussischen Denkmäler (auch die galizisch-
wolhynischen) immer nur den Buchstaben ıp; was die Buchstabenver-
bindung. »K4 betrifft, so ist sie offenbar in Galizien erfunden worden
und zwar bloß um die Lautverbindung 2d& wiederzugeben, für die das
kyrillische Alphabet kein besonderes Zeichen bot; somit sind Ah3Kun,
HKUEHY usw. da2dzd (bzw. dozd2), iZdZenu usw. zu sprechen.
2) Die Stimmhaftigkeit des Auslautes in diesem polab. Worte ist
durch PARUM ScHuuze’s Schreibung dahssd bezeugt. Im Gegensatz
za den anderen polab. Quellen ist nämlich PARUM SCHULZE sehr
genau in der Wiedergabe des Unterschiedes zwischen Stimmhaftigkeit
und Stimmlosigkeit, und die Betrachtung seiner Aufzeichnungen lehrt
uns, daß die polab. Mediae auch im Auslaute anders als die Tenues
gesprochen wurden. Das ist aus solchen Fällen wie PARUM SCHULZE’s
vr
Urslav. *ds2d% „Regen“ 63
daß *ds3to eine speziell westslavische Neubildung, eine Umge-
staltung dee ursprünglichen *de2d2v ist. Die Ursache und das
Wesen dieser Umgestaltung sind auch nicht schwer zu erraten:
während *d»2d25 beinahe das einzige Substantiv mit der Laut-
verbindung Zd2 im Stammauslaute war, waren die auf $% aus-
lautenden substantivischen Stämme ziemlich zahlreich (vgl. bl’ust»,
lesöo, klöSeo, chroste, chvosto, pry3&); nach dem Schwunde des
auslautenden » mußte *ds2d2v im Nom. Sing. in den meisten
Sprachen zu daSE (=dest, dos usw., je nach der Sprache) werden,
und aus dieser Form wurde die Verbindung 3% nach Analogie der
Wörter wie bl’us@ auch in die übrigen Kasus übertragen. —
Somit muß die Form *d»2d2» als die ursprünglichere betrachtet
werden. Geht man aber von dieser Form aus, so muß die Zu-
sammenstellung mit norweg. dusk-regn ‚Staubregen‘ oder mit
dän. dyst ‚Mehlstaub‘ (E. BERNERER loc. ci.) fallen.
Wir setzen für ursl. *ds2d2v eine idg. Grundform *duz-dju-s
an, wo *duz (*dus) die bekannte pejorative Vorsilbe (vgl. aind.
duS-krt, griech. Övo-uevis, got. tuz-werjan usw.) ist, und *dju —
die schwundstufige Lautgestalt der Wurzel *ajeu (*dejewe) ‚Tag,
Licht, Himmel‘, Die ursprüngliche Bedeutung wäre also etwa
‚schlechter Tag, schlechter Himmel‘. Zum Bedeutungswandel
wäre etwa altind. (klass. sanskr.) durdivasah oder durdinam ‚häß-
licher Tag > Unwetter‘ zu vergleichen.
Die Vorsilbe *dus- ist freilich auf slavischem Boden sonst
nicht bezeugt. Sie muß aber sicher einmal auch im Urslavischen
(bzw. Vorurslavischen) bestanden haben, denn erstens kommt sie
in den idg. Nachbardialekten (und zwar im Urgerman. ebensogut
wie im Urindoiran.) vor, und zweitens ist in slav. *sadorvije,
*gaöestije, *soboZije die idg. Vorsilbe su- ‚wohl-, gut-‘ enthalten
(vgl. O. Huser Listy filologicke XLVI S. 181ff.), eine Vorsilbe,
die das semasiologische Gegenstück zu *dus- bildete und sonst
nur in solchen idg. Dialekten vorkommt, die auch die Vorsilbe
dus- kennen (nämlich im Indoiran,, Griech. und Kelt.).
Ist die hier vorgeschlagene Deutung des ursl. *ds2d2» richtig,
so war dieses Substantiv ursprünglich ein ju-Stamm. Es ist be-
heid ‚gehe‘ (Imperat.): heit ‚gehen‘ (Infinitiv) oder Jühssd ‚Nagel‘:
"üst ‚Gast‘ usw. besonders klar.
64 M. Nona
achtenswert, daß der von diesem Substantiv abgeleitete Adjektiv-
stamm in den nordslavischen (d. h. west- und ost-slav.) Sprachen
als *dezdzevo- (poln. didzowy, deszezowy tech. dest’ovy, TUSS.
docdesdü), in den südslavischen als *ds2dZevuno- (bulg. dassdosenz,
skr. dafdevan, sloven. daZevan) auftritt.
Wien Fürst N. TRUBETZKOJ
Zum Alter.der urslavischen Nasalvokale
In dieser Zeitschrift 2, 121#f. handelt Busrıc# über die Chro-
nologie der Monophthongierung von Nasaldiphthongen (d.h. der
Entwicklung von Nasalvokalen aus älteren Nasaldiphthongen) im
Verhältnis zum urslav. Umlaut (io > ie usw.). Er entscheidet
die Frage in dem Sinne, daß die Monophthongierung eine ältere
Erscheinung ist als der Umlaut. Vom einschlägigen Material
diskutiert er die Endungen -e : -2 (G. sg. N. A. pl. der 1@-Stämme,
A. pl. der mask. io-Stämme), -e im N. sg. mask. und neutr. des
Partizips vom Typus znaje, endlich - im I. pl. der 20-Stämme.
Was das -e||-2 betrifft, meint Busrıca, es liege hier kein
Umlaut vor, da beide Endungen nicht auf -iäns, bzw. -ions >
-tens zurückzuführen seien. Man müsse vielmehr bei den :@-
Stämmen von einem -ı2ns ausgehen, also von einer ursprünglich
den i2-Stämmen angehörenden Endung; im A. pl. der io-Stämme
sei -e||-& analogischen Ursprungs, indem zu vozy ein roje||roje
‚entstand nach dem Vorbild vody : zeml’el|zeml'e.
Im Partizip vom Typus znaje setzt Busrıch nach STREIT-
BERG’S Vorgang im N. sg. neutr. idg. -int voraus; so kommt seiner
Meinung nach auch diese Endung nicht in Betracht.
Dagegen meint Busrıca, daß I. pl. der io-Stämme für seine
Chronologie spricht. Er nimmt sich des Hırr’schen Erklärungs-
versuches (IF. 2, 1893, 354) an, wonach -y bei den o-Stämmen
aus einer n-haltigen Endung entstanden ist!). BusrıcH setzt hier
ein -Ons voraus, das aus der Endung I. sg. ->m und dem Plural-
zeichen s kombiniert wäre. Bei den io-Stämmen habe sich aus
-Jöns ein -iöns, -ias und schließlich -ji entwickelt.
1) HIRT erklärt hier -y nicht aus -ns, wie BUBRICH anführt,
sondern aus -m (Endung des I. sg., der ursprünglich keine Numerus-
bedeutung zukam). Das -öns ist eine Modifikation BUBRICH’S.
Zum Alter der urslavischen Nasalvokale 65
Ich bin auf die Chronologie der Entstehung der Nasalvokale
in den Listy filologick& 51, 1924, 244—263 näher eingegangen.
BusrıcH hat diesen Aufsatz übersehen. Ich habe daselbst die
Entstehung der urslav. Nasalvokale in einige Schichten zerteilt.
In die älteste Schicht habe ich die aus kurzem Nasaldiphthong
im absoluten Auslaut entstandenen Nasalvokale eingereiht. Zu
späteren Schichten rechnete ich Nasaldiphthonge vor auslauten-
den -s, -? usw. Den Umlaut io > ie lokalisierte ich zwischen die
älteste und die späteren Schichten. Danach wurde -ion nicht zu
*.7e > *-je, sondern zu -j5 > -jb (A.sg. konv). Dagegen wirkte der
Umlaut in -ions (A. pl. kone), -iäns > -ions (A. pl. duse), -ionts,
-tont (znaje). Dieser Chronologie scheint 3. pl. znajgto und Part.
präs. *znajgt’a usw. zu widersprechen; hier ist jedoch das g —
wie ich a. a. O. 249 im Anschluß an andere Forscher ange-
nommen habe — analogischen Ursprungs: znajgto st. *znajeto nach
vedotv, wie umgekehrt 1. pl. vedem» st. *vedom» nach znajem».
An dieser Chronologie brauche ich auch jetzt nichts zu
ändern. Es erübrigt nur, die Ansichten Busriıcr’s näher zu er-
wägen. Busrıch will die Endung -je||-7® in unserer Frage eli-
minieren, indem er sie beim Typus duse aus -2öns entstehen läßt,
beim Typus kone für analogisch erklärt. Aber das ist kaum
richtig. Ich habe a. a. O0. 251 darauf hingewiesen, mit welchen
Schwierigkeiten die Meinung verbunden ist, G. sg. N. A. pl.
duse||duse seien von Hause aus 22-stämmige Formen. Man tut
besser, wenn man die Kategorie der (2)6-Stämme überhaupt außer
Spiel läßt, da ihre Existenz in der Ursprache zum mindesten
sehr fraglich ist. Bei kone||kon& ist es überflüssig mit Analogie
zu operieren; die Form läßt sich ja glatt auf ganz klare und
sichere ursprachliche Gebilde zurückführen.
Ebenso kann ich Busrıcu’s Ansicht über den N. sg. mask.
neutr. des Partizips vom Typus znaje nicht billigen. Im N. sg.
neutr. kann zwar das -e ganz gut aus älterem -nt (aind. N. sg.
neutr. bhärat) entstanden sein. Möglich wäre im Slav. a priori
auch ein -nts im Mask. (aind. N. sg. mask. dadat, vielleicht auch
lat. ferens); dies wird jedoch höchst unwahrscheinlich, wenn man
die Endung -y im N. sg. mask. bery usw. in Betracht zieht. Hier
kann freilich kein -nis vorliegen. So bezeugt wenigstens das
Zeitechrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 6)
66 M. NonHa
Mask. znaje aus *gnöionts, daß in dieser Endung der Umlaut
der Entstehung eines Nasalvokals vorangegangen ist.
Endlich kann ich Busrıc#’s Erklärung von I. pl. koni keines-
wegs beistimmen. Die Hırr'sche Erklärung von I. pl. vozy ist
nicht glücklich und von ihrem Urheber selbst später um eine
neue vermehrt worden (IF. 5, 1895, 254—5); ebensowenig kann
ihre von Busrıca vorgenommene Modifizierung und ihre Appli-
kation an die io-Stämme befriedigen. Man darf übrigens nicht
vergessen, daß -ji eine lautgesetzliche Vertretung des idg. -2öis
sein kann. Was die Endung -y der o-Stämme anbelangt, muß
man zugestehen, daß sie noch immer rätselhaft bleibt. Huser’'s
Erklärung (Slov. deklinace jmennä 164), -y sei nur das den
„harten“ o-Stämmen angepaßte -i der „weichen“ i0-Stämme, ist,
obwohl öfters gebilligt (z. B. Rozwanowskı RS. 5, 1912, 11, Kur-
BAKIN ebda. 116), nicht von allen Schwierigkeiten frei. Vgl.
MrıLuer RS. 7, 1914/15, 5. Vielleicht am besten ist die Erklärung,
die Meıwıer selbst a. a. O. und neuerdings auch Le slave com-
mun 356 verteidigt, daß nämlich -y aus idg. -öis lautgesetzlich
entstanden ist.
Ich möchte noch bemerken, daß nach BuprıcH Nasaldiph-
thonge vor auslautendem -s (-ons usw.) früher monophthongiert
wurden, als in anderen Fällen und daß sie später teilweise der
Entnasalierung erlagen. Ich habe a. a. O. 258, 260 ff. eine ganz
ähnliche Meinung ausführlicher ausgesprochen und durch parallele
Erscheinungen aus anderen Sprachen zu stützen versucht!) Es
1) Ich will hier die Hauptgedanken in aller Kürze darlegen. Wie
schon gesagt, habe ich vorausgesetzt, daß in der relativ ältesten Epoche
des Urslavischen Nasalvokale aus kurzen Nasaldiphthongen im absol. Aus-
laut entstanden. Später wurden Nasaldiphthonge vor auslautendem -s zu
Nasalvokalen, aber nur in einem Teil des urslav. Gebietes, und zwar
in denjenigen Dialekten, aus welcben das West- und Ostslavische her-
vorgegangen ist. Diese Nasalvokale der relativ alten Periode wurden
später entnasaliert. So hat man auch für -jens (< -jons, -jans) west-
und ostslav. je. Die übrigen Nasalvokale gehören einer relativ jungen
oder mehreren relativ jungen Perioden des Urslavischen an; von diesen
Jüngeren Nasalvokalen wurden nur die Nasalvokale mit hoher Zungen-
stellung entnasaliert. So wurde z.B. -jens zu südsl. .je, aber -ons
über -Zs zu -y. Verhältnismäßig am jüngsten sind Nasalvokale in Ent-
lehnungen und die in Nachbarschaft von nasalen Konsonanten sekundär
Zum Alter der urslavischen Nasalvokale 67
freut mich zu konstatieren, daß ®in anderer Forscher unab-
hängig zu einer übereinstimmenden Überzeugung gelangt ist.
Korrekturnachtrag. Der eben besprochene Aufsatz
Busrica#’s ist ein Auszug aus einem anderen Aufsatze desselben
Forschers, welcher in den Uszecrun orpes. pycckoro ss. 24, 1,
1922, 246—272 erschien. Dieser Aufsatz ist mir erst unlängst
aus IdgJb. 10, 1926, 334 f. und Slavia 5 (1926/7) 658 zur Kenntnis
gelangt und durch die Freundlichkeit des slavistischen Seminars
in Prag zugänglich geworden!). Abgesehen von einigen Ausfüh-
rungen, die ich hier beiseite lassen kann, sind in diesem Aufsatz
die Ansichten Busrıca’s, welche die n-haltigen Endungen be-
treffen, viel ausführlicher dargestellt, als dies in seinem deutschen
Aufsatz der Fall ist. Im letzteren hat die Kürze der Darstellung
die Klarheit ein wenig beeinträchtigt, so daß man hie und da
sozusagen raten muß, wie sich’s Bupkrıca eigentlich vorstellt.
Ich meine hier besonders zwei Fälle. Über zemi'e || zeml& sagt
Buseıca ZslPh. 2, 122 kurz: „Der G. sg. des Typus zemi? || zemi£
kann aus Formen auf -iens, der N. A. pl. des Typus zemie || zemze
gleichfalls aus Formen auf -iens hervorgegangen sein. Der A. pl.
des Typus roi2||roi® kann eine Neubildung nach dem Verhältnis
von (vod)y : (zem)i? || (zem)i?= (voz)y:x sein“. Ich dachte dabei,
daß er etwa nach dem Vorbilde Ennzeum’s P®B. 70, 1913, 112
für A. pl. der (i)e-Stämme eine Endung -(i)&s neben -(2)ens vor-
aussetzt, wonach im G. sg. neben älterem -(z)es auch ein -()ens
entstanden wäre, welches eben im südslav. -e vorläge. In Ua».
249 ff. setzt er auseinander, daß in der Endung -e||-2 im G. sg.
eine Form der iön-Stämme steckt. Das ist zwar möglich, aber
nicht wahrscheinlich. Ist die Annahme der Endung -öns im G. sg.
Zeny usw. durch Gleichungen wie voda : got. watö, Zena : qinö,
vodova : widuwd, sowie durch ech. vdovne, vodn? gestützt, so kann
man dagegen bei den <@-Stämmen nichts ähnliches anführen.
entsiandenen Nasalvokale in einheimischen Wörtern. Diese jüngsten
Nasalvokale konnten wieder anders behandelt werden. So ist z. B. 2, ö
in *penize, *mäditi nicht entnasaliert worden, obwohl es von hoher
Zungenstellung war, sondern zu einem Nasalvokal von niedrigerer
Zungenstellung geworden: peneze, moditi.
1) Im deutschen Aufsatz macht BUBRICH von seiner älteren
russischen Studie nicht die geringste Erwähnung.
5%
68 M. Nona
BusrıcH rechnet zu den alten :2n-Stämmen nomina propria vom
Typus Polane; es ist jedoch wahrscheinlicher, daß hier Bildungen
auf -iön- vorliegen (vgl. odo«r/aveg usw.). So liegt es doch immer
am nächsten, daß G.sg.-y und‘ -e auf eine gemeinsame Quelle
zurückgehen. |
Weiter bespricht Burrıch in Use. 248 ff. ausführlicher und
klarer das Part. znaje. Im Neutr. soll -nt vorliegen, und diese
Form sei später auch ins Mask. übertragen worden, wo sie älteres
*znaji aus *-ions verdrängte; ganz ähnlich, wie beim Typus bery,
wo aber umgekehrt die urspr. Form N. sg. neutr. durch N. sg.
mask. verdrängt wurde. Diese Ansicht kann ich nicht billigen,
und zwar aus zwei Gründen. Erstens wäre es wahrscheinlicher,
wenn sich die Analogie bei beiden Typen in derselben Richtung
erstreckte, entweder vom Mask. zum Neutr. oder umgekehrt, also
entweder bery, *znaji oder *berg (<*-ont) bzw. *bere (<*-nt),
znaje!). Zweitens, und das ist viel wichtiger: einen Impuls zum
Zusammenfall des N. sg. mask. und N. sg. neutr. konnte nur der
Umstand abgeben, daß die casus obliqui in den beiden Genera
gleichlautend waren. Da jedoch beim Adjektivum trotzdem N. sg.
mask. und N. sg. neutr. geschieden blieben, so mußte beim Partiz.
präs. noch ein anderer Faktor hinzutreten. Und das war eben
der Umstand, daß bei einem Typus, nämlich beim <o-Typus, der
Zusammenfall lautgesetzlich war, also Mask. *anögonts > znaje,
Neutr. *gnöiont > znaje. Um die Parallelität mit dem zo-Typus zu
erzielen, wurde beim o-Typus urspr. Neutr. *berg < *bheront durch
das Mask. bery <*bheronts ersetzt. Das Mask. hat gesiegt offen-
bar darum, weil sich Neutr. *berg mit der 1. Pers. sg. präs. deckte.
Busrıch’s Ausführungen, welche beweisen sollen, daß die Ent-
stehung von Nasalvokalen älter ist als der Umlaut io te, sind also
nicht überzeugend. Denn, wie wir gesehen haben, lassen sich einige
Eindungen, in denen Nasaldiphthonge vorliegen, nur dann erklären,
wenn man annimmt, daß sie vom Umlaut i0 > ie getroffen wurden.
Ir Brünn MıroS NoHA
1) Daß sich die Form *znajö mit dem Imper. znaji decken würde,
könnte das Sprachgefühl nicht stören, da ja der Imperativ durch Melodie
und durch Situationen, in welchen er angewendet wurde, von anderen
Formen abstach.
Die Intonation des slavischen Supinums 69
Die Intonation des slavischen Supinums
Über die Intonation der slavischen Supina habe ich zweimal
Gelegenheit gehabt mich zu äußern: in „Tauta ir Zodis“ II (1924)
S. 116—117 und in dieser Zeitschr. I 229—231. In beiden Fällen
habe ich jedoch das Wesen der Frage nur berührt, ohne sie in
ihrem ganzen Umfange zu behandeln. Ich muß bemerken, daß
die van Wıse’schen Erklärungsversuche mich jetzt teilweise nicht
zufrieden stellen und in den folgenden Zeilen wollte ich für die
Frage von der Intonation der urslavischen Supina und der mit
ihnen verbundenen Formen, wenn auch keine endgültige Lösung
vorschlagen, so doch wenigstens einen richtigeren Weg zur Lösung
betreten.
In seinem Aufsatz „Z powodu metatonji stowianskiej i bal-
tyckiej“), ferner in der Rezension von LEHR-SpzawınsKr’s Buch „O
prastowianskiej metatonji“?) und in den „Baltischen und slavischen
Akzent- und Intonationssystemen“ ($ 48) rückt van WısKk das
Problem der baltisch-slavischen Metatonie der Supina in den
Vordergrund. Er sieht darin ein sicheres Beispiel einer solchen
Metatonie, indem er sich Leur-SprawıNsk1?) folgend auf sloven.
brät, pit, kläst, prest (neben den Infinitivformen brati, piti, klasti,
presti), auf &ech. Supina brat, pit, pfest (neben den Infinitiven
brati, piti, pfisti) und die ost-litauischen Fakta, die von J. EnDzELIN
vermerkt sind (KZ. XLIX 57): die Konditionalformen wie duöt,
nuganijtum, Infinitive — litauisch dxoti, nuganyti bezieht. (Ähn-
liche Beispiele führt auch Scauze an, ibd. 130). Dabei haben
die in den litauischen Conditionalia sich erhaltenen Stämme auf
-tu eine von den Infinitiven abweichende Intonation, sogar dann
wenn sie als Substantiva auftreten: !ytu (Akkus.): Iytı.
Wenn diese Ansicht sich als richtig erweisen würde, müßte
man daraus den wichtigen Schluß zugunsten der Epoche einer
baltisch-slavischen Einheit ziehen, was van Wısk auch getan
hatte: die Metatonie der Supina erscheint als eine charakteristische
1) Prace lingwistyezne ofiar. J. BAUDOUINOWI DE ÜOURTENAY
Kraköw 1921 s. 3—7.
2) Rocznik Slaw. IX (1921) 8. 87—88.
3) Siehe auch F. IveSıd Arch. f. slav. Phil. XXII 495.
0 L. BuLAcHovskIJ
Eigentümlichkeit, die die baltischen Sprachen den slavischen an-
nähern läßt. In Wirklichkeit aber erweisen sich die diese Frage
stützenden Fakta erstens als viel komplizierter und zweitens
von einer derartigen Natur, daß, meiner Ansicht nach, die Mög-
lichkeit einer parallelen Entwicklung der Anfangsverhältnisse
nicht auszuschließen ist.
In seiner Arbeit über das Supinum in den west-slovenischen
Dialekten (Cvetje IV 8—10, IX 12) konstatierte 8. SKRABEC"),
daß die Supina in diesen Dialekten sich durch die Art der In-
tonation von den Infinitiven (ohne i) der Imperfektiva der I. Klasse
(der Stämme auf einen Konsonanten vor der Endung -ti, -t) unter-
scheiden, ebenso wie derjenigen der IV. und V. Klasse, die in
den Partizipiis Praeteriti die Endungen -it, -ät haben: Supina
kosit, ordt — Infinitiva: %kosit oder mit Zurückziehung — kosit,
orät oder drat. Als Ergänzung dazu hat F. Iursıc Materialien
aus dem Dialekt „St.-Georg an der Stainz“ hinzugefügt.
Diese Materialien sprechen für die Verhältnisse: krasti: kräst,
nesti : nest, pasti : päst (pascere), peli : pet, plesti : plöst, presti : pröst.
Vgl. die serbischen Infinitiva: kraästi, n£sti, pästi, peci, plesti,
presti, die russischen: krast’, plesti‘, pasti‘, das von dem Serb. paästi
abweicht, übrigens jedoch eine Analogie im Posavischen?) hat, pet
neben dem archaistisch. pe?i, plest und plesti, prjast’.
In den auf einen Vokal ausgehenden Stämmen wird eine
Differenzierung beobachtet: entsprechend den urslavischen Formen
der Partizipia Praeteriti auf -!s, -la, -/o mit dem Ton auf der
Enndsilbe im Sing. Femin,, treten die Supina mit einer Länge auf:
piti: pit?) (russ. pila‘®), serb. pila),
brati: brät (russ. brala‘, serb. brala),
spati: spät (russ. spala‘, serb. spdla),
zvati: zvät (russ. zvala‘, serb. zudla),
und andere; aber entsprechend den Formen der Partizipia Praeter.
mit dem Ton auf der Stammsilbe haben die Supina eine Kürze:
1) Siehe ILeSıc Slovenica, Archiv £. slav. Phil. XXII 495.
2) 8. IvSıc Rad 197, 73. — Im Ukrainischen pa'sty.
3) ILESıc unterscheidet nur die Quantität, aber sicherlich sind
in diesem Dialekt auch Hinweise auf qualitative Unterschiede der
Intonation vorhanden: vgl. 8. 499.
4) Ein Punkt hinter dem Vokal ist das Akzentzeichen.
Die Intonation des slavischen Supinums 71
mleti: mlet, zeti:Zet, biti: bit, klati: klat, tkati:tkat und andere
(russ. molo’la, Za'la, bi'la, kolo'la!), serb. mlela, zela, bila, klala,
tkala).
Von den anderen Klassen differenzieren sich der Infinitivus
und das Supinum in den Typen: Infinit. — ba’Zati, di’sati <
*bezati, *disa'ti, Supin. be’Zat, di’sat mit „einer anderen Art
von Betonung (Länge, wie bei den einsilbigen Supina)“. [Daneben
existiert ein Typus: Infinit. — sede’ti, drza'ti, leZa'ti, Supin.
se’det, dr'Zat, le'Zat]; taji"ti : taji"t (Praes. Indie. tajim); mlä-titi:
mlatit (@ ist in mlä'tit länger); vozi'ti : vo'zit < *vozit; pä'rati:
pä'rat (@ ist in p@'rat länger); grablja‘ti: gra'bljat < *grabhja't;
pr sati: pi'sat (T ist in p%'sat länger); ora’ti: orä't; tesa’ti: tesat
<*tesa’t; kova'ti: kovä't; küpeva'ti: kü'pevat; je'sti : jest,
Einige von diesen Unterschieden sind zweifellos nicht alter-
tümlich. Von solcher Art sind alle Eigentümlichkeiten, die mit
der slovenischen Zurückziehung des Akzentes von der Endsilbe
verbunden sind. Dazu ist noch der Quantitätsunterschied hinzu-
zurechnen, je nachdem die vortonige Länge vor einer mittleren
Silbe mit einem vollen Vokal, sich befand, oder vor einer End-
silbe — vor abgefallenem reduziertem Endvokal (mla’titi <
*mläti ti und mlätit <*mläti‘t), ebenso auch der Längenunter-
schied der tontragenden Anfangssilbe eines dreisilbigen Wortes
(pä’rati und pä‘rat). Die Eigentümlichkeit dieses Dialektes be-
steht, wie es scheint, in der Übertragung des Endakzentes auf
den Anfang eines dreisilbigen Wortes, wenn die dazwischen-
liegende Silbe (ursprünglich) kurz ist: vgl. po'voza < *povozi't,
o'kopa <*okopa't und ähnliche. Ebenso das Supinum kü’pevat
(vgl. literar. kupovat), Partic. Praeteriti M. S. kü'peva < *küpeva't,
*küpeva‘(}).
Vorslovenische Altertümlichkeit muß man, wie wir unten
sehen werden, den Eigentümlichkeiten einsilbiger Supina und
dem Unterschiede: tajıt und ähnl. (von Verben des tajim-Typus
im Präsens), orät, kovat und ähnl., d. h. Typen zuerkennen, die
charakteristische Eigentümlichkeiten in den Partizipiis Praeteriti
Activi auf -/s haben: krain. lit. lovim: Sing. Praet. lovil, lovilg,
1) tkala schwankt zwischen tka’la und tkala‘ I. OGIENKO Pycexoe
aureparypn. ynapenne? S. 77.
73 L. BULACHOVSKIS
Dualis Zovila, lovile, Plur. lovili, lovile, lovila, Fem. Sing. lovila <
*Jo-vil, *lo‘vilo usw., Fem. Sing. *lovila‘; dasselbe bei einer ur-
sprünglichen Länge desStammvokals -gasil, gasilo usw., Fem. Sing.
gasila; Sing. orät, oralo, Dualis orala, oräle, Plur. oräli, oräle, oräla,
Fem. Sing. <*o'ral, *o'ralo usw., Fem. Sing. *orala‘; koväl u. ä.,
Fem. Sing. kovdla. Bei Vorhandensein eines Präfixes: nalonl,
nalövilo, Dualis nalgvila, nalgvile, Plur. nalgvili, nalgvile, nalfvila,
Fem.Sing.nalovila <*nalovil, *nälovilo usw., Frem. Sing. *nalovila' ;
parallel -okgval, okövalo usw., Fem. Sing. okovala!).
Im Resianischen Dialekt, der die Übertragung des Re-
flexes des urslavischen zirkumflektierten und des kurzvokalischen
Akzentes auf die folgende Silbe nicht durchführt, haben wir ent-
sprechend: ndridila, pölüzylo, zaplatılu, nducel. (Fem. Sing. den
übrigen analog — pörukila, ömuzila). Ähnliche Verhältnisse gelten
für den dakavischen Dialekt der serbischen Sprache: zäakopäl,
ülovil, zvomil, zvönilo: zvonila, rödal, rödılo: rodıla (Novi)?). Hier er-
scheint jedoch die Altertümlichkeit schon in manchem als eine ge-
störte: in solchen Fällen, wie Fem. Sing. pogodila neben Mask. Sing.
pögodil oder oslobodila neben öslobodil, hat sich schon der Einfluß
der Akzentstelle des Infinitivs geäußert (vgl. auch die Parallel-
formen: zäkopäl — zakopäl, öslobodzl — oslobodil und ähnliche);
wahrscheinlich hat die Analogie in einigen Fällen das Gebiet solcher
Intonationen erweitert: zäelel, küpoväl. Im Stokavischen
haben sich die Verhältnisse erhalten, die an die dakavischen er-
innern : kövao, Okovao, köv&lo, dkovälo und diesen analog köväla, öko-
väla, kupovao, küpoväla, dYZao, zädrzao, zädrzäla (vgl. Präs. -dyZim).
Endlich zeugt das Russische in seinen Dialekten und in
der Literatursprache von einem hohen Alter ähnlicher Erschei-
nungen (vgl. dialekt. ro'dil, ro'dili, pu'stil, pu’stili, slwärlo‘s,
pro'stili, altruss. do’lozil®).
Auf diese Weise wird, wie wir sehen, das Problem der Intona-
tion der Supina, wenigstens teilweise, mit einem andern verflochten,
1) M. VALJAVEC Rad CXXXI (1897) 204—205.
2) BELIO ‚BaMbTku II0 YaAKaABCKUMB TOBOPaM&, Hap. XIV 2 8. 66, 69.
3) Siehe SAOHMATOV Oyepkb ApeBH. mepiona HCTopiun Pycckaro
assıka 1915 S. 91; van WUK Waskcria XXIII 1 8. 106—112; der-
selbe Revue des studes slaves III 32— 34.
Die Intonation des slavischen Supinums 73
mit dem Problem des Auftretens einer zirkumflektierten Intonation
in den Partizipiis Praeteriti Activi auf -Ie, -lo... in den Fällen
der ursprünglich akutierten Intonation des Vokals (*borä-, *rzva-,
*dü-, *bg-, *lovi-, *kovä-): &, 9, T als Reflexe langer Monoph-
thonge konnten ursprünglich nur eine akutierte Intonation haben.
Als Seitenstücke der slavischen Supina sind die baltischen
zu betrachten: Konditionalia bei Dauk3a und in den jetzigen
ost.-hochlitauischen Mundarten: lytz, vytz, butü, duot@ neben
sidty, de'ty und ähnliche, und die lettischen Infinitive lit, vit,
büt, duöt (mit dem Stoßton, der von der Übertragung des Akzentes
von der Endsilbe auf die vorhergehende akutierte Zeugnis ab-
legt) neben süt, döties!). Diese Fakta lassen die Vermutung auf-
kommen, daß die slavischen Supina in entsprechenden Wurzeln
ursprünglich wie *byts‘, *lite‘, *vits‘ und ähnlich lauteten.
Wenn aber dem so ist, so ließe sich die slavische fallende
Intonation, die durch das slovenische it, vit u. ähnl. bezeugt ist,
am wahrscheinlichsten durch die Annahme erklären, daß schon
in urslavischer Zeit der Ton von dem endsilbigen»
auf die vorhergehende akutierte Silbe übertragen
wurde als eine Intonation, die späterhin mit der
zirkumflektierten zusammenfiel.
Vom Standpunkt dieser Hypothese müssen als Seitenstücke
der Supina *Ats aus *lits‘, *boräts aus *boräto' auch alle anderen
hingestellt werden, bei denen. wir in den Dialekten, die dem
St.-Georg’schen gleich die alten Verhältnisse unterscheiden, eine
zirkumflektierte Intonation des als Merkmal der Klasse dienenden
Vokals vorfinden.
Vausavec’ Material betreffend die Klassen drobit (Präs.
drobim, drobi3 usw. < *drobimv‘, *drobiso‘), dajat (Präs. ddjem),
snovät (Präs. sn“jem) entspricht den Dialektformen.
Die Abweichung der Supina }ubit, hodit, stgpat, strädat (aus
*jubi‘t, *hodi‘t, stopa't, *strada‘t) bei der Klasse mit dem Akzent
auf dem Stamm im Präsens (einem Akzent, der eine Parallele
im Cakavischen in Form einer sogenannten neuakutierten Intona-
1) Siehe BuLacnovskıs Tauta ir Zodıs II 116—117, BucA
479-480 und desselben ‚„Kirtio ir priegaides mokslas‘, ein Aufsatz in
„Lietuviv kalbos Zodynas* I (1924) S. XLIV.
74 L. BuLAcHovskIs
tion auf Längen hat, und im Russischen als die Erhaltung des
Tones auf dem Stamme vor nicht akutierten Endungen und
Übertragung desselben auf eine akutierte (1. Pers. Sing.) erscheint:
slov. Yubim, hgdim, tak. lübin, hödin, russ. !’ubl’u‘, Vu bis, chozu‘,
cho’dis!) erklärt sich durch Beibehaltung der Akzentstelle des
Infinitivs in solchen Supinumformen: urslav. *yubi‘te, *chodi‘to.
Dasselbe ist auch für die Verba auf -ati mit dem Supinum
-at(6) zu vermuten, welche eine Entsprechung im Slovenischen
finden in Form von stopat, stradat?).
Für drobit, dajät, snovät und ähnliche müssen wir in Über-
einstimmung mit der obigen Annahme von *drobito‘, *dajäts‘
*snoväts‘ ausgehen, woraus weiter *drobits, *dajate, *snovät» und
nach Sıcumarov’s Gesetz von der Übertragung der zirkum-
flektierten Intonation auf den Anfang *dro'bite, *da'jate, *sno’vato
wird; diesem entsprechen die slovenischen Formen mit Übertragung
des”: drobit, dajat, snovät. — Für diejenigen, die in diesen letzten
Formen die sogenannte neuzirkumflektierte Intonation voraus-
setzen sollten, halteich für nützlich zu bemerken, daß die resianische
Mundart, die keine Verschiebung des” hat, die Frage lösen könnte,
aber entsprechende Beispiele von Supina sind mir darin unbe-
kannt. — Daß die Vermutung eines Endakzentes für diese Typen
von Verben nicht willkürlich erscheint, zeigen die ihnen ver-
wandten lettischen Infinitive von dem Typus -ät, -it mit den
entsprechenden Supina: Infin. vagät ‚Furchen ziehen‘, Supin. vagätu,
Infin. graizit und ähnliche. Vgl. J. EnpzeLm’s Bemerkung über
die Beispiele mit dem auch auf andere Formen verallgemeinerten
Stoßton: „vielleicht ist “ in einem Teile dieser Formen ursprüng-
lich (auf Endbetonung beruhend) gewesen und kann darauf ver-
allgemeinert sein?)“.
Über die Bedeutung des Zeugnisses von lit. (Dusetos) laidytüuve
„milztuve“ zugunsten der ursprünglichen *laiditie siehe Buca
Lietuviu, kalbos Zodynas I XLV $ 108.
1) Vgl. auch russische (dialekt.) Belege aus L&ka: chuod’ut, nuosit.
2) Siehe Vansaveo’ Material (Rad CV 1891 S. 49—102. Rad
CXXXI 1897 8. 207).
3) J. ENDZELIN Weiteres zu den lettischen Intonationen IF. XXXIII
1—2 (1913) S. 107.
Die Intonation des slavischen Supinums 75
Entgegen der in Zeitschr. 1231 geäußerten Vermutung, zweifle
ich jetzt nicht daran, daß auch in den Zeugnissen der St.-Georg’schen
Mundart betrefis der Supina der Konsonant-Stämme sich graue
Altertümlichkeit wiederspiegelt (vgl. auch aus der von Schzmise
beschriebenen Rosentaler Mundart — „Obraz roZanskega razredja
na KoroSkem“, Kres 1881—1882 Belege: päst (pascere), kräst,
prest, jest, rosent. mliest, sieö und ähnliche. Diese Supina waren
ursprünglich oxytona, und ihr ehemaliger Akzent ist indirekt
noch in den Formen des Indikat. Präs. zu erkennen: russ. pasu‘,
kradu' (neben kra'du), seku‘, ukr. jisy' =du ißt, serb. pdsem,
krädem, predem, müzem, sijecem, Cak. jis, sloven. päsem, krädem
(neben krädem), predem, mötzem, setem, je's; im Lettischen weisen
die Infinitive vom Typus spriöst, milzt, öst!) auf Endbetonung
und vorhergehende akutierte Silbe hin.
Leider ist es mir weder aus der Rosentaler Mundart, noch
aus St.-Georg bekannt, wie dort das Supinum von *lezti lautet.
In Übereinstimmung mit dem Gesagten sollte man eine Kürze
erwarten. Übrigens würde es nicht Wunder nehmen, wenn dieses
ganz vereinzelt dastehende Wort seine ursprüngliche Eigentüm-
lichkeit eingebüßt hätte.
Mit den Zeugnissen des Ind. Präs. stimmt das Rosentaler
siest (lit.-slov. s&st) nicht überein. Das Supinum von sesti (Per-
fektivum!) ist jedoch wahrscheinlich eine Neubildung, und für
das Urslavische kann man keinen Wert darauf legen.
In allen anderen Kategorien dagegen entspricht die für die
Supina vorausgesetzte Endbetonung derjenigen der entsprechenden
Praesentia: vgl. lovim, ddjem (dajem), bljüjem (russ. bluzu‘)?),
kıijem (russ. kuju‘), mdjem und majem (Arch. f. sl. Phil. XXX 11452),
örjem (aber auch frjem), smejem se (russ. smeju'sb) USW.
Einige Abweichungen, wie sejem (Supinum sejat) konnten in
diese Gruppe auf einem nicht phonetischen Wege gekommen sein:
vgl. den Infinitiv sejdti, der von russ. se‘jato, serb. sjati abweicht
und mit seinem Präsens nicht harmoniert.
Als wahrscheinlich würde das Eintreten einer zirkumflek-
1) Vgl. K. BugA Tauta ir Zodis II 479.
2) Möglich, daß in diesem Typus Formen mit einer End- und
Stammbetonung bekannt waren. Vgl. EnpzeLın KZ. LI1—2, 8.
76 L. BuLAcHovskıs
tierten Intonation in den Supina auf dem Klassenmerkmal auch
bei den Verben auf *öti, *t» erscheinen. Das Lettische läßt auch
in einer der eben erwähnten verwandten Klasse Fälle von End-
betonung vermuten: vgl. ticet ‚glauben‘, dzördet ‚hören‘ und ähn-
liche!). Auf zweifache ursprüngliche Betonung weisen die von
Vausaveo (Rad CV 69) angeführten sed&t neben letet, beZat und
sedet, — Tatsachen, die auch van Wıse’s Aufmerksamkeit auf
sich gelenkt haben (RES. III 34).
Der schwierigste Punkt der Frage liegt in der Länge der
Supina vom Typus *nöste. Die kurzen Stämme der Klasse *nesp
haben in St.-Georg die Supina — nöst, pet, plest (vgl. auch in
Rosental piet, briest, pliest,. Wenn wir, z. B. mit van WısK?)
annehmen, daß diese Klasse ursprünglich durchweg Stammbe-
tonung gehabt hätte, so ließe sich *nasts» ganz einfach wie *kö'sto
und ähnliches erklären. Diese Ansicht begegnet jedoch auch
heutzutage noch ernsthaftem Zweifel: wenn man sogar davon ab-
sieht, Zeugnisse altertümlicher Verhältnisse im Russischen mogu‘,
aber mo'Zeso, mo’gut, pomogi'?) zu finden, so sprechen doch die
litauischen Partizipia recht klar für die alte Endbetonung dieser
Klasse*) und ebendahin leitet auch die Betonung ukrain. nesemo’,
nesete‘, serb. nesemo, nesete hinüber. Ohne deshalb die Frage
von der Länge in *n2st» und ähnlichen direkt mit dem weiteren
Los der Theorie von der ursprünglichen Stammbetonung in dieser
Klasse in Verbindung zu bringen, neige ich eher dem Gedanken
von einer analogischen Verallgemeinerung derselben zu und dies
vielleicht auch nur auf slovenischem Boden: vgl. St.-Georg’sche
krästi — kräst, presti — prest, woher n&sti — nzst und ähnliches’).
1) Vgl. J. EnDZELIN Lettische Grammatik 8 629 ff.
2) N. van WuK Die baltischen u. slavischen Akzent- u. Intona-
tionssysteme $ 21.
3) Vgl. z. B. Fürst N. TRUBETZKOJ Slavia I 1 14ff. Anders BuGA
Tauta ir 2od. II 480.
...%) Zuletzt war es der früh verstorbene K. BuGA, der in dieser Hin-
sicht wertvolles Material beibrachte: Lietuviu kalbos zodynas XXXV.
Aus der früheren Literatur vgl. J. ENDZELIN Zur Betonung der litauischen
Präsensstäimme KZ.51, 1—2, 8—9,
5) Vgl. auch das unklare böst neben böst mit einem geschlossenen
o == wahrscheinlich döst.
Die Intonation des slavischen Supinums 77
Wie sind nun die Tatsachen der slovenischen Schriftsprache
und der ihr verwandten Mundarten zu verstehen? Auch jetzt
scheint es mir möglich, die Supina bit (= schlagen), mit, krit
neben den Infinitiven biti, miti, kriti u. ähnl. als eine Verallge-
meinerung des Gegensatzes zu betrachten, der von altersher in
pit — piti, lit — liti u. ähnl. vorhanden war.
Mutatis mutandis bezieht sich dieses auch auf böhm. plati —
plat, kläti — klat u. ähnl. Vgl. auch die böhmischen analogen
Bildungen, wie nesti, vesti mit einer Länge, den langvokalischen
Infinitiven dieser Klasse analog. Was das slovenische mreti:
mret, böhm. mf&t anbelangt, so spiegelt sich hier — trotz Leur-
Spzawinskı!) — vielleicht gerade das Altertum wieder: *mertz,
aber merti > *merti' u. ähnl.
Ich komme jetzt auf die Einzelheiten der berührten Fragen
zu Sprechen:
1. Die Annahme von der Übertragung der Betonung von
den endsilbigen », » auf eine vorhergehende akutierte Länge in
Form einer zirkumflektierten Intonation wird von den Supina
und Partizipia praeteriti auf -/s, sehr nahe gelegt und findet eine
Stütze in Fällen wie urslav. *syn»: lit. sunäs, *zvero: lit. Zveris;
in den übrigen Kasus des Paradigmas fand eine Verallgemeinerung
der Betonung des Nom. Sing. statt; — für die Verhältnisse
*rybäks‘:*rybäka‘ u. ähnl. (— *a2o‘, *-aljo‘ usw.) läßt sich in
einem solchen Falle das Gegenteil vermuten — eine Verdrängung
der Intonationseigentümlichkeit der Form des Nom. Sing. durch
andere Formen des entsprechenden Paradigmas.
3. Andere Schwierigkeiten bieten die Formen der Partizipia
Praeteriti auf -lo (Sing. Neutr.) und die Pluralformen in den
Klassen, für die wir eine ursprüngliche Betonung des Wortendes
angenommen haben. Für sie kann man analogische Beeinflussung
durch die Adjektiva vermuten, wo der Nom. Sing. *nago', *Zivo',
*jüns: (vgl. lett. nuögs, dzivs, jauns) nach lautgesetzlichem Wandel
sieh die anderen Kasus und die Formen der Numeri nach dem
Paradigma *krivs, nom. sing. fem. *krivd, nom. sing. neutr. *krivo,
nom. plur. mask. *krivi usw. assimiliert hat, d. h. beide Paradigmen
1) T. LEHR-SPLAWINSKIO prasfowianiskiej metatonji 1918, 14—15.
78 L. BULACHOVSKIJ
sind schließlich in eins zusammengeschmolzen. Nachdem die Ana-
logie der Adjektiva sich der einsilbigen Stämme der Partizipia
Praeteriti bemächtigt, d. h. nachdem sie einen Typus: *lile, *lla,
*Jlo, *lli usw. gebildet hatten‘), konnte sie sich auch weiter auf
die Klassen *lovils > lo'vile, *lovild > lovila‘, *lovilo‘, *lovili‘,
*koväls, *kovald, *kovalo‘, *kovalı‘ ausbreiten, um so mehr als auch
in den Adjektiven Verhältnisse wie *pro'seno Nom. Sing. Fem.
prosena‘, Nom. Sing. Neutr. *pro‘seno u. ähnl. bekannt waren,
vgl. russ. npocandü, skr. prösen, -a, -0, sloven. prosen?).
3. Besondere Behandlung erheischt die Betonung im Nom.
Akkus. Plur. Neutr. — Slov. lovila, dajäla und ähnl. Der fest-
gesetzten Meinung zufolge (vgl. van Wısk Roczn.Slaw. IX 8081),
zog das *-@ der Flexion, als ein akutierter Vokal, schon in den
frühesten Zeiten der Geltung des DE SAussuURE-FoORTUNAToOV’schen
Gesetzes die Betonung auf sich. Ich bin jetzt auch geneigt zu
glauben, daß die neue Intonation der Länge (neuakutierte) im
Nom. Akkus. Plur. Neutr. nur eine sekundäre, wenn auch, wahr-
scheinlich, urslavische Erscheinung ist und auf einen Akut zurück-
geht. Deshalb halte ich es für wahrscheinlich, daß die slovenischen
Formen unter dem £influß der Formen lovile, dajäle aufgekommen
sind, mit denen sie im Gebrauch wechseln?).
4. Nur ein relatives Interesse im Gesamtbilde der Tatsachen,
die zur Begründung der Hypothese von der Endbetonung einiger
Partizipia Praeteriti im Urslavischen dienen, bieten die Einzel-
fälle der Abweichung in den einzelnen slav. Sprachen und Mund-
arten: serb. gnäla, tkala; slov. gnala, tkäla (*< yndla, < *tkala)
1) Serb. ddlo, dali, b£lo, bili und ähnl. bulg. zlo‘, bill" bieten Neu-
bildungen, die den Adjektiven parallel sind: $tok. mlddo unter dem
Einfluß mldda u. ähnl. Vgl. ragus. dio, ilo, bla, dö, dälo, dala. IvSıc's
Meinung (Rad 197 (1913), 99), daß die posav. dio, bila, bilo, däo,
däla, dälo älter seien als die im Russischen, Slovenischen und eben auch
im Serbischen vertretenen Typen, ist unwahrscheinlich: in den posav.
bila, Bilo, däla, dälo ist die Analogie mit den Infinitiven recht klar.
2) Uber die Notwendigkeit für die Klasse „slov. -iti, Präs. -{m*
im Urslavischen die fallende Intonation des -i- im Partiz. Praeteriti
anzunehmen, siehe N.vANWIJK „K% dopmams poauaa, ponnacäanr.n“
(Mass. XXTII 1, 1918, S.106—112) und desselben „L’accentuation de
l’aoriste slave* (Revue des ötudes slaves III (1923) $. 33).
3) Vgl. T. Propuuckiä Jlekuim 10 CHABAHCKOMY ABbIKoBHaHilo I 474.
Die Intonation des slavischen Supinums 79
— TUS8. ena.ıa‘, mrana‘ (neben mxa'sa). Schwankungen in den
entsprechenden Formen zeigen sich unter dem Einflusse der Ana-
logie sogar im Bereiche verwandter Mundarten des Slovenischen:
so finden wir in I. SchEinise's Beschreibung der Rosentaler Mund-
art, entsprechend der urslavischen Intonation der Partiz. Praeter.
auf -!o, das Supinum pät (Infinitiv -pöt’= singen): russ. pe’la,
während die Mundart von St.-Georg davon abweicht: p&ti — pet;
vgl. auch pel, pela in Obersteier (Rad CX).
5. Ich weise darauf hin, daß interessante Tatsachen, die sich
auf die uns hier interessierenden Erscheinungen beziehen, von
der Terso-Mundart der slovenischen Sprache geboten werden,
deren Texte J. BAupovIn DE CouRTEnAY C6opHnk Orzbn. Pycer.
As. LXXVIII herausgegeben hat. Auf den ersten Blick können
sie den Anschein hoher Altertümlichkeit erwecken und scheinen
in direkter Beziehung zu den Zeugnissen der baltischen Sprachen
zustehen, und dennoch sind sie aller Wahrscheinlichkeit nach relativ
späten Ursprungs: biti' = sein (263, 512, 563, 597 u. a.)!), stortu‘
(96, 436, 968 u. a.): vgl. slov. storim (Präs.), podlostv‘ ($ 281 u. a.):
vgl. slov. podlozim, und dementsprechend -blo’ (538), storlo‘ (561,
571), lozlo‘ ($ 166), podlozle’ (622) u. ähnl. Parallelformen bit
(496 u. a.), lozit> (290), nalwozu = nol62il (863), sto' ruw = störil (15)
und ähnliche lassen in den ersteren den Rückschlag des Einflusses
der endbetonten Formen der Partizip. Praeteriti erkennen mit
dem ursprünglichen Akzent im Sing. Fem. vgl. südruss. vZat’sa’,
rodit’$sa‘ unter dem Einflusse von vZalsa”.
6. Die Formen des Indik. Präs. weisen, wie wir gesehen
haben, Beziehungen zu den Eigentümlichkeiten der Supina auf.
In dem Typus-Infin. S. *myti, *liti: präs. *m3jp, *löjp hat die serb.
Literatursprache die Stammbetonung verallgemeinert: bijem,
pljem usw. Aber die Zakavische Mundart, das Slovenische und
das Russische sprechen einstimmig für die Nichtursprünglichkeit
einer solchen Übereinstimmung. Im Cakavischen (Novi): ubijen,
umijen se, Sijen, aber pijen, zavije. Wesentlich dasselbe finden
wir im Slovenischen: bei der alten akutierten Intonation — Be-
tonung des Stammes (neuzirkumflektierte Intonation " °); bei
1) Die Hinweise auf die hier und weiter unten angeführten Bei-
spiele bieten kein systematisches Verzeichnis.
80 L. BULACHOVSKIJ
zirkumflektierter — eine zurückgezogene(‘): bijem, po@tjem, krijem,
mijem, rijem; 2. gnjijem, lijem, pijem, vijem (vgl. auch ljem,
ljemd u. ä.). Das Russische hat in Fällen einer akutierten Intona-
tion die Betonung auf dem Stamm bewahrt, aber nur wenn dem
Stammvokal ein Sonorlaut voranging; in Fällen zirkumflektierter
Intonation iällt die Betonung auf die Endung.
1. vo‘ ju, kro‘ju, mo'ju, no’ju, ro'ju, br’e‘ju, aber b’ju‘, Su‘;
2. vw, gniju‘, Lju‘, pw").
Eine Abweichung bietet nur das Verbum vijem im Slovenischen:
dem Russ. vo'ju entsprechend würde man *vijem erwarten, und
das Cakav. hat vije ‚ber‘ (Novi) neben zav2je, Ibd.
Die gegebenen Tatsachen sind in dem Sinne zu verstehen, daß
der Typus l#jo° von altersher oxytoniert, und bö‘jg barytoniert ist.
7. Dem Typus *kovati, *plovati entsprechen im Urslavischen
wahrscheinlich zwei Arten von Betonung des Indik. Präs.: vg].
Cakav. (Novi) kajen, kajes, russ. kuju‘, snüjen, russ. snuju‘ und,
anderseits, ir“; im Slovenischen ist die erste Art verallgemeinert,
im Stokavischen die zweite. Was das Russische betrifft, so haben
wir hier ein Schwanken: pl’uju‘, suju‘ neben pl’u‘ju (Puskin:
„yet, mmoer Ha men“, „U mmoer Ha aıTapb, TNe TBOÜ OTOHb
ropur‘‘), su‘ju. Den litauischen Partiz. Präs.: spjdujqs und Saujas
nach zu urteilen, könnte man in su‘ju, pl’u‘ju Reflexe von Formen
mit akutierter Stammlänge vermuten?); darauf zu bestehen ist
jedoch schwer, da su‘ju, pl’u‘ju auch unter dem Einflusse von
su’nu, plu'nu entstehen konnten. Dem oben Gesagten gemäß
muß man die Supina und Partiz. Praeter. auf -/» mit den Reflexen
des Zirkumflexes nur in den Typen, die im Indik. Präs. die End-
betonung haben, für lautgesetzlich halten.
8. In gewissem Verhältnis mit der Intonationsdifferenzierung
der Supina stehen Betonung und Intonation der Aoriste, Gegen
van Wıse’s Meinung (Revue des &tudes slaves III. L’accentuation
de l’aoriste slave) sehe ich in den literar. Stokavischen Formen
der 2.—3. Person Aoristi im wesentlichen den Reflex der ur-
1) Ukr. u. ‚weißruss. $y’ju und russ. dialekt. m’ju‘ spiegeln die
Schwankung zwischen beiden Gruppen wider.
2) Vgl. A. BREZNIK Archiv f. slav. Phil. XXXII 422 ff., T. LEOR-
SPLAWINSKI O prasiowiauiskiej metatonji 12.
Die Intonation des slavischen Supinums 8
slavischen Verhältnisse: vgl. t/nu (vor der Zeit der Wirkung
des DE SAUSSURE-FORTUNATOV’schen Gesetzes lag im Urslavischen
die Betonung auf der Stammsilbe), pisa (im Urslav. vor der Zeit
der Wirkung des DE Saussure’schen Gesetzes *pisa), stupa (aus
*stopa), jea (ursl. *j6%a); das Gegenteil ist in den Typen der Fall,
die von altersher am Ende oder auf dem Klassenmerkmal be-
tonbar waren: örä (üzora), köva (dkova), igrä (zäigra), chvalı
(zächvalı), nöst (pönost), gövor? (pögovor?), üeL (pour), dYza (zädrza).
Eines Kommentars bedürfen vor allem töna neben tinu. Ich
meine, daß die Verba auf -ng- schon zu Anfang ihrer urslavischen
Existenz zweierlei Typen angehörten: einem — mit Suffixbetonung,
dem alt.-ind. krnati!) entsprechend, und einem anderen mit Stamm-
betonung: vgl. die Verhältnisse *gybnöti: tegnöti > tegng'ti. Diesen
zwei Typen entsprechen im Russ. tolknu‘ — tolkn’o's neben !’anu' —
ta'n‘es. Es ist sehr wahrscheinlich, daß die ursprünglichen Ver-
hältnisse stark verwischt sind: wenn man z. B. nach dem Russ.
to'n’es, sloven. tones urteilen sollte, so würde dieses Wort dem
zweiten, und nicht dem ersten T'ypus angehören ; aber im Serbischen
fand im Aorist eine neue Verteilung von alten Schwankungen
zwischen den beiden Typen statt, eine Verteilung, die sich nach
dem Unterschiede der Länge- und Kürze-Typen richtete. (Den
Ausgangspunkt könnte die Klasse -ati:-ajg geben).
In den Verben auf -ati, -ajg tritt der Unterschied der Be-
tonungstypen deutlich hervor — *stgpajp (sloven. stgpam, takav.
stupäm, bulg. st#' pam) und *kopajo (slov. kopam, takav. kopam,
bulg. kopa‘ja). Wenn wir hierin, wenn auch nur teilweise, die
Fortsetzung ursprünglicher Unterschiede der Betonungstelle haben
(vgl. slov. igram, bulg. igra‘ja — Denominativum von *igra‘) so
erwarten wir, unserer Annahme gemä3, im Serb. köpä, aber
stupa.
Die Klasse slov. -iti, -im wurde von van WısK (Arch. f. sl.
Phil. XXXVII S.1ff.) als eine vormals stammbetonte betrachtet.
Im Ganzen dürfte es wohl kaum so sein: -imo’, -ite' im Präs.
sprechen gegen eine solche Vermutung; doch ist ein beträchtlicher
Teil des jetzigen Bestandes dieser Klasse wahrscheinlich das
Erbe alter stammbetonter Verba mit zirkumflektierter und kurz-
vokalischer Betonung, die in diese Klasse durch Analogiewirkung
Zeitschrift f. elav. Philologie. Bd. IV. 6
82 L. BULACHOVSKIJ
übergegangen sind (vgl. den nicht vorhandenen Typus mit aku-
tiertem betonbarem -i- im Präsens).
Die Verba auf -&ti (resp. *-ati) mit dem Präs. auf -i- waren,
entgegen van Wısk’s Meinung (vgl. Systeme, $ 21), , keineswegs
durchweg von altersher stammbetont (vgl. kype&'ti, b&Zati mit Re-
flexen der Akute im Stamme, wie man nach der Entstehung
dieser Vokale aus idg. langen Monophthongen glauben kann).
Vgl. auch das oben vom Supinum sedet!) Gesagte.
Die meisten Schwierigkeiten bietet die Erklärung gerade der
Fälle, in denen die Parallele mit den slov. (dialekt.) Supina und
Partiz. Praeter. am vollständigsten ist: die 2.—3. Pers. des Aorists
bi = von biti ‚schlagen‘, klä, && neben pi, bra, pri2gä (in St.-Georg
pit, brät, Zgät)?).
Bi, &u sind wahrscheinlich nicht ursprünglich, da wir in ein-
silbigen Formen eine Verlängerung erwarten. Am besten sind
sie auf die Präfixformen zurückzuführen: *pobi, *zadu, StoK. pöbt,
zücu und ähnliches.
Wie schon LEHR-Spzawınskı Ze studjöow nad akcentem slow.
16—17, 27 vermutete, muß man hier in erster Reihe an den Ein-
fluß der abgefallenen *ss, *st denken. Es ist möglich, daß nur
*& sich frei von diesem Einfluß erwies (vgl. Aorist öämje; in dieser
Klasse ist es schwer eine ursprüngliche Stammbetonung anzu-
1) Russ. sö’d’a, weißruss. $e'dz’a, slov. sede konnten nach Ana-
logie mit ?o'Za, sto‘ja entstanden sein. Dies ist besonders wahrschein-
lich in Anbetracht des russ. (späteren) $'d’a.
2) Ein bedeutender Teil der schwankenden Fälle ist von van WUK
verzeichnet (Rev.d. &t.sl. III 39, 41—42). gnj2, gnytla — russ. gnila' ‚slov.
gnjit, gn& — im Slov. entsprechend gnäla (mit neuzirkumflektiertem ”),
in St.-Georg gnät, aber russ. gnala‘, tka und tka (das letzte bei
DanIcCıo), im Slov. tkäla, in St.-Georgen tkät, russ. tka'la und tkala’
(vgl, N. Ornenko, Pycckoe ınreparypnoe ynapenne 2. Aufl. S. 77), sra,
slov. sräla, aber res. ösrou u. dgl. (Bonyau-ge-Kyprena Onsır $ 160);
Supinum srüt auch bei VALJAVEC, vgl. resian. t? srät ($ 93); da (und
da bei Danıörc), russ. dala‘ und ähnliches in den anderen Sprachen ;
serb. &u, cula, ukr. du'la, neben slov. &ü2. Im Slovenischen weist auch
das Präsens auf ursprüngliche Endbetonung: cijem (siehe die Be-
richtigungen zum Lexikon von Pleterfnik Il; bei BREZNIK Arch.
XXXIT 418 — ciüjem) abweichend die Formen -dbü, izü. Über die
mit dem Präs. obujem verbundenen Schwierigkeiten siehe van WISK
IF. XL 267.
Die Intonation des slavischen Supinums 83
nehmen). Von den betonten @, i usw., die vor den abgefallenen
ss, st eine zirkumflektierte Intonation erhalten hatten, wurde die
Betonung, als eine zirkumfiektierte, nach vorn zurückgezogen;
die Vokale jedoch, die vor der Zeit der Wirkung des pr Saussurk-
Forrunarov’schen Gesetzes nachtonig waren, hatten ihre akutierte
Intonation bewahrt. In Fällen, wo dank der Akutiertheit des
Stammvokals eine Übertragung auf die Suffixsilbe nicht stattfand,
behielt der nachtonige Vokal seine Länge: glödä, gäzt u. a. m.
(außer dem Reflex *&: vidje). Übrigens ist die Möglichkeit nicht
ausgeschlossen, daß diese letzten Formen einfach analogischen
Ursprungs sind: vgl. pögazi, pögledä, pögina mit einer Übertragung
des Akzentes nach dem Anfange zu, die bei akutierten Stämmen
lautlich unerklärbar ist.
Aus dem Gesagten erhellt, daß die Formen der 2—3 Sing.
Aoristi in Ozrinici mit durchweg zurückgezogener Betonung:
krenu, ökrenu, pita, ispita u. a. m., nur, entgegen van WıJsk’s
Meinung, als solche erscheinen, die als Resultat einer Analogie
hervorgegangen sind, gerade so, wie nach van Wı,e’s Einge-
ständnis in diesem Dialekte die Formen wie pötu und ähnliche
ebenso analogisch entstanden sind (Rev. &t. sl. III 44—45).
9. Einen gewissen Parallelismus mit den Supina und Partiz.
Praeter. auf -!» bildeten, wie man vermuten kann, die Partizipia
Praeter. Passivi. Aber das Altertümliche ist in diesen Formen
teilweise nur im Russischen erhalten: pro’Zyt, pro'lit, aber prisy't,
promy't, pribi‘t und wahrscheinlich im resianischen Dialekt der
slovenischen Sprache: pökrytö (Bonyau-ne-Kyprens, Onsır done-
TUKH Pe3bAHCKuUX TOBOpoB $ 135, vgl. auch $ 231), ubyta ($ 136),
parsita (8 136). Eine Spur von Altertümlichkeit finden wir auch
im Cakavischen (Novi): sköpan, skopänä‘), aber pitän, pitäna
Beuı6 S.-A. S. 66—67). Im Übrigen bieten die Part. Praet. Pass.
viel Strittiges und verdienten noch eine spezielle Untersuchung.
Charkov L. BuLacHovskıJ
1) Es ist beachtenswert, daß es auch in russ. Dialekten, die o/uo
aus *5/*ö unterscheiden, in diesen Formen Hinweise gibt auf eine In-
tonation, die der zirkumflektierten parallel ist: xo’sana), Gxo'nanaza,
cro' man — vgl. Sacamarov L&ka Mas. XVIIT 4 8. 182.
6*
84 V. ÜERNOBAJEV
Studien zu Krasinski’s „Irydion“
I.
Der „Irydion‘“ und Schiller’s „Fiesko“
Aus dem Briefwechsel Krasinski’s geht hervor, daß er von
allen Dramen Schiller’s Die Verschwörung des Fiesko fast am
meisten schätzte. Einigen Forschern (Pısı, Koszpas) ist das
bereits aufgefallen. Auch Krasinski selbst gab zu, daß ein ge-
wisser Zusammenhang zwischen dem Schiller’schen Fiesko und
seinem Irydion besteht; er bezeichnet nämlich in einem seiner
Briefe den Fiesko als den „fröhlichen Irydion“ und den Irydion
als den „traurigen Fiesko“!). Denn Fiesko bemüht sich ja tat-
sächlich gleich Irydion, durch eine Verschwörung zur Macht zu
gelangen, obgleich die Ziele der beiden verschieden sind. Diese
Übereinstimmung im Thema der beiden Stücke läßt vermuten,
daß Krasinski aus dem Fiesko entlehnt hat und zwar nicht nur
Einzelheiten und Stilmittel, sondern auch wesentliche Motive.
Diese erstmalig von Pını hervorgehobene Übereinstimmung besteht
zwischen der neunten Szene des ersten Aktes bei Schiller und
der vorletzten Szene (zwischen Irydion und dem Gladiator) des
ersten Aktes bei Krasinski. Pmı hat diese Parallelen nur ge-
streift, ohne die Gründe für die von Krasinski vorgenommenen
Abweichungon zu erklären. Auch Kopzoas füllt diese Lücke
nicht aus, da er sich nur auf einige allgemeine Bemerkungen
beschränkt?).
Eine Umgrenzung der Einflußsphäre Schiller’s auf Krasinski
ist durchaus möglich, wenn man die allgemeine Konzeption in
Betracht zieht, die dem Irydion zugrunde liegt; Pmı war sie
noch nicht bekannt?) und KoszpAs beachtete sie nicht bei seiner
einseitigen Auffassung des deutschen Einflusses auf Krasifski.
Der Gladiator Krasinski’s ist, wie es sich später herausstellt,
1) Tygodnik illustrowany 1899 II 8. 668.
2) Vgl. Pını Studyum nad genezg Irydiona Z. Krasinskiego Lem-
berg 1899 8. 62—63. KoBzpaJ Z. Krasinskiego twörezos& w stosunku
do literatury niemieckiej in Ksiega pamiatkowa ku uczezeniu setnej
rocznicy urodzin Z. Krasinskiego II S. 58. Leider ist mir die Arbeit
M. SZyJKowskT's „Schiller u. Polsce“, Kraköw 1915 bisher unbekannt.
3) Erstmalig darauf hingewiesen hat GERSTMANN vgl. Pamietnik
u. Sur
Studien zu Krasinski’s „Irydion‘“ 35
ein Nachkomme des ruhmreichen Scipionengeschlechts. Er war
zu Irydion von einem homo novus (Plebejer, der sich zu einer
Staatsstellung emporgearbeitet hat) geschickt und bestochen
worden. Es ist Accius Rupilius, der nach dem Leben des Irydion
trachtete. Nach den Worten des Gladiators hatte Rupilius zu
ihm gesagt: „Miasto darcia sie z tygrysem zamorduj Greka, a
bedziesz wolnym“!). Aber der Gladiator entsagt sofort seinem
Vorhaben und wirft den Dolch fort. Er tut es nicht aus Feig-
heit, sondern weil er sich der Niedrigkeit einer solchen Handlung
bewußt wird. — „Lecz ten, ktöry mnie przyslal, sto raz gorszym
jest od ciebie“, sagt er zu Irydion?). Der Mohr Schiller’s kennt
nicht diese edelmütige Regung; er wird als bewußter Narr ge-
zeichnet und, wenn er auch zu Fiesko übergeht, wie der Gladiator
zu Irydion, so tut er es durchaus nicht aus edlen Regungen.
„Braucht mich, wozu Ihr wollt“ sagt er zu Fiesko, „zu Eurem
Spürhund, zu Eurem Parforcehund, zu Eurem Fuchs, zu Eurer
Schlange, zu Eurem Kuppler und Henkersknecht! Herr, zu allen
Kommissionen, nur bei Leibe! zu keiner ehrlichen — dabei be-
nehm ich mich plump wie Holz“?). Ferner unterscheidet sich
der Mohr noch dadurch von Krasinski’s Gladiator, daß er nicht
gleich seinen Plan aufgibt, sondern versucht, Fiesko einen Dolch-
stoß zu versetzen‘). Erst als Fiesko ihn an die Gurgel packt,
weicht er der Gewalt und nennt den Namen desjenigen, der ihn
gesandt hat (Gianettino) wie der Gladiator Krasinski’s. Trotz
der Verschiedenheit dieser Motive bei Schiller und Krasinski
kann doch kein Zweifel darüber bestehen, daß es sich um das
gleiche Grundsujet handelt. Die von Krasinski vorgenommenen
Änderungen berühren nicht den Kernpunkt, sondern sind nur
Anpassungen an den Gang der Handlung des polnischen Dramas.
Literacki 1912 und KLEINER Dzieje mysli Z. Krasinskieg Unterz.
meint die ideelle Beeinflussung durch Ballanche, die beiden Gelehrten
auffiel, obgleich sie den Irydion nicht unter diesem Gesichtspunkte
behandelten.
1) Z. Krasinski Pisma Wyd. Jub. Bd. 3 S. 182.
27 2.0.
3) Schiller’s sämtliche Werke Stuttgart - Tübingen 1844 Bd. II
S. 164.
4) a18..0.18,161;
86 V. ÜERNOBAJEV
Krasinski durfte den Gladiator nicht als einfachen Betrüger dar-
stellen; dieser mußte der Sproß eines angesehenen Geschlechtes
sein, damit dessen Abneigung gegen das kaiserliche Rom, auf
der das ganze Drama beruht, nuanciert werden konnte. Auch
Irydions Ziele standen höher als diejenigen Fieskos; deswegen
wollte Krasinski seinen Helden nicht beflecken, ihn nicht mit
einem Betrüger im Einvernehmen wissen. Irydion schickt nicht,
wie Fiesko den Gladiator, um die Meinung des Straßengesindels
zu erlauschen und es durch Geld für sich zu gewinnen; er erklärt
sich nur einverstanden, die Anhänger des Gladiators, die Nach-
kommen der Patriziergeschlechter, die das kaiserliche Rom ver-
achten — Verres, Cassius und Sulla!) unter seinen Schutz zu
nehmen. Über seine eignen Ahnen sagt Krasihski’s Gladiator:
„ostatniemu z naszych, o ktörym Swiat wiedziai, Nero zabral
zone, palac w Rzymie, imiona w Italii, Sycylii i Afryce i poslal
go na wygnanie do Chersonezu — syn jego po latach wröcil do
miasta o Zebranym chlebie“?). Bei dieser Schilderung war
Krasinski im voraus durch jene Voraussetzung gebunden, daß
die sozialen Gegensätze in Rom zu Beginn unsrer Ära sehr groß
waren; sie bilden auch das Grundmotiv des Irydion. Geneigt
alles Tragische und Finstere hervorzuheben, wie bereits KLEINER
in seinem oben zitierten Buch bemerkte, konnte Krasinski bei
dieser Szene nicht Schiller’s Stilmittel verwerten, nämlich den
Humor. Fast unmittelbar nach der Errettung aus drohender
"Todesgefahr (er hätte annehmen können, daß er nach dem miß-
lungenen Attentat hingerichtet werden würde), lacht der Mohr;
diese seine Sorglosigkeit macht sogar den Leser staunen. Un-
geachtet der soeben überstandenen Gefahr antwortet ihm auch
Fiesko im gleichen Ton; der ganze Dialog ist mit Humor, zu-
weilen sogar mit einem recht groben, durchsetzt. Fiesko sagt
z. B. dem Mohr: „Dich würd ich hängen lassen, wenn es mich
nur so viel mehr als zwei Worte kostete“®). Etwas weiter nennt
Fiesko den Mohren den „drolligsten Gauner“. Diese Art, den
Stil zu erniedrigen, verwarf Krasinski, weil sie dem Grundgedanken
1) Vgl. Wyd. Jub. Bd. 3 $. 184.
2) a.2. 0. 8.183.
3) Schiller a. O. 8, 162.
Studien zu Krasinski’s „Irydion‘ 87
”
seines Dramas widerspricht. Hieraus ergibt sich, daß trotz der
zeitweilig sehr starken Begeisterung für Schiller, dessen Einfluß
auf Krasinski doch nicht entscheidend war, nicht Wurzeln schlagen
konnte, denn er stieß auf die bereits gefestigte Weltanschauung
von Krasiriski. ‘Was dieses Gebiet anbelangt, hat Krasinski nichts
von Schiller entlehnt; er zog nur einige glückliche Stilmittel und
Episoden von Schiller heran, um sein Drama zu beleben. Doch
sobald diese Episoden weiter ausgebaut, in Zusammenhang mit
der ganzen Konzeption des Dramas gebracht werden mußten,
stießen sie unweigerlich auf gänzlich fremde Elemente und blieben
gleichsam Fremdkörper im Ablauf des Dramas. Diese Heran-
ziehung Schillers geht besonders klar hervor aus der Szene zwischen
Ulpianus, Alexander, Mammea und Irydion. Teilweise gestreift
hat sie bereits Koszpas in der oben erwähnten Arbeit (S. 57£.),
ohne bei weitem das hierher gehörige Material zu erschöpfen.
Mit großer Beharrlichkeit bemüht sich Ulpianus, die geheimen
Gedanken Irydions zu erraten und ihn als Verbündeten für die
Verschwörung gegen Heliogabal zu gewinnen. Diese Szene er-
innert stark an die siebente des ersten Aktes bei Schiller, wo
Verrina und die anderen Verschwörer Fiesko für sich gewinnen
wollen und von ihm ähnliche, dunkle Antworten erhalten wie
Ulpianus und Irydion. Ihre Absicht, Trauer um das Vaterland
zu tragen, nennt Fiesko „einen fröhlichen originellen Scherz“.
„Unser Vetter fängt an, ein witziger Kopf zu werden“',, Um
diesem Zwischenfall den Charakter eines einfachen Scherzes zu
geben, fügt er hinzu: „Hätt’ ich’s je gedacht, daß der finstere
Verrina in seinen alten Tagen noch ein so lustiger Vogel würde“?).
Die ausweichenden Antworten der beiden Helden hinterlassen
den gleichen Eindruck. Sakko sagt über Fiesko „Verrina, komm!
Er ist nimmermehr unser“?), und Ulpianus zu Mammea: „Albo
sztuka Danaöw nas zwodzi, albo go Jowisz odlal z kruchego
metalu“‘). Läßt man das von Krasinski bewußt eingeführte
Lokalkolorit, „die antike Stilisierung“ beiseite, so bieten Schiller
1) Schiller a. ©. Bd. 2 S. 158.
2) 2.2.0.
3) a.a. 0.
4) Wyd. Jub. Bd. 3 8. 161.
88 V. ÜERNOBAJEV
und Krasinski dasselbe Grundmotiv: den Wunsch der Verschwörer,
eine Persönlichkeit von Gewicht und Ansehen für sich zu ge-
winnen und deren ausweichende Antworten, welche die anderen
in Unentschlossenheit und Zweifel versetzen. Diese Ahnlichkeit
erfährt noch eine Vertiefung durch den Wunsch der beiden Helden,
die Rolle eines unbekümmerten Epikureers zu spielen. Während
Fiesko seine Rolle konsequent durchführt, steht sie bei Irydion
in einem gewissen Widerspruch zu seinen eignen Worten (aus
der gleichen Szene), aus denen sich ein hoffnungsloser Pessimis-
mus zeigt. „Szlachetni Rzymianie! Zna& was nade wszystkich
ukochaly bogi, kiedy wam zostawily nadzieje. — Lecz wezesniej
czy pözniej na was i na mnie przyjdzie koniec jeden — $miere
i zapomnienie!)! Im Plane Krasinski’s hätte diese hoffnungslose
Stimmung Irydions und dessen Epikureismus als Maske dienen
müssen zur Verdeckung seiner wahren Ziele, meint Koszpas. Unterz.
kann dem nicht ohne Vorbehalt zustimmen: Die pessimistische
Stimmung Irydions findet sich nicht nur in der eben behandelten
Szene, sie durchzieht das ganze Drama; ihre Motivierung findet sie
in der von Krasinski tief durchdachten „Philosophie des Leidens“,
die auf eine eingehende Lektüre der Werke von Ballanche zurück-
geht. Irydions Pessimismus kann daher nicht nur Maske, sondern
muß wirklich sein. Auch vom Aufbau des Dramas aus geurteilt,
wäre es seltsam, so widersprechende Stimmungen wie Pessimismus
und Epikureismus zu bieten. Für die Entwicklung des Dramas
wäre es natürlich besser gewesen, wenn Krasinski nur den Pessi-
mismus in verschiedenen Nuancen als die beherrschende Stimmung
Irydions gewählt hätte. Mit einer pessimistischen, etwas utrierten
Grundstimmung hätte Irydion tatsächlich leicht die „Rolle spielen“
und dadurch selbst den durchdringenden Ulpianus täuschen können.
Die Anwendung dieses Stilmittels wäre ganz analog dem gewesen,
was Schiller tat, als auch er' seinen Fiesko auf Grund einer
Eigenschaft, die ihm zweifellos, wie der ganze Gang des Dramas
zeigt, eigen war, für diesen Zweck aber absichtlich utriert ist,
seine Rolle spielen ließ (der Epikureismus des Fiesko). Krasitiski
1) Wyd. Jub. Bd. 3 8. 161.
Studien zu Krasinski’s „Irydion“ 89
spielte Rolle durch zwei einander widersprechende Eigenschaften
und nimmt dadurch der ganzen Episode jene Geschlossenheit,
Straffheit und den Zusammenhang mit dem Aufbau des ganzen
Dramas, die zweifellos in den entsprechenden Schiller’schen Szenen
vorliegt. Krasinski unterlag hier eben mehr, als es geschehen
durfte, dem Schiller’schen Einfluß. Wenn er sich nur auf die
Entlehnung des Stilmittels „eine Rolle spielen“ beschränkt hätte,
wäre der dramatische Gewinn groß gewesen. Doch für die An-
wendung dieses Stilmittels begeistert, entlehnte Krasinski die
entsprechenden Stellen auch inhaltlich; daraus entstanden große
Schwierigkeiten, weil Unterschiede in der Weltanschauung der
beiden Dichter bestanden. Krasihski war nicht imstande, diese
Schwierigkeiten zu überwinden; die Episode über den Epikureis-
mus des Irydion trägt daher einen unbeständigen, aufoktroyierten,
sogar widerspruchsvollen Charakter.
Nicht einmal vorübergehend kann Irydion den Eindruck
eines Epikureers erwecken. Bereits zu Beginn dieser Episode
über das Epikureertum zeigt sich, daß sie nicht dem allgemeinen
Gang der Handlung entspricht: der Leser erfährt darüber aus
den an Irydion gerichteten Worten Ulpians!), während die ganze
vorhergehende Darstellung hierfür keine Anhaltspunkte bietet;
es wird mehrfach sogar sein radikaler Pessimismus erwähnt.
Vgl. z. B. Irydion in der gleichen Szene: „Lucius Mummius nic
nam nie zostawil pröcz rozkoszy i Smierci“. Vergleicht man
diese zwei einander widersprechenden Elemente im Irydion, so
läßt sich daraus nur der Schluß ziehen, daß das zweite an-
geschwemmt ist, sich schlecht in den Gang der Handlung fügt
und mechanisch aus Schiller übernommen wurde. Nur zum Schluß
dieser Episode erhält der Leser durch Irydion selbst die Be-
stätigung, daß dieser ein Epikureer ist: „Czeka na mnie grono
przyjaciöl u stöp Awentynu i zastawiona biesiada i nowe jakies
piesni sykulskiego poety. — Ide ich sluchad by predzej ulecial
czas, ktöry nam ciezy“?), sagt Irydion. Trotz der antiken Um-
hüllung ist es natürlich nicht schwer, die Grundzüge des Schiller'-
schen Dramas zu erkennen. Auch Fiesko gibt im ersten Akte
1) Vgl. Wyd. Jub. Bd. 3 8. 160.
2) a. 0. $. 162.
90 V. ÜERNOBAJEV
ein Festgelage. „Leben heißt träumen,“ sagt er zu Lomellino:
„weise sein, heißt angenehm träumen. Kann man das besser
unter den Donnern des Throns, wo die Räder der Regierung
ewig ins gellende Ohr krachen, als am Busen eines schmachtenden
Weibes? Gianettino Doria mag über Genua herrschen. Fiesko
wird lieben“!). Als Fiesko Unzufriedenheit unter einigen Gästen
bemerkt, gibt er den Befehl, den Ball wieder schneller zu be-
ginnen, die Becher zu füllen; er bietet den Gästen die verschie-
densten Zerstreuungen; zu Verrina sagt er darauf: „Du bist der
ewige Grillenfänger. Mag er (Doria) Genua in die Tasche stecken
und an einen Caper von "Tunis verschachern, was kümmert’s uns?
Wir trinken Cyprier und küssen schöne Mädchen“?). Es bedarf
keiner näheren Erörterung darüber, wie glänzend dieses Motiv
bei Schiller entwickelt ist; zweifellos hat Krasinski gerade hier-
aus entlehnt, da diese Szenen einerseits bei Krasinski keine neuen
Züge gegenüber Schiller aufweisen und andrerseits die aus Schiller
gemachten Entlehnungen in offnem Widerspruch zum Gang des
Dramas stehen und daher nur sporadisch vorkommen. Darauf
beschränkt sich auch der Einfluß Schiller’s auf Krasihski. Das
Bestreben Koszoas’s, den Einfluß Schiller’s auf die ganze Kon-
zeption und den Aufbau des Dramas auszudehnen, ist unbegreif-
lich. Für die Konzeption verfügen wir über andere Quellen, die
mit Schiller nichts zu tun haben und in vielem von ihm ab-
weichen. Die Behauptung Koszpas’s, auch Fiesko beruhe wie
der Irydion auf einer Verurteilung der Idee der Rache?), ent-
spricht nicht den Tatsachen. Erstens müßte erwiesen werden, daß
dem Irydion dieser Gedanke zugrunde liegt, was niemand bisher
getan hat; zweitens beruht jedenfalls der Fiesko nicht auf diesem
Gedanken. Der Fehler von Koszpas ist verständlich — ein jeder
Versuch, das Gebiet des Schiller’schen Einflusses über die be-
sprochenen Punkte hinaus auszudehnen, muß mißlingen aus
Gründen, die bereits oben besprochen wurden.
Petersburg V. CERNOBAJEV
1) Schiller a. O. Bd. 2 8. 156.
2) Schiller a. O. Bd. 2 $. 158.
3) Vgl. den oben erwähnten Aufsatz 8. 58f.
Beiträge zur slavischen Grammatik 91
Beiträge zur slavischen Grammatik
2. Zum ostslavischen Wandel von anlautendem (jJ)e
zu 0-.
Der Streit zwischen Durnovo Slavia III 225#f. und Iusnskıs
daselbst II 232ff. IV 387ff. hat den letzteren Gelehrten dazu
geführt, auch mittel- und neugriechische Ortsnamen slavischen
Ursprungs zugunsten seiner Ansicht zu verwerten, daß der o-Laut
von russ. ozero einer vorrussischen Lauterscheinung seinen Ur-
sprung verdankt und nicht spezifisch russisch ist. Wenn ein
Slavist nun von Insmskıs hört, daß ein ON. ’O&eods auf griechi-
schem Boden bezeugt ist, so wird er großen Wert darauf legen
zu erfahren, wie das anlautende o- dieser Form vom Standpunkt
des Gräzisten beurteilt wird. Iusınskıs Slavia IV 392 hält es
für sicher, daß ’O&soog auf slavischem Boden entstanden ist. Es
muß nun vom Standpunkt der spätgriechischen Lautgeschichte
untersucht werden, wie ein anlautendes o- im Griechischen zu
beurteilen ist. Tut man das aber, dann ist das Ergebnis für
Insınsk1s’s Lehre außerordentlich ungünstig.
Wir haben allerdings Fälle im Neugriechischen, wo anlauten-
des o- für altgriech. o- erscheint. Es fragt sich nur, ob das
immer der Fall ist. Wenn man dann aber auf Fälle stößt wie:
6rouuos!) für Eroımog, 6Aeprsoog (Kalymnos) für &Asvdsoos, Opxeı-
00g für söxaıgog, Öxyroög für Eydoog, Öuoopog für Eduoppos, bonldn
für &iniko, dorld« für EArlda, durgos (Kreta) für Zumoos, doun-
vevo für Eounvedo usw. (s. Harzıparıs Einleitung in die neu-
griech. Gramm. 329ff.), — dann wird man zugeben müssen, daß
anl. o im Griechischen auch auf älteres & zurückgehen kann und
man wird sich nur über die Sicherheit wundern, mit der ILsmsk1J,
ohne die spätgriechische Lautentwickelung zu übersehen, diese
Möglichkeit in Abrede stellt. Schon Harzıparıs a. a. O. hat nach-
gewiesen, daß spätgriech. &- unter satzphonetischen Bedingungen
zu ö- werden konnte, was besonders begreiflich ist nach der
Feststellung dieses Gelehrten, daß im Sandhi ein o im Spätgriech.
1) Der Spiritus asper ist natürlich nur graphisch, da das Grie-
chische ihn schon in einer Zeit eingebüßt hat, die weit hinter dem
Beginn der Berührungen von Griechen und Slaven liegt.
92 M. VAsmER
„stärker“ ist als ein e. Bei 6 'E£eoos lag eine Entwicklung zu
’Oteodg besonders nahe. In der Tat findet sich in griechischen
Ortsnamen auch die Form mit anlaut. &-"): ”Egeo Episkopat der
Metropole Larissa 1371, Mixvosich-MÜLLer Acta et dipl. gr. I
Nr. 325, ’E£so« Episkopat der Metropole Lakedaemon 1340, Mıkr.-
Müruer I Nr. 97, ”Eteostg ON. Florina Kr. Kastoria, ’E&soireı
am Taygetos um ’E£so6v s. Hopr in Ersch und Gruber’s Enzykl.
Bd. 85 S. 127, FaLumeraver Gesch. Moreas I 273 II 71ff. Ich
halte es daher vom Standpunkt der spätgriechischen Lautent-
wicklung für sehr gewagt, auf Grund von O&eoös ein balkan-
slavisches ozero anzunehmen, solange ein solches nicht auf Grund
eindeutiger südslavischer Belege gesichert ist. Ein Gräzist wird
keine Schwierigkeiten darin finden, eine Form O&soog auf slavisches
ezero zurückzuführen. Die Form ’O&eoog ist auch nur in einem
älteren Beleg überliefert, der aber auch aus einer Zeit stammt,
in der bereits mit diesen Sandhierscheinungen gerechnet werden
muß, nämlich: ’O&soög „See, an dem die Stadt Jannina liegt“
Chronik von Morea (15. Jahrh.) ed. J. Schmitt s. v. Sonst findet
es sich in den modernen Formen: ’O&eoög Meydin und Mixo« in
Akarnanien, HıLreroıng Co6p. coy. I 291 und ’O&eoös Phthiotis
Kreis Avvıddog Zr. Ar. Noyy.
Aus südslav. ezero sind auch noch ein paar andere Orts-
namen in Griechenland entlehnt. Nämlich: Neteo« „Tal, das vom
Kamenitsa-Fluß durchströmt wird“, Prıuıpprson, Peloponnes 259,
‘Neßeo6 ON. Achaea unweit von Sopotön, Kr. Aroania s. Faun-
MERAYER Gesch. Moreas I 322. Davon abgeleitet: Ne&soltix«
ON. Achaea Kr. Patras As&. Endlich noch: Ne&soög ON. Larissa
Kr. Olympos Zr. 4x. As£. (bei Novy. heißt es Nı&so6s, wo sich
das i durch die nordgriechische Vokalverengung aus e leicht er-
klärt), In diesen Fällen erklärt sich das anlautende » durch
Sandhiverhältnisse etwa in einer Verbindung wie eig rov ’E£sgov.
1) Im Folgenden gebrauche ich folgende Abkürzungen: Ast. —
Astınov ov Önumv... nel ovvorxioußv ng EAAaddog Athen 1923.
MIKLOSICH-MÜLLER Acta et diplomata graeca Wien 1865 ff. Noyy. =
Novyanıs Neog 1ngoygapınög suive& Athen 1885. Zr. ’An. = Zrorı-
oTIXa Amorektouara TAS yevınjg dmoyoapig Tod mAndvouod rüg "EAAddog
Athen 1909.
Zur alten Geographie der slavischen Länder 98
Daraus Ne£eoö(r). Zahlreiche Fälle einer solchen Übernahme
des -» vom Artikel verzeichnet aus dem Neugriech. Gustav MEYER
in den Analecta Graeciensia. Festschrift zum 42. Philologentag.
Graz 1893 S.1ff.. Ich erwähne daraus v&öng ‚Hölle‘ (Kreta) aus
Göns, venge ‚Ende‘ (Kypros): öxo«, v&uuog ‚Sand‘ (Pontos): &uuog,
Nagr« ‚Stadtname‘: "Aora, vevAn (Syme): aöAr, verxinod ‚Kirche‘
(Syme): &xxinsie, vnorıd ‚Feuer‘ (Kypros): Norte, vorxoxdgrs:
olxoxdögıg, vovod ‚Schwanz‘: obo«, vöuog ‚Schulter‘: &uog usw.
Wiederum ist es wichtig, daß Ne$eodg vorliegt: hätten wir es
hier mit einem slavischen ozero zu tun, dann müßte dieser Name
*Nogeoög lauten. Eine solche Form ist aber nirgends belegt.
Diese Tatsache spricht ganz entschieden gegen die Iusınskıs’sche
Auffassung und muß uns zu der Überzeugung führen, daß die
oben erwähnten griechischen Ortsnamen alle auf ein AR be-
legtes südslav. ezero zurückzuführen sind. Auf den ostslavischen
Lautwandel selbst will ich in anderem Zusammenhange eingehen.
Berlin M. VAsMER
Zur alten Geographie der slavischen Länder
2. Bitol).
Den bulgarischen Namen Bitolj für die Stadt Monastir
in Mazedonien erklärt Iusınskıs Prace Filologiezne XI (1927)
190 im Hinblick auf den zweiten Namen aus *obvitolv, das er
mit abg. obitdl» für verwandt ansieht. Diese sprachlich durchaus
mögliche Deutung wird bedenklich, wenn man die Form Bovreslıs
für diesen Ortsnamen in einem Chrysobull von 1272 bei GoLu-
BINSKIJ Kparkan ucropim Ö6onr. cepöckof Mu PYMBIHCKOÄ HepkBu
Moskau 1871 S. 61 u. 259 berücksichtigt. Wegen dieses Beleges
halte ich die slavische Deutung des Namens für unmöglich. Wenn
der Name eine ähnliche Bedeutung hatte wie das später ihn
ersetzende Mov«orroı(ov), auch alb. Manastir, dann wäre man
versucht, ihn als illyrisch oder thrakisch anzusehen und zu lit.
butas „Haus“, apreuß. buttan „Haus“ zu stellen (wozu TRAUTMANN
Apreuß. Sprachdenkm. 41). Einen Versuch, Bitolj aus dem Alb.
zu erklären, hat schon Hann Alb. Studien I 272 Anm. 224 ge-
macht. Doch genügt das von ihm herangezogene alb. vito best.
94 J. MELıicH
vitoja „Taube“ lautlich nicht zur Erklärung von Bovrelıg und ist
selbst etymologisch unklar (vgl. G. Meyer Alb. Wb. 474). Die
Wortbildung -elis wäre noch zu klären, erscheint aber vom idg.
Standpunkt nicht schwierig.
Berlin M. VAsMER
Zur slavischen Wortforschung
1. Russ. Satero ‚Zelt‘, alt-serb. Sator» id. etc.
Sowohl bei Mir. EtWb. 30, wie auch hei Bern. EtWb.
1133 finden wir folgende slavische Wörter in einem Artikel
behandelt:
1. bulg. dadörs ‚Zelt; Regen-, Sonnenschirm‘ GEROV, MiC.-LAvR.,
Weıc.-DoR. | serb. dädor (Gen. cadora VuX®; Formvariant: cCätor,
Gen. &atora Agramer Rjecnik) ‚Zelt‘. Belege seit der Wende des
18.—19. Jahrh.; das Wort scheint im kroatischen Teile des Sprach-
gebietes nicht vorzukommen.
2. russ. dial. (im Kaukasus) dadrd@ ‚langer Frauenschleier‘ PAwL. |
klr. eddra ‚Schleier der mohamedanischen Frauen‘ BERN. EtWb. I 133.
3. kirchslav. (russ., bulg., serb. Redaktion): *sators (vgl. Satore
Lex. p.), Saters, Saters, Satord (dekliniert: Satre, Satry Lex. p.) ‚taber-
naculum‘ || vgl. alt-serb. Sator® ‚tabernaculum‘ Dan. Rje£. iz star. srp. |
alt-russ. Saters, Saters, Sators (dekliniert: Satory, Satra, Satre; Ab-
leitung: sSaternyj) ‚Saterp; pola Satra; ? stang‘ SREZNEVSKIJ, Mate-
rialy. Belege schon in Pov£sts vrem. l&ts, siehe Ipat. l&top. 1015,
1103, 1110 MELIORANSKIJ: Izvjestija X 4, 133, woraus zu schließen
ist, daß das Wort im Russischen auch im 10. Jahrh. vorhanden war.
Bulg. $dters (Formvarianten: S’atars, Sdtors GEROV; 3ators MIÖ.-
LAvR.; $dtors Wrıa.-Dor.; Ableitung: Satöristy) GEROV) ‚Zelt‘ | alt-
serb., siehe oben; serb. Sator (Gen. Safora) ‚Zelt‘ VUK® | kroat. Sdtor
(BELLOSZT., JAMBR.; Formvariant: ? sator HABD., JAMBR.; dekliniert:
sdtore, Sätori BELLOSZT.; Ableitung: sdtorec BELLOSZT.) ‚Zelt; Umhang
um ein Bett‘ | siov. sdtor (Gen. 3atöra; Ableitungen: Sdtörak, Satorid,
Satöriti) ‚Zelt‘ PLET. | slovak. $iator (Jancs.,; Formvarianten: $dtor
BERNOL., RANK; ostslovakisch: $ater CZAMBEL, Slov. re& 598; dekli-
niert: Satory und $iatra, Satra, aber Ableitungen noch: satorny s.
BERNOL. | im Böhmischen scheint das Wort nicht vorhanden zu sein;
MıKL. EtWb. 30 zitiert zwar ein ech. $atr, höchstwahrscheinlich aus
JUNGMANN’s Wb. — JUNGMANN zitiert aus KOLLAR slovak. Jatr |
poln. szater (Formvariant: szatr. Dekliniert: szatra, szatrami, szatry
Linpe; WarschWb.) ‚Zelt; Zigeunerzelt‘. Belege seit dem 16.—17.
Jahrh., s. LINDE | alt-russ. siehe oben; russ. 3aters (Gen. Jatrd) Zelt E
Mantel über dem Herde; Bretterdach, Schutzdach‘ PawL. | klr. 3dter
Zur slavischen Wortforschung 95
(BERN. EtWb. 1133; Formvariant: $ator MıkL. EtWb. 30. Anders:
Satrö HRING) ‚Zelt‘.
4. bulg. Sdtra fem. (Formvariant: Sdtra GEROV) ‚Zelt; Vorhang;
Regen-, Sonnenschirm‘ | serb. 3äöra ‚Stand; Markthütte des Kaufmannes‘
VuK® | slov. Sdtora (Formvariant: 3dtre) ‚Marktstand‘ PLer. | poln.
szatra ‚Zelt; Zigeunerzelt‘ WarschWb.
Es wird nun allgemein angenommen, daß alle diese Wörter
zu verschiedenen Zeiten verschiedene Entlehnungen aus den tür-
kischen Sprachen sind (s. Mızr. EtWb.; Vux?; Agramer Rjeinik;
PLETERSNIK; WarschWb. etc.). Es gibt nämlich in den türkischen
Sprachen ein Wort, welches ähnlich lautet und ähnliche Bedeu-
tung hat, welches aber auch hier nicht einheimisch, sondern ent-
lehnt ist, und zwar aus dem Persischen. Das Original des Wortes
ist pers. &äadır, &adar ‚a tent, pavilion, a mantle, scarf; a veil;
a Sheet, a table-cloth‘ Joanson (s. Gomsocz Bulg.-türk. Lehn-
wörter in der ung. Sprache 115), bezw. öatr ‚Schirm, Art Bal-
dachin, Art Zelt‘ (s. Bern. EtWb. I 133 aus Kor$: Izvj. XT, 1, 265).
Dieses pers. Wort ging in die türkischen Sprachen über, wo es
folgende Lautformen hat:
a) osm., kas. dadyr ‚Zeit‘ Ranr. (vgl. äl cadyry ‚der Schirm‘,
jaymyr &adyry ‚Regenschirm‘, kün cadyry ‚Sonnenschirm‘); osm., kas.,
karaim. datyr ‚Zelt; Hütte; Bettvorbang‘ RADL.; osm., kas. Catör Paas.
Csuvas szöj. | kumük., balkar. datyr ‚Zelt; Hütte‘ N£MmErH GY.: Keleti
Szemle XII 106 | kom. C Cum. dater ‚Zelt‘ | tschuw. Ü3anör ‚Zelt‘ Paas.
Csuvas szöj. | uig., tel., alt., leb. dadyr ‚Zelt‘ RapL. (vgl. äl dadyry
‚Schirm‘) | dschag. dadir (RADL.; Catir, ? datur VAMBERY) ‚Zelt‘;
b) kirg. 3atyr ‚Zelt‘ RanL. | schor. Sadyr id. RADL. | sag., koib.
sadyr id. RapL. (Das teleut. Satra ‚Zelt‘ scheint russ. Ursprunges zu
sein RADL.).
Was das Verhältnis der unter b) aufgezählten Wörter zu
den unter a) aufgezählten Wörtern anbelangt, so sei hier bemerkt,
daß in manchen türkischen Sprachen und Dialekten © als Anlauts-
konsonant unbekannt ist. Unbekannt ist das © als Anlauts-
konsonant im Dialekte der Koibalen (s. Ranzorr Phonetik 186. 8),
der Kasak-Kirgisen (ibidem 175. $). Im Schor-Dialekte tritt
statt des gemeintürk. Anlautes © der Anlaut $ (ibidem 182. $),
im Tobol- und Baraba-Dialekte e auf (ibidem 174., 178. 88).
Die mit © anlautenden slavischen Wörter (s. oben unter 1., 2.)
scheinen ganz junge Entlehnungen zu sein. Abgesehen von einem
weißrussischen @atorz, welches etwa aus dem Jahre 1300 stammt
96 J. MELIcH
und nach Mıkvosıcr’s Lex. Pal. „Zelt“ bedeuten soll, nach Srez-
wevsk13 Materialy aber unbekannter Bedeutung ist, ist von den
oben unter 1. und 2. aufgezählten, also mit © anlautenden Wörtern
kein einziges älter als das 17.—18. Jahrh. Diese mit © anlauten-
den Wörter sind meiner Meinung nach dem Osmanischen, even-
tuell dem Tatarischen entlehnt. Ganz anders steht die Sache
mit den unter 3. und 4. aufgezählten Wörtern, also mit den
Wörtern, die mit $ anlauten. Unter diesen gibt es auch ein
solches, das bereits im 10. Jahrh. in der betreffenden slavischen
Sprache vorhanden war. Dies behaupte ich von dem altruss.
$atero, welches hier bereits im 10., vielleicht auch schon im
9. Jahrh. vorhanden war.
Woher stammt nun dieses altruss. Satoro? P. MELIORANSKIJ
sagt darüber (s. Ussberis or. pycer. as. X 4, 133) folgendes:
„Nach der Verbreitung dieses Wortes in den verschiedenen sla-
vischen Sprachen ist es wohl ein altes Lehnwort aus der Vor-
stufe der heutigen westlichen Dialekte, für die u. a. der Wandel
von © zu $ charakteristisch ist. Im Codex Cumanicus finden wir
<ater ‚tentorium‘. Übrigens ist vielleicht wegen der kslav. bulg.
serb. Form mit anlautendem © die Annahme eines Wandels von
© zu S im Russischen erlaubt? Wenn das unmöglich ist,
dann müßte für die verschiedenen slavischen Sprachen mehrfache
Entlehnung angenommen werden“.
Wie aus diesen Worten zu ersehen ist, kann der Verfasser
die Herkunft des russischen, wie auch des in den übrigen sla-
vischen Sprachen vorkommenden Wortes nicht erklären, da er
selbst verschiedene Möglichkeiten vorschlägt. Diese verschiedenen
Möglichkeiten, respektive Suppositionen wurden eingehender von
Tu. Kor$ besprochen (s. Ussterin XI 1, 259—315). Er nimmt
an, daß bereits in alter Zeit in Süd-Rußland auch ein solcher
türkischer Stamm wohnte, in dessen Sprache das © sich in $ ver-
wandelte, gerade so wie dies heute bei den Nogajern, Kasak-
Kirgisen, Karagassen, Sojoten und den Schor-Dialekt sprechenden
Türken anzutreffen ist (s. Uses. XI 1, 265).
Die Annahme Kor®, daß ein türkischer Stamm im Süden
Rußlands im 9.—10. Jahrh. wohnen konnte, in dessen Sprache
im Anlaute statt gemeintürk. # ein 3 lautete, billigen auch wir.
Zur slavischen Worttorschung 97
Nur kann diese türkische Sprache kaum die Sprache der Vor-
fahren der Nogajer, der Kasak-Kirgisen, Karagassen, Sojoten oder
der den Schor-Dialekt Sprechenden sein. Seit dem 9. Jahrh.
kennen wir die Geschichte Süd-Rußlands ziemlich gut, auch
kennen wir nicht nur dem Namen nach, sondern auch nach ihrer
Sprache diejenigen türkischen Völker, die hier eine kürzere oder
längere Zeit wohnten. Unter diesen Völkern ist keines von den
oben aufgezählten zu finden. Auch wissen wir ziemlich genau,
daß die Vorfahren der aufgezählten türkischen Völker auch
im 10. Jahrh. im östlichen Gebiete des Türkentums wohnten (vgl.
C. BRocKELMAnN, Mahmud al-Käghari über die Sprachen der
Türken: Körösi Csoma-Archivum I 39), ferner, daß die Russen
mit diesen Völkern erst in späterer Zeit in Berührung kamen
(s. RapLorr Phonetik: Einleitung XXXIX).
Im altruss. Satore, russ. Satero war MELIORANsKıJ und Kors
nur der Anlaut auffällig. Meiner Meinung nach sind aber in
dem Worte, will man es aus türk. satyr herleiten, auch andere
lautliche Eigentümlichkeiten, die einer Erklärung bedürfen. So
bedarf einer Erklärung sowohl der Auslaut -foro des altruss.
Wortes, wie auch das a der Stammsilbe.
Wenn nämlich ein türkisches Wort in seinem geschlossenen
oder auch offenen Auslaute ein velares i, also y hat (über das
türk. y s. Gomsocz Bulg. türk. Lehnw. 149-151 und PAaAsonen
NyK. XLII 55—57), so entspricht ihm im Altrussischen und
Russischen das russ. y (eventuell «), nie aber das altruss. » >
russ. e. Vgl. hierzu folgende Beispiele:
altruss., russ. dogatyf® ‚Held‘ SREZn. Materialy < türk., vgl. kar.,
kom. bayatyr ‚Held; kühn‘ RapL. IV 1449 | schor payattyr ‚Held‘ ib.
IV 1133 | tel. pätzyr id., ib. IV 1180 | kas., kir., türkm. datyr id., ib.
IV 1511 (türkische Formvarianten: datur Ranpı. IV 1515; CCum. bda-
gatur etc. s. auch GOMBOCZ Bulg.-türk. Lehnw. 40; BERN. EtWb. 166);
russ. kamyss, klr. komys ‚Schilfrohr‘, s. BERN. EtWb. < türk.,
vgl. alt., tel., küär, kas., kom., kkir., ujg., osm. kamys ‚Schilf, Rohr‘
Rap. II 487 (türkische Formvariant: kamus, kamus Rapı. II 489);
altruss. kumyzs ‚gegorene Stutenmilch; Getränk der Polowzer‘
BERN. EtWb. I 644; SREZNEVSKIJ Materialy (Formvarianten: komuzs,
kumuz); klr. komyz; russ. kumys® < türk., vgl. bar., ujg. kymys ‚ein
Getränk aus gesäuerter Stutenmilch‘ Ran. Il 853 | kirg., kas. kymyz
RınL. II 854 | sag., koib. kumys RADL. II 1049.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV 7
98 J. Merica
Was die Entsprechung des a der Stammsilbe in den türk.
Lehnwörtern anbelangt, so sehen wir, daß das a ins Russische
geraten entweder als o erscheint, oder wechselt hier o mit a.
Es sind auch Fälle, wo a bleibt. Vgl. folgende Beispiele:
altruss. bogatyroe < türk. *Ödayatyr siehe oben;
altruss. Bojans < türk., mong.; vgl. avar. Bajan s. auch MELIO-
RANSKIJ I1zvj. VII 2, 282; h
altruss. kagans, kogans SREZN. Materialy; MELIORANSKIJ Izvj.
VII 2, 289 < türk. kayan;
russ. kamys, komys < türk. kamys s. oben;
altruss. kozary plur. ‚die Chasaren‘ < türk. kazar von türk. kaz-
‚errer, vagabonder‘ s. GoMBOcCZ Bulg.-türk. Lehnw. 199;
altruss. nogata ‚eine Art Geld‘; vgl. CCum. nage ‚pecunia‘, arab.
nakd so MELIORANSKIJ Was. VII 2, 293 etc.
Nun ist es auffallend, daß wir neben dem altruss. Sators ein
altruss. *sot»rs» nicht haben.
Diese letztere Bemerkung über den Ursprung des russischen
Wortes ist aber meines Erachtens nicht von großer Tragweite,
dagegen scheint mir die Bemerkung über die Entsprechung des
türk. y wichtig zu sein.
Meiner Meinung nach kann das altruss. Satoro einwandfrei
nur aus einem fremdsprachigen *sätir, also mit langem a und
palatalem kurzen i, erklärt werden. Solch eine Sprache kann
die türkische nicht sein, denn hier gibt es nur ein kurzes a,
respektive ein langes nur, wenn es durch Kontraktion entstanden
ist (vgl. oben pattyr sub voce bogatyro).
Es gibt aber doch eine Sprache, wo das Wort im 9. Jahrh.
*satir gelautet hat. Diese Sprache ist die ungarische. Daß
die Russen mit Ungarn im 9. Jahrh. in Berührung standen, ist
aus der Geschichte wohl bekannt. Unmittelbar vor dem Ende
des 9. Jahrh., bevor die Ungarn ihre heutige Heimat eroberten,
wohnten sie in Süd-Rußland zwischen dem unteren Dnjepr und
der Donau, welches Gebiet sie Etelküz nannten (s. PAuLEr A
magy. nemz. tört. szent Istvänig 23). Hier traf sie auch der
h. Cyrillus, als er vor dem Jahre 861 bei den Chasaren weilte
(vgl. Vita s. Cyrilli ed. E. Dümmıer et Fr. Mikwosıch Denkschr.
Wien XIX: „Ensgpatug’xe ce kHavcewän ER cRoH NnoyTk H Eh Np%-
BEIH YAch MATEOY TROPEINOY EMOY, NanaAolle Na Hk OYrpH.. .“,
s. auch die Ausgabe Jacıc in Magy. Honfoglaläs kütföi). Auch
Zur slavischen Wortforschung 99
aus anderen glaubwürdigen Quellen wissen wir, daß die Ungarn
damals mit hier wohnenden Slaven in Berührung standen, die
kaum andere sein konnten, als die in der Ilop&cru zp. 1. Horse,
Tugepmsr und Yryauyn genannten russischen Stämme. Daß die
Ungarn von diesen russischen Stämmen damals auch Wörter
übernommen haben, habe ich in meinen Abhandlungen nachzu-
weisen gesucht. So ist der ungarische Volksname lengyen >
lengyel ‚Polonus; der Pole‘ einem altruss. *Zedeny ‚das Land der
Led£nin®‘ (plur.; vgl. *ledene ‚die Led&nin»‘; lendizi GEoGr, Bav.;
oi AsvSavnvor ConsT. PORPHYR.; altruss. ljad-: ladıskaja zemlja,
badoskoje polje Ss. SREZNEYVSKIJ Mat.; poljadit'sja, polonisiert wer-
den‘) entnommen (s. MeuicH Arch. XXXII 94), ferner der unga-
rische Flußname Duna ‚Donau‘ dem altruss. Dunaj» (s. Meuıch
A honfoglaläskori Magyarorszäg). Es wäre also kein Wunder,
wenn im Altrussischen sich ungarische, oder durch Ungarn über-
mittelte Wörter vorfänden. Als ein solches Wort betrachte ich
das altruss. Satore, russ. Satero.
Die ältesten Belege für das ung. Wort stammen aus dem
12. Jahrh., das Wort lautete damals sdtur, in der Mehrzahl:
sdturuk, das daraus gebildete Adjektiv: sdturus (lies: Sätur,
saturuk, Säturus). Zu Mitte des 14. Jahrh. ist das v der Stamm-
silbe, wie auch jenes der geschlossenen Nebensilben zu o geworden,
daher lautet das Wort seit dieser Zeit bis auf heute sdtor, sdtorok,
sdtoros (l. Sätor, Satorok, Sätoros, s. die reichlichen Belege in
Szamorta-Zounars Oklevelszötär, in Szarvas-Sımonyr's Nyelvtör-
teneti szötär). Die Bedeutung des Wortes sdtur > sdtor ist:
1. ‚tentorium, Zelt‘; 2. ‚velarium, die Plache, ponyva‘; 3. ‚Schutz-
dach, vesszökerites födele‘ s. auch Szınnver's Magyar Tajszötär.
Es unterliegt keinem Zweifel, daß das Wort in der ung.
Sprache schon vor der ungarischen Landnahme, also vor dem
Ende des 9. Jahrh. vorhanden war. Seine älteste ungarische
Form ist: *satir und daraus *sdtir. Auf diese Form kann man
aus vielen, so auch aus folgender Analogie schließen: altung.
Fäszil (Belege aus dem 10.—12. Jahrh.) > Väszul (Belege aus dem
11.—14. Jahrh.) > mittelung. und neuung. Väszol > Väszoly aus
kirchslav. Vasilij < mgr. Baoılevg (andere hierher gehörige Ana-
logien s. MeLıcn Magyar Nyelv 1184—185). Diese ee
*
100 J. MELICH
finden wir auch in türkischen Lehnwörtern des ung. Sprach-
schatzes, nur ist hier zu bemerken, daß aus dem türkischen y
der Nebensilbe in hintervokalischen Wörtern mit Lautsubstitution
im Ungarischen zuerst ein palatales i, dann mit Vokalassimila-
tion ein u wird, vgl. türk. aryk > altung. *drik, später druk, heute
drok ‚Graben, Kanal‘ (s. Bern. EtWb. 1446); türk. bayatyr >
altung. buatir m bahatur > heute bator etc. (Siehe über ähnliche
Fälle: Gomsocz Bulg.-türk. Lehnwörter S. 151.)
Das altung. sätur stammt also aus einem noch älterem
*satir < *satir, und dies ist einem türkischen *satyr entnommen.
Nun ist die Frage: Aus welcher türkischen Sprache haben
die Ungarn ihr Wort genommen.
Die ungarische Sprache besitzt ca. 220—240 solche türki-
schen Lehnwörter, die ins Ungarische vor dem 10. Jahrh. Eingang
gefunden haben. Über diese Lehnwörter hat ZouLrTAn GomBocz,
Professor der ung. Sprachwissenschaft an der Universität Buda-
pest, ein schönes Werk geschrieben, dessen Titel lautet: „Die
bulg.-türk. Lehnwörter der ungarischen Sprache“. Helsinki 1912
(Me&moires de la Soc. Finno-Öugrienne XXX). Auf dieses Werk,
wie auch auf die Anzeige, welche weiland Prof. H. PAAsonen
über dieses Werk in der Zeitschrift „Nyelvtudomänyi Közlemenyek“
XLII 36—68 geschrieben hat, ferner auf die Abhandlung von
Prof. Dr. J. Nfmeru „Török jövevenyszavaink közepsö retege“
(s. Magyar Nyelv XVII 22 --26) stützen sich die folgenden Aus-
führungen.
In den alten türk. Lehnwörtern der ung. Sprache hat das
gemeintürk. © sowohl im Anlaut, wie auch im In- und Auslaut
eine doppelte Vertretung. Entweder bleibt das gemeintürk. ©
auch im Ungarischen oder aber entspricht ihm im Ungarischen
ein s (lies: $); hier einige Beispiele:
A) Gemeintürk. & bleibt: ung. csalan ‚Brennessel‘ < türk., vgl.
dschag. dalayan usw. | kökörcsin ‚Primula veris; Nareissus‘ < türk.,
vgl. türk. kügärcın ‚Taube‘, kirg. kögürsün ‚Taube‘ usw. | szücs ‚Kürsch-
ner‘ < türk., vgl. alttschuw. *sözel etc.
B) Gemeintürk. & = ung. s (lies: 5): sar& ‚Schuh‘ < türk., vgl.
osm., kkirg. caryk, dschag. daruk | sereg ‚Haufe, Menge, Schar‘ < türk.,
vgl. uig. därig, schor 3ürig usw. | besenyö ‚der Petschenege‘ < türk.,
vgl. petsch. becenek ; altruss. neyerbra, mgr. Hartıvdacı, Markıvarizaı etc.
Zur slavischen Wortforschung 101
s. GoMBOCZ, Über den Volksnamen besenyö: Türän 1918, 209 | keselyn
‚Geier‘ < türk., vgl. dschag. kudalak ‚Geier‘ usw. | borsd ‚Erbse‘ < türk.,
vgl. osm. burcak usw. | kis ‚klein‘ < türk., vgl. kirg. /idi, tel. kücü usw.
Wie diese zweifache Vertretung zu deuten ist, ist bis jetzt
noch nicht in befriedigender Weise gelöst. Die ältesten türkischen
Lehnwörter der ungarischen Sprache sind — nach dem Zeugnisse
anderer lautlichen Kriterien —, wie z. B. die Vertretung des
gemeintürk. z durch r — unbedingt der bulg.-türk. Sprache ent-
nommen. Sie war die einzige türkische Sprache, welche das
gemeintürk. z in r verwandelte. Unter den heutigen türkischen
Sprachen kennt diesen Wandel bloß das Tschuwassische, daher
scheint diese Sprache ein Dialekt des Bulgarisch-türkischen zu
sein. Nun entspricht im heutigen Tschuwassischen dem gemein-
türk. © ein $, welches sich aus © (= ?'$) über $ entwickelte.
Z. GoMmsocz ist nun geneigt anzunehmen, daß der Wandel des &
zu $ im Alttschuwassischen Bulgarisch-türkischen zur Zeit der
ung. und bulg.-türk. Berührungen noch nicht in allen Mundarten
vor sich gegangen ist, daher die doppelte ungarische Vertretung.
PAAsonen nimmt an, daß die Wörter mit s im Ungarischen
aus alttschuwassischen bulg.-türk. Wörtern mit $ herstammen.
Über die Wörter mit cs äußert er sich nicht, er beruft sich aber
auf das ung. Wort kis ‚klein‘ (s. oben), welches im Ungarischen
die Ableitung kiesiny, also eine Ableitung mit cs hat. Was er
damit andeuten wollte, erhellt aus der Abhandlung nicht. Es
ist nun Tatsache, a) daß wir im Ungarischen auch andere Wörter
haben, in denen cs mit s wechselt (vgl. csekely w sekely, b) daß
dem fi.-ugr. {5 im Ungarischen sowohl cs, wie auch s entsprechen
kann (vgl. Szınnyeı Nyelv 11.5 28 csillog, sir etc.).
Auch N£mer# ist der Meinung, daß die Wörter mit sim Unga-
rischen aus dem Bulgarisch-türkischen herstammen, unter jenen aber,
welche mit cs lauten, scheinen nur einige bulgarisch-türkisch zu
sein; die meisten sind einer anderen türkischen Sprache entnommen.
Über die Wörter mit s sind also die drei Gelehrten einig.
Jeder ist der Meinung, sie stammen aus dem Bulgarisch-türkischen.
Auch das altung. *satir > *sdtir > sdtur, seit Mitte des 14. Jahrh.
sätor mit o in der zweiten Silbe, stammt also aus dem Bulgarisch-
türkischen. Im Bulgarisch-türkischen lautete das Wort *satyr.
102 J. PoKoRNY
Aus dem altung. *sdtir ist es nun leicht das altruss. satoro
einwandfrei zu erklären. Dem ung. langen d entspricht das mit
o niemals wechselnde altruss. a, dem kurzen i dagegen das alt-
russ. » (daraus später e).
Auf welchem Wege das Wort zu den Altrussen gekommen
ist, ist schwer zu sagen. Vielleicht als ein Wort des Kriegs-
wesens. Belege, wie: IIpmnoma r Knuesy m cramıa maTp&I po-
musy Koresy, mo ıyrosu |Ilpmsere meursı ne Tleperacnasın...
v cramıa 0Ko1o T'oponmmma marpeı etc. (S. SREZNEVSKIJ Materialy)
können diese Meinung unterstützen. Im Altrussischen haben wir
auch ein anderes Wort, welches sich auf das Kriegswesen bezieht
und welches meiner Meinung nach auch ungarischen Ursprungs
ist. Es ist das altruss. kopnp ‚eine Art Schwert‘ (erster Beleg
aus Kr. hm. Ioanna Jlamackuna BB TepeBon% loan. ers. Bou-
rapckaro, $. SREZNEVSKIJ Mat.). Auch dieses Wort scheint nur
aus dem altung. *kard (später kord, dann wiederum kard) ‚Schwert‘
einwandfrei erklärt werden zu können (s. auch unten). Ich will
es aber zugeben, daß die Altrussen ihr Satere aus dem Unga-
rischen auch als Wort des friedlichen Lebens übernehmen konnten.
Oben habe ich ausgeführt, daß das ung. « im 14. Jahrh.
sich zu o entwickelte. So auch im altung. sdtur, welches seit
der Mitte des 14. Jahrh. sdior lautet. Wegen dieses o der
zweiten Silbe sind zweifellos ungarischen Ursprungs die oben sub
Nr. 3 aufgezählten folgenden slavischen Wörter: bulg. Satoro,
altserb. Satorv, serb. Sätor, kroat. Sdtor, slov. Sator, slovak. Sia-
tor etc. — Auch die oben unter 4. aufgezählten slavischen Wörter,
und zwar: slov. sdtora, serb. Sätra ‚Markthütte, Marktstand‘ sind
ungarische Lehnwörter. Sie sind in die genannten Sprachen als
Ausdrücke des Handels, resp. der Jahrmärkte eingedrungen. Die
Endüng -a bekamen diese Wörter in den slavischen Sprachen,
vgl. serb. (in Syrmien) änta ‚tumulus terminalis' < ung. hant
Agramer Wb. | serb.-kroat. ditänga ‚erro‘ < ung. bitang Agramer Wh. |
serb. funta (Var. vunta, funat) ‚Pfund‘ < ung. font | serb. fijoka ‚Schub-
lade‘ < ung. fiök Agramer Wb. | kirchslav. korsda ‚Schwert‘, serb.,
droat. körda ‚Säbel, Schwert‘, sorb. korda s. BERN. EtWb. I 569, MıKL.
Lex. p., Agramer Wb. < ung. kard > kord > kard ‚Schwert‘ | slovak.
kokanda, plur. bokande ÜZAMBEL Ret < ung. dakancs ‚Schnürschuh‘
GoMBOocZ-MELICH Etszöt. 1238 | slovak. sdra na diäme ‚Stiefelwade‘
< ung. szdr etc. etc.
Zu slav. guna „Pelz“ 103
Mit diesen Ausführungen glaube ich bewiesen zu haben, daß
die slavischen Wörter: 3ators, Satoro nv Sdtor und Sätra zu ver-
schiedenen Zeiten dem Ungarischen entlehnt wurden. Von dem
slav. Worte Saätor haben die ungarischen Gelehrten immer be-
hauptet, daß es dem Ungarischen entlehnt sei, vgl. MunkAcsı
Nyelvtud. Közl. XVII 121; Hauisz Magy. Nyelvör XVII 497;
Gomsocz Bulg.-türk. Lehnw. 115. Neu ist in meiner Abhandlung,
daß auch slav. satra und altruss. $ator» (russ. Satörs, daraus mordv.
safor ‚Zelt‘ NyKözl. XVIII 137) ungarischen Ursprungs sind.
Budapest JAnos MELICH
Zu slav. guna ‚Pelz‘
Das slav. Wort wird gewöhnlich als Lehnwort aufgefaßt.
Seine Quelle sieht man in lat. gunna ‚Pelz‘, das aus dem Kel-
tischen hergeleitet wird. Mich machte bei dieser Ableitung immer
das n des slav. Wortes stutzig, das aus dem Lat. nicht erklärt
werden kann. Noch schwieriger wird diese Frage, wenn man
das Urteil eines Keltologen über das herangezogene keltische
Material hört. Die Erklärung von bulg. güna aus dem Lat. oder
Mittelgriech. (s. BERNEKER EW. 1 5. v.) stößt natürlich auf keine
Schwierigkeiten. M.V.
Lateinisch gunna ‚Pelz, Rock der Weiber und der Mönche‘
pflegt man gewöhnlich wegen des cymr. gwn m. ‚Kleid‘, corn.
gun, als keltisch zu erklären (Lit. bei Berneker, Slav. Wb. s. v.
güna). Ein echt keltisches gunna ist aber weder ausdrücklich
als gallisch überliefert, noch in den neukelt. Dialekten bewahrt,
denn cymr. gwn ist deutlich aus mengl. goun(e) entlehnt, das
selbst aus afrz. goune stammt; dies geht allerdings auf lat. gunna
zurück. Bei einheimischer Herkunft würde man cymr. *gwnn
mit kurzem u erwarten, auch wäre kaum Genuswechsel ein-
getreten, so daß gunna regelrecht mit @-Umlaut zu *gonn ge-
worden wäre.
Das Wort kommt einheimisch im Ital. (gonna), Frz. und
Prov. (gono,, hieraus katal. aspan. gona, ebenso baskisch gona)
vor, braucht aber deswegen nicht keltisch zu sein, sondern kann
ebensogut ligurischer, d. h. voridg.-alpiner Herkunft entstammen.
104 G. ILJINsK1J
Wenn gunna keltisch wäre, könnte es nur auf idg. *gusna oder
*gundna zurückgehen, auch mit 9, gh, 9°, g’h im Anlaut und
im Inlaut mit t oder Guttural statt d, aber in diesem Falle
bietet sich keine greifbare idg. Etymologie, ich bin also geneigt,
nichtidg. Ursprung anzunehmen. Daß dieses Wort von den Kelten
direkt den Slaven übermittelt worden wäre, halte ich nicht für
wahrscheinlich.
Die Zusammenstellung von gunna mit air. füan ‚Leibrock‘
ist auch unzulässig, weil f4an nur auf *wouno-, wohl aus älterem
*o-ouno, *upo-ouno-, zu lat. ind-uo ‚ziehe an‘, lett. aunu ‚klei-
den‘, usw. zurückgehen kann.
Berlin-Charlottenburg J. PoKoRNY
Nochmals der Name von Moskau
Einen interessanten Beitrag zur Deutung des Namens
Moskau hat L. Bere im Teorpahnuecknü Becrunk II Nr. 3—4
Petersburg 1925 S. 5—10 veröffentlicht. Weder von meiner Er-
klärung dieses Wortes (Nssecrun 1922, 601—604) noch von
SoBOLEVSK1,’s Hypothese (Ussectua XXVII281) befriedigt, schlägt
er eine neue etymologische Deutung dieses russischen Flußnamens
vor. Worin sie besteht und in welchem Maße sie die Forschung
fördert, soll weiter unten gesagt werden. Doch zuerst will ich
noch einige Worte zur Begründung meiner Erklärung dieses
rätselhaften Namens vorbringen.
Gemäß meiner Etymologie ist der Name Mocrsa von dem
alten %-Stamm *mosky ‚sumpfige Gegend‘ gebildet, deren Wurzel
mosk- nahe verwandt ist mit russ. moskotvo ‚feuchte klebrige
Stoffe: Farben, Leim, Öl, die man gewöhnlich durch Auspressung
gewisser Produkte erhält‘ und poln. moszcz ‚ausgepreßter Frucht-
saft‘; in einem entfernteren Verwandtschaftsverhältnis stehen
hierzu lat. mergere ‚untertauchen, versinken‘ (aus *mezg-), lit.
mazgöti ‚waschen, spülen‘, ferner der Name des kleinpoln. Flusses
Mozgawa und, wie ich jetzt hinzufügen kann, slov. mozga ‚Pfütze,
Schmutz‘, auch russ. dial. mozga ‚Blut‘. Ein Bedeutungsvergleich
dieser lexikalischen Tatsachen ergibt, daß die Grundbedeutung
des Namens Moskva ‚ein durch morastige, sumpfige Gegend
fließender Fluß‘ war.
Nochmals der Name von Moskau 105
Meine Deutung hält Berc für „im höchsten Grade unwahr-
scheinlich“. Seine Einwendungen dagegen bestehen in folgendem:
1. Die heutige Hydrographie besagt, daß die von der Moskva
durchflossenen Gebiete nur selten sumpfig sind; daher soll die
von mir gebotene ursprüngliche Bedeutung von Moskva nicht
den Tatsachen entsprechen. Doch wenn ich behauptete, daß
Moskva einen durch sumpfige Gegend fließenden Fluß bedeute,
so wollte ich damit durchaus nicht sagen, daß die der 476 Werst
langen Moskva anliegende Gegend überall so beschaffen war,
sondern nur jene Stelle, die von den Ostslaven erst-
malig, d.h. im 11. oder 12. Jahrh., erreicht wurde.
Ferner leugnet ja Bere nicht, daß selbst heute noch die Moskva
stellenweise durch sumpfige Gebiete fließt, um so weniger hat
er das Recht dazu für eine Zeit, die acht oder neun Jahrhunderte
zurückliegt: bei der ununterbrochenen Versandung der Flüsse
und Austrocknung von Sümpfen, die in vielen Fällen erst im
historischen Rußland stattfand, muß angenommen werden, daß
es früher im Bassin der Moskva bedeutend mehr Sümpfe als
heute gegeben hat.
2. Noch weniger beweisend ist der „geographische“ Ein-
wand von Berc. „Es wäre doch sehr merkwürdig, meint Bere,
wenn die Russen bei Besiedelung des von Finnen besetzten Landes
diesem großen Fluß einen russischen Namen gegeben hätten, da
er doch zweifellos schon einen einheimischen hatte“. Diese Be-
merkung hat mich nicht wenig erstaunt. Wenn sich Berc der
Mühe unterzogen hätte auch nur einen flüchtigen Blick auf die
Karte Rußlands zu werfen, so hätte er leicht in Gegenden, die
zweifellos von Russen erst später besiedelt worden sind, eine
Reihe von Flüssen mit rein slavischen Namen gefunden. Ich ver-
weise dabei auf das erste beste Beispiel wie den Fluß Velikaja,
der noch im 9. Jahrh. durch ein rein finnisches Gebiet floß, um
von so großen Flußläufen wie die westliche Dvina und die Wolga,
deren Namen aller Wahrscheinlichkeit nach gleichfalls slavisch
sind!), zu schweigen.
1) Von den vielen Hypothesen über die Herkunft des Namens
der Wolga ist am einfachsten und überzeugendsten diejenige, nach der
in ihrer Wurzel die Schwundstufe von velg- (Wolga = Valga ——- Volga)
106 G. ILJINSKIJ
3. Ferner weist Berc darauf hin, daß Flußnamen mit den En-
dungen -va und -ma, die in der syrjän.-perm. Sprachgruppe „Wasser“
bedeuten, auch im Gebiet der Mer’a vorkommen, was meiner
Hypothese widersprechen soll. Hierher gehören z. B. Kl’a zma,
Usma,Kineäma,Kostroma, Jachroma, Lama,Protva,
Smedva, Nepr’adva u.a. Verweise auf so geartetes Material
haben aber nur dann einen wissenschaftlichen Wert, wenn sie
von einer genauen etymologischen Deutung eines jeden Namens
begleitet werden. Da Bere eine solche nicht bietet, sind ihm
eine Reihe bedauerlicher Fehler unterlaufen. So sind z.B. die
drei letzten Namen wie Moskva von @-Stämmen gebildet, ihr
-v- ist daher kein Bestandteil der Endung, sondern gehört zum
Stamm; die anderen (Kostroma, Lama und sogar USma) können
leicht auf slavische Wurzeln zurückgeführt werden und die rest-
lichen schließlich können, selbst wenn sie finnischer Herkunft
sind, was jedoch noch fraglich ist, wohl kaum, wie auch z. B.
das bulgarische Osma, die Wurzel ma- „Wasser“ in sich schließen.
4. Ernster zu nehmen, ist folgender Einwand von Berc.
„Falls Moskva im Slavischen tatsächlich ‚einen durch sumpfige
Gegend fließenden Fluß‘ bedeutet, so müßte man in Rußland und
den anderen slav. Ländern noch Hunderten von solchen Namen
begegnen. Moskva kommt aber nur einmal vor und zwar in einer
Gegend, die zweifellos in der vorrussischen Zeit von Finnen be-
siedelt war“. Es kommt aber auch sonst vor, daß Ortsnamen
von Wurzeln gebildet sind, die als Appellativa bereits lange vor
Beginn des Schrifttums untergegangen sind. Und darin liegt ja
auch nichts außergewöhnliches. Wenn viele hundert Wörter in
historischer Zeit ungebräuchlich werden konnten, die noch durch-
aus der Umgangssprache angehörten, als die erste Chronik ent-
stand, warum soll das nicht auch mit Wörtern der Fall sein,
mit denen bereits früher gewisse Flüsse benannt sind? Selbst
wenn die Behauptung von Berc, es gäbe nur eine Moskva,
richtig wäre, so könnte damit meine gelieferte Etymologie doch
noch nicht erschüttert werdeu. Berc hat aber unrecht. Im
steckt; auf die Vollstufe der gleichen Wurzel geht *volga — abg.
vlaga, russ. vologa usw. zurück. Zum Namen der westlichen Dvina
vgl. Verfasser Usgecrun XXIII (1918), 2, 246 ff.
Nochmals der Name von Moskau 107
Slovakischen wird noch heute das Wort moskva mit der Be-
deutung, mokre obili d.h. ‚feucht geerntetes Getreide‘ gebraucht,
vgl. stodola plnd moskvy Korr Cesko-nem. slovnik Nachtrag 3°
S. 627. Der Umstand, daß moskva feuchtes Getreide bedeutet,
bestärkt mich in der Annahme, der Wurzel mosk- müsse ursprüng-
lich die Idee der Feuchtigkeit zugrunde gelegen haben. Es ist
wahrscheinlich kein Zufall, daß sich in Mähren im Kreis Znojemsko
das jetzt verschwundene Dorf Moskovice befand (Korr o. c. 186)
und es heute noch in der Slowakei selbst im Kreise Turec das
Dorf MoSkovee (Korr Pfispevky k £es.-nöm. slovniku 215)
gibt‘). Und da man kaum Lust haben wird, Nachkommen der
Iranier oder Kaukasier in Mähren oder der Slowakei zu suchen,
bestätigt m. E. das slowak. moskva einwandfrei die slav. Herkunft
von Moskva und zwar im gleichem Sinn, wie ich es in meinem
Aufsatz erklärt habe.
Somit hält kein einziges der „geographischen“ Argumente
von Berc der Kritik stand. Was die sprachliche Seite der Frage
anbelangt, so hat er diese ja fast gar nicht berührt, er zweifelte
ja nur die Form *Mosky an, obgleich die uns überlieferten obliquen
Kasusformen Moskove, Moskovo, Moskzsvi eine solche unbedingt
sichern. Auch der von Berc vorgeschlagene Ausweg, daß Mosky
durch Volksetymologie aus einem finnischen oder fennisierten
Wort entstanden sein könnte?), ändert nichts an den Tatsachen?).
1) Auf diese drei Tatsachen hat mich nachträglich in einem Brief
vom 27. März 1925 Prof. V. MACHEK aus Ternav, Tschechoslowakei, auf-
merksam gemacht. Auch an dieser Stelle sage ich ihm meinen ver-
bindlichsten Dank dafür.
2) Vgl. übrigens Zeitschr. IV S. 262 M. V.
3) Von meinen anderen sprachlichen Beweisen geht BERG nur auf
das Adjektivum moskotilonyj ein: er sieht darin eine Entlehnung aus
it. muscato, dem spätern moscatello. Obgleich eine ähnliche Ansicht
auch von VASMER I'perocnasauckue arıonsı III 131 geäußert worden
ist, müssen wir sie doch aus folgenden Gründen ablehnen. Falls mos-
kotv aus dem Roman. entlehnt wäre, müßte es *maskots (bis zum
12. Jahrh.) oder *muskots (nach dem 12. Jahrh.) lauten. Folglich wird
durch eine Entlehnung weder der Wurzelvokalismus noch das Suffix
erklärt, das m. E. nicht zufällig mit dem der Bedeutung nach nahen
Formans in poln. welyoe ‚Feuchtigkeit‘ (aus *volgote) übereinstimmt.
Energischer noch muß aber gegen die Ber@’sche Etymologie vom
Standpunkt der Semasiologie protestiert werden: weder im Altrussischen,
108 G. ILJInsk1s
Meine Zusammenstellungen, die sich auf feststehende Tat-
sachen der russischen Sprachgeschichte und auf durchaus zuver-
lässige Zeugnisse der anderen Slavinen und idg. Sprachen gründen,
Zusammenstellungen, bei denen ganz genau die Bedeutung des
Suffixes, der Vokalismus, und der Wortakzent!) erklärt wird,
beliebt Bers als „höchst gekünstelt“ zu bezeichnen. An ihre
Stelle setzt er aber eine ganze Reihe willkürlicher und phan-
tastischer Thesen. So behauptet er Moskva sei ein hybrider
Terminus aus finn. va „Wasser“!) und einer „japhetitischen“, d.h.
kaukasischen Wurzel *mosk-, die angeblich den Möoyo: (in Kolchis)
bei Herodot, einem auch noch im 11. Jahrh. in Armenien bekannten
Volke MoSok oder Musk zugrunde liegen soll! Dieser Er-
klärungsversuch enthält eine große Anzahl von Merkwürdigkeiten.
Falls Moskva von dem Stamm *moskav- gebildet ist, was die oben-
angeführten Tatsachen der russischen Sprache einwandfrei be-
weisen, ist es unmöglich, im letzten Teile des Wortes ein finn.
-va ‚Wasser‘ anzunehmen?). Folglich müßte Bere Moskva für
ein rein „japhetitisches“ Wort halten. Doch abgesehen davon, daß
durch eine solche Hypothese die formale Seite des Wortes nicht
erklärt wird, stößt man noch auf unüberwindliche Hindernisse im
Konsonantismus des Namens: Moskva wurde ja nie und nirgends
als *Mos-chva oder *Moskva ausgesprochen, wie man es nach der
Hypothese von Berc erwarten müßte. Ihr Hauptmangel besteht
aber darin, daß sie einer jeglichen historischen Grundlage ent-
behrt, denn es ist unbewiesen, daß Kaukasier jemals im Zentralen
Rußland gelebt haben (trotz Bere S. 91). Allerdings beruft sich
noch in der heutigen Sprache bedeutet moskotv ein Gewürz, sondern
stets nur einen feuchten, klebrigen gewöhnlich durch Auspressen ge-
wisser Produkte erhaltenen Stoff. Die Grundbedeutung dieses Wortes
wie auch des poln. moszcz muß also ‚ausgepreßter, mehr oder minder
klebriger Saft‘ gewesen sein. Diese Bedeutung kann sich aber im
urslav. unabhängig vom Muskatbaum herausgearbeitet haben.
1) Als 2-Stamm muß *Mosky anfangsbetont gewesen sein. Und
tatsächlich nannten im 16., 17. ja sogar 18. Jahrh. die Moskowiter,
wie ich bereits in meinem Aufsatz nachgewiesen habe, die Stadt Mdskva.
Hinzugefügt sei, daß diese ältere Betonung sich noch heute in einigen
Dialekten findet. Vgl. z. B. Gouv. Vologda Kr. Tot'ma (Mar. zın nayı.
pp. roB. IX 65), Gouv. V’atka Kr. Sloboda (ib. 104).
2) Vgl. auch VAsMER Zeitschr. IV S. 262.
Zur Etymologie von Preßburg 109
Ber@ auf die Ansicht von N. Marr, daß „Skythen den Japhetiten
zugrunde lagen“, diese Hypothese beruht aber hauptsächlich auf
Etymologien, bei denen ein zufälliger Gleichklang der Wörter
die größte Rolle spielt. Eine solche Methode kann natürlich die
jetzt allgemein anerkannte These von der iranischen Herkunft
der Skythen (vgl. neuerdings die vortreffliche Arbeit von VAsmER
Untersuchurgen über die ältesten Wohnsitze der Slaven I. Die
Iranier in Südrußland Leipzig 1923) nicht im geringsten er-
schüttern.
Kazan G. ILJINsK1J
Nachtrag zum obigen Aufsatz.
Wenn gegen die oben nochmals ausgeführte slavische Deu-
tung des Namens von Moskau von seiten eines Geographen der
Einwand erhoben wird, das Gebiet des Moskva-Flusses sei nicht
sumpfig, so glaube ich, daß die Insınskıs’sche Erklärung sich
doch halten läßt, wenn man eine Umdeutung eines ursprünglich
nicht-slavischen Namens mit Hilfe der von InsınsK1s festgestellten
slav. Wortgruppe annimmt. Aus diesem Grunde ist der Hinweis
auf finnische Ortsnamen wie Masku vielleicht doch noch nicht
überflüssig. Vgl. auch unten S. 262.
Nachträglich macht mich der verehrte Verf. des obigen Auf-
satzes darauf aufmerksam, daß heute noch im Zamoskvoredje,
den Kremlmauern gegenüber, eine Bosıornan Ilsomanp sich be-
findet, die früher Bo.ıoro hieß. Hier fand u. a. die Hinrichtung
des Stenka Razin statt.
Berlin M.V.
Zur Etymologie von Preßburg
Gegenüber J. Merıch, der in dieser Zeitschr. I 79f. den
Namen von Preßburg zum £ech. PN. Bietislav, alt Bracislav,
gestellt hatte, habe ich ebenda II 58f. lautliche Bedenken vor-
gebracht, welche Hourzmann II 377 f. zurückzuweisen sucht. Da
es sich nicht nur um die Etymologie dieses ON., sondern auch um
Fragen der bairisch-slavischen sprachlichen Berührungen handelt,
sei mir gestattet, noch einmal dazu das Wort zu ergreifen. Es
110 E. ScHwARz
muß etwas ausführlicher geschehen, weil die angestrebte Kürze
zu Mißverständnissen geführt hat.
II 59 war eingewendet worden, daß sämtliche alten Schrei-
bungen, 907 Brezalauspurc, 1042 Brezesburg, 1052 Preslawas-
purch, weiter im 12. Jahrh. Brezisburg, Breziburc, Brezizburch,
Bresburg, bei Reinbot von Dürne, Der heilige Georg (hgb. von
C. v. Kraus, Heidelberg 1907) v. 63 Bresbure, Wrespurch, Pres-
purch, Bresporg (auf Aventins Braslavespurch darf nicht allzuviel
Gewicht gelegt werden, da er auch sonst Namensformen geändert
hat), darauf deuten, daß das erste -2- als deutsche Spirans 33,
nicht als- Affrikata is zu lesen sei. Im Althochdeutschen kann
z sowohl die Spirans fortis wie die Affrikata bedeuten. Niemals
aber wird hier in späterer Zeit iz, sondern nur -z-, weiterhin -s-
geschrieben. Schließlich zeigt die heutige Schriftform, vor allem
aber die mundartliche Aussprache prespurk, daß keine Affrikata
vorhanden gewesen ist. Deshalb war zu beanstanden, daß im
ON. der PN. Bracislav gesucht wird. Für altlech. (altslovak.)
c wäre der gegebene Ersatzlaut eben z2=ts gewesen. _HoLTz-
MANN mißversteht diese hier genauer ausgesprochene Darstellung,
wenn er 11377 auf die Schreibung Hermanns von Reichenau
Brezizlaus von 1039 und 1051 verweist. Da dieses alt&ech.
Bracislav wiedergeben soll, so wird der böhmische Herzogsname
im Deutschen eben bretsislau (latinisiert -laus) ausgesprochen
worden sein. Deutlicher schreibt Cosmas Bracislau, Braczislaus
für die zwei gleichnamigen böhmischen Herzöge, vgl. noch viele
andere Schreibungen bei GEBAUER Slovnik starodesky I 99. Die
mundartliche Aussprache prespurk erklärt sich übrigens, worauf
mich Prof. C. v. Kraus (München) freundlich aufmerksam macht,
sehr gut aus den Schreibungen Brezisburg mit -z- als Spirans.
Wie das mhd. beste, leste aus bezziste, lezziste, muß sich auch
bei dem Zusammenrücken von zs das schon im Mittelalter belegte
Presburg eingestellt haben. Die heutige Aussprache prespurk
beruht auf einer Silbentrennung pre-Spurk.
Der zweite Einwand war, daß seit der zweiten Hälfte des
9. Jahrh. — auch Horrzmann kommt II 376 zum Schluß, daß der
erste Beleg unseres Namens aus dieser Zeit stammt — für einen
als Grundlage dienenden aslovak. PN. mit anlautendem b- in der
Zur Etymologie von Preßburg 111
Verwendung in einem ON. abair. v- (stimmhaft gewordenes labio-
dentales /) zu erwarten sei. Die dafür angeführten Beispiele
ließen sich leicht vermehren. Es ist bairischer, für anlautendes
slav. d- von der Mitte des 9. Jahrh. bis zur Mitte des 13, Jahrh.
geltender Lautersatz, der darin seinen Grund hat, daß das Abair.
seit der Mitte des 8. Jahrh. im Anlaut nur ein stimmloses p sprach.
Dieses mußte als Ersatzlaut für slav. b- weichen, seit im Anlaut das
näherstehende stimmhafte v- gesprochen wurde. HoLrzmann meint
II 377, daß durchaus nicht jedes slav. 5 den „surrenden bf-Laut“
hatte. Von einer anderen alsstimmhaften Aussprache des asl. (aech.,
asloven.) anlautenden d- ist aber nichts bekannt. Die Beispiele, die
Hortzmann dafür anführt, daß die Erhaltung des anlautenden
slav. b- zu belegen sei (es kommt für diesen Lautersatz nur das
Bair. in Betracht!), sind irreführend. Sie betreffen gar nicht b-,
sondern 9-, wenigstens soweit sie nachgeprüft werden können.
In dem im 11. Jahrh. in Kärnten genannten Brezlauvesburch
liegt eben nicht, wie HoLtzmann meint, der PN. Br£cislav, sondern
nach der urkundlichen Schreibung und der heutigen Form Preßing-
berg der PN. Preslav vor. Der Ort Presseck im Fichtelgebirge
ist, wie H. selbst anführt, = pr?seka ‚Verhau‘, Preßnitz im Erz-
gebirge aber ist nach der (ech. Form Pfiseönice ebenfalls zu
tech. pfeseka zu stellen. Es läßt sich auch nachweisen, daß der
Name der Böhmenherzöge Bretislav im Süddeutschen mit v- ge-
sprochen wurde, wenigstens in der Würzburger Diözese. In der
Chronik des Eckehard von Aura wird zum Jahre 1040 Fratizlaw,
z. J. 1093 Fratizlaus geschrieben. Schon früher war betont
worden, daß das in unserem Namen geschriebene b, trotzdem es
in der Mehrzahl der Belege steht, nur das gesprochene bair. p-
(heute Halbfortis) meinen kann. Nur dieses gilt im Bair. im
Anlaut seit der Mitte des 8. Jahrh. Die phonetische Begründung
dieses bair.-sloven. und bair.-Zech. Lautersatzes hat mit vielen
Beispielen Lrssıax in verschiedenen Abhandlungen (Paul-Braunes
Beiträge 28, 117f.; Carinthia 1 1906, S. 140, 150; Anz. f. d. Alt.
32, 130; Germ.-Roman. Monatsschrift 2, 283f.) gegeben, Beispiele
aus dem bair. Mundartengebiete der Sudetenländer s. in meinem
Buche „Zur Namenforschung und Siedlungsgeschichte in den
Sudetenländern“, Prager deutsche Studien 30, 44f. Die zeitliche
112 E. SCHWARZ
Begrenzung versuche ich genauer in meinem Buche „Die germ.
Reibelaute“ (Reichenberg 1926) festzustellen. Ebenda wird auch
über den Unterschied, der im Abair. in der Wiedergabe von PN.
und ON. mit slav. b- besteht, gehandelt.
Der dritte Einwand war, daß der PN. Brecislav zur Zeit
der deutschen Namengebung von Preßburg in der zweiten Hälfte
des 9. Jahrh. und der ersten Hälfte des 10. Jahrh. noch Breeislav
gelautet haben muß und dementsprechend im Bair. für aslovak.
e ein en zu erwarten wäre. Der Name des Böhmenherzogs
Wenzel, alech. Veceslav, der noch etwas später in den Mund der
Deutschen gekommen ist, hat die hier geforderte Wiedergabe
tatsächlich gefunden. Hortzmann meint II 378, daß sich dieser
Name zur Zeit der ech. Nasalvokale in der lateinischen
Form durchgesetzt habe und diese auch nach Schwund der
Nasalvokale im Cech. unverändert geblieben sei. Nun waren
ja sicher auch im 10. Jahrh. schon Deutsche in Böhmen und
mußten den Namen des Landesherrn kennen lernen. Es kommt
aber auf dasselbe hinaus, ob lateinisch schreibende Priester oder
Deutsche in und außer Böhmen im ersten Viertel des 10. Jahrh.
ein adech. Veceslav(s) gehört haben. Es lag jedenfalls nach den
urkundlichen Schreibungen Wenceslaus und der heutigen deutschen
Form Wenzel noch alech. e zugrunde. Da aber das ganze 9. Jahrh.
hindurch sowolil im Sloven. wie Cech. und Sorbischen noch Nasal-
vokale gesprochen wurden, die ersten Belege für den Schwund
der Nasalität sich erst aus dem Ende des 10. Jahrh. nachweisen
lassen, muß unser Name Wenzel als vollgültiger Beweis dafür
angesehen werden, daß um 907 noch e im Alech. (und Aslovak.)
gesprochen wurde. Die Schreibung Prenzlao von 1041 in den
Annalen des Lampert von Hersfeld faßt Houtzmann II 378 so
auf, daß die Aussprache mit und ohne Nasal eine geraume Zeit
nebeneinander hergegangen sei. Sicher ist der Schwund der
Nasalität in den slav. Sprachen allmählich erfolgt, haben wir
doch im kärntischen Jauntale noch heute Nasalvokale erhalten.
Aus Prenzlao aber kann man nur schließen, daß der deutschen
Form noch ein gehörtes Breeislay zugrunde lag, das in gewissen
Gegenden Mährens z. B. tatsächlich noch gesprochen worden sein
dürfte.
Zur Etymologie von Preßburg 113
Wenn Hourzmann Il 378 behauptet, daß tatsächlich nichts
gegen die Ableitung aus Brecislav spreche, so ist demgegenüber
nach dem Gesagten klar, daß kein einziger der gemachten Ein-
wände beseitigt ist. Auch seine Zweifel gegen das Dasein eines
asl. PN. Pröslav sind nicht berechtigt. Der Name ist, wenn auch
nur einmal, in einer steirischen Urkunde des Jahres 1043 (Prezlaus)
belegt, auch, wie schon oben gesagt, in dem kärntischen ON.
Brezlauvesburch vorauszusetzen. Es ist überhaupt nicht einzu-
sehen, warum neben slav. PN. wie Premysl, Pröbor einerseits
und Vladislav, Vratislav anderseits nicht auch ein PN. Pröslav
existiert haben soll. Es ist nicht notwendig, darin deutsche
Umformung aus Br£cislav zu sehen.
Allzu sicher scheint auch Houtzmann II 376f. im Anschluß
an BressLau Abhandlungen der preuß. Akad. d. Wiss. 1923, phil.-
hist. Kl. Nr. 2 S.53 Anm. 2 immer davon zu sprechen, daß ein
alech. (richtiger aslovak.) ON. die Grundlage der schon im
Anfange des 10. Jahrh. im bair. Munde befindlichen Form
Brezalauspurc gewesen ist. Gewiß ist dies in anderen ON. der
Fall gewesen und es ist häufig vorgekommen, daß ein slav.
(sloven., @ech., sorb. u. a.) besitzanzeigendes Suffix durch ein
deutsches Grundwort ersetzt worden ist. In der Beliebtheit von
Suffix einerseits, Grundwort anderseits besteht ja ein Unterschied
zwischen deutscher und slav. Namengebung. Es läßt sich auch
bei einigen Namen, die frühzeitig in deutschen Mund gekommen
sind und bei denen wir die zugrunde liegende slav. Namensform
nicht kennen, beweisen, daß eine Übernahme stattgefunden haben
muß. Auf einige Fälle wie Tafersheim in Oberösterreich, 885
Taberesheim, 1147 Tauersheim; Fluttendorf in Steiermark, 1335
Flagutendorf, 1480 Plachutendorf ist in der Zeitschr. f. ON.-
Forschung 150 hingewiesen worden, wo uns Anzeichen mehr-
facher Entlehnung zu der Schlußfolgerung zwingen, daß ein dem
Suffix nach unbekannter asl. ON., PN. wie Dabre, Blagota ent-
haltend, die Vorlage gewesen ist. Aber bei unserem ON. haben
wir keinen Beweis dafür. Es wäre, da um Preßburg alle Jahr-
hunderte hindurch Slovaken gewohnt haben, viel wahrscheinlicher,
wenn sich die slovak. Gestalt dieses ON. im Munde der Slovaken
gehalten hätte. Dies ist nicht der Fall, die Slovaken verwenden —
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd.IV. 8
114 E. Schwarz
abgesehen von der falschen Neuschöpfung Bratislava, die im
amtlichen Verkehr herrscht — die deutsche Form, während die
madjarische Gestalt schon bei Cosmas belegt ist. Es müßte also
das Dasein der deutschen Form den Untergang der slovak. her-
beigeführt haben oder, da bei der Menge der deutschen und
madjar. Belege für unseren früh bedeutenden Ort doch auch einmal
die slovak. Form zu erwarten wäre, es bleibt nur die Schluß-
folgerung übrig, die auch Mruic# I 80f. gezogen hat, daß der
Ort eine deutsche Gründung ist. Er enthält dann, was in einer
sprachlich gemischten Gegend auch im 9./10. Jahrh. nicht allzu
verwunderlich ist, einen slav. PN. im ersten Teile. Es kann
aber nicht eingewendet werden, daß dieser slav. PN. im bair.
Munde mit p (*Prezisiau) gelautet hätte oder daß, wie es tat-
sächlich den Anschein hat, bei PN. nicht überall der Ersatz des
slav. b- durch bair. v- durchgeführt worden wäre. Seine Aus-
sprache hätte dann unbedingt Prenzlao lauten müssen.
Zuletzt muß noch erwähnt werden, daß gegen die Gleich-
stellung des in den Annales Juvavenses maximi zu 881 beige-
brachten ON. Wenia mit Wien nichts wirklich Ernsthaftes ein-
zuwenden ist (wie Houtzwann II 377 Anm. 3 im Anschluß an
BressLAv a. a. O. S. 51 meint). BressuLau stützt sich darauf, daß
die von ihm befragten Germanisten W. Braune, R. Hennına und
Epw. Schuröpber die Möglichkeit der Gleichstellung mit Wien
verneint haben. Auf das tatsächlich auffallende @ gegenüber
dem sonst in der zweiten Hälfte des 9. Jahrh. herrschenden ie
ist auch 1159 verwiesen worden. Aber R. Muc# hat — was
Horrzmann anscheinend entgangen ist — keinen Anstand ge-
nommen, den Beleg Wenia als Grundlage einer neuen Deutung
des Namens Wien von einem keltischen Flußnamen zu nehmen
(Die Namen im Weichbilde Wiens und ihre Entstehung, in: Wien,
Sein Boden und seine Geschichte 1925 S. 253f.). Die jüngeren
Schreibungen Wienne, Wienni im 11. Jahrh. und das mundartliche
wean verlangen ein älteres Wonnia, so daß uns nur übrig bleibt,
nach einer Erklärung für das in der zweiten Hälfte des 9. Jahrh.
im bairischen Munde schon unsprachgemäße Wen(n)ia zu suchen.
Ich glaube Paul-Braunes Beitr. 50, 242f. gezeigt zu haben, daß
in verschiedenen Gegenden Baierns, Salzburgs und Oberösterreichs
Zur Entstehungsgeschichte der „Tolkovaja Paleja*® 115
Romanen (sogenannte „Walchen“) bis über das 8./9. Jahrh. zu-
rückgeblieben sind und auch in den Urkunden und der Namen-
gebung ihre Spuren hinterlassen haben. Es besteht (vgl. ebenda
S. 275 Anm.) die. Möglichkeit, daß sich auch um Wien längere
Zeit Romanen gehalten haben, auf die der deutsche (ursprünglich
Fluß-) Name Wien zurückgehen kann. Eine aus * Ved(u)nia
entstandene Assimilationsform * Vennia kann schließlich bei diesen
Romanen gesprochen worden und von dem Schreiber der Annalen
aufgenommen worden sein.
Prag-Gablonz a.N. ERNST ScHwARZ
Zur Entstehungsgeschichte der „Tolkovaja Paleja“
1893 kam Ak. Isıtrın, damals noch ein junger Gelehrter, bei
der Analyse einer der literarischen Quellen der Tolkovaja Paleja
zum Schluß, daß dieses bemerkenswerte Denkmal das Werk eines
slavischen Redakteurs sei und daß Nestor die Paleja nicht be-
nutzt habe (Tpyası Crae. Kom. Mock. Apx. O6m. I Moskau 1895).
In seinen weiteren Arbeiten über die Tolkovaja Paleja, die unter
dem Titel 3ameuanna o cocrase T. Ilanen (Usgecrus II 1897
1 und 4; III 1898 2; X 1905 4; XI 1906 2 und 3) erschienen,
begründete Isrrın bei Untersuchung der übrigen Bestandteile
der T. P. seine Meinung genauer und bewies, daß die T.P. ein
russ. Denkmal des 13. Jahrh. und der Kolomnaer Text (nicht
aber die Hs. von 1406) die ursprüngliche Redaktion sei.
Zum gleichen Resultat kam auch 1895 der Verf. (Tpyısı
Cras. Kom. II 1898), als er die wichtigste Quelle der Tolkovaja
Paleja, die Genesis, untersuchte; allerdings formulierte er damals
das Endergebnis weniger präzis, d.h. er nahm an, die T.P. sei
slavischer Herkunft und zwar eher russ. als südslavischer (K
Boupocy 0 Texcre ku. Berrun 8 T. Ilanee. Bapın. Yuns. Mae-
crun 1895 Heft IX und 1896 Heft J).
Nach Isteın’s Bemerkungen und einer vom Verf. vorgenom-
menen Analyse des zweiten wichtigen Bestandteils der T. P., des
Exodus, nach der Kolomnaer (und ihr ähnlichen Hss.) ist der
Verf. von der russ. Entstehung der T. P. ganz überzeugt (der
8r
116 A. MicHAJLoV
betreffende Aufsatz ist wegen Druckschwierigkeiten noch nicht
erschienen).
Auch Ak. Sıcamarov glaubte, die T. P. sei von einem Slaven
zusammengestellt; doch in der Meinung, daß sie auf die russ.
Chroniken eingewirkt habe, verlegte er ihre Entstehung in die
Anfänge des slav. Schrifttums; nach ihm konnte ihr Verfasser
nur Methodius oder einer von dessen nächsten Schülern sein und
zwar der Abstammung nach ein Grieche. Obgleich die Metho-
dianische T. P. nicht überliefert sei, müsse man annehmen, daß
sie vollständiger als die Kolomnaer Hs. gewesen sei, nämlich
auch die Bücher der Propheten bis zu den Ereignissen des N.T.
kommentierte. Diese „ursprüngliche“ T. P. ist, nach SACHMATOV,
aus Mähren nach Bulgarien gekommen, wo verschiedene Ein-
schübe „apokryphen und chronologischen Inhalts gemacht und eine
Vereinigung mit der Chronik des Georg. Monachus“ vorgenommen
worden sei (S. 20). „Nicht später als Ende des 11. Jahrh.“ sei
diese in Bulgarien ergänzte Methodianische T. P. nach Rußland
gedrungen und „auf Grund einer ganzen Reihe russ. Quellen um-
gearbeitet worden“, wobei das Ende, d. h. der Kommentar zu
den Propheten und den neutestamentlichen Ereignissen verloren
gegangen sei. Die bulgarische und russische Umarbeitung hätten
als Endresultat die Kolomnaer Paleja ergeben, die auf diese Weise
nur einen „Auszug aus der ursprünglichen Redaktion“ des Denk-
mals darstelle und nur die erste russ. Redaktion bilde.
Dies sind die Ansichten Sachmartov’s über die Entstehung der
T. P. und der Kolomnaer Hs. (A. Sıcumarov Tonkosan Taner
nu pycck. neronnch Petersburg 1904 S. 14f., 20, 73£.).
Ak. Isreın hat eingehend die Beweisführung Sacumarov’s ana-
Iysiert, mitunter sogar vom Standpunkt des Verf. selbst; aus-
gehend von den Textangaben bewies er die Unhaltbarkeit der
SACHMATOV’schen Hypothese und verblieb bei seinen früheren
Ansichien (Istrın Uccsenoganun B OoÖnacTu ApesHe-pyccRoä
ureparypzı Petersburg 1906 S. 139—178). Gleichzeitig zeigte
er auch, daß die Ansicht Isronın’s (K Bonpocy 0 penarıısıx
T. Hasen Usseerua X 1905 1 und XI 1906 1) nicht überzeugen
könne, da dieser die Abschrift des Denkmals mit seinen Redak-
tionen verwechsle und, ohne die Redaktionen der T. P. einer Ana-
Zur Entstehungsgeschichte der „Tolkovaja Paleja* 117
lyse zu unterziehen, nachzuweisen versuche, daß die ursprüngliche
Form der Paleja im Synodaltext, nicht aber in der Kolomnaer
Redaktion der Tolkovaja Paleja erhalten sei (Isrrın 1. c. S. 178 fl).
In einer Rezension von Sacumarov’s Buch äußerte Istrın
seine Ansicht über die T. P. und erklärte die tatsächlichen Be-
ziehungen zwischen den Texten und Redaktionen dieses Denkmals;
es war natürlich nicht seine Aufgabe, die Frage aufzuwerfen,
ob nach Ausweis ihrer Bibeltexte die T. P. Ende des 9. oder
sogar in der ersten Hälfte des 10. Jahrh. bestanden haben kann.
Namentlich auf diese Frage will der Unterz. hier eingehen
und feststellen, ob Sacumarov’s Hypothese mit den Angaben der
altslav. Texte der Bücher Genesis, Exodus, Ruth übereinstimme.
Die T.P. stellt eine Art „Auswahl“ dar. Der Oktoteuch
wird größtenteils in der Darlegung des Verf. geboten, teilweise
auch im biblischen Urtext, der in Form kurzer Zitate das ganze
Werk durchzieht und inmitten zahlreicher Kommentare, Aus-
einandersetzungen des Verfassers, wie auch Einschübe aus
anderen literarischen Quellen verstreut ist. Auch die Methodia-
nische T. P. muß, wie wohl anzunehmen ist, ihrem ganzen Charakter
nach der Kolomnaer Hs. geglichen haben, wenn ihr auch Ein-
schübe aus den Apokryphen und Quellen späterer Zeit fehlten
(seit dem 10. Jahrh.) und muß bis zu Ende geführt worden sein,
d. h. Kommentare zu den Prophetenbüchern, wie Sacmmarov
annahm, enthalten haben. Eine andere Art von T. P. kennen
wir nicht.
Die Hauptquelle für dieses Denkmal ist natürlich der biblische
Text; ohne ihn ist die Tolkovaja Paleja als solche nicht denkbar.
Es bleibt sich gleich, ob Methodius selbst die Tolkovaja Paleja
zusammengestellt hat oder einer seiner nächsten Schüler, denn
beide konnten sich nur desjenigen altslav. Textes der hl. Schrift
bedienen, der ihnen übersetzt und in vollem Umfang vorlag.
Der Unterz. erlaubt sich hier einen kleinen Exkurs, um aus-
zuführen, was bisher über die altslav. Übersetzung des A.T.
festgestellt wurde, aber in verschiedenen Werken verstreut zu
finden ist.
Die Forschung der letzten 30 Jahre hat ergeben, dab
Methodius, wie aus dem 15. Kap. seiner Vita hervorgeht, tat-
118 A. MıcHAJLoV
sächlich die Arbeit seines Bruders an der Bibelübersetzung fort-
setzte; uns sind Übersetzungen überliefert, die nur Methodius
zugeschrieben werden können, nämlich: die Bücher des Propheten
Jeremias (Baruch), Daniel und der 12 kleinen Propheten
(I. Jevszsev Kunra op. anımna 8 ap. cas. ep. Moskau 1905;
Ders. Bamerku no np. cas. mepesony CB. Ilncanna Masecrun
Ar. Hays X 4; NachtıeauL Hecko1bko 3ameToR O CAeNaxX IP.-
C1aB. HAPUMeÜuHHKA B XOPBATCKO-TNATONNYecK. Aut. Tpymeı CuaB.
Kom. Mock. Apx. O6m. Moskau 1902 III; Tunıcxıs Kuxru XII
Max mpopokog Lief. 1 Sergijev Posad 1918 und die Rezension
von JEvsEJEV Mssecrun 23 1918 2), ferner Stücke aus Esther
(JEVSEIEv 3amerkn u. a.), das Buch Hiob (MicuAasLov O HOBEIX
USNAHUAX XOPBATCKUX TAaron. TekcroB Warschau 1905 auch
P@®B 1905 4 — Rezension der Arbeit von J. Vass Glagolitica
Publicationes Palaeoslavicae Academiae Vegliensis Vegliae 1903
und ders. Liber Job Vegliae 1903), Stücke aus Ruth in einem
glagolitischen Texte (MicHAsLov Ip. cıaB. mepeBon kH. Pybb
Warschau 1908 auch PDB 1908 Rezension des Werkes von
J. Vass Glagolitica Liber Ruth Vegliae 1905) und Stücke aus
dem nicht-parimejnikartigen (nichtgottesdienstlichen) Text der
Genesis (MıcaAsLov K Bonpocy 0 mreparypHom Hacıennun Ku-
punna u Medonun B XOPBaTckux TIATONMYeCKuUX MMCcanax u
Gpesnapuax Warschau 1904). Es ist anzunehmen, daß in Zu-
kunft der Umfang der Methodius zuzuschreibenden Übersetzungen
stark erweitert werden wird, wenn man bedenkt, wie viel hand-
schriftliches kyrillisches und glagolitisches Material noch nicht
publiziert und untersucht ist, ferner wie wenig Gelehrte sich
mit diesem Gebiet beschäftigen. Was den Wortgebrauch und
die Formen anbelangt, so gleicht die Methodianische Übersetzung
derjenigen ‚Kyrills im Parimejnik; das ist durchaus verständlich,
da beide Übersetzungen im gleichen Dialektgebiet, in Mähren-
Pannonien, entstanden sind; in bezug auf ihre Güte ist vielleicht
Kyrills bear etwas Schlechter als JEvsesev annahm (vgl.
l. c.), obgleich ich das an der Hand des Buches Ruth nicht fest-
stellen konnte (vgl. oben 1. e.).
Außer den Übersetzungen Kyrills im Parimejnik (vgl. darüber
Verf. Onsır usyuenns ın. Borrun B up. craB. meperone Warschau
Zur Entstehungsgeschichte der „Tolkovaja Paleja“ 119
1912 Bd. I. Ilapnmeünsi Texcr) und den Methodianischen in den
erwähnten nichtgottesdienstlichen (Cetji) Teilen des A. T. gibt
es noch eine dritte Art altslav. Übersetzungen, die sich in Wort-
gebrauch und Formen von den ersten zwei stark unterscheidet
und in einem anderen Dialektgebiet, nämlich Östbulgarien, ent-
standen sein muß. Die Eigenarten dieser Übersetzung sind haupt-
sächlich von Jasıc Zur Entstehungsgeschichte der kirchensla-
vischen Sprache I—II Wien 1900, V. PogorzLov Bu6smorera
Moex. Can. Tunorpaduu Lief. III IIcanrsıpu als Anhang O pe-
AakımAaxX CAaB. mepeBona Ilcantsıpı Moskau 1901 und JEVsEIEV
Kuura np. Mcann B Ap. cas. mepesoxe Petersburg 1897 unter-
sucht worden. Diese Übersetzung läßt sich tatsächlich der Zeit
des bulg. Zaren Simeon (7 927) zuweisen, und man kann sie
daher die simeonische nennen, wie es JEVSEJEY (l. c.) tat. Hierher
gehört ferner die Übersetzung der kommentierten Propheten
(JEVSEJEV l.c. und Kuura np. Janumsa B Ap. cıraB. mepeBoze),
des kommentierten Psalters (PogorEuov ]. c.), des Buches Ruth
der kyrillischen Abschriften des 14.—15. Jahrh. (Mic#AsLov
HKrura Pyep B ap. caaB. nep. Warschau 1908) und die Nicht-
Parimejnik- (nicht gottesdienstlichen) Teile der Genesis (vgl.
Verf. Onsır) und des Exodus.
Wenn wir im Auge behalten, daß in den altslav. Abschriften
des A. T. 3 Übersetzungen, genauer 3 Redaktionen dieser Bücher,
vorliegen und wir eine Textuntersuchung der Bücher Genesis
und Exodus vornehmen, sei es der vollständigen oder Cetji-
Handschriften aus dem 15.—16. Jahrh. russischer oder südslavischer
Redaktion, so ergibt sich eine interessante Tatsache. In den
gottesdienstlichen Teilen der Genesis haben beide Handschriften-
gruppen, sowohl die südslavische als auch die russische, Kyrills
Übersetzung erhalten (dieselbe wie im Parimejnik), wenn auch
Stücke aus der Simeonischen vorkommen. Der Anteil dieser
Übersetzung ist in den Handschriften der russischen Gruppe des
15.16. Jahrh. größer als in der südslavischen; nur in der
russischen Abschrift des 14. Jahrh. der Lavra-Bibliothek (L)
begegnet man in diesen Teilen fast nirgends der Simeonischen
Übersetzung. Vgl. hierzu Verf. Onsır Kap. 2. Die nichtgottes-
dienstlichen (Cetji-)Teile der Genesis enthalten in allen Ab-
120 A. MicHAJLoV
schriften, den südslavischen und russischen, die Simeonische
(kommentierte) Übersetzung, durchsetzt mit der Kyrillo-Metho-
dianischen, und zwar in beiden Gruppen ohne Unterschied in
den Redaktionen und in der L.-Abschrift des 14. Jahrh. Gleiches
findet sich im Exodus. Diese Beziehungen zwischen den UÜber-
setzungen der gottesdienstlichen und Cetji-Teile der Genesis und
der Kyrillo-Methodianischen hellen m. E. die Entstehung des voll-
ständigen Textes der Bücher Genesis und Exodus auf, da der
Parimejnik und Reste der Methodianischen Übersetzung der
Heiligen Schrift vorliegen.
Als Methodius die Arbeit seines berühmten Bruders, der nach
Ausbildung und Berufung Philologe war, fortsetzte, beschränkte
er sich bei seiner eignen Übersetzungstätigkeit nur auf die nicht-
gottesdienstlichen Teile der Bibel; die gottesdienstlichen Teile,
den Parimejnik, die in der fertigen Übersetzung seines Bruders
vorlagen, vereinigte er nur mit seiner Übersetzung. Obgleich
noch bedeutend mehr zu übersetzen war, als er im Parimejnik
vorfand (um einen vollständigen Genesistext zu erhalten, mußten
noch ungefähr zwei Drittel übersetzt werden, vom Exodus sogar
fünf Sechstel), so wurde die Übersetzungsarbeit doch durch den
vorliegenden Parimejnik und den von Kyrill übersetzten litur-
gischen Psalter bedeutend verkleinert.
Der so entstandene vollständige Text des A. T. (natürlich
nach seinen Gruppen: Oktoteuch, das Buch der Könige u. a.)
oder, falls jemand die Angaben des 15. Kap. der Methodius-Vita
bezweifeln sollte, nur ein Teil davon (z. B. der Oktoteuch), jedoch
ohne die Bücher‘ der Makkabäer, kam darauf glagolitisch ge-
schrieben einerseits nach Süden zu den Kroaten und ging dort
verloren unter Zurücklassung deutlicher Spuren seiner früheren
Existenz (das Buch Ruth, Teile des Hiob, der Genesis), andrer-
seits nach Bulgarien.
In Bulgarien wurde diese Sammlung mehrfach abgeschrieben,
erst glagolitisch, dann kyrillisch, und redigiert. Diese Redaktion
bestand hauptsächlich darin, daß Gräzismen durch slavische
Bildungen, mährisch-pannonische Wörter und Formen durch ost-
bulgarische ersetzt und teilweise nach dem griechischen Original
verbessert wurden. Die resolut und recht kühn vorgenommene
Zur Entstehungsgeschichte der „Tolkovaja Paleja* 121
Redaktion erstreckte sich nur auf die Cetji- (nichtgottesdienst-
lichen) Teile der Bibel und berührte den Parimejnik fast gar
nicht. Dieses ist verständlich, da die Verbesserer ihn als Werk
der Slavenapostel mit einer gewissen Pietät behandelten. Von
den Cetji-Teilen läßt sich das nicht behaupten. Andrerseits er-
klärt sich die Beharrlichkeit der alten Übersetzung im Parimejnik-
Teil des vollständigen Textes durch den Einfluß des Parimejnik,
‘der, nach Abschriften des 12.—14. Jahrh. zu urteilen, fast gar
keine Spuren der Simeonischen altkslav. Sprache aufweist. Das
Buch Ruth, als in seinem vollen Umfange nicht gottesdienstlich,
wurde, vielleicht in einer späteren Zeit, neu übersetzt, weil die
Methodianische Übersetzung verloren gegangen war.
Aber bei aller Entschiedenheit der Simeonischen Verbesserer
hinsichtlich der nichtgottesdienstlichen Teile der Genesis und des
Exodus, sind darin doch deutliche Spuren der Methodianischen
Übersetzung erhalten geblieben, sowohl in den Abschriften des
15.—16. Jahrh. als besonders in der L.-Abschrift aus dem 14. Jahrh.
Andrerseits läßt sich nicht annehmen, daß alles, was in den Ab-
schriften des 15.—16. Jahrh. als Abweichungen von der Metho-
dianischen Übersetzung vorliegt aus der Simeonischen Zeit stamme.
Nicht nur in den einzelnen Abschriften des 15.—16. Jahrh. oder
in ihren Gruppen, nicht nur in einer jeden Redaktion dieser
Abschriften, d. h. im Südslavischen und Russischen, sondern sogar
in jenem Prototyp, auf das beide Redaktionen zurückgehen, sind
viele Abweichungen von der archaischen Gestalt viel späteren
Ursprungs, entstanden unter dem Einfluß gelegentlicher Ver-
besserungen und zwar solchen wie z. B. diejenigen Euthymius
von Bulgarien und Konstantin von Kostenec. Es muß hervor-
gehoben werden, daß die Vorlage der L.-Abschrift aus dem
14. Jahrh. bedeutend weniger Verbesserungen aufweist als die-
jenige der beiden Redaktionen der Abschriften des 15.—16. Jahrh.
und daß letztere bereits im 13. Jahrh. (MıcnasLov K Bonpocy
o Tekere ku. Berrua 8 T. Tlaree 1895 S. 34f.) in Rußland be-
kannt war. Was die südslavische Redaktion der Genesis anbe-
langt (Abschriften Af. G. Kr. M. R,. Sv. meiner Ausgabe), so war
ihr nächstes Original nach Ausscheidung der mit der russischen
Redaktion (Abschriften des 15.—16. Jahrh.) gemeinsamen Vor-
122 A. MicHAJLoV
lage, sogar defekt und wich überhaupt stark von dieser Vorlage
ab (vgl. Verf. Omir).
Auf diese Weise kann man sich die Entstehung der voll-
ständigen Texte des A. T. erklären, wenn die Tatsachen be-
weisen, daß Methodius tatsächlich den nichtgottesdienstlichen
Text der Septuaginta (das Buch Ruth u. a.) übersetzt hat, als
Ergänzung der fertigen Übersetzung Kyrills. Folglich kann der
Oktoteuch nicht einmal in seinen nichtgottesdienstlichen Teilen
unter Simeon in Bulgarien übersetzt worden sein, sondern nur
der Kommentar zum Psalter und den Propheten. Dem Presviter
Grigorij kommt also nur das Verdienst zu, den Oktoteuch ver-
bessert, nicht aber ihn übersetzt zu haben, wie JEvsEJEv annahm
(Tpuropnü npecsurep, nepesonynk BpeMeHn Napı Cumeona Na-
secrun VI, 1902/3).
Nach diesem Exkurs kehren wir zur Hypothese von Sach-
MATov zurück und wollen ihre Unmöglichkeiten an der Hand
des Bibeltextes der Tolkovaja Paleja nachweisen.
Wir haben gesehen, daß nach Sacumarov, die T. P. des
Methodius ein recht umfangreiches Denkmal war, ehe es nach
Bulgarien kam, und daß sie hier durch verschiedene Einschübe
noch angewachsen ist. Natürlich wurde ein verhältnismäßig so
junges Werk von diesem Umfang, das, gemessen an der Heiligen
Schrift, an gottesdienstlichen Büchern und Werken der Kirchen-
väter, von untergeordneter Bedeutung war, selten abgeschrieben;
ein indirekter Beweis hierfür sind, wie Sacumarov meint, der Unter-
gang dieses Denkmals bei den Südslaven und die wenigen Ab-
schriften in russischer Umarbeitung.
Wenn wir daher eine Methodianische Entstehung der T.P.
annehmen, muß festgestellt werden, daß sie selbst und ihr von
Sachmarov vermuteter „Auszug“ d.h. die Kolomnaer Paleja, den
biblischen Text sehr rein, nämlich in der Methodianischen Über-
setzung erhalten hat. Wenn sich in den vollständigen Abschriften
des reinen Bibeltextes, Abschriften, die durch Jahrhunderte von-
einander geschieden sind, eine gewisse Beständigkeit in der Er-
haltung der alten Textgestalt beobachten läßt, so müßte das um
so mehr der Fall sein bei den biblischen Lektionen der Kolom-
naer Paleja, die größtenteils als nebensächliche Bruchstücke,
Zur Entstehungsgeschichte der „Tolkovaja Paleja® 123
einzelne Verse und sogar halbe Verse inmitten von Erklärungen,
Polemiken und verschiedenen anderen Einschüben nicht biblischer
Texte vorkommen.
Das trifft jedoch nicht zu: Der Bibeltext der Kolomnaer
Paleja unterscheidet sich in den nichtgottesdienstlichen Ab-
schnitten stark von der Methodianischen Übersetzung und gleicht
dem sogenannten Simeonischen Übersetzungstypus, genauer dem-
jenigen Text, der der Genesis und dem Exodus in den russischen
Handschriften des 15.—16. Jahrh. zugrunde liegt, soweit Verf.
sie bisher untersucht hat (vgl. MickasLov K Bonpocy 0 Tekcre
xH. Burmun 8 T. I.).
Diese Abweichung ließe sich vom Standpunkt Sıcumarov’s
aus nur dadurch erklären, daß die Methodianische T. P. beim
Abschreiben verbessert worden ist nach der Simeonischen Re-
daktion der vollständigen Abschrift der Genesis (und Exodus),
falls diese Redaktion damals bereits in Gebrauch war, aber auch
das ist ungewiß.
Eine Umarbeitung der Methodianischen Übersetzung nach
der Simeonischen ist jedoch praktisch undurchführbar; es ist
unendlich mühsam, den biblischen Originaltext in einer fremden
Übersetzung, der Methodianischen Paleja, festzustellen und dann
die dementsprechende Stelle in der vollständigen Genesis- und
Exodusabschrift Simeonischer Redaktion aufzufinden. Der bulga-
rische Redakteur hätte sich unter solchen Umständen in der
gleichen verzweifelten Lage befunden wie der bulgarische Über-
setzer einer griechischen Paleja, falls eine solche existierte, der
sich das Ziel setzt, ein jedes Septuaginta-Zitat dieser Paleja zu
ersetzen durch die fertige altkirchslavische Übersetzung der
Bücher Genesis, Exodus u. a.; Verf. hat darüber bereits im oben
erwähnten Aufsatz gehandelt').
1) Selbst hochqualifizierte akslav. Schriftsteller dachten gar nicht
daran bei Übersetzungen aus dem Griechischen, wenn sie Teile eines
Bibeltextes fanden, die entsprechende Stelle der fertigen Übersetzung,
nicht einmal des Evangeliums aufzunehmen, sondern übersetzten selbst.
So verfuhr auch der Bischof Konstantin von Bulgarien, bei der Über-
setzung der Homilien für sein Lehrevangelium (MICHAJLOV K Bonpocy
06 Vunrensckom Ezaurenun Koncrauruna en. Bonrapckoro Moskau 1894).
194 A. MicHAJLoV
In der Gestalt, wie der Bibeltext in der Kolomnaer Paleja
vorliegt, kann er nur bei Abfassung dieses Denkmals aufgenommen
worden sein; auf allmähliche Verbesserungen, die in diesem Fall
an sich unmöglich sind, kann er nicht zurückgehen.
Ursprünglich ist die Tolkovaja Paieja nicht von Methodius,
auch nicht in Mähren verfaßt worden, sondern von einer anderen
Persönlichkeit, in einem anderen Dialektgebiet.
In Bulgarien also? Ist die Tolkovaja Paleja etwa „von
einem der nächsten Schüler des Methodius (von einem Griechen
wie auch Sac#mAarov annimmt), d.h. nicht später als Mitte des
10. Jahrh., denn bis zu dieser Zeit hätte ein Schüler, der nach
885 aus Mähren nach Bulgarien übergesiedelt ist, leben Können,
verfaßt worden, vorausgesetzt, daß dieser vollkommen mit der
ihm fremden Version der Simeonischen Bibelübersetzung ver-
traut war?
Eine solche Annahme wäre zulässig, wenn in den ältesten
Abschriften der Tolkovaja Paleja, der Alexander Nevskij’schen aus
dem 14. Jahrh. und der Kolomnaer von 1406 sich einerseits
irgendwelche Merkmale bulgarischer Provenienz, andrerseits sehr
alte Bibeltexte finden würden, wie z. B. in den russischen Pari-
mejniki des 13.—14. Jahrh. Das ist aber weder in den nicht-
gottesdienstlichen Teilen der Genesis (und des Exodus) noch in
den Parimejnik-Teilen der Fall.
Obgleich der vom Verfasser der T. P. herangezogene Bibel-
text älter ist als derjenige der Genesis- (und Exodus-) Abschriften
aus dem 15.—16. Jahrh., so ist er doch nicht archaischer als der
L.-Text des Pentateuch; ferner ähnelt er in vielen Lesungen
dem Original der russischen Abschriften des 15.—16. Jahrh.
Aus diesem Grunde muß die Hypothese von der mährisch-
pannonischen oder bulgarischen Entstehung der ursprünglichen
T. P. abgelehnt werden. Dieses Denkmal ist in Rußland und
wohl kaum vor dem 13. Jahrh. entstanden.
Zum gleichen Ergebnis gelangen wir auch durch eine Text-
analyse des Buches Ruth.
h Il.
Die altslav. Übersetzung des Buches Ruth ist uns in zwei
Texten überliefert: einem glagolitischen, vorläufig dem einzigen,
Zur Entstehungsgeschichte der „Tolkovaja Paleja® 125
aus dem Jahre 1396!) und einigen kyrillischen des 14.—16. Jahrh.
russischer undsüdslavischer Redaktion. Die Anzahl der kyrillischen
Texte ist übrigens auch beschränkt: so befand sich in den 26 Hss,,
nach denen Verf. die Genesis?) herausgegeben hat, das Buch
Ruth nurin 9 Abschriften: vier südslavischen und fünf russischen?).
Beide Texte, der glagolitische und kyrillische, sind unabhängig
voneinander und nach verschiedenen Originalen aus der griechischen
Septuaginta übersetzt.
Die altslavische Übersetzung des glagolitischen Textes ist
mährisch-pannonischer Herkunft; nach der Sprache zu urteilen
geht sie auf die Kyrillisch-Methodianische Zeit zurück und weist
alle Merkmale der Parimejnik-Übersetzung auf.
Die Übersetzung des kyrillischen Textes beider Redaktionen
entstand wohl in Ostbulgarien zur Zeit Simeons (7 927); sie
weist alle charakteristischen Eigenarten der sog. nichtgottesdienst-
lichen und kommentierten Übersetzung der Bücher des Alten
Testaments auf).
In allen fünf kyrillischen Abschriften, die ich für die Unter-
suchung dieses Buches herangezogen habe (zwei russische: die
der Troickaja Lavra, 14. Jahrh., von Undol’skij Nr. 1, 15. Jahrh.
und drei südslavischen: Rumancev /R,/ Nr. 29, 16. Jahrh., des
Grigorovi& /G/ Nr. 1684, 16. Jahrh. und Sevastjanov /Sev./
Nr. 1431, 15. Jahrh®)) ist die Übersetzung dieselbe trotz der ver-
schiedenen Herkunft und des Alters der Hss.; es decken sich
auch einige Lesevarianten in beiden Gruppen; abgesehen von
1) J.VAss Publicationes palaeoslavicae Academiae Veglensis. Liber
Ruth ex cod. Bibl. Palatinae Vindobonensis. Vegliae 1905.
2) Kunra Bermua 8 ApesnHe-cnaB. nepesone Lief. 1—4 Warschau
1900—1908.
3) MICHAJLOV Onsit nayyeuna TeKkcra KH. Bemmn B AP. cıaB.
neperone Warschau 1912 pp. I-LXXXIX.
4) DERS. ]Ip. cnas. mepenon ku. Pydbp Warschau 1908.
5) Eine genaue Beschreibung dieser Hss. findet sich in meinem
Onsr mit Ausnahme der Troickij-Abschrift des 14. Jahrh. Nr. 2 mit
den Büchern Jesus Navi, Richter, Ruth und Esther; Auszüge daraus
sind in der Ucropmu. Xpucromarun von BUSLAJEV veröffentlicht. Unterz.
berücksichtigt nur den von Buslajev herausgegebenen Ruthtext (Kap. I
1—27, IT 1—12); VaJs verfügte noch über eine vollständige, von
VOSKRESENSKIJ angefertigte Kopie des Textes.
126 A. MicHAJLoV
2—-3 Varianten ist der russische Text in beiden Handschriften
kongruent.
Das ist alles, was der Wissenschaft dank dem schönen Funde
von Vass über das Buch Ruth bekannt ist.
Es muß hervorgehoben werden, daß während des Gottes-
dienstes kein einziges Kapitel aus dem Buche Ruth weder in
der östlichen noch in der westlichen Kirche vorgetragen wurde;
es gab davon nur ein augenscheinlich wenig verbreitetes nicht-
gottesdienstliches Buch, das mitunter, wie die L. Abschrift des
Pentateuch aus dem 14. Jahrh. Nr. 1!) beweist, aus kurzen In-
haltsangaben bestand.
In der Kolomnaer Paieja, veröffentlicht von den Schülern
Tiehonravov’s?), nimmt das Buch Ruth die Spalten 726—734
(S. 363) ein und trägt die Überschrift Cu se 0oy6o Bpmmcana
CyTb BbKPpaTub Nch KHUTb OCMEL 0 pydı. Schon der Titel be-
sagt, daß wir es hier nur mit einem kurzen Auszug aus dem
Buche Ruth zu tun haben. Tatsächlich hat der Verfasser der
Tolkovaja Paleja dieses Buch ebenso wie die anderen Bücher
des Oktoteuch verarbeitet, d. h. vieles ganz weggelassen, vieles
nur in seiner eignen Deutung geboten, indem er nach eignem
Ermessen den Bibeltext vereinigte und paraphrasierte. Doch
trotz der Kürzungen und des fragmentarischen Charakters der
Wiedergabe führt stellenweise der Verfasser dennoch den originalen
Bibeltext des Buches an. Nämlich aus Kap. 11.2, (Spalte 726),
4.6. 11.13, (Spalte 727), 14—18. 20; II1 (728) 4. 9—12 (730)
13 (731); IV 1.2.4, (732), 6.9. 11—15, (733), 16. 17, (734).
Natürlich werden aber auch diese Stellen nur bruchstück weise
gegeben. Kap. 3 fehlt ganz; nur einzelne Stellen daraus sind
in der kurzen Inhaltsangabe herangezogen. Um sich aber ein
Urteil über Herkunft und Güte der altslavischen Übersetzung
bilden zu können, reichen die herangezogenen originalen Bibel-
stellen doch aus.
Liegt hier etwa eine neue, uns unbekannte Übersetzung
1) Diese Wiedererzählungen sind bei Beschreibung der L. Abschrift
des Pentateuch (14. Jahrh.) im Onsır vom Verfasser herausgegeben.
2) Ilanen Tonkosan no cıncky, CHeNaHHOMy B T. KonomHe B
1406 r. Tpyn yuenuxop H.C. Tuxonpasosa Moskau 1896.
Zur Entstehungsgeschichte der „Tolkovaja Paleja® 127
vor? Diese Frage ist zu verneinen. Es ist die fertige Über-
setzung der kyrillischen Abschriften des Buches Ruth, die sich
von der glagolitischen natürlich stark unterscheidet. An der
Hand einiger Parallelen läßt sich das veranschaulichen. Verf.
gibt an erster Stelle den Text des Buches Ruth nach der Ko-
lomnaer Paleja, in Klammern die Varianten aus den kyrillischen
Abschriften (U. T. russische und Sev. südslavisch) und an zweiter
den glagolitischen Text nach der Ausgabe von Vass (die Zahlen
nach dem Palejatext beziehen sich auf die Spalten und Zeilen
des Kolomnaer Textes).
Il kai BHerAa eYKayy eyAHuk (726, 23): Gl. gHeTk oyßo
coyAasund coyankma (Eyevero Ev TO xolvew todg xg1TEg)}).
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©rd Tregvyag diroN).
IV 1 ce oyıznka mnnoRauıe. teroke Bk Hapekam (napkue U. Sev.)
hoosn...H pe K nemy (tmoy U.)...cAaAH (732, 13): n ce Ban-
1) TISCHENDORF-Nx&STLE Vetus Testamentum graece etc. Editio
VII. Leipzig 1887.
128 A. MicHAJLOV
KHKA CH MHMOHAKKkıne. emoKe peue Booch. H peue K HEMOY.. CEAH
(zul 1dod 6 dyyıoredg mugenogsvero dv EAdhmoe Boök. aa eine
modg abrov ... ndFıoov).
IV 6 oyıRuka.. pt (pe oyRHka U. Sev.). HE BBSMOTY 43%
(fehlt U. Sev.) oyxHuncrgogatH (Ban. cesk U. Sev.) teAa (n Aa Sev.
Aa U.) koraa (nekoräa U.; fehlt Sev.) pacmınam oyKHYRcTBo (npH-
yacrie U. Sev.) erste Aa (fehlt U. Sev.) oyKHuncTByH .. TRI cock
(cesk Tu U.) 733, 1: peue BAMKHKA HOAOY HE MoToy NPHRAHKHTH
ee ceBk. EAA KaKo NpOCMpAKAK HacAsAHE CRof. MPHBAHIKH CEBK (Eime
dyyorevg' 0b Övvjoouaı Ayxıoredoaı Euavro, unnore ÖLapFElgn
tıv aAmgovoulav uov. ayylorevoov GE«vVTÖ).
Und solche Übereinstimmungen mit dem Paleja-Text des
Buches Ruth, der fertigen Übersetzung der kyrillischen Texte,
ferner Abweichungen von der Übersetzung des glagolitischen
Bruchstückes des Buches Ruth (bis IV 7 inkl.) finden wir überall
in den entsprechenden Teilen der Tolkovaja Paleja. Einige Ab-
weichungen von der fertigen Übersetzung erklären sich leicht
durch einen älteren Text des Buches Ruth (4, 6 reaa Koraa für
Aa nekorAa), wissentliche Abweichungen des Verfassers von der
Vorlage (4, 6 oyixHnunertgo für npHnyAcrie) oder Fehler von der
einen oder anderen Seite.
Offensichtlich war die glagolitische Übersetzung dem Ver-
fasser der Tolkovaja Paleja unbekannt; sie kann daher nicht
von Methodius stammen; außerdem ist der Ruthtext der Tolkovaja
Paleja nicht eine Umarbeitung der glagolitischen, sondern eine
besondere Übersetzung, eine ebensolche wie sie in den kyrillischen
Abschriften des 14.—15. Jahrh. vorliegt.
Obgleich sich die Übersetzungen in den kyrillischen Ab-
schriften des Buches Ruth fast alle gegenseitig wiederholen, so
gibt es doch in einigen Handschriftengruppen, hauptsächlich nach
Redaktionen gesondert, d. h. im T. U. einerseits, und dem 6.
(von Grigorovid, von IV 7 ab) andrerseits einige Varianten!).
1) So weicht die Troickij-Abschrift des 14. Jahrh. im ganzen
ersten Kapitel und der ersten Hälfte des zweiten (II 1—12) von der
Abschrift des Undol’skij (15. Jahrh.) nur in folgenden Stellen ab:
1,8 zama T. S. (samn U.), 1, 9 po ib. (rnac), 1,13 «p&no T. xpbırk
Sev. (rnac» U.), II 7 nocatpoy T. (8% cabas U. Sev., aber die Glosse
Zur Entstehungsgeschichte der „Tolkovaja Paleja‘ 129
In welchem Verhältnis steht nun der Palejatext der Ruth
zu den Varianten der beiden Redaktionen? Mit anderen Worten,
welcher Redaktion ähnelt dieser Text mehr? Auf Grund des
vorliegenden Handschriftenmaterials läßt sich diese Frage nur
folgendermaßen beantworten: in den Abweichungen der beiden
Redaktionen folgt der Palejatext der Ruth in gleichem Maße
bald der Lesung der U. T. Abschriften, bald dem Sev. oder G.
Die Übereinstimmungen des Palejatextes der Ruth mit der
russischen und die Abweichungen von der südslavischen Redak-
tion bestehen z. B. in Folgendem: (an erster Stelle ist die Lesung
der russischen Redaktion der Paleja gegeben, in Klammern —
die südslavische).
14 uma gropkn (Apyron) 727, 10: ıfj devreoe.
I 14 gneakAn CReKpogH cKoreıa (EncakAn 161E) 728, 6: 1x%0-
LovInoEV adrT.
122 nwennu%k Gen. (nwennunm) 728, 27: Tov x0ıd@r.
II 9 Hera BKAA,AHELUH (rerAa BR REKEN ce) 730, 9: örı duprosıs.
Ii 10 ramıun (# pe KhNIEMOY) 730, 13: zul Eis mo0g auroV.
II 12 ku KpHaoma ıero (noAR Kpinak Hero) 731, 2: Umo rag
XTEgVyag abToD.
II 13 g% cpile pasmı (Bu oyıun pasu) 731, 6: Eri xagdlav ig
dovAng.
IV 12 n goyAH Aomn (H Koyar Aomn) 732,12: zul yEvorto olxog.
IV 12 Tosk © (+ pam) cera uaya (TeEsk BR NpHuscTie YEAR)
733, 16: ooi &% ng maudionng Tadrıg.
IV 14 nxe ne pacnına OYRHKRI TROIEFO (HIKE NE p. OYIKHURCTBO
ıero) 733, 21: ög 00 xurelvoe 001 ToV AyyıoTea.
Außerdem steht im Palejatext wie auch in der russischen
Redaktion stets Anukasom» und Heomuna (nur einmal Hoamunk),
während die südslavische Redaktion Kn&anem» und Heemnna
aufweist. 1
Andrerseits finden sich UÜbereinstimmungen des Palejatexts
mit der südslavischen Redaktion der Sev. und G. Abschriften;
in Klammern wird die Lesung der russischen Redaktion geboten.
nocabpoy U.), IT 10 peryım T. (rmomm U.), II11l »bna (pbab) vgl.
A. MICHAJLOV JIp. cnae. nepep. ku. Pyh S. 28 und 30.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd.IV. 9
130 A. MIcHAJLOV
I1l aa an P. und Aa Han Sev. (Akera an U.) 727,19: u).
I 16 ne gyan am (ne cpauyn Mene) 728, 15: um dravryoel yoı.
I18 kpknutnca (oykpknnca) 728, 22: „oaraodraı.
II 10 la sÄrTa (BATO cuTBopn‘"%) 730, 14: E0g0v yapıw.
IT 11 peue sen (peue Ku nen) ib. 17: eimev adrT.
IT 11 HeanKo eTBopH (HERE CHTBOPHAA ech) ib. 18: ö6« menolyxes.
hend
IV 2 i. myYRn Ww cTapelik ae (E MoyRk. W eTapeiik
rpaAa) 732, 18: era üvöoug amd rov npsoßvregmv tig m6AEmg.
IV 11 gyoaauınn P. guysaeun G. (BuxoAAue) 733, 10: mv
slortogsvouevv.
IV 16 na aonk (na aokn) 734, 4: eig Tov x0Anov.
IV 15 sarkanına (kaarenkhum) 734, 2: dyadı).
Diese Parallelen sind von entscheidender Bedeutung. Von
den 20 Abweichungen (mehr habe ich nicht gefunden) zwischen
der Paleja und der U. resp. Sev.-Abschrift wird in 13 Fällen
eine Lesung geboten, die den griechischen Originaltext der Ruth
wiederspiegelt und nur in den 7 übrigen Fällen handelt es sich
um individuelle, durch den griechischen Text nicht gestützte
Lesungen der U. oder Sev. Abschrift. Aus diesem Verhältnis
ergibt sich, daß derjenige Ruthtext, den der Verf. der Tolkovaja
Paleja benutzte, richtiger war, als die U. T. einerseits und die
G. Sev. Abschriften andrerseits. Das ist auch verständlich, denn
der Ruthtext in der T. P. ist der ursprüngliche (auf ihn gehen
beide Redaktionen zurück); er ist älter als die Texte der
beiden Redaktionen, sowohl der russischen aus dem 14. wie auch
der südslavischen aus dem 15. Jahrh. Die unwesentlichen Ab-
weichungen beider Ruthredaktionen von ihrem gemeinsamen
Original lassen sich auch leicht erklären: das Buch Ruth wurde
vor dem 14. Jahrh. wie auch später nur selten abgeschrieben,
weil es beim Gottesdienste nicht gebraucht wurde. Daher sind
die in der Paleja vorkommenden Lesungen russischer Redaktion
aus dem Buche Ruth charakteristisch, d. h. sie beweisen, daß,
falls die Varianten südslavischer Redaktion in die Tolkovaja
Paleja aus der Vorlage der beiden Redaktionen übernommen
wurden, doch die russische Redaktion eines der Exemplare dieser
Vorlage, die in Rußland abgeschrieben wurde, resp. eine Kopie
Die kyrillische Paläographie in den Jahren 1913—1926 131
davon und zwar eine recht alte, die direkte literarische Quelle
für den Verfasser der Tolkovaja Paleja war.
Somit führt eine Analyse des Ruthtextes in der Tolkovaja
Paleja zu dem gleichen Ergebnis wie die der Genesis und des
Exodus, d. h. die Kolomnaer und die ihr entsprechenden Ab-
schriften (A.K.. a. in der Ausgabe der Schüler Tichonravov’s)
bilden die ursprüngliche Redaktion der Tolkovaja Paleja; diese
kann nur in Rußland und wohl kaum vor dem 13. Jahrh. ent-
standen sein. Vielleicht war ihr Verfasser jener Varsonotfij,
dessen Name am Ende der Kolomnaer Hs. als „Verfasser“ und
nicht als „Abschreiber“ der Tolkovaja Paleja erwähnt wird:
f\
EICH H NIOMHH pasa cRotero Bapcono&kard. COSAARUIATO KNHTR CHIA
(Bl. 208). Diese Annahme ist deswegen berechtigt, weil die
Kolomnaer Hs. auch auf einen Abschreiber hinweist, wie aus dem
i4
Anfang des Zusatzes hervorgeht: ru nomosn pasy cBotEemyY KysMmk
N
HATIHCARIUEMY KHHTH CHA pYKom rpkunom am }),
Moskau A. MicHAsLov
Entgleiste Iterativbildungen
Die Analogie spielt wie bekannt in der Grammatik der
slavischen Sprachen eine große Rolle. Der Dual nach dva und
oba z. B. hat im Serbokroat. verursacht, daß das Substantiv auch
nach ?rı und cetiri im Nom. und Akk. in der Dualform steht:
1) Der Zusatz der Kolomnaer Abschrift auf dem letzten Blatt (208)
macht auf mich einen seltsamen Eindruck. Unwillkürlich taucht die
Frage auf: Von wem rührt sein Wortlaut? Abgeschrieben ist er
natürlich von Kuz’ma, aber ihm als Verfasser gehört zweifellos nur
der Beginn der Zuschrift bis zum Worte amHnk an, die Fortsetzung
aber (hr akTro 6914 unaHnKTa 13 Mkceraua Mara BR 7 usw. bis zum
Schluß) scheint nicht von Kuz’ma, sondern von Varsonofij „eo3A,4Bularo
KHHFTH cHia“ d. h. dem vermutlichen Verf. der Tolkovaja Paleja her-
zurühren. Hat etwa Kuz’ma den Zusatz des Verf. nur abgeschrieben,
gleich den Abschreibern der Prophetenbücher, die den Zusatz des Upyr’
Lichoj 1047 von Abschrift zu Abschrift kopiert haben? Ich werfe
hier vorläufig nur diese Frage auf, ohne Schlüsse daraus zu ziehen,
obgleich sie meine Ansicht über die russische Entstehung der Paleja
gut stützen würden.
9%
133 I. KostıkL
tri gospodina, etiri sina. In &echischen Dialekten hört man
vielfach müzu, tecu für mohu, teku, und müZou, teöou für mohou,
tekou (3. pl.), weil in der Mehrzahl der Formen (2. und 3. sg.,
1. und 2. pl.) der Palatal eintritt. Im Slovenischen hat man nach
dem Präsens najdem, -es, -e das Partizip najdel (statt nasel)
hervorgebracht; aus einer Kreuzung beider ist naj3el entstanden.
In mehreren slav. Sprachen ist das -0vs des gen. pl. der v-Stämme
(synovs „filiorum“) in die o-Deklination eingedrungen und hat
das ursprüngliche -» fast restlos verdrängt, usw.
Eine beträchtliche Umgestaltung hat die Analogie auch in
der Bildung der Iterativverben hervorgerufen. Die hauptsäch-
liche Ursache dieser Erscheinung liegt darin, daß das wahre
Thema, bzw. die wahre Wurzel im Sprachbewußtsein durch ein
scheinbares Thema, resp. eine scheinbare Wurzel ersetzt worden
ist, weil man nicht mehr fühlte, daß z. B. vor n (in der II. Verbal-
klasse) gewisse Konsonanten ausgefallen waren: ge(b)ng, to(p)np,
pre(d)ng, ka(p)ng etc.
Es soll ausdrücklich erwähnt werden, daß das Alter der
hier behandelten unorganischen oder (wie sie BERNEKER nennt)
entgleisten Imperfektivbildungen ein sehr verschiedenes ist. Die
einen finden sich schon im Altslovenischen, während andere erst
in neuester Zeit entstanden sind. Letztere wiederum sind nicht
immer Volksprodukte, sondern stammen vielfach aus dem Gehirn
von belletristischen Schriftstellern, noch häufiger wohl von Jour-
nalisten. Damit soll nicht gesagt sein, daß Publizisten ein be-
sonders entartetes Sprachgefühl haben, wohl aber, daß sie in der
Hast der Berufsarbeit bisweilen Monstra an Imperfektiven
fabrizieren.
I. Wurzeln, die auf einen Vokal endigen:
1. su-: pf. asl. sungti; — impf. organisch: sloven. suwvati, £&.
-souwvatı; — unorganisch: slov. (im Prekmurje) -sunjävati (nach
dem Vorbilde napuniti IV: napunjavati; die Verba der II. Klasse
haben im Prekm. im Imperativ und im part. pass. dieselben
Endungen wie die der IV.), &ech. po -sunovati (kann auch denom.
von posun sein).
2. mi-: pf. asl. mingti, nsl. miniti//nem IL. und miniti/nim IV.
— impf. organ.: &. möjeti, poln. mija&; unorg.: slov. minevati
Entgleiste Iterativbildungen 133
(minim: bobnim = minevam: zabobnevam), bulg. za-minuva, &.
prominovalti, russ. munosamo, asl. -minovati (als wäre die Wurzel
min-).
3. vi-: pf.Cech. -vinouti; — impf.org.: &.-vijeti, slov. -vijati, —
unorg.: £. roz-vinovati (denom. zum Subst. rozvin ?).
4. zi-: pf. asl. zingti ; — impf. organ.: asl. pro-z&vati ete.; —
unorg.: serb.-ksl. raz-zinovati (Vita Barlaam et Iosaph.); skr.
-zjavati (als wäre die Wurzei zja-).
5. Si-: pf. slov. Siniti, &. Sinouti; — impf. org.: slov. (in Unter-
krain und Innerkrain) -Sivati, alt&. -sivati (se); — unorg.: slov.
pre-Sinjati (nach naznaniti: naznanjati), C. vy-Sinovati (an-
scheinend denom. zu vysin).
6. sta: pf. slov. na-stati/|nem; — impf. organ.: slov. na-stajati
‚entstehen‘ — unorg. slov. (im Prekmurje) nastanjevati (als wäre
das pf. Verbum nastanım, -niti).
7. ply-: pf. &. -plynouti; — impf. org. &. -plyvati se etc. —
unorg. roz-plynovati se (sieht wie ein Denom. zu *rozplyn aus).
8. by-: pf. asl. zabyti//bodg, slov. po-za - biti//bim, älter -Dom, —
impf. org.: slov. pozabwati; — unorg.: slov. pozablj(ev)ati (wie
naznanj(ev)ati: naznanitı); im Prekmurje lautet zu v-do-biti ‚be-
kommen‘ (Präs. (v)dobim, älter (v)dobodem) das Imperfektivum
vdabljati, als wäre das Präfix do- ein Bestandteil des Themas);
im Küstenlande lautet es vdobavatı (Muster: kupdvati: kupiti?)
oder als wäre das pf. vdobatı.
9. Verbalstamm bavi- zur Wurzel by-: pf. skr. und slov. za-
baviti; — impf. org.: skr. und slov. zabavljati; — unorg.: slov.
zabavatı (als wäre das Imperfektivum zabäti; oder denom. zum
Subst. zabava).
10. dom£-: pf.: skr.-ksl. o-dumeti se ‚respondere‘; — impf.
org., sSlov. o-dmevati ‚wiederhallen‘; — unorg.: slov. (in Weißkrain)
o-damljevati (wie von einem pf. odamiti, -mim).
11. ri-: pf. sl. v-riniti//nem (II. Kl.) ‚einschieben‘; — impf.
org.: slov. v-rivati; — unorg.: slov. v-rinjati (wie wenn das Per-
fektivum vrinim, IV. Klasse, wäre).
12. si- ‚scheinen, glänzen‘: — pf. skr. za-sijati se; — impf.
org.: skr. za-sevati, za-sijevati; — unorg.: skr. -sjdvati (als wäre
die Wurzel sija-) und sogar -sjaiwati.
134 I. Kostıkı
II. Wurzel (bzw. Thema) auf -t:
1. gort-: pf.skr. -grnuti, slov.-grniti, dech. -hrnouti, p.-garnae,
osorb. -hornyc, usorb. -gjarnus, klr. -hornüty; — impf. org.: ksl.
-grotati, skr. -grtati, -gartywat, klr. -hortaty; — unorg.: ksl. pri-
gronovati (als wäre die Wurzel gron-), slov. -grinjati (Muster
opominjati: opomniti), &. -hrnovati, p. -garniac, wr. -harnyvat.
23. svot-: pi. Sr. svanuti, asl. svongti; — impf. org.: skr.
svitati etc. — unorg.: skr. svanjivati (wie -hranjivatı: hranıti, als
wäre das pf. Vb. svanıti//nım).
3. vort-: pf. slov. vrniti/)/nem; — impf. org.: slov. vratatı,
-Zevati; -— unorg.: povrnjdvati (im Prekmurje), povrnovati (bei
TRUBER), wie wenn die Wurzel vorn- wäre.
4. bukot-: pf. skr. büknuti; — impf. org. skr. büktjeti; —
unorg. büknjati (als wäre die Wurzel bukon-).
5. rast-: pf. slov. do-rasti ; — impf. org.: do-rastati ;, — unorg.:
slov. do-raStati, als wäre das pf. Vb. dorastiti. Letzteres Vb.
existiert allerdings, ist aber faktitiv und bedeutet „befruchten,
wachsen machen“.
6. hvat-: pf. bulg. za-hvan», za-fans ; — impf. org.: bulg. za-
hvastam ; — unorg.: bulg.za-fanuvam (als ob die Wurzel hvan- wäre).
7. met-: pf. slov. za-metati/|tem; — impf. org.: slov. za-meto-
vatı; — unorg. za-mecevati (bei TRUBER) nach Analogie des Präsens
za-metem.
III. Wurzel auf -d:
1. gad-: pf. altr. sa-eanyme, klr.na-hanüty, slov. uganiti/Inem;
— impf. org.: ksl. gadatı, r. zadame, klr. hadaty, slov. (Oststeier-
mark) u-gadati; — unorg.: slov. ugibati (Zentraldialekte und
Schriftsprache; Muster gibati ‚movere‘: geniti von der Wurzel
geb-); ur jlev)ati im Küstenland (als wäre die Wurzel gon-
und 'd°“. nf. Vb. uganitı//nım).
2. ‚:d- ‚welken‘: pf. slov. u-veniti II, [in Krain auch o-vene-
tv II), — impf. org.: asl. u-vedati, r. yeaddmo; — unorg.: slov.
u-venevatı, als wäre die Wurzel ven-; Muster sedevati : sedeti.
3. gled-: pf.&. -hlednouti ; — impf. org. &. -hledeti, -dim ete.; —
unorg. -hlöZeti//£im (woher das Z?).
4. bod-: pf. ksl. vo-ba(d)npti; — impf. org.: ksl. v2-bydati;, —
unorg. kt vez-banovati, als wäre die Wurzel ban-.
Entgleiste Iterativbildungen 135
5. ved-: pf. asl. pri-vesti, -vedg; — impf. org.: asl. -vazdatı; —
unorg. pri-vedovatı (LAMANSKIJ O HTBKoMoPBLE» c1as. Pykonucaze,
1864).
6. vid-: pf.asl. vidöti; — impf.org.: asl. vidövati; — unorg. asl.
(Supr. 212, 277) vidovati (sieht wie ein Denom. aus); skr. u-vidati
(als wäre das pf. Vb. in der IV. Klasse).
7. id-, i-: pf. slov. najti/Inajdem; — impf. org.: r. naxodums,
slov. nahajati; — unorg.: slov. najdovati (selten); p. najdowac.
9. pred- ‚salire‘: pf. asl. vos-prenpti; — impf. org.: asl. na-
predatı ‚insilire‘, r. soc-npadame; — unorg.: altr. ssc-npanamu
‚exsurgere‘, als wäre die Wurzel pren- und das pf. Vb. *vas-
preniti, IV. Kl.
IV. Wurzel auf -p:
1. klep-: pf. slov. za-klenitil/nem; — impf. org.: slov. za-
klepati; — unorg.: slov. (im Prekmurje) za-klenjevati, (in Weiß-
krain) — njavatı, als wäre die Wurzel klen- (nach dem Muster
premenj(ev)ati : premeniti IV).
2. kap-: pf. asl. ka(p)noti; — impf. org.: ksl. ?s-kapatı; —
unorg.: ksl. is-kanovatı, als wäre die Wurzel kan-.
3. lop-: pf. asl. pri-longti, skr. pri-onuti (aus prilnuti), &.
-Inouti, r. npu-anymo; — impf. org.: ksl. pri-lipati, r. npu-sunams,
— unorg.: skr. pri-änjati (nach dem Muster klänjati: klönuti,
als wäre die Wurzel on-), &. pfilinati (nach dem Muster napinati:
napnouti); p. z-liga@ nach dem pf. ze-Ignac, in welchem der Guttural
eingeschoben ist.
4. sop- ‚dormire‘: pf. asl. u-sengti, r. y-cnymo, &. u-snouti, skr.
u-snuti; — impf. org.: asl. u-sypati, r. 3a-coınamd; — unorg.: skr.
snivati, wie wenn das pf. Vb. u-sniti//u-snijem wäre; €. u-sinati,
als wäre die Wurzel son; nach dem Muster napinati: napnoutı).
5. ssp- ‚schütten‘: pf. asl.. slov., skr. na-suti; — impf. org.:
asl., &. -sypati, slov. za-sipati; — unorg.: slov. (Küstenland) za-
swoati nach dem Muster obuvati: obuti, als wäre die Wurzel
su-; raz-sipljevati (kajkavisch) wie zu einem Pf. raz-sıipiti.
6. terp- ‚torpere‘: pf. asl. u-trongti (für u-torngti), skr. -trnuti;
——- impf. org.: slov. u-tripati; — unorg.: skr. -trnjwati, als wäre
die Wurzel torn- und das pf. Vb. -trniti; nach dem Muster
sahranjivati: sahraniti.
136 I. Kosrur
V. Wurzel auf -b:
1. gyb- ‚perire‘: pf. skr. po-ginuti, slov. po-giniti//nem, 8.
z-hynouti, bulg. za-gins; — impf. organ.: asl. -gybati, skr. ispo-
gibati, slov. i2-gibati; — unorg.: slov. iz-ginjati, als wäre die
Wurzel gyn- und das pf. Vb. IV. Kl. iz-gyniti; nach dem Muster
zalinjati: zatimiti; auch izginevati, als wäre das pf. Vb. III. Kl.
izgineti, nach dem Muster zabobnevati: zabobneti; endlich izgino-
vatı und -njevati wie naznanovati, -njevati: naznanıli.
2. g»b- ‚biegen‘: pf. asl. -ganpti, skr. na-gnuti, slov. prıpo-
gniti//gnem, bulg. za-gans; — impf. organ.: als. -gybatı, skr. na-
gibati, slov. pripo-gibati, klr. -hybaty; — unorg.: skr. na-ginjati,
als wäre die Wurzel gyn- und das pf. Vb. IV. Kl. nagyniti; slov.
pripo-goväti//güjem nach dem Muster namigovati: na-migniti, als
ob die Wurzel pog-(!) wäre; bulg. za-gsnuva wie von einer Wurzel
gen-; klr. za-hynäty.
VI Wurzel auf -:
1. z2v/zov-: pf. asl. po-zovati, .skr. slov. po-zvati; — impf.
organ.: asl. -zyvati//ulje, skr. slov. -zivati//ujem; unorg.: slov.
-ziwbati//uljam, als wäre das Pf. -ziviti.
2. blagoslov-: pf. skr. blagos(l)oviti: — impf. organ.: blago-
slavljati; unorg.: blagosliw(h)ati und -siljati, -sivatı (als ob das
pf. Vb. -slivitt oder -siliti wäre?).
VI. Wurzel auf -r:
1. nır-: pf. asl. po-nvreti, slov. po-ndreti (mit sekundärem
Dental d); — impf. organ.: asl., skr., slev. -nirati, klr. -nyrjaty; —
unorg.: slov. po-ndiratı nach dem Muster razdirati: ragdreti (wo
d wurzelhaft ist). Das sekundäre d blieb auch dann noch
stehen, als bereits der Grund seines Einschubs durch Dazwischen-
tritt des ı entfallen war.
2. Zur- ‚schlingen, fressen‘: pf. skr. po-Zdrijeti, slov. po-Zreti; —
impf. organ.: slov. po-Zirati; — unorg.: skr. pro-Zdirati. Obgleich
zwischen Z und r der Vokal getreten war, wich der Gleitlaut
d trotzdem nicht von der Stelle.
3. or(a)-: pf. sl. pre-orati; — impf. org.: slov. pre-arati (neben
jJüngerem pre-oravati); — unorg.: pre-arjati (als ob das pf. Vb.
pre-oriti lautete).
Entgleiste Iterativbildungen 137
VIH. Wurzel auf -:
1. sol- ‚mittere‘: pf. asl. -solati//seljp, r. -caamp, slov. po-
slati | Sjem, &. po-slati/]st, -Slu; — impf. organ.: asl. -sylati,
T. colamd, . po-sylati, p. -sylad; — unorg.: skr., slov. po-Siljati,
&. -silati, slovak. -sielat', osorb. po-scelac. Im Skr. und Sloven. hat
das Präsens des pf. Vb. mit seinem -s}j- eingewirkt; im Osorb.
ist das Vb. poslac ‚schicken‘ lautgleich dem Vb. posia& ‚betten‘
und das hat auf die Bildung der impf. Form des ersteren Verbums
Einfluß gehabt. Für das Cech. können wir die Proportion po-$lu :
po-siläm = melu : -miläm aufstellen, natürlich erst für eine Zeit,
als ı und y schon gleich ausgesprochen wurden (außer nach d, t, n).
2. stol- ‚betten‘: pf. asl. po-stolati//steljg, r. -cmıamo, &. po-
stlati//stelu; — impf. org.: r. -emuname, £. po-stilati; — unorg.:
p. Sciela@ wie von einer Wurzel stel, also unter Einwirkung des
Präsens; £. vy-stlavatı nach dem Muster dovolavati, dovolati; aber
auch po-stylatı, als wäre die Wurzel stol-.
3. mel-: pf. slov. pre-mleti//meljem; — impf. statt des er-
warteten *mölati haben wir asl., skr. -milati, &. -milati, bulg.
-milam. Slov. jedoch: 1. -miljati nach dem Muster postiljam :
posteljem; 2. -mlevatı nach dem Muster pobolevati : poboleti, als
wäre mleti ein Vb. der III. Klasse wie imeti, sedeii...
IX. Wurzel auf n:
1. &on-: pf. asl. za-Ceti ete.; — impf. org.: asl. -Cinati, r.
-yundmo, &. Cinati, p. -czynat,; — unorg.: skr. -injati, slov. -cen-
jati, bulg. -Cevam, -Cenvam, -inuvam, -Evam.
2. Zun- ‚schneiden (Getreide)‘: pf. asl. do-Zeti, skr. do-zeti; —
impf. org.: asl. -Zinati, r. -scunamo; — unorg.: Skr. do-Znje-vati N
dem Muster umijevati : umjeti (als wäre die Wurzel Zun2-), -Zinjati
(-nj- statt n nach Analogie des Präsens des pf. Vb.: dö-Zanjem).
3. klon-: pf. &. pro-kliti (älter), -klnouti (jünger), osorb.
-klee//kliju, nsorb. -kles//kldju, bulg. -klena; — impf. organ.:
&. -klinati, osorb. -klinat, nsorb. -klinas, bulg. -klinam; — unorg.:
&. -klivati (auf Grund des älteren Infin. -klitt und nach dem
Muster mivati: miti, als wäre die Wurzel klö-), osorb. za-kliwad
(nach dem unorg. pf. Präs. -kliju), nsorb. -klövas (nach dem un-
org. pf. Präs. -klöju), bulg. pro-klevam (als wäre die Wurzel kl£-).
138 I. Kost
X. Wurzel auf -m:
1. dem-: pf. &. ro2-douti, jünger -dmouti, asl. na-doti//demg; —
impf. org.: &. -dıjmati, as). na-dymati; — unorg. &. -dmychati (nach
dem Muster Zuchati : Euti, Tr. »cepsizamv : #cepy?) und -dowati
nach dem Muster obouvati : obouti, als wäre die Wurzel du-.
2. Zum- ‚wringen, ballen‘: pf. slov. o-Zeti//Zmem, &. (unorg.)
zdmouti nach dem Präsens; — impf. org.: skr. -Zimati, r. -»cu-
mamd, p. Zyma£, slov. o-Zimati (dialektisch); — unorg.: &. Zdimati
(das sekundäre d zwischen 2 und m wurde als wurzelhaft be-
handelt), slov. iz-Zemati (nach dem Muster spletam : spletem).
3. v»m- ‚nehmen, fassen‘: pf. slov. ot-eti//mem, vn-eti/|amem ;
— impf. org.: slov. ot-imati (dialekt.), skr. ot-imati; — unorg.: slov.
ot-emati, vn-emati (wie spletam : spletem) und ot-evatı (mundartl.)
nach dem Muster sedevati:sedeti, als wäre die Wurzel E-.
XI. Wurzel auf -s:
1. gas-: pf. asl. u-gasnoti, €. u-hasnouti; — impf. organ.:
asl. u-gasati, sl. u-gasovati; — unorg.: &. u-hasinati wie roz-
pinatı zu roz-pnouti (als wäre die Wurzel gason-).
2. kros-: pf. asl. krosnoti, skr. krsnati, bulg. kresns; — impf.
org.: asl. -Arosati; — unorg.: skr. -krsnjwatı nach dem Muster
zabranjwati:zabraniti, als wäre n wurzelhaft; bulg. krasnuvam
(ebenso).
3. nes-: pf. asl. pri-nesg, bulg. -nesa; — impf. organ.: asl.
pri-nasati; — unorg.: bulg. -nasam, -nasöm, -nisam; ksl. vo2-
nesovati ‚tollere‘ (in einem Menaion des 12. Jahrh.), slov. -nesd-
vatı (im Küstenlande).
4. po-jas- ‚gürten‘: pf. slov. o-pasati; — impf. org.: slov.
o-pasovati; — unorg.: slov. (im Prekmurje) o-pasevati (nach Ana-
logie des Präsens des pf. Vb.: o-pasem).
5. pis-: pf. slov. po-pisati; — impf. org.: slov. po-pisovati ;
— unurg.: slov. (Weißkrain, Küstenland) po-pisovati (nach dem
Präsens des pf. Vb.: po-pisem).
XI. Wurzel auf -z:
1. kaz-: pf. skr., slov. po-kazati; — impf. org.: slov. pri-
kazovati, skr. pri-kaziwvatil/zujem ; — unorg.: skr. -kazevati]]Zevam,
Entgleiste Iterativbildungen 139
-kazivati (Montenegro, Dalmatien, Kroatien), slov.-kajkavisch
-kazeväti, alles unter Einfluß des pf. Präs. po-kaZem.
2. vez-: pf. slov. pri-vezati; — impf. org.: slov. -vezovati;
— unorg.: slov.-kajk. -veZevati (Einwirkung des pf. Präsens:
pri-veZem).
XIH. Wurzel auf -k:
1. molk-: pf. skr. u-muknuti und u-mui ; — impf. org.: asl. prö-
mlocatı ,; — unorg. skr. -muknjivati (wie wenn n wurzelhaft wäre).
2. plak- ‚spülen‘: pf. mbulg. po-plakngti; impf. org.: ksl.
isplakovati; — unorg.: mbulg. po-plaknovati (als wäre n wurzelhaft).
3. krik-: pf. skr. -kriknuti; — impf. org.: slov. -krikati,
€. -kfikati, -kovati; — unorg.: skr. -kriknjivati und slov. -krik-
novati (wie wenn das n zur Wurzel gehörte).
4. lek-: pf. skr. u-leknuti und u-leäi se; — impf. org.: -Ie-
catı se; unorg.: skr. u-leknjivatı se (Grund wie bei 1.—3.).
5. nik-: pf. slov. z-nikniti; — impf. org.: slov. po-nicati,
-nikovati; — unorg.: Kajk.-slov. z-niknovati, bulg. niknuvam
(Grund wie bei 1.—4.).
6. vyk-: pf. ksl. na-vykngti, nsorb. do-huknus, skr. öb-iknuti
se und öbiei se ‚sich gewöhnen‘; — impf. org.: ksl. na-vykati
und na-vycati, skr. öb-icatı se, pri-vikdvatı se; unorg.: ksl. na-
tyknovati, nsorb. do-huknowas, skr.-kajk. ob-iknovati se (als wäre
n wurzelhaft).
7. vlek-: pf. slov. pri-vleäi, ob-(v)leii; — impf. org.: slov.
-vlatiti, za-vlatevati, skr. ob-laditi, &. s-vlekati,; — unorg.: slov.
pri-vlecevati (kajk.), ob-letevati (Unterkrain), als wäre das pf. Vb.
ob-, pri-*vleeiti; skr. ob-, s-vukivati (Montenegro), ob-ukövati
(mundartlich).
8. mork-: pf. bulg. za-mrokns; — impf. org.: asl. -mrocati;
— unorg.: bulg. za-mroknuva, als wäre n wurzelhaft.
9. tok- ‚weben‘: pf. skr. ü-tkati; — impf. org.: asl. ıs-(8>)-
tykati, r. -meınamo, doch auch asl. so-tokavati; — unorg.: Skr.
u-tkivati, als wäre die Wurzel toky-.
XIV. Wurzel auf -g:
1. beg-: pf. bulg. za-bögns; — impf. org. asl. iz-bögati; —
unorg. bulg. za-bögnuva (wie wenn n wurzelhaft wäre).
140 E. GAMILLSCHEG
2. leg-: pf. slov. pre-loziti; — impf. org.: slov. pre-lagati;
—- unorg.: slov. (im Küstenland) pre-, z-loZevdti (nach dem Muster
obkroZevati : obkroZiti, obtoZevati : obtgZiti).
XV. Unorganischer Ablaut des Stammvokals etc.
Bekanntlich ist der Reflex des asl. (abulg.) Nasals og im Slo-
venischen ein enges (geschlossenes), nichtnasales o.. Da aber
auch asl. etymologisches o durch slov. enges o (unter dem Akzent)
reflektiert wird, so ist im Sloven. (im Prekmurje) zu einigen pf.
Verben, die im Asl. den Stammvokal ohaben, das Imperfektivum
mit unorganischem Ablaut des Stammvokals gebildet worden:
1. pf. pogrgziti ‚demergere‘; — impf. org.: slov. pogroZat:;
— unorg. (Prekmurje) pograzati.
2. pf. porgäiti ‚auftragen; trauen‘; — impf. org.: sl. poro-
cati; — unorg. (Prekm.) poratatı.
3. pf. prestopiti ‚transgredi‘; — impf. org.: prestopati; —
unorg. prestapati, prestaphati.
Der umgekehrte Vorgang liegt bei zwei impf. Verben vor,
die von slov. Journalisten geschaffen wurden:
1. pf. ogroziti ‚bedrohen‘; -—- impf. org.: slov. ograZati (wie
zgraZati se), auch ogroZevati; — unorg. ogroZati!
2. pf. naprositi ‚ersuchen‘; — impf. org.: slov. naprasati
(hingegen ist vprasati heutzutage pf.); — unorg. naprosati!
Zum Schluß seien noch etliche Imperfektiva erwähnt, die
ihre Entstehung einer Analogie verdanken:
unorg.: skr. pro-cyjetati zu pf. pro-cvästi (asl. -cvbsti) statt
-cvitati.
unorg.: skr. do-sözati zu pf. do-sedi (asl. -sesti) statt -sezati.
unorg.: slov. (Jargon der Journalisten) ob-, pri-, se-stojati,
Präs. ob-, pri-, se-stoja zu pf. ob-, pri-, se-stati, -stoji; statt ob-,
pri-, se-stajati (nach dem Muster raz-sodim : raz-sojam?).
unorg.: slov. (Prekm.) pri-marjati ‚zwingen, nötigen‘ zu pf.
pri-morati; (als wäre das pf. Vb. pri-moriti).
unorg.: slov. (kajkav.) do-kancati zu pf. do-kontati; (als ob
das pf. Vb. do-kontiti wäre).
Novo Mesto, Jugoslavien Ivan Kosriau
Zum Lautwert von altruss. 9. Ana Reina. 141
Zum Lautwert von altruss. : Ana Reina
In einem Originaldiplom der Nationalbibliothek in Paris,
datiert vom Jahre 1063, findet sich unter der Unterschrift des
Königs die der Königin-Mutter, Anna von Rußland, mit cyrillischen
Buchstaben. A. Tmomas hat in einer Untersuchung La signa-
ture de la reine Anne de Russie, Essais de philologie francaise,
S.159ff. erkannt, daß die Unterschrift Ana raina das gesprochene
Französisch des 11. Jahrh. darstellt. Er erschließt dies aus der
Vereinfachung der Geminata -nn- im Vornamen Anna, sowie
dem Schwund des -g- des lat. regina. Das s-Zeichen würde
nach Taomas die Wiedergabe eines Lautes sein, der etwa dem
stummen -e- des Neufranzösischen entspricht, d. i. nach Nyrop
Manuel phonetique du francais parle, 3. Aufl. S. 64 ein Laut, der
fast wie geschlossenes ö artikuliert wird, nur daß der Mund
etwas weiter geöffnet bleibt und die Muskeln schlaffer sind als
bei der Artikulation eines betonten ö.
Die Schwierigkeit dieser Erklärung hat Tmuomas selbst er-
kannt, wenn er feststellt, daß wir von dem Vorhandensein eines
solchen e muet im Altfranzösischen nichts wüßten, wenn uns nicht
die Schreibung der Königin Anna überliefert wäre. Ein Über-
gang von e zu ö im Hiatus liegt aber nicht in der Entwick-
lungstendenz des Altfranzösischen. Dieses assimiliert im Gegen-
teil die Hiatusvokale an die nachfolgenden betonten Vokale. Da
der e-Laut z. B. in afrz. veis = lat. vidisti u. ä. noch im 12. Jahrh.
in dem nachfolgenden i aufging, ist zwischen das e des vor-
historischen vedis und die Form vis < vers eher ein ganz ge-
schlossenes e oder offenes i als Übergangslaut einzusetzen. Wenn
nun im Frz. dem lat. regina die Form reine entspricht, statt
einer bei lautgesetzlicher Entwicklung zu erwartenden Form
*rine, so erklärt sich dies aus der Beeinflussung der Form für
regina durch die Form für rege, d.i. afrz. rei, roi. Dem neufrz.
reine liegt also ein afrz. reiine zugrunde, das schon im 12. Jahrh.
in den Mundarten, die den Diphthong -ei- zu -oi- werden lassen,
zu roine wurde.
Sehon im 10. Jahrh. ist durch das bekannte noieds = necatos
des Jonasfragments der Übergang des vortonigen -ei- zu -oi-
oder einem -oi- ähnlichen Laut erwiesen, s. Meryer-Lüser Frz.
142 H. SKÖLD
Gr.1,77. Diesen zwischen e und o liegenden Laut des alten
-ei- dürfte nun das »-Zeichen der Namensform der Königin Anna
wiedergeben. Welchen Lautwert dieses -s- im Slavischen des
11. Jahrh. besessen hat, das festzustellen, ist Aufgabe der sla-
vischen Grammatik. Vom Standpunkt der romanischen Gram-
matik kann nur festgestellt werden, daß ein kurzer -«-Laut aus
phonetischen Gründen ausgeschlossen ist. Es ist auch wenig
wahrscheinlich, daß die Königin Anna für ein gesprochenes -o-
das ->-Zeichen eingesetzt hätte, da für ein -o- ja das -o-Zeichen
zur Verfügung gestanden hätte. Der Wandel des -ei-Diphthongen
zu -oi- ohne eine Zwischenstufe -ai- (die nur für das Südost-
französische anzusetzen ist), läßt sich vielleicht durch die folgende
Beobachtung deuten. Die Entwicklung der frz. Diphthonge folgt
dem Gesetz der Assimilation. au wird zu -0-, ai zu -ei-, -E-,
späteres ou über oüö zu ö usf. Ein ähnlicher assimilatorischer
Vorgang dürfte auch dem Wandel von -e- zu -oi- zugrunde
liegen. Ich vermute, daß bei der Artikulation des alten -&- der
e-Laut zunächst mit der erhöhten Zungenstellung des -i- artiku-
liert wurde; so entstand ein Laut, der noch heute in rumänischen
Mundarten vorkommt, in anderen mit dem -4-Laut zusammen-
gefallen ist, der mit der Mundstellung eines -a- die Zungen-
stellung eines -:- verbindet, meistens auch durch eine stärkere
Schließung der Lippen charakterisiert wird. Es hat sich also
im Altfranzösischen ein Wandel von -ei- über -&-, -di- zu -oi-
‚ abgespielt; die weiteren Stufen der Entwicklung bedeuten eine
Dissimilation, wie sie für den Wandel von -ei- zu -oi- schon
vor J A SCHUCHARDT in Vokalismus des Yolgizaieins
1, 466 angenommen hat.
Diesen Übergangslaut zwischen -e- und -o-, also einen erg
der vermutlich dem rumänischen -&- entsprach, scheint also das
-- der Königin Anna wiederzugeben.
Berlin E. GAMILLSCHEG
Nachtrag.
Der obige Aufsatz über den Lautwert der Unterschrift
Ana rvina ist für die russische lautgeschichtliche Forschung
von großer Bedeutung. Die Feststellung des Verf., daß für dieses
Zur Akzentzurückziehung auf Akutsilben. 143
% der Lautwert & vom Standpunkt der Romanistik ausgeschlossen
sei, ist für uns besonders wichtig. Der Lautwert o kommt für
das russ. » im Jahre 1063 auch nicht in Frage, da der Wandel
von » zu o damals im Russ. noch nicht vor sich gegangen war
und die Königin Anna sonst für einen o-Laut ohne Zweifel das
russ. o-Zeichen gewählt hätte. Es bleibt für das » wohl nur der
Lautwert eines Vokals der mittleren („mixed“) Reihe übrig, der
eine hohe oder mittlere Zungenhebung gehabt haben kann. Da-
für sprechen sowohl slavistische als die oben erwähnten roma-
nistischen Erwägungen. M.V.
Zur Akzentzurückziehung auf Akutsilben.
Die zwei sichersten Beispiele für diese Lautregel sind wohl
slav. dym» » altind. dhumds und slav. griva » altind. grivä.
Man scheint bei der Aufstellung der Regel aber nicht be-
achtet zu haben, daß im Altindischen diese Wörter in der Kom-
position eine Anomalie aufzeigen, indem dort z. B. caka-dhüma
und tuvi-griva betont wird!).
Die Zahl derjenigen Wörter, welchein der Komposition eine vom
Simplex abweichende Betonung zeigen, ist im Altindischen außer-
ordentlich gering. Und man hat das Recht zu schließen, daß in allen
solchen Fällen die Komposita ältere Akzentzustände bewahrt hat.
Es ist in der Tat sehr viel leichter, eine Änderung des
Akzentes *dhümas > dhümds und *griva > grivä zu erklären, als
für den entgegengesetzten Prozeß einen Grund zu finden. Die große
Masse der sekundären Ableitungen auf -ma, -va betont nämlich
diese Silbe. Bei den primären ist zuweilen der Stamm, vor allem bei
einigen vedischen Wörtern, betont, obwohl auch hier die Endbe-
tonung überwiegt. Es ist also nicht schwer einzusehen, daß die
Betonung dhümds und griva Ergebnis eines Akzentausgleichs ist.
Auch im Griechischen, wo -uog sowohl betont als unbetont
(mit Übergewicht der Endbetonung) vorkommt, dürfte Siuds
sekundär aus *#öuog entstanden sein.
Lund Hannes SKÖLD
1) Inden Unadisütras (die von einigen Pänini selbst zugeschrieben werden
und die jedenfalls älter als Patanjali, der um 150 v. Chr. lebte, sind) wird
griva betont, s. AurrzcHt's Auflage von Ujjvaladatta’s Unädivriti p. 205.
144 | M. Vasmer. Etymologisches
Etymologisches
12. urslav. socha ‚Hakenpflug, Gabelstange‘
wird von den meisten Gelehrten als urslavisch betrachtet, während
Hujer Üvod do d&jin jazyka tesk6ho? 40 es als iranisches Lehn-
wort ansieht. In der Tat liegt es nahe, das Wort mit neupers.
$äy ‚Ast, Horn‘ aus altiran. s@y@- zusammenzustellen, das mit
altind. cakha ‚Ast, Zweig‘, lit. $aka ‚Ast, Zweig‘, got. höha ‚Pflug‘
urverwandt ist. Wäre nun ausschließlich die Bedeutung ‚Haken-
pflug‘ für das slavische Wort bezeugt, dann würde man wohl
am ehesten die Entlehnung eines Kulturwortes annehmen können.
Nun liegt aber aksl. posochv ‚Knüttel‘, poln. rozsocha ‚gabel-
förmiger Ast‘ daneben, das die ursprüngliche Bedeutung ‚Ast‘
sicherstellt und dech. socha ‚Bildsäule, Statue, Standbild‘ wird
man auch als ‚verehrten Pflock‘ auffassen müssen, worauf auch
tech. sochor ‚Knüttel, Hebel‘ hinweist. So kommt man zu einer
-urspr. Bedeutung ‚Ast, Zweig, Stange‘ und bei einem Wort mit
einer derartigen Bedeutung erscheint eine Entlehnung aus dem
Iranischen sehr fraglich. So muß zugegeben werden, daß dieses
Wort viel eher im Slav. Erbwort sein muß.
Sieht man sich dann nach einer Erklärung aus dem Idg.
um, so erscheint die Deutung im Zusammenhang mit lat. saxum
(STREKELS), die lautlich denkbar wäre, wegen der Bedeutung
der oben erwähnten slav. Wörter zweifelhaft. Andererseits er-
klärt sich die Bedeutung ‚Hakenpflug‘ im Slavischen besonders
leicht aus der Bedeutung ‚Ast‘, wenn man den bei ZELEnn Russ.
Volkskunde S. 11 abgebildeten Hakenpflug berücksichtigt. So
glaube ich, daß slav. socha mit Recht zu aind. gakhä, altiran.
*saya-, lit. Saka als damit urverwandt gestellt worden ist.
Es gehört unzweifelhaft zu den evidenten Gleichungen, die für
die Vertretung von idg. kh durch slav. y angeführt werden können.
Man hat besonders wenig Grund von einer solchen Auffassung
abzrzehen, weil den von Prpersen KZ. 38, 391ff.; 40, 173#f. und
MEıtner Etudes 174 angeführten Beispielen mit slav. ch für
id;. kh keine gleichwertigen Beispiele mit einer andern slav.
Vertretung dieses Lautes zur Seite stehen.
Berlin M. VASMER
Besprechungen
Die Methodologie der russischen Literaturforschung
in den Jahren 1910—1925
Die Literaturwissenschaft als selbständige Disziplin zur Erforschung
der Wortkunst beansprucht heute auch in Rußland ein starkes Interesse.
Sie bemüht sich um die Lösung jener Aufgaben, die entscheidende
Momente in der Entwicklung einer jeden Disziplin darstellen, d. h. be-
faßt sich mit der Ausarbeitung einer eignen Methodologie, einer eignen
Logik. Hierdurch beteiligt sich die Literaturwissenschaft an jenem
wissenschaftlichen Revisionismus, der für unsere Zeit so charakteristisch
ist. Die grundlegenden Thesen der Wissenschaft überhaupt, wie auch
der einzelnen Teilgebiete, werden einer Prüfung unterzogen, um die
logischen Prinzipien einer jeden einzelnen Disziplin) auszuarbeiten. Aus
diesem Grunde interessieren sich die Forscher jetzt hauptsächlich für
die Methode und weniger für den Stoff, während sie das ganze vorige
Jahrh. hindurch fast ausschließlich die thematische, ideelle Seite des
künstlerischen Schaffens berücksichtigten. Die Form des Werkes wurde
außer acht gelassen; das Material, die Entdeckung neuer Werke, Unter-
suchungen der Redaktionen, wissenschaftliche Textausgaben usw. standen
im Mittelpunkt der literarhistorischen Arbeit. Als besonders hohes Ver-
dienst galt die Verwertung von handschriftlichen, unveröffentlichten
Texten.
Ungefähr seit den 20er Jahren unseres Jahrh. wendet sich nun
das Interesse der Forscher den methodologischen Grundlagen der Literatur-
wissenschaft, ihrer Logik zu. Aus diesem Grunde sollen hier in Form
einer kurzen bibliographischen Übersicht jene allgemeinen Ergebnisse
auf dem Gebiet der literarhistorischen Methodologie und des Ausbaues
der Literaturwissenschaft gegeben werden; dabei finden nur die russischen
Forscher der letzten 15 Jahre (1910—1925) Berücksichtigung.
1) Vgl. hierzu folgende Arbeiten aus den letzten Jahren:
S. FRANK Oyepk MeToNOAOrHuM oÖlMecTBeHHkx Hayk Moskau 1922;
D. ROCHLIN Onsir MeTononoruu MenuumHckux Hayk Warschau 1922;
A. KAUFMANN Teopun u meronsı crarncrurn 4. Aufl. Moskau 1922;
A. LaPPo-DANILEVSKIJ Meroponorun ucropun Lief.1 Petersburg 1923;
I. OrRLoV JIoruka ecrectsosuaunn Moskau 1925 u. a.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd.IV. 10
146 A. VOZNESENSKIJ
Es werden zuerst die Arbeiten allgemeinen Charakters behandelt,
die Versuche einer systematischen Methodologie darstellen, und darauf
diejenigen über einzelne Fragen dieses Gebietes. Die Übersicht um-
faßt nur Arbeiten von aktueller Bedeutung, die die grundlegenden Be-
strebungen der literarhistorischen Methodologie, sowohl als Ganzes, als
auch einzelne ihrer Teile charakterisieren. Außer Büchern, Aufsätzen
und Mitteilungen über die unmittelbar uns interessierende Frage ent-
hält die Übersicht auch Werke, in denen vorübergehend Probleme der
Methodologie gestreift werden.
I. Systematische Darstellungen der literarhistorischen
Methodologie.
Einer der ersten Theoretiker der Literaturwissenschaft und Ver-
fasser einer systematischen Methodologie ist A. JEVLACHOV (Benenune
B BHI0CobEMm XYNOKECTBEHHOTO TBOPYeCTBa. ÜOHET HCTOPHKO-AUTEPa-
ypHoä merononorun I Warschau 1910, II 1912, III Rostov a/D. 1917).
Seine Vorläufer auf diesem Gebiet: PAUL (Grundriß der germanischen
Philologie Bd. I, III Methodenlehre Straßburg 1891), ELSTER (Die Auf-
gaben der Literaturgeschichte Halle 1894 und Prinzipien der Literatur-
wissenschaft Halle 1897) LACoMBE (Introduction & l’histoire litteraire
Paris 1898), CHMIELOWSKI (Metodyka historji literatury polskiej
Warschau 1899), RENARD (La methode scientifique de l’histoire lit-
teraire Paris 1900) haben methodologische Fragen untersucht, aber
keine systematische Darlegung geboten. Nur R. MkEyER stellte
gewisse Prinzipien für die Klassifikation einiger Methoden der Lite-
raturwissenschaft auf und zwar teilte er sie in zwei Gruppen: 1. die
systematischen (allegorische, philosophische, ästhetische) und 2. die
genetischen (historische, technische (morphologische), psychologische) ) ein.
Auch JEVLACHOY faßt die heute in der Wissenschaft üblichen
literarhistorischen Methoden in zwei Gruppen zusammen.
Zur ersten gehören nach ihm alle nichtwissenschaftlichen Methoden;
sie entsprechen nicht dem vom Verf. erläuterten Wesen der Literatur-
geschichte und den Grundmerkmalen des dichterischen ‘Schaffens —
dem Künstlerischen und Individuellen. Hierher gehören die
ethischen und publizistischen „Methoden“; JEVLACHOV hält sie für
vorgefaßte Meinungen, die mit der Wissenschaft nichts gemein haben
(Bd. II S. 3) dürfen.
Die zweite Gruppe umfaßt die wissenschaftlichen Methoden; sie
zerfallen ihrerseits in zwei Kategorien: 1. die wissenschaftlichen, aber
„vom Standpunkt der literarhistorischen Forschung unrationalen“ d.h.
„Methoden, die sich nicht aus dem Wesen unsrer Wissenschaft ergeben
und folglich für sie als solche nicht charakteristisch sind“ (Bd. III S. 3).
Es sind dies: die philologische, vergleichende, historische, „ästhopsy-
1) RıcHARD MEYER Über das Verständnis von Kunstwerken.
Neue Jahrbücher für das klassische Altertum VII 1901.
Die Methodologie d. russ. Literaturforschung i. d. J. 1910—1925 147
chologische“, evolutionistische und biographische Methode. Die zweite
Kategorie bilden die „wissenschaftlich rationalen“, die jedoch vom Verf.
nur in allgemeinen Umrissen angedeutet werden durch kritische Ana-
Iyse der unwissenschaftlichen, unrationalen Methoden. Eine Konstruk-
tion der ‚rationalen Methodologie* d. h. „Definition der Methoden, die
sich natürlich und allein aus dem erläuterten Wesen der Literaturge-
schichte ergeben“ (Bd. III S. III) soll leider erst den Inhalt des IV. Bandes
» seines Werkes bilden. Nach JEVLACHOVv besteht das Wesen der rationalen
Erforschung in einer Analyse des künstlerischen Schaffens vom Stand-
punkt ästhetisch-psychologischer Voraussetzungen, welche die wesent-
lichen Eigenarten des Werkes — das Künstlerische und Individuelle
wiederspiegeln.
Mit den Ansichten JEVLACHOV’s über die Systematisierung der
Methoden sind in gewissem Sinne auch diejenigen von V. PERETZ
verwandt, vgl. Ms nerımmä no MeTonoNoTHH UCTOPuu PYCccKoä NuTepartypk.
Ucropus usysennä. Meronsi. Ucrosuuukn. Kiev 1914 und die gekürzte
Ausgabe: Kparkuf oyepk MeToNONOTHuU HCTOPAH PyCcKoä AHuTepatypk.
Petersburg 1922.
In der ersten Ausgabe dieses Werkes teilt der Verf. die Methoden
der Literaturgeschichte „ihrem ganzen Umfang nach“ in zwei Haupt-
kategorien: in die subjektiven und objektiven. Bei Anwendung der
ersten zur Erforschung von Literaturwerken „dient als Kriterium immer
eine bestehende Voraussetzung“: die zweiten „haben es stets nur mit
dem Material zu tun, das Gegenstand der Beobachtung ist, und den
Stilmitteln, durch die eine Analyse und Klassifikation des Materials
nach den darin enthaltenen Merkmalen erleichtert wird“ (S. 96).
In der 2. Aufl. seiner Methodologie behält PERETZ das von ihm
vorgeschlagene Schema der Übersicht und Einteilung der Methoden in
subjektive und objektive resp. dogmatische und kritische bei; er weist
ferner darauf hin, daß man die Methoden der Literaturgeschichte auch
anders gruppieren könnte und zwar nach ‚analytischen und kon-
struktiven; die ersten bezwecken das Material für den Aufbau vor-
zubereiten; die zweiten geben die Grundlage für den Aufbau“. Zu den
Methoden der ersten Kategorie, den subjektiven, rechnet der Verf. die
ästhetische, ethische, publizistische und historisch-politische; zur zweiten,
der objektiven: die historische, historisch-psychologische, kulturhistorische,
evolutionistische und philologische.
In beiden Ausgaben wird der Behandlung der einzelnen, in der
Literaturgeschichte bekannten Methoden eine Übersicht der literar-
historischen Forschungen, vom klassischen Altertum bis zum 19. Jahrh.
vorausgeschickt.
Den Aufbau der literarhistorischen Forschung denkt sich der Verf.
selbst durch Synthese aller von ihm aufgezählten Methoden; die Grund-
lage hat die philologische Methode zu bilden; sie wird daher auch
eingehender von ihm behandelt; die übrigen Methoden der beiden
Kategorien dürfen nach ihm nur als Hilfsmethoden herangezogen werden.
10%
148 A. VOZNESENSKIJ
Auch das Buch von A. ARCHANGEL’SKIJ BBeneHne B HCTOpum
pycckoft „mreparypsı Bd. I Mcropnun smreparypsı Kar Hayka. Oyepk
HAyYHLIX HByyeHnh B 06NaCTH ucropun pycckoä areparypsı. Petersburg
1916 bietet eine Übersicht der methodologischen Feststellungen auf
dem Gebiet der Literaturgeschichte von der Antike bis zum Ende des
vorigen Jahrhunderts. Die Anordnung der einzelnen Methoden ist eine
chronologische, nach der Zeit ihres Auftretens und ihrer Entwicklung.
Gleichfalls chronologisch, wenn auch in kürzerer Form, behandelt
V. Sıpovsk1ıJ die Forschungsgeschichte auf-dem Gebiet der Literatur-
wissenschaft (JIekumn no ncropun pycckoä nmreparypsıLief. 1. Bregenne
B Kypc ucropun ınreparypsı. Baku 1921)}).
Im Kapitel über die Methodologie wiederholt hier SIP
etwas veränderter Gestalt die prinzipiellen Thesen seiner Broschüre
Ucropan nmreparypsı kak mayka. Petersburg 1906 2. Aufl. 1911; er
hält es für möglich, sich auf drei Grundmethoden zu beschränken: die
historische (philologische im weiteren Sinn), evolutionistische und ver-
gleichende (S. 117).
Entsprechend den PERETZ’schen Ansichten gibt P. PoTAPoV eine
allgemeine Übersicht der literarhistorischen Methoden in JIerımu no
kypcy: BbeneHne B ucTopnio pycckoä „mreparyps. Odessa 1919; er
teilt sie in zwei Gruppen: die subjektive (ästhetische, ethische, pub-
lizistische) und objektive (historische, psychologische, kulturhistorische,
vergleichend-historische und evolutionistische). Der letzteren Gruppe
ordnet er auch jene Probleme zu, die in das Bereich der philologischen
Methode fallen.
Allgemeine Erörterungen über die ästho-psychologische, historisch-
vergleichende und philologische Methode als allseitige und geschlossene
Forschung, auf der die Literaturwissenschaft aufgebaut werden kann,
enthält die Broschüre von N. KonoNnoV BBepeune B ncTopmo pyccKofi
amteparypsi, Mcropuko-nmreparypäsie npo6nemsı. Lief.1. Moskau 1920.
Eine Klassifikation der literaturwissenschaftlichen Methoden bietet
ferner A. VOZNESENSKIJ im Aufsatz Meron usyueHua AmTepartypu.
Tpynsı Benopycekoro YHusepcnrera Nr. 1. Minsk 1922. Ders. Kaaccn-
ÖDHKAIMH METONOB HCTOPHKO-AImTeparypnoi Haykn. Tpyası Benopycck.
Vane. Nr. 6—7. Minsk 19252).
1) Über die Prinzipien der evolutionistischen Methode handelte
SIPOVSKIJ erstmalig in Nasecrun Barunck. Vans. Nr.1 1921: O merogax
ECTECTBOBHAHUA B NMTeparype Mu HCTopun AHTeparypu.
2) Der zweite Aufsatz ist ein Kapitel aus dem im Druck befind-
lichen Buch JIoruka nayku 0 mnreparype. Neben einer Übersicht der
Methoden gibt der Verf. auch einen Plan zum Aufbau der Literatur-
wissenschaft. Er unterscheidet dabei zwei Momente. Einerseits hat er
die Erforschung des künstlerischen Materials als einer immanenten Er-
scheinung in seiner statischen Lage im Auge. Dieses Moment der
literarhistorischen Forschung setzt eine Beschreibung und Feststellung
Die Methodologie d. russ. Literaturforschung i. d. J. 1910-1925 149
In der ersten Arbeit zeigt der Verf., wie die bestehenden Methoden
auf die Literatur anzuwenden sind, einerseits als auf eine immanente
Erscheinung in ihrem statischen Zustand, andrerseits als historischen
Prozeß in ihrem dynamischen Zustand. Im zweiten Aufsatz klassifiziert
er die Methoden vom Standpunkt ihrer logischen Teleologie. Seiner
Meinung nach stellen sich alle in der literarhistorischen Wissenschaft
fixierten Methoden zweierlei Arten von Aufgaben. Die einen bezwecken
Konstatierung, Feststellung der Eischeinungen einer bestimmten
Ordnung, die anderen ihre Exegese. Hiervon ausgehend unterscheidet
er konstatierende und exegetische Methoden.
Zu den ersten gehören: die philologische, psychologische, publi-
zistische, ethische und ästhetische Methode; zu den anderen — die
kulturhistorische, evolutionistische, soziologische, marxistische, philo-
sophische, historische und vergleichende.
Diekonstatierenden Methoden stellen das Vorhandensein dieser
oder jener ideelen und formalen Erscheinungen in dem zu untersuchen-
den Kunstwerk fest.
Die exegetischen Methoden erklären die Bedingungen und
Gründe für das Vorhandensein der konstatierten Erscheinungen eines
Kunstwerkes sowohl auf inhaltlichem als auch auf formalem Gebiet.
Beachtung verdient der von V. KELTUJALA vorgeschlagene Auf-
bau der Literaturgeschichte!) vgl. IIpenmer, sanayu u Meron ucTopnn
aureparyptı „PonHoä asBIk B ımkone‘‘ Buch 1 19192), ferner in OcHoBki
HCTOPHKO-MATEPHANHCTHUYeCKOTO IONXONA K H3YYeHMO JIMTePaTypHoro
nponsgepgenun ib. Buch 6 19242),
der ideelen und formalen Erscheinungen in den Kunstwerken voraus.
Mit Hilfe einer solehen Untersuchung soll die Theorie des künstlerischen
Schaffens, die Poetik eines Schriftstellers konstruiert werden. Andrer-
seits muß der dynamische Zustand der Literatur, das künstlerische
Material hinsichtlich seiner historischen Folgerichtigkeit untersucht
werden. In diesem Falle ist es die Aufgabe der literarhistorischen Arbeit,
dasjenige aus den Bedingungen des literarhistorischen Milieus heraus
zu erklären, was auf inhaltlichem und formalem Gebiet konstatiert worden
ist. Eine Literaturwissenschaft muß auf diesem erklärenden Moment
der literarhistorischen Forschung aufgebaut werden.
1) Seine methodologischen Ansichten hat KELTUJALA zuerst im
Vorwort zum Kparknä Kkypc ncropun pycckoi Anreparyps 2. Aufl.
Teil 1, Buch 1 Petersburg 1912 dargelegt, ferner im Kypce ncropnn
pycckoä aureparypst 2. Aufl. Teil 1, Buch 1 Petersburg 1913.
2) In einer Anmerkung heißt es: aus dem in Vorbereitung be-
findlichen Buch Meron ncropan nmTeparypbi. Cxema UCTOPHKO-NHTepa-
TyPHOoToO HayyeHun.
3) In einer Anmerkung heißt es „Im Aufsatz werden einige Thesen
entwickelt, die ich in meinem Buch Merox ncropun mreparypsı (Manu-
skript) dargelegt habe*.
150 A. VOZNESENSKIJ
Entsprechend den Grundaufgaben der Geschichte überhaupt weist
der Verf. auf die wichtigsten Probleme der Literaturgeschichte bin,
die in folgendem bestehen sollen: 1. Erforschung des Dichtwerks an
und für sich, 2. Erforschung seiner Herkunft, 3. Erforschung seines
Einflusses (seiner Bedeutung und seiner Folgen).
Die Methode der Literaturgeschichte ist in ihren Grundzügen
der Geschichtsmethode analog; in Einklang mit den drei genannten
Aufgaben besteht sie daher aus drei einzelnen Methoden: 1. Zur Er-
forschung eines Kunstwerks an und für sich bedarf man einer Methode,
die der Verf. als immanent bezeichnet. 2. Die Frage nach Herkunft
oder Genese des Werkes wird mit Hilfe der genetischen (ursäch-
liche Zusammenhänge) und evolutionistischen (Evolutionszusammen-
hänge) Methode gelöst. 3. Schließlich ist für die Erforschung des Ein-
flusses (der Bedeutung) eines Dichtwerkes die energetische Methode
erforderlich. Diese vier Forschungsarten bilden gemeinsam das, was
KELTUJALA literarhistorische Methode oder historisch-materialistische
Erforschung eines Kunstwerkes nennt.
Ein umfangreiches Werk über literarhistorische Forschung gibt
jetzt P. SAKULIN heraus unter dem Titel Hoyka o mmreparype. Ee
HTOTH u nepcnektuse. Das ganze Werk zerfällt in 15 Studien, die als
einzelne Bücher erscheinen. I. Einführung. Die Wissenschaft von der
Literatur (Literaturwissenschaft). II. Poetik; ihre heutigen Aufgaben.
III. Die Probleme der poetischen Form. IV. Der Laut als Formelement.
V. Das poetische Wort; seine Problematik. VI. Die poetische Gestalt.
VI. Die Komposition der poetischen Rede. VIII. Die Komposition des
Dichtwerkes. IX. Literarische Morphologie. X. Literarische Stile.
XI Erfassungsprozeß von Diehtwerken. XII. Literaturkritik. XIII. Literar-
historische Methoden und ihre Klassifikation. XIV. Die soziologische
Methode. XV. Synthetischer Aufbau der Literaturgeschichte. Vorläufig
sind erst die Studien XIV und XV erschienen, vgl. P. SAKULIN Co-
UHONOTHYeCKUÄ METON B Nurcparypopenennn. Moskau 19251). Ders.
CuHTernyecKkoe IOCTPoeHHe HCTOpmu Amreparyps, Moskau 1925 2).
„Ausgehend von den Prinzipien des wissenschaftlichen Realismus
und der wissenschaftlichen Soziologie“ klassifiziert der Verf. die Auf-
gaben der literarhistorischen Forschung nach folgendem Schema:
1. immanente Erforschung des Kunstwerkes; die methodologischen Be-
strebungen haben die Lösung folgender Aufgaben im Auge: a) statischen
Charakters — künstlerische Analyse von Form und Inhalt der zu unter-
suchenden Kunstwerke und b) einerseits dynamischen Charakters —
genetische Erforschung des Werkes, seiner Geschichte, und andrerseits
1) Das zweite Kapitel: Merononoruueckue sanayu HCTOPuka anrtepa-
typsi ist bereits früher in Ileyars m pesomomun Nr. 1 Moskau 1925
erschienen. j
2) Kap. 3: O BoamokHoCTU HOMONOTRyecKuX o6oömennä erschien in
Meryccrso Nr. 2 Moskau 1925.
Die Methodologie d. russ. Literaturforschung i.d. J. 1910—1925 151
evolutionistisch-immanente Untersuchung des ganzen Schaffens; 2. kau-
sale Erforschung der Werke in ihrer Entstehung und Entwicklung;
hierbei sind zwei Momente: das statische (soziologische Untersuchung)
und das dynamische (Erforschung der historisch-soziologischen Eigen-
arten) zu berücksichtigen; 3. die konstruktive Arbeit tritt an den
Literarhistoriker heran, wenn er sich an den Aufbau einer allgemeinen
Architektonik der Literaturgeschichte macht; die Aufgaben dieser syn-
thetischen Reihe bestehen: a) in typologischen Verallgemeinerungen,
in Anwendung einer generalisierenden Methode (statisches Moment) und
b, in synthetischem Aufbau der Literaturgeschichte mit nomologischen
Verallgemeinerungen (dynamisches Moment).
Die Aufgaben der zweiten Reihe, das Moment der kausalen Be-
ziehungen, bilden den Gegenstand der ersten Arbeit von P. SAKULIN
(Bd. XIV) über die soziologische Methode. Nach Ansicht des Verf. kommt
bei Erforschung der Literatur, die eine Erscheinung der Sozialordnung
ist, dieser Methode eine erstklassige Bedeutung zu, denn sie allein legt
die gesetzmäßige Entwicklung dar. Die Anwendung dieser Methode
setzt eine vorhergehende Erforschung der Literatur als einer immanenten
Erscheinung voraus. Der ganze Arbeitsprozeß des Forschers, der sich
der soziologischen Methode bedient, besteht in der Lösung zweier Auf-
gaben: in der Klärung der kausalen Bedingungen, durch die das lite-
rarische Leben bestimmt wird, und in der Feststellung der Selbständig-
keit und des Spezifischen dieser sozialen Funktion“ S. 180. Konkret
gesprochen werden diese Aufgaben durch eine Charakteristik der sozialen
Struktur jenes Milieus gelöst, wo die betreffende Literaturbewegung
sich vollzieht, in der Beschreibung des Kulturmilieus, der herrschenden
Ideologie und ihrer sozialpsychologischen Dominante, in der Erforschung
der zu den Literaturwerten in nächster Beziehung stehenden sozialen
Gruppe, d. h. der Intelligenz und der Schriftstellergruppen (S. 181),
aus der die in Frage kommenden Literaturerscheinungen hervorgegangen
sind. Von dem sozialen kuiturellen Zeitmilieu muß zur Klärung des
literarischen Prozesses geschritten werden, zu jenem Objekt der sozio-
logischen Forschung, das der Verf. als literarisches Leben bezeichnet.
Hierzu gehören als zu erforschende Ingredienzien: das literarische Milieu
des Schriftstellers; die literarischen Faktoren, innere Gesetze, nach denen
„in gewissen Grenzen“ die Literatur lebt; die Persönlichkeit des Künstlers
selbst, das Problem seiner schöpferischen Individualität und schließlich
die Rolle der Literatur als eines sozialen Faktors (S. 182).
Die zweite Studie (XV) widmet der Verf. den Aufgaben der dritten
Reihe, den synthetischen. Die grundlegende Voraussetzung eines syn-
thetischen Aufbaus ist die „genaue Bestimmung des Umfangs der
Literaturgeschichte“. Vom Standpunkt des Verf. müssen dabei alle Be-
standteile, aus denen ein Kunstwerk und das literarische Leben als
Ganzes genommen sich zusammensetzt, Berücksichtigung finden (Form
und Inhalt; Schriftsteller, Leser und Literaturkenner; Literatur und
Kunst; Erscheinungen, die bei vertikaler (Literatur der Kultur- und
152 A. VozZNESENSKIJ
„Bürger*-Schichten der Gesellschaft — gelehrte_ Literatur; der weniger
kultivierten Klassen — Volkspoesie) und bei horizontaler (Literatur der
provinziellen „Nester“!) wie auch der verwandten Stämme — die ukrai-
nische und weißrussische) Betrachtungsweise des ganzen Literaturbe-
standes zutage treten. Dieses Material bedarf einer sorgfältigen,.straff
architektonischen Bearbeitung. In erster Linie muß ein allgemeines
historisches Bild entworfen werden, das „hauptsächlich auf psychologischen
Verallgemeinerungen beruht, d. h.auf einer Charakteristik der literarischen
Strömungen und ihrer Stile“. Doch dieser „gemeinsame“ Stil ist un-
bedingt mit dem „speziellen“, dem individuellen Stil der einzelnen
Schriftsteller zu verbinden. Durch Einführung in den inneren Gang
der literarhistorischen Entwicklung hat der Forscher „ihre gesetzmäßige
Gliederung in Perioden“ aufzuzeigen. Schließlich ist es durchaus möglich
„nomologische Verallgemeinerungen* ($. 93) zu bieten, die im literarischen
Entwicklungsprozeß tatsächlich vorhanden sind.
II. Die einzelnen Methoden der Literaturwissenschaft.
Auf dem Gebiet der heutigen literarhistorischen Methodologie in
ihrem ganzen Umfang tritt besonders plastisch die Frage nach dem
Inhalt der formalen und soziologischen Methode, wie auch nach dem
gegenseitigen Verhältnis dieser beiden Methoden zueinander hervor.
Diesen Problemen wird heute sehr viel Aufmerksamkeit geschenkt, be-
deutend mehr als irgendwelchen anderen Themen methodologischen
Charakters.
1. Die formale oder morphologische Methode.
Die grundlegenden Momente der Erforschung formaler Erscheinungen
im künstlerischen Schaffen wurden bereits in den Ende des vorigen
Jahrhunderts erschienenen Arbeiten von A. VESELOVSKIJ und POTEBNJA
angedeutet; sie führten die Tradition der theoretischen Erforschung
fort, die der Literaturwissenschaft seit dem klassischen Altertum bis
auf die neueste Zeit eigen war. Die meisten, sich auf verschiedene
Fragen der formal-theoretischen Literaturforschung beziehenden Arbeiten
dieser Gelehrten sind in der hier behandelten Zeitspanne neu heraus-
gegeben worden?). Aber die Probleme der formalen Forschung werden
N. PIKSANOV in seinen Arbeiten: Tpn anoxun — Exarepnknackan, Anek-
canıposckan, Hukonaescran. Temzı u 6u6nmorpabun. Petersburg 1912,
2. Auflage Petersburg 1913. Asa zeka pycckofi „mreparypsı. Tembı
nA NaTepa2TypHLIx Pa6oT. Cucremarnyeckan 6n6nmorpabun. PykoBonnmmme
sonpocti. Moskau 1923, 2. Aufl. 1924; O6nacrnofk mpuHuun B PyCckoM
KyAIbTypoBerennn. HK paspa6botTke KyJIBTyPHO-UCTOpHyecKof CXeMbI in
Merycerso Nr. 2 Moskau 1925.
2) ALEX. VESELOVSKIJ Co6panne coynkennä hgb. von der Russ.
Akademie der Wissenschaften Band I Petersburg 1913; Bd. II Lief. 1
Petersburg 1913.
Die Methodologie d. russ. Literaturforschung i.d. J. 1910-1925 153
darin nur gestreift. Eine abgeschlossene Methode, die bestimmte Auf-
gaben hervorhebt, und in klarer Formulierung die Mittel zu ihrer Ver-
wirklichung angibt und der wissenschaftlichen Untersuchung den Weg
weist, fehlt hier.
Auch die Schüler VESELOVSKIJ’s und POTEBNJA’s, die zur Ver-
breitung der Ideen ihrer Lehrer die jetzt noch erscheinenden Bonpoczt
Teopuu M Icnxonorun TBopuecrsa Lief. 1—8 Char’kov 1908—1923
herausgeben, berühren nur einzelne theoretische Fragen.
Gleiches trifft für die theoretischen Arbeiten der Symbolisten zu,
vgl. V.BR’USOV (CTuxoTBopHan TexHuka Ilyııkuna. IIormoe coßpanne cou.
A.C. Ilyımkuna hgb. S. VEnGERoV Bd. VI Petersburg 1915), BAL’MONT
(Iossun kak Bommeöcrso Moskau 1916), V. Ivanov (Manepa, nuuo u
crunmb in Tpynsı u zum Nr. 4—5 1912), A. BELYJ (Camronnsm. Kuura
crareä Moskau 1910). Auch sie haben nur eine Reihe einzelner Themen
aus dem Gebiete der formal-ästhetischen Probleme aufgeworfen und
stärker oder schwächer beleuchtet.
Praktisch bearbeitet wurden einige formale Fragen in den Seminarien
von VENGEROV; sie stellten sich die Erforschung von Puskin’s Werk
zur Aufgabe. Die Ergebnisse wurden unter dem Titel Ilymkuaucr
Bd. I Petersburg 1914, Bd. II Petersburg 1916, Bd. III Petersburg
1918, Bd. IV Moskau 1922 veröffentlicht. Es sind eine Reihe von
Aufsätzen über einzelne Themen formalen Charakters, auf die Werke
Puskin’s angewandt.
Die Bestrebungen formalen Charakters als einer bestimmten Methode
mit eignen Aufgaben, Mitteln und Wegen will systematisch die Gesell-
schaft zur Erforschung der Theorie der poetischen Sprache (O6mecrso
U3By4eHHA TeOPHHu INOATHYecKoTO Asbıka — Opojaz) ausarbeiten wie auch
das Russische Staatliche Kunstgeschichtliche Institut in Petersburg. In
den zahlreichen Arbeiten dieser Forscher wird eine Reihe theoretischer
und praktischer Beobachtungen geboten; als Resultat ergeben sie das-
jenige, was den Inhalt der „formalen“ oder „morphologischen“ Methode
ausmacht. Die Opojaz hat eine Reihe Ausgaben theoretischen und
praktischen Charakters veröffentlicht. Was die Definition der Grund-
prinzipien der formalen Literaturforschung anbelangt, so sind die
Eine Charakteristik der methodologischen Ansichten von VESE-
LOVSKIL bieten: PERETZ OT kyAbTypHof uCTOpuu K WNCTOPnYecKof
noaruke. C6opuukr mammru Becenosckoro Petersburg 1921; ISTRIN
Merononoruyeckoe 3HayeHnue pa6or A. H. Becenosckoro ib.; ENGELHARDT
A.H. Becenosckut Petersburg 1924; POTEBNJA Msıcms u nasık 4. Aufl.
Odessa 1922; Ders. Us nekumi no Teopnun cnosecnoctu. Bacha. Ilo-
cnosnua. IIorosopka. Charkov 1914.
Die Grundgedanken von POTEBNJA behandeln RAJnov Iloredun
Petersburg 1924; A. SaAMRAJ O. Ilore6un m meroponorin icropii nire-
parypm. Haykopnä c6ipsuk XapkiBckoi HAyKOBO-NocHinuoi KATeApH
icropii Yrpainn. Charkov 1924.
154 A. VOZNESENSKIJ
C6opsuku No Teopmua moatmyeckoro Asura Lief. 1 Petersburg 1916;
Lief. 2 Petersburg 1917; Lief. 3 IIoaruka Petersburg 1919; Lief. 4
Petersburg 1921; Lief. 5 Berlin 1923 wichtig. Vom Kunsthistorischen
Institut wurden 6 Lieferungen der Serie Bonpoczt noatukn!) herausge-
geben, ferner zwei Sammelbände: 3anauu u MeTonpl HayueHnA UCKYCCTB;
Petersburg 1924 und Bpemeanuk OTA. CHOBeCHbIX HCKyCccTB. I. Iloarura
Petersburg 1926 ; sie enthalten viel Material zur Feststellung des Wesens
der formalen Bestrebungen.
Zur Klärung der Grundprinzipien ?) des „Formalismus“ tragen auch
noch folgende Arbeiten bei:
KLOVSKIJ Bockpemenne caosa Petersburg 1914.
Ders. 3aymusıt Ask u moa8uH. CÖ6OPHUKH NO TeEOPHH LOATHYECKOTO
nasıka Lief. 1 Petersburg 1916 (=Iloatura Petersburg 1919).
Ders. MckyccTBo, KaK NmpueMm. CÖopHuKH IO TeOPHH HOATHYECKOTO
aspıka Lief. 2 Petersburg 1917 (= Hoarura Petersburg 1919).
Ders. IIore6un in Iloaruka Petersburg 1919.
Ders. Cuasp IpmeMoB CIOKeTOCHOKeHHA C IIpmeMmamn cruan ib.
Ders. PasseprsıBaune cio;kera. MoH-Kuxor. C6opHukH No Teopun
noatuyeckcro Asbıka Lief. 4 (einzeln) Petersburg 1921.
Ders. Tpucrpam Illennn Crepsa u Teopna pomana ib. (separat)
Petersburg 1921.
Ders. Posanos. Us kHurn: Cio;ker Kak aBIenne CTuıa ib. (separat)
Petersburg 1921.
Ders. Texunka pomana taünu. Zeitschr. JIe$ Nr. 4 Moskau 1924.
Ders. Xon koHa. C6opHuk cratei. Berlin 1923.
Ders. Teopua nposst Moskau 1925 (Neudruck folgender Aufsätze:
1. HeryccrBo, Kak npmeM. 2. CBnsb CIoMteToclorkeHun C OÖLIHMH IIpHe-
Mamn CrunA. 3. Crpoenue pacckasa m pomana. 4. Kak cnenan Ion
Knxor. 5. Hosenna raün. 6. Poman rain. 7. Ilaponnünsrä poMman.
8. JInreparypa BHe cio;kera).
In den angeführten Aufsätzen betont der Verf. mehrfach die Ge-
1) Lief. 1 SLONIMSKIJ Texuuka komnyeckoro y Toronn.
Lief. 2 TOMASEVSKIJ Pycckoe cruxocno:kenne. Merpuka.
Lief. 3 ZIRMUNSKI Pudma, ee ucropun u Teopun.
Lief. 4 EICHENBAUM CkBo3b mreparypy. C6opHuk crarei.
Lief. 5 TYN’AnOV IIpo6nema CTUXOTBOPHOorTO A3bIKa.
Lief. 6 ZIRMUNSKIJ Breneune » METpuRy.
2) Auf den Inhalt der formalen Methode gehen ein: PLOTNIKOV
DopmanbHblH METON HBYYeHHA XYMOrKeCTBeHHOÄ Amureparyps. Meronu-
yeckan punorma. Teil 1 Ilcnxonornyeckan INKoNa B A3LIKOSHAHHH M
MeTonuka PyCccKoro Assıka. 2. Aufl. Kursk 1921; HORNFELD ®Popma-
JIHCTEI U Ux IpoTuBHukn. Zeitschrift JIareparypszıe sannckn Nr. 3 1922,
MASKIN Crusmerayeckoe HanpaBreHne B poccuickof kpuruke. Zeitschrift
3opu T'panyımero Nr. 5 Charkov 1922; BAaGRIJ DopMmanbHbIa METON
B ımreparype (Bibliographie) Vladikavkaz 1925 Vorwort.
Die Methodologie d. russ. Literaturforschung i. d. J. 1910-1925 155
schlossenheit eines Kunstwerks im Bereich der reinen Form, die Un-
abhängigkeit der Literatur und der Kunst überhaupt von den sozialen
Beziehungen der menschlichen Kultur und die Notwendigkeit, nament-
lich die formalen Erscheinungen des Kunstschaffens in ihren mannig-
faltigen Arten zu erforschen.
In klarer Weise hebt die gleichen Prinzipien R. JAKOBSoN Ho-
Befman pycckan moasum. Ha6pocor mepsstä: Xne6unkos Prag 1921
hervor. „Gegenstand der Literaturwissenschaft ist nicht die Literatur,
sondern das Literarische, .d. bh. dasjenige, was ein Werk literarisch
macht“; „wenn die Literaturwissenschaft Wissenschaft werden will, ist
sie gezwungen, das Stilmittel zu ihrem einzigen Helden zu wählen“.
Diese These des Formalismus wiederholt ebenso entschieden
B. EICHENBAUM im Aufsatz K cnopam 0 dopMmansHom Mmerone. Ileyars
au pesomomun Buch 5 1924. Er erklärt, daß das „Grundproblem“ der
Forschung auf literaturwissenschaftlichem Gebiet die „Form“ sein müsse
„als ein spezifisches Etwas, ohne das es keine Kunst gibt“; die Form
bildet „als organisierendes Prinzip die Grundlage für Kunsterscheinungen“.
Vom Standpunkt des Verf. ist die Literaturwissenschaft „eine selb-
ständige und spezifische Wissenschaft, die ihr eignes konkretes Problem-
gebiet hat“. Ihre Vereinigung mit anderen Kulturprinzipien ist un-
möglich, denn „die Umbildung des historischen Parallelismus verschiedener
Kulturreiben (ihrer „Entsprechungen“) in einen funktionalen (Ursache-
Wirkung) Zusammenhang ist gewalttätig und führt daher zu keinen
fruchtbaren Resultaten. Die hierbei übliche Auswahl einer Reihe als
Erzeugerin aller übrigen, wird nicht durch wissenschaftliche, sondern
durch Weltanschauungsbedürfnisse diktiert und trägt daher tendenziöse
Vorurteile in die Wissenschaft hinein. Die Erscheinungen werden ver-
einfacht, schematisiert und verlieren gerade dasjenige, was sie von den
übrigen Erscheinungen unterscheidet“ $8. 2—3.
Gemäßigter ist in dieser Beziehung V. ZIRMUNSKIW. In seinen
Arbeiten über die formale Methode (3apaum nmooturr in Hayana Nr. 1
1921; ders. K Bonpocy o hopmansHom merope. Einleitung zur russ. Über-
setzung der Broschüre von O. WALZEL Das Formproblem in der Dichtung
Petersburg 1923; Ders. 3anaun noaruru 2. umgearbeitete Aufl. 3anaun
u MeTonsI nayuenun uekycerß Petersburg 1924) macht er eine bestimmte
Entwicklung durch von der Anerkennung des „Inhalts“ eines Werkes
nur als Form, zu seinem Verständnis als „Inhalt“, der in den ver-
schiedenen Formarten vorliegt. Die Thematik, die in der Poetik als
besonderes Stilmittel der künstlerischen Einwirkung eine selbständige
Stellung einnimmt, wird gleichzeitig als „poetische Semantik“ in der
Stilistik „beobachtet“, ferner als „Fabel“ oder „Gesamtheit der Themen“
(„Motive“) im Kompositionsbestande. So formuliert der Verf. seine An-
sichten in der zuletzt von ihm erschienenen Arbeit; er läßt somit ein
allmähliches Durchsickern des „Inhalts“ in das Gebiet der „Form“ zu.
Ferner räumt er jetzt den Bedingungen der kulturhistorischen
Ordnung auch eine gewisse Bedeutung für die Literaturwissenschaft ein.
156 A. VOZNESENSKIJ
In der ersten Redaktion seines Aufsatzes 3anaun nosreku 1921 leugnet
er irgend welche Beziehungen zwischen ihnen und der Literaturwissen-
schaft; „die philosophischen Zeitideen, ihre sittlichen und rechtlichen
Überzeugungen und Gewohnheiten, Erscheinungen des materiellen und
geistigen Brauchtums bilden in einer bestimmten Epoche eine eben-
solche Einheit wie der künstlerische Stil“ S. 71. In der zweiten Auflage
des gleichen Aufsatzes (1924) verändert der Verf. seinen Standpunkt;
er nimmt an, daß „die Evolution des Stiles als System der künstlerisch-
expressionalen Manieren oder Stilmittel eng verbunden sei mit den
Veränderungen der allgemeinen künstlerischen Aufgaben, ästhetischen
Geflogenheiten und Geschmacksrichtungen, aber auch des ganzen Welt-
gefühls der Zeit“ (S. 149). Ä
Neben den angeführten Meinungen, die entweder die Literatur-
forschung durch ausschließliche Anwendung der formalen Methode ein-
schränken oder geneigt sind, daneben auch Tatsachen aus der soziolo-
gischen Ordnung heranzuziehen, bestehen auch entgegengesetzte An-
sichten. Sie bezwecken Aussöhnung des Formalismus mit der Soziologie,
Aufbau der Literaturgeschichte auf formal-soziologischer Grundlage.
Diese Richtung vertritt hauptsächlich die Moskauer Zeitschrift
JIe$ (}Kypman meBoro hponTa uckyccrBa), die von MAJAKOVSKIJ her-
ausgegeben wird. In einem ihrer Programmaufsätze wendet sie sich
an die Anhänger des Opojaz mit folgenden Worten: „Die formale
Mathode ist der Schlüssel für die Erforschung der Kunst. Ein jeder
Floh, ein jeder Reim muß in Betracht gezogen werden. Fürchtet Euch
aber vor dem Flohfang im luftleeren Raum. Nur neben der soziolo-
gischen Erforschung der Kunst wird Eure Arbeit nicht nur interessant,
sondern auch wissenschaftlich sein* Lef Nr. 1 8. 11.
Ähnliche Äußerungen finden sich noch mehrfach in anderen Auf-
sätzen dieser Zeitschrift.
O0. BRIK bewertet im Aufsatz Tax nHassıpaemsä „DopMansHsrä
meron‘‘ JIeb Nr. 1 1923 den Formalismus in der Auffassung des Opojaz
als Weltauffassung; trotz der allgemeinen marxistischen Meinung findet
er, daß „der Opojaz — der Totengräber der poetischen Idealistik“ sei,
„mit ihm zu kämpfen sei unnütz, besonders für die Marxisten* $. 215.
Deswegen verteidigt er den Kontakt zwischen dem Formalismus und
der Soziologie.
Klarer entscheidet diese Frage A. CEJTLIN in Mapkcucrsı u dop-
ManbHbrä Mmeron. JIeb Nr. 3 1923. Seiner Meinung nach liegt in der
Annahme der formalen Methode die wichtigste Aufgabe der marxistischen
Methodologie und die einzige Möglichkeit für die marxistische Methode
wissenschaftlich zu werden“ 8. 115%).
1) V. L’vov-RoGAÖEVSKIJ ironisiert im Aufsatz JInreparypusıı
mopr Zeitung Hosocru 13/XI Nr. 6 (21) 1922 die formale Methode
in der Deutung des Opojaz; an einer anderen Stelle spricht er aber
von der notwendigen Vereinigung der marxistischen Methode mit den
Die Methodologie d. russ. Literaturforschung i. d. J. 1910-1925 157
Diese Fragen werden aber nicht nur theoretisch behandelt, sondern
auch praktisch in den literarhistorischen Arbeiten der Marxisten ver-
wirklicht, vgl. weiter unten.
Über die Möglichkeit, den Formalismus mit dem Soziologismus
auszusöhnen, liegen Aufsätze vor in der Zeitschrift Ponuof nssık B
mkoae; z. B. V. DAnILov K Bonpocy 0 commansHof OÖYCHOBNEHHOCTH
anteparypHoä bopmsı. Ponkoi ask B mkone Nr. 4 1923 Corpynank
DopMmanbHbIf MeToX u MapkcH3M ib. u. a.
2. Die soziologische und marxistische Methode.
Die häufige Anwendung soziologischer Forschung in der heutigen
Literaturwissenschaft erklärt sich durch das Erstarken der sozialistischen
Theorie, genauer des historischen (dialektischen) Materialismus, des
Marxismus, auf wissenschaftlichem Gebiet in Rußland. Besonders hart-
näckig unterstreichen diese These seine Theoretiker als ein besonderes
philosophisches Prinzip, worauf sie ihre Methode theoretisch aufbauen !).
Die Traditionen der Forschung dieser Ordnung behandelt kurz MASKIN
in Oyepku ıureparypHoä Merononorun Sammelband Hayka na Yrpaune
Nr. 3 Char'kov 1922; ders. JInreparypsan MeTonoNoruA NOBUTHBUBMA
Ib. Nr. 4 Char'kov 1922. Theoretisch bearbeitet wird diese Methode
von JAKUBS’KYJ in ComionoruyHHä Meron y uncpMmekHcrBi Kiev 1923 und
SAKULIN CoUHONOTHyYecknü MeTOA B Anreparyporepeauu Moskau 1925.
JAKUBS’KYJ behauptet, daß „das soziologische Prinzip in der
Literatur jenes mächtige Zement ist, das die Elemente des Inhalts und
der Form vereinigt und uns den Weg weist, sie vom soziologischen
und marxistischen Standpunkt aus zu analysieren. Dieser Weg ist die
soziologische Analyse. Inhalt, Stoff, Fabel, Motive des Literaturdenk-
mäler entstehen aus dem sozialen Milieu und werden durch dieses be-
dingt. Auch die „Form“ einer- literarischen Schöpfung — Literatur-
gattung, Komposition, Stil, Rhythmus, künstlerische Vergleiche, Eigen-
arten der poetischen Sprache, — steht unter dem Einfluß der sozialen
Umwelt, wird durch die Anschauungen und Geschmacksrichtungen einer
bestimmten Gruppe hervorgerufen“ 8. 46. Nach JAKUBS’KYJ muß die
soziologische Methode mit den Literaturwerken wie mit literarischen
Tatsachen sich beschäftigen und bemüht sein, sie „materialistisch zu '
erklären und zu zeigen, warum sie unter bestimmten materiellen Be-
dingungen so und nicht anders sein können“ S. 58.
Was das Verhältnis der soziologischen Methode zu der formalen
anbelangt, meint der Verf., daß die formale Methode mit einigen not-
wendigen Änderungen eine wertvolle wissenschaftliche Errungenschaft
Ergebnissen der formalen Schule. Hoseäman pycekan „nreparypa
Moskau 1922 Nachwort S. 297.
1) Vgl. hierüber B. JAKUBS’KYJ (ComionoruyHna MOTOR y HOMCb-
meHctei S. 28 ferner SAKULIN Comnonoruyecknufä METOA B AHTepatrypo-
BeneHun 9. 37.
158 A. VOZNESENSKIJ
darstellt und gemeinsam mit der soziologischen Methode an erster Stelle
bei einer wissenschaftlichen literarischen Analyse zu berücksichtigen ist;
die soziologische und formale Methode bilden zwei Parallelwege, deren
Wechselbeziehungen heute die Literarhistoriker beschäftigen 8. 29.
Nach SAKULIN ist als Gegenstand der soziologischen Forschungen
oder, was dasselbe ist, der Literaturgeschichte (denn seiner Meinung
nach muß diese auf der soziologischen Methode aufgebaut werden) eine
komplizierte Summe von Erscheinungen angesehen werden, die er als
„literarisches Leben“ bezeichnet; hierher gehören nicht nur die „einzelnen
Werke, einzelne Schriftsteller und Literaturströmungen“, sondern auch
„jener ganze komplizierte Prozeß“ der einen Teil des allgemeinen
„sozialen Lebensprozesses* ausmacht S. 24—25.
Der allgemeine literarhistorische Arbeitsplan bei soziologischen
Untersuchungen besteht in „der Lösung zweier Aufgaben: in der Klärung
von kausalen Bedingungen, die das literarische Leben bestimmen und
in der Feststellung der Selbständigkeit und des Spezifischen dieser
sozialen Funktion“ S. 180. Konkret gesprochen, setzen die gestellten
Aufgaben eine vorhergehende Charakteristik der sozialen Struktur
jenes Milieus voraus, wo die Bewegung sich vollzieht, und darauf des
kulturellen Milieus, in dem sich die Literatur entwickelt, die
darin herrschende Ideologie und ihre sozial-psychologische Dominante ;
hierher gehört auch die Erforschung „jener gesellschaftlichen Gruppe,
die in nächster Beziehung zur Produktion von literarischen Werten
steht, d. h. die Erforschung der Intelligenz und der Schrift-
stellergruppen, gemeint ist hauptsächlich diejenige, aus der die
betreffenden Literaturerscheinungen hervorgegangen sind; darauf folgt
die Beschreibung des literarischen Milieus, in der evolu-
tionistische (Leben der Literatur nach ihren eignen inneren Ge-
setzen) und kausale (soziologische Bedingtheit der Literatur) Reihen
zu unterscheiden sind; ein weiterer Schritt führt zur Persönlichkeit
des Schöpfers, zum Schriftsteller, zur notwendigen Berücksichtigung
des individuellen Moments im Schaffen; schließlich, „um das Bild
abzurunden und die spezifische Natur der Literatur zu beleuchten,
muß die Rolle der Literatur als sozialer Faktor Berücksichtigung finden“
S. 180—182.
Was das Verhältnis der soziologischen Methode zur formalen an-
belangt, steht der Verf. auf dem Standpunkt, daß ein Ausgleich zwischen
ihnen stattfinden muß: ‚nur darf die angestrebte Vereinigung zwischen
ihnen nicht eine äußerliche und mechanische sein: es ist notwendig,
daß die grundlegenden Fragen der Poetik und Methodologie einer
Revision unterzogen werden; auch die soziologische Methode bedarf
einer weiteren Ausarbeitung“ $. 20.
Wie aus den vorhergehenden Äußerungen JAKUBS’KYJ’s 8. 46
hervorgeht, wird die soziologische Methode mit der marxistischen iden-
tifiziert oder steht ihr, nach SAKULIN, sehr nahe (8. 37). Dieses Moment
veranlaßt uns, die gruudlegenden Momente in der Historiographie der
Die Methodologie d. russ. Literaturforschung i. d. J. 1910-1925 159
marzistischen Methode gemeinsam mit derjenigen der soziologischen
einer Betrachtung zu unterziehen. Allerdings findet sich in der metho-
dologischen Literatur eine kurze, bisher nicht entsprechend begründete
Notiz darüber, daß ‚eine Identifizierung der soziologischen Methode“
mit der „marxistischen“ unzulässig sei. FATOV IIo nosony craTbu
II. H. Cakysmna 06 HCTOPHKo-NnTeparypnof Merononoram in Ileyars u
pesomonun Buch 5—6 1925 S. 90—99 behauptet nämlich: „Wir müssen
uns immer klare Rechenschaft darüber abgeben, von welcher soziolo-
gischen Methode, von welcher Soziologie die Rede ist, der wissenschaft-
lichen, marxistischen, oder nicht wissenschaftlichen, idealistischen® 8. 92.
Auf Grund dieses Ausspruchs läßt sich aber noch nicht die unbestreit-
bare Verwandtschaft zwischen diesen Methoden in Abrede stellen.
Versuche zur theoretischen Begründung der marxistischen Methode
als einer speziellen Methode der Literaturwissenschaft überhaupt ge-
hören unsrer Zeit an, obgleich die wichtigsten Thesen bereits im vorigen
Jahrhundert angedeutet worden sind).
Bei den Definitionen der Grundprinzipien dieser Methode fallen
zwei verschiedene Richtungen auf.
Die einen Vertreter des Marxismus wie N. BEL’Tov (G. PLE-
CHANOY) 3a asanuarb er. C6opmuuk crarei. 3. Aufl. Petersburg 1908,
PLECHANOV NickyccTBo MH o6mecTtBeHHan »kusHb Moskau 1922, Ders.
Mckyecrso C6opuuk crareä Moskau 1922, A. AKSELROD-ÜRTODOKS
JI. Toncroä. C6opuuk crareä Moskau 1922, A. VORONSKII Nickycerso
u »meab Moskau 1924, Ders. JInreparypksıe runzı Moskau 1925, L’vov-
ROGAGEVSKJ Hoseäman pycckan nmreparypa 4. Aufl. Moskau 1924 ?),
NAZARENKO MHcropaa pycckoä anreparypsı 19 zeka Moskau 1925,
JEVGENJEV-MAKSIMOV Oyepku pycckof „mreparypst Moskau 1925,
GORBACEV OyepkH CoBpemeHHo# pycckof „mteparypzt 2. Aufl. Peters-
1) Vgl. die Aufsätze BELINSKIJ’s über Puskin und die darin ent-
haltenen Hinweise auf die Abhängigkeit des individuellen Selbstbewußt-
seins eines Künstlers von der Klassenpsychologie, ferner den Versuch
ERNYSEVSKIJ’s, eine Theorie der Ästhetik auf Grund einer materiali-
stischen Philosophie aufzubauen.
2) L’vov-RoGAGEVSKIJ macht in den vier Auflagen seines Buches
(1. Aufl. Moskau 1919) eine Entwicklung durch von der zweiten Richtung
in der Begründung der marxistischen Methode zur ersten: von FRITSOBE
zu PLEOHAnov. In seiner ersten Auflage sieht er die Aufgabe der
Literaturgeschichte in einem Verfolgen des Wandels der literarischen
Formen und Stile, des Inhalts und der Grundideen in Abhängigkeit
von dem sich wandelnden sozialen Milieu und den Grundlagen der
Wirtschaft und Politik (S. 3). In der 4. Aufl. dagegen behauptet er,
daß es „einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Wirtschaft und
Literatur* nicht gebe; der nächste Faktor, der ein Werk von der
formalen und inhaltlichen Seite erklärt, ist die Klassenpsychologie und
ihre Kondensation, die Ideologie.
160 A. VOZNESENSKIJ
burg 1925, Ders. Pycckan Aureparypa u KAIATaıneM Petersburg 1925
behaupten, daß unter den Bedingungen des kulturhistorischen Milieus,
welches sich aus wirtschaftlichen, sozialen, politischen und gemein-
psychologischen Verhältnissen zusammensetzt, gerade das dritte Moment,
die Sozialpsychologie, die nächste Quelle zur Erklärung der geistigen
und künstlerischen Tätigkeit der Gesellschaft darstelle. Dieses dritte
Moment ist wesentlich für die Deutung des künstlerischen Schaffens,
denn nur die Bedingungen dieser Psychologie der Gesellschaft bestimmen
den Charakter ihrer Literatur. Dagegen stehen die zwei ersten Faktoren,
der wirtschaftliche und sozialpolitische, in keinem direkten Verhältnis
zur Wortkunst, sie beeinflussen diese erst durch ein drittes Moment;
für die erklärende Literaturforschung vom historisch-materialistischen
Standpunkt aus bilden sie die direkte Quelle jener Bedingungen, aus
denen sich die Gesellschaftspsychologie zusammensetzt. Die Lösung
dieser Aufgaben stellt bei Erforschung des Kunstschaffens sein erstes
Moment dar, dasjenige, was nach PLECHANOV Übertragung der Ideen
eines Werkes aus der künstlerischen „Sprache der Kunst in diejenige
der Soziologie“ ist, die Ergründung desjenigen, „was man soziologisches
Äquivalent einer Literaturerscheinung nennen könnte* (3a ABanuark
ner 8. IX—X). Das zweite Moment bildet die „Würdigung der ästhe-
tischen Vorzüge des Werkes“. Ihr Fehlen ist gleichbedeutend dem
Nichtverstehen der hier behandelten Methode.
Die anderen Marxisten wie: FRITSCHE Oyepku no ucTopun
samanHo-epponeickofä mreparypsı Moskau 1908 (ohne methodologische
Einleitung findet sich jetzt eine neue Ausgabe: Oyepk pasBHuTnuAa 3an.-
eBpon. „mreparypsı Moskau 1922) Ders. Oyepku mo uckycerey Moskau
1923, KoGAN Oyepku NO HCTOPHu 3amanHo-eBponeäckoi NMTeparypki
8. Aufl. Petersburg 1923, Ders. Ouepknu no ncropun HoBeiitei PycckKofi
amreparypsı 4. Aufl. I—II Moskau 1923, Ders. JInteparypa arux 1er
1917—1923 r. Moskau 1924!) 4. Aufl. Ivanovo-Voznesensk 1925, Ko-
VALIVS’KYJ IIuTauHa 9KOHOMHYHO-COWIANBHOI PopMyın B ncTopii Mirepa-
ıypa in Yepsonnt Ilnax Nr. 3 Char'kov 1923 — nehmen zum Ausgangs-
punkt ihrer Untersuchungen ein Moment der ersten Ordnung, d.h. einen
en Faktor, nämlich die „herrschende Form des Wirtschafts-
ebens*.
Von den genannten Vertretern der marxistischen Literaturforschung
haben. sich nur einige in klarerer Weise über die Beziehungen zur
formalen Literaturforschung geäußert. P. KoGAN JInreparypa arux ner
und O dopmanbHom merone in IIeyars m pepomonan Buch 5 1924 ver-
hält sich z. B. ablehnend zu dieser Frage, übrigens meint er dabei den
„Pseudoformalismus*, d. h. denjenigen, der von EICHENBAUM und dessen
1) Kogan ist kein konsequenter Anhänger der marzistischen Me-
thode in der Deutung von FRITSCHE. Er schwankt zwischen Sozial-
psychologie (PLECHANOVv) und Wirtschaft (FRITSCHE) als den wichtigsten
Faktoren der Literaturforschung.
Die Methodologie d. russ. Literaturforschung i. d. J. 1910—1925 161
Richtung?) vertreten wird, die formale Methode von PEREVERZEV
und PIKsAnov?) hält er dagegen für „im höchsten Maße fruchtbar“
(O dopmansHom Mmerope 8. 33).
Von den übrigen Marxisten setzen sich GORBAÖEV und NAZARENKO
für eine soziologische Erforschung von Inhalt und Form ein.
Scharf ablehnend verhält sich gegenüber dem „Formalismus“ als
einer bestimmten Weltanschauung und bestimmten methodologischen
Richtung unsrer Zeit auf literarhistorischem Gebiet A. LUNAÖARSKIJ
Dopmanmam B Hayke 06 uckycctse in Ileuars u pesomounn Buch 5
1924. Seiner Meinung nach ist „der Formalismus sowohl in der Kunst
als auch in der Kunstforschung das Erzeugnis einer späten Reife oder
frühen Überreife der Bourgeoisie, das auch in das verwandte Milieu
in Rußland verpflanzt worden ist“; deswegen muß es zu „einem offenen
Kampf zwischen Formalismus und Marxismus“ kommen ($. 27).
Ebenso entschieden äußert sich gegen den Formalismus V. PoL’AN-
SKIJ IIo mosony B. Yüxendayma in Ileyars un pesomonna Buch 5 1924.
Für ein Nebeneinanderbestehen von Formalismus und Marxismus
tritt L. TROCKIJ ein: JInteparypa u pesomouna Moskau 1924 Kap. V
@opMmanbHan IIKONaA N033UHH MH MAPKCH3M.
Einerseits hält er im allgemeinen „die formale Schule für eine
von Gelehrten präparierte Frühgeburt des Idealismus auf Kunstfragen
bezogen“ (S. 139) und als solche mit dem Marxismus für unvereinbar“.
Andrerseits erkennt er an, daß die Arbeit der Formalisten, die „Analyse
(ihrem Wesen nach beschreibend oder halbstatistisch) der etymologischen
und syntaktischen Eigenschaften poetischer Werke, Statistik der sich
wiederholenden Vokale und Konsonanten, Silben, Epitheta zweifellos
nötig und nützlich ist, wenn man ihren speziellen, vorläufigen und vor-
bereitenden Charakter in Betracht zieht“ (S. 124).
Den Standpunkt von TROCKIJ unterstützt auch BUCHARIN O
bopManbHoM Merone B uckyccrBe (Stenogramm einer bei der Debatte
über Kunst und Revolution am 13. März 1925 gehaltenen Rede vgl.
Kpacnar Hoss Nr. 3 1925).
3. Psychologische Methode.
In der Literaturwissenschaft auf psychologischer Basis findet die
psychoanalytische Methode von FREUD in letzter Zeit immer größere
Verbreitung. Diese Methode erklärt das Dichtwerk als Ausdruck der
erotischen Phantasien des Schriftstellers®).
1) Gemeint ist der Opojaz.
2) Nähere Hinweise darauf, welche Arbeiten dieser Forscher KoGAN
im Auge hat, fehlen.
3) FrEUD’s Werke sind von JERMAKOV in der Serie: IIcnxono-
Tuyeckan HM IICHxoaHarntnuyeckan 6n6nmoreka herausgegeben. Vgl. auch
BORISOV ©peün m ero yueHne 0 MOaTHyecKoMm TBOop4uecrBe. Becrunk
Bocnnranun Nr. 7 Moskau 1914.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 11
162 G. VERNADSKIJ
Die Psychologie des Schaffens im weiteren Sinne als biologisches
Problem behandeln folgende Aufsätze: Savı© Ilomsırka yACHeHuA Npo-
necca TBOPyecTBa C TOYKH BpeHnn peßrekTopHoro akra. KpacHan HoBs
IV 1922, (FRITSCHE) Dpeänusm u uckyccrBo. BecrHuk KOMMYHHCTH-
yeckoü Aranemun Nr. 12 1925; JEVLACHOV Ilcuxonorun TBOP4ecTBa,
kak Ömonoruyeckan mpo6nema. FHypHan Teoperugeckofä M TIPaKTu4e-
ckoft menumansı Bd. I Nr. 3—4 1925 und einzeln Baku 1925; MAJFET
CyTb AiTeparypHo-XyAOHHb0i TBOPYUoCTH Ta ji BINIHBY Ha monuuy B
ocBirmeHHi peßrekconorii. Mepsouni Ilnax Nr. 3 Charkov 1925;
GRIGORJEV IIlcnxoaHanns, KAK MeTon HCCIHIENOBAHUA XYNOKEeCcTBeHHOK
aureparypsı Kpacnan Hoss Nr. 7 1925; VORONSKIJ Ppeännsm u HC-
kyccrBo ib. Nr. 7 1925.
Eine konkrete Verwirklichung hat dieser Zweig der psychologischen
Methode erhalten in den Arbeiten von JERMAKOV 9ITIoAB TO. ICHXO-
noruu TBOpyecrsa A. C. Ilymmma Moskau 1923, Ders. Oyepku no
aHannay TBopuecrpa H. B. Torona Moskau 1923, KASINA-JEVREINOVA
Ilonnonpe reHun. ÜekcyanbHble HCTOYHHKU TBOP4ecTBa JI0cToeBcKoro
Petersburg 1923. Es werden darin auch einige theoretische Erörterungen
über die psychoanalytische Methode geboten.
Minsk A. VOZNESENSKIJ
(Fortsetzung folgt.)
Beiträge zur Geschichte der Freimaurerei und des
Mystizismus in Rußland
I. Die Rosenkreuzer im 18. Jahrh. in Rußland
In der 2. Hälfte des 18. Jahrh. erlangte die Freimaurerei in Rußland
weite Verbreitung. Nicht nur in den Hauptstädten, Petersburg und
Moskau, sondern auch in der Provinz wurden Freimaurer-Logen ge-
gründet }).
Die Freimaurerei stellte im Rußland des 18. Jahrh. keine einheit-
liche Organisation dar. Es gab mehrere Freimaurer-„Systeme“, die in
verschiedenem Verhältnis zueinander standen. Einige dieser Systeme
umfaßten in den verschiedenen Städten Rußlands eine ziemlich große
Anzahl von Logen und übten einen anhaltenden Einfluß aus, andere
wiederum hatten wenig Anhänger und ihr Einfluß war nur ein vor-
übergehender.
Die russische Freimaurerei stand in enger Beziehung sowohl zu
der internationalen Freimaurer-Bewegung als auch zu den nationalen
Freimaurer-Organisationen der anderen europäischen Länder. So hing
das um 1770 in Rußland populäre System JELAGIN’s mit englischen
1) Vgl. Verf. Pycckoe MacouctBo B NapCTBoBaHne Erarepunnı 11
Petersburg 1917; ferner das Verzeichnis der Freimaurer-Logen bei
A. PyPIN Pyccxoe Macoucrso Petersburg 1916 hgb. vom Unterzeichneten.
Beitr. z. Geschichte d. Freimaurerei u. d. Mystizismus in Rußland 163
zusammen, die „nationale Loge“ des Fürsten Gagarin war ein Zweig der
schwedischen Freimaurerei usw. Betrachtet man die Freimaurer-Organi-
sationen nach dem inneren Gehalt ihrer Lehre, so bestand die Aufgabe
der meisten russischen Logen des 18. Jahrh. in der Verbreitung des
rationalistischen Deismus, ein geringerer Teil der Logen trat für den
Mystizismus ein, der mitunter in irgendeiner Weise mit christlichen,
besonders griechisch-orthodoxen Elementen verknüpft war. Um 1780
beginnt unter den russischen mystischen Freimaurer-Logen die Rosen-
kreuzer-Organisation an Boden zu gewinnen, die schnell erstarkt und
bald die erste Stelle in der Geschichte der russischen Freimaurerei
einnimmt.
Entstehung und Entwicklung des Rosenkreuzer-Ordens ist bisher
noch nicht eingehend genug untersucht worden. Im wesentlichen geht
die Lehre der Rosenkreuzer auf den hermetischen Mystizismus des
16.—17. Jahrh. zurück.
In den Anfang des 17. Jahrh. fallen die ersten Versuche, eine
Rosenkreuzer-Brüderschaft zu gründen. 1614 erschien in Kassel das Buch
von JOH. VALENTIN ANDREAE Fama Fraternitatis R. C. oder Brüder-
schaft des hochlöblichen Ordens des R. C. In diesem und den anderen
Werken von ANDREAE wird der ÖOrganisationsplan einer Geheinge-
sellschaft für allgemeine Umbildung und Besserung der kirchlich-staat-
lichen Beziehungen entworfen?). Ähnliche Pläne wie ANDREAE hegte der
bekannte dechische Denker Jan Amos KOMENSKY?). Mystiker und
Alchemisten setzten den Plan AnDREAr’s in die Tat um; so entstand
tatsächlich bald darauf die Rosenkreuzer Gesellschaft mit Zweigstellen
in Deutschland, Holland und Italien.
Mitte des 18. Jahrh. fand eine Umformung des Rosenkreuzer-Ordens
in Mitteleuropa statt. Zu Anfang waren die Rosenkreuzer gleichsam
ein Überbau über die allgemeine Freimaurer-Organisation, in ihrer Art
ein System der obersten Stufen der Freimaurerei. Diesen Sinn hatte
der „theoretische Grad* in der Berliner Loge der „Drei Globen“.
Die Berliner Organisation der Rosenkreuzer knüpft sich an die
Namen Wöllner und Bischoffwerder; auch der preußische Kron-
prinz und spätere König Friedrich-Wilhelm II®) gehörte dieser Organi-
sation an.
1) Vgl. Pypın op. cit. 218— 221; V. PERCEV Hemenkoe MacoHcrBo
8 188. (Sammelband Maconcrso B ero mpoumom m Hacronmem hgb.
MEL’GUNOV und SıpoRoV Moskau I 1914 S. 92 ff.).
2) MASLAn D£jiny svobodneho zednätstvi v Öechach Prag 1923 8. 4f.
3) Vgl. M. PHILIPPSoN Geschichte des preuß. Staatswesens vom
Tode Friedrich des Großen bis zu den Freiheitskriegen. I. Leipzig 1880
passim; viel Material bietet auch H. Kopp Die Alchemie in älterer
und jüngerer Zeit Leipzig 1886 2 Bde. Erwünscht wäre eine eingehende
Untersuchung über die Berliner Rosenkreuzer sowohl hinsichtlich ihrer
Lehre als auch ihrer äußeren Organisation. Interessantes Material zur
11*
164 G. VERNADSKIJ
1781—1782 knüpften die Moskauer Freimaurer mit der Berliner
Rosenkreuzer-Organisation Beziehungen an. Die Vermittlung übernahm
der Moskauer Professor J. SCHWARZ!), der aus Moskau nach Mitau
und von dort aus nach Deutschland reiste, um am Freimaurer-Konvent
in Wilhelmsbad 1782 teilzunehmen; hier wurde die Organisation „Ritter
der Wohltätigkeit“ begründet und zu deren Großmeister Herzog Ferdinand
von Braunschweig gewählt. Während seines Aufenthaltes in Deutschland
setzte sich jedoch SCHWARZ nicht nur mit Ferdinand von Braunschweig
in Verbindung, sondern auch mit den Berliner Rosenkreuzern Wöllner
und Theden. Als Schwarz nach Rußland zurückkehrte, brachte er
vom Herzog von Braunschweig die Akten der Wohltätigkeit und von
Theden diejenigen des Theoretischen Grades mit. Am 11. November
1783 erklärte sich die Berliner Loge der „Drei Globen“ für vollkommen
selbständig von jeglicher freimaurerischen Abhängigkeit; die Rosenkreuzer
wurden somit eine vollkommen gesonderte und selbständige Institution.
Seit 1784 organisierten daraufbin auch die neuen Moskauer Anhänger
des Rosenkreuzes das System ihrer Logen um. Nach den von SCHWARZ
mitgebrachten Akten bildeten die Moskauer „Brüder“ den „Theoretischen
Grad“, ein gesondertes Geheimzentrum innerhalb der offnen Organisation
der Provinz-Logen ?).
Das „Haupt-Direktorium“ des Theoretischen Grades in Moskau
bestand nach dem Tode von SCHWARZ (17. Februar 1784) aus Baron
H.SCHRÖDER, A. M.KuTuzov, Fürst N. N. TRUBETZK0J, N. I. NovIkKov,
Fürst Ju. N. TRUBETZK0J, I. V. Lopucamn, I. P. TURGENEV, S. 1.
GAMALEJA?). Nach den späteren Aussagen NovIKoV’s zu schließen, gab
es in Rußland über 60 „theoretische“ Brüder. Hauptinspektoren der
Kreise des „Grades“ waren: in Moskau I. V. LOPUCHIN, ]. P. TURGENEV,
0. A. PozpEJev, S.1I. GAMALEJA, in Petersburg Dr. E. ZVYERAK (seit
1788 Lenıvcov); in Vologda — V. OSTOLOPoV; in Orel Z. KARNEJEV.
Geschichte der Berliner Rosenkreuzer findet sich unter anderem auch
im Kgl. Hausarchiv in Charlottenburg.
1) Schwarz (1751—1784), gebürtiger Deutscher aus Siebenbürgen
kam 1776 als Hauslehrer nach Rußland; 1779 siedelte er nach Moskau
über, wo er auf den Lehrstuhl für Philosophie und Belletristik berufen
wurde. Vgl. V. TUKALEVSKI H.UM.Hosukog u M.T. Isapır (in Maconcrso
B ETO IPOIMMIOM M HACTOAIIeM).
2) Vgl. Verf. Maconcerso 8. 67f. Nach dem Tode von SCHWARZ
(17. Februar 1784) wurde Baron H. SCHRÖDER zur Leitung der Moskauer
Rosenkreuzer entsandt (vgl. sein Tagebuch für die Jahre 1785—1786
bei JA. BARSKOV IIepenncka MocKoBcKux MacoHoB 18 B. Petersburg 1914
S. 215—234).
3) 1792 in seinen Aussagen bezeichnete NOVIKoV diese Persön-
lichkeiten als „Glieder der Berliner Freimaurerei in Moskau, die diese ganze
Institution, sowohl die Freimaurerei als auch die Typographische Ge-
sellschaft leiteten* C6opunk Pyccr. Mer. O6. II 149,
Beitr. z. Geschichte d. Freimaurerei u. d. Mystizismus in Rußland 165
Die theoret..chen Versammlungen hatten einen ganz anderen Charakter
als die übrigen Logen. Die Einrichtung war einfach und streng, alles
war mit schwarzem Atlas bezogen: der Opferaltar, die dreieckigen
Tische für den Sekretär und Rhetor, der Stuhl für den Vorsteher. Ein
einfaches „Tapie‘, vier Leuchter (der eine davon siebenarmig) auf dem
Opferaltar und vier in den Ecken des „Tupie“ — das ist alles, was eine
Loge enthalten mußte?). Beim Eintritt in den Grad leistete der neue
theoretische Bruder folgenden kurzen und strengen Eid: „Ich N. N.
verspreche freiwillig und nach reiflicher Überlegung: 1. während meines
ganzen Lebens in Geist und Wahrheit dem e'vigen, allmächtigen Jehova
zu dienen; 2. mich nach Kräften zu bemühen, seine Allmacht und
Weisheit durch die Natur zu erkennen; 3. den Eitelkeiten der Welt
zu entsagen; 4. soweit es in meinen Kräften steht, mich um das Wohl
meiner Brüder zu bemühen, sie zu lieben, ihnen mit Rat und Tat in
allen ihren Nöten zu helfen; und schließlich 5. tiefes Schweigen so
getreu zu bewahren, wie Gott unsterblich ist“ 2). Die späteren Angaben
Novıkov’s, 1792 während des Verhörs, lassen annehmen, daß der
Theoretische Grad eine vom Rosenkreuz-Orden gesonderte Organisation
war3). Tatsächlich muß aber der Theoretische Grad eine der Stufen
des Rosenkreuz-Ordens gewesen sein. NovIKov wollte wahrscheinlich
nach Möglichkeit in seinen Angaben die Ordensgeheimnisse nicht preis-
geben. Auf den vierten Grad der gewöhnlichen (schottländischen) Frei-
maurerei folgte eigentlich die erste Stufe der goldenen Rosenkreuzer
oder das Juniorat; man überging sie jedoch häufig. So heißt es in
den Juniorats-Akten: „Diese Stufe wird mitunter je nach den Qualitäten
fortgelassen und es wird sofort die theoretische erteilt“). Trotzdem
erhielten russische Rosenkreuzer zuweilen den ersten Ordensgrad. So
wurde P. Tırov (Ende 1788 oder Anfang 1789) in das. Juniorat)
aufgenommen. Die zweite Stufe der Rosenkreuzer waren die Theoretiker.
Der Theoretische Grad entsprach natürlich dieser zweiten Stufe. Die
höheren Stufen des Rosenkreuz-Ordens waren 3. Praktiker, 4. Philosophen,
5. Minor, 6. Major, 7. Adeptus exemptus, 8. Magister und 9. Magier.
Bis zu welcher Stufe die Moskauer Ordensmitglieder gestiegen
sind, ist nicht bekannt. Die höchsten Grade erreichten wohl SCHRÖDER
und SCHWARZ, die Begründer des Moskauer Ordens. Am 7. Nov. 1785,
als SCHRÖDER nach Berlin kam, erhielt er von WÖLLNER die sechste
1) Barskov 257 f.
2) Vgl. das Ms. IIpunatne p Teoperuyecknä rpanyc Petersburger
Öffentliche Bibliothek O III 101 Bl. 35.
3) In seinen Angaben unterscheidet NovIKov sorgfältig die in
den Theoretischen Grad und die in den Orden Aufgenommenen. Vgl.
C6opunk Pycck. Her. O6. II 150.
4) Vgl. Ms. des O6. JI6. Apesr. IIncpmennoctu 306 die Akten
des Juniorats.
5) Vgl. Tırov Henosens Ms. des Rum. Mus. Nr. 1967.
166 G. VERNADSKIJ
Stufet). Hohe Grade erreichten wahrscheinlich auch NovIKkov?) und
Fürst N. N. TRUBETZKOJ, über dessen Tätigkeit im Ordensleben man
aus seinen nahen Beziehungen zu SCHRÖDER schließen darf. I. P. TUR-
GENEV erlangte nach seinen eigenen Angaben die vierte Stufe, des
Philosophen, A. M. Kutuzov erreichte augenscheinlich erst in Berlin,
wohin er im Frühjahr 1787 reiste, die dritte Stufe, d. h. die des Prak-
tikers®); folglich besaß er in Moskau nur die zweite Stufe. Eine nur
Moskau eigentümliche Stufe des Rosenkreuzer-Ordens war der Grad
des „Geistigen Ritters“, der von LOPUCHIN (nicht später als 1791)
geschaffen war. Diese Stufe wurde den Brüdern nach der theoretischen
verliehen. Z. B. wurde P. Tırov 1791 erst der theoretische Grad
erteilt und darauf der Grad eines geistigen Ritters*). Rosenkreuzer
höherer Stufen gab es wohl kaum mehr als zwanzig im Rußland des
18. Jahrh.
Die Seele der Moskauer Rosenkreuzer war NovIKov, zu jener Zeit
einer der hervorragendsten Schriftsteller und Herausgeber in Rußland 5).
Um 1770 beteiligte sich NovIKov an den Petersburger Freimaurer-Logen.
Er war Meister des Stuhls der Loge „Lato“, die nach dem System Zinnen-
dorf oder der sog. Schwachen Beobachtung (late Observanz) ®) „arbeitete“.
1779 siedelte NovIKov nach Moskau über und mietete auf zehn Jahre
die Moskauer Universitätsdruckerei. Bald darauf begründeten NovIkov
und SCHWARZ verschiedene Wohltätigkeits-- und Bildungsanstalten in
Moskau ?).
Von den praktischen Unternehmungen des Rosenkreuzes ist hier vor
allen Dingen die gemeinsame Herausgebertätigkeit zu nennen.
1779 übernahm NovIKov die Moskauer Universitätsdruckerei, doch war
er bereits 1780 nicht der einzige Herausgeber: aus seiner Druckerei
gingen Bücher hervor mit dem Aufdruck „wrusenuem H. Hosnkosa
a» Komnanun“ Teilhaber waren alle Moskauer Rosenkreuzer.
1) Barskov 219, 224, 227—229.
2) Über NovIkov ist bekannt, daß er 1818 eine von den hohen
Stufen der Rosenkreuzer N. L. SAFONov mitteilte (vgl. Verf. Ma-
COHCTBO 73).
3) Kuruzov nahm in Berlin „chemische Arbeiten“ in Angriff
BARSKoV 9. °
4) Vgl. Tırov Vicnosenp Ms. des Rum. Mus. Nr. 1967.
5) Vgl. G. VERNADSKIJ H. U. Hosuxos Petersburg 1918; M. Lon-
GINOV HoBukoB u MOcKoBckue Mmaprunncrs Moskau 1867; V. BoGoL’U-
BOV Hopnkop u ero Bpemm Moskau 1916; ferner V. TUKALEVSKIJ
H. U. Hosnkop un U. T. Isapın in Maconcrso I 1914.
6) Dieses System war von Baron REICHEL (1729—1791) in Ruß-
land eingeführt worden.
7) Z. B. das Pädagogische Seminar an der Moskauer Universität,
das Übersetzungsbüro, die Vereinigung der Akademiker, Co6panie Yan-
BEPCHTETCKAX IIMTOMUeB, das lpykeckoe Vyenoe O6mectBo usw.
Beitr. z. Geschichte d. Freimaurerei u. d. Mystizismus in Rußland 167
Die Universitätsdruckerei mit ihrem halboffiziellen Charakter be-
reitete in ihrer Eigenschaft als Unternehmen der Rosenkreuzer viel
Schwierigkeiten; so war die Druckerei häufig gezwungen, Arbeiten, die
den Zielen des Ordens nicht entsprachen, aus finanziellen Gründen, zur
Bezahlung der Miete oder im Auftrage des Staates auszuführen.
Den Moskauer Rosenkreuzern kam daher der Erlaß vom 15. Jan.
1783 „über die freien Buchdruckereien*!) sehr gelegen. Auf Grund
dieses Erlasses begannen dann auch die Rosenkreuzer einige Bücher
unter der Firma „Freie Druckerei I. V. LoPucHIn“?) herauszugeben.
Seit 1783 druckte man die wichtigsten Geheimbücher des Ordens
nicht mehr zum Verkauf, sondern nur für den Gebrauch der Ordens-
brüder selbst; von diesen Büchern heißt es, sie seien in NovIKoVv’s
Geheimdruckerei entstanden.
In dem früher SCHWARZ gehörenden Hause, dem sog. „Men’tikov-
Turm“, wurde außerdem noch eine besondere Geheimdruckerei ein-
gerichtet zum Druck von Ordensbüchern in deutscher Sprache. Ihre
Setzer waren Deutsche, die ein besonderes Gehalt erhielten. Die Arbeit
ging jedoch nur schlecht vonstatten 3).
Am 1. Sept. 1784 begründeten die Mitglieder der Moskauer Rosen-
kreuzer Brüderschaft offiziell die „Typographische Gesellschaft in Mos-
kau“. Ihr gehörten an: N. I. und A. I. Novıkov, Fürst N. N. und
Ju. N. TRUBETZK0J, A. M. Kurtuzov, Baron H. SCHRÖDER, A.F.Lopy-
ZENSK1J, I. V. und P. V. LopucHmn, Fürst A. A. CERKASSKW, LP.
TURGENEV, V. V. ÖULKov, $. I. GAMALESA und Fürst K.M. JEnga-
LYCEv. Die zwei letztgenannten wurden in die Gesellschaft „ohne
Kapital* aufgenommen; die Brüder Novıkov stifteten „Bücher für
einige Tausend und ein Haus“, die übrigen Teilhaber 3—10000 Rubel
ein jeder.
Die Herausgebertätigkeit der Typographischen Gesellschaft war
eng mit dem Ordensleben der Moskauer Rosenkreuzer verknüpft. Vor
allen Dingen hatte sie die Bedürfnisse des Ordens zu befriedigen. In
Noviıkov’s Berichten an seinen Ordensvorgesetzten ist daher immer
wieder von den typographischen Arbeiten die Rede ?).
Die Organisation der Gesellschaft ermöglichte den Moskauer Rosen-
kreuzern eine energische Herausgebertätigkeit. Bald jedoch brachen
1) IIons. Co6p. 3akonos Nr. 15634.
2) Eine gesonderte „Freie Druckerei N. I. Novıkov“ von der
Lonainov S. 205f. spricht, hat offenbar gar nicht existiert. Mir sind
wenigstens nie Bücher aus dieser Druckerei begegnet,
3) 1785 schreibt SCHRÖDER in sein Tagebuch „Die Moskauer
deutsche Druckerey ist scandaleuse‘ BARSKOV 218.
4) Vgl. drei Briefe von CoLovIoN (der Ordensname NoVvIKoV’s)
an den Vorgesetzten (wahrscheinlich Baron SOHRÖDER) PyPIn S. 341
bis 352.
168 G. VERNADSKIJ
in der Gesellschaft Meinungsverschiedenheiten aus wegen des Ankaufs
eines großen Hauses von Graf-Gendrikov !).
Andrerseits stieß die Herausgebertätigkeit NovIKoV’s und der
Gesellschaft auf Widerstände von seiten Katharinas II. Durch den
Erlaß vom 27. Juli 17872) verbot Katharina den privaten Druckereien
Herstellung und Verbreitung von Büchern religiösen Inhalts („no
cBATOCTH kacamınaaca*). Auf diese Weise wurde der Druck mystischer
Literatur unterbunden.
Am 1. Mai 1789 verloren die Rosenkreuzer auch die Universitäts-
druckerei; Katharina hatte das Kuratorium der Universität rechtzeitig
davon verständigt, daß sie die Erneuerung des Kontraktes mit NOvIKoY
nicht wünsche ?).
Im Nov. 1791 wurde die Typographische Gesellschaft geschlossen
und ihr ganzer Besitz NovIKkoVv übergeben.
Bekanntlich endete bald nach Aufhebung der Gesellschaft auch
die ganze Tätigkeit NovIKov’s mit einer Katastrophe ?).
I. Die mystische Literatur derrussischen Rosenkreuzer
im 18. Jahrh.
Die Herausgebertätigkeit der Moskauer Rosenkreuz-Brüderschaft
ist von erstklassiger Bedeutung für die Entwicklung der mystischen
Literatur in Rußland.
Noch im 16.—17. Jahrh. begannen die Werke westeuropäischer
Mystiker nach Rußland zu dringen. Die Ars Magna von RAYMUNDUS
Lurus (1235—1315) ist in mehreren Abschriften des 17. Jahrh. über-
liefert 5). Mit dieser Schrift beschäftigt sich auch eingehend Ende des
17., Anfang des 18. Jahrh. der bekannte russische Altgläubige ANDREJ
DENISov. Er verfaßte sogar einen Auszug „cokpamenie“ von LULLUS’
Ars Magna®). Ferner weiß man, daß noch im 17. Jahrh. die Werke
1) An den finanziellen Schwierigkeiten der Gesellschaft war in
starkem Maße Baron SCHRÖDER schuld, der bald nach dem Ankauf
des Hauses aus der Gesellschaft ausscheiden wollte.
2) Ilons. Co6p. 3akoHoB Nr. 16 556.
3) Yrenun 8 O6m. Mer. u Ip. 1862 Buch 2, 121; LonGInov 55.
4) Im Frühling 1792 wurde NovIKov verhaftet und in die
Schlüsselburger Festung gebracht. Die wichtigsten Gründe für die
Verhaftung Novıkov’s waren m. E. Befürchtungen politischer Art.
Vgl. Verf. Le cesar6vitch Paul et les frane-macons de Moscou. Revue
des etudes slaves III 1923.
5) Vgl. die Hss. der Öffentl. Bibliothek in Petersburg F III 2 und
QLUI11 (VERNADSKIJ Pycckoe Maconucrso $. 2); A. SOBOLEVSKIJ Ilepe-
BOAHaA Iureparypa Mockoscrof Pycn 14—17 zB. C6opank XXIV S.158f.
6) Vgl. NIKANOR Benmkan mayka P. JIonsun B cokpamennu
A. Meuncora. Ussecrun XVII 2; V. DRUZININ K Bonpocy 06 aBrope
cokrpamenun Bennkoü Hayskm P. onnun ib. XIX 1.
Beitr. z. Geschichte d. Freimaurerei u. d. Mystizismus in Rußland 169
JAKOB BÖHME’s (1575—1624) handschriftlich in Rußland Verbreitung
fanden, häufig mit der Aufschrift „wsxe Bo cBaTsıx orma Hamero Iakopa
Bemena“ !). Das Interesse der russischen Gesellschaft für die Werke der
westeuropäischen Mystiker war zweifellos auch im Laufe des 18. Jahrh.
rege. Von besonderer Bedeutung wurde aber die Tätigkeit der Moskauer
Rosenkreuzer.
Die mystische Literatur der Brüderschaft NovIkov’s kann in
mehrere in sich geschlossene und verschiedenartige Gruppen eingeteilt
werden. Neben der christlichen Mystik gehört hierher auch diejenige,
die nicht direkt mit dem Christentum zusammenhängt. Mit ziemlicher
Genauigkeit läßt sich auch die Lektüre der Moskauer Rosenkreuzer
feststellen. Da die Herzusgebertätigkeit NOovIKoV’s und seiner Teilhaber
im Dienste des Ordens stand, darf man zweifellos von vielen Ausgaben
NovIKov’s annehmen, daß sie von den „Brüdern“ gelesen und verbreitet
wurden. Wir besitzen aber noch Zeugnisse anderer Art, nämlich Briefe
russischer Rosenkreuzer mit Erwähnung der von ihnen gelesenen Bücher,
zuweilen sogar mit Beurteilung ihres Inhalts?). Außerdem ist auch
ein systematisches Verzeichnis der Bücher erhalten, die den Brüdern
zum Lesen empfohlen wurden. Diese sog. Instruktion für den Groß-
meister trägt die Jahreszahl 1792®). Da sie sehr interessant ist, muß
sie ausführlicher behandelt werden.
Es werden darin folgende Werke erwähnt:
a) Für Schüler: John Mason über die Selbsterkenntnis; Geistiger
Kampf; Behandlung der eigenen Person; Joh. Arndt; Taschenbuch
für Freimaurer; Reglement der Freimaurer; Katechismus.
b) Für Genossen: Betrachtungen über die Werke Gottes;
BonNnET’s Betrachtungen oder Werke; irgendeine regelrechte Chemie;
eine auf der Wahrheit des Kreuzes beruhende Physik; Apologie der
Freimaurer; Chrysomander; Katechismus für Genossen.
ec) Für Meister:
Über Theosophie: Thomas a Kempis, Augustin, Böhme die
Nachfolge Christi; Sakrament des Kreuzes; Morgenröte der Weisheit;
Geheimnis der Schöpfung; über die Wiedergeburt;
Über Alchemie: Theophrastus Paracelsus; Basilius Valentin;
Böhme Vom Stein; das große Buch der Natur; die Leiter der Weisen;
Plato’s Ring; das Licht des Lichtes;
Über den Orden: Hirtenbrief; dringende Ermahnung; brüder-
1) S. P—-V Pycerne nepesonst Arosa Beme. Bu6nnorp. 3anncku
1858 S. 129—137; LaBsın Vorwort zur Ausgabe Christosophia um
nyrs ko Xpucry Petersburg 1815 S. XXIII—XXIV.
2) Einige solche Urteile bietet Verf. in Maconcrso S. 128. n
3) Eine solche Instruktion hat T. SOKOLOVSKAJA in der Broschüre
HoBMe NaHHBe MIA MCTOPHn PYCcK. MaCOHCTBa IO pykKon. TBepck. Yuen.
Apx. Komm. Tver‘ 1912 beschrieben. Spätere Abschriften befinden sich
unter den Hss. der Petersburger Öff. Bibliothek O III 68.
170 G. VERNADSKIJ
liche Ermahnungen;; über die alten Mysterien; Geist der Freimaurerei;
der im Lichte strahlende Bruder des Rosenkreuzes; Freimaurer-Magazin.
Es sollen nun die einzelnen im Verzeichnis erwähnten Werke nach-
einander behandelt werden.
a) Literatur, die den Schiilern empfohlen wird.
1. „John Mason über die Selbsterkenntnis“; das ist natürlich das
bekannte Buch von Jomn Mason (um 1705—1763) Self Knowledge.
I. TURGENEV hat es aus dem Deutschen, nicht aus dem englischen
Original, ins Russische übersetzt. Gedruckt wurde es 17831) in der
Moskauer Universitätsdruckerei „mkmaBennuem H. Hosnkopa u Komnanuu“.
2. „Geistiger Kampf“, ein anonym herausgegebenes Werk von
LORENZO ScuUPoLI. Die russ. Übersetzung von Iv. ANDREJEVSKIJ
wurde 17872) erstmalig von der Druckerei „Typographische Gesellschaft“
herausgegeben.
3. „Behandlung der eigenen Person“. Offenbar ist es das Werk
von ÜARACGIOLI OÖpammeHne C CaMHM CO60P, B KOTOPOM TIOKA3EIBaeTcH
YTO ECTb YeNOBeK, MU KAKHE CYINECTBeHHHE ETO YMACTH, CKONb BEICOKOE
nyııa UenoBeyeckan HMeeT IIPeBOCXONCTBO HA BCEM BEINECTBEHHBIM U TIIEH-
usım Moskau Theater-Druckerei 17883).
4. „Johannes Arndt“ (1555—1621), gemeint ist wohl das 1784 in
der Druckerei Lopuchin veröffentlichte O ucTuUHHOM XPHCTHAHCTBe IIECTB
KHET, C IpmcoBokynaeHunem Paäckoro Beprorpana AM APyTHX HekOTopbIx
MEJIKHX COUHHEeHHÄa cero nmacarenn; I. TURGENEV hatte es von neuem
aus dem Deutschen übersetzt ®).
5. „Taschenbuch für Freimaurer“ (Kapmannaa kumıkka nun BonbHsIx
1) Die 2. Aufl. erschien 1786. h
2) Die 2. Aufl. von ANDREJEVSKIJ’s Übersetzung erschien 1784
in Moskau unter dem Titel flonsur XpucrnaunHna NPoTHB uckymıennä.
Anfang des 19. Jahrh. wurde der „Geistige Kampf“ auch vom bekannten
russischen Mystiker A. LABzINn (Petersburg 1816) veröffentlicht. Neben-
bei sei erwähnt, daß das Werk des griechischen Athosmönches Niko-
demus Hagiorites 46garog IIöAswog (die russische Übersetzung des
Bischofs Theophanes führt den Titel Hesapaman Bpanp Petersburg 1886)
fast eine wörtliche Übersetzung des Buches von SOUPOLI ist; vgl.
M. ViLLeR Nicodeme Hagiorite Revue d’ascötique et de mystique V
1924 Aprilheft S. 174—177.
3) Vgl. Pocnncp poccHücknM KHUTaM AA YTeHuA u3 ÖHÖNMOTeRH
Cmupnanua Petersburg 1828 Nr. 1334.
4) Zum erstenmal russisch ist dieses Buch von ARNDT 1735 in
Halle mit kirchenslavischen Typen erschienen (vgl. SoPIKOV -Onsır
pocczäck. 6n6nmorpabun hgb. V. RogoZın Petersburg 1904—1906
Nr. 100). 1743 wurde diese Ausgabe von der hl. Synode für Rußland
verboten (IIncsma H. M. Kapamsusa k U. U. Imurpuesy Petersburg
1866 S. 04).
Beitr. z. Geschichte d. Freimaurerei u. d. Mystizismus in Rußland 171
Kamenımnkop) wurde 1783 von NovIkov als 2. Auflage in der Univer-
sitätsdruckerei veröffentlicht t). Es besteht teils aus dem aus dem Deutschen
übersetzten „Taschenbuch für Freimaurer und auch für solche, die es
nicht sind“ (Frankfurt a. M. 1780, die deutsche Ausgabe ihrerseits geht
wohl auf eine italienische Vorlage zurück ?), teils aus dem im 18. Jahrh.
populären Lehrbuch der natürlichen Moral „Economy of human life“,
das erstmalig 1750 in London anonym erschienen und vom englischen
Diehter und Buchhändler Robert Dodsley (1703—1764) verfaßt wurde).
Die Economy of life wurde mehrfach in russischen Übersetzungen heraus-
gegeben, zum erstenmal 1752 in IIonesuoe Vsecenenme Buch 5 unter
dem Titel Ycerpoenne ;zusHun yenopeueckof (vielleicht von A. NARYSKIN
übersetzt), darauf separat in einer Übersetzung aus dem Französischen
der Fürsten G. und P. Cıcıanov (Moskau 1765, 1769, 1786, 1791),
schließlich in derjenigen von V. RUBAN (Petersburg 1773, 1777, 1783).
1786 veröffentlichte NovIKov selbst (Universitätsdruckerei) dieses
Buch unter dem Titel Kuura IIpemyapocru a 1o6poperenn t).
6. „Reglement für Freimaurer“ verschiedener Systeme, 1782 vom
Freimaurer-Konvent in Wilhelmsbad bestätigt)
7. „Katechismus“. Wahrscheinlich sind hiermit die üblichen Frei-
maurer-Katechismen für „Schüler“ gemeint ®).
b) Literatur für „Genossen“.
8. „Betrachtungen über die Werke Gottes“, möglicherweise handelt
es sich hier um das Werk des englischen Philosophen Derham (1657
bis 1735), 1784 russisch in der Druckerei Lopuchin als Ecrecrsennoe
1) Als 1. Auflage gilt wahrscheinlich 3anncnaa kunmka na apysei
genogeuecrpa Petersburg 1779.
2) Übersetzt von F. SALZMANN, vgl. HOLZMANnN und BOHATTA
Deutsches Anonymen-Lexikon IV Nr. 4682; WOoLFrsTIEG Bibliographie
der freimaurerischen Literatur Nr. 795; dieser SALZMANN ist wahr-
scheinlich der Freund Saint-Martin’s, vgl. MATTER Saint-Martin Paris
1862 S. 364.
3) Die Autorenschaft wurde mehrfach Graf CHESTERFIELD zuge-
schrieben, vgl. Custing Anonymes. London 1890 I 197; über die
Freimaurerei Chesterfield’s vgl. WOLFSTIEG Ursprung und Entwick-
lung der Freimaurerei Berlin 1920 II 196; zur Autorenschaft DopsLeY’s
vgl. BARBIER Dictionnaire des ouvrages anonymes II 22—25; Dictionary
of national biography hgb. S. Lex LIV s. v. Srannhope Pa. D. Fourth
earl of CHESTERFIELD.
4) Nach der deutschen Übersetzung des ersten Teiles des „Buches
der Weisheit und Tugend“ Dessau 1783.
5) In Deutschland bekannt als Freimaurerregeln. Vollständig
herausgegeben in Handbuch der Freimaurerei I Leipzig 1863 8.441— 445.
6) Über die verschiedenen Abschriften der Freimaurer-Katechismen
in Rußland vgl. Verf. Maconcrso $. XIII—XIV.
172 G. VERNADSKIJ
BorocnoBue Hnu NOKABATENbCTBO ÖbITHA HU CBOUCTB BOHtunX, NOYePIHyYToe
us nen TBopenun erschienen (Übersetzung aus dem Französischen).
9. „BonnET’s Betrachtungen oder Werke“, wahrscheinlich sind hier
die von A. NArToVv übersetzten Naturbetrachtungen CH. BONNET's ge-
meint); russische Übersetzungen lagen im 18. Jahrh. gedruckt nicht vor?).
10. „Irgendeine regelrechte Chemie*.
11. „Eine auf der Wahrheit des Kreuzes beruhende Physik“; hierher
gehörige gedruckte Handbücher der Chemie und Physik in russischer
Sprache kenne ich nicht. Offenbar sind darunter irgendwelche handschrift-
liche Übersetzungen gemeint.
12. „Apologie der Freimaurer“, ein Werk von J. A. STARCK (1741—
1816); ins Russische wurde es von I. TURGENEV übersetzt und 1784
in der Buchdruckerei Lopuchin gedruckt unter dem Titel Anonorun
Hm SalmımeHNue OPMEeHa BOIBHEIX KAMEHBbIIMKOB. IlncasHan Öparom ***
qnenom Illornannckoi ** nomu B II**.
13. „Chrysomander* erschien 1783 in der Buchdruckerei Lopuchin
von A. PETROV übersetzt. Der Verfasser ist mir unbekannt.
14. „Katechismus für Genossen“, vgl. oben S. 171.
c) Literatur für die Meister.
15. „Thomas a Kempis* (1379—1471) Die Nachfolge Christi, :
4 Bücher derselben wurden von M. BAGR’ANSKIJ aus dem Lateinischen
übersetzt und 1784 in der Universitäts-Druckerei veröffentlicht; im
gleichen Jahr erschien dieses Werk auch in der Ns6pansan 6n6nuoTera
ANA xpuctuauckoro yreuun. 1787 gab die „Typographische Gesellschaft“
das aus dem Deutschen übersetzte Kparkoe usBreyeHunue yummx uape-
yeHuä u IpaBuı Ma yerkIpex KHHT O Honparkanun VMmcycy Xpucty Doms
Kemnmnäckoro, pacnono:keHHbIe HA 12 MecameB Ienoro rona heraus.
16. „Augustin“ ist natürlich der Kirchenvater, von NOoVIKOV mehr-
fach gedruckt:
1783 veröffentlichte die Universitäts-Druckerei BnarkeHuHoro
Asrycruna, Ennckona Unnonnäckoro, ennHodecenoBaHne nyım c BoroMm
(Übersetzung aus dem Lateinischen von V. BEL’AJEV); 1784 erschien
dasselbe Werk im 3. Bande der Ns6p. Bu6nnorera nın XPucTuanck.
yrenun; 1783 gab die Universitäts-Druckerei heraus: Pyuynas kumxka
61arteHHorO ABTYCTHHa O Cosepmaunm Xpucra nım 0 cnose BokunM,
KOTOPbIM INOTyÖJNeHHAA IIAMATb O0 CTpaHe HeÖecHoä NakH IIpnoöperaetcn
(gleichfalls von BEL’AJEV aus dem Lateinischen übersetzt); 1784 er-
schienen: CBatsle X AylecnacuTesibHbIe PAsMEIIIIeHHA ÖNAKEHHOTO Apry-
craua (von demselben Übersetzer); 1786 wurden „WkIMBeHueMm Kom-
naHun Tunorpabnueckoä“ in 4 Teilen herausgegeben Us6panunzıe coynHeunn
Baa>kennoro Aprycruna (aus dem Lateinischen von I. TURGENEV über-
1) Vgl. Hs. der Öff. Bibliothek F. III 9.
2) Die Ausgaben der russischen Übersetzungen des 19. Jahrh. führt
SoPIKov Nr. 11075f, an.
Beitr. z. Geschichte d. Freimaurerei u. d. Mystizismus in Rußland 173
setzt); 1787 erschien Iyx um meıcnn BraskenHoro Aprycruna, Ennckona
UmnoRnäckoro, u3 BCex eTo IUCaHnH BEIÖpaHHuBIe (aus dem Lateinischen;
Übersetzer mir unbekannt), ferner Augustin’s Confessiones aus dem
Lateinischen von ZAGOROVSKIY übersetzt und O nyxe u mncume.
17. „Böhme’s.Weg zu Christus“. Dieses Werk war in Rußland
bekannt unter dem Titel Christosophia unm nyrs ko Xpnery; es ist
im 18. Jahrh. nicht gedruckt worden, ist aber handschriftlich erhalten
(vgl. z. B. in der Petersburger öffentlichen Bibliothek O III 94).
18. „Sakrament des Kreuzes“, ein Werk von Douzetant, einem
französischen Mystiker aus dem 18. Jahrh., das 1784 in der Druckerei
Lopuchin unter dem Titel Tamscrso Kpecra Uncyca Xpncra x uneHoB
Ero erschien (übersetzt von A. KuTUZov und M. BAGR’ANSKND).
19. „Morgenröte der Weisheit“; gemeint ist wahrscheinlich ein
Werk von JAKOB BÖHME, das in den russischen handschriftlichen
Übersetzungen des 18. Jahrh. auch den Titel Aspopa um Ilernunna na
socxone (vgl. z. B. Öffentl. Bibliothek O III 45) oder 3apa upm Bocxo-
;kmeunu (Rum’anzev-Museum Nr. 2028) führt.
20. „Geheimnis der Schöpfung*, vielleicht ein Werk von G. RETZEL
(18. Jahrh.), das 1787 in der Geheimdruckerei von Novikov unter dem
Titel Ilecra-lsesHurx Jleı cero Mupa TaäHoe sHayeHHe, OTKPpbITOe B
sepmare npenpesueä Moüceäckofä Punocodun, KaK0e ECTb CBOÄCTBO
BEPXHHX H HUHHUX BON; H KAK OTKYAA BCe HMeeT IIPOHCXOMMeHHe CBO®@...
gedruckt wurde.
21. „Von der Wiedergeburt‘, offenbar von J. SCHWARZ verfaßt,
vgl. die spätere Abschrift im Album von $S. LANnSK0J, das im PuSkin-
Museum der Akademie der Wissenschaften in Petersburg aufbewahrt wird.
22. „Theophrastus Paracelsus“; es handelt sich hier wahrscheinlich
um das kleine Buch von B. PEenor (1617), das 1784 (von A. Kuruzov
aus dem Deutschen übersetzt) in der Druckerei Lopuchin unter dem
Titel Dunocoba App. Deobpacra Ilapamensca xummyeckan IIcanrtupb nu
bnnocohekue mpapuna 0 KamHe MyAnpsix erschien.
23. Basilius Valentin — unter diesem Pseudonym schrieb J. THÖLDE
(16.—17.Jahrh.) 1). Vielleicht ist auch Isenanuarp kmoyei Opara Bacnsınn
BaneHtuHa, MmoHaxa opneHa cB. Beuenukra (Hs. Petersburg, Öffentliche
Bibliothek unter O III 43) gemeint.
24. „Böhme vom Stein“ (der Weisen), die Hs. O kamue mynp&ıx
UM. B. uın Bpara Bokectsa, CBATbIe BpaTa, PanocTu OÖHNBHLIe BpaTa
yenopekoB befindet sich in der Petersburger Öffentlichen Bibliothek
unter QIII 127. Das Rum’ancev-Museum besitzt eine Hs. (Nr. 2027) mit
dem Titel Onncanne kamua npemyApsix (in einer Übersetzung von 1791).
25. „Dasgroße Buch der Natur‘ — vielleicht ein Werk A. FRANKEN-
BERG’s (15998—1652), das 1784 russisch in der Druckerei Lopuchin
unter dem Titel A. 2. Gemma Magica unm Marnueckui Iparouennsi
Kamenb ; TO eCTb Kparkoe napAcHenue KHurmn Harypbi mo cenmm Beim-
1) H. Kopp Die Alchemie 119; IL 8.
174 G. VERNADSKIJ
yallıuM JIHCTAM ee, B KOTOPoü MO>KHO uHTarb Do’kecTBeHkyow WM Ha-
mypansayıo npemyApocrs Buucankyw Borom erschienen ist.
26. „Leiter der Weisen“; es handelt sich wahrscheinlich um das
Werk von Bellarmin (1542—1621), das von T. MaLyYGIn aus dem
Lateinischen übersetzt!), 1786 in der Kaiserlichen Druckerei gedruckt
wurde als JIecrsuua yMCTBeHHOTO Bocxomknenun K Bory NO CTeneHAM
CO3NaHHLIX BeLiei.
27. „Plato’s Ring“ verfaßt von A. KIRCHWEGER (gest. 1746).
Russische Übersetzungen aus dem 18. Jahrh. befinden sich in der Peters-
burger Öffentlichen Bibliothek unter O III 96 und im Rum’ancev-
Museum unter Nr. 2046. Der erste Teil von Plato’s Ring wurde wahr-
scheinlich 1785 unter dem Titel O po»knauun mn pokneHuM HAaTypalbHEIX
semei?) gedruckt.
28. „Licht des Lichtes“, vielleicht ein Werk von Setonius Cosmo-
polita (gest. 1604); gedruckt wurde es 1785 in der Druckerei Lopuchin
unter dem Titel Hogoe xumuyeckoe CBeTHN0 H3 HCTOYHHKA HATypbI H
Py4HOTO ONEITA IOyepnHyYToe.
29. „Hirtenbrief* — Ilactsıpckoe noCJIaHue K UCTUHHEIM HU CHPABeN-
AIMBbIM CBOÖONHBIM KAMEHBbIIHKAM MpeBHeä cHcTems, ein Werk des
preußischen Rosenkreuzers und Politikers Grafen Chr. A. Haugwitz
(1752—1832)®); im Druck ist es russisch nicht erschienen, die 1785
von A. P(etrov) angefertigte Übersetzung ist aber in vielen Abschriften
erhalten ?).
30. „Starke Ermahnung“ ist eine nur handschriftlich als Cunsunre
yBemlaHun , MöBjleyeHHsle H3 MNCTHHHLIX IIHCAHHÄM BBICOKOOCBALIEHHOTO
opreHa 3nato-Po30Boro KpecTa BO YTBep3kNeHHe WCTAHL, TIONBHTOB MH
BEYHON MEATENBHOCTH B Bose IOYHBAMIIHX OTIeB Cero opzeHa bekannte
Übersetzung aus der Ausgabe von Bode).
31. „Brüderliche Ermahnung“ — Bparckue yBeimaHan HEKOTOPEIM
6Gparpım CBBIAHM KMHIIKM. Incanıı Bparom Cennarom 1784 in der
Druckerei Lopuchin; aus dem Deutschen hat es V. JELAGIN übersetzt.
Verfasser ist der Deutschrusse Dr. S. Euı, Mitglied des Staatlichen
Medizinischen Kollegiums.
32. „Uber die alten Mysterien“, wahrscheinlich ein Werk von
J. STARCK (1741—1816), das als O npesunx MucTepnsx HIH TAHHCTBaX
ÖEIBIIHX y Bcex Haponop (aus dem Deutschen von A. PETROV übersetzt)
1785 in der Druckerei Lopuchin „untnusennem Komnannn Tunorpadn-
geckoäf“ erschien.
1) Pocnncp ... von SMIRDIN Nr. 685.
2) Das Buch wurde auf NovIKkov’s Gut konfisziert. Vgl. Verf.
Maconcreo S. 264.
3) Die Autorschaft von Haugwitz ist angezweifelt worden (KoPP
II 141f.) vgl. jedoch WoLFsTIE@G Nr. 33631.
4) Vgl. z. B. Petersburg Öffentl. Bibl. unter F III 63 und 9.
5) Vgl. Rum’ancev-Museum Nr. 2168, ferner Pypın 3381.
Beitr. z. Geschichte d. Freimaurerei u. d. Mystizismus in Rußland 175
34. „Der im Lichte strahlende Bruder des Rosenkreuzes® von
Schleiss von Loewenfeld!); mir sind weder gedruckte Ausgaben des
18. Jahrh. noch Hss. der russischen Übersetzung bekannt).
35. „Das Freimaurer-Magazin“ (Marasnk CBO60NH0-KaMeHBINuyeckuä)
erschien (in zwei Teilen) 1784 in Moskau. Die Hs. für Band II—IV
befindet sich in der Öffentl. Bibliothek in Petersburg unter O III 39.
Außer den hier erwähnten sind im 18. Jahrh. zweifellos noch viele
andere Bücher mystischen Inhalts unter den russischen Rosenkreuzern
verbreitet gewesen.
So gingen aus der Druckerei Novikov und Co. außer den in der
Instruktion aufgezählten noch eine Reihe andrer Bücher hervor, die
zweifellos auch zur mystischen Literatur gerechnet werden müssen, von
den Rosenkreuzern geschätzt und gelesen wurden, aber in der Instruktion
von 1792 nicht erwähnt sind.
Es gehören hierher:
A. Über altchristliche Mystik.
Makarius von Ägypten (301—391) IIpenono6Horo orma Hanero
Maxrapun Erunerckoro, HApeyeHHOTO BEIIUKUM, MYXOBHble IIPenoJleaHkie
6ecensı wurde 1782 vom Mönch Moses aus dem Griechischen übersetzt
und „wrknugenuem H. Hopuroga u HKomnanunu“ herausgegeben.
Dionysius Areopagita (1. Jahrh.) — unter diesem Namen
sind Werke aus dem Ende des 4. oder Anfang des 5. Jahrh. verbreitet.
1786 wurden sie von der Typographischen Gesellschaft „wrıuennem
Komnasnn* in einer Übersetzung aus dem Griechischen des Hieromonachos
Moses unter dem Titel Csatoro Anonucnn Apeonaruta 0 He6ecHoä
uepapxHuu WAH CBAIeHHOHayanan herausgegeben.
Gregorius Palamas (1297—1360). — Csartoro orma Hamero
Tpuropua Ilanama, Apxuennckona heccaloHuKcKoro Hecatb Öecen eine
Übersetzung aus dem Griechischen 3), 1785 von der Druckerei Lopuchin
„WKIHBEHHEM KOMINaHuH Tunorpabmueckof“ veröffentlicht.
B. Spät-christliche Mystik; Quietismus.
Molinos, Mich. (1640—1696). — Nyxosusıt Ilyreykasatens,
cıykammÄa K OTBJIEYEHHIO AYIIH OT YyBCTBEHHBIX Beieä HU K IIPNHBENEeHH
ee BHYTPEHHHM IIyTeM K COBEePIlIeHHOMy CoaepllaHno MH KO BHYTPEHHeMy
mapy 1784 in drei Teilen von der Druckerei Lopuchin ohne Erwähnung
des Verf. gedruckt.
1) Vgl. Kopp II, 221.
2) Eine handschriftliche Übersetzung aus dem 19. Jahrh. befindet
sich im Rum. Mus. Nr. 2056.
3) Die Übersetzung ist wahrscheinlich nach der Ausgabe von
MATTHAEI Moskau 1776 angefertigt. Nebenbei sei erwähnt, daß
MATTHAEI selbst Freimaurer war (anscheinend jedoch nicht Rosen-
kreuzer).
Pr
176 G. VERNADSKIJ
Guyon de la Motte, J.M.B. (1648—1717). — Co6opHoe no-
cnaune Ceatoro Anocrona MHakoba C TOAKOBAHHAMH MH IIPMMEYaHHAMH
OTHOCHTENBHO KO BHYTPeHHeh »kusHu, gedruckt von der Geheimdruckerei,
in einer Übersetzung der französischen (nicht einer deutschen)*) Aus-
gabe von 1790. Sie ist also im selben oder dem darauffolgenden Jahre
in Moskau veröffentlicht worden ?).
C. Westeuropäische außerkirchliche Mystik und Hermetik
des 16.—18. Jahrh.
Kunrath, H. (um 1560—1605). — Paccy:xgeune dunocobpa Heu-
MEHOBAHHOTO 0 yersipex durypax Bermkoro amdurearpa, wahrscheinlich
1786 von der Druckerei Lopuchin gedruckt ohne Erwähnung des Ver-
fassers in der sehr seltenen hermetischen Ausgabe der Ns6pannan Bn6-
nmorera 1°).
Thölde, I. (16.—17. Jahrh.). — Ws6paunsie mecra n8 ÜBnueH-
Horo Ilncannn, vum BBereune k TanucrBeunoä Mynpoctn u COKPOBEHHOA
ucrune ]lyxa Bomun u Tocnona Hamero Uncyca Xpncra, 1784 in der
Universitäts-Druckerei „Vspusennem H. Hosnukosa u Komnaunn“ ge-
druckt. Es ist die sog. Paracelsi-Handbibel.
SOHEFFLER J. („Angelus Silesius“, 1624—1677).— Die „Paückne
IIBETEI, IIOMEINEHHEIE B CeAMH IBerHukax* erschienen ohne den Namen
des Verfassers im 2. Bande der Ns6öpannan Bu6nnoTeka KIA XPucTH-
auckoro urenun 17848).
Pordage, I. (1625—1698). — BoskectBeHHan NH UCTUHHAA MeTa-
dusuka Ham NMBHOe HM ONBITOM IPHOÖpeTeHHoe BeneHne HEBUNHMEIX M
BeyHsIX Bemefi um 1787 wahrscheinlich in der Geheimen Druckerei
gedruckt.
Köppen, K. (1734—1797). — Kpara Penoa unn mocBamenne
B MpeBHee TaäHOe OÖINECTBO ETUNETCKUX »kpemoB erschien erstmalig 1779
(wahrscheinlich in der Universitäts-Druckerei) und darauf 1784 in der
Druckerei Lopuchin >),
Kleiker, I. (18. Jahrh.). — Das Magikon von Kleiker?) wurde
1784 wahrscheinlich in der Universitäts-Druckerei gedruckt.
1) Wie BITOVT Penkue pycckne kuuru u neryyue usnaunn XVIII8
Moskau 1905 fälschlich angibt.
2) Das Erscheinungsjahr ist auf dem Buch nicht angegeben.
3) Diese Ausgabe ist nicht identisch mit der Us6paunan Bu6amo-
TeKa AA Xxpncrmauckoro yrennun 1784. Vgl. Verf. Maconcrso $. 264.
4) Über Angelus Silesius vgl. unter anderem F. MAUTHNER Der
Atheismus und seine Geschichte im Abendlande Stuttgart-Berlin 1922
III 190—198.
5) Köppen gab das Ruch gemeinsam mit I. W. B. von Hymmen
heraus, vgl. KLoss Bibliographie der Freimaurerei Frankfurt a. M. 1844
Nr. 1904; Allgem. Handbuch der Freimaurerei 3. Aufl. Leipzig 1900 571b.
6) Vgl. WoLFSTIEG Nr. 43103.
Beitr. z. Geschichte d. Freimaurerei u. d. Mystizismus in Rußlaud 177
Saint-Martin, L. (1743—1803). — O sa6ıy:knenunax u ucTuHe,
MıuU BO83BAHHe WYeIIOBeyecKorO PONA KO BCeoölleMmy Hayamy 3HaHun;
1785 in der Druckerei Lopuchin „urxuusernem Komnasun Tunorpadn-
yeckof“ gedruckt (Übersetzung aus dem Französischen von P. Strachov).
D. Partei-Literatur der Rosenkreuzer.
Göhrung, J. (18. Jahrh.). — Nomsnocrn Öparzer 3. P.K. zpepune
CHCTEMbI, TOBOPEeHHbIe XPH30hHpOHOM, B COÖPaHHAX IOHNOPATCKHX C NPH-
COBOKYIIIeHueM peueä npyrux Öparpep 1784 in der Druckerei Lopuchin
gedruckt).
Aus dem Gesagten geht hervor, daß sich die mystische Literatur
des Novıkov’schen Kreises aus ganz verschiedenen Elementen zusammen-
setzy; der Lesestoff der „Brüder“ war sehr verschieden nach seinem Wert.
Ein wichtiges Moment für die Entwicklung der russischen Mystik
ist das Aufkommen einer eignen mystischen Literatur neben und unter
dem Einfluß der Übersetzungsliteratur, die handschriftlich aber auch
gedruckt verbreitet wurde.
Aus dieser Literatur erwähne ich an erster Stelle die von J. SCHWARZ
vor einem engen Zuhörerkreise gehaltenen Vorträge?); sie sind mir in
zwei Abschriften bekannt: 1. O Tpex n03HaHnHAX: MOÖONEITHOM, IIOJTEBHOM
m npuatuom 17 Vorträge gehalten vom 3. September bis zum 31. De-
zember 178228); 2. Kypc dunocobceroä ucropuu 21 Vorträge gehalten
vom 17. August 1782 bis zum 5. April 1783).
Ferner müssen die Werke I. Lopucaın’s (1756—1816) erwähnt
werden:
1791 erschien (ohne Angabe des Erscheinungsortes aber natürlich
in Moskau) sein Iyxosasü Pemapp uam mınyımf mpemyapoctn5) und
HpasoyuurtenbHbIdH KaTexm3auc MCTHHHBIX PPaHK-MaCOHOB.
1798 kam in Petersburg ein andres Werk von LOPUCHIN heraus:
HekoTopzsle yepTsI O0 BHYTpeHHeä MepkBn, O eNUHOM IyTu HCTuHL M 0
pasınYHbIX IIyTAxX Babny>kneunna MH TnÖerm.
1790 veröffentlichte LOPUCHIN gemeinsam mit dem Fürsten
N. REPNIN in französischer Sprache das kleine Buch Les fruits de la
gräce ou les Opuscules spirituels des deux F. M. du vrai Systeme,
dont le but est le m&me que celui des vrais chretiens ®).
1) Dieses Werk wurde früher WÖLLNER zugeschrieben, vgl. WOLF-
STIEG Nr. 42513; HoLZMANN und BOHATTA Nr. 8716.
2) Über die Vorträge von SCHWARZ vgl. TUKALEVSKI |. c.
S. 203—209.
3) Vgl. Öffentliche Bibliothek O 112; Q III 40.
4) Z.B. Rum. Museum Nr. 2017; Teile davon sind später in der
Zeitschrift Apyr Onomecrsa Jan. 1813 S. 85—101 erschienen.
5) Über die praktische Bedeutung dieses Werkes in der Rosen-
kreuz-Organisation vgl. oben 8. 166.
6) Die Hs. der russischen Übersetzung von 1793 unter dem Titel
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd.IV. 12
178 V, Hıppius
LoPucHIn gab auch das Werk des Rosenkreuzers N. KRAJEVIC
(gest. 1790) JIya Baaronara heraus.
“ In den Petersburger und Moskauer Archiven findet man viele Auf-
zeichnungen der von Brüdern verschiedener Freimaurer-Logen gehaltenen
Vorträge. Am wertvollsten für die Geschichte der Mystik in Rußland
sind die 1789—1791 in der theoretischen Versammlung in Orel ge-
haltenen Reden, hauptsächlich diejenigen von Z. KARNEJEV (1748 bis
1828)t1). Es zeigt sich darin eine enge Verschmelzung von christlichem
Pietismus und Rosenkreuzer-Mystik.
Im allgemeinen lassen sich unter den damaligen russischen Rosen-
kreuzern zwei Richtungen feststellen. KARNEJEV, LOPUCHIN, KRAJE-
vıc, zum Teil GAMALEJA gehörten der Gruppe an, die mehr von der
abstrakten Mystik und dem Quietismus angezogen werden. Ihre Lieb-
lingsautoren sind, außer JAKOB BÖHME, — JOH. ARNDT, THOMAS
A KEMPIS, M-me GUYon.
Die andere Richtung ist die hermetische und alchemistische; zu
ihr gehören NovIKov, sein Schüler Dr. M. BAGRANSKIJ, ferner
A. Kuruzov, I. TURGENEV und Fürst N. TRUBETZKOJ.
Prag G. VERNADSKIJ
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung?)
Eigentümlich ist das literarische Schicksal Saltykov’'s. Es gibt in
der russischen Literaturgeschichte gewisse Beispiele dafür, daß hervor-
ragende Schriftsteller zeitweilig der Vergessenheit anheimfallen und
später eine Wiedergeburt des Interesses erleben. Das waren aber die
sogenannten „Dichter für Wenige“, die infolge gewisser Verschiebungen
im literarischen und sozialen Milieu ins Leben zurückgerufen wurden.
Saltykov ist nach den Beschaffenheiten seiner Begabung ein Dichter
„für Viele“ gewesen; schon bei seinen Lebzeiten wurde er als Künstler
anerkannt; das erste von seinen Büchern (Gubernskije ößerki) hat den
Kritikern den Anlaß gegeben, ihn mit Turgenev (s. Cerny3evskij) und
Leo Tolstoj (s. DruZinin) — d. h. mit den hoffnungsvollsten Schrift-
stellern jener Zeit zu vergleichen. 15 Jahre später wurde er in die
weltliterarische Perspektive eingestellt, dank Turgenev, der ihn mit
Swift zu vergleichen wagte; noch 5 Jahre später wurde zum erstenmal
das Epitheton „genial* auf Saltykov angewandt — (Skabiöevskij in
Birzevyje Vedomosti 1876 Nr. 91). Freilich, war der Chor der Feinde
IInopsı Baaronaru befindet sich im Historischen Museum in Moskau,
Sammlung Barsov XV 18.
1) Vgl. die Sammelbände der Petersbu Öff. Bibl. F
und F III 48. rger . Dibl. III 47
2) Abkürzungen: O.Z. — Otelestvennyje Zapiski; Sk. — Sovre-
mennik: G.I— Sammlung der Werke Saltykov’s. Gosizdat. 1926. B. I.
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung 179
Saltykov’s ebenfalls hörbar; es ist aber zweifellos, daß der Freundechor
denselben übertönte. Im Verlauf der ersten 20 Jahre seit dem Tode
Saltykov’s sind fünf Ausgaben seiner Werke nötig gewesen, was die
Nachfrage nach Goncarov’s Werken übertrifft und der Nachfrage nach
den Werken Turgenev’s beinahe entspricht. Es geht aber schon das
vierte Jahrzehnt seit seinem Tode zur Neige. Neuere Ausgaben —
außer einem Nachdruck der letzten Ausgabe (Litotd&l Narkomprösa 1918)
sind nicht erschienen; sogar die Jubiläumsausgabe von heute ist nur
als eine abgekürzte, nicht als Gesamtausgabe gedacht, — wahrscheinlich,
in Voraussicht des Mißerfolges, den eine neuere Gesamtausgabe haben
könnte. Es gibt bisher keine allseitige Monographie, worin das Schaffen
Saltykov’s in vollem Umfange behandelt würde. Das Buch ARSENJEV’S
(SP. 1906) besteht aus einzelnen Aufsätzen, welche die Zwecke der
Kritik, nicht der Forschung verfolgen. Die schon 1904 von KRANICH-
FELD unternommene Arbeit ist leider unbeendet geblieben. Die Bro-
schüren N. M£NnDELSon’s (M. E. Saltykov. Lgr. 1925. 83 8.) und
A. GIZETTYs („Satirik-grazdanin* 1923. 64 S.) sind als populäre Skizzen
befriedigend; sie erheben aber keinen Anspruch auf eine wissenschaft-
liche Bedeutung. Die kleinen Artikel N. JAKOVLEV’s (in Zvezda 1924
Nr. 3 und in „Bor'ba klässov* 1924 Nr. 1), die die Bekanntschaft des
Verfassers mit den Handschriften Saltykov’s offenbaren, sind, trotz ihrer
Kürze, von höherem Wert. Sonst enthält die Fachliteratur ausschließ-
lich Aufsätze, die Einzelfragen erörtern. Auch das einzige Buch, das
im Zusammenhang mit dem Jubiläum (1826--1926) erschien, ist einer
solehen Einzelfrage und zwar den Zensurverhältnissen Saltykov’s ge-
widmet (V. JEVGENJEV-MAKSIMov. V tiskäch reäkcii. Gosizdat. 1926.
136 S.).
Es sind feste Grundlagen dazu vorhanden. Der Tod Saltykov’s
ist mit der Periode der Dämmerung des Naturalismus zusammengefallen.
Der Symbolismus entstand in einem ganz anderen Milieu, in Begleitung
einer ganz anderen Weltanschauung und anderer literarischer Geschmacks-
richtungen. Die literarischen Zeitgenossen kehrten Saltykov den Rücken
und zwar nicht ihm allein: Gleb Uspenskij, ein großer Meister der Wort-
kunst — hat ein ähnliches Schicksal erlitten, nebst den Schriftstellern von
geringerer Meisterkraft, die aber, wegen ihrer Eigenart, auf ein längeres
Gedächtnis Anspruch haben könnten (Pisemskij, Levitov, ChvöStinskaja).
Die Zeitgenossen reichten, indem sie den Vätern den Rücken kehrten,
wie es oft geschieht, den Großvätern die Hand, indem sie T’ut&ev und
Baratynskij zu neuem Leben erweckten, Fet rehabilitierten, Puskin
und Gogol’ (und aus der Reihe der „Väter“ — Dostojevskij und Leo
Tolstoj) in neuer Weise auslegten.
Saltykov-Stedrin fand sich „jenseits der Barrikade“ ein. Es wurde
in seiner Dichtung eine literarische Parteilichkeit mit allem Nachdruck
ausgesprochen, durch die er sich an ein bestimmtes Dichter- und Leser-
milieu anschloß. „Außerhalb von Raum und Zeit“ konnte Saltykov
schwerlich aufgefaßt werden, obgleich die Symbolisten in dessen Gro-
12#
180 V. Hıppıvs
tesken ebenso viele verwandte Elemente hätten ergreifen können wie
in der Dichtung Gogol’s.. Anderseits wurde Saltyiov von dem ihm
verwandten Lesermilieu nicht immer als Künstler angesehen. Der Leser
von 1889—1905 fühlte sich zu den Werken Saltykov’s durch die bloße
Tatsache einer Reaktion gegen die sozialen (zum Teil noch lebendigen)
Erscheinungen herangezogen. Der Eindruck war stark; die Mittel,
durch die er entstanden war, wurden von den Lesern außer acht ge-
lassen. Deswegen ist die Dichtung Saltykov’s aus der Literaturper-
spektive durchaus herausgefallen. Deswegen sind weniger die Ergebnisse
als die Probleme der Saltykov-Forschung zu behandeln.
Der erste Schritt in der Erforschung der Tätigkeit eines Dichters
ist das Studium seines Textes und zwar: 1. die Feststellung des Textes
seiner allbekannten Werke. 2. die Ergänzung der Sammlung seiner
Werke durch Werke, die zu seinen Lebzeiten erschienen, aber in den
späteren Ausgaben nicht abgedruckt wurden. 3. das Studium der
Varianten mittels einer Vergleichung des definitiven Textes mit dem
zuerst gedruckten Text (gewöhnlich in Zeitschriften) und mit dem Text
. der zu Lebzeiten des Dichters erschienenen Ausgaben. 4. das Studium
der anonymen Werke des Dichters oder derjenigen Werke, die mit
einem noch unbekannten Pseudonym unterzeichnet sind, — mit dem
Zweck die Autorschaft festzustellen. 5. die Erforschung der Hand-
schriften, um das noch nicht Gedruckte zu veröffentlichen und auch die
handschriftlichen Lesarten zu studieren. Nach diesen Abschnitten wird
hier die Geschichte des Textstudiums Saltykov’s dargestellt.
1. Die Feststellung des definitiven Textes Saltykov’s
ist nur vor kurzem, in der vom Gosizdat unternommenen Ausgabe be-
gonnen. Es sind bisher erschienen: a) ausgewählte Fragmente aus den
Werken Saltykov’s in einem Bande. b) der erste Band einer „Samm-
lung der Werke“, die auf sechs Bände berechnet wird und ca. die
Hälfte der Werke, die bis jetzt in den sogen. Gesamtausgaben vorliegen,
enthalten soll. Der erste Band enthält „Gubernskije oderki“ und „Istö-
rija odnogö göroda“t). Die beiden Bücher sind von K. CHALABAJEV
und 8. EICHENBAUM (Leningrad) herausgegeben ; die Einleitung und
der wertvolle Kommentar sind von IvAnov-RAZUMNIK abgefaßt. Diese
Ausgabe bietet ohne Zweifel einen merkbaren Fortschritt. Zugrunde
gelegt sind die letzten bei Lebzeiten Saltykov’s erschienenen Ausgaben ;
in zweifelhaften Fällen ist der Text nach dem zuerst gedruckten Texte
verbessert. Diese Editionsgrundsätze, ebenso wie die einzelnen Beispiele,
die in die Augen fallen, gestatten uns zu hoffen, daß die neuere Aus-
gabe diejenige von 1889—90 in bezug auf den Text übertreffen dürfte.
Was die übrigen Ausgaben betrifft, so gilt hier die richtige Bemerkung
1) In der letzten Zeit sind die Bände II, III u. V erschienen. In
Moskau sind gleichzeitig die „Märchen“ Saltykov’s v. L. Großmann und
„Istörija odnogö göroda“ von Vladimir Hippius herausgegeben (Gosiz-
dat 1926).
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung 181
Ivanov-RAZUMNIK’s (G. I 504), daß alle diese sich von der Ausgabe
1889—90 nur durch die Willkür in der Teilung der Werke in Bände
und durch die Verballhornung des Textes unterscheiden. Der Wert
der Ausgabe wird durch die eingehenden Anmerkungen erhöht. Es ist
zu bedauern, daß nicht eine Gesamt-, sondern nur eine verkürzte Aus-
gabe mit solchen glücklichen Mitteln ausgeführt wird; sofern man sich
mit dem Grundsatz der Auswahl aussöhnen könnte, ist das schwere
Problem der Auswahl mit Erfolg gelöst.
2. Eine echte Gesamt-Ausgabe der Saltykov-Werke fehlt bisher.
Die sogen. Gesamt-Ausgaben enthielten nicht alle bei Lebzeiten Saltykov’s
veröffentlichten Werke. Die Werke Saltykov’s, die von ihm verworfen
waren, blieben den späteren Lesern unzugänglich. Zweifellos müssen
diese in eine wirkliche „Gesamt-Ausgabe“ eingeschlossen werden. Es
werden hier nur die Kunstwerke dieser Kategorie aufgezählt: 1. Zenich
(Der Bräutigam). Sovremennik 1857 Nr. 10. 2. Dva otryvka iz knigi
ob umiräjuscich (zwei Fragmente aus dem Buch über die Sterbenden).
Rus. Vestnik 1858. März B. 2. 3. JäSenka. — Sbörnik päm’ati Smir-
dina, VI. 1859. 4. Ispör&ennyje deti (Die verdorbenen Kinder). O.Z.
1869 Nr. 9. 5. V bol’nice dla umaliSönnych (Im Irrenhause). O.Z.
1873 Nr. 2—4.
Dazu gehört auch eine Reihe von Aufsätzen, unter denen die
hervorragendsten „Tak nazyväajemoje Ne£@äjevskoje delo* (0.2. 1871
Nr. 9) und „Pervaja peredviznäja vystavka v Peterbürge“ — 0.Z. 1871
Nr. 12 sind.
‚ Die erwähnten Werke werfen neues Licht auf das Schaffen Saltykov’s.
„Zenich“, der sich an den Krutogorsk-Zyklus (Gubernskije öterki) an-
schließt, unterscheidet sich von dem Grundtone dieses Zyklus durch
eine groteske Figur des Försters Machörkin von der Art Gogol’s und
seiner Schule, — auch durch Elemente der Phantastik im Stoffe, die
den künftigen Stedrin verraten. „Kniga ob umiräjustich* blieb un-
beendet; die dazu gehörigen Fragmente enthalten u. a. einige Zeilen,
die für die Evolution der Weltanschauung Saltykov’s beachtenswert
sind. Die Novelle „Jä$enka“ schließt sich ebenfalls an Gogol’ an (Spön’ka
und Zenit'ba); man könnte dieselbe auch mit dem späteren Plane der
Golovl’övo-Chronik zusammenbringen. Von höchstem Wert ist „Ispör-
dennyje deti“ (handschriftlich „Deti-literätory“), wo in Form von Kinder-
aufsätzen eine Satire gegeben wird, welche einerseits die „Geschichte
einer Stadt“, anderseits die „Märchen“ Saltykov’s vorbereitet. Eigentlich
findet sich hier das erste Tiermärchen Saltykov’s (von einem patriotisch
gesinnten Maulwurf). In dem Fragment „V bolnice dla umaliSönnych*
(Fortsetzung der Satire „Dnevnik provinciäla v Peterbürge“) muß der
Plan selbst, die soziale Satire auf das Motiv des Wahnsinns zu gründen,
berücksichtigt werden (vgl. Nachklänge des Don Quichotte in der russi-
schen Spätromantik — Gögol’, V. Odöjevskij, Herzen).
3. Das Studium der Varianten des gedruckten Textes
(dem allgemeinen Zustand der Saltykov-Forschung gemäß) konnte sich
182 V. Hıprıus
natürlich nicht entwiekeln. Die Ausgaben der Werke Saltykov’s suchten
nicht Textprobleme zu lösen. Varianten wurden zuerst von dem Kom-
mentator der neuesten Ausgabe Ivänov-Razumnik benutzt; leider ist
nur der Kommentar zu vier Büchern erschienen und zwar in einem
sehr gedrängten Umfange, wo die große selbständige Arbeit des Kom-
mentators sich nur teilweise offenbaren konnte. In den- Anmerkungen
zu Gubörnskije Öderki werden z. B. folgende Varianten angeführt:
a) die Ergänzungen zum Zeitschriften-Text aus den späteren Ausgaben
(nach der Vermutung Ivanov-Razumnik’s wurden solche Stellen infolge
eines Zensurverbotes ausgeschlossen; es bleibt aber unbewiesen, daß
hier gerade Ausschließungen und nicht spätere Zusätze vorhanden sind,
auch daß im ersten Falle keine anderen Anlässe zum Ausschluß vor-
lagen); b) die Abkürzungen der separaten Ausgaben im Vergleich mit
dem Zeitschriftentext (die Erklärungen derselben sind z. T. ebenfalls
anfechtbar: der Kommentator möchte z. B. die Auslassung einer senti-
mentalen Stelle in „Skuka“ durch deren autobiographischen Charakter
erklären, ohne den Versuch, die Folgen der Kunstevolution Saltykov’s
zu berücksichtigen. Am meisten interessant sind die Varianten der
„Istörija odnogö göroda“, da der Plan im Prozeß des Schaffens wesent-
liche Veränderungen erlitten hat; das Wichtigste ist die Einführung
einer neuen Person — Ugr'um-Burtejev’s, auf den einige Eigenschaften
des ursprünglichen Perechvät-Zalichvätskij übergingen. Es werden auch
Auszüge aus dem ursprünglichen Text des letzten Kapitels angeführt,
worin sich einige Andeutungen auf den Dezember-Aufstand von 1825
finden. Der Plan der Ausgabe gestattete leider keine ferneren Exkurse
ins Gebiet des Textes, obwohl dessen geringere Abweichungen zuweilen
von Interesse sind. In den Anmerkungen zu den „Ausgewählten Frag-
menten“ führt Ivanov-Razumnik noch eine verworfene Stelle aus dem
Zyklus „Krüglyj god“ an, die in der Polemik mit Dostojevskij ent-
standen ist!).
Außerdem ist der Text derjenigen Werke, welche die von der
Zensur erzwungenen Veränderungen erlitten, besonders beachtensweri.
Dazu gehören: a) T’azölyj god, zuerst in 0.2. 1874 Nr. 5 erschienen,
in einer Nummer, die, laut Zensurverordnung, verbrannt, später mit
einigen Veränderungen in „Növoje Vr&m’a“ 1876 (Nr. 112—114) ab-
gedruckt wurde. Darüber handeltJevgenjev-Maksimov’s,V tiskäch reäkeii“,
wo die wichtigsten der von der Zensur verballhornten Stellen angeführt
sind. Jedoch auch die geringeren Lesarten sind von Wert. Den Heraus-
gebern der Werke Saltykov’s ist, allerdings der frühere Text unbekannt
geblieben, insofern er in der separaten Ausgabe der „Blagonamerennyje
re&i“ nicht wieder hergestellt worden war. Auf die Weise wird z. B.
bisher „opälnyje“ (in Ungnade gefallene) statt „ssyl’nyje“ (Verbannte)
gedruckt; der Satz ‚za veru, car’& i ot&cestvo“ wird aus der Rede des
1) Vgl. den Artikel IvAnov-RAzumnık’s „Neizvöstnyje straniey
Saltyköva in Bylöje 1926 Nr. i.
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung 183
Gouverneurs ausgeschlossen usw. Den Text der „Növoje Vr&m’a“ berück-
sichtigte zuerst der Unterzeichnete in Bylöje 1925 Nr. 6.
b) „Cuzuju bedu rukämi razvedu* — eine Novelle, die für O.Z.
1877 Nr. 2 bestimmt war und eine Erwiderung auf Turgönevs Nov’
bietet. Die von der Zensur verbotene Novelle wurde später in zwei
Teile geteilt: 1. Dvor’änskije melödii O0.Z. 1877 Nr. 11 und 2. Cuk6j
tolk O0.Z. 1880 Nr. 12. Darüber — in dem oben erwähnten Artikel
N. Jäkovlev’s (Zvezda 1924 Nr. 3), und in dessen ausführlichem Kom-
mentar zu den „Briefen“ Saltykov’s (Gosizdät 1925). Vollständig wurde
die Novelle in Genf von Elpidin herausgegeben (1880) und bleibt in
Rußland, als ein Ganzes, bisher unbekannt; indes sind einige Lesarten
auch der Genfer Ausgabe beachtenswert.
4. Der anonyme und mit den unbekannten Pseudonymen unter-
zeichnete Nachlaß Saltykov’s. Dazu gehören:
a) die seit den Hinweisen Arsenjev’s unerforschten Besprechungen
Saltykov’s in O.Z. und Sk. 1847—1848;
b) die anonymen Besprechungen der Bücher in Sk. 1863—64, von
denen der größte Teil in dem bekannten Buch Pypins (1899) nach-
gewiesen ist. Seitdem sind einige Ergänzungen dazu von V. JEVGENJEV-
MAKSIMOV geboten worden, auf Grund des von ihm erforschten Kassen-
buches der Redaktion des Sovremännik; darüber in seinen Artikeln
(Narödnoje Slövo 1917 Nr. 65—67 und Stranä 1918 Nr. 31) und im
op. eit. (Bibliographie).
c) Aufsätze und Besprechungen in O.Z. seit 1868. Das Problem
der Autorschaft Saltykov’s bei diesen Schriften bedarf einer eingehenden
Erforschung; leider geben die Handschriften Saltykov’s (aus der Samm-
lung des Puüskinskij dom) keinen Anhalt dazu. Einige Hinweise der
im Manuskript gebliebenen und unlängst herausgegebenen Briefe gaben
dem Herausgeber derselben, N. Jäkovlev, den Anlaß, die Autorschaft
Saltykov’s in bezug auf folgende Rezensionen festzustellen: 1, über
„Növyje so@inenija“ von G. Danilevskij O. Z. 1868 Nr. 8; 2. über „Zertva
ve@srn aja“ von Boborykin (der Artikel ist „Novätory osöbogo röda*
betitelt) ibid. Nr. 11; 3. über die „Pövesti“ von Lesköv — ibid. 1869
Nr. 7.
In diesen Zusammenhang gehört auch der Aufsatz „Popytki kon-
kurirovat s Amerikoj* 0.2. 1881 Nr. 6.
In den übrigen Fällen könnte man die Autorschaft nur auf Grund
des Inhalts und des Stiles der Besprechungen feststellen. Freilich, ist
diese Bahn schlüpfrig, jedoch unterliegen gewisse Tatsachen dieser
Kategorie, wie es scheint, keinem Zweifel. Eine solche sicher von
Saltykov verfaßte Rezension (über die „Pövesti“ von Leikin) hat schon
Ivänov-Razumnik angeführt (Bylöje 1926 Nr.1 und G. 1. 627 u. f.): die
Autorschaft ist unbestreitbar schon darum, weil gewisse Stellen der gleich-
zeitigen (aber erst in den Jahren 1889—1914 veröffentlichten) Polemik
mit A. Suvörin darin textuell wiederholt werden. Ich gestatte mir auf
Grund eigener Studien noch eine Reihe von Besprechungen Saltykov’s
184 V. Hıprpivs
zu nennen, dessen Autorschaft durch den thematischen und stilistischen
Zusammenhang mit seinen allbekannten Werken bewiesen werden könnte.
Außerdem bleibt noch eine große Zahl von Besprechungen in der Kategorie
der „dubia*. Die 21, die ich mit Sicherheit der Feder Saltykov’s zu-
schreibe, werden hier aufgezählt: 1. über den Roman von V. Avenarius
„Brod’s$&ije sily‘ 0.2.1868 Nr. 3—4. 2. über das Buch von D.D. Minäjev
V sümerkach“ — ibid. 1868 Nr. 5—6 (besonders sind die Ansichten
über die Geschichte der Satire in Rußland und über die Bedeutung
der sozialen Satire wichtig). 3. über den Roman Melnikov's „Kn ainä
Tarakänova® — ibid. Nr. 6. 4. über die Komödie Üern ävskijs „Graz-
dänskij brak“ — ibid. Nr. 8. 5. über den Roman Scheller-Michäjlov's
„Zasor önnyje dorögi* — ibid. Nr. 9—10. 6. über die „Smesnyje pesni*
A. Ivolgins — ibid. 7. über das Buch v. Jules Moureau „Zadel naja
pläta i kooperativnyje associäcii* (wichtig sind hier die Ansichten über
die Arbeiterfrage) — ibid. 8. über den Roman Lah&lnikov's „Vnütka
päneyrnogo bojärina* — ibid. Nr. 12. 9. über die „Provineiälnyje vo-
spominänija* Selivanovs — ibid. 10. über den Roman Avdejev’s „Medu
dvuch ognej* 0.2.1869 Nr.1. 11. über die Kömödie J. Mann’s „Go-
voruny* — ibid. Nr. 2. 12. über die Gedichte N. Petröv’s — ibid.
Nr. 8. 13. über die Zapiski o sovremennych voprösach Rossii* G. Pa-
läologs — ibid. Nr. 9. 14.—15. über die Werke Polönskijs — 0.2.
1869 Nr. 9 u. 1871 Nr. 2. 16. über den Roman AchSarumov’s „Man-
darin‘ 0.2.1871 Nr.2. 17. über A. Klevänov’s „Putevyje zametki“
— ibid. 18. über Kinderbücher von Belöv und Borozdins — ibid.
19. über den Roman Vitn’aköv’s „Rüsskije demokräty‘ — ibid. Nr. 4.
20. über „Lesnäja gluS“ S. Maksimov’s — ibid. Nr. 12. 21. über den
Roman Avsejenko’s „Na rasputii* — ibid.
Es ist auch notwendig, die Autorschaft Saltykov’s bei dem größeren
Aufsatz „Nasusönyje potrebnosti literatüry“ (0.Z. 1869 Nr. 10) zu ver-
muten, weil die darin ausgesprochenen Gedanken, sowie der Stil des
Aufsatzes sich an analoge Äußerungen Saltykov’s anschließen. An
späteren Bücherbesprechungen (die Abteilung „Növyje knigi* wurde in
0.Z. nur im Jahre 1877 erneuert) könnte man der Feder Saltykov’s
folgende zuschreiben: 1. über „Putesestyija i rasskäzy“ von TiSänskij —
0.2.1878 Nr. 4. 2. über das Po&m Cäjev’s „Näd’a* — ibid.
d) Die von Saltykov in anderen Zeitschriften abgedruckten Werke.
Das interessanteste Problem dieser Kategorie ist das Problem der Mit-
arbeit Saltykov’s an der „Iskra* (1859 —1873), dem Zentralorgan der
damaligen „entlarvenden Literatur“ („oblititel'naja literatura“). Der Name
Saltykov’s wurde im Mitarbeiter-Verzeichnis der Iskra erwähnt, aber
der Grad dieser Mitarbeit und die dazu gehörigen Tatsachen blieben
bisher unbekannt (vgl. z.B. M. Lemke, Oßerki po istörii russkoj cen-
züury i 2Zurnalistiki, P. 1904 $. 44). Dem Unterzeichneten gelang es
im vorigen Jahre, zwei Artikel der Iskra zu finden, welche seiner Über-
zeugung nach ohne Zweifel der Feder Saltykov’s angehören. Der eine
unter dem Titel „Charäktery. Podrakänije Labruy®re’ u“ ist in Iskra
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung 185
1860 Nr. 25 u. 27 abgedruckt und „Stydlivyj bibliögraf“ unterzeichnet.
Dieses Pseudonym ist schon früher im Pseudonymenlexikon Kärcev’s
und Mazäjev's als das Pseudonym Saltykov’s enthüllt worden; außer-
dem fallen viele Ausdrücke darin mit denen der Briefe Saltykov's
textuell zusammen. Die Satire ist gegen den „Ruüsskij Vestnik“ ge-
richtet; es werden darin verschiedene Freignisse des damaligen journa-
listischen Lebens verspottet. Der zweite unter dem Titel „Pochvalä
legkomysliju“ (Lob des Leichtsinns) mit „Postorönnij nabl’udätel’* ge-
zeichnet, wurde in Iskra 1870 abgedruckt. Die einzelnen Elemente
dieser Satire spiegeln sich im späteren Schaffen Saltykov’s wieder.
(Itögi, Dnevnik provinciäla v Peterbürge, Sovremennaja Idillija u. a.).
Der Grund, Saltykov’s Autorschaft zu vermuten, liegt in den Stoff-
und Stilparallelen, zuweilen auch Textparallelen mit den anderen Werken
Saltykov's. Am beachtenswertesten ist das darin eingeschobene Projekt
einer Konstitution für die Leibeigenen („Sel'skaja rädost dl’a krestjän
selä Gnüsikova s derevn’ämi“), deren Einzelheiten in „Ustäv sojuza
penkosnimätelej* (Dnevnik provinciäla) und in „Ustäv o blagopristöj-
nom... povedenii“ (Sovr. Idillija) variiert werden. Die Eigenart des
Saltykov’schen Stiles offenbart sich in jedem der „Konstitutionspunkte*,
z. B.: „Beaknä umeer npaBo CO0o6MAaTb, UEbACHATb, NepeNaBaTb HA YXO,
HAM WHbIM O6Pa30M M3JATATb CBONW MEICHH, C TEM ONHAKO)K, YTOÖB
cHe MENANOCB C OCTOPO3kHOCTBP“ .... Leider sind die beiden neu auf-
gefundenen Satiren bisher nicht nachgedruckt.
5. Mit dem Studium des handschriftlichen Nachlasses
Saltykov’s wurde sofort nach seinem Tode begonnen (die Novelle Brusin),
es bleibt aber bis heute unabgeschlossen. Die Marks’sche Ausgabe (1905)
enthielt u. a. drei neue Märchen, die von der Zensur verboten wurden
und nur im Ausland (Genf) erscheinen konnten (Oröl mecenät, Medved'
na vojevödstve, V’älenaja vöbla). Ebendaselbst erschien der dritte (eben-
falls verbotene) Brief aus der Serie „Pisima k t'ötenke* (Briefe an die
Tante); leider schloß der Herausgeber (K. Arsenjev) diesen Brief wie
auch die spätere Bearbeitung desselben in den Grundtext ein, was eine
Verwirrung hervorrief. Im Jahre 1908 erschien in „Minuvsije gödy*
ein Artikel Saltykov’s „Gg. Semejstvu M. M. Dostojevskogo, izdajüstemu
zurnäl Epöcha“: dieser war gegen F. Dostojevskij gerichtet und sein
Abdruck wurde seinerzeit (1864) verhindert. Im J. 1910 erschienen
in der Niva zwei unbekannte Satiren der 60er Jahre — „Glüpovskoje
raspütstvo“ (Nr. 9) und „Kapluny“ (Nr. 13), die für den Sovremennik
bestimmt waren. Im J. 1911 erschien in Vestnik Jevröpy Nr. 3—4
die unbeendete Novelle „Tichoje pristäniSte‘, die ungefähr mit dem
Jahre 1862 datiert werden kann. Die folgenden Veröffentlichungen
erschienen aus Anlaß des 25. Todestages von Saltykov (1914): a) das
unbeendete Drama „Teni“, herausgegeben von Ivänov-Razumnik (Zavety
Nr. 4; die Datierung des Herausgebers — 1862—63). b) „Blagona-
merennaja pövest “ — eine Parodie auf „Anna Karenina“ (Vestn. Jevr.
Nr. 5). c) Bruchstücke aus „Gospodä TaSkentey* hgb. von M. Lemke
186 V. Hıppıus
(ibid.); gleichzeitig dieselben, hgb. von V. Kranichfeld — in „Gölos
minüvsego“ Nr. 5. d) Varianten der „Gospodä Golovlövy* (hgb. von
Kranichfeld) — in Russkoje Bogätstvo Nr. 4. e) Varianten der „Istörija
odnogö göroda“ (hgb. von demselben) — Sovr. Mir. Nr. 4. f) Vari-
anten der „Gubernskije öderki“ in Sölnce Rossii Nr. 219 (leider fälschlich
von dem Herausgeber V. Kranichfeld als Saltykov’s Tagebuchblätter
aufgefaßt) und in Ruüsskije Vedomosti Nr. 97. g) das Bruchstück eines
unbekannten Werkes (Anfang: „Tax 3T0 Baıe pemmmTenbHoe HaMepenne“...)
— ibid. h) „Predcuvstvija, gadänija, pömysly i zaböty sovremennogo
teloveka“ in Niva Nr. 171). Seit 1914 veröffentlichte A. GRUZINSKIJ
das Märchen „Bogatyr‘* (Kräsnyj Archiv 1922 Nr. 3), ein bedeutsames
Werk, dessen Stoff (verkürzt) vorher in den Memoiren des Dr. Belogo-
lövyj erwähnt worden war (der volkstümliche Glaube an einen Riesen,
der in einer Baumhöhlung schläft und dessen Körper inzwischen von
Schlangen verzehrt wird). Die übrigen Veröffentlichungen der letzten
Jahre stammen von N. V. JAKOVLEV, der die im „Puskinskij Dom“
aufbewahrten Handschriften Saltykov’s mit Erfolg studiert. Als Resultat
dieser Studien erschien eine umfangreiche Sammlung der Briefe Salty-
kov’s (Gosizdat 1925 S. VIII+ 329 +38) mit Einleitung und ausführ-
lichen Anmerkungen versehen. Darüber eine Besprechung des Unter-
zeichneten in Bylöje 1925 Nr. 6, worin die Mängel des Kommentars
angeführt werden, zugleich aber auch die positive Bedeutung der
Herausgabe hervorgehoben wird. U.a. enthält das Buch ein umständ-
liches Verzeichnis der früher veröffentlichten Briefe Saltykov’s: es wäre
zu wünschen, daß eine Gesamt-Ausgabe derselben veranstaltet würde.
Außerdem veröffentlichte N. JAKOVLEV neue Varianten aus dem
Zyklus „Gospodi Mol&äliny* („Petrograd“ 1923 Nr. 5)2); separate Briefe
und dazu unlängst einen sehr wertvollen Artikel Saltykov’s „Glüpov i
glüpovey* (Kräsnaja Nov’ 1926 Nr.5) aus dem „Glupovzyklus* der
„Satiry v pröze“. Die Satire wird mit dem Jahre 1862 datiert; es
werden darin die „Sidory&i* (Adelige) den „Ivänuski“ (Bauern) gegen-
übergestellt, und die ersteren scharf verspottet. Der „PüSkinskij Dom“
hat ein umfangreiches, bisher unbekanntes Material aus dem Nachlaß
Saltykov’s zum Drucke vorbereitet. Daraus sind von dem Unterzeich-
neten einige Manuskriptseiten Saltykov’s erörtert: a) die Varianten der
„Skäzka o retivom naläl’nike“; diese enthalten u. a. ein bemerkenswertes
Spottprogramm der „Lumpen“ (merzävcy), unter denen wahrscheinlich
die Spitzel der sogen. „Sv’aSöennaja Druzina“ verstanden werden. b) die
ursprüngliche Fortsetzung des von der Zensur verbotenen „Briefes an
die Tante“. c) ein „nachträglicher Brief an die Tante“, worin die Rolle
der Literatur behandelt wird.
1) Die Nr. c u.h sind vollständiger von N. JAKOVLEV in Zvezdä
1926 Nr. 1 u. 2 herausgegeben.
2) Vollständiger im Sammelwerk „Jazyk i literatüra“ Nr. 1 (Lenin-
grad 1926).
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung 187
Die Werke Saltykov’s, eines Schriftstellers, der oft in der ersten
Person sprach und seine persönlichen Erinnerungen als Kunststoff willig
benutzte, haben mehrmals dazu gereizt, seine menschliche und dichte-
riche Persönlichkeit zu verwechseln. Eine solche Verwechslung war
für das Studium der Biographie und des Schaffens Saltykov’s in
gleicherweise von nachteiligen Folgen: die Biographie wurde mit dem
Zitieren der Kunstwerke vertauscht, während das Studium des Schaffens
sich zuweilen auf die Feststellung des autobiographischen Charakters
desselben beschränkte (obgleich schon OLMINSKIJ im J. 1906 in seinem
Aufsatze „Socialist-utopist v ocenke sovremennikov* Obrazovänije 1906
Nr. 12 — vor einer solchen Verwechslung gewarnt hat. Die Probleme
der biographischen und soziologischen Studien Saltykov’s müssen ge-
nauer angedeutet und zwar müssen folgende spezielle Aufgaben unter-
schieden werden: 1. das Studium seines Lebens, 2. das Studium des
sozialen Standpunkts Saltykov’s als Publizisten und Künstlers, 3. der
soziale Umfang seines Schaffens. Das letztere Problem ist mit dem
Problem der Kompositionsanalyse der Werke Saltykov’s aufs engste
verbunden.
Die Biographie Saltykov’s ist noch nicht genügend erforscht. In
den Abrissen ARSENJEV's und KRIVENKo’s (die letzte Ausgabe von
1915) wird die Memoiren- und Briefliteratur, die wir jetzt besitzen,
nicht erschöpft (ein unvollständiges Verzeichnis dieser bei VLADISLAVLEV
„Rüsskije pisäteli* 4. Aufl. 1924). Umfangreicher geplant ist die Arbeit
KRANICHFELD’s, deren erste Kapitel (Mir Bözij 1904) eine Biographie
boten. Diese Arbeit blieb unbeendet; die Biographie Saltykov’s wurde
darin nur bis zum Jahre 1865 geführt. In den späteren Arbeiten ließ
der Autor die biographischen Probleme beiseite. Das Leben Saltykov’s
einer näheren Erforschung zu unterziehen, versuchte niemand; sogar
in seiner äußeren Biographie gibt es Lücken: so z. B. kennen wir so
gut wie gar nicht die Tver- und Penza-Periode seines Lebens (vgl.
indes P. NıkıSın’s kleinen Artikel in „Prävda* vom 29.1. 26). Die
wichtigsten Ereignisse seines Lebens bleiben ebenfalls unaufgehellt.
Das Problem der sozial-politischen Weltanschauung Saltykov’s und
seines sozialen Standpunkts — ist noch vollständig ungelöst. Am
meisten ist die Ansicht verbreitet, nach der sich in der menschlichen
und literarischen Persönlichkeit Saltykov’s eine Neigung nicht zum
Adel, dem er seiner Geburt nach angehörte, sondern zum Milieu der
nicht-adeligen Intelligenz (raznotinnaja intelligencija) mit einem „volks-
freundlichen“ Anstrich (narödnitestvo) zeigt. Schon ANNENKOV hat
sich 1863 über die „Abneigung vor den Sitten, in denen Söedrin selbst
aufwuchs“, geäußert (SPB. V&domosti und die „Erinnerungen“...
Annenkov’s Bd. II). Im J. 1878 suchte der Kritiker derselben Zeitung
nachzuweisen, daß die „Apathie‘ Saltykov’s (in seinem Werk „Dvor'än-
skaja chandrä“), keine ‚„adelige Apathie“ sei. Von PROTOPOPOV wurde
Saltykov im J. 1883 mit den „gebildeten Proletariern“ zusammen-
gestellt. Dieser Gesichtspunkt bekommt in folgender Formulierung
188 V. Hıprıus
V. KRANICHFELD’s seinen definitiven Ausdruck: „Saltykov ist ein
Adliger seiner Herkunft nach, von Grund aus aber war er Nichtadlig“
(Pämatnik rossijskomu dvor’‘änstvu v satirach S@edrina. Kap. 8. Mir
Bo2ij 1906); „blieb einer geheimen Neigung zum Adel fern“ (Bur-
Zuazija v proizvedenijach Stedrins, Minüvsije gody 1908). Indessen
wurde die Annäherung Saltykov's an die „Nichtadeligen“ (raznocincy)
und das Fehlen einer besonderen „Neigung zum Adel“ angefochten —
freilich, waren die Einwürfe dieser Art nicht zahlreich (am schärfsten
— in den Erinnerungen von E. Zukövskaja — Ist. Vestnik 1915 Nr. 3,
wo aber ausschließlich die menschliche Persönlichkeit Saltykov’s be-
rücksichtigt wird). Freilich, sollen die Studien dieser menschlichen
Persönlichkeit sich auf die vom literarischen Schaffen unabhängigen
Tatsachen stützen; trotzdem haben wir auch hier keinen Grund
Saltykov eine Neigung zum Adel (wenn auch nur zum fortschritt-
lichsten) zuzuschreiben; davon zeugt z. B. seine (von Kranichfeld be-
merkte) „gar nicht adelige Arbeitsfähigkeit“; dasselbe wird durch die
journalistischen Verhältnisse Saltykov’s bestätigt und zwar durch das
ziemlich gespannte Verhältnis, in dem er zum liberalen V&stnik Jevröpy
stand — (darüber in einer neueren Arbeit V. JEVTGENJEV-MAKSIMOV’s
„Iz Zurnäl’noj dejatelnosti Saltyköva-Stedrinä“. Pelat' i revol’ucija 1926
Nr. 1). 2
Bei Untersuchung des Problems der sozialen Einstellung Sdedrin’s
als Schriftstellers kann und muß man die Nuancen seiner „Volks-
freundschaft“, ebenso wie die Evolution derselben verfolgen. Saltykov
ist allerdings ein „Narödnik* sui generis gewesen. Vgl. z. B. seine
Ansichten über die Bauerngemeinde, die Kranichfeld den Anlaß gegeben
hat, in ihm einen Bundesgenossen des Marxismus zu vermuten (es
sind u. a. vor kurzem K. Marx’s eigene Anmerkungen beim Lesen der
Schriften Saltykov’s veröffentlicht — s. den Aufsatz GINZBURG’s —
„Ruüsskaja biblioteka Märksa i Engelsa*; darüber ein Artikel J. KUBI-
Kov’s in Knigonösa 1926 Nr. 3—4). Unter den Einzelfragen dieser
Art muß vor allem eine Vergleichung des Ideengehalts der Satire
Saltykov’s mit den Ideen ÖernySevskij’s und mit den späteren Ideen
Michailövskij’s hervorgehoben werden. Eine solche Vergleichung muß
die Ansicht des Dr. BELOGOLOVYJ (über den Einfluß Cernysevskij’s
auf Saltykov), sowie die Vermutung Ivanov-RAZUMNIK’s über den
Einfluß ‘Michailövskij’s auf denselben durch eine eingehende tatsächliche
Erforschung revidieren. Man könnte voraussetzen, daß die Ergebnisse
einer solchen Revision die Ansichten des P. SAKULIN’s bestätigen
würden, nach denen Saltykov sich der „realistischen Volksfreundschaft“
CernySevskij’s näherte und in keinem vollen Einvernehmen mit dem
späteren „volksfreundlichen Sozialismus* stand („Sociologiteskaja satira“.
Vestnik vospitänija 1914 Nr. 4). Es soll noch bemerkt werden, daß
das Studium der sozialen Einstellung Saltykov’s auf ein umfangreicheres
Material sich stützen sollte, als es bisher üblich gewesen ist. Die
12bändige Sammlung der Werke genügt zu diesem Zwecke nicht.
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung 189
Vieles könnte man aus den vergessenen und unveröffentlichten Schriften
Saltykov’s schöpfen. Es wäre z. B. zweckmäßig, die unbeendete Novelle
„Tichoje pristänisce* zu berücksichtigen, die u. a. traurige Gedanken
über ein „nahes Ende der ursprünglichen Lebensformen“ enthält; auch
könnte man nochmals auf die oben (in der Übersicht der anonymen
Schriften) erwähnte Besprechung des Buches von Jules Moureau hin-
weisen.
Eine selbständige Bedeutung hat das Studium des sozialen Um-
fanges der Werke Saltykov's. Diese Aufgabe würde bei näherer
Betrachtung in den Kreis der eigentlichen literarischen Studien ein-
führen. In diesen Zusammenhang gehört eine Reihe der bemerkens-
werten Arbeiten V. KRANICHFELD’s, obwohl der Verfasser derselben
keine literarischen Probleme (im engeren Sinne des Wortes) zu lösen
suchte. Dieser, leider (infolge seines Todes 1918) unbeendete Zyklus
von Arbeiten, bietet eine mehr oder weniger vollständige Tatsachen-
Sammlung, welche sich auf die soziale Typologie Saltykov’s beziehen,
nebst einem ausführlichen geschichtlichen Kommentar dazu. Es werden
folgende Arbeiten gemeint:
1. Päm’atnik rossijskomu dvor‘änstvu v proizvedenijach Stedrinä
— Mir Böäij 1906 Nr. 10—11. 2. Des’atiletije o srednem teloveke
(Sovremennyj Mir 1907 Nr. 11—12). 3. Burzuazija v proizvedenijach
Stedrinä (MinuvSije Gody 1908 Nr. 1). 4. V plenü u burZuazii. (Zar-
nicy 1909 Nr. 2).
Aus den Hauptteilen dieser Aufsätze und des früher erwähnten
(Mir Bözij 1904) entstand ein gedrängter Abriß desselben Verfassers
— ,„M. Saltykov“ („Geschichte der russischen Literatur“ hgb. von
Ovsäniko-Kulikövskij Bd. IV). Die dem Adel, dem Bürgertum und der
Intelligenz entnommenen Elemente der Typologie Saltykov’s werden
in diesen Aufsätzen gründlich erörtert. Schwächer sind die Bauern-
elemente aufgehellt. Diese Lücke der Saltykov-Forschung wird zum
Teil durch die Beobachtungen MICHAILOVSKIJ’s ergänzt (Schriften,
Bd. V); dazu gehört auch der Aufsatz V. SEMEvSKIW’s „Krepostnöje
prävo i krestjanskaja reförma v proizvedenijach Saltyköva-Stedrinä‘.
Das Problem der Stellung Saltykov's in der literarischen
Perspektive ist bisher fast gar nicht erforscht. Es kann hier, ge-
nau genommen, nicht von Studien, sondern nur von Andeutungen die
Rede sein. Solche Andeutungen wurden z. B. von ARSENJEV, vor
kurzem von Ivanov-RAZUMNIK, gemacht; die Einleitung I. GROSS-
MANN’s zu den „Märchen“ Saltykov’s ist wohl fast der einzige Versuch,
dieselben mit anderen literarischen Tatsachen in Zusammenhang zu
bringen. Sonst beschränkten sich die Verfasser auf Beobachtungen der
Thenen, Typen und Ideen und einen geschichtlichen Kommentar dazu.
Was hat Saltykov von seinen Vorgängern? Was haben von ihm seine
Nachfolger? In welchem Sinne äußert er sich diesbezüglich selbst?
Was bekämpfte er als Dichter? Was suchte er in literarischer Be-
190 V. Hıprıvs
ziehung zu überwinden und zu erreichen? Alle diese Probleme wurden
in der Fachliteratur entweder gar nicht behandelt, oder als gelöst an-
gesehen. Im letzteren Falle wurden die wirklichen Lösungen durch
elementare Schulthesen ersetzt: als „Realist“ schließt sich Saltykov an
die „reale“ Richtung der russischen Literaturbewegung an, besonders
an Gogol’, mit dem er als Humorist spezielle Berührungspunkte hat.
Ausdrücke dieser Art sind schon längst belanglos geworden. Um Sal-
tykov in eine wirkliche literarische Perspektive hineinbringen zu können,
ist die bloße Erwähnung Gogol’s unzureichend; außerdem sollten zu
diesem Zweck die neueren Studien über Gogol’ herangezogen werden
(vgl. eine Andeutung davon in der Broschüre N. Mendelsohn’s S. 77).
Die literarische Persönlichkeit Saltykov’s wird mit Hilfe dieser Ver-
gleichung nur teilweise bestimmt.
Saltykov begann mit Gedichten; nachdem er sich aber in den
meisten Stilarten, die in der Lyrik der 40er Jahre üblich waren, ver-
sucht hatte, wandte er sich von der Gedichtform entschieden ab, daher
auch von allem, was ihm die Schule einprägen konnte. Indem er sich
vom Schulkanon befreite, hoffte er auf eine literarische Offenbarung
in der zeitgenössischen naturalistischen Richtung; so stützte er sich
auf ihre Praxis, sowie auf ihre noch nicht genau festgestellten theo-
retischen Tendenzen in seinem Kampfe gegen die klassisch-romantische
Ästhetik. In diesem Znsammenhange sollte das literarhistorische Schul-
buch von P. Georgijevskij (1836), eines Schullehrers von Saltykov, be-
trachtet werden, daß Saltykov unter dem Spottnamen „Pepino svinstvo*
in seinen Werken erwähnt (Pisma k t’öten’ke, 9. Brief). P. Geörgijevskij
gehörte zu den „Kennern“, welche, nach der spöttischen Äußerung
Gogol’s, sowohl „Bulgärin, als Puskin und Gre& lobten* — d.h. zu
den nicht wählerischen Eklektikern. Für diese Gruppe haben die alt-
klassischen Traditionen ihren Reiz nicht verloren, es wurde aber auch
die neuere Romantik von ihnen geschätzt, soweit sie zum allgemeinen
Gebrauch schon angewandt werden konnte. So erkannte Geörgijevskij
in der Prosa die Vorzüge Marlinskij’s an, während er auf dem Gebiete
der Lyrik Derzavin den ersten Rang einräumte. Geörgijevskij muß
richt nur als Schullehrer Saltykov’s, sondern auch als eine typische
Figur betrachtet werden; es ist nicht verwunderlich, daß Saltykov, in
dem Eklektizismus erzogen, mit dem „Alten“ überhaupt brach, indem
er unter dem „Alten“ den ganzen literarischen Weg von Lomonösov bis
Marlinskij verstand. Gogol’ wurde von Saltykov vornehmlich als Begründer
des Naturalismus, als Schöpfer der typischen Charaktere angesehen.
Von ihm näherstehenden Vorgängern erwähnt Saltykov selbst
Panäjev und Kudr’ävcev, ohne ihren Einfluß auf sich in Abrede zu
stellen. Die Vergleichung der satirischen Sittennovelle Panäjev’s mit
derjenigen Saltykov’s drängt sich von selbst auf; „Zenich“ wurde
schon im J. 1857 mit den Novellen Panäjev’s und Grigorovi’s ver-
glichen ; seitdem aber hat nur Ivanov-Razumnik 1926 die Notwendigkeit
dieser Vergleichung hervorgehoben. Was aber KuDR’AvoRv (Neströjev)
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung 191
betrifft, so erinnerte sich seiner niemand; diesen ehemals wohlbekannten
Schriftsteller hat man leider heute als Novellisten durchaus vergessen,
während seine geschichtlichen Arbeiten noch heute bekannt sind. In-
dessen ist die erste Novelle Saltykov’s (Protivore&ija) in der Art der
psychologischen Novellen Kudr’ävcev’s komponiert.
Nach dem Erscheinen der Gubernskije oterki stellt sich Saltykov
mit einem Male in den Mittelpunkt der Literatur; er wird sogar als
Stammvater einer ganzen „entlarvenden“ Richtung bezeichnet. Bereits
die zeitgenössische Kritik hat die Namen S—v’s und T—n's (= Seli-
vanov’s und Turbin’s), als Nachfolger Saltykov’s genannt; der Kritiker
des Syn Otetestva (1857) hat den Namen Peßerskij’s (Melnikov) hin-
ER später hat Arsenjev — V1. Jelagin, Ivanov-Razumnik — Afa-
näsjev-Cuzbinskij und Ku$ner’öv erwähnt. Interesse erregen mußten
hier außer der Tatsache der „Entlarvung“ selbst, auch die Stoff- und
Kompositionsprobleme: bemerkenswert ist z. B. die Rolle des Motivs
der Bestechung oder der Chantage in der Novellenfabel.
Ungefähr derselben Zeit gehört eine eigenartige Variation der
„entlarvenden“ Literatur aus dem umfangreichen Inhalt der humo-
ristischen Journale an, welche infolge ihrer spezifischen Erfordernisse
die entlarvende Literatur und speziell deren Genremerkmale modifizieren
mußten (das Genre der „Korrespondenz“, der Anekdote, der Unterschrift
unter einem Bilde usw.). Da aber diese Variation unter den gleichen
Bedingungen entstanden war, hat man sie gleichfalls mit der „Söe-
drinschule* verbunden. Das Studium der einflußreichsten Zeitschrift
dieser Art — Iskra (1859—1873) hat mir die Möglichkeit gegeben
(außer einem glücklichen, oben erwähnten Funde zweier Satiren Sal-
tykov’s) eine Reihe von Satiren zu vermerken, die in thematischer
sowie in stilistischer Beziehung mit dem Schaffen Saltykov’s aufs engste
verbunden sind. Man kann nicht nur Naclıklänge der Satire Saltykov’s
in der Iskra, sondern auch Nachklänge der Iskra in der Satire Saltykov’s
konstatieren; kurz, eine Wechselwirkung, die aus der Einheit der Tra-
dition entsteht. Ohne auf einem tatsächlichen Einfluß zu bestehen,
gestatte ich mir die wichtigsten Parallelen zu erwähnen. welche die
Verbreitung der Themen, Typen und Fabeln der Satire Saltykov’s in
der damaligen Literatur bestätigen. Leider muß hier von der Behand-
lung der Stoff- und Stileinzelheiten abgesehen werden.
1. Vesti izdal’öka v. A. A. A. (1859 Nr. 2). Die Gestalt eines
„vojevöda Devizov“ geht den Polizeipräsidenten und Pompadours der
Satire Saltykov’s vorauf; Devizovs Befehle sind mit ihren gleichartigen
Verordnungen, Statuten, Gesetzen usw. zu vergleichen. Vgl. in der
Iskra 1861 — „Prävila dl’a blagorödnych sobränij i tancovälnych vete-
rov“. 2. Die Typen der „Gebildeten in der Provinz“ (1859 Nr. 45)
bieten ähnlich eine Reihe von Parallelen zu den Pompadours. 3. Die
Erzählung Saltykov’s „ProSöäjus, ängel moj, 8 toböju* (1863) erinnert
an das Stück „Obed po podpiske uchod äStemu vojevöde“ aus dem
Zyklus „Vypiski iz gorodsköj i inogorödnej korrespondencii “ (ibidem).
192 V. Hıppıus
4. Die Serie „Zizn’ kak ona jest“ (1860 Nr. 23 u. f.) verspricht den
„Dnevnik provinciäla* Saltykov’s; die Grundsituation geht hier auf
Kvitka’s „Pan Chal’ävskij“ und schließlich auf die traditionellen Anek-
doten zurück. Speziell ist „das Projekt der Ausrottung der Bestech-
lichkeit in Rußland* zu beachten. 5. Die „Rospis zametätelnych goro-
döv Rossijskoj Imperii“ (1861 Nr. 3) nebst vielen in der Iskra zer-
streuten Witzen zeigt, daß S&edrin’s humoristische Ortsnamen sich auf
eine feste Tradition stützten. Vgl. in der Iskra: Fifjjev, Tarabärsk,
Liliengräd, Tel’ätin, Ugr’ümsk, Preizobilsk, Butterbrotenburg u.a. 6. Im
J. 1868 ist eine „Kratkaja Istörija Peterbürga“ erschienen, gezeichnet
mit A.W. Diese „Geschichte“ könnte als Bindeglied zwischen Puskin’s
„Istörija sel& Goruüchina* und Saltykov’s „Istörija odnogö göroda“ in
Betracht kommen. Das erste Kapitel behandelt „Petersburg vor der
Weltschöpfung“, in den letzten wird über die neuesten Zeiten berichtet;
die geschichtliche Satire ist hier mit Andeutungen auf die Tagesereig-
_ nisse vermischt. 7. Die Märchen Minajevs (1870) sollen in Zusammen-
hang mit den Märchen Saltykov’s betrachtet werden.
Selbstverständlich müßte zu demselben Zweck die Satire des
„Svistök“, an dem Saltykov mitarbeitete, benutzt werden, auch die
„Werke des Kozma Prutköv“, von denen einige im Sovremennik und
in der Iskra erschienen sind; vgl. die Hinweise Ivanov-Razumnik’s
(G. I 614) auf das Projekt „O vvedenii jedinomyslija v Rossii* (1863).
Schwerer ist es, den literarischen Hintergrund für die spätere Schaffens-
periode Saltykov’s festzustellen.
Die Zeit seit 1870 (nach der Abfassung der „Istorija odnogö
göroda“) ist ohne Zweifel der Höhepunkt dieses Schaffens; auf dem
Gebiete der Satire ist Saltykov Gesetzgeber geworden. Alles, was sich
in dieser Sprache zu äußern suchte, mußte sich unbedingt seinem Einfluß
unterwerfen. Das gilt sogar in bezug auf einen so eigenartigen Künstler
wie Leskov; zweifellos ist der Stil Michajlovskij’s vom Satirenstil Sal-
tykov’s abhängig; bekannt ist die Verwandtschaft von Terpigörev’s
„Oskudenije“ mit den analogen Werken Saltykov’s. Der künftige Cechov-
Forscher wird gleichfalls die Satire Saltykov’s in seinem Forschungs-
plane benutzen müssen (darüber einige Andeutungen bei Kranichfeld
— „Desatilstije o srednem deloveke“ Kap. XI).
Dadurch ist aber das Problem noch nicht erschöpft. Alle die
oben erwähnten Parallelen bieten ein Interesse für das Studium des
literarischen Milieus, nicht des literarischen Ursprungs der Saltykov’-
schen Satire. Es ist ein wichtiges und selbständiges Problem, auf das
wir in der früheren Saltykov-Literatur umsonst Andeutungen suchen
würden (außer den Hinweisen auf Gogol). Das Problem besteht aus
den folgenden: 1. demjenigen vom Ursprung des satirischen Stiles von
Saltykov; 2. demjenigen vom Ursprung seiner satirischen Thematik.
Eine gemeinsame Quelle würde hier schwierig zu finden sein, da die
Satire Saltykov’s nicht im Verlaufe der Vererbung, sondern im Prozeß
des Kampfes entstand.
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung 193
Der Stil Saltykov’s konnte als Resultat einer Kreuzung von drei
Stilarten entstehen: 1. des lapidaren Stiles von Herzen, im Grunde, der
klassisch-romantischen Rhetorik, die sich in pathetischer, so wie sati-
rischer Funktion offenbarte; 2. der „zerstörenden“ Tendenzen im Stile
von Pisarev und dessen Schule; 3. der Spott- und Sprichwörter der
Volksrede, zum Teil aus erster Hand, zum Teil aber durch deren
literarischen Niederschlag. Diese drei Stilelemente entsprechen einer
dreifachen sprachlichen, resp. kulturellen Grundlage der Saltykov’schen
Satire (Milieu des Adels, der nicht-adeligen Intelligenz, endlich Volks-
milieu, zu dem dasjenige der Intelligenz neigte).
Die satirische Thematik Saltykov’s muß aus anderen Quellen er-
klärt werden. Der Parodiecharakter derselben veranlaßte den Dichter
die seinem literarischen Standpunkt durchaus fremden romantischen
Kunstgriffe zu benutzen. Das gilt in bezug 1. auf die romantische
Phantastik, welche in der Satire Saltykov’s neues Leben bekommt,
2. auf die Hyperbel und die Karikatur, die schon in der Romantik
eine satirische Rolle spielten. Aber diese Kunstgriffe sollten hier in
einer neuen Funktion angewandt werden, und zwar wurde der frühere,
persönliche, ästhetische, moralische oder philosophische Charakter der
Satire durch den sozial-politischen Charakter ersetzt. Deswegen kann
Saltykov in literarischer Beziehung nicht vollkommen verstanden werden,
wenn man den überaus reichen Vorrat der romantischen Kunstgriffe,
aus dem er schöpfte, unbeachtet läßt. Dazu gehört seine Tiersatire,
die Benutzung der Motive des Wahnsinns, der Gespenster, vor allem
aber des Automatischen; das letztere spielt in seinem Schaffen
eine sehr bedeutsame Rolle, darüber — ein unlängst in dem „Sbornik“
der Gesellschaft für histor.-philosophische und soziale Wissenschaften
(Perm 1927) gedruckter Aufsatz des Unterzeichneten — „Menschen und
Puppen in der Satire Saltykov’s“. Hier ist auch der Ort, die Bemerkung
von P. Sakulin zu erwähnen: „Wie einst die Romantiker die Welt mit
„göttlicher Ironie* betrachteten, so überschaut unser Satiriker mit
schneidendem Humor das vor ihm brausende Leben“ (op. eit.). Von
unmittelbarer Einwirkung der früheren romantischen Literatur auf
Saltykov soll hier nicht die Rede sein, jedoch könnte man ihn den
späteren Dichtern annähern, in deren Werken wir die Abspiegelung
der romantischen Poetik spüren können, und zwar auf dreierlei Art:
1. das romantische Erbe wird in einer neuen Funktion benutzt
(z. B. in derjenigen der sozialen Satire); 2. es wird dieses in den
Hintergrund des Literaturlebens geschoben und schließt sich fest an
spezielle Genre an (z. B. an das Märchen); 3. es zeigt sich eine Sym-
biose (aber noch keine Synthese) von romantischen und naturalistischen
Kunstelementen.
Man könnte auch die Namen der westeuropäischen Dichter nennen,
welche für diese drei Gruppen charakteristisch sind, und deren innerer
Zusammenhang mit der Satire Saltykov’s nicht zu leugnen wäre, näm-
lich — 1. Laboulaye; 2. Andersen; 3. Dickens.
Zeitschrift f. slav. Philologie, Bd. IV. 18
194 V. Hıppıus
LABOULAYE berührt sich zwar auch mit der zweiten Gruppe, da
er sich im Märchengenre spezialisierte. Daß „Prince-Caniche‘, ein
satirisches Märchen Laboulaye’s, der Satire Saltykov’s nahe steht, ist
schon einmal bemerkt worden (Ivanov-Razumnik G. I 615); es ist noch
der Zusammenhang zwischen Touche-ä-tout Laboulaye’s (in der russi-
schen Übersetzung Zachvät) und dem Perechvät-Zalichvätskij (später —
Ugr'üm-Bur&sjev) Saltykov’s zu bemerken (u. a. erscheint der Familien-
name Touche-ä-tout später in „Melodi Zizni*). Man könnte hier noch
das Märchen „Perlino“ erwähnen, das mit der Vogel- und Puppensatire
Saltykov’s in Verbindung steht. H. CHR. ANDERSEN erscheint in
Rußland mit merklicher Verspätung — wie es scheint, erst um 1860;
gerade im Kreise der „Ot&testvennyje Zapiski“ war er besonders beliebt
und wurde von den Mitarbeitern dieser Zeitschrift (Weinberg, Marko
Vovcök) übersetzt; die gleichzeitige Neigung Saltykov’s zu den phan-
tastischen Stoffen und zum Märchengenre bekommt hier einen Stütz-
punkt. Das Gesagte könnte durch eine Stoff- und Kompositionsanalyse
der Saltykov’schen Märchen bestätigt werden. Nicht auf einzelne
Parallelen, wie sehr sie auch anziehend wären (z. B. „Propäla sövest “
und „Glücksschuhe‘), wird hier unsere Aufmerksamkeit gelenkt, sondern
auf die Tatsache der Verwandtschaft dieser Literaturerscheinungen
selbst. Zuletzt, DICKENS konnte für Saltykov ein Musterbild des
naturalistischen Stoffgewebes abgeben, das mit Phantastik oder mit
Hyperbel (zuweilen in einer verwandten Funktion) durchsetzt ist. Vgl.
z. B. die Bureaukratie-Satire in Little Dorrit mit mehreren analogen
Beispielen bei Saltykov. Auf russischem Boden wäre es schwerer ähn-
liche Erscheinungen zu finden, weil der naturalistische Drang in Ruß-
land einen intensiveren Charakter hatte und die gleichartigen Erschei-
nungen Westeuropas an Nachdruck übertraf. Die Positionen, deren
Saltykov sich zu seinen Zwecken bemächtigte, waren von den Roman-
tikern schon längst verlassen worden; von den „Gesammelten Werken“
V. Odöjevskij’s bis zur Istörija odnogö göroda waren 25 Jahre verflossen ;
zufälligerweise fiel das Erscheinen der Satire mit dem Tode des russi-
schen Romantikers zusammen.
Saltykov war aber nicht nur der Verfasser hyperbolischer Satiren,
sondern auch der Autor der naturalistischen Sittengeschichten (Gospodä
Taskentcy, Gospoda Golovl’övy, PoSechönskaja starinä). Der Naturalis-
mus bleibt der Grundton seines Schaffens, und bestimmt seine litera-
rische Persönlichkeit. Nachdem die naturalistische Schule gegen 1845
die russische Literatur erobert hatte, herrschte darin diese Richtung
lediglich bis zum Ende des Jahrhunderts, obschon im achten Jahrzehnt
Anzeichen ihres Verfalls sich zeigten, was näher auszuführen hier nicht
der Ort ist. Aber auch in den Jahren seiner vollsten Herrschaft war
der Naturalismus kein unteilbares Ganzes, sondern eine Vereinigung
der Genre-, Ideen-, Stoff- und Stiltendenzen, durch die die spätere
Verschiedenheit der Richtungen (wenn nicht „Schulen*) innerhalb der
Grenzen des sogen. Realismus bedingt wurde. Ohne auf Einzelheiten
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung 195
einzugehen, könnte man wenigstens zwei Hauptrichtungen darin unter-
scheiden: 1. die „psychologische“, welche die Romanform kultivierte;
2. die „physiologische“, welche die Formen der Skizze und der Chronik
vorzog. Saltykov, der bei Beginn seiner Tätigkeit, der ersteren Rich-
tung folgte (Protivore&ija), wendet sich allmählich der letzteren zu;
daher seine groben, zuerst unerklärlichen Ausfälle z. B. gegen Leo
Toistoj („Anna Kar6nina*). Die ersten Versuche des „experimentellen
Romans“, die vielleicht den Sinn einer Resultante analoger Tendenzen
in Westeuropa hatten (und zwar von dem romantischen Stoff- und
Kompositionsverfahren wesentlich abhingen), wurden in Rußland als
Erscheinungen des „Psychologismus* aufgefaßt und als solche von
Saltykov durchaus verdammt. Trotzdem läßt Saltykov gleichzeitig mit
„La fortune des Rougon* seine eigenen „Rougon-Macquarts“ (Arsenjev
a.a. 0. S.79) im Druck erscheinen („Ta$k&ntey prigotovitel'nogo klässa“).
Dieser kolossale Plan wurde nicht verwirklicht; aber seit vier Jahren
läßt sich von dem bunten Gewebe der „Blagonamerennyje re&i“ der
Golovl'ovozyklus ausscheiden, wodurch eine neue „Rougon-Macquarts®-
Serie beginnt (Arsenjev S. 192). Der experimentelle Roman verliert
in der Bearbeitung Saltykov’s alle spezifischen Genremerkmale des
Romans; er nähert sich der Chronik — einem Genre, dem sich Saltykov
seit langem zugewandt hatte. Die Geschichte des experimentellen
Romans in Rußland bleibt bisher fast gar nicht erörtert, obwohl nicht
nur die Saltykov-, sondern auch die Dostojevskij-Forscher dieselbe ein-
gehender berücksichtigen sollten. Ein anderes Problem, das bisher
unerörtert blieb, ist das Verhältnis der naturalistischen Groteske und
der späteren neuromantischen Strömungen zueinander; die letzteren,
die dem Symbolismus den Weg gangbar machten, waren zugleich dem
Naturalismus verwandt. Diesbezüglich ist eine Erzählung Turgenev’s
bemerkenswert: Richepin schenkte Saltykov sein Buch („La chanson
des gueux* W.H.) mit einer Widmung, die das Wort „maitre“ ent-
hielt. Turgenev gibt zu, daß „der Kreis der jungen französischen
Realisten die jungen (?) russischen Schriftsteller als ihre Lehrer be-
trachtete“ (Russkoje PröSloje 1923 Nr. 1). Es ist anzunehmen, daß
eingehendere Studien eine engere Verbindung zwischen dem Naturalis-
mus und dem Symbolismus trotz ihres sichtlichen Gegensatzes erklären
werden. Näher aber sind derartige Tendenzen speziell mit Saltykov
nicht zu verbinden, da diese sich in der gleichzeitigen russischen Prosa
nicht offenbarten; sie werden nur in der Prosa F. Sologub’s spürbar,
deren Keime in „Gospodä Golovl’övy‘ und „Skäzki* schon vorhanden
sind. Der spätere russische Symbolismus hat sich unmittelbar Gogol
zugewandt, ohne dessen Nachfolger in Betracht zu ziehen.
So wird die Stellung der spezifischen Elemente der Dichtung Sal-
tykov’s in der russischen, zum Teil auch europäischen literarischen
Umgebung ungenau angedeutet. Eine genauere Untersuchung, die die
Grenzen dieses Artikels überschreiten würde, müßte auch die anderen
Zeitgenossen Saltykov’s zur Vergleichung heranziehen (Pisemskij, Lesköv,
13*
196 V. Hıppıus
Gl. Usp6nskij, Levitov, Chvöstinskaja). Komplizierter sind die Be-
ziehungen Saltykov’s zu Dostojevskij und Leo Tolstoj. Der psycholo-
gischen Exotik Dostojevskij’s, die in einer gewissen christlich-mystischen
Weltanschauung wurzelte, zugleich aber dessen Vorliebe für die Aben-
teuer- und Kriminalstoffe motivierte, — mußte Saltykov kräftigen
Widerstand leisten. Dagegen waren ihm einige Kunstgriffe Dostojevskij's,
mit deren Hilfe seine typischen Figuren entstanden — als eine Art
von Verfeinerung des Gogol’schen Hyperbolismus — allerdings verwandt.
Saltykov hatte sich bei Beginn seiner dichterischen Laufbahn mit
Dostojevskij berührt (Zapütannoje delo); er berührte sich mit ihm
nochmals am Ende derselben (Gospodä Golovl’övy). Dem anderen großen
Romanschriftsteller, Leo Tolstoj, näherte sich Saltykov auf dem Gebiete
der Antiromantik, des „zerstörenden“ Naturalismus, obgleich das praktische
Verfahren dieser Zerstörung bei Saltykov und Tolstoj sich wesentlich
unterschied: der folgerichtige, extreme Psychologismus (genauer gesagt,
Psychophysiologismus) des letzteren und der große Unterschied in der
Weltanschauung stieß den ersteren ab. 2
Das oben Gesagte könnte durch die eigenen Außerungen Saltykov’s
bestätigt werden. Solche Äußerungen sind im allgemeinen noch nicht
gesammelt. Die bekannte Arbeit Pypin’s (Vestnik Jevröpy 1889, sep.
1899) ist keine systematische, eher eine Chrestomatie, Sammlung eines
Teils des sich darauf beziehenden Materials (aus Aufsätzen und Be-
sprechungen von 1863—1864), nebst einem im Grunde zufälligen
Kommentar. Das Bild Saltykov’s als Theoretikers und Kritikers wird
unvollständig bleiben, bis die Aufgabe, das ganze nötige Material zu
bestimmen, gelöst wird. Vor allem müssen die mehrmals erwähnten
Besprechungen in O.Z. in Betracht gezogen werden. Außer den Be-
sprechungen, im engeren Sinne des Wortes, müßten auch die in
Briefen und Büchern zerstreuten Bemerkungen Saltykov's über das
Schaffen seiner Zeitgenossen und über die Prinzipien der erzählenden
Prosa gesammelt und ausführlich erforscht werden. Außerdem ist zu
bemerken, daß gewisse Werke Saltykov’s einen Parodiecharakter haben;
solche Werke helfen uns, den literarischen Standpunkt des Autors auf-
zuhellen. Dazu gehört z. B. die 1914 veröffentlichte Parodie „Blago-
namerennaja pövest“, auch die erwähnte Besprechung eines Romans von
Avenarius. In dem oben gebotenen kurzen Abriß der literarischen Tenden-
zen Saltykov's wurde dies alles nach Möglichkeit in Betracht gezogen.
Dadurch wird aber die Sache noch nicht erledigt. Das Gesagte
soll durch die Analyse der eigenen Wortkunst Saltykov’s, seiner Kom-
position und seines Stiles bestätigt werden. Zur Lösung dieses Pro-
blems ist noch niemand geschritten; die Kunstgriffe des großen Sati-
rikers bleiben ebensowenig erforscht als beschrieben. Nur einige
Einzelheiten sind von der zeitgenössischen Kritik (am meisten von
Michajlövskij) und von späteren Autoren beobachtet worden. Im Plane
dieses Artikels kann nur ein kurzes Verzeichnis der wesentlichsten
Kunstgriffe geboten werden.
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung 197
A. Auf dem Gebiete des Stoffes und der Komposition.
1. Die Komposition eines komplizierten Ganzen aus einzelnen
Fragmenten, deren jedes ein Keimsujet enthält, Der mechanische Cha-
rakter der Häufung wird durch das übrige Verfahren gemäßigt.
2. Die Zyklierung — d.h. eine systematische, aus verschiedenen
Anlässen auftretende Wiederkehr zu derselben Raumumgebung und zu
denselben Personen. Dadurch entstehen zwei Typen von Zyklen: die
Raumzyklen (Krutogörsk, Glüpov, PoSechönje) und die Personenzyklen
(der Glümovzyklus).
3. Außer der Benutzung eigener Helden findet eine Benutzung
literarischer Helden statt und zwar in einer neuen Situation (eine
„Stabilisation“ des Helden). Die analogen Fälle in Bezug auf Don Juan,
Faust u.a. sind allbekannt; im Schaffen der meisten Dichter zeigen
sie sich aber nur ausnahmsweise und sind auf die „Welttypen“ be-
schränkt. Dagegen benutzt Saltykov die Helden Fonvisin’s, Gribojedov’s,
Gögol’s, Turgenev’s, Gontaröv’s, Oströvskij’s, Suchovo-Kobylin’s konse-
quent. (Darüber Kranichfeld in „Päm’atnik rossijskomu dvor’änstvu“
Kap. 8.) Als Parallele dazu kann das Werk Novodvörskij’s „Epizöd
iz Zizni ni pävy ni voröny“ dienen.
4. Die Komposition des Feuilletons durch eine Verbindung pathe-
tischer und parodieartiger Monologe mit den Novelleneinschaltungen,
die ihrerseits durch den Kommentar unterbrochen, nachher aber in
Elemente zerstäubt und im späteren Monolog benutzt werden können.
5. Die Dialogform des Feuilletons mit einer spezifischen Figur
des „Gesellschafters“. Dieselbe kann verschiedene Funktionen ausüben;
am häufigsten aber a) entweder den gegnerischen Standpunkt ad absur-
dum führen, b) oder dieses Absurdum entlarven.
6. Die Neigung zur Chronik. Diese wird mittels der Häufung von
Details komponiert; daher die wichtige Rolle der Nature morte darin.
7. Die Benutzung der traditionellen Fabelmomente in einem Paro-
dieplane zu satirischen Zwecken, z. B. die Parodierung der Geheimnis-
romane, um bureaukratische Geheimnisse zu verspotten (Krüglyj god).
8. Die Benutzung der Raum- und Zeitexotik zu gleichartigen
Zwecken (Sovremönnaja Idillija, Kap. 12, 13, 27). Die beiden Momente
verknüpfen die literarischen Antipathien Saltykov’s mit seinen positiven
Neigungen.
9. Die Vorliebe zum Primitiven als Haupttendenz in der Auswahl
des Konstruktionsmotivs der Satire. Es werden hier verschiedene Fälle
der möglichen Vereinfachung des Konstruktionsmotivs benutzt; mit
allem Nachdruck werden aber die drei Variationen wiederholt: die ver-
spotteten Erscheinungen werden a) in kindlichen Formen (Ispörtennyje
deti), b) als bloße Physiologie (Sovremennaja Idillija), c) als Automa-
tismus einer Puppe dargestellt.
10. Das System der Tiergestalten, worin im Grunde dasselbe Prinzip
des Primitiven liegt (eine bis zum Schema vereinfachte Psychologie).
198 V. Hıppıus
So sind die Märchen aufzufassen als eine Vollendung der Kunstgriffe,
welche im Schaffen Saltykov’s von Hause aus angewandt wurden.
11.Die Personifikation der abstrakten Begriffe (Tugenden, Laster usw.),
als ein Weg zu einem eigenartigen Moralitetheater, nebst einem oben
angedeuteten — zum Marionettentheater. Daher — die Benutzung des
Motivs des Schauspiels überhaupt zu satirischen Zwecken.
12. Die Komposition der Grotesken infolge der Benutzung der
Motive, die entweder phantastisch (die Übertretung der physischen
Norm), oder pathologisch angestrichen sind (die Motive der Träume,
des Wahnsinns, der Gespenster u. a.).
B. Aus dem Gebiete des Stoffes und Stiles.
1. Die Benutzung verwelkter Metaphern und die Belebung der-
selben zum Zwecke eines komischen Effekts (der „Kern“, der aufgeknackt
und ausgespuckt wird). Dasselbe Verfahren kann sich zu einem Sujet
entwickeln, z. B. die Metapher „vyputat'sa iz zatrudn&nij“ (den Kopf
aus der Schlinge ziehen) bildet die Episode vom gehängten Balaläjkin
und seiner Rettung.
2. Die Stil- und Stoffkarikaturen, welche bedingt werden entweder
durch Verletzung der Perspektive (die Anzeige in der Zeitung von der
Anfertigung der Konstitutionen) oder durch das Fehlen der Motivierung
(die wilden Tiere auf den Straßen). Daher — die Anwendung der
Unmöglichkeit einer Motivierung, d. h. der logischen oder tatsäch-
lichen Ungereimtheiten (ein Leierkasten oder die Trüffeln im Kopfe).
C. Aus dem Gebiete des Stiles.
1. Das literarische Zitat zu Parodiezwecken benutzt. In der
Auswahl der Zitate (aus „Klassikern“) und in der Art damit zu ver-
fahren (eine beständige Verunstaltung) werden die „zerstörenden* Ten-
denzen der Poetik Saltykov’s offenbar.
2. Die Zusammenstellung der Kontraste inkongruenter Aus-
drücke des höheren und des niedrigeren Stiles. Der höhere Stil wurde
von Saltykov aus den folgenden Sprachelementen geschöpft: a) aus der
Kirchensprache (altkirchenslavische Elemente), b) aus der Kanzleisprache,
c) aus der Sprache der Salons, d) aus der Sprache der klassischen und
romantischen Literatur. Als Gegensatz gelten die Vulgarismen, die
unmittelbar aus der Quelle der Umgangssprache geschöpft werden
können. In der Zusammenstellung dieser (hauptsächlich lexikalischen)
Konstraste selbst sind gewisse „zerstörende“ Momente vorhanden. (Bei-
spiele: „skvernoslövit“ und „sryvät' cvety naslasdenija“; „sv’atöje
isküsstvo privelö jejö v pomöjnuju jämu“ usw.). Spezielle Fälle:
a) die Zuspitzung des Satzes durch einen Vulgarismus: „y HOX
CBOH OÖlMe MHTEPecH, CBOH OÖlMe CHAIETHH MH HEHABHCTK, CBOEe o6mee
CBHHCTBO* (Pisma k töten’ke).
b) die Übersetzung aus einer „höheren“ Sprache ins „Russische*:
».. . PpoRmupyw. Wun, B mepesone Ha PYyCckkü ABkIk: hopnsi6bauy.
Ergebnisse und Probleme der Saltykov-Forschung 199
aprauycb, $BIPKAl, XOPOXOPIOCh, IETYIIYCh, Kay KYyKHII B KapMane“
(UbeziSte Monrepos).
c) die Übersetzung aus dem Russischen ins Französische (seltener
ins Englische); diesen Sprachen als den Sprachen der Salons wird eine
Funktion des „höheren Stiles“ zugeschrieben: „... yecrusi Tpyenux
...oui, un honnöte travailleur...“ „Crapan, zeceman Pyc» (old merry
Russia)‘ — u.a. Zuweilen genügt eine entsprechende Transkription:
„les razboiniki p6tchati*.
3. Die Rolle des Vulgarismus kann ein Sprichwort übernehmen,
die Rolle der „höheren“ Elemente — eine Büchersentenz. Es ist nur
zu bemerken, daß gewisse Sprichwörter ihrem Sinne nach des Verfassers
Widerstand erregen (z. B. ‚vySe lba üSi ne rastüt*); deswegen werden
sie ironisch benutzt.
4. Der stilistische Gegensatz ist überhaupt zu bemerken.
Oft bekommt der Stileffekt eine thematische Motivierung (,... banköty
i ugo$cenija — i raspor af6nija na kon usne“). Ein besonderes Interesse
bieten die Fälle, wo wir den Stileffekt einer thematischen Identität
der scheinbar entgegengesetzten Begriffe verdanken („sel&nije s ras-
smotrenijem i se&enije bez rassmotr6nija‘).-
5. Die Ironie — deren Intonationseffekt in einer imaginären
Ernsthaftigkeit wurzelt. Graphisch wird diese durch das Fehlen der
zu erwartenden Gänsefüßchen bezeichnet. Bemerkenswert ist überhaupt
die Rolle der den Gänsefüßchen entsprechenden Intonation und daher
dieses Zeichens selbst in den naturalistischen Stilen: die angeführten
Stellen werden als Mosaikelemente der wirklichen Umgangssprache
empfunden, auf die sich der naturalistische Wortschatz und die Syntax
grundsätzlich orientiert. Zahlreiche Beispiele bieten die Werke Gl.
Uspenskij’s, Zlätovratskij’s u.a. Das Fehlen der Gänsefüßchen wird,
zuweilen zum Nachteil des Sinnes als negativer Effekt begriffen:
2. » . JBeINEBATb , ÖBITb TBepAEIM HM He BaHpatb....“ (Ist. odn. gor.).
„. . . Fla8a He MeIIyT, HOC He YTPo;kaeT, ycTa He H3pbIramwT, MIaAHNH He
yerpemamortca ...“ (Pompadouren).
6. Die pathetische Syntax hat im Schaffen Saltykov’s eine
doppelte Funktion: eine positive und eine negative (Parodie). Gewisse
Kunstgriffe werden in beiden Fällen angewandt (der Dreiklang in der
Wortfügung u. ä.), aber diese sichtbare Identität wird durch die Into-
nationsunterschiede gestört. Auf die pathetischen Stellen der Monologe
Saltykov’s („Jölka*, „Christös voskres* in Gub. ocerki, „Gijena“, „Ohri-
stöva no2“ in den Märchen) bezieht sich die oben erwähnte Vermutung
einer Abhängigkeit dieses Stiles von der klassisch-romantischen Rhetorik.
7. Der Wortschatz und die Morphologie in der Sprache Sal-
tykov’s wird auf dem Grundsatz möglichster Mannigfaltigkeit aufgebaut.
Gewisse dialektische Möglichkeiten werden von Saltykov vorsichtig ver-
wertet; zugleich gibt er auch die Worterfindung nicht auf. Im eigent-
lichen Sinne zeigt sich dieselbe in der glänzenden Reihe seiner Orts-
und Familiennamen, in deren Etymologie entweder semantische oder
300 V, Hıppius
phonetische Momente (oder beide zusammen) hervorgehoben werden.
(Ortsnamen : Glüpov, Podchalimov, Navöznyj, Pasküdsk, L ubeznov u. .
Familiennamen: Razuväjev, Balaläjkin, Tarara, Rastopyr a, Rastopyrius,
Cimpandze u.ä). Es fällt die Umsicht Saltykov’s in morphologischer
Beziehung auf: in der Wahl der Präfixe und Suffixe, mit deren Hilfe
seltene und ungebräuchliche Formen hervortreten, welche die feinsten
Bedeutungsnuancen durch minimale Wortschöpfungsmittel auszudrücken
gestatten. Vgl. die Erklärung des Unterschieds zwischen „lo“ und
„lganjö* (Cu6j tolk), auch solche Ausdrücke, wie ozorlivyj, molcäl naja
präktika, podmänlivyje i zadörlivyje, ruslovöj lud, pereönevöj charäkter,
napödleno, vprositsa u. ä. 2
8. Eine besondere Berücksichtigung verdient die sogen. Asop-
sprache, d.h. das semantische oder syntaktische Verfahren mit dessen
Hilfe die Zensurklippen vermieden werden konnten. Die Asopsprache
hatte freilich ihre eigene Technik, deren wichtigste Fälle (im Gebiete
des Stiles) sind:
a) die Paraphrase („pompadury“ — die Gouverneure, „penije urä* =
die offizielle Nationalhynıne), bisweilen mit einer mehr verschleierten
Bedeutung: „jezövyje rukavicy* = der Absolutismus. Im Grunde liegt
hier die Anwendung einer gewissen Geheimschrift vor, die die Be-
nutzung bloßer Zeichen statt Wörter gestattet („fuit'“ — im Sinne einer
Verbannung). Speziell ist der Fall des Selbstzitats zu vermerken: einer
unbestimmten Andeutung des früher Gesagten (z. B. „Usplönje-mätuSka*
in „Za rubezöm“, Kap. 1 u. 2).
b) Die Nicht-Beendigung eines Satzes („Ne dokäzyvajet li eto...
— Nitegö ne dokäzyvajet!* usw. PoSech. rasskazy), eventuell eines
Wortes: „vy ne $.. .?* (= Spiön).
.. e) Die oben erwähnte „imaginäre Ernsthaftigkeit‘ — z. B. im
Übertreiben der gegnerischen Anklagen, in der Verteidigung offen-
kundiger Ungereimtheiten usw. In allen diesen Fällen liegt das „Äso-
pische“ Korrektiv in der Intonation (in ihrem ironischen Anstrich).
In diesem kurzen Verzeichnis sind allerdings nur die Hauptpunkte
angedeutet. Der Stil Saltykov’s, ebenso wie die anderen Seiten seines
Schaffens müßten in einem organischen Zusammenhange aufgefaßt werden.
In diesem Zusammenhange muß sich die Rolle eines jeden Kunstele-
ments offenbaren, sowohl im Gefüge eines einzelnen Werkes, wie in der
Kunstevolution eines Dichters. Die erschöpfende Untersuchung des
Schaffens von Saltykov würde die Kraft eines einzelnen Forschers über-
schreiten und die Bemühungen ganzer wissenschaftlicher Kollektive er-
fordern. Die Grundlage dafür ist durch die Gründung einer Saltykov-
Gesellschaft geschaffen (Saltykövskaja sekeija ob&testva sociolögüi i isküs-
stva pri Glavnauke). Nur die bisherige Vernachlässigung der Saltykov-
Forschung kann einen individuellen, und schon deswegen unvollkommenen
Versuch wie den vorliegenden rechtfertigen, die verschiedensten Probleme
des Schaffens des großen Satirikers wenigstens anzudeuten.
Perm VaAsıLıJ HIPPius
Ukrain. Veröffentlichungen ü. plast. Kunst i. d. letzten zehn Jahren 201
Ukrainische Veröffentlichungen über plastische Kunst
in den letzten zehn Jahren (1917—1927)!).
Die Revolution des Jahres 1917, welche die Beseitigung des über
der ukrainischen Sprache lastenden Druckes zur Folge hatte, brachte
einen ungewöhnlichen Aufschwung der Verlagstätigkeit mit sich. Je-
doch brachten es die Zeitläufte mit sich, daß die herausgeberische Tätig-
keit in der Ukraine in ihren Anfängen vorwiegend der Veröffentlichung
populärer Broschüren, vornehmlich politischen und agitatorischen Inhalts,
galt; den Umständen angemessen wurden in der Zeit des politischen
Hochdruckes und der Anspannung aller aktiven Elemente die vorhan-
denen :Kulturkräfte wohlverständlich zumeist von politischen Aktionen
in Anspruch genommen. Späterhin verhinderten Bürgerkrieg, Epide-
mien und Hunger die Möglichkeit einer ruhigen wissenschaftlichen For-
schungsarbeit. Es darf deshalb nicht wundernehmen, daß die ersten
Jahre nach der Revolution keinen bemerkenswerten Aufschwung der
herausgeberischen Tätigkeit auf dem Gebiete der plastischen Kunst zu-
tage förderten. Indessen war die Nachfrage nach einem vollwertigen
Buch, besonders nach Lehrbüchern, aber auch nach Nachschlagewerken
über Kunstdenkmäler außerordentlich groß. Als Beweis dafür spricht
schon der Umstand, daß das wenig umfangreiche Werk des bedeutenden
Kenners der Kunst des 17.—18. Jahrh., VADYM MODZALEVSKU 2): „Die
ukrainische Kunst“, erschienen zu Beginn 1917 in Cernihov, rasch ver-
griffen war und eine weitere Auflage erforderte. Als eine bemerkens-
werte Erscheinung ist ferner zu werten die Herausgabe eines umfassenden
Führers durch Kiev von dem hervorragenden ukrainischen Kunsthisto-
riker KONSTANTIN SYRocKyYJ, erschienen in Kiev in dem bekannten
Verlag Kulzenko. Diese beiden Werke dienten gewissermaßen als Er-
satz für Lehrbücher der ukrainischen Kunstgeschichte, deren Mangel
sich bereits in den ersten Tagen der Revolution fühlbar machte.
In dem damals noch: zu Österreich gehörenden Galizien, welches
noch immer Verheerungen über sich ergehen lassen mußte, bewegte
sich das wissenschaftlicke und das Kunstleben im engen Kriegsrahmen.
Einzelnen Artikeln über alte und neue Kunst begegnen wir hier in
der Lemberger illustrierten Zeitschrift „Svit“ und in den Tagesblättern.
1) Zweck des vorliegenden Aufsatzes ist nicht etwa eine umfassende
Darstellung ukrainisch gedruckter Veröffentlichungen über plastische
Kunst, es liegt ihm vielmehr die Absicht zugrunde, in gedrängter Form
einen allgemeinen Überblick von Publikationen betreffend die plastische
Kunst zu vermitteln, die wichtigeren, bzw. umfangreicheren Erschei-
nungen auf diesem Gebiet zu verzeichnen und auf die wichtigeren
Pflegestätten des wissenschaftlichen und Kunstlebens in den ukrainischen
Kulturzentren aufmerksam zu machen.
2) Yrkpalucbke MUCTEITBO.
202% V. SIöynsKyJ
Als Leistungen von größerer wissenschaftlicher Bedeutung können ge-
nannt werden einige Abhandlungen von Dr. IvAN KRYPJAKEVYO und
von dem in Galizien bekannten Forscher der ukrainischen Kunst, My-
KoLA HoLUBEG. Unter den Arbeiten des letzteren sind hervorzuheben:
eine Reihe von Abhandlungen aus .der Geschichte der ukrainischen
Kunst, erschienen im „Svit“ 1916 —1918, sowie Abhandlungen über die
klassischen ukrainischen Meister (Mitte des 18. bis Beginn des 19. Jahrh.),
wie Ivan MARTOS, ANTON LOZENKO, DMYTRO LEVICKYJ, VOLO-
DYMYR BOROVYKoVSKYJ, ferner Artikel über Sevöunko als Maler,
über die Lubliner Fresken des Jahres 1415 u. a. („Svit“, Lemberg 1917).
Von den im Sonderdruck erschienenen Werken dieses Verfassers sind
zu beachten: „Die ukrainische Kunst“ („Ykpaikcbke MncTenTBo“), eine
konspektive Übersicht der Geschichte der ukrainischen Kunst (Lem-
berg 1918, 8. 32 mit 30 Abbildungen), erschienen nachher im Nach-
druck in Kiev. Im Kalender des Lemberger Volksbildungsvereins „Pro-
svita“ für 1917 erschien der Artikel, „Lodomerien“1) von Dr.J. PELENSKYJ,
dem Verfasser der großen Monografie „Halit“ (Krakau 1914).
In den Jahren 1918—1919 bedeutete eine bemerkenswerte Er-
scheinung in der ukrainischen kunstwissenschaftlichen Literatur die
Herausgabe der großen Monatsschrift „NaSe Mynule“. Hier erschien
eine Reihe wertvoller wissenschaftlicher Artikel von VApyM Mop-
ZALEVSKYJ, FEDOR ERNST, PROKOPOVYG, SLASTON u.a. Besonders
produktiv war in diesen letzten Jahren seines Schaffens Prof. Kon-
STANTIN SYROCKYJ. Abhandlungen, Artikeln und Notizen dieses Ver-
fassers begegnet man in den verschiedensten periodischen Organen, so
im „Knyhar“ (Abhandlungen betreffend die Kultur des ukrainischen
Buches), in den „Mitteilungen“ (Zapysky) der Historisch-philologischen
Sektion der Ukrainischen Gesellschaft der Wissenschaften in Kiev („Wer
war der Verfasser des Pläns von Kiev im Jahre 1638*2), Buch 17.),
sowie in anderen Lemberger und anderweitigen Organen. Eine beson-
ders wertvolle Leistung dieses emsigen Forschers ist die Abhandlung
„Die ukrainische Kunst in der alten Fürstenperiode und ihre Erlernung* 3)
(„NaSe Mynule* Kiev 1918 Nr. 1) und die „Altertümliche Kunst in der
Ukraine“*), erschienen in der Chrestomathie zur Icropia Yrpaiuckkoi
Jlireparypn von O. DoROSKEVYO und L. BILECKYJ (Kiev 1918). Es
war dies eigentlich das erste Kapitel der „Geschichte der ukrainischen
Kunst“ von K. SYRodkYJ, welche von ihm für den Verlag „Drukar“
zum Drucke vorbereitet worden war, jedoch in diesem Verlage nicht
erschien. Von den Materialien K. SYRocKYJ’s wurde später nur eine
Serie Bilder, die als Illustrationsmaterial zur Geschichte der ukrainischen
Kunst gedacht war, im Jahre 1923 von dem ukrainischen Verleger
1) Bononnmupin.
2) Xro 6yB aBropom nınuy Kuisa 1638 p.
3) Ykpaiuchke MUCTENTBO 3a YaciB CTAPOKHABIBCBENX TA Ti BHBYCHHR.
4) Craposuune Mmucreutpo Ha Vrpaiki.
Ukrain, Veröffentlichungen ü. plast. Kunst i. d. letzten zehn Jahren 203
Orenstein herausgegeben. Eine Fortsetzung der Übersicht der ukrai-
nischen altertümlichen Kunst im II. Bd. der Chrestomathie zur Geschichte
der ukrainischen Kunst von O0. DoRoSKEVYö war die grundlegende
Arbeit des gründlichen Kenners Kievs FEDOR ERNST: „Yrpaiucpke
Mucreutso 17.—18. 5B.*, welche auch in einer besonderen Ausgabe in
Kiev 1919 erschien. Von den in „Nase Mynule“ erschienenen Beiträgen
wäre noch hervorzuheben die bibliographische Abhandlung von O. HucALo
„Literatur zur Historiographie: JIireparypa ao icropiorpadii yrpaiuch-
Koro Mucrentsa“ (Kiev 1918, Bd. ]).
Von den Beiträgen von M. HOLUBEOG verdienen erwähnt zu wer-
den: „Pstrak Jaroslav“!) („Vpered‘, Lemberg 1919, Nr. 123), „Kopy-
styn$kyj Theofil* 2) („Terem“, Lemberg 1919, Bd. I, S. 186), „Bucrasa
cy4acHoro MucrentBa T’annısroi Yrpaiun*“ (Lemberg 1919). Von den
Provinzausgaben verdient Beachtung „Apxirerrypue o6nmuyn Ilosmasu“
(das architektonische Gesicht von Poltava) von F. ROZANKOVSKYJ
(Poltava 1919).
In den Jahren 1910—1923 vollzieht sich eine merkliche Ver-
schiebung der Verlagstätigkeit von Kiev nach Charkov. Hier erschienen
mehrere Arbeiten des bekannten Kunsttheoretikers Prof. THEODOR
SCHMITT: „MucreuTBo,, HOTO ICHXONOTIA, CTUNMCTUKA TA eBomouin“,
„IIcaxonorin Mamosaunun“ und das monumentale Werk „MucreutBso
crapoi Yrpaisn* (Charkov 1919, S. 100, mit Zeichnungen). Aus dem
Gebiete der Volkskunst erschienen in Charkov mehrere wertvolle Ab-
handlungen von Prof. ST. TARANUSENKO: „Das alte Haus in Charkov“ ®)
(Charkov 1921), „Die alten Häuser Charkovs“*) (Charkov 1922), „Die
Jahresausstellung 19235), erschienen im Verlag des Museums der ukrai-
nischen Kunst (Charkov 1924). Demselben Verfasser gehört die er-
schöpfende Monographie über den „IIokposcsrnä Co6op“ (Mariaschutz-
Dom) aus dem Ende des 17. Jahrh. mit genauen Messungen des Archi-
tekten Ten& (Charkov 1923, S. 33 und XXI. Tafeln Zeichnungen und
Bilder). Leider nicht abgeschlossen sind die Arbeiten $. TARANUSENKO’s
„Kunstdenkmäler der alten SloboZanscyna“ (Charkover Gebiet, „Ilamarka
MaCcTeNTBa cTapoi Cno6omanummm‘). In den Jahren 1919—1921 er-
schien in Kiev, abgesehen von gelegentlichen Beiträgen aus dem Ge-
biete der zeitgenössischen Kunst, eine größere Sammlung „36ipHuk cekmii
MucreutBa Yrpaiscpkoro Haykosoro Tosapucrsa y Kuisi“ (Kiev 1921,
Bd. I, 8. 168, groß 4°) mit Artikeln und Abhandlungen von F. ERNST,
D. SöERBAKIVSKYJ, O. HucaLo, V. MODZALEVSKYJ, A. SEREDA,
TH. SCHMITT, S. TARANUSENKO und A. ByKovskYJ. Zu erwähnen ist
auch die Herausgabe der Zeitschrift für Kunst und Literatur „Mystectvo*
sowie die Sammlung „Grono‘.
1) IIcrpak Apocnae. 2) Konncrunchkuä Teodin.
3) Xara B Xapkoei.
4) Crapi xaru XapkoBa.
5) Binuntua Bucraska 3a 1923 pik.
204 V. Sıöynskys
Von den Sondererscheinungen verdienen erwähnt zu werden die
Arbeiten von M. CHARLEMAGNE ,„Ilo Knisy ra Horo okommuax“
(K. 1921) und von J. TUHENHOLD „Ppaknycpke MAcreuTBo 19. B.“
(K. 1921).
Die Jahre 1920—1924 bringen eine bedeutende Belebung der
Verlagstätigkeit in Lemberg. Zur Vertiefung des künstlerischen und
wissenschaftlichen Lebens in Lemberg trugen in hervorragendem Maße
jene Künstler und Gelehrten bei, die infolge des Befreiungskrieges in
der Großukraine nach Ostgalizien übergesiedelt waren. Damals wurde
in Lemberg der Verein ausübender ukrainischer Künstler ins Leben
gerufen, welcher seither alljährlich Ausstellungen der modernen ukrai-
nischen Kunst veranstaltet. (Vgl. die Kataloge von vier Ausstellungen).
In Bezug auf die wissenschaftliche Verlagstätigkeit gebührt der erste
Platz dem Ukrainischen National-Museum in Lemberg (Stiftung des
Grafen Septyckyj). Das groß angelegte Verlagsprogramm des Museums
weist eine Reihe gediegener Monumentalwerke aus der Geschichte der
ukrainischen Architektur und Kunst, der Handdrucke und der Buch-
druckkunst auf. An größeren Veröffentlichungen des Museums sind
zu erwähnen I. SvEncI6KYJ: „Über Museum und Museumskunde‘ !) (Lem-
berg 1920); A. LuspynskyJ: „Die Holzkirchen Galiziens im 16.—18.
Jahrh.“?) (Lemberg 1920. Album von Zeichnungen mit 40 Tafeln);
VL. SidynskyJ: „Hölzerne Glockentürme und Kirchen der galizischen
Ukraine aus dem 16.—19. Jahrh.*3) (L. 1925, S. 52 + LXV Tafeln mit
134 Zeichnungen 4°); desselben Verfassers: „Architektur in Altdrucken‘ #)
(L. 1925, S.20 + 6 + XXV Tafeln mit 189 Zeichnungen, groß 4°);
ferner: vier große Albums „Handschriftenornamente in der galizischen
Ukraine im 16.—17. Jahrh.*5) (L.1922— 1923); V. PESCANSKYJ: „Ukrai-
nische Teppiche“®) (L. 1925, S. 14 + 29 Tafeln mit Zeichnungen
a foto 4°): J. SVENOICKYJ: „Die Anfänge des Buchdruckes in den
ukrainischen Ländern“?). Dieses Buch von großem Format (4°) mit
86 Textseiten und 304 Seiten Illustrationen, darstellend 498 Repro-
duktionen von Mustern der alten ukrainischen Gravierkunst aus dem
16.—17. Jahrh., ist eine hervorragende Erscheinung auf dem Gebiete
der künstlerischen Verlagstätigkeit in den letzten Jahren. Von den
neuesten Veröffentlichungen des Museums erscheint besonders wertvoll
die als Prachtausgabe erschienene Monographie über den Bohoroddaner
Ikonostas, ein bedeutendes Denkmal der ukrainischen Malerei aus dem
Ende des 17. Jahrh. (Lemberg 1926, S. 28 + 27 Taf. mit 72 Bildern,
1) IIpo mysei i Mmyseiiunutso.
2) Mepessni wepkeu Tannynun XVL—XVIM. 2.
3) Mepesani nasinnui i vepken Tanmısroi Yrpaian XV1.—XIX. er.
4) Apxutektypa B cTaponpyrax.
5) Ilpnkpacn pyronncip Tanumproi Yrpaian XVI.—XVII. cr.
6) Kunumu Yepainn.
7) Hoyarkn kunroneyaranaa Ha semnax Vrpaiun.
Ukrain. Veröffentlichungen ii. plast. Kunst i. d. letzten zehn Jahren 205
folio), mit Abhandlungen von den drei Verfassern: M. DraGan, V. PxS-
ÖANSKYJ und I. SvEncoI6KkvJ. (Die Illustrationen zu diesem Werke
wurden ausgeführt und gedruckt in dem Graphischen Institut „Unie“
in Prag). Außer den Publikationen des Nationalmuseums lenken auf
sich die Aufmerksamkeit die Arbeiten aus der Geschichte der ukrai-
nischen Kunst von M. HoLUBEG, veröffentlicht zum größten Teil in
der Lemberger Zeitschrift „?Kurta i Mucreurso“. Von demselben Ver-
fasser rührt auch eine größere Abhandlung her über die „Ukrainische
Malerei des 16.—17. Jahrh. unter dem Protektorat des Stauropegiums* !),
sowie eine Reihe von Beiträgen in den periodischen Zeitschriften, bzw.
Tagesblättern „Hromadska Dumka“, „Ukrajinska Dumka“, in den Kalen-
dern des Vereins „Prosvita“ u. a. Im Jahre 1922 erschien aus der
Feder dieses Verfassers der erste Teil der Geschichte der ukrainischen
plastischen Kunst (M. HoLUBEG, „Abriß der Geschichte der ukrainischen
Kunst“?), Lemberg 1922, Verlag „Prosvita“, S. 262 mit Abbild.) und
kleinere Monographien über den bekannten Bildhauer Archypenko, über
Sevienko als Maler und den Maler des 19. Jahrh. L. Dolinskyj (L. 1924).
In der Serie „Ukrajinska Architektura“ (Ukrainische Architektur),
erschien die Abhandlung des Architekten VL. SıCynSkyJ: „Die Kre-
chover Architektur“ 3) (L. 1923) und „Das ukrainische Wohnhaus“ *)
(L. 1924). In der gleichen Zeit erschien die Monographie über die künst-
lerische Tätigkeit des Lemberger Graphikers P. Kovzun mit dem Text
von Fediuk (Pavlo KovZun, Verlag „Treti Pivni“, Lemberg 1923, 8. 6
—+ 32 Taf. 4% mit farbigen Reproduktionen der Werke des Künstlers).
Eine namhafte Anzahl von Artikeln erschien auch in den Lemberger
Zeitschriften, bzw. Tagesblättern: „Literaturno-Naukovyj Vistnyk*,
„Hromadskyj Vistnyk“, „Dilo“, „Zemlja i Volja“, Nova Kul’tura® u. a.,
sowie in der Warschauer „Ukrajinska Trybuna“ und der Prager „Nova
Ukrajina“. In den beiden letztgenannten Zeitschriften gleichwie im
„Literaturno-Naukovyj Vistnyk“ wurden zu der Zeit die meisten Artikel
aus dem zeitgenössischen Kunstleben zum Abdruck gebracht.
Die herausgeberische Tätigkeit beginnt sich auch in der Podkar-
patskä Rus, namentlich in UZhorod zu regen. Es erschienen hier
einige Abhandlungen von Dr. V. ZALOZECKYJ in der Wissenschaftlichen
Sammlung des Vereins „Prosvita* (Romanische und Gotische Bauten®),
Uzhorod 1923) und in den Lokalblättern.
Unter den im Ausland erscheinenden ukrainischen Zeitschriften
begegnet man vereinzelten Artikeln, Rezensionen u. dgl. aus dem Ge-
biete der plastischen Kunst in den periodischen Druckschriften „Volja‘,
„Knyha“ u.a. in Wien. Dortselbst erschien auch eine kleine Broschüre
von Prof. D. Antonovyö über die Kiever Architektur.
1) Yrpaiscpeke manapereo XV1.—XVII. cr. min NOKPoBoM Cra-
Bponirii. 2) Hayepk ictopii YKpaiHcbKorO MHCTEITBA.
3) Kpexiscbka apxitekTypa. 4) Yrpaincıka xara.
5) Pomanckki i roruuski OynoBai.
206 V. SıöynskyJ
In den Jahren 1923—1924 wird die herausgeberische Tätigkeit
auch in Kiev rege. Es erscheint hier die Zeitschrift „Sl’achy Mystectva*
(Kiev 1922—1923), überdies aber auch eine Reihe rein wissenschaft-
licher Werke der Ukrainischen Akademie der Wissenschaften. Von
den Veröffentlirhungen der Akademie sind als besonders wertvoll zu
nennen: J. KAMANIN und VITVICKA: „Die Wasserzeichen“!); Prof. CHv.
Tırov: „Die alte Kultur in der Ukraine“?) und „Materialien zur Ge-
schichte des Buchwesens in der Ukraine im 16.—18. Jahrh.“®), K. 1924;
F. Ernst: „Die Kontrakte und das Kontraktgebäude in Kiev“*), K. 1923;
M. MAKARENKO: „Museum der Künste der Ukrainischen Akademie der
Wissenschaften“ (vormals: Museum Chanenkos) 5), K.1924, 142 S., 8°. In
der Sevöenko-Sammlung wurden veröffentlicht Abhandlungen des Akade-
mikers O. NOVYGKYJ und von M. MAKARENKO über Sevienko als Maler.
Im J. 1924 nimmt eine neue wissenschaftliche Institution, das „Ukrai-
nische Wissenschaftliche Institut für Buchkunde“ (Ukrajinskyj Nauko-
vyj Instytut Knyhoznavstva) eine groß angelegte Tätigkeit auf. Das
Institut liefert eine ganze Reihe wissenschaftlicher und populär-wissen-
‚schaftlicher Abhandlungen aus der Geschichte der ukrainischen Buch-
druck- und Gravierkunst, so: S. MAsLov: „Das Buchdruckereiwesen in
der Ukraine im 16.—18. Jahrh.“®); P.Popov; „Die Anfänge des Buch-
druckes bei den Slaven“?); D. BARVINOK: „Allgemeine Übersicht über
Altdrucke der Kiever Bibliotheken“ ®); D. SORRBAKIVSKYJ: „Der Gold-
einband in der Ukraine“®). — Überdies wurde Heft 1—3, Jahrg. 1924
des Organs des Instituts „Bibliologieni Visty* dem Jubiläum des ge-
druckten ukrainischen Buches (1574—1924) gewidmet, mit Artikeln
und größeren Abhandlungen von P. Popov, $S. MasLov, K. KoPER-
ZYnSK&yJ, V. ROMANOVSKYJ, M. MYOHAJLENKO, D. SÜCERBAKIVSKYT,
M. MAKARENKO, P. KLYMENKO, V. KULZENKO, V. BARVINOK,
D. PERETZ, E. SıoınskyJ u.a.
In den Jahren 1923—1924 erschien eine Anzahl Bücher aus dem
Gebiete der ukrainischen Kunst im Ausland, vornehmlich in Prag, dank
der Unterstützung, welche die tschechoslovakische Begierung für ukrai-
nische Verlagszwecke gewährte. So erschien im Verlag der Freien
Ukrainischen Universität in Prag lithographiert ein „Kurzgefaßter Kurs
der Geschichte der Ukrainischen Kunst“10%) von Prof. D. ANTONOVYö
(Prag 1923, 8. 340) und ein konspektiver Abriß der „Ukrainischen
1) Bopani sHaru. 2) Crapa ocpira ua Yxpaini.
3) Marepiann nıa icropii KHAHOI cmpasu Ha Yrpaini XVI.—
XVII cr. 4) Konrpakın Ta KOHTpakToBnf# 6ynunor y Kuiei.
5) Mysei mucrentBa 6. im. XaHeHkiB Vrpaiucbkoi Akapemii Hayek.
6) Apyrapcıso na Yrpaini XVI.—XVIII. cr.
7) Iloyarku Apykapcrpa y CcNaBAan.
8) 3aranbunft OTNAN CTaPoAPyKiB KUIBCBKUX 6i6NIoTer.
9) 3onoTapcbka ompaBa KHur Ha Yrpaini.
10) Cropoyennt kypc icTopii YKPaiHCBKOTO MHCTELTBA.
Ukrain. Veröffentlichungen ü. plast. Kunst i. d. letzten zehn Jahren 207
Kunst“ desselben Verfassers (Verlag „Nova Ukrajina“, Prag 1928). Aus
dem Bereiche der Archäologie erschienen Abhandlungen von V. SöRR-
BAKIVSKYJ und L. CYKALENKO im ersten Bande des „B6ipmuk Bins-
HorO YEKPaiHcbKoro YhHiBepcutery‘. Die Zeitschrift „Um&ni Slovanü —
L’Art Slave“ widmet der ukrainischen Architektur eine Sondernummer
mit einem Beitrag von V. SIOYnskyJ (Brünn 1924, Nr. 4 mit 28 Illu-
strationen).
Von den ukrainischen Veröffentlichungen im übrigen Auslande
präsentiert sich besonders prächtig die vom Verlage „Ukrajinske Slovo*
in Berlin herausgegebene Monographie über den bekannten ukrainischen
Bildhauer Archypenko, mit einem Artikel von H. HILDEBRANDT in
ukrainischer, französischer, deutscher und englischer Sprache. (Berlin
1923 mit dem Bildnis des Künstlers und 66 Illustrationen). Außerdem
erschien in Leipzig ein Album mit 6 Original-Holzschnitten des ukrai-
nischen Graveurs M. Butovy£, entrommen der ukrainischen (huzulischen)
Dämonologie.
* *
Eine besondere Behandlung verdient die Produktion der letzten
zwei Jahre. In diesem Zeitraum erschienen dank fortschreitender Be-
lebung der Verlagstätigkeit so viele wertvolle Arbeiten aus dem Ge-
biete der alten und der neuen Kunst, daß die Produktion der J. 1925 —
1926 nach Zahl und Umfang der einzelnen Veröffentlichungen fast an
die Produktion der vorhergehenden acht Jahre heranreicht. Faßt man
die Produktion für die letzten vier Jahre (1923—1926) zusammen, so
erweist es sich, daß sie die Produktion der vorhergehenden sechs Jahre
(1917—1922) doch um das Doppelte übertrifft. Abgesehen von Ver-
öffentlichungen rein wissenschaftlichen Charakters lenkt auf sich die
Aufmerksamkeit das in den weitesten Volkskreisen wachsende Interesse
für Kunst, wovon die große Zahl von in periodischen Druckschriften
verstreuten volkstümlichen und kritischen Beiträgen ein Zeugnis abgibt.
Von nun an bildet Kiev zweifellos den Mittelpunkt der heraus-
geberischen Tätigkeit und des wissenschaftlichen Kunstlebens, wofür
die Zahl der hier gedruckten Sonder-Monographien und wissenschaft-
lichen Werke in periodischen und nichtperiodischen Druckschriften (im
Vergleich mit Lemberg und den ausländischen ukrainischen Orten)
spricht. Die führende Rolle in dieser Bewegung gebührt der Ukraini-
schen Akademie der Wissenschaften und dem Ukrainischen Wissenschaft-
lichen Institut für Buchkunde in Kiev. Beide Anstalten leisteten an
Organisationsarbeit und planmäßiger Bearbeitung verschiedener Fragen
aus der Geschichte der ukrainischen Kunst Bedeutendes. Von den Aus-
gaben der Ukrainischen Akademie der, Wissenschaften brachte die
meisten Abhandlungen über die plastische Kunst die Zeitschrift „Ukra-
jina“, die vom Akademiker M. HRUSEVSKYJ geleitet wird. (Artikel
von J. MORHILEVSKYJ und M. MAKARENKO über die neuesten For-
schungen über den Cernihover Dom (zu Beginn des 11. Jahrh. u. a.)
und in den „Mitteilungen“ der Ukrainischen Gesellschaft der Wissen-
208 V. SIÖYNSKYJ
schaften, jetzt Historische Sektion der Ukrainischen Akademie der
Wissenschaften (Beiträge von B. WARNEKE, O. NEKRASOY, V. LUKOM-
sKyJ, M. SLABÖENKO u. a.). Besonders wertvoll sind die einzelnen
Städten und deren Umgebung gewidmeten Monographien bzw. Samm-
lungen, die unter der Redaktion des Akademikers M. HRUSEVSKYJ
erschienen. Im ersten Band der Sammlung „Kiev und seine Umgebung“)
(K. 1926, 476 S., 8° mit Illustr.) befindet sich eine Abhandlung von
D. SCERBAKIVSKYJ: „Das erste Theatergebäude in Kiev und sein Stand-
ort“2); „Reliquien der alten Kiever Selbstverwaltung“®); J. MORHILEV-
sKYJ: „Die Kiever Sophienkathedrale im Lichte neuer Forschungsergeb-
nisse“%); F. ERNST: „Die Kiever Architektur des 17. Jahrh.“°) — „Zur
Geschichte der Kievo-Peterska-Lavra“®); K. LAZAREVSKA: „Die Kiever
Zünfte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrh. und zu Beginn des 19. Jahrh.“?)
— Alle diese Abhandlungen, versehen mit einer größeren Anzahl von
Illustrationen, erschienen auch im Sonderdruck in besonders sorgfältiger
typographisch-graphischer Ausführung. Von den neuesten Ausgaben
der Akademie sind zu erwähnen: Die Abhandlung über die Bau-
geschichte des Kievo-Peterskij-Klosters von SOERBYNA und die Samm-
lung „Cernihiv und seine Umgebung“®). Unter den Arbeiten aus dem
Gebiete der Archäologie sind hervorzuheben: V. DanyLEvyö: „Die
archäologische Vergangenheit des Kiever Gebietes“ ®) (K. 1925, 174 S.
mit 5 Gemäldetafeln und 9 Landkarten); „Kurzer Bericht über die
archäologischen Nachforschungen für 192510) (K. 1926, 120 S.) und eine
umfangreiche „Sammlung“, gewidmet der vormykenischen Kultur in der
Ukraine.
Das „Ukrainische Wissenschaftliche Institut für Buchkunde* gab
im Laufe der Jahre 1925—1926 im Ganzen 24 besondere Arbeiten
aus dem Gebiete der Buchkultur heraus, die vier Folgen des Instituts-
Organs „Bibliologische Nachrichten“ („Bibliolohiöni Visty*) nicht mit-
inbegriffen. Von den Veröffentlichungen, die direkte Beziehungen zur
Kunstgeschichte haben, sind zu vermerken: O. MasLov: „Katalog der
Jubiläumsausstellung des ukrainischen Buchdruckes“ 11) und „Das gedruckte
ukrainische Buch im 16.—18. Jahrh.“12), S. BorovYJ: „Skizzen aus der
1) Kuis Ta Horo oKoNuuR.
2) IIepumä Tearpansunä 6ynumor y Kuisi Ta foro cannda.
3) PenikBii cTaporo KUIBCBKOTO CAMOBPANYBAHHR.
4) Kuischka Codin B CBiTNi HOBHX CNOCTepe’keHb.
5) Kuiscpka apxirertypa XVII. cr.
6) Mo icropii Kuiso-neuepcproi hopreni.
?) Kuischki exu B apyriä nonoenni XVII. ra na noyarky XIX.B.
8) „Uepanris Ta Horo oKonuuR“,
9) Apxeonoriuna MunyBamHa Kuisımunn.
10) „Koporke sBinomnehnn 3a apxeosoriuni nocninn 1925 p.“
11) Karanor BineiHoi BuCTaBku YkPpaiHcbKoro APYKapcTBa.
12) Yrpaincpka apykosana kummka XVI.—XVIII. BB.
Ukrain. Veröffentlichungen ü. plast. Kunst i. d. letzten zehn Jahren 209
Geschichte des jüdischen Buches in der Ukraine“1); V. ROMANOVSKYI:
„I. Fedorovy£, sein Leben und Wirken“2); P. KLyMEnKo: „Die Graphik
der Schrift der Ostroher Bibel“®); M.MAKARENKO: „Die Ornamentierung
des ukrainischen Buches im 16.—18. Jahrh.**) usw. Besonders hervor-
gehoben zu werden verdient die umfangreiche Inventarisierungsarbeit
von P. Popov in seinen Materialien zu einem Wörterbuch der ukrai-
nischen Graveure (K. 1926, 137 S. mit Illustr.). Anläßlich der Aus-
stellung der Werke des hervorragenden ukrainischen Graphikers GEORG
NARBUT, die im Herbst 1926 in Kiev stattfand, wurde die entspre-
chende Folge der „Bibliolohieni Visty* (Kiev 1926, Nr. 3) diesem
Künstler gewidmet, worin die Beiträge von F. ERNST, E. HOLLERBACH,
J. MyYcHAJLIV, P. BALICKYJ hervorstechen. Eine Reihe von Artikeln
aus dem Gebiete der modernen Kunst wurde veröffentlicht in den Zeit-
schriften „‚Yepsonnä Ilnax‘‘ (Charkov), ‚„Kurra i Pesomonin‘‘ (Kiev),
„Beecgir‘‘ (Charkov), „IIponerapcpera Ilpaspa‘‘ (Kiev), „Kyıprypa ü
no6yr‘‘ (Beilage zu „Bicrn‘‘, Charkov), „Tno6yc‘‘, ‚Hose Mucrenrtso‘
u.a. Von sporadischen Erscheinungen erwähnenswert ist die in 50 Exem-
plaren gedruckte Ausgabe der Holzschnitte des Öernihover Staatsmuseums
(Cernihov 1925, 8 Tafeln von Originalgravüren 1708—1760). Ganz
besonders hervorgehoben zu werden verdienen die der ukrainischen Por-
trätskunst des 16.—19. Jahrh. gewidmeten Veröffentlichungen des All-
ukrainischen Historischen Museums zu Ehren T. Sev&enko’s in Kiev
sowie die Monographien über Georg Narbut (D. SCEHRBAKIVSKYJ und
und F. Ernst: „Das ukrainische Porträt“), K.1925, 64 S. mit 16 Illustr.;
F. ERNST und J. STESENKO: „Georg Narbut, die Ausstellung seines
Nachlasses“ ®), K. 1926, 170 S.+ 23 Taf. mit Repr.). In Bezug auf die
künstlerische Ausführung des Druckes und der graphisch-künstlerischen
Sorgfalt dürfte die ukrainische Buchdruckkunst der letzten Jahre mit
diesem Werke ihren Höhepunkt erreicht haben.
In der Produktionsstärke von Lemberg, dem nach Kiev bedeutendsten
Zentrum der ukrainischen Verlagstätigkeit und Buchdruckkunst, gebührt
der erste Platz dem ukrainischen Nationalmuseum, welches die wertvollsten
Publikationen lieferte. Deren Verzeichnis ist bereits oben angeführt
worden. Daran reiht sich die im J. 1924 von der Sev&enko-Gesellschaft
der Wissenschaften gegründete und von Dr. J. KREVECKYJ redigierte
Zeitschrift „‚Crapa VYrpaina‘‘ (Die alte Ukraine), sowie die neugegründete
Zeitschrift „‚Vrpaiscpke Mucrentso‘‘ redigiert von M. HoLUBEC. Zwei
Folgen der „Stara Ukrajina* erschienen als Sonderhefte und zwar:
Nr. 2—4 für 1924, gewidmet dem Jubiläum der ukrainischen Buch-
druckkunst (1574—1924) und Nr. 7—10 für 1925, gewidmet aus-
1) Hapncn 3 icropii espeficpkoi KHurun Ha Ykpaiki.
2) Isan DenoposBu4, Horo >KaTTA i MIANbHICTB.
3) Tpadika mpuhry Ocrpossroi 6i6mii.
4) Opnameuranin ykpaiucpkoi: kuurua XVI.—XVII. e.
5) Yrpaiuchknuf NOPTper. 6) Teopriä Hap6yr.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 14
210 V. SıöynskyJ
schließlich der Geschichte der ukrainischen plastischen Kunst mit Bei-
trägen von V. ZALOZECKYJ, M. HoLuBEG, V. SıöynskyJ, V. PESöAn-
&eyJ und P. CHuoLopnYJ. Die Zeitschrift für plastische Kunst „Ukra-
jinske Mystectvo“ scharte um sich vorwiegend in Galizien und im
Auslande wirkende kunstwissenschaftliche Kräfte. In den ersten vier
Heften dieser Zeitschrift wurden veröffentlicht Artikel von D. ANDRIEV-
SKYJ: „Die ästhetischen Grundlagen der Baukunst‘; M. HoLUBEC:
über den Maler R. Lisovskyj; V. ZALOZECKYJ: über die Maler
Babij und Hlustenko; V. SIÖynsK&yJ: über die Graphiker Vasyl
Kasian und Mykola Butovy& u. a. Von den übrigen illustrierten
Blättern bringt verhältnismäßig viel Material aus dem Gebiete der
ukrainischen Kunst die Lemberger Wochenschrift „Ceir“, die von dem
Arbeiterverein „Drukar“ herausgegeben wird und die Zeitschrift ‚JIire-
parypro-Hayropnä Bicruur‘‘ (hier ein größerer Artikel von VORONYJ
über das Porträtproblem), ‚ino‘‘, „Borocaogin‘‘, „Hosa Xara‘“ u.a.
Vereinzelte Artikel erschienen auch in den Mitteilungen der Sevöenko-
gesellschaft der Wissenschaften in Lemberg, so von BARVINSKYJ:
„Beiträge zur polnisch-ukrainischen Heraldik und Sphragistik“ ?) ; E.SICIN-
SKYJ: „Der Einfluß der byzantinisch-athonischen Architektur auf die
gemauerten Kirchen in Podolien*?) (Lemberg 1925); VL. SIGYNSKYJ:
„Bojkischer Typus der Holzbauten in den Karpaten“?) (Lemberg 1927).
Die zwei letzteren Arbeiten erschienen in Separatausgaben. Andere
Lemberger Publikationen: „Die galizische Malerei“*) (Lemberg 1925);
„Führer durch Lemberg“ 5) (Lemberg 1926); eine Monographie über den
‚ Maler Cholodnyj (Lemberg 1926) — sämtlich von M. HoLuBEc. Im
J. 1925 erschien auch ein Album der ukrainischen Stickereien mit
20 Tafeln in Farbendruck (,‚Yrpaiucpki summeku — Les Broderies de
Y’Ukraine“, Lemberg 1925).
In U%horod erschien die Abhandlung von V. ZALOZEOKYJ: „Die
Schloßkapelle in Horjany“®) (Haykosnü 36ipmuk Topapncrza Ilpocgira,
Bd. 2, Uzhorod 1925), abgedruckt in der Wiener Zeitschrift „Belve-
dere“. Aus der Feder desselben Verfassers erschien in Wien eine
größere Arbeit: W. ZALOZECKYJ: „Gotische und barocke Holzkirchen
in den Karpatenländern“, Wien 1926.
Die herausgeberische Tätigkeit außerhalb der Grenzen der Ukraine
konzentriert sich hauptsächlich in Prag, an welchem Ort die wert-
vollsten Ausgaben im Laufe des J. 1926 erschienen. In den „IIpani“
der Ukrainischen Historisch-philologischen Gesellschaft (Prag 1926,
Bd. I; S. 210) finden wir Abhandlungen, die später auch im Separat-
1) Ipnunaku no NCNBCbKO-YRPalHcbKoI Tepansaukn i chparictakn.
2) Bun BisaHTiächko-ATOHCBROI apxirTektypu Ha ÖyNiBHHUTBO My-
poBaHnx mepkoB Ha IIonismo.
3) Boäkischrnf Tun Nepepannx Oynog na Kapnarax.
4) Tanuupke manapcreo.
5) IIpoBinunk no JIbBopy. 6) Topancpka BaMmkoBA Kanınuf.
Ukrain. Veröffentlichungen ü. plast. Kunst i. d. letzten zehn Jahren 211
abdruck erschienen; so von V. SÜRRBAKIVÄRYI: „Die Grundelamente
der Ornamentik der ukrainischen Ostereier und ihr Ursprung*!); L. ÖYEA-
LENKO: „Die Technik der Ornamentierung der Erzeugnisse der Mizyner
neolithischen Siedlungen‘ ®); D.ANTONovYt: „Die Entwicklung der Formen
der ukrainischen Kirchen*®) und „Wer war der Erbauer der Bruder-
schaftskirche in Lemberg**)? Im Verlage des Ukrainischen Verlagsfonds
erschien: „Die moderne ukrainische Kunst“, Bd. I mit Artikeln von
D. AnTonovYö; D. SCERBAKIVSKYT: „Die ukrainische Kunst — L’Art
d’Ukraine*, Bd. II, Die alten Kirchen, Grabdenkmäler und Wegsteine
in Ukrainisch-Podolien, in der Bukowina und in Pokutje (Prag 1926,
40 S.+64 S., Bilder 4°); V. SIÖYNSKYJ: „Architektur der alten
Fürstenperiode — L/’Architecture de X.— XII. sideles* (Prag 1926,
50 8.+ 24 S. mit Abb.).
In allen Ausgaben des Fonds, welche sich, nebenbei bemerkt, in
bezug auf die künstlerische Ausführung sehr günstig ausnehmen, wurde
dem ukrainischen Text auch ein französischer beigegeben. Der dem
Ukrainischen Pädagogischen Institut angeschlossene Verlag „Sija&* in
Prag veröffentlichte die Vorlesungen von V. SIGYN$K&YJ aus der all-
gemeinen Kunstgeschichte, mit besonderer Berücksichtigung der Kunst
der slavischen Völker, vornehmlich der Ukrajine, Tschechoslovakei
und Polens (V. SıöynskyJ: „Konspekt der Kunstgeschichte“°). Erster
Teil: bis zur Renaissance. Prag 1925, 264 S. mit 53 Abb.). Dem Abriß
wurde ein separates Album „Crani“ (Die Stile) mit XX Tafeln und
283 Zeichnungen beigegeben (Prag 1926, Druck der A. G. „Unie*).
Im Verlage „Yspaiacpka Monons“ erschien eine Serie kleinerer Publi-
kationen unter dem Gesamttitel: „Meister der ukrainischen Kunst‘.
Es erschienen bis jetzt Beiträge von M. RuTKıvskyJ über den Maler
J. Pochytonov und von D. AnToNovYö über Alexander MuraSko und
I. Stanislavskyj.
Von fremdländischen Zeitschriften, ir deneu Beiträge ukrainischer
Forscher veröffentlicht wurden, sind zu nennen: „Um£ni Slovandı. —
L’Art Slave“ und das Wiener „Belvedere“. Im ersteren erschien ein
Artikel von V. SIOYnskKYJ: „Die zeitgenössische ukrainische Graphik —
La Graphique Ukrainienne moderne“ („Umeni Slovanü“ Jahrg. 2 Nr. 3
Brünn 1925 mit 19 Abb.), im letzteren einige Artikel und Notizen
von V. ZALOZEÖKYJ. Mehrere Artikel aus dem Gebiete der ukrainischen
plastischen Kunst wurden veröffentlicht in den ukrainischen Zeitschriften
„Hama Becina* Warschau, „Yrpaischki Biern“ Paris u. a.
1) OcHosHi eremeHru OopHaMeHTaıif JKPaiHCbKUX IIMCaHoK Ta IxHe
HOXOMKEHHN. t
2) Texhuika OopHaMmeHTyBaHHH KepaMmnuyHAnX Bupo0iB MisaHHCbBEKHX
HEONITHYHHX CEJIMIN.
3) Possit dopm ykpaiucbKoi NepeBnAHol MEPKBH.
4) Xro 6yB 6ynieunynm OpambKoi Mepken y JIpBoBi?
5) Koncnekr icropil BCeCBiTHLOTO MHCTEITBA.
14*
919 A. BRÜCKNER
Die allgemeine Übersicht der ukrainischen Literatur über die
plastische Kunst für die letzten 10 Jahre läßt feststellen, daß im Ver-
gleich zu der Vorrevolutionsperiode (vor 1917), wo das Interesse der
ukrainischen Forscher hauptsächlich der Volkskunst und der Ethno-
graphie galt, dieses Interesse nunmehr auf die Erforschung der histo-
rischen Kunstdenkmäler gerichtet ist. Das Interesse für die moderne
Kunst nimmt parallel mit der Förderung von Ausstellungen der modernen
Kunst und des Schulwesens, ungefähr seit Beginn des J. 1923, stetig
zu. Unter den besonderen Zweigen der plastischen Kunst entfallen
die meisten Abhandlungen auf die Architektur und die Gravierkunst,
bzw. auf die graphische und zum Teil auf die angewandte Kunst, wo-
bei monographische Studien und allgemein-geschichtliche Rückblicke
überwiegen. Was die Technik des Buchdruckes und der graphisch-
künstlerischen Ausführung anbelangt, so zeitigten die letzten Jahre
einen merklichen Unterschied im Vergleich zu den Ausgaben der Jahre
1917—1920. Die Kleinbroschürenliteratur und gelegentliche Zeitungs-
artikel räumen den Platz dem ernsten Buch, Monographien und wissen-
‚schaftlichen Sammlungen mit guter drucktechnischer Ausführung und
zahlreichen Illustrationen ein. vatin
Prag V. SICYNSKYJ
TRAUTMANN REImHoLD. Baltisch-Slavisches Wörterbuch. Göttingen,
Vandenhoeck u. Ruprecht. 1923. VIII u. 382 SS. (Göttinger
Sammlung indogermanischer Grammatiken und Wörterbücher).
Innerhalb der idg. Sprachen gibt es neben der indoiranischen, nur
noch eine gleich innige Verwandtschaft, die lituslavische, tritt diese auch
nicht in so unmittelbare Erscheinung, wie jene, weil die Belege fürs
Indoiranische um Jahrtausende älter sind, als die fürs Lituslavische.
Kein Wunder daher, daß nicht alle Forscher darüber gleich urteilen;
so bestreitet MEILLET eine lituslavische einstige völlige Einheit, gibt
nur parallele Entwicklung zu, wiederholt dies z. B. auch in dem Auf-
satz über slavische Namen der Körperteile (Rocznik Slawistycezny IX)
und doch läßt sich gerade an diesen Namen die lituslavische Einheit
erweisen, denn welche andere Sprachen wiederholen so gleichmäßig
z. B. dieselben Namen für Finger, Hand, Handfläche und Ellenbogen,
um nur bei einem Körperteil zu bleiben? Die lituslavische Einheit
erhellt nicht aus dem Laut- noch Formenbestand, sondern aus Stamm-
bildung und Wortschatz. Das lituslavische Wort für Blut kennen
andere Arinen, aber wo wiederholt sich in ihnen die speziell lituslavische
Ableitung kruvinas — krevons? Und so immer wieder. Es gibt kein
slavisches Suffix, das wir nicht im Litauischen, oft in derselben Aus-
dehnung, vorfinden und umgekehrt, mag auch die lautliche Form
Änderungen erfahren haben, z. B. radlo aus *artlo — arklas aus *artlas.
Den Beweis für die lituslavische Einheit liefert eben TRAUTMANN’s
Buch, das auf die Übereinstimmungen in der Stammbildung das größte
[
R. Trautmann, Baltisch-Slavisches Wörterbuch 213
Gewicht legt; MEILLET hat sich allerdings auch jetzt noch nicht ganz
überzeugen lassen, aber es läuft dies jetzt eher auf Streiten um Worte
hinaus. Und doch hat TRAUTMANN ausdrücklich auf Suchen neuer,
unbekannter Wortgleichungen verzichtet, hat nur einige wenige neue,
die er Kaz. BuUGA verdankt, aufgenommen und ihre Zahl ließe sich
beliebig vermehren. Um nicht bei bloßer Behauptung zu bleiben, seien
aufs Geratewohl ein Paar genannt. So ist lit. kaulas ‚Knochen‘ (das
auch, wie poln. kostka ‚Kern im Steinobst‘ bedeutet) = slav. skula, dass ;
umgekehrt (inbezug auf den Anlaut sk—=k) lit. skilwis ‚Magen‘ —
slav. Er&vo dass. (Wechsel von Zund r wie in garsas = glas ‚Stimme‘ u.a.).
Von dem preuß. Namen Semd? (Samländer) sagt GERULLIS, Die alt-
preußischen Ortsnamen S. 155: „die Qualität des s ist nicht zu be-
stimmen, daher ist auch die Erklärung des Namens unmöglich“, aber
der Name wiederholt sich in slav. sed-r& ‚Genosse‘, dessen e (serb. sebar,
russ. sjadr) sich nur in den rumänischen und magyarischen Entlehnungen
(ezimbora ‚Kamerad‘) wiederholt!); das Suffix (se-b) ist dasselbe wie
in svob- (svoboda, subs ‚selbst‘):
Freilich ist sogar von TRAUTMANN’s vorsichtigen Zusammen-
stellungen manche zu streichen, schon wegen der leidigen Frage: ent-
lehnt oder verwandt? Findet man nämlich z. B. im Preußischen das-
selbe Wort wie im Poln. in derselben Bedeutung, nicht aber im Lit.
noch im Lett., so liegt zweifellos Entlehnung, nicht Verwandtschaft
vor, also ist die Gleichung gena = poln. zona zu streichen, das poln.
natürlich des 11.—13. Jahrh., wo zena noch ‚Weib‘, femina, nicht nur
uxor, wie seit dem 14. Jahrh, bedeutete; das g beweist nichts, weil
der Entlehner stark prutenisierte, vgl. z. B. sein kekulis aus czechl,
ketwirtiks aus czwartek, gywas neben Zywy usw.; ich möchte sogar
die Echtheit von gabawo — Zaba bezweifeln. Ebenso ist dabo nur poln.
bob; skurdis nur poln. oskard; kurwis nur poln. karw (nirgends außer
poln. und preuß.!); lit. karve nur sl. krava; kreslas nur kr&slo (trotz
krase ‚Stuhl‘, das zu slav. krosno gehört, was bei TRAUTMANN fehlt)
preuß. mensa nur meso (vgl. lit. mesa aus mjaso) usw. Jedenfalls ist
größte Zurückhaltung geboten; die Entlehnung von basas aus bos liegt
ganz nahe, weniger nahe, wegen der Vokalqualität, die von nuogas
aus nag, aber jedenfalls würde ich das abstractum dazu, nagota, streichen,
denn sein Vorkommen in beiden Sprachgruppen erweist noch lange
nicht sein lituslavisches Alter. Irrig wird ein „sänu- hohe Würde*
angesetzt, es ist ja ein turkotatarisches Lehnwort im Bulgarischen.
Es gibt kein poln. söolo ‚Dorf‘, nur ein siodlo, wofür der Ruthenismus
selo erst im 16. Jahrh. auftauchte und noch heute merkt man dem
siolo die fremde Herkunft an: somit ist die aufs poln. mähr. szolo, selo,
allein beruhende Gleichung sala- zu streichen. Ebenso sind zu streichen,
1) MIKLosIcH hat das serb. und das russ. Wort voneinander ge-
trennt! Der Nasal ist nur im magyar. erhalten wie bei lengyel = lech.
Das lit. ist natürlich aus dem weißruss. entlehnt.
914 A. BRÜCKNER
weil um ein Jahrtausend etwa jünger, als die lituslavische Epoche,
alle Lehnwörter aus dem Deutschen. Die Annahme einer ‚im Balt.
und Slav. verbreiteten Schicht von germanischen Lehnwörtern* (unter
asilas; katilas; kaupiö- freilich ist preuß. kaupiskan ‚Handel‘ wegen
seiner absoluten Vereinzelung höchst verdächtig ; kuningas fehlt, warum ?),
ist ja treffend, in dieser vorsichtigen Fassung, die unentschieden läßt,
wie diese Entlehnungen vor sich gingen (litauisch direkt aus dem
germanischen ?), aber jedenfalls sind alle diese Wörter aus dem litu-
slavischen(!) Wortschatz als viel zu jung dazu zu streichen gewesen.
In der sorgfältigsten Beachtung der regelmäßigen Lautentsprechungen
geht TRAUTMANN mitunter zu weit, beachtet z. B. nicht die Dubletten
der Liquida r, 2 oder der Gutturale g ı2), 2 (2). Unter geltas ‚gelb‘
lesen wir $. 84 ‚eine Reimbasis s. u. Zelta-, zalta- Gold*, aber mit „Reim-
basis“ ist nichts erreicht, denn wo bleibt zelens, zelije usw., die ebeu
auf der Dublette g— 2 beruhen ? Oder zu preuß. zar? ‚Glut‘, lit. zarija
‚glühende Kohle‘, gehört natürlich slav. zerav ‚glühend‘, Zeravsje
‚glühende Kohle‘, identisch trotz der Gutturaldifferenz (wie sie ja öfters
eintritt; slav. gv&zda ist sicherlich nicht durch eine mythische „Fern-
dissimilation“ entstanden, sondern ursprünglich!), aber TRAUTMANN
nennt die slav. Wörter nur 8. 79 unter garitt. ;
Befremdender wirkt, daß das so viel jünger und dürftiger über-
lieferte Litauisch zugrunde gelegt wird: die Lemmata haben alle
litauische Färbung, nur ausnahmsweise slavische (z. B. gelea- Eisen), wor-
über man dcch sehr geteilter Ansicht sein kann, z. B. daß das lit. a
älter wäre als das slav. o, es stört geradezu der Ansatz der o-Stämme
mit einem nur lit. a-! Diese Bevorzugung des Lit. hat sich mitunter
gerächt, z. B. in der Aufstellung der Bedeutungen, so heißt es „melka-
N. und malkä- Schluck, wegen lit. malkas Schluck, die Bedeutung
des slav. me?ko Milch mag unter germanischem Einfluß stehen“. Statt
dessen hat das Lemma zu lauten: melko- N., Feuchtigkeit. Lit. fehlt,
slav. melko Milch (vgl. vlaga Feuchtigkeit; fette Speise). Ablaut molka F.,
Feuchtigkeit, lit. malkas Schluck, slav. molka Sumpf (in allen Slavinen),
poln. pamloka Nebel. Vgl. got. milhma Wolke, griech. wAxıov usw.
Oder es wird ein valkti- F. Ähre, angesetzt, statt des allein richtigen
volti- (vlot in allen Slavinen, lit. valtis usw.), wegen dialekt. valkstis,
als ob dies etwas besagen würde, ist doch der Stamm derselbe wie in
vlas.‘ Verf. meint, er würde bei einer zweiten Auflage „etymologische
Erörterungen noch stärker in den Hintergrund drängen“, sehr mit Recht,
namentlich wären alle oder wenigstens die meisten litu-indischen
Gleichungen zu streichen, z. B. auf S. 340 (preuß. walös Ortscheit, das
wohl aus poln. wal, walek entlehnt ist; lit. valanda ist aus dem russ.
entlehnt). Namentlich falie alles verdächtige weg, z. B. „smirda-
Stänker“, aber das lit lett. ist aus dem russ. entlehnt, vgl. K. Z. 52,153
und eher würde ich das lit. tuscias leer, für entlehnt ansehen, als daß
ich slav. ts3to „aus idg. *lus-sk-tio-“ erklärte.
Verf. beachtet streng die Lautgesetze, daher bedauert er förmlich,
R. Trautmann, Baltisch-Slavisches Wörterbuch 215
gulbia- und kulpia- Schwan, nicht voneinander trennen zu können
„trotz der merkwürdigen Lautverhältnisse“; und wenn er $. 95 grusa
Birne, nennt, S. 140 unter krusa dass. wiederholt, so erweist ihm „der
Wechsel im Anlaut uralte Entlehnung“, aber solche Dubletten sind
nichts weniger als „merkwürdig“. Namentlich operiert V. mit „Ablaut“,
um Unstimmigkeiten zu beseitigen. So lesen wir unter amelä- Mistel
„slav. emela und omela, dazu ablautend mela in ksl. imela u. a.“, Ich
sehe ganz davon ab, ob die lit. Entsprechungen nicht nur auf Entleh-
nung zurückgehen; aber die slav. Formen jemiola, jamiola, omela,
imela, melje (poln. miele 1472 u.a.) wiederholen sich ebenso beim Namen
des Rebhuhns: jared, jereb, oreb, ireb (poln. Irzabek), reb (russ. rjabeik)
oder bei jeste, joste, üszeze, szcze: der Grund davon liegt offenbar
nicht im Ablaut, sondern im Anlaut, der bei ja-, je- stark wechselt
(übrigens sind auf derselben Seite 7, die „baltisch-slavischen“ Gleichungen:
alu- Bier; älva Blei, zu beanstanden; die lit. Entsprechungen sind,
namentlich sicher bei dem Bleinamen, nur Entlehnungen). Und immer
wieder muß der geplagte „Ablaut‘‘ herhalten, z. B. belena- Bilsen: slav.
Grundform ist nur delno- und fürs serb. dun ist eher bloße „Vokal-
färbung“ anzusetzen wie bei geltas-2vlt u.a.; ebenso unter alband- Schwan,
geleäa- Eisen u. a.
Manches sei in alphabetischer Reihenfolge erwähnt. S. 11 wird
unter anzu- eng, auf @n2ö verwiesen, doch fehlt dieses. 8.16 wird
slav. ofava Grummet, auf das Präfix ot- zurückgeführt, nicht glaublich.
S.17 fehlt unter audiö webe, der slav. Beleg (ustro Gewebe). Der
Name der Ukelei ist kein Urwort, gegen $.18. Uzda Zaum, wird,
allerdings fragend, zu austa ‘Mund‘ gestellt; es ist u (in u-&), -zda ist
Suffix, für bloßes -da. Einige ausschließlich lit. lett. Worte bleiben
höchst zweifelhaft, z. B. avanta- Quelle, S. 20, denzu- dick, S. 30. S. 21
soll slav. ov?s Hafer, auf auig-so beruhen wegen lit. avizos, ebenso vrös,
Heidekraut, wegen lit. vir2iaz „eine Stammerweiterung mit s“ aufweisen;
beide Annahmen sind gleich unhaltbar. $. 22: es gibt kein azdexö
‚dörre‘, es ist ein germanisches Lehnwort aus dem Poln.; bagotas ist
Lehnwort, gegen S. 23. Auch fürs slav. ist debr anzusetzen, vgl. Fluß-
namen poln. Biebrza, gegen S. 28. Bei poln. dzöuplo neben duplo kann
ebensowenig von einem Ablaut die Rede sein (8. 46), wie bei dziura
Loch gegen dura usw.; es sind Dubletten wie russ. tiuma und zahllose
andere Fälle. Daß dirgiö, halte, und dirza-, Riemen, eines sind, trotz
des Gutturalwechsels, ist selbstverständlich, S. 56 wird beides getrennt.
S. 64 wird aus dem nur sloven., nichts für den Ursprung besagenden
pazducha, slav. pazucha „lautgesetzlich“ (? ?) hergeleitet. Daß lit. eiga
und eiva, Gang, gehend, Urwörter wären (S. 68), ist wenig glaublich;
sicher unrichtig ist die Herleitung des slav. jalowiec von einem älu-
Wachholder, statt von ja? unfruchtbar (8. 69). Lit. zgyt, erlangen,
russ. do2it’ war nicht „ursprünglich wohl nur mit Zeitbegriffen ver-
bunden“, vgl. ööditi, poln. zdäyd, verzehren. Unter gurtla (gurdla ist
überflüssig) wäre reiner zu scheiden, lit. gerkle mit slav. zerdlo von
916 A. BrÜückNER
gurklys- slav. gürdlo ganz zu trennen; zu graza-, slav. groza Schrecken,
fehlt die e-Stufe, ru. grioza, die ja auch BERNEKER nicht, unter groza
bietet, der aber das lit. graZoti drohen, mit Recht als entlehnt abweist.
Ikra-, Roggen, und ikra-, Wade, ist ein und dasselbe Wort, von ‚der
Schwellung, slav. auch ohne %-, kra Scholle. Juokas Scherz, wäre nicht
der einzige Latinismus im Lit. (gegen S. 108) und daher zu streichen,
vgl. poln. una, spina. Poln. jugo 8. 109 weist auf keinen „Ablaut“,
sondern steht für altes 7290, weil ju- und j7@- auch im Poln. wechseln.
Kal Kot, hat sk-Anlaut, vgl. squalor usw., slav.--skalusz neben kalusz.
Kalbasyti, schwatzen, und böhm. klabosıti stimmen nur zufällig überein.
Slav. kat Winkel (S. 116) hat nichts mit x«vdög Augenwinkel gemein,
ist ‚Loch‘ ursprünglich. Koryto, Mulde, Trog (S. 119) gehört zu kora
Rinde, wie kopyto, zu kopa. Öekati ist keine „alte, reduplizierte Bildung“,
sondern vom Nomen cdaka zu laja abgeleitet, cakati die ältere Form.
Wie so oft, fehlen bei kenkieti, tut Weh, und kentiö, dulde, die slav.
Entsprechungen, kuka (mit u= a) und katr- (poln. ketrzny). Bei kerdä
Herde, hätten die slav. Nebenformen mit % genannt werden sollen, krd,
krdel usw. Lit. skersas, quer, steht nicht für kersas, sondern hat
alten sk-Anlaut, wie das slav. erweist. Slav. na-deti beginnen ist lit.
skinu, pflücke, kon» ursprünglich Anschnitt. Kletis ist sicher Lehn-
wort: die Betonung besagt nichts. Lett. kvetu glänze, slav. kvet ist
Dublette zu lit. vita, slav. svet. Bei kliköö, kreische, S. 136, fehlt die
slav. r-Nebenform, kridati, ebenso bei slav. glas S. 77 lit. garsas, aber
r und / wechseln, vgl. rys® Luchs u. a.; TRAUTMANN selbst stellt S. 172
unbedenklich poln. mul zu lit. mauras. Ebenso kann die Stellung des
r wechseln, vgl. poln. furczed und frucze, burczed und bruczed, brouono
und dervono usw., daher gehört zu lit. kurmis, Maulwurf, nicht ein
indisches Wort für Schildkröte (!), sondern das slav. für Maulwurf, kert
und Ärst. Wenn unter Zava, Bank, behauptet wird, „die Betonung
erweist die Urverwandtschaft des litule. Wortes mit dem slav.‘, so ist
gerade das Gegenteil richtig. Der Fall lazda = leska ist derselbe wie
gulbis = kielp, gruSa und krusa usw., daher ist Zazda nicht zu loza zu
stellen (gegen S. 153). Unter limtör, zerbrechen, fehlt die e-Stufe, slav.
lemes. Zu lit. misras, vermischt, gehört poln. miechrat, wirren. German.
Einfluß bestreite ich für Zud, Volk, mleko, Milch u.a. Manche |lit.-
indische Gleichungen sind allzu fraglich, z. B. auf $. 188 mudrus und
mulkis. Slav. nestera geht nicht auf nept-tera zurück (8. 196), es
verhält sich zu neftj wie gresti testi zu greti teti und die er-Erweite-
rung stammt von mater- und dsöter- her. Pr. nautin, Not, 8. 201, ist
slav. nazda dass., neben dem -{-Formen vorkommen, vgl. lit. pa-nıidau,
sich sehnen, mit poln. nudzie sie, sich langweilen. Wegen des lit., wie
immer, wird ölekt- als Urform angesetzt, statt olküt wie slav. olküto
und pr. woltis beweisen; zum lit. überflüssigen e vgl. obelis u. a. Slav.
perper (p. przepiör) ist einheimische Reduplikation, so häufig im Slav.,
und geht nicht auf paipala zurück; lit. yutpela ist russisch. Peizda-
S. 211 ist sicher Lehnwort, peila- S. 210 wohl ebenfalls; der Vokal von
R. Trautmann, Baltisch-Slavisches Wörterbuch 217
peilis ist vielleicht nur Lituanisierung nach dem Muster kreivas = krivu.a.
Wie perkunas zu perti gehören kann ($. 215), ist unerfindlich; pirtis
ist aus dem russ. entlehnt. Pero ist lit. sparnas, gehört nicht zu got.
faran (S. 216). Zu lit. piautö, schneiden, lat. putare gehört slav.
pytatı, foltern (S. 217). Pr. wertema? wir schwören, zu slav. rota Eid
zu stellen, S. 238, ist schon darum unrichtig, weil gar nicht zu be-
stimmen ist, welcher physische Akt das Schwören begleitete, man kann
an allerlei denken, sogar an ein Drehen! Dem lit. zu Liebe wird slav.
rozga aus 0r2-ga zu rezgu gestellt, vgl. noch slav. razens Bratspieß,
aus orz-. Zu lit. rist? gehört slav. rösiti dass, das $. 246 fehlt. Pr.
saninsle Gürtel, ist verschrieben für savinsle- poln. zawieziel dass.,
denn was sollte -ınsle sein? (S. 249). Daß sl. s?eno Kontamination
wäre von sül- und sun-, ist unglaublich ($. 251); es ist eine Bildung
wie okno u. ä.; hat doch auch der Mondnamen eine ebensolche n-Bildung
erfahren und weiter dasselbe -®c angehängt. Lit. siena, Wand, ist von
slav. stena, dass. (das auf sk-Anlaut beruht, nichts mit Stein gemein
hat!) nicht zu trennen; der Slave kannte nur Holz-, Lehmbau; ein
Steinbau kam erst auf dem Balkan auf, daher ist S. 281 staina- zu
streichen. Bei slav. szla heißt es $. 253 „weitere Beziehungen sind
unsicher“, aber sila gehört nach MIKLOSICH zu den Wörtern für binden,
vgl. dags kräftig und deg- Strick. Krowa und sarna beide mit cervus
zu vereinigen, wie dies S. 119 und 260 geschieht, geht doch nicht so
ohne weiteres an; lit. stirna dazu zu stellen ist doch nicht schwieriger,
als sergu mit ströga zu vereinigen, was S. 258 ohne weiteres geschah.
Auf 8. 268 macht die serb. poln. Doppelform sluka 3ljuka (poln. slaka
ist Fehler) „Schwierigkeiten“, die doch keine sind; das „sekundäre“ 7,
gibt es im Serb. etwas häufigeres? S. 310 wird lit. $ukos, Kamm, mit
slav. Sce£ auf Grund des polab. saczt, Borste, angeblich = slav. sedet»
vereint, aber seit wann beweist salab. a (vgl. Zarı, drei usw.) irgend
etwas? Ein slav. söde£» ist unmöglich, es gibt nur ein et- aus sket usw.
Diese und andere Einwände machen dem Wert des ausgezeichneten
Buches keinerlei Abbruch, denn seine nächste Aufgabe, die lituslavische
Einheit auf Grund von Wortbildung zu erweisen, hat es glänzend ge-
löst. Nur noch einiges methodische zum Schluß: die Arier haben für
Verwandtschaft mütterlicherseits keine Namen geprägt, nicht einmal
für den Mutterbruder, folglich ist die Gleichung slav. $urja Schwester-
mann =ind. syala- zu streichen (S. 261); ebenso verhält es sich mit
Fischnamen und allen darauf bezüglichen Gleichungen, z. B. S. 298
som Wels, 299 Japalas Döbel, S. 150 Zosos Lachs u. a. Die engen Be-
ziehungen des Slav. und Litau. lassen ohne weiteres zu, slav. chold
Kälte und lit. $altas dass. zu vereinigen; slota nasses Wetter, liegt
nach Form und Bedeutung allzu weit ab; im Lit. sind auch d-Formen
nachweisbar und dem slav. ch- liegt nur sk- zugrunde, vgl. skok = szokti,
woran der Verf. keinen Anstand nimmt ($. 262). Auch bei „Ablaut“,
zumal in Bildungssilben, ist größere Vorsicht geboten, ich werde ihn
so wenig bei russ. deremucha (gegen S. 128), wie bei poln. Swieboda
218 T. TORBIÖRNSSON
(statt swododa), S. 291 (wo von pr. suds, statt vom slav. svod- ausge-
gangen wird), einräumen. Endlich ist Slavisches zunächst aus dem
Slavischen zu erklären, so ist z. B. vapa Morast, zu vap Farbe, zu stellen,
das Moor ist nach der helleren Farbe benannt wie blato = baltas usw.,
während Verf. $. 341f. beide Worte trennt. Oder poln. (russ.) 2oadek
Magen gehört unzweifelhaft zu Zoladz Eichel; Verf. S. 82 trennt beides
völlig (setzt ein geland-, trotz des lit. an, wegen lat. glans, und ein
gelanduka- zu gr. yoAdöeg Därme). Da der Slave den Doppelanlaut
oft vereinfacht, sieht man nicht ein, warum varbija- Sperling (russ.
Nebenform veredej ist sicherlich kein „Ablaut‘“) als Grundform angesetzt
wird gegen lit. 3v- (@verblis Sperling; poln. alt wrödl, nicht wröbel),
vom „Schwatzen‘‘ des Vogels.
Man vergleiche dieses Buch mit den wenigen Blättern, die Fick
vor einem halben Jahrhundert dem Wortschatz der lituslavischen Gruppe
widmete, um den Fortschritt der Forschung zu ermessen. Am um-
strittensten bleibt immer noch die Frage: entlehnt oder urverwandt,
wobei auch noch die Kryptoslavismen des Lit. zu beachten wären,
d. h. echt lit. Worte entlehnen slav. Mustern besondere Bedeutungen.
Wenn z. B. Donalitius seinen Litauer Tabak „trinken“ (gerti) läßt, vgl.
KZ. 52 8. 302, so übersetzt dies nur poln. tabake pi (in der ersten
Hälfte des 17. Jahrh. wohl bekannt, doch bald für immer vergessen)
wörtlich. Und manchmal kann man zweifeln: hat gaidukas Hahn, seine
Bedeutung (am Gewehr) dem poln. kurek dass. oder dem Deutschen
zu verdanken ? (fehlt bei KURSCHAT; s. JUSZKIEWICZ I S. 327: gaidukas
szaudykles; fehlt unter gazdys).
Berlin A. BRÜCKNER
NIEDERMANN, M., Senn, A. und BrEnDErR, F., Wörterbuch der
Iitauischen Schriftsprache. Litauisch- Deutsch. I. Lief. —
Rasomosios hetuviu kalbos Zodynas. Lietuviskai-vokiska
dalis. 1. Sasiuv. (= Indogerm. Bibl. herausg. von H. Hırr
u. W. STREITBERG }. Fünfte Abteil.: Baltische Bibl. herausg.
von GEORG GERULLIS. 9.)t).
Dies Wörterbuch wird einem wirklich dringenden Bedürfnisse ab-
helfen. Die bisherigen litauischen Wörterbücher sind alle unzureichend
und lassen den Benutzer auf Schritt und Tritt im Stich, wenn es gilt,
die im kräftigen Aufschwung stehende litauische Literatur zu verstehen
1) Wenn ich die Aufforderung nicht habe ablehnen wollen, das
obengenannte Werk anzuzeigen, so versteht es sich von selbst, daß
meine Anzeige mehr die formellen Seiten des Werkes berücksichtigen
wird. Das Wörterbuch wird wohl auch von seiten der eingeborenen
Litauer angezeigt werden, wobei Fragen, die ich nicht berührt habe,
zur Sprache kommen können.
Niedermann-Senn-Brender, Wörterb. d. lit. Schriftsprache 219
oder den Text richtig zu akzentuieren. Die Schwierigkeiten, ein neues
Wörterbuch, das den jetzigen Anforderungen entspricht, auszuarbeiten,
waren nicht gering, und ein jeder, der sich für litauische Sprache und
Literatur interessiert, wird gewiß den Verfassern dafür dankbar sein,
daß sie Mühe und Arbeit nicht gescheut haben, um uns ein möglichst
ausführliches und zuverlässiges Wörterbuch zu bieten. Denn sagen wir
gleich: das neue Wörterbuch verspricht — nach der ersten Lieferung
zu urteilen — ein wirklich gutes Hilfsmittel zum Studium der litau-
ischen Sprache zu werden.‘
In der Vorbemerkung (auf den Vorsatzblättern) wird über den Plan
des Werkes u. a. gesagt: „Unser Wörterbuch, das in etwa 12 Liefe-
rurgen zu je 4 Bogen komplett sein soll und als dessen Benutzer wir
uns sowohl Deutsche als Litauer denken, will den heutigen Stand der
litauiscken Schriftsprache nach der lexikalischen Seite hin mit unvor-
eingenommene: Gewissenhaftigkeit zur Darstellung bringen. Besonderes
Gewicht legen wir darauf, einerseits nur solche Wörter und Wendungen
zu verzeichnen, die wir sicher belegen können, und andrerseits den
Begrifisinhalt der einzelnen Wörter durch eine zweckentsprechende
Phraseologie zu veranschaulichen“. Dialektisches und veraltetes Material
ist also ausgeschlossen.
Um zusammengehörige Bildungen nicht voneinander zu trennen,
sind gewisse verwandte Wortgruppen unter einem und demselben Kopf-
wort behandelt, wie z. B. Intens. apdangstyti, Frequ. apdangstineti,
Refl. apsidengti unter apdengti. Im übrigen liegt für die alphabetische
Anordnung nur das Schriftbild zugrunde, wobei weder auf die Sonder-
stellung der Diphthonge ie und uo noch auf die verschiedene Quantität
der Vokale Rücksicht genommen wird. Diese Anordnung scheint mir
auch im Interesse der praktischen Brauchbarkeit die einzig richtige
zu sein. Unklar bleibt nur dabei, wie das Wörterbuch den Diphthong
uo von der (allerdings seltenen) Verbindung u—+ o unterscheiden wird,
vgl. naujai nuobliiota stäla ‚den neugehobelten Tisch‘ (R. 165, vgl.
unten $. 221, Fußn.), das zu einem einfachen odlixotz (vgl. NIEDER-
MANN: abliuote) gehört. — Aus Versehen sind ein paar Wörter außer-
halb der alphabetischen Reihe geraten: aküstika vor akurätiskas ;
apskritümas vor apskritulelis, arklide vor arklena. Auf 8. 42 wird
von atäraizas und atäveika auf ätraizas und ätveika verwiesen. Diese
Wörter finden sich aber nieht im Wörterbuche (vgl. S. 55 und 64).
Unter akytas kommt das dim. apsiaustelis vor, das nicht unter apsiaüstas
genannt wird. Das hängt wohl damit zusammen, daß die Diminutiva
aus leicht begreiflichen Gründen nur spärlich angeführt werden.
Die Übersetzungen ins Deutsche scheinen mir gut und zutreffend.
Besonders möchte ich hervorheben, daß NIEDERMANN’s Wörterbuch in
dieser Hinsicht einen großen Vorzug vor demjenigen KURSCHAT’S hat,
wo die Übersetzungen oft (besonders bei den zusammengesetzten Verba)
etwas abstrakt und allgemein gehalten sind. Auch alle phraseologischen
Beispiele sind vollständig übersetzt, was den Wert des Wörterbuches
220 T. TORBIÖRNSSON
wesentlich erhöht. Auf 8.16 wird apgarsintojas mit ‚Betrüger‘ (=
apgaudinetojas) übersetzt. LALIs gibt es wohl richtig mit ‚proclaimer;
publisher‘ wieder (vgl. apgarsinti ‚verkündigen‘). Auf S. 39 wird für
armuö nur die Bedeutung ‚Ackerland, Ackerboden‘ gegeben. Nach
JUSKEVIG bedeutet es u. a. auch ‚glgb, przepa$6‘ (vgl. LALIs: ‚depth,
bottom‘) = ‚Abgrund, Schlund, bodenlose Tiefe‘. In dieser Bedeutung
ist mir das Wort bei der Lektüre einmal vorgekommen: supräto j2s,
kad abüdu si Nele !krito i armeni!), 23 kuriö nera iSeities ‚zrozu-
miat, 'e oboje z Nel wpadli w przepas@, z ktörej niemasz wyjscia‘,
Senk. 137 ?).
Was die Vollständigkeit des Materiales betrifft, so sind sich die
Verfasser natürlich selbst bewußt, daß völlige Vollständigkeit nicht
erreicht ist und auch bei der ersten Auflage kaum hat erreicht werden
können. Der Reichtum an Wörtern ist indessen sehr groß und wird
gewiß im praktischen Gebrauch in den allermeisten Fällen ausreichen.
Unter den Kopfwörtern der ersten Lieferung finden sich nahezu Tausend),
die bei LALIs (dessen Wörterbuch, was den Plan des Wortvorrates
betrifft, wohl demjenigen NIEDERMANN’s am nächsten steht) nicht vor-
kommen. Andrerseits enthält LALIS etwa zweikundert?) Wörter, die
nicht bei NIEDERMANN aufgenommen sind. Auch bei KURSCHAT und
JUSKEVIC kommt eine nicht geringe Zabl solcher Wörter vor*). In den
meisten Fällen handelt es sich wohl um Wörter, die als dialektisch,
veraltet oder unrichtig gebildet absichtlich ausgeschlossen sind. In
seltneren Fällen beruht es vielleicht darauf, daß die Verfasser das eine
oder andere Wort aus der Literatur oder aus der Umgangssprache
nicht haben belegen können.
Bei der Lektüre litauischer Literatur habe ich mir zufällig einige
Wörter verzeichnet, die in das neue Wörterbuch nicht aufgenommen
sind. Ich teile sie hier im Interesse der Sache sämtlich5) mit, ohne
damit entscheiden zu wollen, ob sie alle wirklich im Plane des Wörter-
buches liegen oder nicht®).
1) Vgl. unten S. 224, Fußn. 4.
2) Vgl. unten Fußn. 6.
3) In diesen Zahlen sind nicht eingerechnet Fälle wie: aplkakle (N.):
apykakle (L.); attde (N.): atida (L.); apgelai (N.): apgelos (L.) u. dgl.
4) Das Lit.-russ. Wörterbuch von SLAPELIS ist mir nur teilweise
zugänglich (Bogen 5—10, ungef. B—G umfassend).
5) Mit Ausnahme von neueren Lehnwörtern (wie artistas, Van. 46,
V. VII 128), Diminutiva (wie asmenelis, Senk. 40) und deutlichen Dia-
lektwörtern (wie aösiar adv. ‚bitter, kläglich‘, Sab. III 538; vgl. BOGA
Lietuviu kalbos Zodynas 24). \
6) Abkürzungen:
J. — IOmkesuys, JIntosckiä caoBapp, A—K.
K. == Kurschat, Littauisch-deutsches Wörterbuch.
L = Lalis, A dietionary of the lithuanian and english languages.®
Niedermann-Senn-Brender, Wörterb. d. lit. Schriftsprache 921
Antblauzdzius Akk. Pl. gibt finn. säärystimet (Sg. säärystin)
wieder : afitblauzdzius antsimöve ‚er zog die Gamaschen an‘, Sab. XIX 64.
— afitkelis ‚Abweg, Irrweg‘, M. 25. — antsimduti (vgl. mduti ‚worauf
ziehen, streifen‘, K.), Sab. XIX 65; vgl. oben. — apdusti ‚umweben‘ :
visus Milde apdude süvo ausrös pirstais ‚alle hat M. (die Liebes-
göttin) mit ihren rosigen Fingern umwoben‘, V. VIII 128. — apgale
(Akz. wohl -€) ‚Sieg‘ (vgl. Leskıen, Bild. d. Nom. 272), Senk. 115.
— apibaldyti ‚weiß anstreichen‘, V. VIL 221. — apitiulbeti (vgl. düulbu,
Ciulbeti ‚singen‘, bes. von der Nachtigall, K.):rädo azuoleli mazü
pauksteliu apieiulbama ‚er fand eine Eiche, von welcher der Gesang
der kleinen Vögel ringsum ertönte‘, Kr. 63. — apipdinvoti ‚einwickeln,
umwickeln‘ : apipdinios vyrams 3irdis planuciu Svelnuciu tinkleliu
‚sie wird die Herzen der Männer mit einem feinen, sanften Netze um-
spinnen‘, Vait. 51. — apk2sti ‚sich ändern‘. Auf $S.21 wird vom Prät.
apkitaü auf das einfache kintü klst! verwiesen. Aber andere Formen
kommen (wenn auch selten) vor, vgl. Fut. jük a$ neapkisiu ja sie
przecie nie zmienie‘, Senk. 183. — apraisalas (äp- oder -di-?) ‚Ver-
band‘, L. P. III 53. — aprasöti ‚sich mit Tau bedecken‘ (vgl. aprasötas,
S. 25 und rasöt ‚to become dewy‘, L.) : langai aprasöje ‚die Fenster
schwitzten; waren angelaufen‘, L.P. II 167. — apresti (zu rendiü,
resti ‚kerben‘ K.): kur uolos® savdime yra pasidärtusios duöbes ir
apresti Iyg Suliniai tlinkiai ‚gdzie skaly tworzg naturalnie wgiebienia
i ocembrzyny‘, Senk. 94. — apsergett ‚behüten, bewachen‘, Vid. 85.
— apsidraüsti (Befl. zu apdraüsti, 8. 14) ‚sich versichern, sich ver-
sehen mit‘ : #7 3uö leidimü apsidraüdes ‚auch mit dieser Ermächtigung
versehen‘, B. 17. — apsigöbti (Refl. zu apgöbti, S. 17) ‚sich umhüllen,
sich verschleiern‘ : da Zmogü, baltais apsiaüstais apsigobusiu ‚dwaj
ludzie, przybrani w biale burnusy‘, Senk. 37; rädo tiktai kelias apsi-
göbusias möteris ‚zastali tylko kilka zakwefionych kobiet‘, ib. 46; apst-
göbusiu skurliais ‚okryte 4achmanami‘, ib. 135. — apsıpirkti (Ref.
B. == Birkiöka, Lietuvos geografija.
Kr. == Kreve, Dainavos Salies senu Zmoniu padavimai.
L.P. = Lazdynu Peleda, Rastai I—IIl.
M. == Maironis-Ma£iulis, Pavasario Balsai.®
P. == Penkaitis, Raßtai I.
V. == Vaiägantas, Rastai VII, VIII.
Vait. — Vaitkus, Zvaigkdes Duktö (Skaitymai XXIII 27 ff).
Van. = Vanagelis, Rastai.
Vid. = Vidünas, Amina ugnis.
R. == Rodzevicaite (= Rodziewiezöwna), Dievaitis. Aus dem Pol-
nischen.
Sab. — Sabaliauskas, Kalevala. Aus dem Finnischen.
Senk. = Senkevitius (= Sienkiewiez), Dykumose ir giriose I. Aus dem
Polnischen. Verttmo kalb& daiN sagt JakStas, Musu jaunoji
literatüra II, 128.
222 T. TORBIÖRNSSON
zu apipirkt, 8.19) ‚aufkaufen‘, V. VII 147. — ‚apsiseiliön ‚geifern,
den Speichel fließen lassen‘ (vgl. K. seilioti, seileti, apsiseilet u.a. m.),
L.P. 11195. — apsisüupti (Refl. zu apsüpti, 8. 32), M. 83. — apsi-
Sarvöti (Refl., vgl. apsarvügti, S. 33), P. 129. — apsivalkstyti (Ref.
zu apvalkstyti unter apvilkti, 8. 36), V. VIII 1388. — apsnüdimas
‚Schlummer‘, V. VIII 175. — apsukom?s (oder äp-?) etwa ‚weitläufig,
mit Umschweifen‘, V. VIII 134. — apsdldyti (zu Saldyti frieren machen‘,
K.), Sab. XLVIII 352. — ardakılas (Akr.?; wohl = drakilas, J.),
V. VIII 135. — atbräskinti (zu bräskinti ‚etw. wie durch Brechen
knacken oder knallen, prasseln machen‘, K.; ‚to crack, to cause to
crack‘, L.), V. VIII 102. — atitilindziävo du vezimü ‚zwei Wagen
kamen herangefahren‘, V. VIII 32 (Inf. wohl -vote; exakte Bedeutung?).
— atkinsti ‚aufmachen, aufkorken‘ : atkimso plüsomis apipinta buteli
‚sie machte eine mit Bastfiebern umwundene Flasche auf‘, V. VII 104.
— atkilöti ‚aufheben, versetzen‘ (vgl. kelöti ‚podnosic, przenosi6‘, J.;
atkelti ‚wieder aufheben‘, K.):pihes vartai atkilöt! ‚die Schloßtore
sind von ihrem Platze gerückt‘ (Orig. löiikutellut linnan eis Sab.
XLII 323. — atlaikuliai Plur. (Sg. wohl atlaikulys, ätlaikulio etwa
‚Abschaum, Auswurf‘, vgl. ätlaikalas ‚Überrest‘, S. 50) : eme list 23
visuf Sokie tokie, net ailaikuliai, kriv, kit, if prispiio bieseliu
pllnas prägaras ‚von überall her fingen diese und jene an heranzu-
kriechen, sogar Auswürfe, schiefe, hinkende, und die Hölle wurde von
kleinen Teufeln vollgepfropft‘, L.P. II 169. — ätlajas gibt poln. rozle-
wisko ‚großes überschwemmtes Gebiet‘ wieder (vgl. L. ‚reflux; ebb,
ebbtide; neaptide‘; J. ädlajıs, ätlajus und ätlaja ‚odlew‘) : isilgar Bal-
t0j0 Nylo atlajü!), arba per‘ vadınamuosius suddus ‚wzdkuz rozlewisk
Biatego Nilu, ezyli wsröd tak zwanych suddöw‘, Senk. 155; vülkstine
daüg kaftu gävo apleikti platiüus, papirusiais apdugusiıs ätlajus
‚Karawana czesto musiata okraza6 obszerne poro$niete papirusem roz-
lewiska‘, ib. 159. — atlapndti (exakte Bedeutung ?) : devynias myliäs
atlapndjo ‚neun Meilen hat er zurückgelegt‘, R. 182; vgl. nulapndtz,
L.P. II 172 : vos? nulapncjo % Z&me ‚alle stürzten auf die Erde hinauf‘.
— atlüzti (Präs. atliztu) : atlüzusios uölos ‚Kamienne ziomy‘, Senk. 183.
— atmyleti ‚Jmdn. wiederlieben, Liebe mit Liebe vergelten‘, V. VIII 141.
— almürdinti etwa ‚massieren, so daß etwas in die richtige Lage
kommt‘ (vgl. mürdau, mürdyti ‚etwas im Wasser oder in weicher Masse
rüttelnd, schüttelnd und stauchend behandeln‘, K.): atmürdindavo &
üikraja viöta, L.P. III 37. — atögoda ‚Ansehen, Achtung‘ (vgl. godot
‚to esteem. to regard, to respect‘, L.) : 72s 52 atögodos Zmögus ‚er ist
ein Mann schlechten Rufes‘ (oder vielleicht: ‚ein rücksichtsloser Mensch‘ ?),
V. VII 180. — atraüsti ‚wieder aufwühlen‘, K.:täs kapelis dabar
ütraustas ‚das Grab ist jetzt wieder aufgegraben‘, V. VII 164. —
atsibelsti etwa ‚sich durch Klopfung an die Tür Eintritt verschaffen‘,
1) So akzentuiert unter der Voraussetzung, daß ätlajas zu Akzent-
klasse /3/ gehört.
Niedermann-Senn-Brender, Wörterb. d. lit. Schriftsprache 9923
L.P. II 175. — atsibüsti (Refi. zu atbüsti, 8. 43) : atsibüdo 36 sdzine
‚sein Gewissen erwachte‘, L.P. 1148. — atsikabInti (Refl. zu atkabinti,
S. 47£.) : atsikabink ‚geh mir vom Halse, laß mich in Ruhe‘, Van. 1581).
— atsimerkti (Refl. zu atmerkti, S. 58) : Mahdi primerke akis. päskui
atsimerke ‚M. przymkngt powieki, potem je otworzy#', Senk. 146. —
atsirdugeti ‚rülpsen‘ (= atsirügti, S. 59), L. P. III 23. — atsisneketi :
0 su naujaisiais namlskiais Snekas neatstsneka ‚sie spricht mit den
neuen Hausgenossen und kann sich nicht satt reden‘, V. VIII 139. —
atsitrenkti ‚zurückgestoßen werden, anprallen‘, Vid. 18. — atskalbti
von Reitern etwa ‚auf und nieder hüpfen‘ (vgl. skalbt© ‚mit dem Wasch-
holz schlagend waschen‘, K.): atskalbia rautelis per giria ‚ein Reiter
kommt durch den Wald hergeritten‘, L. P. II 183. — aisklesti ‚auf-
schließen‘ (vgl. durs skleidzia sklasciü ‚die Tür verschließt man mit
dem Riegel‘, BUGA, Kalba ir senove 122, 161; skl&sti ‚to bar, to bolt‘,
sklästis ‚bolt, bar‘, L.) : Afskiende sklösti?) ‚sie schloß den Riegel auf‘,
L.P. 1141. — atspendzia (Akz. -En- oder -eR-?; K. atspind&ia) 3. Sg.
‚spiegelt wieder, wirft zurück‘, M. 83. — atsukiöti (Intens. zu atsükte,
S. 62) : gelzies kabliai atsukiöti ‚die Eisenhaken sind zerdreht‘ (Orig.
särkenyt saranarauat ‚die Angeleisen sind zerbrochen‘), Sab. XLII 324.
— ätvarslas ‚Zügel, Lenkseil, Leitriemen‘ (J. ‚lejea‘ : pavarslüok sü
atvarslais drklius), V. VIII 10.
Inwieweit einige von diesen Wörtern vielleicht nur dialektisch
sind, kann ich nicht mit Sicherheit entscheiden. Die meisten sind aus
VAIZGANTAS, Pragiedruliai I, II (= Rastai VII, VIII) genommen. Dieser
Verfasser (V. ist Pseudonym für JUozAs TUMAS) verwendet eine große
Masse sonst; seltener Worte, Ausdrücke und Wendungen. Infolgedessen
ist er stellenweise recht schwierig zu lesen. Über seine Sprache vgl.
übrigens JAKSTAs, Müsu jaunoji literatüra IT 40; BUcA, Kalba ir
senove 19ff., 25 ff., 42 ff.
Hoffentlich werden am Ende des Wörterbuches die wichtigeren
Länder- und Völkernamen in einem besonderen Anhang aufgeführt
werden.
Einen besonders hohen Wert hat das neue Wörterbuch durch die
genaue Akzentuierung nicht nur der Kopfwörter mit den ihnen zu-
gehörigen Formen, sondern auch aller in den phraseologischen Beispielen
vorkommenden Wörter. Die Akzentuierung der Verbalformen gibt
zu keinen weiteren Bemerkungen Anlaß. Die angeführten Formen sind,
wie gewöhnlich: Inf. (als Kopfwort), Präs., Prät. und Fut. Bei den
einfachen primären Verba hätten m. E. auch die Partizipialformen (oder
wenigstens diejenigen des Part. Präs. Akt.) mit angeführt werden sollen,
und zwar (wie bei den Nomina) mit den ihnen zukommenden Akzent-
klassenzahlen. Einige Partizipialformen werden angeführt, aber nur
wenn sie eine mehr selbständige Bedeutung oder Anwendung haben.
1) Atsikabink ist vielleicht dem Russischen orsastich nachgebildet.
2) Druckfehler für sklästi?
224 T. TORBIÖRNSSON
In den Beispielen kommen auch Partizipialformen vor, aber selten
Präsenspartizipien auf -ni-. Das hängt wohl damit zusammen, daß diese
seltener als die Übrigen gebraucht werden. Büc4A sagt sogar (Lietuviu
kalbos odynas XXXIV), daß sein eigener Dialekt die Partizipialformen
auf -as als Partizipien nicht mehr verwendet.
Die Nomina sind nach KURSCHAT’s vier Akzentschemata und in
Übereinstimmung mit den von mir (Litauische Akzentverschiebungen,
S. 44ff.) für die mehrsilbigen Substantiva dargestellten Gesichtspunkten
in vier Akzentklassen geordnet, wobei eine zwischen schrägen Parallel-
strichen stehende Zahl die Akzentklasse angibt. Die näheren Angaben
darüber wird erst das zusammen mit der letzten Lieferung erscheinende
Vorwort bringen. Vielleicht wird es daher den Benutzern des Wörter-
buches willkommen sein, wenn ich schon hier eine kurze Übersicht der
in dieser Hinsicht gebrauchten Bezeichnungen gebe:
1. Alle zwei- und mehrsilbigen Barytona mit festem Akzent.
KURSCHAT IIb, TORBIÖRNSSON $ 27 und $ 28 (erstes Stück). Z.B.
didas |1/; antinas |1].
2. Alle zwei- und mehrsilbigen zirkumflektierten Paroxytona (in
denen der Akzent in gewissen Kasus auf die ursprünglich akutierte
Endsilbe verschoben wird). KURSCH. Ib, ToRB. $ 28 (zweites Stück).
Z.B. asla, äslos /2]; alkas [2].
3. Alle zwei- und mehrsilbigen Oxytona, in denen der Akzent in
den T-Kasus!) zurückgezogen wird ?), wobei die Pänultima immer Akut
hat, die proparoxytonen Silben aber Akut oder Zirkumflex. KURSCH. Ila,
Tor. $ 29. Z. B. drklas /3|; apeiga, -ös |3 äp-|; arklenä, -ös |3 dr-];
atitikmuö, -ens |3 -Ük-|. Aus diesen Bezeichnungen folgt, daß z. B.
Nom. Pl. arklai, äpeigos, arklenos, atitikmens lautet.
4. Alle zwei- und mehrsilbigen Oxytona, in denen der zurück-
gezogene Akzent als Zirkumflex auf der Pänultima erscheint. Kursca. la.
Unter den mehrsilbigen Wörtern (besonders unter den Substantiva)
kommt diese Akzentuierung relativ selten vor®). Z.B. alga, -ös /4];
atajuon?s, -ies |4 -wö-|*). Daraus folgt, daß z. B. Akk. Sg. alya, ata-
Juön? lautet. ;
Durch diese praktische Anordnung (die auch den wissenschaftlichen
Anforderungen genügt) ist die Akzentuierung aller Formen
1) Vgl. TorB. 1. c. 8. 15.
2) Bei den maskulinen a-Stämmen auch im Nom. und Gen. Sg.
3) So werden auch die Ordinalzahlen akzentuiert, über die ich in
einem kleinen Aufsatze gehandelt habe, der als Beitrag für eine Fest-
schrift eingesandt ist und im J. 1927 erscheinen wird.
4) In der Bezeichnung [4 -uö-| ist -uö- eigentlich überflüssig. Bei
allen anderen mehrsilbigen Wörtern dieser Gruppe steht nur ja], was
völlig hinreicht. Dagegen vermißt man die entsprechende Bezeichnung
der Akzentart der T-Kasus bei armuö, -efis /3/, woraus also nicht er-
sichtlich ist, ob z. B. Akk. Sg. afmeni oder drmeni lautet.
Niedermann-Senn-Brender, Wörterb. d. lit. Schriftsprache 9925
eines jeden Nomens völlig bestimmt. Von jetzt an wird der
Leser eines litauischen Textes alle Wörter genau akzentuieren können.
Und für akzentologische Untersuchungen wird das Wörterbuch gerade
unentbehrlich werden. Denn die übrigen Lexika sind alle in akzen-
tueller Hinsicht ungenügend, da sie uns in zahllosen Fällen im Stiche
lassen. So kann man z. B. aus ihnen nicht ersehen, daß aftinas und
äbaras im Plur. in verschiedener Weise akzentuiert werden (aftinas
und abarai).
Die Genauigkeit des Druckes verdient alle Anerkennung. Nur an
wenigen Stellen (ich verzeichne alle von mir bemerkten Fälle) sind
mir einige Ungenauigkeiten in den Akzentbezeichnungen aufgefallen.
Ohne Akzente sind: atslti (Kopfwort, 8. 63), budamas!) (8.5 unter
äklas), pasiulymu') ($. 28 unter apsidziaügti), keliu') (8.55 unter
atraityti), buti!) (S. 57 unter atsargüs), atsitekejau ($. 54 unter at-
siteketi). Ohne Akzent und ohne Bezeichnung der Akzentklasse: an-
drutas (Kopfwort, S. 9). Zwei Akzente hat adlpusjbe (8.2 unter abi-
Jaljbe). Als Kopfwort steht auf derselben Seite abipusybe. In akds
(S. 4) und arkäganis (S. 39) sind die Klassenzahlen zwischen den
schrägen Strichen ausgefallen. Von alvas (8. 8) und atädaras (S. 42)
wird nur auf @lavas und ätdaras verwiesen. Die Akzentklasse hätte
jedoch angegeben werden sollen, denn wenigstens alvas kann nicht zur
selben Akzentklasse wie älavas gehören. 8.20 ist apjäkelis als |2/
angegeben. Soll /1/ sein. So richtig apäkelis (S.12). Archjvas (8. 38)
und ätstas (S. 61) sind beide als /l/ bezeichnet. Soll /2/ sein. —
Wenn man bedenkt, daß die ganze Lieferung alles in allem wohl
mindestens zehntausend akzentuierte Wörter enthält, so haben diese
wenigen Fälle (die auch an sich geringfügig sind) keine praktische
Bedeutung.
Einigen Zweifel könnten die Formen unter ankstybas m., -a f.
adj. /1/ erwecken. Dazu stimmt ankstyba mirüs. Aber ankstybieji
Zirniai setzt /3/ voraus. Das Wort sollte also im Sing. Barytonon, im
Plur. aber Oxytonon sein, ebenso wie die Komparativa, die ich in dem
oben S. 224, Fußn. 3 erwähnten Aufsatze mit behandelt habe. Viel-
leicht könnte es aber auch Doppelakzentuierung haben — ebenso
wie äsara, -os |1/ und asarı, -ös /3/. Es gibt eben mehrere Wörter,
die ursprünglich nach /3/ akzentuiert wurden (d. h. wechselnden Akzent
hatten), die aber jetzt nur nach /1/ gehen (d. h. festen Akzent haben),
z. B. äsaka |1/, data |l.. KURSCHAT hat nur asakd, -ös und
adata, -Ös, also nach Akzentklasse /3/. BÜGA hat in seinem Wörter-
1) Bei akzentuierten langen u-Vokalen wird sowohl Länge wie
Akzentart bezeichnet, weshalb dieses Typen bei der Drucklegung
leichter der Verletzung ausgesetzt werden. M.E. wäre es daher besser
gewesen, nur den unakzentuierten langen u-Vokal mit # zu schreiben,
die akzentuierten langen %-Vokale aber nur mit © und & (die ja im
Druck deutlicher werden und leichter zu lesen sind).
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 15
2396 E. Tanaı
buche ädata und als dialektische Nebenform adata, -ös. Zu dieser
Akzentuierung stimmt auch adatiniükas |2). — In diesem Zusammen-
hange erwähne ich noch ein Wort mit bemerkenswerter Akzentuierung,
nämlich apliokas, -o 3). Der Nom. Plur. heißt also apluokat. Davon
ganz abgesehen, daß die Kategorie selbst selten ist (in der ganzen
Lieferung kommt bei keinem anderen mehrsilbigen a-Stamme dieselbe
Akzentuierung vor), so ist das auch noch etwas auffallend, wenn
das Wort wirklich aus dem Lettischen entlebnt ist, vgl. LESKIEN, Lit.
Leseb. 233 (dazu BUGA, Kalba ir senov& 163), ENDZELIN im Lett.
Wörterbuch 1103 (unter apluoks). -
Ich schließe meine Anzeige mit dem Wunsche, es möge den Ver-
fassern vergönnt sein, das begonnene Werk glücklich und so schnell
wie möglich zu Ende zu führen,
Upsala TORE TORBIÖRNSSON
Marauuıks A. Die Verba reflexiva in den slavischen Sprachen.
Heidelberg, Winter 1924, 8°, XVI+2838S. (= Sammiun
slavischer Lehr- und Handbücher Reihe III Nr. 2).
Den idg. Genera verbi ist das erste Kapitel der Untersuchung ge-
widmet. Nachdem Verf. in einem einleitenden $ kurz über den bis-
herigen Stand der Forschung berichtet hat, legt er in $ 2 seine grund-
sätzlichen Anschauungen über die Genera verbi im Idg. und Slavischen
nieder. Verf. geht von der allgemeinen Auffassung aus, die Diathese
diene „zum Ausdrucke des Verhältnisses des durch das Verbum dar-
gestellten Vorganges zu seinem Erzeuger, dem Subjekte“ (S. 9). Er
folgert daraus: „Es stellt mithin das Genus verbi eine über das rein
Verbale hinausgehende syntaktische Fügung dar, indem es notwendiger-
weise das Subjekt miteinbegreift“ (ib.). Das ist zumindest sehr unklar
formuliert. In jeder Personalendung, gleich welcher Diathese, liegt der
Ausdruck des pronominalen Subjekts in Gestalt eines Hinweises auf
Person und Numerus. Ein drittes Moment wird durch das Genus verbi
gegeben, eben das Verhältnis des Subjektes zur Verbalhandlung. Verf.
müht sich dann weiter den Begriff Genus verbi schärfer zu fassen, als
das ‚bisher geschah. Nach seiner Meinung ist „das Kennzeichen jeder
nichtaktiven Verbaldiathese, daß das Verhältnis von Verbalhandlung
zu Subjekt gleichsam isoliert bleibt, daß ein Drittes, ein vom Subjekte
verschiedenes Objekt, zunächst wenigstens, nicht in Frage kommen
kann“ (8.10). Das ist falsch. Der Satz trifft zu für das Pass. und
für die slavischen Verba refl., von denen Verf. vorher sprach; er wird
aber durch die transitiven Media des Griech. und Ai., sowie durch die
transitiven Deponentia des Lat. widerlegt; wir haben keine Veranlassung
zu der Annahme, daß sich die Transitivität hier erst nachträglich ein-
gestellt habe. Darum ist es auch falsch, wenn Verf. die bisherige De-
finition des Begriffs der Diathese glaubt folgendermaßen verbessern zu
A.Margulies, Die Verba reflexiva in den slavischen Sprachen 997
sollen: „das Genus verbi bezeichnet das Verhältnis der Verbaltätigkeit
zu dem sie produzierenden Subjekt, gleichzeitig aber auch das Ver-
hältnis dieser beiden Faktoren zu einem gegebenenfalls hinzutretenden
Patiens (Objekt), auf welches das Agens (Subjekt) die Verbaltätigkeit
richtet“ (ib.). Die Diathese enthält keinen Hinweis auf Transitivität
oder Intransitivität des betreffenden Verbums.
In dem oben zitierten Wort „jede nichtaktive Verbaldäiathese“
offenbart Verf. eine grundsätzliche Anschauung, die von der landläufigen
stark abweicht. Auf Grund syntaktischer Analyse findet Verf. im
slavischen Verb. refl., dessen Gebrauch auf weite Strecken dem deridg.
Media entspricht, eine ganze Reihe von Funktionen vertreten. Einige
von ihnen erklärt er als sekundär herausgebildet, die Mehrzahl aber
führt er auf das Idg. zurück und gelangt so zu einem Ansatz von einem
halben Dutzend oder gar noch mehr „Genera verbi“ für die Ursprache.
So ist denn allenthalben die Rede z. B. von einem objektiven, dyna-
mischen, reziproken „Genus verbi“. Nur standen diese Diathesen ein-
ander so nahe, daß man kein Bedürfnis verspürte, für sie selbständige
Formen zu entwickeln und sich mit einem morphologischen Ausdruck
für alle begnügte. Auch dieser Auffassung des Verf. kann ich nicht
beipflichten. M. E. darf sich die syntaktische Analyse nicht so weit
von der formalen Gestalt des Wortes entfernen. Die morphologische
Einheit muß die Grundlage der syntaktischen Forschung bleiben. Ich
sehe keinen Anlaß, von der herkömmlichen Dreiteilung Akt. Med. Pass.
abzugehen.
Erst nach der verunglückten Definition des Begriffs Genus verbi
wendet sich Verf. der Erörterung der Frage zu, was der ursprüngliche
Bedeutungsinhalt der einzelnen Diathesen gewesen sei, wie man sich
ihre ursprüngliche Verteilung vorzustellen habe. Da diese sehr eigen-
artigen Ausführungen die Grundlage für MARGULIES’ Beurteilung der
slavischen Verb. refl. bilden, ist genaueres Eingehen dringend geboten.
Verf. tritt an das Problem von der philosophischen Seite heran, ge-
stützt auf die Ansicht von E. CAsSIRER, der in seiner Philosophie der
symbolischen Formen gezeigt habe, daß „von den einzelnen nichtaktiven
Verbaldiathesen die passive, als fundamentaler Gegensatz zur aktiven,
wohl als ursprünglichste anzuerkennen“ sei ($. 11). Diese Methode des
Vorgehens ist grundsätzlich abzulehnen; die Berufung auf CASSIRER
erledigt sich mit dem Hinweis, daß grammatische Erkenntnis nicht auf
dem Wege philosophischer Spekulation gewonnen werden kann. und
darf, sondern daß der Philologe sich, unabhängig von irgendwelchen
Systemen, aus der Interpretation des Textes zum Verständnis der sprach-
lichen Erscheinungen durcharbeiten muß. Das ist dem Verf. gegenüber
darum mit solchen Nachdruck zu betonen, weil er auf Schritt und
Tritt in den Fehler verfällt, Erscheinungen einer Sprache in ein anderswo
gewonnenes System zu pressen. Verf. versucht aber auch drei sprach-
liche Gründe beizubringen, aus denen „die Notwendigkeit“ hervorgehen
soll, „das passive Genus auch fürs Idg. als ursprünglichstes nichtaktives
15*
9298 E. Taneı
zu statuieren“ (8. 11). Denn erstens „findet sich ein passives Verhältnis
deutlich auch in außeridg. Sprachen“, wie v. d. GABELENTZ in dem be-
kannten Aufsatz über das Pass. gezeigt habe. Darauf ist zu erwidern,
daß selbst das vereinigte Zeugnis aller außeridg. Sprachen noch nicht
zu einem Rückschluß auf das Idg. berechtigen würde. Davon ganz ab-
gesehen bewegen sich jedoch die Gedankengänge .v. d. GABELENTZ’ in
genau entgegengesetzter Richtung. Er zeigt nämlich, daß, wo es über-
haupt dazu kommt, das Pass. — von einigen isolierten Ausnahmen
abgesehen — nur in Ansätzen oder unvollkommen entwickelt wird, und
zieht daraus den Schluß, daß es als nichtursprünglich anzusehen sei.
Zweitens führt Verf. an: „Die mehrfachen Ausdrucksweisen für das
Passivum in den einzelnen idg. Sprachen und die häufigen Sonder-
bildungen, bzw. Isolierungen schon bestehender Verbalformen zum Zwecke
der Darstellung des Passivgenus, wie die ya-Formen des Arischen oder
die -nv, -$nv Passivaoriste des Griechischen und die allgemein-idg.
periphrastischen Partizipialverbindungen lassen erkennen, daß das passive
Genus viel mehr als alle anderen nichtaktiven Genera zur Ausbildung
eigener Ausdrucksformen drängte“ (S. 11). Daß die idg. Sprachen im
Lauf der Zeit Formen entwickeln, die teilweise, vorwiegend oder aus-
schließlich zur Darstellung des passiven Genus verwendet werden, ist
nie geleugnet worden. Die Frage hat aber so zu lauten: Sind die
Passivformen so alt wie die des Akt. und Med., über das sich Verf.
ausschweigt; und das ist mit ihm zu verneinen. Es handelt sich immer
um einzelsprachliche Neubildungen oder Weiterbildungen von Formen,
die ursprünglich anderen Zwecken dienten. Auch das vom Verf. er-
wähnte -/o Part., das sicher, weil gemeinidg., als ältestes Stück des
Passivparadigmas gelten kann, ich sehe hier ganz vom Griech. ab, wo
es immer nur Verbaladjektiv geblieben ist, — weist z. B. in lat. potus
und lit. gerias, zu denen sich nach seiner Bedeutung noch got. drugkans
gesellt, Bildungen auf, die nie an der passiven Diathese teilhatten, und
daraus folgt, daß auch dieses Part. erst allmählich in seine passive
Bedeutung hineingewachsen ist. Eher scheint der dritte Grund des
Verf. der Diskussion zu verlohnen. Er sagt: „Die Tatsache, daß dort,
wo die altererbten sog. Medialformen im Absterben sind, wie im Gotischen
oder Altnordischen, die trümmerhaften Reste allein in passiver oder
aus passivem Genus deutlich sekundär entwickelter eventiver Funktion
stehen, spricht für die tiefe Verankerung gerade des Passivgenus im
Sprachbewußtsein“ (8.12). Gewiß, wenn man die Dinge nur vom Stand-
punkt des Got. und Altnord. betrachtet, wird man auf diesen Schluß
geführt. Auch da fragt man sich zwar erstaunt, wieso gerade Formen
untergehen konnten, die einem im Sprachbewußtsein so tief verankerten
Genus verbi zum Ausdruck dienten. Ich meine aber, man scll die
Frage nach der Grundbedeutung der Diathesen nicht von dort zu lösen
versuchen, wo nur „trümmerhafte Reste“ erhalten sind, sondern von
den Sprachen, welche den alten Formenreichtum in vollem Umfang
bewahrt haben, wie das beim Griech. und Ai. der Fall ist. Und da
A.Margulids, Die Verba reflexiva in den slavischen Sprachen 229
liegen die Dinge doch so, daß wir neben einer gemeinsamen, voll-
kommen ausgebildeten Aktiv- und Medialflexion selbständige Versuche
zur Schaffung von Passivformen wahrnehmen. Der Befund des Got.
aber beweist m. E. nicht mehr, als was wir schon aus dem Griech,
und Ai. wissen, daß zur Darstellung des Pass. auch Medialformen
herangezogen werden können; und da dieser Weg in mehreren Sprachen
gleichmäßig beschritten wird, muß man annehmen, daß die ersten An-
fänge zur Passivbildung noch in die Ursprache zurückreichen, aber
erst nach der Entwicklung des Aktiv- und Medialparadigmas einge-
setzt haben.
Auch mit Hilfe der Bedeutungsentwicklung sucht Verf. seine
Passivtheorie zum Sieg zuführen. Da „das Verbum refl. in mehr oder
weniger ausgedehntem Maße in allen idg. Sprachen wiederkehre, sei es
als ursprachlich anzusetzen“ (S. 12). Für das Pron. refl. ist das zuzu-
geben, ob aber ein Verb. refl., die feste Verbindung eines Verbums mit
dem Pron. refl., bereits ursprachlich vorhanden war, steht dahin; man
fragt nach dem Beweis, Verf. bleibt ihn schuldig. Nun scheint dem
Verf. die beschränkte Verwendung des Verb. refl., wie sie etwa im
Griech. vorliegt, eine zu schmale Basis zu sein, um daraus die im
Germanischen und Baltisch-Slavischen erfolgte Ausdehnung des Gebrauchs
verstehen zu können. Er nimmt daher seine Zuflucht zu der wiederum
nicht beweisbaren Annahme, daß „die Fälle direkt reflexiven (objektiven)
Genus ursprünglich durch das Verbum reflexivum wiedergegeben wurden,
welcher Gebrauch einerseits eine Verengung, andererseits eine bedeutende
Erweiterung erfahren“ habe (S. 12). Damit ist dann nach Meinung des
Verf. der Weg für die bisherige Annahme der Entwicklung eines
Aovoucı von ich wasche mich > ich werde gewaschen verbaut, da „ich
wasche mich“ ursprünglich nicht durch das Med., sondern durch das
Verb. refl. ausgedrückt wurde. Die sog. Medialendungen seien also ur-
sprünglich Passivendungen gewesen und das Med. sekundär aus dem
Pass. entwickelt (S. 13). Einem dnwölAvu = ich richte zugrunde stand
gegenüber dmöAlvuaı —= ich werde zugrunde gerichtet; aus diesem ent-
wickelte sich ein neutrales ‚ich gehe zugrunde“, von dem der Übergang
zu einem „schwach betonten“ reflexiven „ich richte mich zugrunde“
erfolgte (S. 111). Gegen diese Theorie des Verfs. ist zweierlei einzu-
wenden. Sie ist erstens einseitig auf die germanisch-slavischen Ver-
hältnisse zurechtgestutzt, indem sie ganz außer acht läßt, daß der nächste
Verwandte des Slavischen, das Litulettische, sein Verb. refl. mit dem
Dativ des Pron. refl. bildet und syntaktisch an den Dativ der Be-
teiligung anknüpft. Daher können z. B. litauische Verba refl. transitiv
sein, z. B. nusipirkti arkli, während umgekehrt *kynntsea momans im
Russ. undenkbar ist. Dieses scharfe Auseinandergehen der beiden nächst-
verwandten Sprachgruppen zeigt aber deutlich, daß wir es bei der
Ausbildung des Verb. refl. mit einzelsprachlichen Vorgängen zu tun
haben; nur die Tendenz wird aus einer älteren Epoche herrühren. Bei
dieser Lage der Dinge ist es bare Willkür, wenn Verf. dem Slavischen
230 E. Tancu
und Germanischen zuliebe für die idg. Ursprache annimmt, daß „die
Fälle direkt reflexiven (objektiven) Genus ursprünglich durch das Verb.
refl. wiedergegeben wurden*. Zweitens, bei der vom Verf. für das Griech.
angenommenen Entstehung des Med. aus dem Pass. bleibt unerklärt,
warum so viele Media und Deponentia transitiv sind. Darauf geht
Verf. mit keinem Sterbenswörtchen ein. Auch dieser Versuch des Verf.,
seine brüchige Passivtheorie mit Hilfe des Bedeutungswandels zu stützen,
muß daher als mißlungen bezeichnet werden. Verf. beginnt die Dar-
stellung des slavischen Verb. refl. auf einer vollkommen indiskutablen
indoger rmanistischen Grundlage.
Einen zweiten Teil der Einleitung bilden das zweite und dritte
Kapitel. Hier berichtet Verf. zunächst (Kap. 2) mit erfreulicher Kürze
über die bisherigen Untersuchungen zur Morphologie des Pron. refl.,
um dann in Kapitel 3 einige zusammenfassende Bemerkungen zur Syntax
des Pron. refl. folgen zu lassent). Aus diesem Abschnitt verdienen
namentlich die Ausführungen über die Wortstellung erwähnt zu werden.
Obgleich hier Verf. natürlich nichts wesentlich Neues vorbringen kann,
so ist doch die Zusammenfassung der wichtigsten Beobachtungen als
solche zu begrüßen. Im Anschluß hieran bleiben nur zwei Kleinigkeiten
zu erwähnen. Die Bemerkung des Verf. auf S. 27, daß sich das Pron.
refl. im Baltischen nicht mit den passiven Part. verbinde, ist nicht
richtig. Im Litauischen kann auch zum Verb. refl. ein Part. Prät. Pass.
gebildet werden. So z.B. Brazausku iSduktere, Agute, pasiimta iS tolimu
neturtingu giminin skambino pianinu — Die Ziehtochter der B., A., die
sie von armen entfernten Verwandten zu sich genommen hatten, spielte
Klavier. Ziürim i karg, kaip i kokig pakios. Zmonijos ant savgs uSsi-
trauktz ‚nelaime — wir sehen auf den Krieg, wie auf ein von der
Menschheit selbst auf sich gezogenes Unglück. In der Schilderung eines
Marktes im Kaukasus heißt es: ko dia nepirkinöta ir ko nepardavinäta,
kaip Cia nesipuoßta, ko nedaryta, kaip nekalbeta. — Was wurde hier
nicht gekauft und verkauft, wie wurde sich hier nicht geschmückt,
was wurde nicht getan, wie wurde nicht gesprochen. Die Beispiele
stammen aus Vienuolis. Zweitens ist die vom Verf. in Anschluß an
MARFTIC' serbische Grammatik erwähnte Beobachtung (8. 39), daß im
Serbischen bei Unterordnung eines Verb. refl. unter ein anderes das
Pron. refl. meist nur einmal gesetzt wird, dahin zu ergänzen, daß sich
derselbe Sprachgebrauch im Polnischen findet. Das aus MARETIC
zitierte i tako se upru braniti — und so wehren sie sich nach Kräften,
hat seine genaue Parallele in dem polnischen Satz staralismy sig bronie —
wir bemühten uns, uns zu verteidigen. (SOERENSEN Poln. Gramm. $ 313).
Der Kritik der mit dem vierten Kapitel einsetzenden eigentlichen
Darstellung des Themas sind einige allgemeine Bemerkungen. voranzu-
I) Man vermißt Angaben darüber, in welchem Umfang das Pron.
refl. in den einzelnen Slavinen sich mit anderen Worten, als Verbal-
formen, verbinden konnte, z. B. mit Präpositionen.
A.Margulids, Die Verba reflexiva in den slavischen Sprachen 231
schicken. Verf. gliedert den Stoff nach den verschiedenen syntaktischen
Funktionen des Verb. refl. in eine entsprechende Anzahl von Kapiteln.
Innerhalb eines jeden solchen Abschnitts hält er sich an folgendes
Schema: In einem einleitenden $ „Allgemeines“ setzt er den Leser von
dem fertigen Ergebnis seiner Forschung in Kenntnis. Die Beispiel-
sammlungen, die daran anschließen, sind trotz ihres beträchtlichen Um-
fanges häufig doch nicht so reichhaltig, wie das auf den ersten Blick
scheinen will. Es folgen dann eine Reihe von Paragraphen, in denen
verschiedene Einzelheiten zur Sprache kommen, und den Beschluß bildet
jedesmal ein kurzer Abschnitt über die entsprechenden Ausdrucksmittel
in den anderen idg. Sprachen. Die Übersichtlichkeit dieser Anordnung
ist nur eine scheinbare. Den theoretischen Ausführungen im Einleitungs-
paragraphen vermag der Leser nur mit Schwierigkeiten zu folgen, da
er das Material nicht kennt und den Weg nicht sieht, auf dem Verf.
zu seinem Ergebnis gelangt; der Leser ist hier dem Verf. auf Gnade
und Ungnade ausgeliefert. Andrerseits genügt die Einleitung richt
zum vollen Verständnis der in den Beispielsammlungen vereinigten
Textstellen. Dazu bedarf es zur Erläuterung der kommentierenden
Paragraphen, deren Lektüre doch immer wieder ein Rückschlagen auf
die Beispielsammlung erforderlich macht. Unter diesem lästigen Hin-
und Herblättern leidet der Gesamteindruck; das Eindringen in die
schwierige Materie wird dem Leser über Gebühr erschwert. Was
übrigens die Paragraphen sollen, in denen Verf. versucht, die Unter-
schiede herauszuarbeiten zwischen der eben bebandelten Funktion und
einer erst später zur Darstellung gelangenden, die der Leser noch gar
nicht kennt, ist mir unklar; diese Dinge zu erörtern hat doch erst
dann Zweck, wenn auch der Leser beide Vergleichsgrößen selbst zu
beurteilen vermag. In der Darstellung des Verf. vermißt man fast
gänzlich ein Eingehen auf die Tatsache, daß wir doch bald ein Jahr-
tausend slavischer Sprachentwicklung zu überschauen vermögen. Es
fehlen in weitestem Umfang Hinweise auf die Geschichte des einzelnen
Verb. refl. vom Beginn der literarischen Überlieferung bis auf unsere
Zeit. Daß eine derartige Untersuchung sehr mühsam ist, daß sie häufig
ergebnislos im Sande verlaufen oder doch nur ein ganz belangloses
Resultat zeitigen wird, durtte Verf. nicht von dem Versuch als solchem
abhalten. Es kann nichi genügen, daß Verf. uns eine Sammlung von
Beispielen aus allen möglichen Sprachen und Zeiten vorsetzt, vielmehr
wäre eine möglichst genaue sprachgeschichtliche Durcharbeitung des
vorgelegten Materials unbedingt zu verlangen gewesen. Ein weiterer
Vorwurf endlich, der dem Verf. nicht erspart werden kann, muß sich
dagegen richten, daß er die Kasusrektion des Verb. refl. im Vergleich
zu der des nichtreflexiven Verbums nur ganz selten einmal mit Rück-
sicht auf einen bestimmten Fall erwähnt, statt auch diese wichtige
Frage systematisch zu behandeln. So beschränkt sich Verf. im wesent-
lichen darauf, in einer wenig glücklich angelegten Darstellung nur die
großen Linien noch einmal nachzuzeichnen, die bereits ältere Forscher
PED) E. Tancı
vor ihm gezogen haben. Die eigentliche Aufgabe der Spezialuntersuchung,
die Erkenntnis zu fördern durch genaue Herausarbeitung der Einzel-
heiten, wird nicht in befriedigender Weise erfüllt.
Mit Recht eröffnet Verf. seine Ausführungen zum Thema mit der
Darstellung des „objektiven Reflexivums“ (Kap. 4), denn in diesem Ge-
brauch werden wir nach der Morphologie des se als Akk. des Pron.
refl. die Keimzelle für die spätere Ausbreitung des Verbums refl. zu
erblicken haben. Die Definition des Verf. lautet: „Das objektive oder
direkte Reflexivum läßt das Subjekt der Verbalhandlung zugleich auch
als Objekt erscheinen oder es nimmt, mit anderen Worten, die Verbal-
handlung an oder mit sich selbst vor“ (8. 41). Verf. stellt demnach
zwei Kategorien auf: „1. Das Subjekt vollzieht die Handlung an sich,
z. B. mytise. 2. Das Subjekt vollzieht die Handlung mit sich (S. 42).
Beispiel: poln. kto sie chwali, ten sig gani — wer sich lobt, der tadelt
sich“ (8. 54). Zur Erläuterung von Kategorie 2 fügt Verf. hinzu: „Hier
wird das Subjekt als Ganzes Objekt der von ihm ausgeübten Verbal-
handlung, während es bei 1 nur Teile des Körpers geworden waren.
Wesentlich bei dieser Kategorie ist es, daß tatsächlich die Tätigkeit
im Blickpunkt des Bewußtseins steht, nicht etwa der aus dieser Tätig-
keit resultierende Zustand* (S. 43). Das hierfür gegebene Beispiel
javiti se, das in gleicher Weise „sich offenbaren“ wie „erscheinen“ be-
deuten kann, ist gut gewählt. Zu diesen Ausführungen ist nur zu be-
merken, daß die Einschränkung, bei Kategorie 1 seien nur Teile des
Körpers das Objekt der Handlung, zu weit geht. In einem myti se
z. B. liegt an sich kein Hinweis auf den betroffenen Körperteil. Ebenso
wird in dem russ. Beispiel! oma ymapuna ceön B rpynb — sie schlug
sich an die Brust (S. 49) die Beschränkung in dem » rpynb gegeben und
liegt nicht im Verbum. Die Sache scheint mir daher eher so zu liegen,
daß bei Kategorie 1 der Objektsbegriff durch irgend einen Zusatz nach-
träglich eine Verengung erfahren kann, was bei Kategorie 2 wohl nicht
möglich ist.
Zur schärferen Betonung des objektiven Verhältnisses kann ein
„verstärktes“ Verb. refl. in drei Varianten gebildet werden: se wird
durch sebe ersetzt, se wird durch sam verstärkt, sebe wird durch sam
verstärkt; darüber handelt Verf. gut und ausführlich in $ 24. Lehr-
reich sind auch die Ausführungen im folgenden $ über das verstärkte
Reflexivum im Abg. Nach der Methode, die JacIC in den Beiträgen
zur slavischen Syntax so erfolgreich anwandte, stellt hier Verf. die
Übersetzung einiger Bibelstellen in den verschiedenen Slavinen und
im Gotischen vergleichsweise nebeneinander. Dabei zeigt sich im Russ.
eine gewisse Vorliebe für das verstärkte Refl., weil „das einfache Re-
flexivum in dieser Sprache eine so einheitliche, unlösliche Verbindung
darstellt, daß sie vielfach zur Darstellung ausgesprochen objektiver
Diathese untauglich geworden sein wird“ (8. 75).
Für alt hält Verf. die Zufügung eines zweiten Ace. zum Verb.
refl., eine Konstruktion, für die er nur aus dem Serbischen und Slo-
A.Marguli6s, Die Verba reflexiva in den slavischen Sprachen 933
venischen je ein Beispiel beibringt: sder sama sebe lijevu ruku osijede
— die Tochter schlug sich selbst die linke Hand ab (8. 267). Verf.
glaubt diesen Gebrauch so erklären zu sollen: „Hier scheint das Ge-
fühl noch lebendig zu sein, daß es sich um eine im Grunde objektive
Diathese handelt. Ist dieses Gefühl stark genug, so tritt das akku-
sativische Reflexivpronomen ein“ (ib). Demgegenüber ist zu berück-
sichtigen, daß die anderen Slavinen — und dies ist auch die gewöhn-
liche Praxis des Serbischen und Slovenischen — in solchem Fall immer
das Pron. refl. in den Dativ setzen. Ich wage daher einstweilen das
hohe Alter der Konstruktion noch zu bezweifeln und möchte eher die
andere Erklärungsmöglichkeit zur Diskussion stellen, daß wir es mit
einer jungen Ausgleichung zu tun haben, die an den häufigeren Gebrauch
des akkusativischen Pron. refl. anschließt. Es ist eine sehr bedauerliche
Lücke, daß Veri. es unterlassen hat, derartige Fälle genauer zu unter-
suchen und greifbare Tatsachen für ihre Beurteilung beizubringen, da
er sich auf sie stützt bei dem Versuch, die Verhältnisse im Lituletti-
schen in eine neue Ordnung zu bringen. Verf. bekämpft die von
ENDZELIN, Lett. Gramm. $ 777, vertretene Auffassung, daß in einem
lettischen mazgäsis muti — wird sich den Mund waschen ein dativi-
scher Gebrauch des Refl. vorliege und glaubt, wie in den oben ange-
zogenen siavischen Beispielen akkusativische Funktion annehmen zu
sollen. Solange aber über das Alter und den Ursprung der slavischen
Konstruktion keine Klarheit besteht, ist sie nicht einmal als Analogie
verwertbar. Noch weniger taugen die beiden anderen Gründe, die Verf.
gegen ENDZELIN geltend macht. Akkusativische Funktion ist nach ihm
anzunehmen, „weil das von ENDZELIN a. a. O. vorgeführte sev ruocinas
mazgäties — sich die Hände waschen, anzudeuten scheint, daß die dativische
Funktion notwendigerweise (!) der Vollform sev in dieser Position be-
darf“ (S. 82). Damit ist zu vergleichen die Bemerkung, die ENDZELIN
dem angefochtenen Beispiel vorausschickt: „Pleonastisch wird zuweilen (!)
noch der Dativ sev „sich“ hinzugefügt“. Auch der zweite Einwand des
Verf.s, daß „mazgäties ohne ergänzendes Objekt gewiß akkusativisch auf-
zufassez ist und so auch von ENDZELIN aufgefaßt wird“ (S. 82), kann
für ruocinas mazgäties nichts beweisen. Verf. übersieht vollkommen, daß
das Litulettische, im Gegensatz zum Slavischen, bei der Bildung des
Verb. refl. vom Dativ des Pron. refl. ausgeht. Wir haben in den —
wiederum im Gegensatz zum Slavischen — recht häufigen Wendungen,
wie ruocinas mazgäties, gerade den ältesten, dativischen Gebrauch des
Verb. refl. zu erblicken, demgegenüber objektiv-reflexives mazgäties „sich
waschen“ das Produkt einer jüngeren Entwicklung darstellt, in der
das ursprünglich dativische Pron. refl. auf den Acc. ausgedehnt wurde.
Einen von FORTUNATOV zuerst vorgetragenen Gedanken greift
Verf. auf, indem er die Fälle zu einer selbständigen Gruppe zusammen-
faßt, die folgendes Beispiel aus dem Russischen veranschaulichen soll:
nonroe BpeMA Hecnacb 0HA TO MomHeßecho —- lange Zeit flog sie im
Luftkreis dahin ($. 89). „Im Blickpunkt des Bewußtseins steht bier
234 E. Tancı
nicht die Tätigkeit als solche, sondern der aus ihr resultierende Zu-
stand, der eventus“ (S. 43). Verf. bezeichnet daher die Gruppe als
„erentives Reflexivum“ (Kap. 5) und prägt folgende Definition: „Die
eventive Diathese kann definiert werden als eine auf dem Boden a
weder der objektiven oder der passiven Diathese erwachsene Genus-
nuance, die über diese Diathese hinaus die durch sie involvierte Ver-
baltätigkeit oder den durch sie geschaffenen Zustand schildert“ (S. 83).
Die Zusammenfassung aller hierher gehörigen Fälle zu einer selbstän-
digen Gruppe ist durchaus zu billigen. Den Tatbestand hat Verf. in
seiner Definition richtig gekennzeichnet. Nur über die Entstehung
dieser Gruppe kann man verschiedener Ansicht sein. Verf. hat zwei
Wege der Entwicklung im Auge. Einen Teil der Fälle, darunter
namentlich Eventiva von Verben der Bewegung, erklärt er aus dem
objektiven Reflexivum. So etwa folgendes Beispiel: BaAyManu TYT
OCTAHOBHTBCH — sie beschlossen hier stehen zu bleiben (S. 105). Verf.
führt dies zurück auf ein ursprüngliches «sie beschlossen, sich hier
zum Stehen zu bringen», bei dem „die Handlung willkürlich und mit
vollem Bewußtsein vollführt wird“ (8. 105). Diese Erklärung leuchtet
ein. Für einen andern Teil der Fälle nimmt Verf. Entstehung aus
dem Pass. an, so vor allem für Eventiva von Verben des Zerstörens.
Das russ. Verbum ronurs dient hier als Beispiel. Neben einem akti-
vischen He Mope TonHTBb Kopadım, Ho BErpst — nicht das Meer ver-
senkt die Schiffe, sondern die Winde, steht das Eventivum, A HNKkI
Tonauaca B Ascnk — und andere, die in der Desna versanken
(8. 104). Verf. sagt: „Die aktive Form drückt die Zerstörung eines
Objektes aus, während die reflexive Form das Objekt der aktiven nun-
mehr als Subjekt, aber weiter als Patiens, in dem durch das Subjekt der
aktiven Form bewirkten Untergang befindlich darstellt... Das Subjekt
bleibt, ganz wie beim Passivum, das den Ursprung dieser Fälle zumeist
bildet, das Patiens, die Tätigkeit wird vom Subjekt zunächst nicht
willkürlich ausgeführt“ (S. 104).
Mit der Wahl von ronntrs zum Musterbeispiel für die zweite
Gruppe hat Verf. einen Mißgriff getan. Da er es, wie gewöhnlich,
unterläßt, die Gebrauchsweisen dieses Verbums durch die verschiedenen
Slavinen durchzuverfolgen, muß ich hier vorerst einiges nachholen.
Für das Russische und Polnische!) sind bezeugt: 1. Objektiv-reflexives
(y)ronutgen, (u)topi6 sie, sich versenken. 2. Dal’ verzeichnet ein ein-
ziges Beispiel für passivisch-gefärbtes TonnTBcaH: 3anachzıt kopabensHuı
wbcp Tomntean m cÖeperaerca B% Bont. (Dal’ 4, 795.) 3. Ertrinken,
untergehei wird mit (y)romyrs, (u)tong6 ausgedrückt, aber nicht etwa
mit dem eventiven Refl.; dafür wäre im Russ. die vorm Verf. oben aus
SREZNEVSKIJ Ki ORRehrieBäne Stelle der einzige Beleg. Dieses Bei-
spiel aber hat Verf. falsch interpretiert; der Satz lautet im vollen
Wortlaut: Hsacaasn ae oyspk lloasgun ckuemm skramıma, A HHBI
1) Hier kommen vereinzelte Ausweichungen vor.
A.Margulies, Die Verba reflexiva in den slavischen Sprachen 935
Tonamaca B Acchk H Naya Hyk npawarh.... Hypatius Chronik
s. a. 6668. Iloaosun skramına-unnı TonAwmaca ist m. E. Ace. c. Part.
abhängig von oyap&. Der Chronist schildert mit den Part. zwei Wege
auf denen sich die Fliehenden zu retten suchen, indem er dem srkramıya
das ronAwaca gegenüberstellt. Dem „Davonlaufen“ entspricht aber
nicht die Verbaltätigkeit „Untergehen“, sondern vielmehr, im Einklang
mit dem sonstigen russischen Sprachgebrauch ‚sich ins Wasser stürzen“.
Wir haben also die Stelle folgendermaßen zu übersetzen: I. sah die
P. davonlaufen, andere aber sich in die D. stürzen, und er begann, sie
zu fragen.... Der Versuch des Verf., ausgerechret russ. Tonnteca in
die Reihe der eventiven Refl. hineinzubringen, ist m. E. glattweg ab-
zulehnen. Etwas anders ais Polnisch und Russisch haben Üechisch
und Serbisch die Bedeutungen von *topiti se und *tonoti entwickelt.
In diesen Sprachen läßt sich tatsächlich ein eventiver Gebrauch von
topiti se nachweisen. Man vergleiche etwa folgende Sätze: poln. kto
tonie i gofego sig miecza chwyta. LINDE 5, 685. Dagegen £ech. kdo
se topj, slamy se chytä. JUNGMANN 4, 610. Poln. Gdy poczat tong£,
zawodaf: Panie ratuj mie LINDE 5, 685. Dagegen serb. potevii se
topiti, povika govore6i: Gospode pomagaj. IvEKovIc-Broz. 2, 579.
Wie es im Cechischen und Serbischen zu dieser Ausdehnung des Ge-
brauchs von topiti se kommen konnte, läßt sich m. E. ganz gut aus
gewissen Ansätzen verstehen, die sich im Altrussischen leicht abzeichnen.
Toryrp kann da gelegentlich auch die Bedeutung „sich erträrken*
haben und wird neben ronutsca gebraucht, wenn vom Selbstmord die
Rede ist, zum Beispiel: flıe KTo, ıkaa oyma He HMkA, OYAABHTCA,
HAH HSBSAETCA HAH OYTONKTEA, ASOCTOHT AH MPHHOLUEHT® 34 Hk
BrıTH. Srez. 8,1313. Aber auch: Muse nw AiarW grkuie sapktca
Fr 4
HAH OYTOHE HAH OYAABHTCA..., AA Norpesoy no uun8. Srezn. 3, 1312.
Wenn aber die Bedeutungen von *tonoti und *topiti sg in einem Punkt
zusammentrafen, dann war damit die Möglichkeit gegeben, den Gebrauch
von *topiti se in den ursprünglichen Bereich von *tonoti hinein aus-
zudehnen. So, glaube ich, werden wir uns die Entstehung von tech.
serb. topiti se — untergehen vorstellen dürfen. Das Verbum *topiti
ist also nicht als Musterbeispiel für die angebliche Entstehung des
Eventivum aus dem Passivum zu gebrauchen. Grundsätzlich aber ist
zu dieser Frage noch Folgendes zu bemerken. Wenn Verf. annimmt,
Eventiva könnten sich aus dem Passivum entwickeln, danr. ist doch
vorerst zu fragen, wie vollzieht sich der Übergang von der objektiv-
reflexiven Bedeutung des Verb. refl, die am Anfang der Entwicklung
stehen muß, zur passiven. Den Weg, der da zur Verfügung steht,
zeigt Verf. selbst auf: „Gerade über das eventive Genus führt ein solcher
Weg ununterbrochen vom objektiven zum passiven“ (S. 110). Ist dies
der einzig mögliche Weg organischer Entwicklung, wie kommen dann
Passiva zu Stande, deren Eventiva erst nachträglich aus dem Passivum
936 E. Tangı
[
herausgebildet wurden? Darüber nachzudenken überläßt Verf. dem
Leser. Man kann m. E. nur an analogische Neuerung nach irgend-
welchen Vorbildern denken, eine Annahme, die vollkommen in der
Luft hängt und bei der Abneigung des Slavischen gegen die passive
Ausdrucksweise im Allgemeinen und gegen den passiven Gebrauch des
Verb. refl. im Besondern nur recht wenig glaubwürdig klingt. Ich muß
daher bekennen, daß ich an die nachträgliche Entstehung eines Even-
tivum aus dem Pass. nicht zu glauben vermag; auch für die Fälle
der zweiten Gruppe wird man vom objektiven Reflexivum ausgehen
müssen”).
Ob nun gerade das Eventivum die einzige Zwischenstufe ist, von
der aus sich der Übergang in das Pass. vollzieht, verlohnt wohl noch
der Untersuchung. M. E. kommt als Bindeglied in mindestens gleichem
Maße das kausative Reflexivum in Frage, das Verf. wiederum ganz
falsch aus dem Pass. ableitet. Wir haben folgende Phasen: Eine Hand-
lung an sich vollziehen > eine Handlung an sich vollziehen lassen
> eine Handlung von einem andern an sich vollziehen lassen. Gerade
für diesen Weg liefern die Sammlungen des Verfs. zwei wunderschöne
Beispiele. Russ.: y Hero Becp ropon neunten (Yexop) — bei ihm läßt
sich die ganze Stadt behandeln (8. 205)2). Dagegen abg.: u cunnMmaaya
CA HAPOAH MEHOSH CARIWATH H WEAHTH CA OT HETO OTR HEART
cRoHya Mar. 212, 2 — ovvYogovro ÖyAoı moAloi Knoveıv nal BegameveodaL
ün oörod dno iv Aodevaov audröv A 5,15 (8.188). Wir können
den slavischen Ausdruck mit der Übersetzung „um sich von ihm heilen
zu lassen“ genau nachbilden.
Verf. hat richtig erkannt, daß es beim Pass. (Kap. 8) darauf an-
kommt, daß mit der Vorstellung vom Vollzug der Handlung am Subjekt
die Vorstellung eines vom Subjekt verschiedenen Agens verbunden ist;
aber die Konsequenzen hat er aus dieser Erkenntnis nicht gezogen.
1) Vollkommen verfehlt sind die Ausführungen, in denen Verf.
die Nuance eines Verb. refl. durch das Zeugnis anderer Sprachen be-
stimmen will. So beweist die Übersetzung von Zxgi&önt (A 17,6)
durch abg. vezderd se (Mar. 275,9) und „reiß dich aus“ (LUTHER),
daß got. uslausei puk us waurtim nicht als Pass., sondern als objektives
Reflexivum zu fassen ist (8. 51 Anm. 1). Ebenso „beweist“ die Übersetzung
eines griech. intransitiven Verbums durch ein abg. Verb.refl. die Eventivität
dieses Reflexivums; zahlreiche Beispiele dafür $ 37. uevddvo würde
ich deshalb, weil es gelegentlich auch absolut gebraucht wird, nicht
zum Musterbeispiel für ein griech. intransitives Verbum wählen (8. 114).
Es geht nicht an, deviouaı für eventiv auszugeben, da es transitiv
ist (8. 114).
2) Auf derselben Stufe steht folgendes abg. Beispiel: u npkAa
CA BoHHoY MPHTBOSAHTH cA (Supr.) — Er übergab sich dem Soldaten,
um sich annageln zu lassen. Die Übersetzung des Verfs. „um ange-
nagelt zu werden“ (8. 186) scheint mir nicht das Richtige zu treffen.
A. Margulies, Die Verba reflexiva in den slavischen Sprachen 237
Aus alten Texten läßt sich ein passiver Gebrauch des Verb. refl. ein-
wandfrei nachweisen, da es Fälle gibt, in denen ein Agens genannt ist.
Im Lauf der Zeit bat aber eine Rückbildung eingesetzt. Das heutige
Polnisch z. B. kennt den Brauch nicht mehr. Es ist mir daher sehr
fraglich, ob Verf. folgenden Vers des MICKIEWIOZ zu Recht als Bei-
spiel für das Pass. aufführt: zrobida sig nazajutrz z tego anegdota ($. 194).
Die Einfügung eines Agens, z. B. eines przez nas, ist hier nach heutigem
Sprachgebrauch, der auch schon für MICKIEWICZ gelten wird, schlechter-
dings undenkbar. Eine etwas andere Regelung scheint sich im Russ.
durchgesetzt zu haben. Dort ist die Zufügung eines Agens zum passivisch
gebrauchten, unvollendeten Verb. refl. an der Tagesordnung; ob man
aber mit dem vollendeten Verb. refl. einen Agens verbindet? Dieses
zentrale Problem des Pass., die Frage nach dem Agens, mußte Verf.
vor allem Andern genauest erforschen, denn erst wenn man weiß, daß
die Zufügung eines Agens zu einer Verbalform erlaubt ist, hat man
das Recht, sie für das Pass. in Anspruch zu nehmen; aber die Unter-
suchung über den Agens fehlt. Das Zweite, worauf Verf. überhaupt
nicht eingeht, ist die Stellung die das passivisch-gebrauchte Verb. refl.
innerhalb des Passivparadigmas einnimmt. Wir erfahren von ihm nur
das eine, was ohnedies jeder weiß, daß periphrastische Bildungen sehr
viel häufiger gebraucht werden. Das Fehlen von Angaben zu den beiden
genannten Punkten im Verein mit einer erschreckenden Oberflächlich-
keit bei der Aufstellung der Beispielsammlung, in die alles Mögliche
eingeschwärzt ist, was gar nicht zum Pass. gehört, macht das achte
Kapitel zu einem der unerfreulichsten der ganzen Untersuchung.
Dem Vorbilde KRÜGER’s!) folgten DELBRÜCK?) und BRUGMANN),
als sie bei der Einteilung der idg. Media neben einer reflexiven und
reziproken Gruppe als dritte und letzte die der „dynamischen“ Media
aufstellten. Dabei soll nach DELBRÜCK der Terminus dynamisch so
verstanden werden: „Das Medium unterscheidet sich von dem Aktivum,
soweit überhaupt ein Unterschied fühlbar ist, nur dadurch, daß es die
stärkere Beteiligung des ganzen Subjekts an dem durch das Verbum
dargestellten Vorgang zum Ausdruck bringt“. Und weiter heißt es auf
der nächsten Seite mit Bezug auf einige Verba der Bewegung: „Das
Medium scheint auszudrücken, daß das Subjekt an dem Vorgang intensiv
beteiligt ist, (eilen, stürzen und Ähnliches), das Aktivum, daß es eine
Handlung der Bewegung vollzieht“. An DELBRÜCK schloß sich wiederum
STAHL) an, der ebenfalls unter dem Kennwort dynamisch einerseits
Media aufführt, bei denen er eine intensive Bedeutung glaubt: feststellen
zu können, andrerseits solche, die anscheinend genau den gleichen Wert
1) Griechische Sprachlehre I* Berlin 1861 $ 52, 8.
2) Vgl. Syntax 2, 425 ff. Straßburg 1897.
3) Grundriß? 2, 3, 686 Straßburg 1916.
4) Kritisch-historische Syntax des griechischen Verbums der klas-
sischen Zeit. Heidelberg 1907 8. 57 ff.
238 E. Tancu
wie die entsprechenden Aktiva besitzen und promiskue mit ihnen
gebraucht werden. Schon GILDERSLEEVE!) nahm an diesem Ver-
fahren Anstoß, indem er mit Recht den Mißbrauch tadelte, daß alle
Media, deren besondere Nuance sich nicht erkennen läßt, als dynamisch
ausgegeben werden. Noch weiter ging dann in der neuesten Zeit
WACKERNAGEL?), der an Hand einer schönen Beispielsammlung neue
Wege für das Verständnis des griech. Mediums aufzeigte und damit
den Nachweis erbrachte, daß die Annahme, im Medium könne eine
Intensitätssteigerung zum Ausdruck kommen, auf einem Irrtum KRÜGER’s
beruht; er lehnt denn auch den Terminus dynamisch rundweg ab.
Trotzdem man beim Verf. die Kenntnis von WACKERNAGEL's
Ausführungen voraussetzen muß, da er das Werk an anderer Stelle
(S. 209) erwähnt, schließt er sich doch, obne auf diese sehr wirkungs-
vollen Einwände einzugehen, vollinhaltlich den genannten älteren Dar-
stellungen an und macht krampfhafte Anstrengungen, für das Slavische
ein „dynamisches Reflexivum* (Kap. 6) zu konstruieren: „Das dynamische
Genus ist vom aktiven verschieden, nicht, wie die übrigen Genera verbi,
der Art nach, sondern der Intensität nach, d.h. durch den das dyna-
mische Genus kennzeichnenden Ausdruck wird die Richtung der aktiven
Verbalhandlung nicht verändert; man könnte davon sprechen, daß das
dynamische Genus vom aktiven quantitativ verschieden ist, während
alle übrigen nichtaktiven Genera eine qualitative Verschiedenheit
gegenüber dem Aktivum zeigen“ (S. 117). Nreilich, ganz geheuer
scheint die Sache dem Verf. doch nicht zu sein, er entschuldigt ge-
wissermaßen die Übernahme des Ausdrucks dynamisch damit, daß es
eben alle so machen, denn auch er muß bekennen, daß dieser Terminus
„insofern nicht ganz zutreffend ist, als zwischen aktivem und sog. dy-
namischem Genus eines Verbums häufig ein Intensitätsunterschied nicht
fühlbar ist“ (S. 117). Und je weiter man liest, um so mehr verstärkt
sich der Eindruck, als ob gerade die Gleichwertigkeit der nichtreflexiven
und refiexiven Form bei der angeblichen dynamischen Kategorie das
Entscheidende wäre. Denn immer von Neuem wird gerade das Fehlen
eines Intensitätsunterschiedes als das hervorstechende Merkmal genannt.
So etwa S. 220: „Das dynamische Genus hat Aktivum und Reflexivum in
gleicher Bedeutung oder mit einer die Richtung der Verbalhandlung nicht
wesentlich verändernden Modifikation nebeneinander®)*. Die Sache liegt
eben so, daß es im Slavischen eine Unzahl von nichtreflexiven und
reflexiven Verben gibt, die soweit wir bisher zu sehen vermögen, unter-
schiedslos nebeneinander gebraucht werden. Alle diese Fälle hat Verf.
nach dem bösen Vorbild anderer Forscher beim dynamischen Reflexivum
A ns on STAUL’s Syntax of the Greek Verb. Baltimore 1909
2) Vorlesungen über Syntax I. Basel 1920 8. 124.
3) Vgl. ferner z. B. 8. 145, 241, 264.
A. Margulies, Die Verba reflexiva in den slavischen Sprachen 239
untergebracht!). Das ist Vogelstraußpolitik übelster Art. Wenn eine
besondere Nuance nicht erkennbar ist, dann haben wir auch kein Recht,
mit der Bezeichnung dieser Reflexiva als dynamisch uns Kenntnisse
vorzutäuschen, die wir nicht besitzen. Vielmehr sind die in Frage
kommenden Fälle zunächst, abseits von allen andern Kategorien, gewisser-
maßen auf einem Friedhof der Namenlosen zu sammeln, und dann kann
die Bearbeitung des einzelnen Stückes in Angriff genommen werden.
Die Riessnarbeit, die da noch zu leisten ist, wird sich nicht mit einem
Ruck bewältigen lassen; nür schrittweise wird es ganz allmählich ge-
lingen, die Zahl der nichterkannten Fälle zu verringern. Ansätze dazu
sind bereits gemacht. So fördert Verf. z. B. die Bearbeitung einer Gruppe,
die bereits FORTUNATOV’s Aufmerksamkeit erregt hatte. FORTUNATOYV
stellte fest, daß, wenn neben einem eventiven Reflexivum der -ö-Klasse
ein gleichbedeutendes Intransitivum der -&-Klasse steht, zu letzterem
nochmals analog ein Reflexivum gebildet werden kann. So entsteht
neben yratiti sg aus dem intransitiven vret£ti ein vratöti se, das seiner-
seits wieder zur Schaffung eines transitiven vrat&ti führt. Genau ent-
sprechend erklärt Verf. cocrap&reca als Analogiebildung zu cocrapnrsca.
Ebenso wird nach pymmrsca zu dem intransitiven pyxHyTb ein pyx-
ayreca gebildet (S. 139 ff). Mit solchen analogischen Neuerungen haben
wir sicher in weitem Umfang zu rechnen. Nur ist es natürlich grund-
verkehrt, wenn Verf. derartige sekundäre Bildungen als dynamische
Reflexiva bezeichnet, da hier niemals ein Unterschied in der Intensität
bestand.
In manchen Fällen aber glaubt Verf. tatsächlich eine derartige
Differenzierung feststellen zu können. Wir wollen hier beginnen mit
einer Gruppe von Verben, bei der Verf. an die Entstehung aus dem
objektiven Reflexivum glaubt; es sind das Verba, Jie ein „Halten“ usw.
bezeichnen. Zum Beispiel abg. drszati, -se: MAKH ApWKALTEH
Ha - ol Ouvegovreg tbv ’Imooüv 1 22, 63 — Mar. 302, 2; drevo Zizni jeste
vpsem® drezestiimp se jeje — ein Baum des Lebens ist er für alle,
die sich daran halten Supr. (S. 119). Verf. gibt folgenden Kommentar:
dr»%ati se heißt sich halten, wobei der Körper des Subjektes, der sich
anhält, deutlich in die Handlung mit einbezogen erscheint, während in
der aktiven Form das Augenmerk allein auf das Objekt gerichtet ist,
an dem die Handlung vollzogen wird. Es ist deshalb anzunehmen, daß
wir es im Grunde mit objektiven Reflexiven zu tun haben und daß
sie als solche in der Psyche des Sprechenden gebildet werden“ (8. 120).
Damit kann man sich einverstanden erklären, nicht aber mit der Fort-
setzung, denn nun sucht Verf., wenn auch in vorsichtiger Form, die
Intensitätssteigerung hineinzuinterpretierer: „In logisch-syntaktischer
Hinsicht aber kommen beide Arten der Handlung -auf dasselbe heraus,
1) Auch in allen anderen Abschnitten der Untersuchung wird jedes
Verb. refl., das sich nicht erklären laßt, mit dem Etikett „dynamisch“
versehen und ist damit befriedigend erklärt.
940 E. Tancı
wobei die besondere, körperliche Beteiligung des Subjektes im Falle
der reflexiven Wendung als Intensitätssteigerung letzten Endes leicht
empfunden werden kann“ (8. 121). Trotz sorgfältiger Prüfung der vom
Verf. angeführten Beispiele und derandern, die ich zum Vergleich heranzog,
kann ich nirgends auch nur die leiseste Spur einer Intensitätssteigerung
entdecken. Es sind einfach objektive Reflexiva, deren Gebrauchsweise
klar wird, wenn man sich die Kräfteverteilung überlegt. Die nicht-
reflexive Form wird gebraucht, wenn das Subjekt als Stärkerer die
Tätigkeit des Haltens usw. an einem Schwächeren vollzieht, dagegen
wählt man das Reflexivum, wenn das Subjekt als Schwächerer an einem
Stärkeren Halt sucht. Es liegt also dieselbe Differenzierung vor wie
bei uns im Deutschen; auch wir unterscheiden zwischen „den Hund
festhalten“ und „sich an der Stange festhalten“.
Sodann soll das dynamische Musterbeispiel zur Sprache kommen,
auf das Verf. bei jeder Gelegenheit verweist. Intensitätsunterschiede
sind angeblich „deutlich sichtbar in moliti und moliti sg des Altbul-
garischen, das in seiner Regelung innerhalb der Sprachdenkmäler etwa dem
Verhältnis des deutschen «bitten»: «beten» entspricht, im Griechischen
zumeist inerevew, Egwräv : moooeüysodaı, deioda,“ (S. 118). Dieser Re-
lativsatz ist das Einzige, was Verf. zur Begründung seiner Auffassung
vorbringt. Die völlige Verkennung des Tatbestandes, die sich in den
Ausführungen des Verfs. kundtut, setzt aber umso mehr in Erstaunen,
als er selbst den entscheidenden Aufsatz MEILLET’s (M. S.L. 15, 38)
über abg. moliti anführt. MEILLET wies dort darauf hin, daß moliti
ohne se gebraucht wird, wenn „la priöre n’est pas faite dans l’intsret
du sujet: molite za tvoresteje vam» napasti — moooeUyeode ünto
röv dımnövrwv Duäg M 5, 44*. Diese Beobachtung MEILLET’s wird,
worauf er nicht mehr einging und wozu auch Verf. keine Stellung
nimmt, durch den altrussischen Sprachgebrauch bestätigt. Dort sind
MoNATb und Monutsca beide in Bedeutung bitten — die Bitte kann so-
wohl an Gott wie an einen Menschen gerichtet sein — reichlich oft
vertreten; und auch dort finden sich häufig Sätze wie der folgende:
Moante Ba sa mau 3a mok Aka (Srez. II, 167-8). Dieser Sprach-
gebrauch hat sich erhalten, wie folgende Stelle aus DosTOJEVSKIJ zeigt:
OH 3anoMHHN...MaTb CBOW .... Monamıyio 3a Hero Boroponnuy (Bparsa
Kap. I, 4, Berlin, LapyZnıkov, 1919, S. 27). Der Vollständigkeit
halber sei noch erwähnt, daß monnrp gebraucht wird, nicht nur wenn
man für, sondern auch gegen jemand bittet; so: Ha Bparsl MONuME
(Srezn. ib.). Dagegen sei als Beispiel für reflexives MmoaHrHcA folgende
Stelle genannt: MH nuine, KHAKO, MbI CA TOBE MOAHMTR, KAkk TO
T
TBIH TOBApk WAAH UTO ECH ESAAT BEI BHHRHOF BHNBI (Srezn. ib.)).
In Übereinstimmung mit MEILLET, der sofort an Verba wie ai. Yyajami
1) Ausweichungen kommen vor. So etwa: HEO no CMPTH Mo-
aAulccA Ku Bi’ 34 Pych. Hypat. Chronik s. a. 6477.
A. Margulies, Die Verba reflexiva in den slavischen Sprachen 9241
: yaje und griech. Ivo : $Vouas erinnerte, haben wir also von folgender
Grundbedeutung auszugehen: moliti — für einen andern bitten, moliti
se — für sich selbst bitten. Diese ursprüngliche Verteilung ist durch
jüngere Ausgleichungen stark gestört worden. Dem West- und Ost-
slavischen ist gemeinsam die Beschränkung auf die Bedeutung „Gott
bitten“, d. i. beten. Während aber im Russ. monut und MosuTBcA er-
halten bleiben, haben Poln. und Cech. schon sehr früh die nichtreflexive
Form ganz aufgegeben; dem Poln. des 16. Jhrhdts. ist modli6 sie Bogu
za kogo schon ganz geläufig. Auf südslavischem Boden haben Bulg.
und Serb. den alten Verwendungsbereich in vollem Umfang beibehalten;
mangels genügender Beispielsammlungen kann ich aber nicht sagen,
ob und wieweit im Gebrauch der nichtreflexiven und reflexiven Form
heute noch differenziert wird. Eine Ausgleichung hat auch das Slo-
venische vorgenommen; dort entwickelt sich moliti zur Bedeutung „beten“,
während moliti se — „bitten“ daneben erhalten bleibt. Von diesen
jüngeren Normalisierungen müssen wir bei Beurteilung der ältesten
Verhältnisse natürlich absehen; für sie kommt nur die von MEILLET
vorgeschlagene Lösung in Frage, der Versuch des Verfs. irgendwelche
Intensitätsunterschiede hineinzutragen, ist vollkommen abwegig. Schwie-
riger ist die Beantwortung der Frage, wie wir uns die Entstehung der
Konstruktion moliti se komu vorstellen sollen. So ansprechend die von
MEILLET angeregte Zusammenstellung von moliti se mit griech.-ind.
Medien ‘wie $Voucı und %Yaj& auch ist, an eine mechanische Ersetzung
eines ursprünglichen Mediums durch das Reflexivum werden wir doch
nicht glauben dürfen. Vielmehr scheint eine Verdrängung des alten
Mediums durch das objektive Reflexivum stattgefunden zu haben, wobei
das Acc. Objekt des Act., da in dem se bereits ein Acc. Objekt gegeben
war, in ein Dativobjekt (ursprünglich vielleicht ein Dativ der Richtung?)
verwandelt wurde. Hier ist noch manches unklar, sicher scheint mir
nur das Eine zu sein, daß wir bei der Erklärung vom objektiven Re-
flexivum ausgehen müssen.
In dem oben genannten Aufsatz äußert MRILLET die Vermutung,
daß das Slavische zum Reflexivum greife, wenn es ein transitives Ver-
bum einmal absolut gebraucht!),. Auch Verf. hat derartige Fälle ge-
prüft (8. 145ff.); aber wenn er sich auch MEILLET’s Deutungsversuch
im Großen und Ganzen zu eigen macht, verschweigt er doch mit Recht
nicht gewisse Bedenken, da die Rechnung nicht aufgehen will; es bleiben
zuviel Ausnahmen übrig. Ein Fall, auf den MEILLET’s Ansatz tatsäch-
sächlich anwendbar wäre, muß hier noch erwähnt werden, abg. d&jatk:
dejati se, bei dessen Gebrauch Verf. wiederum glaubt, die Intensitäts-
steigerung nachweisen zu können, vermutlich?) weil im Griechischen
mosiv und £vepyeiv entsprechen (8.135). Ich muß erstens bestreiten,
1) So auch schon FORTUNATOV, Hasecrun ora. pyccr. ns. 4,1155,
(1899).
2) Verf. gibt keine klare Begründung.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 16
949 E. Tancı
daß Zvegyeiv eine Intensivbildung zu woseiv ist, zweitens müßte ich
einen Rückschluß vom Griechischen auf das Slavische aus methodischen
Gründen ablehnen und drittens muß ich bekennen, daß ich im Gebrauch
von döjati und d&jati se innerhalb des Slavischen nirgends etwas von
einer Intensitätssteigerung wahrnehmen kann. Eine befriedigende Er-
klärung vermag ich allerdings auch nicht zu geben.
Ausführliche Behandlung hat Verf. schließlich noch gewissen mit
do und na präfigierten Reflexiven angedeihen lassen, die er für beson-
ders schöne Vertreter der dynamischen Klasse hält. So etwa: uurau-
ynTan m noumraanca no ro crpannımı -— er las und las durch bis zu
jener Seite (8. 142). Es ist gewiß zuzugeben, daß im Slavischen
manchmal neben einem Simplex ein ausschließlich oder doch wenigstens
vorwiegend in der reflexiven Form gebrauchtes und mit do oder na
gebildetes Kompositum steht und daß solche Komposita die Tendenz
zeigen, sich zum Refl. tantum zu entwickeln. Aber wenn Verf. diese
Fälle ‚aus einer parallelen Entwicklung“ (S. 144) glaubt erklären zu
sollen derart, daß dynamische Reflexiva sich mit den „dynamischen“
Präfixen do und na zufällig einmal zusammenfinden, „um das dynamische
Genus besonders deutlich herauszuarbeiten*, dann vermag ich ihm darin
wieder nicht zu folgen, denn es fehlt nämlich die Hauptsache — die
Dynamis. Zu „essen“ wäre „schlingen“ das Intensivum, zu „trinken“
etwa „saufen“. Najasti se heißt aber sich satt essen, napiti se — sich
satt trinken, und so geht es weiter. Immer sind es perfektive, nicht
intensive Verben, deren reflexive Form aus Gründen, die sich bis jetzt
unserer Kenntnis entziehen, stark vorwuchert. Die Sammlungen des
Verfs., die für das ganze dynamische Genus vollkommen unzulänglich
sind, da er für jedes Verbum nur zwei Beispiele gibt, sind in diesem
Abschnitt besonders ungenügend. Ich habe im Vorstehenden nur die
Fälle zur Sprache gebracht, mit denen Verf. seine Theorie vom dyna-
mischen Reflexivum beweisen will. Auf die große Masse der anderen
Beispiele kann ich nicht mehr eingehen. Nur soviel sei noch hinzu-
gefügt, daß ich nach dem vom Verf. vorgelegten Material für alle Fälle
das Vorhandensein einer Intensitätssteigerung in Abrede stellen muß.
Es will mir scheinen, daß Verf. sich mit seinem dynamischen Reflexivum
ebenso einer Selbsttäuschung hingibt, wie die Forscher, die im Griechi-
schen mit einem dynamischen Medium operieren wollten.
Auch im siebenten Kapitel, in dem Verf. das reziproke Reflexivum
behandelt, ist es die grundsätzliche Einteilung des Stoffes, die bean-
standet werden muß. Verf. stellt zwei Gruppen auf. Erstens „die
dynamisch-reziproken Reflexiva, das sind diejenigen, die auch in der
Aktivform bereits reziproke Bedeutung haben, bei denen die Reflexiv-
form diese Bedeutung nur verstärkt“ (8. 176). Dagegen ist zu be-
merken, daß es reziproke Aktiva überhaupt nicht gibt, und darum ist
auch die Behauptung des Verfs., das Reflexivum diene hier „nur zur
Verstärkung‘, hinfällig. Zweitens, „die eventiv-reziproken Reflexiva sind
diejenigen, deren Aktivform nicht reziproke Bedeutung hat, die tatsäch-
A.Margulies, Die Verba reflexiva in den slavischen Sprachen 243
lich erst durch die Reflexivform reziprok werden“. „Dabei soll hier der
Ausdruck eventiv nur die Reziprozität als Wirkung der Reflexivform
ausdrücken“ (S. 177). Nur diese Gruppe kann man gelten lassen; was
allerdings der Terminus eventiv dabei soll, ist mir unverständlich. Verf.
gliedert dann weiter in zwei Untergruppen. Entweder ist das Aktivum
transitiv, als Beispiel dafür wird ausgerechnet nenavidöti gegeben, das
bekanntlich den Gen. regiert, oder das Aktivum ist intransitiv: swniti.
Wie kommt es zur Bildung von seniti se, dem Reflexivum eines in-
transitiven Verbums? Auf diese Frage gibt Verf. nirgends eine klare
Antwort, auch nicht im zehnten Kapitel, bei Besprechung der Reflexiva
tantum, wo sich dazu reichlich Gelegenheit bietet, da vielfach Verba
zu besprechen sind, deren nichtreflexive Form, wenn sie jemals bestand,
nur intransitiv gewesen sein kann. Verf. erkennt an, daß die Refl. tant.
den Deponentien anderer Sprachen verglichen werden können; er leugnet
aber, daß es seit jeher Deponentia gegeben habe. „Nun hat es sicherlich
Media tantum von Urzeiten her niemals gegeben. Die aktive Verbalform
ist unter allea Umständen als die ursprüngliche zu betrachten, jede Medial-
form muß dem Genus nach in irgendeinem Verhältnis zur Aktivform
gleichen Verbalstammes stehen“ (S. 219). Durch den oft schon in vor-
historischer Zeit erfolgten Verlust der Aktivform bleiben Media tantum
und Reflexiva tantum übrig!). ENDZELIN’s Anschauung (Lett. Gramm.
$ 780), daß die ehemaligen Media tantum in Reflexiva tantum „um-
gebildet“ worden seien, wird ausdrücklich als irrig abgelehnt (ib.).
Von diesen Ausführungen des Verfs. glaube ich kein Wort. Der
von ihm geforderte Primat des Aktivums steht in schärfstem Wider-
spruch zu den bisherigen Ergebnissen der grammatischen Forschung.
Die Tatsache ist nicht aus der Welt zu schaffen, daß es eine ganze
Reihe von Verben gibt, die überall, wo sie auftreten, nur in der Me-
dialform bzw. ihrer Entsprechung erscheinen. Wenn das, wie im Fall
sacat&: Emeraı: sequitur, gar in drei Sprachen beobachtet werden kann,
dann ist das m. E. der Beweis, daß diese Wurzel seit jeher nur mediai
gebraucht wurde. Daß die Zahl der Wurzeln, bei denen wir diesen
Nachweis zu führen vermögen, nur gering ist, — dies das Gegenargu-
ment des Verfs. — will nichts besagen angesichts der großen Ver-
schiebungen, die sich im idg. Wortschatz eingestellt haben, und ange-
sichts der ebenfalls einwandfrei nachweisbaren Tendenz des Idg., die
Zahl der Media tantum durch Neuschöpfung von Aktivformen zu ver-
ringern. Schon eingangs habe ich zweitens darauf hingewiesen, daß
ich an das Vorhandensein eines Verb. refl. in der Ursprache nicht zu
glauben vermag. Alt ist meines Erachtens nur das Pron. refl. als sol-
ches, und dann noch die Möglichkeit, es gelegentlich einem Verbum
als Objekt unterzuordnen. Diesen Sprachgebrauch hat das Slavische
1) Es bleibt vollkommen unklar, wie man sich die Entstehung
von Reflexiven vorstellen soll, die zu intransitiven Aktiven gebildet
werden.
16*
944 E. Tancı
in der Weise ausgebaut, daß es zunächst in objektiv-reflexiver Funktion
dem Verbum-+Pron. refl. den Vorzug gab vor dem Medium; so entstand
das Verb. refl., das als dem Medium gleichwertig empfunden wurde und
es nun auch in anderen Funktionen ablösen konnte. So wird es zu
Bildungen wie moliti se gekommen sein, so wird der Brauch erwachsen
sein, das Verb. refl. auch zur Darstellung der eventiven und passiven
Nuance zuzulassen. Während diese Erweiterungen organisch aus dem
objektiven Reflexivum erwachsen, haben wir m. E. daneben auch mit
mechanischen Übertragungen zu rechnen. Hierher gehört die Umbildung
idg. Media tantum in Refl. tantum, ein Vorgang, für den das gemeinslavische
bojati se: poßeioYcı als Beispiel dienen mag. Und weiter gehören hierher
Verba reflexiva von intransitiven Aktiven, wie seniti se. Verf.
hält es für das Reflexivum zu spniti — herabkommen und trennt es
darum von mehreren Refl. tant., die mit st- oder raz- komponiert sind.
Ich habe dagegen Bedenken. Den genannten slavischen Bildungen ent-
sprechen indische Komposita mit sam und vi, die auch nur im Atma-
nepada flektiert werden. ssniti sg z. B. läßt sich einem ai. samgacchate
vergleichen, zu dem erst nachträglich ein Parasmaipada gebildet wird.
So wenig die indischen Komposita dieses Typs von Hause aus ein Ak-
tivum neben sich hatten, so wenig wird man das für die slavischen
Parallelbildungen annebmen dürfen. Sie sind Refl. tantum, die an die
Stelle alter Media tantum eingerückt sind. Das Zusammentreffen aber
von seniti und seniti se halte ich für zufällig. Ersteres ist mit der
Präposition sp c. Gen. gebildet, letzteres knüpft an sp c. Instr. an; so-
lange man mir nicht die Identität beider Präpositionen beweist, glaube
ich nicht, daß seniti und seniti se zusammengehören, sondern möchte an-
nehmen, daß zu iti - spniti se gebildet wird, wie zu gacchati - samgacchate.
Neben solchen alten Refl. tant. gibt es selbstverständlich eine ganze
Reihe anderer, die erst innerhalb des Slavischen in historischer Zeit
ibr Aktivum verloreu haben. Verf. gibt dafür einige Beispiele, ver-
zichtet aber auf eine gründliche Untersuchung.
Aus dem Schlußkapitel, in dem Verf. kurz das dativische Refl.
behandelt, sei nur eine Einzelheit erwähnt: die Doppelsetzung des Pron.
refl., wie sie folgendes Beispiel zeigt: a Hnkorna He npapunca ce6b
(S. 269). Aus dem modernen Polnischen und besonders aus dem Russi-
schen bringt Verf. mehrere Belege für diese Erscheinung bei, leider
wiederum ohne Angaben über ihre Verbreitung und ihr Alter; und
doch hätte sie schärfere Beobachtung verdient, da sie, wie Verf. mit
Recht betont, deutlicher noch als die im Russischen erfolgte Univer-
bierung zeigt, wie das Pron. refl. unter Verlust seines Eigenwertes mit
seinem Verbum zur völligen Einheit verwachsen ist.
Zum Schluß müssen noch einige falsche Übersetzungen des Verf.
erwähnt werden. Aus dem nur wenig berücksichtigten Polnisch sind
nur zwei Fälle zu nennen: i tak sobie zyje — und so will ich leben
(S. 256), sasiedzi przecieä Zartowali sobie z pana — die Nachbarn
scherzten dennoch mit dem Herrn (S. 266). Keinen günstigen Eindruck
A. Margulies, Die Verba reflexiva in den slavischen Sprachen 945
bekommt man von den russischen Kenntnissen des Verf. Hier begegnen
folgende grobe Fehler: camn cA sakoakmn Boy — wir opfern uns
selbst für Gott (8. 58). sechprtne 50 een nama ero. Mdko W Bä
NO3BNARAETCA H w yAsk® (Hypat. Chron. s. a. 6477). Verf. bringt nur
das Stück von tako an und übersetzt: „denn von Gott und den Menschen
wird er anerkannt werden* (8.194). Aue passankıeun 4 Aoyynıa
CEBE, TO NMOKOPHEA EMS, Aue RE KOYRBUM, TO NOKOpH H, Alle AH
POBEHh TOBKk, TO OAHHOOYMHcA C HHMR (Sr. 2,615). Verf. gibt nur
den Schluß des Zitats vom dritten ro an und übersetzt: „das stimmte damit
überein“ (S. 240), BOT KorAa BbI IPoroBopunuch — seht, wann ihr euch
verplaudert habt (S. 129), norporusaacp ao en pyku — indem er sie
mit den Händen berührte (S. 237). Am schlimmsten steht es um die
Zitate aus dem Litauischen; die meisten von ihnen übernimmt Verf.
aus dem Buche PoRZEZINSKI's, Bossparuan $opma TIaroNoBL BB AIH-
TOBCKOMb H JIATEINICKOMB AsbIkaxb, Moskau 1903. Zur Erläuterung
seiner Arbeitsweise schalte ich zwischen dem litauischen Originaltext
und die deutsche Übersetzung des Verf. die russische PORZEZINSKT’s
ein: maudytis — meırsca (PORZ. 19) — sich waschen ($. 82), maudytis
heißt ‚sich baden‘, das paßt auch an der angeführten Stelle?) besser,
ant mariu pasidare tiltas — Ha Mmop& cmbnanch mocrs (PoRZ. 33) —
am Meer entstand eine Brücke (S. 115), dukte viena buvo pasilikusi
— noyb onHa ocranacp (PORZ. 33) — die Tochter blieb allein zurück
(S. 115), si sav ta, pauksztyti pasilaike — oma ocrasına ce6% Try nruury
(Porz. 27) — sie ließ sich selbst den Vogel zurück (8. 15) und —
sie behielt sich den Vogel (S. 271). Die Überlieferungsgeschichte dieser
Stelle ist sehr interessant: Bei SCHLEICHER $. 136, nicht 135 wie
Porz. irrtümlich angibt, steht richtig „Ji*; PORZ. verdruckt zu „Si“;
Verf. übernimmt beide Male den Druckfehler PORZEZINSKTs und kommt
doch zur richtigen deutschen Übersetzung ‚sie‘, deshalb nämlich, weil
er seine deutsche Übersetzung, wie auch die andern Beispiele beweisen,
gar nicht nach dem litauischen Wortlaut, sondern nach der russischen
Fassung PORZEZINSKIS anfertigt!).
Bei so erheblichen Schwächen konnte die Untersuchung nicht zu
einem guten Ende führen: wo Verf. selbständig vorzugehen versucht,
entwirft er ein Bild des slav. Verb. refl., das vielen Zweifeln und offenem
Widerspruch begegnen muß.
Berlin E. TAnGL
1) LesKIen-BRUGMANN, Litauische Volkslieder und Märchen.
Straßburg 1882. S. 244.
1) Ein Versehen allerdings kann auf diese Weise nicht erklärt
werden: negal regietis akims kuno (Szyrwid) — He moryTb ÖbITb BH-
nuME TbIecHsIMmR Tırasamn (PORZ. 55) — sie konnten mit den körper-
lichen Augen nicht gesehen werden (8. 207). Hier weicht Verf. von
946 E. Sırrıc
Hermann, Envarn: Litauische Studien, eine historische Unier-
suchung schwachbetonter Wörter im Litauischen (= Abhand-
lungen der Gesellschaft der Wissenschaften zu Göttingen,
Phil.-hist. Klasse, N. F. Bd. XIX; Wort- u. Sachverzeichnis
von WoLFrGAnG Krause). Berlin, Weidmann’sche Buchhand-
lung 1926, XVIII+423 8.
Ep. HERMANN, der Fortsetzer des DELBRÜCK’schen Lebenswerkes,
wohlbekannt namentlich durch umfassende syntaktische Forschungen
auf dem Gebiete verschiedener indogermanischen Sprachen legt uns ein
Buch vor, das an der Hand von Statistiken voll erstaunlichen Fleißes
eine historische Untersuchung schwachbetonter Wörter im Litauischen
enthält. Er sucht hierin die von WACKERNAGEL und BERNEKER an
andern Sprachen beobachtete Tatsache, daß an die 2. Stelle des indo-
germ. Satzes mit Vorliebe ein Enklitikon trat, im Litauischen zu ver-
folgen. Nach weitblickender Einleitung, die manchen nützlichen und
anregenden Gedanken enthält, wendet sich H. zunächst den Pronomina
mi, -ti, -st zu; -st ist schon bei Beginn des lit. Schrifttums im großen
ganzen zum Reflexiv im Bereiche der Verbalformen erstarrt; diese ver-
drängten im Balt.-Slav. das Medium; -tz stirbt bereits ab, zuletzt wohl
in Mittellitauen, schließlich folgt -mi; einzelnes aus mittel- und ost-
litauischen Schriften älterer Zeit soll bier nicht nachgetragen werden,
nur sei auf eine nicht berührte Form paminrodik hingedeutet, die sich
in einem ostlit. Volksliede findet, SABALIAUSKAS, Lietuviu dainyu ir
giesmiu gaidos 184 nr. 87. Ist sie richtig, darf man vielleicht an
Kontamination mit man denken. Daß -mz (einstmals neben Dativ nach
H. auch Gen. und überhaupt obliquus) zuletzt außer Gebrauch kam,
lag, wie H. annimmt, daran, daß es an satzbeginnenden Imperativen
eine Stütze besaß. Als -m&, -%, -st ihren Vokal aus rhythmischen
Gründen verloren, ging man zeitweilig in Fällen präfigierter Verbal-
formen zur Doppelsetzung über. Dabei ist beachtenswert, daß das
Präverb bez. Präfix überhaupt im Lit. noch außerordentlich selbständig
auftritt, mindestens so wie im altlat. 05 vos sacro, sub vos placo, der-
artiges auch im Indischen und sogar herrschend im Keltischen. Ich
erinnere in diesem Zusammenhange fürs Lit. nicht nur an pa-Tüs-dütus
Daugßa Post. 454, 36, in Bretkens Post. ne jis geras und andere von
FRAENKEL Zeitschr. III 1926, 81 beigebrachte Beispiele, sondern an
die z. T. noch heute gültige Betonungsregel der Optative, wo die Frage
der Komposition ganz ausscheidet und nur die Silbenzahl des Simplex
rechnet, KZ. LII 1924, 212#., übrigens liegen beim bestimmenden
beiden Vorlagen ab. Das Gleiche gilt auch für eine falsch übersetzte
Stelle aus dem Lettischen: düts devejam atdüdas — zannoe MaBılemy
ormaeren (PORZ. 81) — das Gegebene wird dem Geber zurückgegeben
werden (S8. 207).
E. Hermann, Litauische Studien 947
Pronomen, das H. leider $. 11 nur streift, Parallelen im Avesta und
Altind. vor (CALAND, Verhandelingen der Koninklijke Akademie Amster-
dam XX 1891,18); man wird auch an ähnliches im Griech. und Oskischen
denken, sowie an altlit. daguieıis, zemeieüis, dienoielis, naktiieiis usw.
Gern hätte man solche Erscheinungen bei Gelegenheit des Ab-
schnittes S. 100ff. in den Kreis der Betrachtung gezogen gesehen,
während -m?, -t, -si auch das Interesse für die slav. Verhältnisse
wachrufen.
Noch stärker regt dazu der folgende Teil des Buches an, der die
Partikeln -ga, -ge, -gö und -gu, sowie das meist aus -gi, selten aus
-gu gekürzte -9 untersucht. Das gewöhnlichste Wort von diesen ist
gi, das in Verbindungen wie Za:igi, z. B. in Ostlitauen und häufig in
B0GA’s (mit ü!) Schriften, noch heute wohl bekannt ist. Nach H. wurde
-gÜ zu -g, vielfach anscheinend bedeutungslos!), so trat es an die Prä-
positionen ?, 23, nuo, pie, wo es dann später wieder verschwand. In
andern Fällen bekam bedeutungsvolles -g@ nach H. wieder stärkeres
Gewicht, es verlor die enklitische Eigenschaft und konnte manchmal,
wie im heutigen Lit. Anfangsstellung gewinnen oder zurückgewinnen,
weil sich der Sprachrhythmus änderte. Wir hätten als Endentwickelung
dann die Erscheinung, die schon Jahrtausende zuvor bei solchen Wörtern
neben der Enklise möglich war. Damit dürfte H., auch nach griech.
und hethitischen Eigentümlichkeiten zu urteilen, das Richtige treffen.
Zu tegu sei eine kurze Bemerkung erlaubt: Der Einwand, Zegul könne
nicht hartes / besessen haben, gerät durch die Parallele Zemait. ons
gal ‚er kann‘ ins Wanken. Trotzdem hat BRUGMANN nicht recht, da
gal eben nicht hochlit. ist; tegul scheint vielmehr zu tegu gekürzt zu
sein, etwa wie Zemait., preuß. und lett. lai aus laxd(£), lit. ver, mat,
zia, lett. re, klau, rau, serb. gle, &ech. hle, vielleicht auch gotisch saz,
althochdtsch. s&, griech. ped, ßo& usw., s. BERNEKER Sl. EW. 302,
EnpzeLin KZ. Li 117 und W.SchauLze ebenda LIII 128; Zegul(«)
‘es liege‘ hatte bereits die Bedeutung ‚es werde, es sei‘ erlangt: Tegul
wardas Wieszpaties pagirtas D. Post. 336, 23f. ‚der Name des Herrn
werde gepriesen‘; so wird auch £estow(£) ‚es stehe‘ zu Zesto ‚es werde,
es sei‘: Testo wardas io pagirtas D. Post. 464, 12; 475, 21?), testo,
numireie sawüsius numirelus pakas a. 0. 512, 3f. ‚laß die Toten ihre
Toten begraben‘, sehr ähnlich russ. nycts mper und neutest. griech.
äpeg, daraus neugriech. verkürzt &. Somit wird auch die nicht er-
wähnte Doppelsetzung von te klar: Tegul te düdies kaltas D. Katech.
41,16 — Niechay sie da winien im Krakauer Ledezma 92; tegul
tedumo? D. Post. 167, 13 usw.
1) In manchen Werken, z. B. in Teilen der Kniga nobaänistes
(1653) wird, wie mir SPEOHT aus Kowno freundlicherweise mitgeteilt
hat, g@ nur nach metrischen Gesichtspunkten verwendet, somit dürfen
wir nicht historische Folgerungen daran knüpfen.
2) testo nur in einem Abschnitte, der nicht von D. selbst stammt.
948 E. Sırrıe
Im dritten Teile verbreitet sich H. über eine ganze Reihe weiterer
lit. Adverbien bez. Partikeln; das meiste wirkt überzeugend, nur manch-
mal hat man Grund Zweifel zu hegen, so z. B. S. 377: -jaus wird wohl
nicht lautlich zu -jos geworden sein, dagegen spricht, daß bei Kon-
CEWICZ einem tuojos ein daugieus kurz vorhergeht, ähnlich beim
Anon. 1605. Ebenso ist mir nicht ersichtlich, warum nüdemes D. Kat.
46, 14, das doch poln. grzechu übersetzt, in Gesellschaft von nuodemais
— poln. zgola und anderen Wörtern erscheint, die wie tugjau, tuojaus
ein -s annehmen können. Absichtlich sei nicht weiter auf Einzelheiten
eingegangen, um nicht den Nutzen der umsichtigen, vorzüglichen Mate-
rialsammlungen zu verdunkeln!
Nur einen Hinweis oder eine Frage grundsätzlicher Art meine ich
mir nicht versagen zu sollen: Mit Recht wird auf S. 126 u. 275 die
Möglichkeit des fremdsprachlichen Einflusses berührt; doch der Gedanke
hätte erst voll verwertet werden könpen beim Benutzen der poln. Vor-
lagen Daugßas u. a.; aus der Postille des Wujek (W), deren 3. Auf-
lage zuerst TANGL, und deren 2. ich heranzog, kann ich nur weniges
streifen, will aber hintereinander fortlaufende Beispiele aus PIRTKIE-
wıcz’s poln. Version und dem Krakauer Ledezma (L) aufführen, dem
ich auch die ostlit. Übersetzung von 1605 (A) beifüge:
szwakusg tatai Zodelei übersetzt nadobnec to stowka DPost 365, 7
ev W3 377, nü& sawug Zmoniu co od swegoä ludu DPost. 373, 28 m
W 386, Ganag Dosycci DPost. 521, 3 » W 566;; Ateisig wo Przyidzieö
DPost. 432, 19f. ® W 447; Aszg ww Jamci 336, 40 w 347; Paäistüg
co Znamäi 316, 41 326; swodbag ww Weselec 350, 36 f. 362; Bu
wog cv Byiöi 395, 23 u 409; yrag w iestci 373, 38; 529, 32 u 386;
576 usw.
PIETKIEWIOZ (nach BRÜCKNER Archiv XIII 577 f£.): tez v teypag,
iakoz w kaypagi, Takze u Teypag; (578) Rozmnozze Pagipkatink,
Uezynze m Pagidarik; (579) Obrocte Apgigreßk, Uzyczze ze w Duokig;
(580) Takze tez Teypag.
Ledezma D. Kat.: gdyz w kadag, (i2 wiog oft), Gdyz w Toiag,
Toz m Teipaieg, coZ kas tai kas tay A, A coz ww Kaög © Kurisgi A,
iakoz Kaipag.v Kayp, ezemuz w Kodrinag Kodrin, A czemuz
O kodrinag, A kiedy& > O kadag, Coz > Kg co Kas, Mowze u Bito-
kig vo Bifokig, A czemuz ww Kodrin Unt kogi, w kogoä m Ing ka,
cv Ingi ku, Coz u Kag, A czemuz w Kodrin; ich breche ab, es führt
zu weit die lange Liste fortzusetzen bis zum Krotki obycezay spowiedzi,
den der polnische Ledezma entgegen BEZZENBERGER’s Vermutungen
(Lit. Literaturgesch. Kultur d. Gegenwart, Osteur. Lit. 360) ebenfalls
enthält.
Es mögen noch -mi und -t folgen, die D. selbst nicht schreibt,
sondern einige seiner Schüler: Vkaö mi W 65 u. u Parodikim DP
64, 35, Vkaö mi W 860. co Pamirodik, ktore$ mi dat W 160 m. vo
kuriüsmi dawei DP 154, 10, Niech mi sie sstanie W 462 m. o Temi
tampi DP. 602, 22; radze& W 179 u.; 256 u. w teikiüt DP 170, 34;
N. Durnovo, Oyepk ncTopun Pyc3koro mauıa 249
248, 51; Pokazge W (aus späterer Aufl. zitiert) Parodisiüt DP
200, 21; Chceßze okazet W 258 m. wo Noriegu patirodisiu DP 250, 29:
Niech@i blogostawi W 266 0. > Tepalaiminit DP 258, 22. _
Was kommt wohl hinzu, daß in den lutherischen Schriften gi
relativ selten ist? Was kann zum. längeren Leben des enklitischen -mi
beigetragen haben? Die altlit. Übersetzungsliteratur muß mit den poln.
Vorlagen konfrontiert werden, und wir mögen uns bescheiden Rat bei
der Slavistik holen; wollen wir also der exakten Einzelforschung noch
recht langes Leben wünschen, und gehe sie nicht zu früh ins Nirväna
transzendenter Schallanalyse ein! H.s entsagungsvolle Arbeit kann allen
denen von Nutzen sein, die hier weiterbauen wollen: uwwnoeral zıg
nällov N wiunoeren,
Königsberg i. Pr. ERNST SITTIG
Durnovo N. Ouepk ucmopuu pyccroeo #svıra. Moskau-Petersburg
Staatsverlag 1924. 8°. 376 S.
Das neue Werk von DURNovo bildet eine erwünschte Bereicherung
der immerhin noch recht spärlichen russischen philologischen Literatur.
Nach BUSLAJEV’s Mcropnyeckan rTpamMaTuka pycckoro nasıka Moskau
1856 bedurfte es 30 Jahre bis ein neuer Versuch unternommen wurde,
eine russ. Sprachgeschichte zu schreiben, nämlich die 1886 zuerst litho-
graphiert in Kiev herausgegebene Nicropun pycckoro mabIka von SOBO-
LEVSKIJ. Nach weiteren 40 Jahren erhalten wir nun die hier vor-
liegende vollständige russische Sprachgeschichte von DURNOvo. Im
wesentlichen ist hiermit bereits die große Bedeutung des Werkes her-
vorgehoben. Erwähnung verdienen aber noch eine Reihe weiterer Vor-
züge. So vor allen Dingen die Geschlossenheit des Inhalts, der sowohl
Laut- als auch Formenlehre umfaßt. Bisher besaßen wir mehrere
russische historische Grammatiken, die aber nur Teilgebiete, hauptsäch-
lich die Lautlehre behandelten z. B. die JIekuan von R. BrRAnpr (1892
und 1913), E. Buppe (1907 und 1912), von PoRZEZINSKI (1915)
und schließlich den Oyepk von SACHMATOYV (1915). Eine vollständige
Sprachgeschichte fehlte. Ferner spiegelt sich in diesem Buch eine
durchaus einheitliche, abgerundete und selbständige Auffassung der
Spracherscheinungen wieder. Das Material selbst ist zum größten Teil
unmittelbar den Sprachdenkmälern entnommen (vgl. Nachwort 8. 366).
In noch stärkerem Maße zeigt sich die Selbständigkeit des Verfassers
auf dialektischem Gebiet. Es gibt wohl kaum einen anderen Forscher,
der über die russ. Dialektverhältnisse besser orientiert wäre als DURNOVO,
denn über ein Jahrzehnt bearbeitet er ja schon russ. Mundarten. Alles
dieses spricht für die zweifellos hohe, rein wissenschaftliche Bedeutung
des Ouepk. Doch auch die leichtverständliche Darstellungsweise muß
hervorgehoben werden. Dieses Buch gehörte in eine jede russische
Mittelschule; mit gleichem Erfolg wird es den Bedürfnissen eines jeden,
sich für den Gegenstand interessierenden Durchschnittslesers gerecht;
950 S. OBNORSKIJ
ein jeder russ. Student, Pädagoge und Gebildete müßte es in seiner
Handbibliothek haben. Dabei darf nicht außer acht gelassen werden,
daß das für einen breiten Leserkreis geschriebene Buch in gleichem
Maße abgerundet und wissenschaftlich, wie gründlich und vom Verfasser
selbständig durchdacht ist, daß es auch Fachleute befriedigen kann, an
die es sich gleichfalls wendet (vgl. Nachwort S. 365). In diesem Sinne
ist es DURNOVO durchaus gelungen, das Buch sowohl für den Schüler
als auch für den Lehrer in gleicher Weise wertvoll zu gestalten.
Wodurch hat der Verf. die Lösung dieser Aufgabe erreicht?
Eine gewisse Rolle spielte dabei die große wissenschaftliche Produktivi-
tät des Verf., der besonders in den letzten Jahren seinen Interessen-
kreis stark erweitert hat und heute eine hervorragende Stelle unter
den russ. Sprachhistorikern einnimmt. Ferner verdient die Anordnung
des Materials Erwähnung. Um die eine oder andere Erscheinung zu
illustrieren, verzichtet der Verf. darauf, allzuviel Beispiele, besonders
aus alten Denkmälern anzuführen, wie es SOBOLEVSKIJ in den Jlekunn
und SACHMATOV im Oyepk taten, weil dadurch die Aufmerksamkeit
des Lesers vom Grundgedanken abgelenkt und die Aneignung des Stoffes
erschwert wird. Der Verf. beschränkt sich gewöhnlich auf einige wenige
Beispiele (aus Denkmälern), die tatsächlich für das Verständnis aus-
reichen und sich gleichzeitig leicht einprägen. Zur Veranschaulichung
entnimmt DURNOVO verhältnismäßig häufig seine Beispiele der lebenden
Sprache. Auch das ist wesentlich: die Bedeutung der lebenden Sprache
für ihre historische Entwicklung wird hierdurch betont, gleichzeitig
aber auch das Verständnis erleichtert. Er verzichtet auch auf jegliche
Kritik und Polemik, wodurch die Darstellung wesentlich entlastet wird.
Fußnoten mit Literaturangaben fehlen fast ganz!). Auch in der Dar-
stellung selbst sind Hinweise sehr selten. So begegnet man kein einziges
Mal dem Namen SOBOLEVSKIJ’s; SACHMATOV wird sechsmal erwähnt
(S. 119, 140, 197, 209, 224, 238) ?), dreimal FORTUNATOV (8. 110, 111,
118), MEILLET ($S. 110, 112, 126) und Krymskys ($. 229, 230, 231),
sonst findet man zwischendurch je einmal L. VAsILJEV (S. 195), JA-
ROSENKO und GOLOSKEVIG (S. 236) genannt. Schließlich verdient noch
Beachtung die bis zuletzt durchgeführte gute Anlage des Buches —
ein Moment, das im Interesse des Lesers wichtig ist. Aus dem Gesagten
wird ersichtlich, warum dieses Buch auch von Nichtfachleuten ver-
standen werden kann. Dabei muß unterstrichen werden, daß die All-
gemeinverständlichkeit nirgends durch billige Mittel erreicht wird, wie
z. B. Vereinfachung des Stils, Übergehung schwieriger Probleme usw.
In diesem Sinne ist es der größte Vorzug des Buches, daß der Verf.,
trotzdem er mit einem breiten Leserkreis rechnet, nirgends der Popn-
1) Je einmal wird auf USAKov Kp. ya. ı. 06 na. (8. 65) und auf
VINOGRADOV O cynsße % (8. 201) verwiesen.
2) SAcHMATOV’s Ansicht über die Entstehung des wr. Dzekanje
wird S. 182 ohne Namensnennung angeführt.
N. Durnovo, Oyepk HCTOPpun PYCCKoTo ABbIKa 251
larisierung zuliebe den streng wissenschaftlichen Boden verläßt. Ge-
schickt hat er es verstanden, Vollständigkeit und Wissenschaftlichkeit
des Inhalts mit leichter Verständlichkeit zu verbinden.
Außerlich gliedert sich das Buch in 3 Teile. Der erste, einleitende
Teil umfaßt 106 Seiten; der zweite behandelt die historische Laut-
lehre (S. 107—242), der dritte die historische Formenlehre des Russischen
(S. 243—347). Ferner enthält Anhang I eine Übersicht der slavischen
Alphabete (S. 348—355), II der russ. Sprachdenkmäler mit kurzen
bibliographischen Angaben ($S. 356— 359), III ein Verzeichnis der Hand-
bücher (S. 360— 364), IV ein Nachwort des Verf. (8. 365—866), V eine
genaue Inhaltsangabe, die das fehlende Sachregister ersetzen kann
(S. 367—376).
Die Einführung handelt über allgemeine Fragen der Sprachge-
schichte, ihre Aufgaben und Forschungsmethoden. Sie beginnt mit dem
Begriff der Sprache im Gegensatz zu dem der Mundart und des Dialekts,
des Übergangs-, Mischdialektes; dann wird über Veränderungen in der
Sprache gehandelt, die Bedeutung von Lautgesetz und Analogie erklärt.
Ehe der Verf. zur Sprachgeschichte kommt, verharrt er ausführlich bei
den Quellen ihrer Erforschung. Es sind dies: einerseits die lebende
russische Sprache, andrerseits die Schriftdenkmäler. In Zusammenhang
hiermit werden beide Quellenarten charakterisiert. Die Charakteristik
der lebenden russischen Sprache zerfällt in zwei Teile: in die des
Laut- und Formenbestandes der russ. Literatnrsprache (8. 44—69) und
die der Volkssprache. Verf. bietet hier einen kurzen Überblick über
die russ. Dialekte (S. 69—100). Die Einleitung schließt mit einer all-
gemeinen Charakteristik der Schriftdenkmäler (S. 101—106).
Im wesentlichen bietet die Einführung, in der die genannten
Kardinalfragen der Sprachgeschichte gedrängt, sorgfältig und streng
wissenschaftlich behandelt werden, keinen Anlaß zu kritischen Bemer-
kungen. Die knappe und doch vollständige Charakteristik der Literatur-
sprache ist meisterhaft geschrieben. Was die Übersicht der russ. Dia-
lekte anbelangt, so erscheint sie stellenweise doch etwas zu kurz. Für
eine Reihe wichtiger Dialektmerkmale wird der gedrängten Form zu-
liebe das Verbreitungsgebiet (nach Gouvernements oder Kreisen) nicht
angegeben, sondern nur gesagt, die Erscheinung käme dialektisch im
Nordgrr. oder Südgrr. usw. vor. Natürlich findet der Fachmann, wenn
auch nicht immer, genauere Angaben im Ouepk pycckof AualekTolorun
(1915); mitunter wären aber auch für den Anfänger bestimmtere An-
gaben wertvoll; sie lassen die sprachlichen Tatsachen lebendiger er-
scheinen und prägen sich leichter dem Gedächtnis ein.
Wichtiger als dieses sind aber einige wesentliche Abweichungen
von der Dialektübersicht des Jahres 1915. Die dort gebotene Gruppie-
rung der nordgrr. Dialekte fehlt; dagegen sind die Angaben über die
südgrr. Akanjetypen detaillierter (in Einklang mit der 1917— 1918
erschienen Arbeit DURNOVo’s über dieses Thema). Wie erfreulich auch
die genaueren Mitteilungen über das Südgrr. sind, so vermißt man hier
952 S. OBNORSKIJ
doch die Einteilung der nordgrr. Dialekte, wie sie 1915 geboten wurde.
Es ist verständlich, warum sie der Verf. fortgelassen hat. Wenn auch
die Klassifikation von 1915 natürlich nur eine vorläufige sein kann,
so wäre sie als solche doch in diesem allgemeinen Hilfsmittel am Platz
gewesen. Im wesentlichen ist sie aber vom Tatbestand nicht allzu weit
entfernt. Die Vologda-V’atkaer Gruppe des Nordgrr. ist so charakte-
ristisch, daß sie als Teilungseinheit, unabhängig von ihrer territorialen
Verbreitung im einzelnen, gesondert behandelt werden müßte. Vgl. im
vorliegenden Buch die Hinweise auf diese oder jene Merkmale, die dem
„östlichen Teil“ des Nordgrr. eigen sind, die der Verf. mit Recht her-
vorhebt. Ebenso natürlich ergibt sich die weitere Hervorhebung der
Vladimir-Wolga Gruppe. Geographisch schließt sie sich an das Gebiet
der Übergangsdialekte an. Hält man somit die im Ouepk von 1915
gebotene Einteilung in eine Pomorje-, Olonec- und Novgoroder Gruppe
im einzelnen auch nicht für endgültig, so ist doch eine Einheit der-
selben mit der bedingten Bezeichnung Novgoroder oder. nordwestliche
Gruppe des Nordgrr. durchaus denkbar, sei es auch nur im Gegensatz
zur Vologda-V’atka- und Vladimir-Wolga-Gruppe. Vgl. hierzu die Anm.
des Verf. (S. 201) über den Pomorjedialekt (Gouv. Archangel’sk) als
Fortentwicklung des alten Novgoroder Dialekts, der durch Novgoroder
Kolonisten Verbreitung fand. Selbst in dieser vereinfachten Form wäre
die Einteilung der nordgrr. Dialekte wertvoll: 1. würde sie dem Tat-
bestande nicht widersprechen, 2. ist sie prinzipiell notwendig, wegen
der großen Ausdehnung des nordgrr. Sprachgebiets vgl. die gebotene
Gruppierung des Südgrr., Weißruss. und Kleinruss.
Der 2. Teil enthält eine historische Formenlehre des Russischen.
Wie bei SACHMATOV ist sie auf dem Prinzip einer streng historischen
Chronologie der Lauterscheinungen aufgebaut. In Einklang hiermit
beginnt die Darstellung mit der Feststellung des gemeinruss. Lautsystems
‘(Kap. I 8. 107—138); im ergänzenden zweiten Kapitel (S. 138—142)
wird dann über das Verhältnis des Russischen zu den anderen slavischen
Sprachen, dem Südslav. und Westslav. gehandelt. Darauf folgt eine
Darstellung der historischen Lautveränderungen des Russ. Einzeln be-
leuchtet werden: die gemeinrussischen Lautveränderungen — in vor-
historischer und historischer Zeit (Kap. III 8. 143—172) und die dia-
lektischen, in verschiedenen Mundarten vorkommenden Lautverände-
rungen — die allgemeineren, die großr.-weißr., die nordruss., die süd-
grr.-weißr., die südruss. (Kap. IV 8. 172—194), ferner werden die
Lautveränderungen des Großr. behandelt und zwar die des Gemeingrr.,
des Nordgrr. und Südgrr. (Kap. V 8. 194—220), darauf die Lautver-
änderungen der kleinr.-weißr. Zeit (Kap. VI S. 220—224) und schließ-
lich diejenigen im Weißr. (Kap. VII S. 224—229) und Kleinruss. (Kap.
VIII S. 229— 242).
Der 3. Teil enthält die Geschichte der Deklinations- und Konju-
gationsformen im Russischen. Er ist ebenfalls chronologisch aufgebaut
und bietet im wesentlichen eine Wiederholung des 1913 von DURNOvo
N. Durnovo, Oyepk HCTOpun PYCCcKoroO AabIKa 253
in Charkov herausgegebenen Buches. Im weiteren soll daher auf diesen
Teil nicht eingegangen werden.
Bei Bewertung der wissenschaftlichen Bedeutung von DURNOVo’s
Buch darf die Zugehörigkeit des Verf. zur FORTUNATOV’schen Schule
nicht außer acht gelassen werden. Für die methodische Einstellung zu
den Forschungsproblemen und besonders auch bei einigen Hypothesen
und Erklärungen sprachlicher Tatsachen ist dieses Verhältnis zu FoR-
TUNATOVY von großer positiver Bedeutung. Gleichzeitig erklärt sich
daraus die Ähnlichkeit zwischen den Ansichten DURNOVOo’s und SAcH-
MATOV’s, der auch aus dieser Schule hervorgegangen ist. Aus diesem
Grunde erinnert das Buch von DURNOVO sowohl im Aufbau als auch in
Einzelheiten häufig an den SACHMATOV’schen Oyepk (1915). Es wäre
falsch, eine unmittelbare Beeinflussung DURNOVOo’s durch den Oyepk
von SACHMATOY anzunehmen; man kann nur von der Ähnlichkeit ihrer
Anschauungen sprechen, die unabhängig voneinander in dem Verhältnis
zu den Ansichten FORTUNATOV’s wurzeln.
Tatsächlich finden wir bei DURNOVO viel Gemeinsames mit SacH-
MATOV. Vgl. im gemeinruss. Lautsystem von DURNOVOo die Vokale ä,
ö, & (8. 109, 118), allerdings mit der Einschränkung, daß sie „vielleicht“
als gemeinrussische Laute bestanden haben (erwähnt sei nebenbei die
unnötige Vorliebe Durnovo’s für Redewendungen wie „vielleicht“)!).
Vgl. noch das gemeinruss. nasalierte ® (S. 118), das gemeinslav. und
gemeinruss. % als diphthongisches ze (S. 114, 200), sowohl starke als
auch schwache 3, ® (S. 115), reduzierte ®, © als kurze und weniger
kurze Laute ($. 116), einige Arten der Liquida 2 (S. 120), gemeinruss.
y in der Endung des Gen. sg. der Adjektiva und Pronomina (S. 116,
128) usw.; ferner läßt sich noch auf die Auffassung des heutigen
weißr. und klr. xt (S. 110, 151, 238) als eines gemeinruss. Lautes hin-
weisen; 8. 238 hält es DURNOVvO gleich SACHMATOV für einen Über-
rest aus der gemeinruss. Zeit, obgleich das analoge d3 im gemeinruss.
Lautsystem fehlt. Vgl. noch das gemeinruss. anlautende o aus e, das
bereits urslav. dialektisch den 5-Vorschlag verloren hat; die Annahme
einer gemeinruss. anlautenden Verbindung ör (mit ursprünglich steigen-
der Intonation), die ra ergab, und or (mit fallender Intonation), die
zu ro wurde; in diesen Verbindungen waren die Vokale zwischen Kon-
sonanten kurz und die silbischen Liquiden lang ; ferner hatte die Verbindung
&r usw. zwischen Konsonanten ein unsilbisches erstes und silbisches zweites
Element, die Lautgruppe rs usw. hatte sowohl eine silbische Liquida
(dialektisch auch unsilbisch) als auch ein silbisches 3, » usw. Aus all
diesem geht die Verwandtschaft DURNOVo’s mit der FORTUNATOV’schen
Schule in den allgemeinen Ansichten über die Erscheinungen des Ur-
slavischen hervor; über einige der genannten Punkte hat SACHMATOY
1) Hinsichtlich des ö werden aus unbekannt bleibender Ursache,
die Gründe für die Annahme dieses Lautes nicht geboten, wie es bei
ö und ü der Fall ist.
954 S. OBNORSKIJ
sich eine eigne Ansicht gebildet. Aber es findet sich im Ouepk auch
viel Gemeinsames zwischen DURNOVO und SACHMATOV, zuweilen steht
DURNOvo unter seinem Einfluß. Vgl. z. B. über das Schicksal der
Lautverbindung % mit folgendem 2, ®, wo das u silbisch wurde ($S. 119)
oder über die Lesung oe in den ngrr. Denkmälern als 27 (S. 172);
eine analoge Erklärung gibt DURNOVOo für die in den Denkmälern
vorkommende Schreibung w statt w, das er als w* (ib.) deutet. Be-
sonders instruktiv ist das Verhältnis DURNOVo’s zum Akanje, dessen
Entstehung (S. 188—193) er im Einklang mit SacHMATov’s Hypothese
erklärt: DURNOVO ist somit von seiner eignen Hypothese darüber, die
er in den J]Inaserronornyeckne Passıckauun (1917—1918) dargelegt
hat, abgekommen. Dagegen weicht DURNOVo in vielen Einzelheiten
der Sprachgeschichte von SAcHMATOV ab. Es ergibt sich somit, daß
die Abhängigkeit von FORTUNATOV sich bei DURNOVO in einer Reihe
prinzipieller Anschauungen über sprachliche Tatsachen zeigt, in ihrer
Anwendung auf die Tatsachen des Russischen aber und ihrer Auffassung
bleibt DURNOVO durchaus selbständig und kritisch; natürlich decken
sich die Resultate mitunter mit denjenigen SACHMATOV’s, im allgemeinen
hat DURNOVO sie aber selbständig und unabhängig von SACHMATOV
erarbeitet.
In dieser Beziehung könnte man bei DURNOoVvo viele Beispiele
einer originellen Auffassung der Tatsachen, origineller Beleuchtung und
interessanter neuer Schlüsse nachweisen. Nicht immer sind seine Dar-
legungen beweisend, manchmal sind sie zweifelhaft, mitunter sogar
falsch, stets bleiben sie aber interessant und originell. Erwähnenswert
wäre z. B. die Einstellung des Verf. zur Entstehungsgeschichte des
Weißrussischen. Der Verf. meint, allerdings unentschlossen (vgl. S. 173,
224 ferner 8.175, 186, 187, 190, 211), das Weißrussische sei aus
Dialekten, die dem Ost- und Südrussischen verwandt waren, entstanden;
späterhin seien auch die westlichen Teile der ngrr. Dialekte einbezogen
worden. Dieser Gedanke ist an und für sich durchaus glaubwürdig,
doch müßte er noch durch weitere Argumente gestützt werden. Da
sich im Norden des heutigen weißrussischen Gebiets keine Spuren des
Ngrr. finden, wäre ein vollständiges Aufgehen dieser früheren ngrr.
Schicht in der neuen wr. Bildung anzunehmen. Schwer ist es auch
dem Verf. beizustimmen, wenn er das lange, nach ihm ($. 187, 211)
gemeinnordrussische #1 statt Om für einen Rest der ngrr. Schicht im
Wr. hält oder das wr. Dzekanje mit demjenigen der ngrr. Dialekte (8. 224)
in Verbindung bringt. Diese Erscheinung ist zweifellos im Ngrr. und
Wr. unabhängig voneinander entstanden, da das Dzekanje der einge-
drungenen ngrr. Dialekte sich nicht über das ganze wr. Gebiet ausdehnen
konnte. Was das un für On anbelangt, so ist es wenig charakteristisch
und verhältnismäßig jung (S. 211); im Wr. ist es wohl dialektisch (es
liegt nur im N. ©. vor) unter spätem grr. Einfluß aufgekommen.
Von prinzipieller Bedeutung ist die Behauptung DURNOvo’s, daß
sehr alte nahe Beziehungen zwischen der dem Russischen vorangehenden
N. Durnovo, Oyepk HCTOpAM PYCckoro ABBIKA 255
Sprache und dem westslavischen Zweig bestanden haben (8. 138—142),
Beziehungen, die älter sind als diejenigen zu den Vorfahren der süd-
slavischen Sprachen. Dieser Gedanke ist übrigens nicht neu. Von den
anderen originellen Ansichten des Verf. verdient seine Meinung über
die Entstehung der palatalisierten 3, %, c aus 2, x, & Erwähnung;
DURNOVO unterscheidet dabei zwei Vorgänge: die ältere Palatalisation
trat ein, wenn 2, x, @ nach Vokalen der vorderen Reihe standen, denen
kein erweichter Konsonant voranging, die jüngere Palatalisation — vor
neuentstandenem %» aus Diphthongen (S. 124—126). Im Kapitel über
den Akzent und an einer Reihe anderer Stellen (8. 137, 195, 218)
weist D. darauf hin, daß anlautendes vo aus einem o mit alter steigen-
der Intonation (d. h. aus uo) entstanden, dagegen anlautendes o mit
fallender Intonation als o erhalten geblieben sei. Interessant ist auch
der durch Tatsachen erhärtete Gedanke von den (in der ältesten Zeit)
verschieden stark palatalisierten Konsonanten vor Vokalen der vorderen
Reihe einerseits in der lebenden (grr.) Sprache und andrerseits in der
(kirchlichen) Schriftsprache, die die Tradition der südruss. Aussprache
bewahrt hat: die lebende Sprache besaß stark palatalisierte, die Schrift-
sprache schwach palatalisierte Konsonanten (S. 149—150). — Von
ähnlichem Charakter ist D.’s Ansicht über den Unterschied zwischen
den aus dem Kirchslav. entlehnten Wörtern mit Wandel von e=o
einerseits und mit Erhaltung des e vor harten Konsonanten andrerseits;
die Wörter mit e== o sind die älteren Entlehnungen (vor dem 12. Jahrh.),
entlehnt zu einer Zeit, als im Russ. der Wandel von e== 0 noch nicht
abgeschlossen war’; die Wörter ohne den Wandel von e=-o stammen
aus dem 14.—15. Jahrh. als das Südslav. einen starken Einfluß aus-
übte (S. 11—12). Diese Ansicht ist durchaus glaubwürdig. Verlockend
ist auch D.’s Erklärung (S. 227) der wr. Formen y wucmym, y yennym, y
eAruxyü, epyuryü usw., das u wird hier aus Formen mit diphthon-
gischem wo abgeleitet, das in unbetonten Silben zu u wurde (vgl. aber
Instr. sg. 6osam nicht- eooayn — wo kein altes uo vorliegt). Diese
Erklärung regt zum Nachdenken an über den südgrr. Instr. sg. auf
uj statt 0); gibt es hier nicht auch Anhaltspunkte für ein altes ge-
spanntes o mit steigender Intonation d. h. wo? Sehr wertvoll sind
auch die Erklärungen D.s, daß die adjektivischen und pronominalen
Gen. sg.-Endungen vo in den sgrr. Dialekten Entlehnungen aus dem Ngrr.
sind und die sgrr. Dialektformen e&, camoe u. ä. mit einem & statt €
unter ngrr. Einfluß entstanden ($. 219f.). Erwähnenswert ist auch der
Hinweis auf die Formen npuwod, ywod (= npuuer, ywer) aus dem
westl. Teil des Novgoroder Gouvernements (S. 140) — in ihnen sieht
der Verf. ein altes auslautendes dl, d. h. diese Fälle stellen sich zu
den wenig zahlreichen Beispielen dieser Art, die hauptsächlich aus dem
Pskover Gebiet bekannt sind.
Von großem Wert sind natürlich auch die Feststellungen über
die chronologische Datierung, das Verbreitungsgebiet usw. verschiedener
Erscheinungen des Russ. In dieser Beziehung ist das von D. gebotene
956 S. OBNORSKIS
Tatsachenmaterial sehr reich, sorgfältig und durchaus selbständig durch-
dacht. Bei dem verhältnismäßig großen Stoff ließen sich natürlich ge-
wisse Lücken, strittige Einzelheiten u. ä. nicht ganz vermeiden; im
allgemeinen begegnet man ihnen bei DURNOVO aber selten. Für die
Formen vom Typus russ. w.u0, serb. umem, mamem u.ä. nimmt der Verf.
(S. 121) eine zemeinslav. Entstehung des 3 und 2 unter bestimmten
Bedingungen (d.h. vor j. nj) an. In der gemeinslav. Zeit wäre aber
die Erweichung von s zu 3 durch das auf das s folgende » verhindert
worden. Somit müssen diese Erscheinungen, obgleich sie im Russ. und Serb.
vorliegen, einzelsprachlich aufgekommen sein (nach Schwund der ®&, ?).
Eine Reihe gemeingrr. Züge, wie die Formen "02% statt 03%,
nexu statt neyu, N. pl. 20P00%, hält der Verf. mit Recht für jung (mit
der Ausbreitung des Moskowitischen Reiches zusammenhängend). Doch
hierzu stellt D. auch noch das o neben wr. und klr.y z. B. im Nom.
sg. 3n04, Formen wie moew» u.ä. Damit kann man sich nicht einver-
standen erklären, weil diese Erscheinung im Nord- und Ostruss. (vgl.
den heutigen ngrr. Nom. sg. 0o6poü — z. B. R’azan’ 0o6paü) sehr alt ist.
Für die östliche Gruppe der ngrr. Dialekte, wo Formen wie 9coHuz,
9HC0NE30, IHOHUMPOA, HCONEMd, IHOKYU, KPOWOHUNA, WO3Bdecam mit
einem o—e vor palataler Silbe begegnen, nimmt D. einen besondern
Wandel von e=o nach kakuminalen Zischlauten vor weichen Kon-
sonanten an (S. 204). Dieses Gesetz enthält aber einen inneren Wider-
spruch; es widerspricht den allgemeinen Bedingungen für den Wandel
von e==0, der gerade das Fehlen eines palatalen Lautes in der folgen-
den Silbe zur Voraussetzung hat. Daher lassen sich diese Formen besser
durch Analogie erklären. Vgl. ocona, sconamoü, wocmoü, KPOWOHOU,
91602; bei 9onemd liegt wohl eine Beeinflussung durch das ähnlich
klingende arcoram» vor; Hconeso ist augenscheinlich durch einen kom-
plizierteren Analogievorgang entstanden.
Übenso anfechtbar ist D.'s Auffassung der sgrr. Formen do6pau,
Genau Nom. pl., sadupamod, nPo6an, KrLMAN, 6LPAA, ELBINANL, bAPAn.
Das a soll hier ein reduzierter mixed oder front-mixed Vokal sein, der
durch Kürzung des y, © in nicht erster vortoniger Silbe entstanden
ist (8. 217). Ohne die prinzipielle Möglichkeit eines solchen Gesetzes
bestreiten zu wollen, muß ich sagen, daß es sich kaum auf alle an-
geführten Tatsachen anwenden läßt. Dieses Gesetz konnte auf einem
bestimmten Gebiet, in beschränktem Umfange wirken. Ob alle ange-
führten Beispiele aus einem Gebiet stammen und ob sie alle in das
Bereich eines Gesetzes fallen, ist fraglich. Speziell der Nom. pl. do6pau
konnte unabhängig von der Wirkung des genannten Gesetzes im Südgrr.
überall dort aufkommen, wo ein Nom. sg. 0o6paü vorlag, also analogisch.
Folglich ist das a kein reduzierter Laut, sondern der normale Vokal
mit niederer Bildung. Auch esımau, span, vielleicht auch sadupazn,
suinan können durch Silbendissimilation, dagegen Gapan durch Assimila-
tion entstanden sein. Möglich wären auch andere Erklärungen der
angeführten Tatsachen. 4
N. Durnovo, Oyepk HCTopun PYCCcKoTo A3bIKa 257
Ließen sich nicht auch die bekannten Formen aus Kasimovka
mit auslautendem «a statt © z. B. Prät. dana, evinuna, N. pl. cama,
OnzoKa, Instr. pu6amema durch Silbenassimilation resp. -dissimilation
erklären? Durch Silbenassimilation könnten dans, cama gut aus daıu,
camu entstanden sein; und wenn auch nicht durch Silbendissimilation,
so doch analogisch nach oaaa ließe sich svununa erklären. In gleicher
Weise könnte pedamamu durch Assimilation pu6amana, dissimiliert
pu6amoıma ergeben haben. Mit D.(S. 215) Nom. pl. auf % (analogisch nach
den Stämmen auf weiche Konsonanten) im Vorläufer des Dialekts von
Kasimovka anzunehmen, wäre allzu theoretisch, da solche Formen im
Grr. nur sporadisch en:
Zu den ngrr. Eigentümlichkeiten rechnet der Verf. den Wandel
des unbetonten o zu u: „in einigen ngrr. und Übergangsdialekten hat
der Instr. sg. die Endung wu, uw: ce narkyü, amyü, npascyw; ein
solches uju kann auch für 07u und aju in den Verben erımyıo, Henry
vorkommen (S. 205)*. Natürlich müssen die letzteren Fälle als durch
Silbenassimilation entstanden von den ersten (Instr. sg. auf uj) getrennt
werden. Ob die ersten Formen gleicher Entstehung sind, läßt sich
nicht mit Bestimmtheit sagen (vgl. das oben Gesagte über die wr.
Formen auf um, uj statt om, 0)). Es muß jedoch erwähnt werden,
daß diese Formen den ngrr. Dialekten fast unbekannt sind (so weit
uns bekannt, sind sie nur im Gouv. Perm’ beobachtet worden — naıyü,
aonckyü Verchoturje Progr. Nr. 51, sepöyü senr wenig durchsichtig
Solikamsk Progr. Nr. 181), man darf sie daher wohl kaum dem Ngrr.
zuschreiben. Diese Erscheinung ist sgrr. und wird sich von hieraus
über das Gebiet der Übergangsdialekte erstreckt haben. Die notierten
Permischen Formen bleiben unklar, auf jeden Fall stehen sie aber ver-
einzelt da.
Nicht ganz klar sind die Ansichten D.’s über das Schicksal des
e vor erhärtetem 3, 2. Offenbar zutreffend ist seine allgemeine Be-
hauptung, daß im Ngrr. e vor 3,2 zu o wurde, dagegen im Wr. dieses
e erhalten blieb, weil sich hier der Wandel von e zu o vor der Er-
härtung der kakuminalen Zischlaute vollzog (8. 177 vgl. auch S. 184).
Wohl kaum wird man sich aber mit D. einverstanden erklären, daß
die sgrr. Dialektformen d&weeo, eonoseuxa, udeuv aus dem Ngrr. ent-
lehnt sind. Wie ließen sich solche Entlehnungen theoretisch recht-
fertigen? Wir müssen diese Fälle anders zu "erklären suchen. Die
Form udews ließe sich natürlich leicht durch Analogie erklären (vgl.
3. sg. uo&m»). Die Aussprache 20.10seuıka könnte gut das von SACHMATOYV
angenommene (anders DURNOVO S$. 197) alte, lautgesetzlich nicht zu
o werdende & enthalten. Inbezug auf Oe&weso wäre hier schließlich
Wirkung einer Silbenassimilation möglich (Angliederung des o der ersten
Silbe an das folgende e). In den ngrr. Dialekten und der Literatur-
sprache sind solche Formen mit einem e vor 3, 2 zahlreicher. DURNOVO
rechnet daher mit der Möglichkeit, daß das e ngrr. dialektisch unter
gewissen Bedingungen vor $, 2 nicht zu o wurde vgl. ngrr. dial. 008 90a
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 17
258 S. OBNORSKIJ
deweso, A1eneuxa, Hadesicda, NPOMEIL, NEPEHNG, cmedicHwü, veueud,
6pewewv u.a. Auf diese Dialekte gehen dann auch die literarischen
Formen wie 6psewem, vewem, 201066UKG, CMEICHBUÜ, NDOMEIHC zurück.
Auch mit dieser Annahme D.’s kann man sich nicht befreunden: die
angeführten Tatsachen sind allzu zufällig und ihre Bedeutung ist ver-
schieden. Vor allen Dingen sind kirchenslavische Formen darunter
vgl. odeoica, sogar nadescda, NPOMeHc, cneachvü, nepeac. Sieht man
von diesen Beispielen ab, so bleibt zu wenig übrig, um ein Lautgesetz
aufstellen zu können. Für das restliche Material muß daher eine andere
Erklärung gefunden werden; teilweise läßt es sich so erklären, wie
ACHMATOV es tat (1en&uxa, 20orosduxa), teilweise anders (vewem,
6pewem vgl. oben deweso). Unter anderem muß hier auf das dial.
norssnorü (auch schriftsprachlich) und cn&sno mit einem e und nicht
0 eingegangen werden, die D. (S.185) als Beweis für die späte dia-
lektische Erhärtung des 2 nach Abschluß des Wandels von e zu o
anführt. Das ist wohl kaum zutreffend. Wir haben es hier mit kirchen-
slavischen Formen zu tun in entsprechender literarischer Aussprache
ohne den Wandel von e zu o.
Von den weniger wichtigen Einzelheiten ließe sich noch darauf
hinweisen, daß es gewagt ist, die wr. Formen wie maü2o, maüny u. ä.
aus früheren Formen mit geschwundenem unsilbischen 7 abzuleiten, d. h.
aus mo&20. DURNOVO selbst hegt Bedenken gegen letztere Form (S. 181).
Einfacher wäre es, in diesen Formen Erhaltung des alten 2 und
Schwund des mittleren Vokals in schwachbetonter Stellung anzunehmen.
Für den ngrr. dial. Wandel von ch zu f verweist DURNOVoO auf Formen
wie meß, mouß, 0o6puß, na pyxaß (S. 207) aber die Beschränkung
dieser Erscheinung auf die angeführten Formen spricht nicht für einen
lautgesetzlichen Wandel von ch zu f, sondern für eine analogische
Übertragung des f aus der nominalen Deklination, wo der Gen. pl.
auf -0v ausgeht, d. h. of gesprochen wird, in die pronominale; hier
drang das fin den Lokativ ein und wurde von dort aus auf den Lok. pl.
der Substantiva übertragen. In der Darstellung des klr. Wandels der alten
Verbindung „halbpalataler Konsonant + e, ©“ zu „velarer Konsonant
+ nicht vorderes e, ©“ bleibt es unklar, ob das vokalische oder kon-
sonantische Element der Verbindung zuerst erhärtet wurde. Aus $ 313
(8. 230) geht hervor, daß diesem Wandel zuerst die Konsonanten unter-
lagen und dann eine Verschiebung der Artikulation des Vokals nach
hinten zu eintrat; nach $ 321 (S. 233) erhält man den umgekehrten
Eindruck. Unklar ist ferner, ob die Aussprache der weichen Labiale,
nicht 62° usw., aus gemeinslav. 67 u.ä. als typischer Zug dem Gemeinslav.
zuzuweisen ist (8. 141). Es handelt sich hier um einen historischen
bulgarischen, folglich verhältnismäßig jungen Vorgang. Auf einem Ver-
sehen beruht offenbar $. 179 die Behauptung, daß gedehnte 2, 3, wie
auch die Verbindung ädz, 3, die nach Schwund der schwachen %, ®
entstanden, zwischen Konsonanten zu ungedehnten 2, $ wurden. Solche
2 (d2), 3(&) haben nicht existiert — sie kamen entweder vor oder nach
N. Durnovo, Oyepk HCTopuH PYCcKoTo ABLIKa 259
Konsonanten, doch nicht dazwischen vor; falls sie sich in dieser
Stellung befunden hätten, wären sie assimiliert worden. — Auf 8. 112
wird für das dem alten je entsprechende russ. o als Beispiel oseu an-
geführt, das von gr. &laıov abgeleitet wird; die griech. Form hat sich
aber als ereü erhalten, oreu (o1ru) stellt man daher besser zu lat.
oleum. — Schließlich wird 8.115 und 160 der alte Nom. sg. von
6pesno mit drei reduzierten (6vP%srHo), der Gen. pl. sogar mit. vier
reduzierten Vokalen (68p®8vH2) geschrieben. Dieses Wort hatte in der
Ursprache dialektisch eine Reihe Varianten, es kam mit den Suffixen
-dH-, -CH-, -UN-, vor, es war bekannt mit dem Thema (6p26-), 6p%e-,
6vpe- (vgl. das entsprechende slav. Material bei BERNEKER). Die
literarische russ. Form geht auf 0p%svn0 zurück, dagegen eine Dialekt-
form wie 6epno auf 6%pedno (statt auf die lautgesetzlich richtigere
6%pdevHo mit dem 2. Vollaut).. Man darf daher die literarischen
Formen 6pesno, 6pesen nicht aus 69PverHo, 60P%8BH3 herleiten. Andrer-
seits hätte z. B. die Form 6®p8evno nach DURNOVO lautgesetzlich nicht
65pve°no, sondern 6%P865ro lauten müssen, der Gen. pl. nicht 69pbern?
(d. h. 68988645) sondern 68P8vH3 — 0%P86H3 ; infolge der starken Stellung
des » im Suffix -»#- konnte der 2. Vollaut hier nicht eintreten. An
den betreffenden Stellen des Oyepk liegen augenscheinlich Mißver-
ständnisse vor.
Die hier gemachten kritischen Einwände sind wie ersichtlich gering
an Zahl und ihrem Wesen nach unbedeutend. Das ist ein schönes Zeug-
nis für die Gelungenheit der im Oyepk gebotenen Darstellung der russ.
Sprachgeschichte, die zutreffende Bewertung des mannigfaltigen russ.
Dialektmaterials, und die allgemeine Annehmbarkeit ihrer wissenschaft-
lichen Bewertung. Dies alles, wie auch die äußere Vollständigkeit und
der innere Reichtum des Inhalts, die einheitlichen und selbständigen
Ansichten des Verf. machen den Oyepk von DURNOVO zu einem Werk
von großer wissenschaftlicher Bedeutung).
Im Kapitel über den Akzent (S. 132—138), das im allgemeinen
gut gelungen ist, zeigt sich der Verf. trotzdem nicht ganz auf der
Höhe der heutigen slavischen Akzentforschung. Vgl. die Ignorierung
der alten Längen der Liquiden in den Verbindungen ?grt u. ä.
S. 25 spricht der Verf. von den nur russ. Iranismen codaxa und
monop. Ersteres trifft zu, für das zweite Wort vgl. poln. topör, topo-
rzysko, &ech. topor, toporisko, toporiste, sloven. töpor topöra, toportäce,
bulg. monöps, monopuwe.
1) Das vorliegende Referat wurde in der Linguistischen Sektion
des Wissenschaftlichen Forschungsinstitutes in Leningrad gehalten. In
der Diskussion zeigte sich, daß die große wissenschaftliche Bedeutung
des Oyepk von DURNOVO allgemeine Anerkennung fand. Die gleiche
Ansicht vertrat auch M. DOLOBKO, der auf einige Fehler bei DURNOVo
auf slavistischem Gebiet hinwies. Im Interesse einer Neuauflage teile
ich folgende Bemerkungen im Einvernehmen mit DOLOBKO mit:
17°
960 N. Kasın
Der Ansicht des Verf. über das Wort „moroxo“ als einer in der
Wissenschaft „feststehenden“ Entlebnung aus dem Germ. widerspricht,
außer den von MLADENOV angeführten Gründen, auch noch die
Akzentstelle.
Auf $. 19 muß „poln. piety* zu „poln. piaty“_ „verbessert werden.
Verbesserung bedürfen ferner die poln. Formen „wrön“_S. 20 und
„kön* 8. 251.
Bei den Ausführungen des Verf. über die Aufgabe von eu, "2, -
zu in den slav. Sprachen (S. 127) muß auf das poln. chy verwiesen
werden, das sowohl durch die De ler als auch die heutige Sprache
bezeugt ist.
Auf 8.129 muß es „poln. lödze heißen.
Auf S. 122 heißt es bulg. (neue Orthographie) ce, S. 125 bulg.
senada statt csew, 38eadd.
In der Wiedergabe der serb. Worte mit % bemerkt man eine ge-
wisse Inkonseguenz, z. B. S. 19 „maemu* in ekavischer Form aber
„Opujee*.
S. 114 muß es „Ojeya“ statt „Oujeya“ heißen.
8.120 zyau oder »yhu statt „serb. »yne*.
S. 132 wird serb. nauymu als Entsprechung des alten z01Hymu
angeführt. In dieser Bedeutung kommt das Wort serbisch nicht vor.
Die Aufzählung solcher kleinen Versehen könnte noch fortgesetzt
werden.
Leningrad S. OBNORSKIJ
Curovskıs, K. Hexpacoe, Cmampu, u Mameppa.wı. Leningrad,
„Kubut“ 1926. 8°. 395 S.
In meiner Übersicht der Jubiläums-Literatur über Nekrasov habe
ich schon die Arbeiten von ÜUKovsKıJ erwähnt, welcher jetzt neben
JEVGENJEV-MAKSIMOV der beste Kenner und Frfor scher der Nekrasov-
schen Dichtung ist. Er arbeitet schon längst auf diesem Gebiete: seine
Aufsätze über diesen Dichter begannen im Druck schon vor fünfzehn
Jahren (von 1912 ab) zu erscheinen. Er redigierte die vollständigste
Ausgabe der Werke Nekrasov’s und bis jetzt setzt er die Veröffent-
lichung neuer Materialien über den Autor von „Komy ua Pycu >kuTb
xopomo* fort: so hat er in „Ussecrua U.N.K.“ 15/2. 1927 eine noch
nicht herausgegebene Dichtung von Nekrasov „Popovka* gedruckt.
Im vorigen Jahre ist nun auch das oben genannte Buch erschienen.
In dem Vorwort zu seiner früheren Schrift „Henpacop KaAK XYNOPKHUK“,
die in meiner Übersicht erwähnt wurde, sagte der Autor im Jahre 1922,
daß seine neuen Beobachtungen über Nekrasov in seinem neuen Werk
„Hexpaco KaK 4eToBek MU MOoaT* dargelegt würden. Deshalb glaubte
man in literarischen Kreisen, als bekannt "geworden war, daß ÖUKoVv-
SKIJ ein neues Buch über Nekrasoy druckt, daß es namentlich die
Monographie ist, die der Verf. früher selbst erwähnt hat.
K. Cukovskij, Hexpacon, Cratbu u Mareppunn 261
Das neue Buch von ÖUKovsKıT, sagt Jevgenjev-Maksimov, muß
eine Enttäuschung verursachen, weil es "keine Monographie, sondern
eine Sammlung von Aufsätzen ist. Der Rezensent macht sogar dem
Autor den Vorwurf, daß er kein neues Buch über Nekrasov geschrieben,
sondern nur die früheren Aufsätze über ihn umgedruckt hat. Leider
hat er nicht einmal eine Notiz hinzugefügt, daß diese Aufsätze in
seinem Buch etwas umgearbeitet erschienen sind. Sogar die Aufsätze
„Iloar m manauy“, „‚Kena noaTa (Iauaesa)“ sind durch einige Einzel-
heiten ergänzt, die unveröffentlichtem Material entstammen. Die oben
genannte Broschüre „HerpacoB kak xynoxkHnk“ ist gar nicht um-
gedrückt, sondern lieferte das Material für drei Aallätze: „Iposa-ım*,
„KuyrTom ncceyenHan Mmyaa“ und „Ero macrepcrso“; was die Komposition
anbelangt, so ist sie ganz umgearbeitet. Außerdem ist, was früher nur
angedeutet, war, in diesen Aufsätzen ausführlich entwickelt, wie z. B.
in ‚dem Aufsatz „IIposa-ın“ — das Lieder-Element in der Nekrasov’-
schen Dichtung. Dank diesen Umständen hat jede Frage, welche hier
berührt wird, deutlichere Umrisse bekommen. Nur nebenbei erwähnt
sei,.daß die drei Aufsätze, welche anstelle der Broschüre getreten sind,
beinahe um anderthalb mal größer sind als diese. Dies schon zeugt,
daß es kein einfacher Nachdruck ist.
Nach dem Wesen der Sache, werden in diesen drei Aufsätzen die
wichtigen Probleme der Nekrasov’schen schöpferischen Kraft erforscht:
der mutlose Charakter seiner Dichtung, das Lieder-Element darin und
die falsche Anklage der prosaischen Eigenart seiner Werke, außerdem
wird dort eine Charakteristik seiner Kunst gegeben.
Das Buch enthält ferner einen früher nicht veröffentlichten Aufsatz
Tap6araraii, worin ein sehr interessantes Problem berührt wird, es ist
die Rolle des Geldes. und überhaupt der materiellen Lebensgüter in
Nekrasov’s Dichtung.
Weiter hat der Aufsatz „Dopmanncr o Hexpacoe“, welcher gegen
EICHENBAUM gerichtet ist, abgesehen von seinem polemischen Charakter,
sehr große Bedeutung, weil er außer den anderen Fragen das Problem
von Nekrasov’s Beziehung zu Puskin überzeugend behandelt; die Lösung
dieses Problems ergibt die unbedingt richtige und annehmbare Formel:
drei Tatsachen werden in der Dichtung von Nekrasov hervorgehoben:
1. Nekrasov ist ein Schüler von Puskin; 2. Nekrasov ist andrerseits
ein Revolutionär, der die hohen Gesetze seiner Vorgänger, d. h. Puskin’s
vor allem, abwirft; 3. Nekrasov ist bemüht, sich vom Einflusse Pufkin’s
zu hefrsien und seine eigenen originellen Gesetze auszuarbeiten, die
vom Einflusse Puskin’s frei sind, und darin hat er vollen Erfolg gehabt.
Im zweiten Teil seines Buches hat ÖUKOVSKIJ die von ihm schon
gefundenen und veröffentlichten, früher unbekannten Werke Nekrasov’s,
mit sehr wertvollen Hemikktungen wieder abgedruckt. Der Leser wird
ihm dafür nur dankbar sein müssen. Erstens, sind diese Werke unseres
Dichters in die Sammlung seiner gesammelten Werke nicht mit auf-
genommen, und zweitens "ist es unbekannt, wann eine neue Ausgabe
962 M. VASMER
von Nekrasov erscheinen wird. Außerdem ist es bequemer, sie in einem
Buche gesammelt zu sehen, als in den verschiedenen Ausgaben zu suchen.
Zum Schluß muß unbedingt gesagt werden, daß nicht nur der
Durchschnittsleser, der seine Kenntnisse über Nekrasov erweitern will,
sondern auch kein Erforscher seiner Biographie und der literarischen
Tätigkeit unseres Dichters dieses Buch entbehren kann.
Moskau N. Kasın
Kauıma, J. Syrjänisches Lehngut im Russischen. Finnisch-
ugrische Forschungen XVIII (Helsingfors 1927) 8. 1--56.
Diese Untersuchung des auf finnisch-ugrischem Gebiet trefflich ge-
schulten Verfassers bildet eine sehr willkommene Ergänzung zu seinen
früheren Arbeiten über: Die ostseefinnischen Lehnwörter im Russischen
Helsingfors Diss. 1915, sowie Die russischen Lehnwörter im Syrjänischen
Helsingfors 1910 (M6moires de la Soc. Finno-Ougr. 29). Diese Arbeiten
enthalten viele Beiträge zum russischen etymologischen Wörterbuch
und es ist zu bedauern, daß sie von slavistischer Seite bisher so wenig
Beachtung gefunden haben. Die vorliegende Studie erhält über das
behandelte Thema hinaus eine Bedeutung für die Slavistik, weil der
Verf. darin u. a. auch die kühnen Versuche älterer Forscher zurück-
weist, syrjänische Ortsnamen bis ins Gouv. Moskau anzunehmen. Die
Deutung von Moskva als syrjän. Mösk-va „Kuh-Wasser* weist er zurück,
mit der richtigen Bemerkung, daß die russische Form Moskva auf
älteres Mosky Gen. Mosksve zurückgeht. Zu erwähnen wäre auch ge-
wesen, daß es nicht angeht, alte ON. aus jungen Dialektformen zu er-
klären, da das hier vorausgesetzte syrjän. va eine sehr junge Lautform
ist und mit finn. ves? „Wasser“ verwandt ist, welches auf *vete- zurück-
geht (vgl. syrjän. ma „Honig“ : finn. mesi). Ich möchte daher Mosky
am liebsten mit dem in Finnland mehrfach bezeugten ON. Masku
zusammenstellen. Vgl. auch oben S. 109.
Die Ausführungen des Verf. über die syrjän. ON. sind der Auf-
merksamkeit der russischen Historiker dringend zu empfehlen, die nach
KLJUCEVSKIJ’s Vorgang den Namen von Moskau immer noch gern aus
dem Syrjänischen ableiten. Bei Bestimmung des Alters der russisch-
syrjänischen Beziehungen steht der Verf. auf dem von ihm früher ver-
tretenen Standpunkt, daß diese Beziehungen verhältnismäßig jung seien
und erst seit dem 14. Jahrh. reger werden. Eine Ergänzung verdienten
seine früheren Ausführungen (M&m. Soc. Fi.-Ougr. 29 8. 182) in einem
Punkt: er hat früher der Ansicht von BUDDE Hase. O6m. Apx. Her.
Ira. npu Kasaucrom Yan. 14 8. 188 ff. beigestimmt, daß die russische
Besiedlung von Vjatka mit dem alten Novgorod wenig gemeinsame
Züge zeigt und auf eine Einwanderung aus der Oka-Gegend (Gouv.
Rjazan’) hinweist. Dem widersprechen aber entschieden die russischen
Dialektverhältnisse. Ich kann mich in diesem Falle nur der Novgoroder
Theorie anschließen.
J.Kalima, Syrjänisches Lehngut im Russischen 963
Über die Chronologie der syrjänisch-russischen Beziehungen hat
sich in letzter Zeit auch H. JAcoBSOHN geäußert, in den Nachrichten
d. Göttinger Ges. d. Wiss. Phil.-hist. Kl. 1918 S. 300#. Eine Stellung-
nahme zu diesem Aufsatz hätte man von K. erwarten können. Die
Argumentierung J.’s halte ich für ungenügend. Den Flußnamen Pedora
erklärt er von syrjän. peiser ‚Nessel‘, adj. petsera. Ich halte diese
Deutung für zu unsicher, um darauf die Chronologie der syrjän.-russ.
Beziehungen aufzubauen, da Pecora ebenso gut russisch sein und zu
russ. pecera ‚Höhle‘ gehören kann, aus dem ohne Frage der Flußname
FPecora im Dneprbassin (vgl. MASTAKoV Dnepr s. v.) erklärt werden
muß. Wären die Syrjänen, wie JAOOBSOHN es will, mit den Russen
schon im 11. Jahrh. zusammengekommen, dann müßten wir in den
zahlreichen russ. Lehnwörtern des Syrjän. eine Spur dieser alten Be-
rührungen finden. Diese finden wir darin aber nicht. J. versucht den
syrjän. Namen der Russen syrjän. rö2$, wotjak. dzuts als altes russ.
Lehnwort im Syrjän. anzusprechen. Ich halte es aber für ausgeschlossen,
daß slavische Russen das Wort Rus» in ihrem Russisch noch als Röts?
sprachen, als sie bereits so weit nach NO vorgedrungen waren. Eine
Untersuchung der karelischen Einflüsse im Syrjänischen muß über dieses
Wort Klarheit schaffen. Vgl. übrigens MIKKoLA Finn. Ugr. Forsch. II 75.
Die einzelnen Wortdeutungen des Verf. geben größtenteils
keinen Anlaß zu Einwendungen. Bedenklich erscheint mir z. B. die
Erklärung von russ. nyıe6 ‚Tropf, Tölpel‘ aus syrjän. dul’epa ‚rotzig,
Rotznase, unsauberer Mensch‘. K. belegt das russ. Wort aus Kursk
und Orel, also weit ab von der syrjän. Einflußsphäre. Ich kenne es
auch aus Saratov. Vgl. SOKoLOV Tpyası Caparosck. ApxueH. Kom. 24
S. 7—9. Ich möchte es lieber für echtrussisch halten und mit dem
altruss. Volksstamm der nyırbB6n in Zusammenhang bringen. Zur Be-
deutung vgl. noch russ. kpasuy „Betrüger“ in Vladimir und Tula s.
SOKOLOV a. O. vom Volksstamme der kpusuun. Die Deutung des Orts-
namens Perme, Perem» von syrjän. parma ‚Wald‘ wäre sehr ansprechend,
wenn wir für den Vokal der ersten Silbe und die Endung eine Er-
klärung hätten. Bei der Ableitung von russ. dial. ypma ‚Eichhörnchen,
von syrjän. ur ‚dasselbe‘ mißfällt mir die Erklärung des -ma als eines
russischen Suffixes, weil ein solches Suffix im Russischen nicht mehr
produktiv war.
Ich schließe meine Besprechung mit dem Wunsche, daß die aus-
gezeichneten Helsingforser Sprachforscher uns möglichst bald andere
Arbeiten bieten mögen, die die russisch-finnischen Beziehungen in ähn-
licher Weise aufhellen. Besonders erwünscht wären für die Slavistik
Ortsnamenuntersuchungen einzelner finnischer Stämme auf dem Gebiete
des heutigen Großrussisch, in der Art der ausgezeichneten neuen Arbeit
KAnnIsTo’s über die Wohnsitze der Wogulen (Finn.-Ugr. Forsch. 18
S. 57 fl.).
Berlin M. VASMER
964 E. FRAENKEL
Brugmann Karı Die Syntax des einfachen Satzes im Indoger-
manischen = Beiheft zum 43. Bande der Indogermanischen
Forschungen, hgb. von WILHELM STREITBERG Berlin, Walther
de Gruyter u. Co. 1925 8° VIII-+ 229 Seiten.
Aus BRUGMANN’s wissenschaftlichem Nachlasse hat STREITBERG
mit Unterstützung von PORZIG diese Schrift herausgegeben, die einen
Teil des geplanten letzten Bandes des Grundrisses bilden sollte. Sie
zeigt die gleichen Vorzüge wie BRUGMANN’s übrige Werke. Verbindet
sie doch eingehende Kenntnis der wichtigsten idg. Sprachen mit fein-
sinniger Analyse der im Sprachleben tätigen Faktoren nnd klarer Her-
aushebung der Gemeinsamkeiten und Verschiedenheiten der einzelnen
Idiome. Das Manuskript lag fast druckfertig vor. Kleinere Lücken
konnten ohne Mühe ergänzt werden. Alle Zitate sind von PORZIG
genau nachgeprüft worden. Den Schluß der Schrift bildet BRUGMANN's,
von einigen kleineren Modifikationen abgesehen, unverändert abgedruckte
Arbeit über die Verschiedenheiten der Satzgestaltung nach Maßgabe
der seelischen Grundfunktionen (BSGW. 1918, 6. Heft). Auch sonst
begegnen wir auf Schritt und Tritt der Verwertung der gerade in den
letzten Jahren von BRUGMANN selbst behandelten Probleme. Ich er-
wähne die z. T. dem Abschnitte über die subjektlosen Verba zugrunde
gelegte Abhandlung über den Ursprung des Scheinsubjekts „es“ in
den germanischen und romanischen Sprachen (BSGW. 1917, 5. Heft).
Zu diesem Problem haben sich in letzter Zeit noch CORROoDI KZ. 53, 1ff.
und J. E. HeYDe ibd. 54, 149 ff. geäußert. Sie bekämpfen BRUGMANN’S
Ansicht, daß das sog. „gebundene es“ als Ausgangspunkt des Gebrauchs
zu betrachten sei, vermögen mich jedoch mit ihren Argumenten nicht
in jeder Hinsicht zu überzeugen.
Nach Vorbemerkungen, in denen eine Definition des Satzbegriffs
im Anschlusse an SIEVERS versucht wird, wendet sich BRUGMANN
den eingliedrigen Sätzen zu. Er bespricht hier die Verwendung der
Interjektionen, Imperative, Vokative, unpersönlichen Verba in der Satz-
bildung. Lett. man gribas &st ‚mich verlangt zu essen‘ (neben es
gribu Est), das der Verf. S.30 namhaft macht (s. auch ENDZELIN Lett.
Gr. 428. 766), ist wahrscheinlich ein Slavismus (vgl. russ. mu» zouemcea
xywamod, poln. jese mi sie chce usw.). Auch aus dem Lit. ist diese
wohl slavische Konstruktion dialektisch zu belegen:
R.5.'8.7 Zydui tabad nasnorejo wortawöt', R. 3, 8.100 jiem
pasinor&ja walgyti (cf. W2., S. 265), R. 2, 8. 146 nor&tug män iszlist‘.
Mil russ. xocmu mou Aomum ecv, das BR. ebenfalls in diesem
Zusammenhange anführt, ist aus dem Lit. die Tatsache zu vergleichen,
daß insbesondere in den östlichen Mundarten neben nominat. dantis,
Sirdis, düsa, siela usw. man skauda (skaust(a)), sopa auch unpersön-
liche Ausdrucksweise der gleichen Verba mit Akk. der Bezeichnung
des affizierten Organs anzutreffen ist (SpecHT Lit. Mundarten II 61 1;
JABLONSKI? 65. 115):
K. Brugmann, Die Syntax d. einf. Satzes im Indogermanischen 965
Märch. aus Kakschen Schl. Leseb. 243 — Wolt. Chrest. 233, 43
jem 3 vakara labat dänti skaudeje, Garl. Volksl. 8,5 dem tredem
bernuzeliur Sirdele skaudejg, R. 4 Ged., 8. 423,1 skoudsa mön’ szir-
deli, L.-Br. Märch. 234 pradejo jel galva niezet ‚der Kopf fing ihr zu
jucken an‘ u.v.a.
Zu 8. 37. 39: Ein subjektloses Passiv der Kopula findet sich nicht
nur im Keltischen, sondern auch im Lit. und im klassischen Sanskrit),
Im Lit. werden die pass. Partiz. von drit? mit Genetiv des Agens ver-
bunden. Zu diesem kann noch ein im gleichen Kasus stehendes Prädi-
katsnomen treten:
R. 5, 8.18 576 tabäsama gywo, 10 tan paczan 2ilwitin ilipusio
büta razböiniko, R. 4, S. 65 kokuu cz& büta jü pranokejü ‚welcher Art .
hier ihre Vorgänger waren‘.
Im Altind. der klassischen Epoche können entsprechend Passiv-
formen der Wz. bhü- gebildet werden. Der Agens und sein Prädikats-
nomen stehen dann im Instr.:
bäalakena sakalaklesasahenabhävi ‚das Kind war imstande, alles
Ungemach zu ertragen‘, tvadanujivina rajaputrena bhavitavyam ‚der
Königssohn muß dein Diener sein‘.
In dem Teile über Subjekt und Prädikat wird auch über die
Fälle gehandelt, wo Genet. partit. oder Präpos. mit Subst. das psycho-
logische Subjekt bilden. Hier hätte eine Erwähnung verdient, daß in
solchen Beispielen mitunter neben der Präpos. nicht der von ihr von
rechtswegen regierte Kasus erscheint, sondern der Nominativ. Es
handelt sich um Analogie nach den die Überzahl bildenden Fällen rein
nominativischen Subjekts; daher lat. ad mille octingenti (neben octin-
gentos) occisi sunt, serb. konje jaSu do dva pobratima, lit. kiek sprendziu,
bus dar veikalo apie penki lankai (V. Kreve Mickevidius in einem
Briefe an mich vom 4. III. 27) usw. (Baltosl. 17ff. mit Literatur).
Zu der Besprechung der reinen Nominalsätze läßt sich hinzufügen,
daß auch im Baltischen gelegentlich, wie hin und wieder in anderen
Sprachen (Br. 60. 68ff.), da, wo die ganze Situation keinen Zweifel. auf-
kommen läßt, die Vergangenheitsformen der Kopula nicht ausgedrückt
zu werden brauchen?). Natürlich kommt besonders der lebhafte Er-
zählungsstil in Betracht, in dem ja auch andere Verba nicht selten
weggelassen werden und an ihrer Stelle etwa eine erklärende Geste
gedacht werden kann?): ; f N :
TRAUTM. Zem. Erzähl. 801 pön? par devynes denas kozna dene
vis su ketu gizelu iS sendjü ir grale kärtoms, Erzählg. Wolt. 218, 30
1) SpecHt II 69 ff. 128, JABLONSKI? 58, liet. kalb. sint. 1, 29 ff,
JAUNIUS rpamm. nat. 13. 26, SPEYER Ved. u. Sskr.-Synt. 30, Sser.-Synt. 22.
2) S. über das Baltische MeıLLer MSL. 14, 19ff,, GAUTHIOT
Buiv. 56, JABLONSKI? 246, liet. kalb. sint. 1, 22f., ENDZELIN Lett.
Gr. 801. 839.
3) S. z. B. GAuTaIorT Buiv. S3 mit Anm. 3.
966 E. FRAENKEL
3altysius Tamosius baisiai persigando, em£ iS vezimo ißkrito ır regt.
vas, R. 3, S. 84 ıdöti büwa jäm pawar dä Razdwillös, ‚picwne dal
tü, käd radinys ‚weil er ein Findling war‘, Buiv. 81 ju tavas labai
marköknas ‚ihr Vater war sehr bekümmert‘.
Über gelegentliche Weglassung der Kopula in der periphrast. Kon-
jugation des Balt., wodurch Zusammenfall mit dem „Modus relativus“
hervorgerufen wird, s. außer BRUGMANN 68 noch Baltosl. 46 ff, KZ.
50, 204 ff, ENDZELIN Lett. Gr. 751. 839.
Sehr lesenswert ist die Auseinandersetzung über das Herabsinken
der Verba existentiae zur bloßen Kopula (S. 72ff.). Der Verf. zeigt,
daß auch neben anderen Verba als denen, die kopulaartige Verwendung
gefunden haben, in vielen idg. Sprachen oftmals präd. Adjektiva stehen.
Diese beziehen sich auf das Subjekt des Satzes, während Adverbia die
Handlung als solche charakterisieren. Es hätten hier namentlich auch
ZUBATY’s schöne Untersuchungen (Sborn. filol. 3, 120 ff.), die wohl nur
wegen der Abfassung in &echischer Sprache nicht genügend bekannt
geworden sind, eingehend berücksichtigt werden sollen, zumal sie reiches
Material auch aus den baltoslav. Sprachen beisteuern.
S. 79 ff. weist Ba. darauf hin, daß beim Infin. die Kongruenz zwischen
Prädikatsnomen und Subj. des Infin. in den klassischen Sprachen durch
Verallgemeinerung des präd. Akk. durchbrochen werden kann, vgl. griech.
&&sorıv Öulv eveoyerag (neben eVepyeraus) paräjver, lat. licet mihl esse
otiosum (oder otioso) u. v.a. Im Slavischen und Baltischen ist, wie
ich ergänzend bemerke, in ähnlicher Weise eine Ausdehnung des Dativs
des Prädikatsnomens in der Infinitivkonstr. zu konstatieren. Dieser
Kasus wird dort oftmals auch dann angewandt, wenz das als Subjekt
des Infinitivs empfundene Nomen einen anderen erwarten läßt!):
russ. PuSkin Hrmyoı npocurnu eeo Beruuecmso OvIm» Yerpeny,
«mo —, DOSTOJ. (Karam. 2, 440) mal 60 MHo20 das, UMo6 y3Hamd CA-
„omy, poln. Sienk. bei TRAUTM. Leseb. 86 czytal glosno, by sie sa-
memu rozumied, acech. radyesse chezemy zemrziety podle czty nez
bez studu zywu ostaty (mit der bekannten Erstarrung des Dat. Sg.
der unbestimmten Form ohne Rücksicht auf Numerus und Geschlecht
des Beziehungsworts).
Aus dem Balt., wo ich dahingestellt sein lasse, ob diese Konstr.
auf Parallelentwicklung oder auf Nachahmung des Slavischen beruht,
zitiere ich aus der großen Zahl der mir zur Verfügung stehenden Beispiele:
Lit. Zemaite 2, 295 savo kamaroje jie visa valia turejo: kiauras
dienas naktis uzdarytiems sedeti ir tuk lovoje, Kreve 7, 53 ar kitu
zmoniu tu nenori pasidarbuoti? — Ir palıam gerai pelnyti, GIRA
Einleitg. zu Vaiigant. 1, 10 nors ir verdiamas padiu aplinkybiu bati
atsargiam, lett. la Dievs jüs stiprina bezvainigiem büt un palikt.
1) BusLasev II® 148ff., 258 ff, LOS gram. jez. polsk. 314, HRUSKA
Lf. 17, 411ff, POTEBNJA us sarıuc. no pycck. rpamm. 22, 395, Referent
Arch. 40, 83.
K.Brugmann, Die Syntax d. einf. Satzes im Indogermanischen 267
Auch im Gotischen kommt Analoges vor:
.., 2. Kor. 5, 8 gatrauam jah waljam mais usleiban us hamma leika
jah anahaimjaim wisan at fraujin ‚Iagpodusv nal ebdonoüusv uällov
Enönujoaı &x Tod oWuarog xai Zvdnuijon mgög Tov aUgiov‘.
Hier haben wir es nicht, wie NECKEL IF. 21, 189 meint, mit
Dativ als Ersatz des dem German. sonst unbekannten präd. Instr. zu
tun; sondern es schwebte ein synonymes datizo ist u. dgl. vor; vgl.
anord. alt er betra, en se brigdum at vera ‚alles ist besser, als wankel-
mütig zu sein‘.
In dem Abschnitte über die Gruppen im Satze behandelt Br.
nacheinander diejenigen mit Verbum, Substantiv, Adjektiv, Adverbium,
Präposition und die Erweiterungsgruppen, wobei er nicht nur der An-
einanderreihung verschiedenartiger Wörter, sondern auch der Iteration
gedenkt.
Auch hier lassen sich Einzelheiten besonders aus baltischem und
slavischem Gebiete hinzufügen. Mit den S. 87 besprockenen Neubildungen
wie griech. redvn&e zu redvnxe läßt sich aus der lit. Mundart von
eduva und aus lett. Dialekten das vom Optativ aus sekundär ge-
schaffene Partiz., bzw. Gerund. vergleichen, das dort als „Modus relativus“
für den Optativ der direkten Rede verwandt wird (s. KONCEwWIcZ
MLLG. 2, 257, ENDZELIN Lett. Gr. 762); daher lit. sakast pakelczios
lidva dkmiana, kad galeczios apglebti, lett. tas jau bütuot tiri nataisni
‚dies wäre ja ganz unrecht‘. Da ein gewöhnliches Partiz. in der in-
direkten Rede den Indikativ der Oratio recta vertritt, so war der
Sprechende, wollte er nicht den Optat., wie es in den meisten lit.-lett.
Mundarten geschieht, unverändert herübernehmen, zur Vermeidung von
Mißverständnissen auf diesen Ausweg angewiesen. Im nachhomerischen
Griech. bildet man in ähnlicher Weise in der indirekten Rede im Sinne
der Zukunft einen Optat. fut. neu, da der Optat. als Modus der Oratio
obliqua üblich war!). Im Altind. kommt seit den Brähmanas im Sinne
des Optat. potent. oder des Irrealis der Vergangenheit der sog. Con-
ditional auf, d. h. formal ein Imperfektum des Futurthemas. Dieser ist
freilich nie sehr beliebt geworden; denn es kann jederzeit für ihn auch
der Optativ eintreten, so daß die Zeitstufe sich nur aus dem Zusammen-
hange ergibt?). Vielleicht ist auch lat. foret, osk. fusfd Neuschöpfung
vom -s- Futur aus?).
S. 124 erwähnt Verf. den Zuwachs, den die Präpositionen einzel-
sprachlich durch die Erstarrung von Nominalkasus, von denen ein weiteres
Nomen abhängig gemacht wurde, erhalten haben (cf. griech. margög yagıv,
lat. patris causa, abg. protiva sile svojeji usw.). Wie ich hinzufügen
möchte, ist es von Wichtigkeit, daß in derartigen Fällen das Baltische
1) BRUGMANN-THUMB Gr. Gr.* 569, WACKERNAGEL Vorlesg.
über Synt. 1, 192 ff.
%) DELBRÜCK Aind. Synt.365 ff., SPEYER Ved. u. Sskr.-Synt. 269 ff.
3) W. Schuurzs SBA.1904, 7!, SToLz-LEUMANN Lat. Gr.’ 326.
968 E. FRAENKEL
von seiner sonst zu beobachtenden Vorliebe für die Stellung von Genetiven
poss. vor ihre Beziehungswörtert) abgeht. Die hier so vielfach zu be-
obachtende Nachstellung der Genet. erklärt sich aus der semasiologischen
Annäherung derartiger adverbial erstarrter Kasus an die wirklichen
Präpositionen; vgl. etwa: |
will. E. 40,1 poakimis Diewa ir tawes iö tarna (wo zudem
das nicht possessive taves die veränderte Natur von poakimis, pokım
erweist), EE. 83, 20/21 stoweia Jesus widui yü, An. Sil. 205. 315
widu) miszko, R. 4, S. 67 uzdury) kelmio ‚außerhalb. des Stumpfes‘,
S. 64 pak’ald} wiöszk’alo ‚neben der Landstraße‘, JURKSCH. M. 38
uzpakaly’ save’ (also wieder mit der nicht possessiven Genetivform des
Personalpronomens), 23 anträpus üpes, R. 3, S. 108 szidpus Palungäs
(ef. lett. EnDZ. Leseb. 47. 52 vinpus jüras, 3ü meza), Zemaite 1, 77 gale
to kelio, 121 virgum? jJuoduju misku, 122 pakrasciais misko und per
viduri misko, Kreve 5, 155 vidurin ezero sala usw.
S. 124 behandelt BR. ferner die Verbindung von Präpos. mit
adverbial erstarrten Kasus sowie mit sonstigen adverbialen Wörtern.
Hier können zu ai. ved. prdt? vdstoh, griech. &s Evvnpı Hes. op. 410 usw.?)
auch lit. Beispiele gefügt werden; vgl.:
BRETKUN Jos. 4, 8 isch widumi Jordano®), Zemaite 1, 114 nuo
ryto saulele anksti kyla ı3 anapus misku usw.*).
Natürlich ist es auch möglich, von 23 den Gen. von püse und dem
1) S. darüber BERNEKER Wortflg. 105, GAUTHIOT Buiv. 75ff.,
SCHWENTNER Wortflg. im Lit. 26 ff, SENN TZ. 3, 495, ENDZELIN Lett.
Gr. 833ff. Mir fehlen leider systematische Sammlungen zur Entschei-
dung der Frage, inwieweit die einzelnen litauischen Dialekte Ab-
weichungen zulassen. In den altlit. Texten ist die Voranstellung des
poss. Genet. keineswegs Regel; doch könnte hier z. T. polnischer Einfluß
im Spiel gewesen sein. Bei der Untersuchung der neueren Literatur
muß streng zwischen Poesie und Prosa unterschieden werden. Daß die
Volkslieder Stellungen wie dukte mano usw. zulassen, erklärt sich
großenteils aus metrischen Rücksichten. Prosaiker, die den Dainastil
kopieren, ahmen diese Unregelmäßigkeit nach (s. BRENDER a 3, 95).
Von derartigen besonderen Fällen abgesehen, scheint besonders das
Zemaitische die Nachstellung des besitzanzeigenden Genetivs zu lieben;
vgl. SEnN a. O. über Valantius Palangos Juze. Auch bei der Schrift-
stellerin Zemaitö sind mir trotz JABLONSKT's Korrekturen genügend
Fälle begegnet.
2) S. noch ZUBATY Sborn. fil. 6, 116 ff., WACKERNAGEL Vorlesg.
über Synt. 2, 225 ff, JACOBSOHN Festschr. Wackernagel 212, SKUTSCH
Kl. Schr. 164 ff, Verf. IF. 45, 85 ff.
3) Unrichtig beurteilt von BEZZENBERGER Beitr. 240; vgl. zu
adv. Instr. des Orts vidum? auch BRETKUN a. 0. 9.10, ferner Will.
EE. 110, 5 widum? rubeszü deschimties miestü usw.
4) S. auch BÜüGA Zodynas Ss. v. anüpus.
K. Brugmann, Die Syntax d. einf. Satzes im Indogermanischen 969
zugehörigen Demonstr. abhängen zu lassen!); daher i$ anapus upes
em£ kas rekauti; bet i3 Sios puses (neben i3 Siapus) mes niekas neat-
sakeme. ; »
Wie BRUGMANN 104. 167 zeigt, wird die Apposition nicht selten
unabhängig vom Kasus des Leitworts gemacht (s. soeben auch HAvERS
Glotta 16, 105ff.). Diese Eigentümlichkeit findet sich nicht nur in
den von BR. erwähnten Sprachen; sondern wir beobachten sie auch
sonst. So ist mit nhd. er zog nach der Normandie, eine treue und
ergebene Provinz usw. genau vergleichbar ech. Masaryk Rusko a
Evropa 1, 88 drzy po jeho smrti byl tento pldn proveden jeho vdovou —
Svedskd markytanka, jez neumela psät ani £ist.
Als Übergang zwischen der Verbindung von Verbalnomina mit
Gen. obi. und zwischen ihrer Konstruktion mit dem Kasus, den das
ihnen zugrunde liegende oder ihnen begriffsverwandte Verbum verlangt),
lassen sich diejenigen Beispiele betrachten, in denen die Verbalnomina
statt mit poss. Pron. vielmehr mit Genetiven von Personalpron. kon-
struiert werden; vgl. mit lat. amor tui usw. aus dem Slavischen:
poln. jego poczucie siebie ‚sein Selbstgefühl‘, russ. 3mo Oumve ce6A
no epyodu Dostoj. Karam. 2, 43, tech. sebevrazda = samovrazda ‚Selbst-
mord'‘ u. v.a.
Im Litauischen werden in diesen Fällen die possessiven Genetive
der Personalpronomina durch ihre nicht adnominalen Formen ersetzt
(s. 0. über pokim manes ‚coram me‘ usw.):
DaukSa Post. 95, 14 (= Wolt. Chrest. 33, 44) iög nudawimo paties
sawes antrdm’ arba äntrai = poln. 2 oddania samego siebie drugiemu
abo drugiey, Svedasai Wolt. 353, 42 suturejimul mönys miski ‚um
mich im Walde festzuhalten‘, Satrijos Ragana Viktute 3 islavinımui
manes ‚um mich zu bilden‘ usw.
Der fünfte Abschnitt behandelt die Kongruenzerscheinungen. Hier
spricht der Verf. auch über die bekannte Erscheinung des Singulars
des Verbums bei Nom. plur. neutr. Seit J. SchmipT Pluralbildg. 3ff.
wissen wir, daß dieser Gebrauch grundsätzlich von dem sog. Zynju«
Ilıvöagıxöv verschieden ist, das BRUGMANN ebenfalls schildert. Bei
diesem Schema geht das singularische Verbum dem nicht neutralen
pluralischen Subjekt durchgängig voran. Der Sprechende übersieht also
zunächst noch nicht die Struktur des Satzes. Psychologisch verwandt
ist der sog. „Nominativus pendens“, den jetzt außer BRUGMAnN’s kurzer
Andeutung $. 54 Anm. HAvers IF. 43, 207 ff. und H. OERTEL The
1) JaBLONsKı? 175, liet. kalb. sint. 1, 74 ff.
2) Vgl. S. 105 über ai. mäm kämena; ebenso aus dem Lit. da-
wanatalap amszina sziwata Wolf. Post. MLLG. 5, 238, lett. alu dze-
rejinis ‚Biertrinker‘, tüs cymdus adeituoju ‚Strickerin der Handschuhe‘
(MUHLENBACH IF. 13, 228, ENDZELIN Lett. Gr. 426 ff. 436), lit. R. 12.,
S. 190 üs iszmökyma kalwijstes simu ‚für die Unterweisung des Sohnes
im Schmiedehandwerk‘ usw.
97) E. FRAENKEL
syntax of cases in the Brähmanas 1, 29 ff. (Heidelberg 1926) zum Gegen-
stande ausführlicher Untersuchung gemacht haben. Auch das Balto-
slavische liefert Beispiele dieses Nominativs, die HAvERS a. O. 217 ff.
nach Mitteilungen von mir zusammenstellt!). Unter diesem Gesichts-
punkte möchte ich auch apreuß. Ench. 65, 30 beurteilen:
kaaubri bhe strigli (Nom. sg. fem. — lit. -€, s. TRAUTMANN
KZ. 42, 369, Apreuß. Sprachdenkm. 208) Zurrei tans tebbei pijst ‚Dorn
und Disteln soll er dir tragen‘.
Br. schildert weiter die Constructio xar& ouveoıw sowie die Fälle,
in denen sich das Verbum nach dem ihm zunächst stehenden Prädikats-
nomen richtet, endlich den Numerus des Verbs bei zwei und mehr
Subjekten sowie die Kongruenzerscheinungen des Nomens und Pronomens.
Interessant sind seine Auseinandersetzungen über das Zyjue »a 610v
xal nar& uEoog (8. 150ff.). Zu lat. uter meruistis culpam?, lit. küs
(oder katräs) tai padäret?, lett. kurs büsim stipräks? usw.?) habe ich
KZ. 50, 202 slovakische Parallelen gegeben.
Gelegentlich wird das Zyjux xa0° 6Aov xai xar& u£gog mit der
partitiven Ausdrucksweise kontaminiert. BR. erwähnt a. O. im Anschlusse
an DELBRÜCK Grndr£ß. 5, 230 (s. auch Mareti6 Gram. i stil. 397) serb.
to niti je on zehjeo niti smo i jedan od nas mogli misliti, da je
nuzno. Auch das Litauische kennt derartige Mischkonstruktionen:
L -Br. Märch. 256 katräs teip jüs (Gen. pl.) puddrot?, R. 4, S. 43
katrüs isz müsu türim didesny pelnu, ar tu ar üsz?, Zemaite 2, 316
cia 13 jüsu ne viena nenukentejote plikos.
Bemerkenswert ist auch R.1 z., 8.197 säwa koänäm isz tryü
sünäms ‚einem jeden seiner drei Söhne‘.
S. 171 beleuchtet Verf. die Fälle, wo fem. Subst. dadurch mask.
Attrib. erhalten haben, daß sie zu Bezeichnungen von männlichen
Personen geworden sind. Ebenso haben umgekehrt mask. Subst. da-
durch fem. Attribute bekommen, daß sie zu Ausdrücken auch für weib-
liche Personen wurden. Die erste Erscheinung ist aus den klassischen
und baltoslavischen Sprachen allbekannt. Ich trage deshalb hier nur
einige besondere, weniger geläufige litauische Beispiele für diesen Ge-
schlechtswechsel nach. Auf einige hat schon NIEDERMANN Festschr.
Wackernagel 163 mit Anm. 3 verwiesen. So gebraucht Duonelaitis 7,144;
11,532 köaule ‚Schwein’ als Beschimpfung von Männern mit maskulinen
Adjektiven (H. JENSEN KZ. 50, 55); vgl. hiermit aus der modernen
belletristischen Literatur:
Lazdyny Peleda 3, 96 tegu Dievas teisia visus biaurybes! ‚möge
Gott alle Scheusäler aburteilen!‘ Aus Zemaites Schriften notiere ich
nicht nur 1, 268 tas kiaule, turödamas tolci pelna (also wie bei Duonel.),
277 pakarti toki biaurybe (vgl. auch Scheu-Kursch. em. Tierfab. 50, 24
: da Über das Slavische s. auch Potebnja na sannc. no pycck. TpaMmM.
n :
2) JABLONSKI liet. kalb. sint. 1, 27, ENDZELIN Gr. 805 ff.
K.Brugmann, Die Syntax d. einf. Satzes im Indogermanischen 71
tas bestije vözis ‚diese Ziegenbockbestie‘, 74, 24 tu sens böstije vom
Hunde), sondern noch 1, 237 kokie rupuzes, 2, 200 tie smarves, aus
Kreves Schriften 7,141 tu aklas puikybe, 2, 23 palauk, a3 tam giltinei!
‚warte, ich will dem Mörder...‘ W%., S. 257 wird Zmogijste ‚mensch-
liches Wesen’, da es auf ein Knäblein geht, durch die Maskulinform
des Pronomens der dritten Person aufgenommen. Wenn das Abstraktum
gimine ‚Verwandtschaft‘ konkret im Sinne ‚Verwandter‘, also wie gent?s,
gebraucht wird, so kann es wie dieses mit mask. attrib. Adj. verbunden
werden; vgl. Dovydai TZ. 2, 168 vesus artimus gimines ir visus
sodziaus kaimynus (neben tolimesnes gimines), Zemaite 2, 88 toli-
mesniu Batucio giminiu, kurie —. Dagegen im Altpreuß. heißt es trotz
des konkreten mask. Sinnes nur femininisch mejlas ginnis ‚lieben Freunde‘
(Ench. 69, 36; 75, 34),
Öfters können derartige, auf männliche Wesen bezogene Feminina
auch äußerlich maskulin umgestaltet werden. NIEDERMANN a. O. zeigt,
daß Lazdynu Peleda als Schimpfwort für einen Mann ein rupuzis neu-
schafft; ebenso bildet Zemait& 1, 268 in diesem Falle deminutiv-ver-
ächtliches!) rupuzokas. In einem Volksliede aus Onuskis (Bez. Trakai)
Wolt. Chrest. 395, 15 heißt es dr tievüuh mänas, öl Sirdele mänas;
also 3irdele hat femin. Endung behalten und ist nur wegen der Anrede
an den Vater mit mask. Possessivpronomen verbunden worden). Da-
gegen Jusk. liet. dain. 495, 1. 4 erhält sowohl das einfache $irdis als
sein Deminutiv, da der Gatte apostrophiert wird, mask. Vokativendung;
daher patiE manu, Srdziau manu, bzw. paciükaj, 3irdziükaj (s. SPECHT
Lit. Mundart II 429%) ®), ;
Auch die Höflichkeitsanrede Tamsta, die, auf Männer bezogen,
mit mask. Adj. verbunden wird (NIEDERMANN Festschr. Wackernagel
163 f£.), wird gelegentlich in einzelnen Formen an die gewöhnlichen
Mask. angeglichen. Freilich ist dies nur ganz sporadisch, vielleicht
auch ausschließlich Zemaitisch eingetreten. So führt NIEDERMANN a. 0.
aus Lazdynu Peleda, die in der Nähe vou Telsiai, d. h. Zemaitischem
Sprachgebiete geboren ist, neben regulärem Tamstele vereinzeltes
T'amstelis mit Bezug auf einen Mann an. Eine junge Dame, die in
Siauliai, also auf der Grenze zwischen Zemaitischem und aukstaitischem
Gebiete, gebürtig ist, jetzt aber in Griguliai, Bez. Kaltinenai, also in
völlig Zemaitischer Gegend eine Tätigkeit ausübt, gebrauchte kürzlich
1) Über den despektierlichen Sinn des Deminutivsuffixes -okas
s. LESKIEN Bildg. d. Nom. 513 ff.
2) Aber als Anrede an die Mutter hat es poss. Genet. des Personal-
pron. in dem Liede bei sich: 36 6: motüle mäno, öl Sirdele mäno.
3) diüktau Jusk. d. 877,16 ist Analogiebildung nach sünaüu. Es
kommt auch sonst Zemaitisch vor (vgl. Zemaite 1, 6. 19). Über brol()aü
s. jetzt SOMMER IF. 42, 323ff. (unter Berichtigung der früheren An-
sichten, s. besonders BRÜCKNER Arch. 3, 255, NIEDERMANN Festschr.
Wackernagel 162).
972 E. FRAENKEL
in einem an mich gerichteten Briefe den Plural Tamstat in der Be-
deutung ‚Sie und Ihre Frau’.
Interessant ist, daß die Schriftstellerin Zemaite 2, 260 die Männer
zu den Frauen, die eigentlich nur den Männern obliegende Arbeiten
verrichten, verächtlich sagen läßt: jüs bobeliai, kampininkai. Ver-
gleichbar hiermit ist Aristoph. Ecel. 491. 500. 727, wo Praxagora, da
die Frauen die Herrschaft führen und auch in den Chargen und Titeln
die Männer nachäffen, als 7 ore«ımyög neben Motion aufweisendem
orearnyls (835. 870) bezeichnet wird.
Weniger bekannt ist, daß im Lit. auch Subst. auf -as usw. mit
Bezug auf weibliche Wesen genau wie derartige Nomina in den
klassischen Sprachen mit fem. Adjektivformen verbunden werden können).
Während alit. /alokas oder -us ‚Jungfrau‘, eig. ‚Sproß, Schößling‘ ?)
grammatisch maskulin bleibt, finden wir andererseits:
Zemait& 1, 160 vaikas jauma, gra&i, 2, 116 biedna vaikas, 280
jauna parselis nutekejo ‚sie hat als „junges Ferkelchen“ geheiratet‘,
112 jau kad Petrone toki buvo kepaisis (eig. ‚süßsaures Brot, Kuchen,
Fladen‘, gebildet mit dem gleichen Maskulinsuffix wie ragaisis, s. LES-
KIEN Bildg. d. Nom. 599, Jusk. s. v.), 286 Barbora buvo begaline
Zinovas (dies letzte Beispiel zitiert schon JABLONSKI).
S. 185 fungiert unter den Beispielen, wo das zu zwei verschieden-
geschlechtigen Subst. gehörige Adj. mit einem von beiden kongruiert,
auch Hes. theögon. 973 eo £mi yijv Te xul ziodn vör« Yaldoons
“ näcav. Aber wie von WILAMOWITZ Eur. Her. II® 157 gezeigt hat, ist
zu nöoev vielmehr ein Abstraktum aus der Actio verbi: wie ‚Gang,
Richtung‘ u. dgl. zu ergänzen. Ich habe Baltosl. 28, KZ. 53, 44*, IF.
‚40, 87: zu den von v. WILAMOWITZ beigebrachten griech. Belegen für
diesen Sprachgebrauch weitere aus derselben und aus anderen idg.
Sprachen hinzugefügt 8); vgl. russ. uepam» 8 omkKprimyıo (se. uepy), &ech.
kvetne bilym , (sc. kvötem), lit. Jurksch. M. 108 su säva läzdelele
viena bäkstelöje, Wisbor. 13, 26, 11 mieseninks atgal tq pdti pasi-
klönoj ‚verbeugte sich in derselben Weise‘. Ich nehme auch an, daß
die im Lit. gelegentlich aus dem Instr. der bestimmten Adjektivflexion
gebildeten Adverbia wenigstens teilweise in derselben Art zustande ge-
kommen sind; also ar jie geruoju (se. gyvenimu) gyvena (JABLONSKI? 70);
vgl. noch R. 2, 8.154 pradeja praszyt uzböna giarüoj) ‚im Guten
bitten‘ (auch hier ließe sich noch präymu ergänzen). Natürlich sind
dann diese Bildungen weitergewuchert, so daß man oftmals nicht mehr mit
i 1) JABLONSKI liet. kalb. sint. 1, 32, der freilich nur ein Beispiel
gibt. Auch im Lettischen kommt derartiges vor; s. BEZZENBERGER
Lett. Dialektstud. 21, 86, EnDzELIN Gr. 807.
2) Referent KZ. 51, 250, Kröek IF. 40, 160.
3) 8. noch GÄDIORE Akk.im Veda 220, DELBRÜCK Grndr£ß. III 627
(mit altnord. Beispielen); V 136, BusLAsev II® 209, POTEBNJA 2, 435.
J.Czekanowski, Wstep do historji stowian 373
derartigen Erklärungen auskommt); vgl. etwa Jonisk. Wolt. 330,13/14
tu, senut, nöri gerdoju, ndri piktuoju, papjduk penkesd’äsimt jduciu,
Basanavilius panda graituju nusivilka (s. SPECHT IL 126). In Ziüredama
Platiomis, pusmerkomis usw. (z.B. Lazdynu Peleda 1,46; 2,20. 195 u. ö.)
ist aus dem Verbum des Sehens mit Leichtigkeit akdmzs hinzuzudenken,
woraus sich auch das femin. Geschlecht erklärt.
Es ist zu wünschen, daß auch diese letzte Arbeit des dahinge-
schiedenen, hervorragenden Sprachforschers bei den Fachgenossen die
Beachtung finden möge, die ihr gemäß ihrem hohen, . wissenschaftlichen
Wert zukommt.
Kiel ERNST FRAENKEL
ÜZEKANoWsKI, J. Wstep do historji stowian. Perspektywy antro-
pologiczne, etnograficzne, prehistoryezne i jezykoznaweze. Lem-
berg, K. Jakubowski 1927, 8°, XII+ 3238. + 2 Tafeln. (=
Lwowska Bibljoteka Slawistyczna hgb. F. Busax, J. ÜzERA-
NOwskı und T. LeHR-Sprawinskı Bd. 3).
Ein hervorragender polnischer Anthropologe versucht hier mit Hilfe
sprachwissenschaftlichen, prähistorischen, anthropologischen und pflanzen-
geographischen Materials die Frage von der Urheimat der Slaven neu
zu lösen. Das Ergebnis ist, daß die Slaven oder Baltoslaven die Träger
der sogen. Lausitzer Kultur gewesen sein sollen. Es weicht beträchtlich
von der alten, auch von mir in einem Aufsatz in W. VoLz’ Ostdeutschem
Volksboden, Leipzig 1926, S. 118—143 vertretenen Auffassung ab und
stimmt in vielen Beziehungen zu den in letzter Zeit von den Prä-
historikern J. KOSTRZEWSKI und L. KOZLOWSKI geäußerten Ansichten.
Ich gestatte mir daher, ausführlicher dazu Stellung zu nehmen.
$ 1. In einer Einleitung und den zwei ersten Kapiteln ‚behandelt
Verf. allgemeine Fragen der Anthropologie, deren Unterabteilungen und
praktische Anwendung auf verschiedene Fächer. Besonders zu begrüßen
ist die Hervorhebung des geographischen Prinzips, das auf polnischem
Gebiet in den Arbeiten von K. Nırsch über Wortgeographie zu seinem
Recht kommt, sonst aber in der slavischen Lexikographie noch zu
wenig berücksichtigt wird. Man denke namentlich an die bulgarischen,
serbokroatischen, weißrussischen und ukrainischen Wörterbücher.
,„ Kap. 3 gibt eine Übersicht der Sprachstimme Europas, Kap. 4
behandelt die slavischen Stämme, Kap. 5 das polnische Sprachgebiet
mit seinen Mundarten und wortgeographischen Unterschieden ; hier findet
sich auch eine Unterabteilung über die Dynamik des polnischen Sprach-
1) Vgl. DELBRÜCK V 136 über griech. uaxgav note, Koi Tu
BovAsvoevre, wo es fraglich ist, ob man noch ödov, PovAjj ergänzen
soll, oder ob man es schon mit selbständig gewordenen Adverbien zu
tun hat.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 18
974 M. VAsMmER
gebietes. Kap. 6: Ethnographische Erörterungen bes. über das slavische
Haus. Kap. 7: Prähistorische Fragen. Kap. S: Anthropologische Er-
gebnisse. In einem Schlußkapitel wird die Ununterbrochenheit der
anthropologisch-ethnographischen Entwickelung in Europa betont. —
Die zwei ersten Kapitel übergehe ich, da sie nicht nur für slavische
Verhältnisse gelten. In der Übersicht der Sprachstämme Europas
(Kap. 8) scheint mir der Verf. zu viel Wert auf Erhaltung gemein-
samer alter Formen zwischen Griechisch und Litauisch zu legen, wenn
er das Lit. für dem Griech. näher verwandt hält als das Slav. (S. 57).
Dann überschätzt der Verf. auch in seinem ganzen Buch (z. B. S. 281)
die Übereinstimmungen zwischen Baltisch-Slavisch und Germanisch und
wärmt damit eine Auffassung auf, die durch LEsKıEn’s Schrift über
die Deklination im Slavisch-Litauischen und Germanischen, Lpz. 1876,
eigentlich schon beseitigt war.
Die Gründe, die den Verf. zwingen, eine Ausbreitung der Finnen
bis an die Weichsel anzunehmen, hätten erörtert werden müssen (S. 58).
Er spricht 8. 58 u. 178 von finnischen Lehnwörtern im Polnischen,
führt sie aber nicht an. Solange wir aber keine anderen Argumente
haben, erscheint mir die von BAUDOUIN DE CO'IRTENAY ausgesprochene
Ansicht von der finnischen Herkunft des polnischen Masurierens un-
erwiesen und ich möchte der anthropologischen Beobachtung gegenüber,
die Finnen in Westeuropa, der Schweiz, Frankreich, Belgien und
Deutschland sehen will, größte Reserve anempfehlen. Derartige Thesen
müßten mit sprachlichen Argumenten gestützt werden können und
solche fehlen hier (trotz $8. 87).
Bei Behandlung der finnisch-ugrischen Sprachgruppe spricht Cz.
(S. 60) auch von einem ingrischen Stamm neben Finnen, Esten,
Wepsen, Woten usw., obgleich wir durch eine ausgezeichnete Unter-
suchung von SIÖOGREN Über die finnische Bevölkerung des Petersburger
Gouvernements, Gesammelte Schriften I (1861) S. 541—606 wissen,
daß das Karelier sind. Denselben Fehler wie bei Cz. finden wir
übrigens auch bei SZINNYEI Finn.-ugr. Sprachwissenschaft? Lpz. 1922,
S. 14 und bei JACOBSOHN Arier und Ugrofinnen (Gött. 1922) 8. 19.
Irreführend ist dann bei Cz. (S. 60) auch die Bezeichnung Ugrier, unter
denen er nicht, wie sonst üblich, Ungarn, Ostjaken und Wogulen, son-
dern auch Syrjänen, Wotjaken, Tscheremissen und Mordwinen versteht.
Auch das Verhältnis von Lappen und Samojeden zu den Finno-Ugriern
ist trotz CZ. a. O. nicht das gleiche.
Die idg. Einflüsse auf das Finn.-Ugr. konnten viel klarer behandelt
werden als es bei CZ. geschieht. Besonders die iranischen. Es hätte
auch erwähnt werden müssen, daß im Syrjänischen und Wotjakischen
auch späte iranische Lehnwörter vorliegen, die von STACKEL-
BERG Ipesuocru Bocrounzsa I (1893) gut untersucht worden sind.
Angesichts der Tatsache, daß baltische Lehnwörter nicht nur im Ost-
seefinnischen, sondern auch im Mordwinischen begegnen (vgl. V. THOMSEN
Beröringer mellem de finske og de baltiske Sprog Kopenhagen 1890)
J. Czekanowski, Wstep do historji stowian 275
und daß wir baltische Galinder westlich von Moskau antreffen (vgl.
SOBOLEVSKIJ Bulletin de l’Academie des Sciences de St. Pstersbourg
1911 S. 1054), kann auch nicht von einer darüber herrschenden Un-
klarheit (S. 61 u. 85) gesprochen werden, wo diese Berührungen statt-
gefunden haben. Ich denke etwa an die Gegend von Smolensk und
dazu stimmt die Lokalisierung der baltischen Ursitze in derselben
Gegend, wie sie BuGA angenommen hat. (Vgl. den Aufsatz von
GERULLIS in EBErT’s Reallexikon der Vorgeschichte I 341 mit Lite-
ratur.) Nur bei Ansatz einer östlichen Urheimat der Balten verstehen
wir auch, warum in ihren Sprachen so wenig altgermanische Elemente
sich nachweisen lassen. Die östlichen Galinder als aus Ostpreußen
eingewandert anzusehen, wie Cz. 8. 92 es tut, verbietet das hohe Alter
der baltisch-finnischen Beziehungen. Kaum Beifall finden wird auch
Cz’s Verzicht auf das Baltentum der Aestii (8. 92) und seine sich
über lautliche Schwierigkelten glatt hinwegsetzende Deutung baltischer
Ortsnamen auf Nar- in Zusammenhang mit den Nevoo/ des Herodot
(S. 90).
Die von CZ. erwähnte ‚asianische“ Theorie (S. 62) ist m. E. noch
nicht spruchreif, solange keine Spuren „japhetitischer* Ortsnamen in
Südrußland und dem alten Gebiet der Thraker und Illyrier nachgewiesen
worden sind.
Moszyns&r’s Theorie von einer asiatischen Herkunft der Slaven,
die durch äußerst zweifelhafte slavische Einflüsse im Turkotatarischen
(Cz. S. 66) gestützt wird, ignoriert die alten, längst gesicherten Be-
ziehungen des Slavischen zum Germanischen. Sie wird von Cz. mit
Recht bekämpft, nur nicht energisch genug zurückgewiesen. Für die
Slaven ist zwischen Iraniern und turkotatarischen Hunnen kein Platz.
— Unglücklich ist auch die Behandlung iranischer Elemente im Sla-
vischen bei Cz. (S. 66, 89, 97 u. 145). Wir wissen durch BERNEKER
EW.1650ff., daß die SCHRADER’sche Erklärung von abg. kurs ‚Hahn‘
aus neupers. yurös ‚Hahn‘ unmöglich ist, denn dieses hätte im Alt-
iranischen *yraosa- lauten müssen (vgl. avest. yraos- ‚schreien‘ ÜHLEN-
BECK Aind. Wb. 68ff, BARTHOLOMAE Airan. Wb. 533 ff). Die Ent-
lehnung von dogs ‚Gott‘ aus dem Iranischen ist umstritten, diejenige
von svets ‚heilig‘ (aus iran. spanta-) aus lautlichen Gründen aus-
geschlossen. Wenn ich, was mir (zZ. zum Vorwurf macht ($S. 173),
russ. usw. chata nicht als iranisches Lehnwort angeführt habe, so ist,
das deswegen geschehen, weil iran. kata- als Quelle desselben nicht
genügt und wegen des ch- nur eine Entlehnung aus einer ugrischen
Sprache in Frage kommt. Da Ostjakisch und Wogulisch aus geo-
graphischen Gründen ausscheiden, bleibt nur die Vorstufe von magy.
hdz ‚Haus‘ als Quelle dieses chata übrig. Vgl. ähnlich KorscH Bull.
de l’Acad6ömie des Se. de St. Petersbourg 1907, 8. 762, ZELENIN ÖOst-
slavische Volkskunde (1927) S. 261, ungenau BERNEKER EW. I 385 ff.
Zum finnisch-ugrischen Wort vgl. SZINNYEI Fi.-ugr. Sprachw.? S. 32.
In Cz.’s Liste bleibt nur Zopors ‚Axt‘ bestehen. Vgl. dazu meine Liste
18*
276 M. VAsMER
bei Vouz Ostdeutscher Volksboden? S. 126ff. Bei Behandlung des
Türkisch-Bulgarischen hätte der Zusammenhang mit dem Tschuwassischen,
der durch eine Reihe ausgezeichneter Arbeiten von WICHMANN, MIK-
KoLA, GoMBocZ und ASMARIN erwiesen ist, zur Sprache kommen
müssen (S. 68). i
Wenig klar ist auch die Erörterung der Verwandtschaftsverhältnisse
der griechischen Dialekte. Der Zusammenhang zwischen Arkadisch-
Kyprisch und „Äolisch‘ kommt nicht zur Geltung. Daß das Neugriech.
„bestrebt ist, sich von seinen alb., slav. türk. Elementen zu befreien“
(S. 74), ist richtig, es hätte dann aber gesagt werden müssen, daß die
slav. u. alb. Elemente darin immer sehr gering waren. In der Über-
sicht der romanischen Völker vermißt man das gerade für die slavischen
Sprachen bedeutsame „Dalmatische“ (S. 75 ff.).
Mir unbekannt sind die Gründe, die den Verf. zu dem unwahr-
scheinlichen Schluß von der westgermanischen Herkunft der
Bastarnen führen (S. 80). In Frage kommt m. E. nur ostgermanische,
oder allenfalls noch keltische Herkunft.
8 2. Bei Behandlung der slavischen Urheimat stellt Cz.
fest, daß dieselbe im Gebiet des nordischen anthropologischen Typus
zu suchen sei (S. 84), nach ihm weder südlich der Karpaten, noch in
Osteuropa. Dem Nachweis, daß die Slaven ursprünglich langschädlige
Kopfform, großen Wuchs, schmale Nase und ovales Gesicht gehabt
hätten, dient ein ausführliches Kapitel (S. 244—276). CZ. setzt sich
durch diese Annahme in Gegensatz z. B. zu VIRCHOW und zu seinem
Landsmann TALKO-HRYNOEWICZ (S. 252ff.). Ich vermag als Nicht-
anthropologe die Tragweite seiner Beweise nicht zu beurteilen. Für
die Bestimmung der slavischen Urheimat ist das auch nicht so wesentlich,
denn CZ. stellt hiebei auch ein „gewichtiges Zentrum“ des nordischen
Typus in Wolhynien (S. 108, 272 u.a.) und Spuren desselben auch
nördlich von Kiew fest (8. 272 ff. u. 276) und daraus ist man berechtigt
zu schließen, daß dem Ansatz einer Urheimat der Slaven in Wolhynien
keine anthropologischen Schwierigkeiten im Wege stehen. Ich möchte
trotzdem nicht unterlassen hier zu betonen, daß die Ansicht vom nor-
dischen Typus der Urslaven mir bedenklich vorkommt und daß das
chronologisch viel schwerer zu fixierende anthropologische Material mir
für Schlüsse auf die Urheimat viel weniger geeignet erscheint als das
sprachliche und vorgeschichtliche. Bei sprachlichen Tatsachen haben
wir auch für die Bestimmung des Ausgangspunktes (etwa einer Ent-
lehnung) :inehr Beweise als bei andern. Es fragt sich auch, ob bei den
nordischen anthropologischen Zentren nicht frühgeschichtliche Völker-
bewegungen wie diejenige der Goten über Wolhynien stärker berück-
sichtigt werden müssen.
Die pflanzengeographischen Argumente von ROSTAFINSKI ergänzt
Cz. (8.85 ff.) durch wertvolle Beobachtungen neuerer polnischer Forscher,
durch die die Ostgrenze der Rotbuche, Weißbuche, Eibe und des Epheus
genauer als bisher festgestellt wird. Wenn die Slaven für die Buche
J. Czekanowski, Wstcp do historji stowian 277
nur einen allgemein als altgermanisches Lehnwort anerkannten Ausdruck
besitzen, dann wird daraus meist gefolgert, die Urheimat der Slaven
habe in einem buchenlosen Gebiet gelegen. Cz. verlegt nun diese Ur-
heimat doch in die Buchenregion, da er durch Mitteilungen SACHMATOV’s
zu der Ansicht bekehrt worden ist, der germanische Buchenname sei
allgemeinslavisch und die Slaven hätten die Buchenregion bereits zur
Zeit ihrer Einheit betreten. Cz. ist es entgangen, daß wir sprachliche
Mittel besitzen, die uns die Entlehnung dieses Wortes chronologisch
ungefähr zu fixieren gestatten. Wenn slav. *duky aus einem germ.
*bokö stammt (so BERNEKER EW. I 99 u. a.), und dieses letztere,
woran niemand zweifelt, mit lat. fagus usw. urverwandt ist, dann kann
die Übernahme dieses Wortes durch die Slaven erst nach dem urgerm.
Wandel von idg. @ zu ö erfolgt sein, d. h. nach Caesars Zeit,
denn dieser schreibt noch Bacenis silva!) für ahd. Buohunna (vgl.
STREITBERG Urgerm. Gramm. 48, Unterz. Zeitschr. II 125). Die Ent-
lehnung des german. Buchennamens kann ich schwer verstehen, wenn
die Slaven mit den Trägern der Lausitzer Kultur zu identifizieren sind.
Vgl. übrigens gegen die pflanzengeographischen Argumente die Aus-
führungen von BRÜCKNER Stownik polski etymol. 148. Ich möchte
mit BRÜCKNER dem Buchenargument nur untergeordnete Bedeutung
bei der Feststellung der slav. Urheimat beimessen, wie ich auch aus
dem Vorhandensein von Wörtern wie !vvs ‚Löwe‘, velobods ‚Kamel‘ usw.
bei den Slaven keine Schlüsse ziehen will.
Cz. bedient sich der geographischen Verbreitung der Rotbuche,
Weißbuche, des Epheus und der Eibe, um zu dem Schluß zu gelangen,
daß die Urheimat der Slaven an der mittleren Weichsel und dem west-
lichen Teil der Strömung des westl. Bug gelegen hat (8. 86). Wenn
dem so ist, meint er, dann käme für die Slaven von allen uns be-
kannten alten Kulturen nur die Lausitzer Kultur in Betracht. Ich
möchte zu dieser kühnen Schlußfolgerung bemerken, daß z. B. auf weiß-
russischem Gebiet noch zu wenig gegraben worden ist und man mit
der Möglichkeit zu rechnen hat, daß außer der Lausitzer Kultur auch
noch andere herrenlose Kulturen gefunden werden können. Wenn wir
die Slaven als Träger der Lausitzer Kultur anerkennen, dann müssen
wir die reichlich als Bewohner des östlichen Deutschland bei klassischen
Autoren bezeugten ostgermanischen Goten, Vandalen usw. nur als er-
obernde Oberschicht auffassen. Tun wir das aber (mit CZEKANOWSKI
und seinen Gesinnungsgenossen), dann verstehen wir nicht das gänzliche
Fehlen slavischer Lehnwörter im Gotischen und verstehen auch die ger-
manische Völkerwanderung nicht. Wenn die Goten aus dem Weichsel-
gebiet nach Südrußland und dann westwärts ziehen und die Vandalen
bis nach Nordafrika gelangen, dann wird Oz. doch nicht behaupten, es
sei nur eine ostgermanische Oberschicht gewesen? Warum sind denn
1) Germanisch, wegen des durch die sogen. erste Lautverschiebung
zu erklärenden %k aus idg. g.
278 M. VAsMER
sonst so viele germanische Personennamen bei Goten und Vandalen
bezeugt und kein einziger slavischer? Solche große Völkerbewegungen
können nur durch einen großen Überschuß an Menschen zustande
kommen. Wenn Cz. (8.280) den vermeintlichen Ansturm der Germanen
gegen die slavischen Träger der Lausitzer Kultur mit der Waräger-
herrschaft in Rußland vergleicht, dann ist auch dieser Vergleich nicht
einwandfrei, denn die Waräger haben von Rußland aus.keine siegreichen
Staatengründungen mit rein germanischer Bevölkerung“yorgenommen
und keine Völkerwanderungen angetreten. BE
Das prähistorische Material, das die Slaven als Träger der Bausitzer
Kultur erweisen soll, wird in Kap. VII behandelt. Das Kapitel beginnt
mit der Voraussetzung, daß Baltoslaven oder Slaven allein diese Kultur
repräsentierten. Der Ansatz baltischer Ursitze in einem so weit westlich \
gelegenen Gebiet wird aber durch das Alter der baltisch-finnischen
Beziehungen und durch den sonst üblichen Ansatz der baltischen Ur-
heimat bei Minsk und Smolensk (vgl. oben 8. 275) keineswegs empfohlen.
Wenn wir aber die Slaven allein für die Lausitzer Kultur in Anspruch
nehmen, so entstehen chronologische Schwierigkeiten. Es ist nirgends
bewiesen, daß das Urslavische sich vom Baltischer bereits um 1500 v. Chr.
getrennt hat (so Cz. 222). Wenn die Lausitzer Kultur im 1. Jahr-
tausend v. Chr. von Brandenburg bis an den Dniestr reicht, dann er-
wartet man in den slavischen Sprachen heute viel größere Unterschiede
als tatsächlich vorliegen.
Wenn die Lausitzer Kultur ferner schon gegen Ende der IV. Bronze-
periode einen intensiven Einfluß auf die germanische ausübt und in
der V. Bronzeperiode in die germanische Kultur zahlreiche, ihr eigen-
tümliche keramische Formen trägt, — wie 8. 216 festgestellt wird, —
dann erwartet man, daß die germanischen Sprachen namentlich in ihren
Gefäßbezeichnungen zahlreiche slavische Lehnwörter aufweisen. Wir
finden aber im Urgermanischen kein einziges slavisches
Lehnwort. Einige wenige slavische Lehnwörter im Deutschen allein
sind nachweislich später Herkunft. Dafür gibt es-im Slavischen
eine ganze Anzahl entlehnter Gefäßnamen altgermanischer Herkunft.
(Vgl. kony ‚Kanne‘, plösky ‚Flasche‘, pany ‚Pfanne‘, ksbels ‚Kübel‘,
kotols ‚Kessel‘, misa ‚Schüssel‘: got. m2s aus lat. mensa usw.).
Ich verstehe ferner nicht das völlige Fehlen alter sla-
visecher Ortsnamen westlich der Weichsel bei den klassischen
Schriftstellern, wenn ich Cz.s These annehme. KOSTRZEWSKT's mit
großer Sicherheit vorgetragene Behauptung, der Name der Lugier käme
von nsorb. Zug ‚Grassumpf‘ (daher ZLuzyca ‚Lausitz‘) ist natürlich
gänzlich ausgeschlossen, da das sorbische Wort auf logs zurückgeht
(s. BERNEKER EW.]1 739) und man nur eine Form * Long verstehen
würde. Es ist bedauerlich, daß so dilettantische Erklärungen heute
von ernsten Gelehrten noch aufgetischt werden. Wenn CZ. behauptet,
deutsche Gelehrte hätten die Ansicht von Pi6, daß die Slaven die
Lausitzer Kultur repräsentierten, bekämpft (8. 220), dann ist dazu zu
J. Czekanowski, Wstep do historji stowian 379
bemerken, daß diese These z. B. auch von ROZwADOWSKI und SacH-
MATOV angefochten worden ist.
Die Gründe der polnischen Prähistoriker für das Slaventum der
Lausitzer Kultur werden auf S. 221 nach L. KozLowsKi angeführt.
Ich zitiere sie alle: x
1. „Die Lausitzer Kultur ist in Gebieten verbreitet, die in früh-
historischer Zeit von Slaven besetzt waren“. — Dieses Argument ist sehr
oberflächlich, denn zwischen der Lausitzer Kultur und den ersten, einiger-
maßen sicheren historischen Zeugnissen vom Auftreten der Slaven in
Ostdeutschland klafft eine Lücke von nicht weniger als 1000 Jahren.
2. „Es fehlt ein Nachweis, daß die Träger der Lausitzer Kultur
ihre Sitze verlassen hätten“. — Wenn dieses Argument stichhaltig ist,
dann müßte diese Kultur ostgermanisch sein, weil zu Beginn der histo-
rischen Überlieferung dort Ostgermanen sitzen. Bemerkenswert ist
dabei die Tatsache, daß skandinavische Forscher wie MONTELIUS,
SALIN u. a. festgestellt haben, daß die germanischen Altertümer in
Norddeutschland um die Mitte des 4. christl. Jahrh. zu schwinden be-
ginnen, in Pommern etwas früher als in Mecklenburg. MIKKOLA
Revue des etudes slaves I 198 schließt daraus, daß diese Tatsache mit
dem Vordringen der Westslaven auf ostdeutschem Boden in Zusammen-
hang steht.
Zu diesem Punkt ist mein verehrter Kollege EBERT so freundlich
mir noch folgende Mitteilung zu machen:
„Das Bemühen der poln. Vorgeschichtler geht darauf hin, die von
ihnen als slav. angesehene Lausitzer Kultur (III. Periode der BZ. bis
frühe EZ.: ec. 1400—500 v. Chr.) mit der späteren slav. Ostdeutschlands
und Polens‘ zu verknüpfen. Da sie die Anwesenheit germ.. (ostgerm.)
Stämme in der LTZ. und RKZ. in- dem früheren Gebiete der Lausitzer
Kultur nicht bestreiten können, haben sie die Theorie aufgestellt, die
slav. Träger der Lausitzer Kultur seien durch die seit der Mitte des
1. Jahrtaus. v. Chr. eingedrungenen Germanen unterjocht worden. Sie
hätten aber ihr Volkstum bewahrt und später, nach Abzug der Be-
drücker, sich wieder aufgerichtet. Dies suchen sie zu beweisen durch
Nachweisen des „Wiederauflebens“ Lausitzer Gefäßtypen und Grabge-
bräuche innerhalb der Spätlatenezeit und RKZ. im germ. Gebiet Ost-
deutschlands und Polens (z. B. Herr EEGA und Fräulein KARPINSKA).
Wenn diese gequälten Bemühungen richtige Ergebnisse hätten,
würden sie noch immer nicht direkt beweisen, daß die Lausitzer Slaven
waren, sondern nur, daß die Lausitzische Kultur sich in Einzelheiten
auf ihrem alten Gebiet lange gehalten hat.
‚Als älteste Exponenten des nach Ostdeutschland und Polen ein-
dringenden Germanentums werden von den deutschen Forschern die
Träger der sog. Gesichtsurnenkultur angesehen, die sich um 800 in
Pomerellen ausbildet und von hier aus langsam gegen Süden bis Mittel-
schlesien vordringt, um 400 v. Chr. aber überall erloschen ist. (Sie
wird jetzt meist als Frühgerm. bezeichnet). Diese Kultur löst also in
980 M. VAsMER
dem ostdtsch.-poln. Gebiet die Lausitzer Kultur ab, deren Vorbereitungs-
grenzen aber ungleich größer sind als die der Gesichtsurnenkultur.
Dann folgt eine Besiedlungslücke von mehreren hundert Jahren,
die abgelöst wird durch das Auftreten der historisch beglaubigten Ost-
germanen in Ostdeutschland.
Ursache des Erlöschens der Lausitzer Kultur? Hypothesen: 1. Kelten-
züge, 2. Vorwärtsdringen der Germanen, 3. Skythenzüge (Fund von
Vettersfelde), 4. Klimaverschlechterung (Sernanders Fimbulwinter), die
Abwanderung der Bevölkerung zur Folge gehabt hätte* —.
3. behauptet CZ. die Lausitzer Kultur stehe „in Beziehungen zu
solchen Völkern, die Beziehungen und gegenseitige (sic!) Entleh-
nungen mit den slavischen Sprachen aufweisen“. — Die betr. Völker
werden von CZ. nicht ausdrücklich genannt, es ist aber ohne weiteres
klar, daß er darunter Germanen und Kelten versteht. Wenn wir uns
dieses Argument näher ansehen, dann ist es darum ebenfalls sehr schlimm
bestellt. Man erwartet von den Trägern der Lausitzer Kultur bei der
großen Bedeutung der letzteren, daß sie Germanen und Kelten beein-
flussen. Wir finden aber altslavische Elemente weder im
Keltischen, nochim Germanischen. Ich halte das keineswegs
für einen Zufall. Bei der großen Verschiedenheit zwischen Balto-Slavisch
und Keltisch bzw. Germanisch wären solche Lehnwörter (z. B. mit einem
Zischlaut für idg. %, 9, 9A) längst aufgefallen. Fibenso auffallend und
für Cz’s Ergebnis katastrophal ist das Fehlen keltischer Lehn-
wörter im Slavischen. CZ. macht mir zwar an verschiedenen
Stellen seines Buches den Vorwurf, ich hätte im Rocznik Slawist. VI
(1913) anläßlich meiner Kritik der Keltentheorie SACHMAToV’s den
keltischen Einfluß im Slavischen unterschätzt, aber ich bin jetzt sogar
der Ansicht, daß ich seinerzeit jener Theorie zu viele Konzessionen
gemacht habe. So erscheint mir neuerdings nach den Ausführungen
von POKORNY Zeitschr. IV 103 ff. der keltische Ursprung von slav. guna
‚Pelz‘ fraglich, an den ich früher geglaubt habe. Vgl. auch VoLz
Ostdeutscher Volksboden? 8. 128. Die Keltentheorie SACHMATOV’s
halte ich, bei aller Verehrung für diesen hervorragenden Gelehrten und
ausgezeichneten Menschen, jetzt auch daher noch für unbegründet, weil
. bei seinen Kelten in Kurland nur von ihm konstruierte keltische
Ortsnamen und nicht die ganz gewöhnlichen keltischen Ortsnamen auf
-dunom, -duros, -magos, -briga, -lanom, -ritos, -nantos, -onna, -vera,
-nemetts usw. findet, von denen es auf unzweifelhaft keltischen Gebieten
wimmelt. Vgl. LonGnon Noms de lieux de la France 27 ff. DorTTın
Manuel de lY'antiquite celtique? S. 108ff. GRÖHLER Franz. Ortsnamen
S.28ff. Cz. spricht zwar an verschiedenen Stellen seines Buches von
alten keltischen Lehnwörtern im Slavischen (z. B. S. 95), aber er bietet
nie Beispiele. Nur auf $8. 137 wiederholt er eine unbegründete An-
nahme SACHMATOoV’s, daß slav. /edo ‚Neuland‘ ein kelt. Lehnwort sei.
Ich habe schon Roczn. Slaw. IV 191 auf die Unmöglichkeit dieser Er-
klärung hingewiesen. Sie ist auch nicht notwendig, denn wir haben
J. Czekanowski, Wstep do historji stowian 981
für das slav. Wort eine sichere idg. Etymologie. Es gehört als ver-
wandt zu nhd. Land, schw. linda ‚Brachland‘ s. BERNEKER EW.1705.
Das Fehlen keltischer Lehnwörter im Slavischen halte ich aus dem
Grunde für Cz.s Theorie für besonders ungünstig, weil nicht wenige
keltische Lehnwörter im Altgermanischen nachgewiesen sind wie got.
reiks ‚Herrscher‘, got. andbahts ‚Dienstmann‘ u. a. (s. R. MUCH Deutsche
Stammeskunde® S. 43). Cz. 8. 94 scheint die Schwierigkeit mit den
Kelten gemerkt zu haben, denn er nimmt zwischen ihnen und den
„Lausitzern* ein unbewohntes Grenzland an. Wo ein solches zu suchen
ist, sagt er uns allerdings nicht. S. 96 führt er aber als Ersatz für
die fehlenden keltischen Lehnwörter im Slavischen mehrere von ihm
ohne weitere Begründung als keltisch angesehene Flußnamen (Nida,
Opawa) und den ON. Zwardon an. Auch wenn diese keltisch sein
sollten, verstehe ich nicht, was sie für das Slaventum der Lausitzer
Kultur beweisen würden. Bei einem derartigen Stand der Dinge darf
man sich auf das von Cz. unter Punkt 3 erwähnte Argument nicht
berufen.
4. Zugunsten der Zugehörigkeit der Slaven zur Lausitzer Kultur
wird auch noch angeführt, daß letztere „sich ständig nach Osten ver-
schiebt“. Für mich ist dieses Beweismittel keineswegs beweisend, denn
nach Osten verschieben sich auch keltische Stämme (Galater) und Ger-
manen (Bastarnen, Skiren, Goten usw.). Es dürfte sich in gleicher
Richtung auch einige uns historisch nicht bekannte Völker bewegt
haben, namentlich wenn man Cz’s These von der europäischen Ur-
heimat der Idg. beipflichtet.
5. Das Slaventum der Lausitzer Kultur soll auch noch dadurch
erwiesen werden, daß Cz. die Identität der Nevgo/ des Herodot mit
den Trägern der Kultur von Czechy-Wysocko für erwiesen hält. Die
Beweiskraft dieser These ist mir, auch wenn sie tatsächlich gesichert
wäre, nicht klar geworden. Denn $. 221 bezeichnet Cz. die Kultur
von Czechy-Wysocko als gemischt und nimmt mit mehreren polnischen
Prähistorikern daselbst eine Mischung von Slaven und Kimmeriern
an, rechnet dort aber auch mit skythischen Einflüssen. Danach halte
ich es nicht für nötig auf diesen Punkt näher einzugehen.
Ich habe mich bemüht, hier alle von Cz. zugunsten der Slaven
als Träger der Lausitzer Kultur angeführten Argumente zu berück-
sichtigen. Ich wiederhole nochmals kurz, warum ich diese Theorie für
unerwiesen halte:
1. Wir haben bei den klassischen Schriftstellern keine slavischen
Orts- oder Stammesnamen zwischen Weichsel und Elbe, auch keine
sonstigen Zeugnisse über eine Anwesenheit von Slaven in dieser Gegend,
haben aber dagegen auf diesem Gebiet gut bezeugte ostgermanische
Stämme. h
2. Die germanische Völkerwanderung ist völlig unverständlich,
wenn man annimmt, diese Ostgermanen in Ostdeutschland hätten nur
eine Oberschicht inmitten slavischer Bevölkerung gebildet. Es fehlen
282 M. VAsMER
slavische Personennamen bei den Goten, Vandalen usw. trotz des reich-
lich vorhandenen germ. Sprachmaterials dieser Völker.
3. Es gibt keine slavischen Lehnwörter im Urgermanischen.
4. Die keltischen Einflüsse im Slavischen müßten viel stärker sein.
Bisher ist im Urslavischen kein einziges sicheres keltisches Lehnwort
nachgewiesen worden.
5. Es gibt keine slavischen Lehnwörter im Keltischen.
6. Die Theorie vom nordischen Typus der Urslaven ist nicht er-
wiesen. Der vom nordischen Typus stark abweichende Typus der
historisch bezeugten Slaven müßte erklärt werden.
7. Der Ansatz der slavischen Urheimat innerhalp der Buchenregion
ist für mich unwahrscheinlich.
8. Der starke altgermanische Einfluß auf die slavischen Sprachen,
der sich in zahlreichen Kulturwörtern zeigt und dem kein slavischer
Einfluß auf das Altgermanische gegenübergestellt werden kann, macht
die Annahme einer der germanischen überlegenen urslavischen Kultur
höchst unwahrscheinlich.
9. Wenn die slavische Kultur im 1. Jahrtausend v. Chr. bereits
von Brandenburg bis an den Dniestr gereicht hätte, dann müßten die
sprachlichen Unterschiede zwischen den einzelnen slavischen Sprachen
mindestens im Wortschatz viel größer sein.
10. Die Übereinstimmungen zwischen Germanisch und Baltisch-
Slavisch sind keineswegs so stark, daß man eine Nachbarschaft dieser
Sprachgruppen schon in der idg. Urzeit anzunehmen gezwungen wäre.
Wir müssen mit der Möglichkeit rechnen, daß dazwischen andere idg.
Sprachen bestanden haben, die dann geschwunden sind. Diese Möglich-
keit ist viel wahrschahoher als die andere, die solche Übergangs-
dialekt» zwischen diesen Sprachen leugnet.
$ 3. Die Ansicht von NIEDERLE, wonach Südslaven an der Donau
schon im 1.—2. Jahrh. n. Chr. angenommen werden, habe ich schon
Zeitschr. II 540 ff. bekämpft. CZ. nimmt sie auf S. 100 wieder auf.
Ich halte vom sprachwissenschaftlichen Standpunkt alle Cz.-NIEDERLE’
schen Etymologien für gewagt. Der Name des Plattensees Lacus Pelso
soll aus slav. pleso stammen, aber dieses hat nie Pelso gelautet. Der
Fluß OvoAxog soll slav. volle ‚Wolf‘ sein (ich erwarte dafür *OviAxog),
ich leite ihn aber lieber von alb. ul'k ‚Wolf‘ her. Den Namen des
pannonischen Ortes Urbate und des Flusses Vrbas hat JoKL bei EBERT
Reallexikon I 88 überzeugend wegen seiner Bildung als illyrisch er-
klärt. Bei der Statio T'siernensis ist auch ein Versuch, sie mit slav.
Corna zu verknüpfen, nicht zu empfehlen, da die Form Dierna dann
gänzlich rätselhaft bleibt. Schon SACHMAToOV hat diesen Namen zu
kelt. Tigernum ‚Kastell im Arvernerlande‘, abrit. Catotigerni, Tiger-
noma(g)ii gestellt (vgl. ir. tigerne ‚dominus“ s. dazu STOKES bei Fick
Vgl. Wb. II 126). Es bleibt bei NIEDERLE nur die Etymologie
Dustrieius beim Geogr. von Ravenna, die man nicht direkt als falsch
erweisen kann. Da aber in der Nachbarschaft keine slav. Namen be-
J. Czekanowski, Wstep do historji stowian 283
gegnen und man für Bystrca immer noch Bustrica erwarten würde,
halte ich den Anklang an slav. Sprachgut in diesem Falle für zufällig.
Vgl. zu diesem Namen auch PIRCHEGGER Slav. Ortsnamen im Mürz-
gebiet S. 106ff. Daß Slaven die persönliche Bekanntschaft mit dem
Kaiser Trajan gemacht hätten, ist auch unerwiesen. Seinen Namen
konnten die Slaven auch indirekt übermittelt bekommen. Mit solchen
Methoden könnte man auf Grund von abg. cösard die Bekanntschaft
der Slaven mit Caesar erweisen. Über u£dog und strava habe ich mich
schon Zeitschr. II 540 ff. geäußert. Wenn die Slaven mit Attila in
Berührung gekommen wären, hätte man Spuren davon in Gestalt hunni-
scher Lehnwörter im Slavischen und in Nachrichten historischer Quellen
zu erwarten. Es gibt da aber nichts.
An verschiedenen Stellen des Buches von Cz. wird gegen die Theorie
angekämpft, die die Slaven in Ostdeutschland in ein menschenleeres
Gebiet einziehen läßt. Es wird von einer Abwanderungstheorie der
„deutschen“ Forscher gesprochen (S. 124). Dabei gibt es doch genug
deutsche Gelehrte, die an diese Theorie nicht glauben seit MULLEN-
HOFF. Wenn Cz. 124 dann aber einen „historischen Beweis“ gegen
diese Ansicht anführen will, so sind seine neuen Etymologien wiederum
alle unsicher oder falsch: Bedargsw : Budorgis, Stradonice : Stragon,
Kooxovroi : Krkonose (S. 124).
Auch sonst vermisse ich bei CZ. mehrfach ein kritisches Verhalten
zu NIEDERLE’schen Ansichten. Die falschen Etymologien N.’s werden
viel zu oft nachgesprochen, so bei Brajci : Boeüxo: (S. 102), dagegen
Zeitschr. II 541, die Auffassung der charvati als Karpatenbewohner
(S. 95 und 185) sowie die Identifizierung der Navagoı des Ptolemaeus
mit Herodots Nevoo/ (S. 89) u. a.; auch die Beziehung von Üervetü
auf Zerdst (S. 129). Unmöglich ist auch die Deutung des Huculen-
namens von den turkotatarischen Uzen + rumän. -ul (S. 122).
Am schlimmsten kommt die Etymologie bei Cz. in dem der Haus-
forschung gewidmeten Kapitel weg. Wenn Cz. nicht an Entlehnung
des Wortes kolida aus griechischem Munde glaubt, dann müßte er sagen,
durch wessen Vermittlung das Wort entlehnt ist. Thraker? Dann
wäre das das erste nachgewiesene thrakische Lehnwort im Slavischen.
Das Alb. trägt trotz Cz. 171 nichts zur Klärung dieses Falles bei, denn
alb. kol’übe zeigt in seinem o slavischen Einfluß. Die ‚sehr späte Ent-
lehnung“ des Wortes ist auch nicht bewiesen (vgl. Unterz. RS V 138 ff.).
Die andern Etymologien zum Hause sind bei Cz. ganz abenteuer-
lich. Russ. duldn ‚Kammer‘ soll von lat. culina stammen (S. 205).
Für das & aus %k beruft sich Cz. auf sloven. dumnata, das aus lat.
caminata stammen soll ($. 205). Er übersieht dabei, daß cumnata
einzelsprachlich aus dem Rätoromanischen entlehnt ist. Nordgrr. 3om-
nusa stammt, wie RHAMM gesehen hat, aus einem nord. svefnhus. Cz.s
Bedenken sind unbegründet. Seine Erklärung des russ. Wortes von
lat. somnus ist ausgeschlossen. Es gibt auch von diesem lat. Wort
keine passenden Ableitungen im Romanischen und geographisch und
984 M. VASMER
historisch geht das auch nicht. Slav. sekyra ist urverwandt ‚mit „lat.
securis, nicht daraus entlehnt (vgl. schon RS VI 191) und lit. Jükas
verhält sich genau so zu lat. jocus (vgl. RS VI 191). Meine münd-
liche Mitteilung ist hier gänzlich falsch wiedergegeben (vgl. 1913 meinen
oben zitierten Aufsatz). Über russ. skamjd aus ngr. oxauvıd pl. zu
orcuvi vgi. meine I'peko-CnaB. ITIONEI 1lTas.
Diese falschen Etymologien später Lehnwörter dürfen
unter keinen Umständen als Beweis dafür dienen, daß
die Urheimat der Slaven am alten Bernsteinwege im
Kontakt mit der römischen Welt gelegen hat ($. 206).
Bei Behandlung der Ausbreitung der Slaven stellt CZ. ebenfalls
verschiedene Behauptungen auf, die nicht bewiesen werden können.
Z. B. S. 103, die Serbokroaten und Slovenen hätten die Karpaten von
Westen umgangen, die Bulgaren von Osten. Das bei Const. Porph.
als Ursitz der Serben erwähnte Land Boixı erkläre ich als *Bouxn
„Land der Boier“. Mit den ukr. Boiken hat dieser Name trotz Cz. 106
nichts zu tun. Die auf $. 114 mitgeteilten Beweise aus Ortsnamen
für polnische Herkunft der russ. Radimidi und Vjatiti halte ich für
ungenügend. Auch diese Annahme von SACHMATOY ist von mir RS VI
besprochen worden.
Eine südslavisch-russische Spracheinheit ‚halte ich ebenfalls für
unerwiesen (trotz 8. 98). Sie ignoriert die Beziehungen des Russischen
zum Westslavischen. Auf Grund einer falschen Etymologie von ledo
(s. oben 8. 280) wird S. 137 von einer keltischen Vorherrschaft in der
Mafopolska gesprochen, für die es überhaupt keine Anhaltspunkte gibt.
Das Schlußkapitel übertrifft fast die andern Kapitel des Buches
durch seine Gleichgiltigkeit gegenüber chronologischen Fragen. Die
Grenze des niedersächsischen Bauernhauses und das Verbreitungsgebiet
der slavischen Siedelungsformen (8. 278) ist für die Bestimmung der
slavischen Ursitze gänzlich gleichgültig. Über die historischen Zeug-
nisse klassischer Autoren setzt sich dieses Kapitel glatt hinweg und
es wird von den Lausitzer Sorben in einer Weise gesprochen, als
handelte es sich um eine uralte Bevölkerung. Schließlich wird sogar
die Frage aufgeworfen, ob nicht die Erhaltung des Katholizismus bei
den westlichen Slaven sich durch die alten Einflüsse der vorchristlich
römischen Welt auf die Lausitzer Urheimat erklärt.
Der Anhang am Ende des Buches, über die Verwandtschaftsver-
hältnisse der slavischen Sprachen, bedient sich des von SACHMATOV
in mehreren Schriften einer vernichtenden Kritik unterzogenen Materials
in der ruthenischen Grammatik von ST. SmAaL’-STOCKYJ und GARTNER.
Mit Nachdruck muß hervorgehoben werden: nicht alle Übereinstimmungen
sind in der Sprachwissenschaft beweisend, sondern nur solche, bei
denen man wirklich aus chronologischen Gründen von einem Zusammen-
hang zweier Sprachen reden kann. Daher haben für mich diese ganzen
Erörterungen einen sehr zweifelhaften Wert, auch die Behauptung, daß
die Weißrussen in der Urzeit im NW. Teil Wolhyniens mit den Kroaten
J. Czekanowski, Wstep do historji slowian 285
benachbart gewesen seien, während sie im SO. Wolhyniens an die Bul-
garen grenzten (S. 285ff.). Merkwürdig, daß hier der Verfechter des
Slaventums der Lausitzer Kultur doch wieder zu der alten, von ihm
verschmähten Wolhynischen Theorie zurückkehrt!
Auf S. 90 wird zwar ohne jede Begründung behauptet, Wolhynien
sei um 500 v. Chr. unbewohnbar gewesen, an anderen Stellen des
Buches werden aber die einzelnen slavischen Völker aus der Karpaten-
gegend in ihre historisch bezeugten Wohnsitze geleitet. Ohne die
Heimat nördlich der Karpaten kann also auch CZ. nicht mit dem Material
fertig werden.
Nach dem Gesagten kann ich in Cz.’s Buch trotz seiner sorgfältigen
enthropologischen Untersuchungen keine beträchtliche Förderung der
Probleme sehen. Das Bestreben, das sprachwissenschaftliche, volkskund-
liche und prähistorische Material für das Urheimatproblem nutzbar zu
machen, ist gewiß anzuerkennen. Die Art der Verwendung sprach-
wissenschaftlichen Materials ist dagegen höchst bedenklich, weil Verfasser
auf gänzlich indiskutablen Wortdeutungen Schlüsse von größter Trag-
weite aufbaut. Wenig vertrauenerweckend ist auch das eklektische
Verfahren, das sich oft bemerkbar macht. Vieles, was nicht zu seiner
Lehre paßt, wird verschwiegen, unhaltbare alte Ansichten aber, die sie
zu stützen scheinen, werden oft kritiklos herangezogen (die ukrain.-
serbische Sprachverwandtschaft, die Keltentheorie u. a.).
Ich glaubte auf Cz.’s Buch ausführlich eingehen zu müssen, weil
ich die Mitarbeit der Anthropologen auf diesem Gebiet für dringend not-
wendig halte. Darin, daß nur durch Zusammenarbeit der verschiedensten
Wissenschaften eine endgültige Klärung der slavischen Urheimatsfrage
erreicht werden kann, stimme ich dem Verf. vollkommen bei.
Berlin M. VASMER
BEeuinseıs, V. G. ITornnoe co6panue cowunenuü, Ilpeducnosue,
pedaryua u npumeuanus B. C. Cnupudonosa. Bd. 12, Lenin-
grad-Moskau, Staatsverlag 1926, 8°.
Der am 20. 9. 1920 verstorbene Literarhistoriker S. A. VENGEROV
vermochte seine hochwichtige Ausgabe der sämtlichen Werke BELINSKIJ’s
nicht abzuschließen. Er hatte den Plan, das Andenken des großen
russischen Kritikers durch eine Ausgabe von dessen Schriften und
Briefen zu ehren, die Vollständigkeit anstreben und allen Anforderungen
literaturwissenschaftlicher Gründlichkeit genügen sollte. Der Text sollte
in revidierter und vollständiger Gestalt geboten werden, sollte einen
Kommentar, Erklärungen aller heute unverständlichen Andeutungen,
Literaturangaben, Bildnisse, Personen- und Sachindices enthalten. Die
ganze Ausgabe sollte 12 Bde. umfassen.
986 N. Kasın
Nach der richligen Bemerkung SPIRIDONOV’s sieht dieser große
Plan eine ganze BELINSKIJ-Enzyklopädie vor. Es ist daher kein Wunder,
wenn die Absicht VENGEROV’s, die Ausgabe in 2 Jahren fertigzustellen,
sich als trügerisch erwies. Auch der Umfang war falsch berechnet.
In der von V. geplanten Weise hätten es, wie SPIRIDONOV bemerkt,
15 Bde werden müssen. VENGEROYV selbst sah sich genötigt, dem
Grundtext 11, nicht 10 Bde einzuräumen und selbst im 11. Bde kam
der Text nicht zum Abschluß und es mußte dafür auch der 12. Bd.
eingeräumt werden. Bd. 13 war für die Indices und bibliographischen
Angaben bestimmt, 2 Bde sollten die Briefe bringen.
Der Ausschuß des Pburger Instituts für Buchkunde, dessen einstiger
Direktor VENGEROV war, beschloß zum herannahenden 75. Todestag
V.s in erster Linie die Herausgabe und Kommentierung der Werke
B.’s zum Abschluß zu bringen und übertrug diese Aufgabe SPIRIDONOV,
der damals die Leitung des in den Besitz des Instituts übergegangenen
VENGEROV-Archivs inne hatte.
Der vorliegende 12. Bd. bietet eine partielle Ausführung dieses
Auftrages. Es fanden darin Aufnahme die letzten 6 Aufsätze B.’s über
Puskin, sowie eine beträchtliche Anzahl Aufsätze und Rezensionen, die
erstmalig vom Herausgeber SPIRIDONOV, sowie von P. SAKULIN,
N. BRODSKIJ u. a. gefunden worden sind. Der 12. Bd. bestätigt voll-
kommen die Behauptung SPp.’s: „es ist unzweifelhaft, daß V. ein äußerst
reichhaltiges Material in seiner Ausgabe geboten hat, so daß alle früheren
Ausgaben damit überhaupt nicht verglichen werden können. Trotzdem
kann die Ausgabe nicht; als unbedingt vollständig gelten, denn, wenn
VENGEROV sie abgeschlossen hätte, würden darin mehrere Aufsätze
und Rezensionen, die nun hier veröffentlicht werden, fehlen“. Und
wieviel Material V. fehlte, kann man aus den Worten SPp.’s schließen:
Unser Hauptaugenmerk bei der Vorbereitung dieses Bandes war auf
die Durchsicht von Zeitschriften zur Auffindung neuer BELINSKIJ-
Schriften gerichtet. In vollem Umfange ist eine solche Arbeit von uns
nicht abgeschlossen, da der vorliegende Band schnell in Druck mußte.
Immerhin gelang es nach langem Suchen mit genügender Sicherheit,
BELINSKIJ drei Übersetzungen aus den Reiseeindrücken von A. DUMAS
zuzuschreiben, dann vier große kritische Aufsätze und etwa 120 Re-
zensionen und Notizen, von denen ein großer Teil hier veröffentlicht
wird, und endlich nicht weniger als 200 Aufsätze festzustellen, die
nach unserer Ansicht ehenfalls Anzeichen der Autorschaft BELINSKIJ’s
aufweisen, über die wir uns aber vorläufig nicht so bestimmt äußern
wollen“. Diese, in den 12. Bd. nicht aufgenommenen Rezensionen usw.
soll der 13. Bd. bringen, dazu die Anmerkungen zu den Aufsätzen die
V. seit Bd. 8 unterbrochen hatte, und schließlich die Indices zu Bd. 1—13.
So werden die neuentdeckten Aufsätze BEL.’s etwa 1/a oder sogar
1/,o des Gesamtumfanges seiner Werke ausmachen. Die Sammlung
wird aber nicht seine Briefe umfassen, die schon in Ausgaben vor-
. liegen, und auch keine Literaturangaben enthalten.
- V. G. Belinskij, IIonuoe co6parnne counnennü
287
Die Leser BEL.s sind natürlich SPIRIDONoV für die von ihm ge-
leistete Arbeit außerordentlich dankbar.
Die von ihm bei diesen Fest-
stellungen angewandten Methoden werden in der Einleitung besprochen.
Sie sind durchaus überzeugend und man hat bei den Texten des 12. Bdes
den Eindruck, daß sie in der Tat der Feder des ‚rasenden Vissarion“
entstammen.
‚Wir wünschen dem Herausgeber baldigen Abschluß seiner Arbeit,
damit uns endlich die sämtlichen Werke BEL.’s beschert werden.
Moskau
N. KaSın
Bei der Redaktion eingegangene Bücher
AXsELROD Ida. Literaturno-krititeskije
otcerki. Sbornik. hgb. S. Wourson,
Minsk Beltrestpecat’ 1923, 8°, 188 8.
Anhalt und Sachsen. Jahrbuch der
historischen Kommission für die
Provinz Sachsen u. für Anhalt. Bd.3.
Magdeburg 1927, 8°, X +4238.+
7 Tafeln.
Archiv für das Studium der neueren
Sprachen und Literaturen, Jahrg. 81,
Bad. 151. N.S. Bd. 51, Heft 1—4.
Braunschweig, Westermann 1926—
1927, 8°, 320 8.
Archiv für slavische Philologie. Bd.41,
Heft 1—2. Berlin, Weidmann 1927,
8°, 160 8.
Asveta. Casopis Narkom. Asvety i Sa-
juzu prac. asvety. 1926 Nr. 1—6.
Minsk, Gosizdat 1926, 8°, 116 + 124
+ 184 +180S.+1 Tafel + 184 8.
+ 208 S. Dasselbe 1927 Nr.1. Da-
selbst 1927, 8°, 142 8.
Atenej. Istoriko-literaturnyj Vremen-
nik Pamati Dekabristov. Leningrad,
Trudy Puskinskogo Doma 1926, 8°,
168 S.
Baarıs A. Russkaja Literatura 19 v.
pervoj tetverti 20v. Baku,
Vosto&nyj Fakultet 1926, 8°, 450 S.
Baıkov N. u. HareckıM. Praktyioy
rasijska-belaruski slounik. 2. Aufl.
Minsk, Belgosizdat 1926, 8°, 190 S.
Barvcaarty) S. Problemy dramatur-
giteskogo analiza. Leningrad, In-
stitut Istorii Iskusstv. 1927, 8°,
186 S. (= Voprosy poetiki, Bd. 9).
Barygs D. Pro klasyfikaciju drukiv
za socijal'nym pryznacennam. Kiew,
Ukrain. Naukovyj Instytut Knyho-
znavstva 1927, 8°, 36 S.
Barıc G. Sobranija trudov po voprosu
o jevrejskom elemente v pamatni-
kach drevne-russkoj pismennosti.
Bd. 1, Teil 1 und 2. Paris, Barac
1927, 8°, VI + 330 8. + 1 Karte,
8. 331— 918.
288
Bauois J. Res, üvod do obeeneho
jazykozpytu. Bratislava 1926, 8°,
170 S. (= Spisy Filosofick6 Fakulty
University Komenskeho Nr. 7).
Belarus. Narysy historyi, ekonomiki,
kultury i revol’ucyjnaha ruchu.
Minsk, Cik BelSSR 1924, 8°, 322 8.
+ 2 Tafeln.
Belaruskaja NavukovajaTerminolegija.
Lief.1: Elementarnaja Matematyka.
Minsk, Inbelkul’t 1922, 8°, 51 8. —
Lief. 2: Praktyka i teoryja litera-
turnaha mastactva, daselbst 1923,
8, 74 8. — Lief 3: Geografija i
kosmografija. 1923, 8°, 89 8. —
Lief.4: Legikai psycholögija. 1923,
8°, 63 S. — Lief. 5: Geolägija, Mi-
neral@gija, KryStalögrafija. 1924, 8°,
43 S. — Lief. 6: Botanika. 1924,
8°, 83 S. — Lief. 7: Muzyka. 1926,
8%, 40 S. — Lief. 8: L’asnietva.
1926, 8°, 80 S. — Lief. 9: Anatomijja.
1926, 8°, 110 S. — Lief. 10: Prava.
1926, 8°, 104 S. — Lief. 11: Hrama-
daznaustva. 1927, 8°, 96 S. — Lief.
12: Nazovy Zyvol. 1927, 8°, 72 S.
Belaruskaja Skolau Latvü. Bd.2. Nr.6
(4). Riga 1927, 8°, S. 73—88.
Belaruski Archiu. Bd.1. (16.—17.
Jahrh.) Minsk, Inbelkul’'t 1927, 8°,
268 S.
BERNERER E. — Vasmer M. Russische
Grammatik. 3. verbesserte Auflage.
Berlin-Leipzig, W. de Gruyter 1927,
8, 147 S. (= Sammlung Göschen
Nr. 68).
Bırecxys L. Osnovy literaturno-nau-
kovoi krytyky. Bd. 1. Prag,
Ukrainsk. Hromadskyj Vydavnytyj
Fond 1926, 8°, 310 S.
Bıreögys L. Perspektyvy literaturno-
naukovoi krytyky. Prag-Berlin,
Nova Ukraina 1924, 8°, 80 S.
Boapan J. }. Album paldographique
Moldave. Documents du 14., 15. et
Bei der Redaktion eingegangene Bücher
16. siecle. Introduction par N. JoRGA.
Bukarest, Commission historique de
Roumanie 1926, 4°, 27 8. + 105 Ab-
bildungen.
Bratislava. Casopis Utene Spoleönosti
Safatikovy. Bd. 1. Nr. 1. Brati-
slava 1927, 8°, 152 S.
Brückner A. Stownik etymologiezny
jezyka polskiego. Lief. 10-11:
Trop— Zyznost. Dodatek. Krakau,
Spöoika Wydawnicza 1926, 8°,
S. 577—684.
Buc#uxer G. Bibliographie zur Orts-
namenkunde der Ostalpenländer.
München, Stock 1927, 8°, 36 8.
BusaX Fr. Poland’s economic deve-
lopment. A short sketch. Krakau,
The Scientifie Institute for Co-
Operation. 1927, 8°,688. + 1 Karte.
Bulleten Gosudarstvennogo Iedatel’-
stva. Nr. 283—39. Moskau, Gosizdat
1926, 8°, 28 +20 + 24 + 24 + 24
24 +20 +20 +20+20+ 208.
Bulletin de la Societe de Linguistique.
Bd. 27, fasc. 2. Paris, Champion
1927, 8°, S. 1—211.
Buning A. J. De Indogermaansche
athematische Conjugatie in het
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Ostens bgb. O. HörzscHk. Bd. 2,
Heft 1—9. Königsberg i. Pr. Ost-
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Pamati Nestora A. Kotl’arevskogo
1863—1925. Leningrad, Puskinskij
Dom 1926, 8°, 628.
Pamatky Ukrainskoho Pysmenstva
hgb. Archeograf. Kom. Ukr. Akad.
Nauk. Bd.1: VeLylka S. Skazanije
o vojn& kozackoj z pol’akami. Kiew,
Ukr. Akad. 1926, 8°, XV1 + 2708.
Pirvan V. Getica. O Protoistorie a
Daciei. Bukarest, Cultura Natio-
nalä 1926, 8°, 852 S. + XLIN Ta-
feln + 4 Karten. (= Academia
Romäna. Memoriile Sectiunii Isto-
rice Serie III, Bd. 3, Nr. 2).
Bei der Redaktion eingegangene Bücher
Pıvruckys H. Istorija Ukrainskoho
ornamentu. Kiew, Ukr. Akad. 1927,
4°, 28 S. + XII Tafeln.
PrversenH. La einquieme deelinaison
latine. Köbenhavn, Bianco Luno
1926, 8°, 88 S. (=: Det kgl. Danske
Videnskabernes Selskab. Hist.-filol.
Meddelelser Bd. 11, Nr. 5).
Pereverzev V. Tvorcestvo Gogol’a.
2. Auflage. Ivanovo-Voznesensk
1926, 8°, 175 8.
Pervisne Hromadianstvo ta joho pere-
Zytky na Ukraini bhgb. K.Hrusev-
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Akad. 1926, 8°, 208 S.
Prırzner Jos. Das Erwachen der
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Pıöera V. Istorija krestjanskich vol-
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1923, 8°, 159 S.
Porevos Aut. O jazyke naselenija
Novozybkovskogo Ujezda Gomel’-
skoj Gubernii. Minsk, Inbelkul’t
1926, 8°, 478.
Polyma. Belaruskaja Casopis. 1924,
Nr.4. 1925, Nr.1—8. 1926, Nr. 1—6.
Minsk, Gosizdat 1924—1926, 8°,
190 + 190 + 216 + 180 + 208 +
216 + 220 + 188 + 208 + 192 +
III + 190 + 204 + 160 + 152 +
186 S.
Pracy Akademitnaje Konfereneyi pa
reforme belaruskaha pravapisu i
azbuki. Minsk, Inbelkul’t 1927, 8°,
XXVII + 434 8.
Pracy Belaruskaha Diarkaünaha Uni-
versytetu. 1926. Nr. 12. Minsk,
Gosizdat 1926, 8°, 119 S.
Pracy Persaha Üsebelaruskaha Kra-
jaznaüicaha Zjezdu. Minsk, Inbel-
kul’t 1926, 8°, 83 8.
Bei der Redaktion eingegangene Bücher
Puskin i jego sovremenniki. Lief.
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8°, 164 S.
Rasroreusev P. Govory Vostoönych
Ujezdov Gomel’skoj Gubernii v ich
sovremennom sostojanii. Minsk, In-
belkult 1927, 8°, 248.
RauPaul. Die Hügelgräber Römischer
Zeit an der unteren Wolga. Po-
krowsk, Deutscher Staatsverlag 1927,
8, 112 S. (= Mitteilungen des
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Recke Walter. Die polnische Frage
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XII + 399 Seiten + 1 Karte.
Recueil d’etudes dediees & la meınoire
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narium Kondakovianum 1926, 8°,
XLIV + 300 S.
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Leningrad, Akmakult 1926, 8°, 12S.
Reönik Mesta. Abecedni imenik svih
mesta u Kraljevini S.H.S. Belgrad,
Narodna Prosveta 1927, 8°, 418 +
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Sbornik Russkago Archeologieeskago
Obseestva v Korolevstv&e S.H.S.
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Sborniki „Russkaja Re&“ hgb. L. Sözr-
8a. Leningrad, Academie 1927, 8°,
118 S.
Sceniönyja tvory. Bd. 2. Minsk, Sa-
veckaja Belarus 1924, 8°, 104 S.
ScHhwarz Ernst. Die Ortsnamen des
östlichen Oberösterreich. Reichen-
berg i.B., F. Kraus 1926, 8°, VI+
146 S. (= Prager Deutsche Studien
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Seminarium Kondakovianum. Recueil
d’etudes. Archeologie, Histoire de
l’Art, Etudes byzantiues. Prag 1927,
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SerZpurouskı A. Karki i apavadanna
Belarusau zSluckaha pavetu. Minsk,
Inbelkul’t 1926, 8%, VI + 253 S.
(= Instytut Belaruskaje Kul’tury,
Addzel Belarusk. Movy i Litaratury,
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SerZpurovskis A. ÖOttet o pojezdke
v Gomel’skuju guberniju v 1926
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Kul’tury 1926, 8°, 168.
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Bei der Redaktion eingegangene Bücher
Slavia. Casopis. Bd. V, Nr. 1-4. | Srenper-PETeRsen A. Slavisch-ger-
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886 S.
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London, School of Slavonie Langua-
ges in the University of London
1926—27, 8°, S. 225—700. Bad. VI,
Nr. 16. London 1927, 8°, XVI+
240 S.
Slawistische Schulblätter hgb. E. Rırpı,
Jahrg. 1,Nr.1. Prag, Verein deut-
scher Slawisten 1927, 8°, 4°, 8S.
Slovansky Pfrehled. Bd.18, Lief. 10,
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närskd 1926, 8°, S. 721—802. Das-
selbe. Bd. 19, Lief. 1-6. Prag
1927, 8°, S. 1—476.
Slovenske Pohl’ady. Bd.42, Heft 12.
Turtiansky Sv. Martin 1926, 8°,
Ss. 705—766. Dasselbe. Bd. 43,
Heft 1—5. 1927, 8°, S.1—352.
SMAL-STockyJ St. Ukrainisches Lese-
buch mit Glossar. Berlin-Leipzig,
W.de Gruyter 1927, 8°, 1338. (=
Sammlung Göschen Nr. 955).
SmoLıö A. Karotki kurs geografii
Belarusi. Minsk, Gosizdat 1926, 8°,
352 S. + 1 Karte.
Soznam predndsok na Universite Ko-
menskeho v Bratislave. Letny
Semester 1927. Bratislava 1927, 8°,
28 S.
Spisanije na belgarskata Akademija
na naukite. Bd. 35 (= Klon Isto-
riko-fiiologiten i filosofsko-obitest-
ven, Bd. 19). Sofia, Gluskov 1926,
8°, 142 8.
Starohrvatska Prosvjeta. Archeolosko-
bistorijski tasopis. N. F. Bd. I,
Nr. 1—2. Zagreb 1927. S. 1—160.
STEINMETZ $. Die Nationglitäten in
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1927, 8°, 67 8. (= Zeitschr. d. Ges.
für Erdkunde zu Berlin, Ergänzungs-
heft 2).
manische Lehnwortkunde. Göte-
borg, Elander 1927, 8, XXIV +
5748. (— Göteborgs kgl.Vetenskaps-
och Vitterhets-Samhälles Hand-
lingar, Reihe 4, Bd. 31, Nr. 4).
SrockY A. Prav&k zem& tesk£. Teill:
Ve&k kamenny. Prag, Näkl. Närodn.
Muses 1926, 8, XI + 200 S.+
CXXI Tafeln + VI Karten.
Strani Pregled hgb. M. Trıvunac und
M.Isrovac. Bd.1, Nr. 1—2. Bel-
grad, DruStvo za Zive jezike 1927,
8°, 196 S.
Strelec, Sedmiönik za literature, chu-
doZestven i kulturen 2ivot. Sofia
1927, Nr. 1—12, 4°.
StrıkA B. Fruskogorski Manastiri.
Zagreb, Narodne Novine 1927, 8°,
184 S. + I Karte.
Studi 2 istorül Ukraöny hgb. M. Hruv-
SevS£ys. Bd. 1. Kiew, Ukrain.
Akad. d. Wiss. 1926, 8°, 178 8.
Sacnmarov Mstislav. Opyty po istorii
drevne-russkich politiceskich idej.
Bd. 1. U£enija russkich lötopisej
Domongol’skago perioda 0 gosu-
darstvennoj vlasti. Teil 1 und 2.
Prag 1927, 8°, 574 8.
Stersarıvigys D. Ukrainske Mysted-
tvo. Teil II. Kiew-Prag, Ukrainsk.
Hromadskyj Vydavnytyj Fond 1926,
8, XXXIV SS. + 128 Abb.
Stersvna V. Novi studii z istorii
Kyiva. Kyiv, Ukrain. Akad. 1926,
8°, 166 8.
Sısmanov Iv. Novi studii iz oblaststa
na bylgarskoto vszraidanije. Teil l.
Sofia 1926, 8°, 544 $S. Sbornik na
Brlgarskata Akademija na Naukitd,.
Bd. 21 (Klon Istoriko-filologiden i
filosofsko-obStestven 18).
Tarxo-Hryncewioz J. Kaszubi, jako
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Akademie 1925, 8°, 84 8.
Bei der Redaktion eingegangene Bücher
Terrayskı Ul. Belaruski lirnik. Speu-
nik na 4 halasy. Berlin, Narkom-
pros 1922, 8°, 92 S.
Travaux de la premiere Conference
des investigateurs de Varcheolögie
etde l’archeographie de le Ruthenie-
Blanche. Minsk, Inbelkul’t 1926,
8°, 885.
Trävniöek Fr. Piispevky k d&jindm
teskeho jazyka. Brünn 1927, 8°,
126 S. (—Spisy Filosoficke Fakulty
Masarykovy University Nr. 19).
Trıronov Jord. V. Drumev. Kliment
Branickj i Tsroovski. Sofia, Glus-
kov 1926, 8°, VIIT + 208 8.
Turux F. Belorusskoje dviZenjje.
Moskau, Gosizdat 1921, 8°, 144 S.
+ 1 Karte.
TyamcenkoE. Vokatyv i instrumental’
vukrainskij movi. Kiew, Ukr. Akad.
1926, 8°, 118S. (= Zbirnyk Isto-
ry£no-Filologiönoho Viddilu, Nr.45).
Ueilisten Pregled. Bd. 25, Heft 9—10.
Sofia, BoZinov 1926, 8°, S. 2043 —
2273 +4+ XVIIS. — Bd. 26, Heft
1—6, 1926, 8°, IV + 1039 8.
Ukraina. Naukovyj Dvochmisaönyk
Ukrainoznavstva 1926, Heft-6. Kiew,
Ukrain. Akad. d. Wiss. 1927, 8°,
192 S. Dasselbe 1927, Nr. 1, 8°,
240 S.
Ungarische Jahrbücher. Bd.6, Heft 3.
Berlin-Leipzig, W. de Gruyter 1926,
8°, S. 201—3%.
Vicuavik Ant. Podunajskä dediva v
Ceskoslovensku. Bratislava, Vyda-
vatel’sk& Dru2Zstvo 1925, 4°, 440 S.
+ LXX Tafeln.
VeLyrschko Sam. Commentarii de
bello Cosacorum contra Polonos. |
Kiew, Akademie 1926, 8°, 2708. =
Monumenta litterarum ucrainiearum
vol. 1).
| Zvidomleina Ukrainskoi
297
Viceb3öyna hgb. M.Kasrarovic. Bd.1.
Videbsk, Akruhov. Tavarystva Kra-
jazuaustva 1925, 8°, 218 S.
Wıaıpe A. Vergleichendes Wörter-
buchderindogermanischen Sprachen
hgb. und bearbeitet von J. PoKoRNY.
Bd. 2, Lief. 2—3: mä—sed. Berlin-
Leipzig, W. de Gruyter 1926, 8°,
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Wemearr M. Manuälnik Grigorija
Kujbödy. Karpatorusky rukopis z
roku 1652. Bratislava 1926, 8°,
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Univ. Komensk&ho, Bd.4, Lief.44 (6)].
Wiener Zeitschrift für Volkskunde.
Bd. 31, Heft 6. Wien, Verein für
Voikskunde 1926, 8°, S. 115—142.
WırrH Zden&k. L’art tehecoslovaque
de l’antiquit& a nos jours. Prag,
Orbis 1926, 8°, 34 S. + 134 Abb.
Za sto lit. Materijaly z kLromadskoho
i literaturnoho Zytt’a Ukrainy 19i
potatkiv 20 stolitt'a hgb. M. Hrv-
SevskyJ. Bd. 1. Kiew, Ukrain.
Akad. d. Wiss 1927, 8°, 2958. (=
Istoryena Sekeija Ukr. Akad. Nauk.
Bd. 24). -
Zachodnaja Belarus. Zbornik. Minsk,
Gosizdat 1925, 8°, 68 S.
Zapysky Istory&no-Filologiönoho Vid-
dilu Ukrainsk. Akad. Nauk. Bd. 5,
Kiew 1925. 8°, 349 S. — Ba. 6, Kiew
1925, 8°, 2588. — Bd. 7—8, Kiew
1926, 8°, 626 S. — Bd. 9, 1926, 8°,
IV + 3718. — Bd.10, 1927, 8°, 384 5.
Zapysky Naukovoho Tovarystva imeny
Sevdenha. Bd. 144—145. Lemberg
1926, 8°, 272 8.
Zbirnyk, Ukrainskyj Archeografiöny).
Collectanea Archaeographiea. Bd.1.
Kiew, Ukr. Akad. 1926, 8°, 356 8.
Akademü
Nauk.za 1925 rik. Kiew 1926, 8°,805.
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MEET FE
Tjutcev und die deutsche Romantik!)
L
Zweifellos gehört Tjut&ev zu den bedeutendsten russischen
Dichtern. Trotzdem sind alle literarhistorischen Arbeiten über
ihn kaum etwas anderes als nur Versuche, Anregungen, Abrisse.
Manche Artikel (so von R. Branpr?)) sind sogar nur als un-
vollendete „Materialien“ veröffentlicht. Es fehlt freilich nicht
an Versuchen, die ganze Tiefe des Tjut&ev’schen Gedankens philo-
sophisch zum Bewußtsein zu bringen und zu ermessen?). Aber
auch diese Versuche, die Tjutdev eine bedeutende Stelle in der
Geschichte des russischen philosophischen Bewußtseins einräumen,
haben die literarhistorische Forschung nicht anregen können.
Freilich stehen jedem Tjuttevforscher einige Schwierigkeiten
im Wege. Einen großen und gerade den für seine geistige Ent-
wicklung bedeutsamsten Teil seines Lebens hat Tjuttev im
Auslande verbracht. Als Neunzehnjähriger fährt er im Dienste
der russischen diplomatischen Vertretung i. J. 1822 nach München
und verweilt im Auslande (hauptsächlich in München) mit kleinen
Unterbrechungen 22 Jahre seines Lebens, die fruchtbarsten Jahre
seines Schaffens (soweit man über die Fruchtbarkeit eines Dichters
reden kann, dessen gesamte Dichtung — und er ist als 70 jähriger
aus dem Leben geschieden — nur weniger als 300 kleine Ge-
1) Eine vorzügliche philosophische Analyse des philosophischen
Gehaltes der Tjut&ev’schen Dichtung gibt S. FRANK in dieser Zeitschr.
III (1926) S. 20f. Um Wiederholungen zu 'erübrigen, setze ich die
Bekanntschaft mit diesem scharfsinnigen Aufsatz voraus.
2) Uaskcrin ora. p. ns. Bd. XVI, Heft 2 und 3.
3) So V. SoLovJev („Bbcrunk Esponsı“ 1895 und „Counnenin“),
A. VOLYNSKIJ („Knura Benukaro ru&Ba“ 1904), A. HORNFELD 1903,
V. Brsusov (1911, einleitender Artikel zu Tjuttev's „Werken‘),
D.S. DARSKIJ (Yynechbie BEIMbICHBIL. OÖ KOCMHYEeCKOM COBHAHHH B JIHPHKE
Tıoruera. Russsisch Moskau 1914. Dies Buch blieb mir leider un-
zugänglich), $. FRANK (Kocmnueckoe uyBcrBo B Noasin Tioruera im
Sammelbande }Kusoe snanie. Berlin 1923, früher „Pycckan Msıcne‘‘).
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd.IV. 20
300 D. Üvievskyy
dichte umfaßt). Seine geistigen Beziehungen in jenen Wander-
jahren haben natürlicherweise nur wenige Spuren in der russischen
Memoirenliteratur und im Briefwechsel seiner Zeitgenossen hinter-
lassen. In den deutschen Veröffentlichungen finden wir kaum
etwas, was für die Beurteilung dieser Lebensperiode Tjuttev’s
von Bedeutung wäre. So bleibt für uns dessen geistige Ent-
wicklung geheimnisvoll. Seine Dichtung steht als ein selbständiges,
von allem äußerlichen Einfluß unabhängiges Gebilde vor. uns,
und nur von ihr selbst ausgehend können wir zu manchem Schluß
über die geistigen Interessen Tjuttev’s in der Münchener Periode
seines Lebens, über seine Beziehungen zur deutschen Literatur
und zu deutschen geistigen Strömungen in jener Zeit gelangen.
Einiges — gerade über seine Beziehungen zu deutschen
Denkern und Dichtern der Zeit — wissen wir, und dieses unser
Wissen beruht hauptsächlich auf einigen Behauptungen seines
ersten Biographen — I. Arsakov 1), Es wird auch manches „ver-
mutet“, die Vermutungen werden aber meistens nicht auf hand-
greiflichen Tatsachen aufgebaut. Doch werden diese Behaup-
tungen und Vermutungen in jeder weiteren Arbeit über Tjutcev
wiederholt, es sei denn, daß der verzweifelte Forscher, dem keine
feststehenden Tatsachen vorliegen, einfach zur Ehrenrettung der
Literaturwissenschaft die an sich so unwahrscheinliche Theorie
zu Hilfe nimmt, Tjutdev habe in München überhaupt keinen
geistigen Verkehr gepflegt, nichts von der deutschen Literatur
gelesen, mit keinem Menschen über seine Gedanken gesprochen’).
Kurz zusammengefaßt wissen wir über Tjuttev’s Beziehungen
zu dem geistigen Deutschland seiner Zeit Folgendes: Schon in
Rußland verkehrte Tjut@ev mit einer Gruppe für die deutsche
Philosophie und romantische Dichtung sehr interessierter junger
Leute, die später (schon ohne Tjut&ev) mit dem jungen Fürsten
V. Odojevskij an der Spitze eine „Philosophische Gesellschaft“
(„O6m. JIo6omyapia“) gegründet haben?). In München verkehrte
1) 1.5. Aßsakov: ®. M. Tioryes. Biorpahnyeckiü ouepk. 1874.
2) Neuerdings T. RAJNOV: /Iyxophsıi ıyTb Tiotyesa (russisch)
1923, 8.23. V. BRIUSoV Hoss nyrs 1903 hat gezeigt, daß Tjutlev’s
Beziehungen zu Rußland lebendiger waren, als man früher dachte.
3) V. Brausov (in „Pyceriii Apxnp“ 1903, III, $. 484, über
Tjutcev und die deutsche Romantik 301
Tjutdev mit Schelling, welcher sogar in einem Gespräch mit
I. Kirejevskij i. J. 1829 Tjutöev mit Hochschätzung erwähnte).
Tjutev wurde auch mit Heine bekannt, und hat mit ihm ein
paar Briefe gewechselt?). Auch mit Varnhagen von Ense knüpfte
er Beziehungen an®). Goethe soll er in Weimar besucht haben‘).
Über alle diese Beziehungen wissen wir aber nichts Näheres und
nichts Bestimmtes.
Es soll hier auch nicht vergessen werden, daß seine beiden
Frauen Deutsche waren und daß er durch seine erste Heirat mit
dem deutschen Dichter Friedrich Franz von Maltitz verschwägert
wurde, der ihm auch später sehr nahe stand. Freilich sprach und
dachte Tjutcev sein ganzes Leben lang nicht deutsch und nicht
russisch, sondern die Diplomatensprache — französisch. Aber er,
der Slavophile, brachte der Politik der deutschen Staaten (wie
der europäischen Politik überhaupt) kein Verständnis und keine
Sympathie entgegen, was deutlich genug durch seine politischen
Gedichte und die Briefe-an seine zweite Frau bezeugt wird.
Trotzdem hielt er sich mit Vorliebe in Deutschland auf und wurde
immer wieder aus Rußland nach Deutschland durch, wie er sich
ausdrückt, ein „Herausweh“ getrieben („je n’ai pas le Heimweh,
mais le Herausweh“). Es ist schwierig zu sagen, was das Wesen
dieses „Herauswehs“ bildete; aber es unterliegt keinem Zweifel,
daß ihm etwas in der deutschen Kultur heimisch geworden war,
so daß die Verhältnisse, in die er sich ganz eingelebt hatte, ihn
immer wieder anzogen°).
Gespräche Tjut&ev’s mit Pogodin über die deutsche Literatur i. J. 1820,
ibidem S. 485).
1) Ibidem S. 492 mit Hinweis auf Kirejevskij's Briefe und von
PFEFFEL’s Nekrolog.
2) Darüber CULKoV: Tioruer u Teäne, „Hckycerso‘‘ Moskau
1922, Nr. 1.
3) VARNHAGEN erwähnt Tjuttev . gelegentlich in seinen Tage-
büchern. Vgl. „Tjutschewiana* hrsg. von G. ÜULKov Moskau 1923, 8.9.
4) Über spätere Besuche Tjuttev’s in Goethe’s Familie s. Briefe
an seine zweite Frau „Crapıma ı sopusna“ Bd. XVIII—XXII (Index).
5) Im Jahre 1846 schrieb Tjutcev, über seinen Heimatsort:
Urax onatb yrunbich sc BaMmlı,
wbera reyaspımısı, XOTb IT POnHBIA ... (109)
20*
309 D. Öy2evsKvs
2.
Tjutdev ist ein großer Meister des Ausdrucks. Seine Ge-
dichte sind immer kurz, aphoristisch, auf einige präzise Formeln,
schöne Sätze, bon mots zugespitzt (er war ja auch Autor mehrerer
berühmter Salon-bon-mots). Aber in jedem Aphorismus, in jedem
bon mot, in jedem Paradoxon haben wir eine Kristallisierung,
einen Niederschlag seiner großen Gedankenarbeit. Oft ist ein
ganzes Gedankensystem in einige Zeilen, ja einige Worte, zu-
sammengepreßt.
Die Kunst des Ausdrucks ist ein selbständiger Zweig der
Wortkunst. Tjutdev hat den selbständigen Wert des Aus-
drucks tief empfunden. Darum wiederholt er manchmal den-
selben Gedanken in mehreren Gedichten, aber nie ungeändert,
immer feiner, schöner, vielseitiger formuliert; eine Nebenbedeutung
wird unterstrichen, herausgearbeitet, in den Vordergrund gerückt.
Als ein Miniaturmeister schätzt er sehr hoch ein gelungenes
Wort, ein sinnvolles Bild; darum scheut er sich auch nicht da-
vor, einen Gedanken — oder die Anregung zu einem Gedanken —
von einem anderen Dichter oder aber aus seinen eigenen Gedichten
zu übernehmen. Er weiß ja, daß seine Ausdruckskunst der Idee
ein ganz neues leben verleihen wird, daß ein Gedanke in neuem
Gepräge zu einem neuem Gedanken wird, daß schon die neue
Sprache einen neuen, künstlerischen Wert schafft. Und Tjutdev
hat eigentlich recht. Man kann kaum, über „Einflüsse“ auf seine
Dichtung sprechen, obwohl wir bald sehen werden, daß sein Ideen-
schatz nicht immer sein eigener ist. Er nimmt in seinen Aus-
drucksschatz, seinen Bildervorrat, nichts auf, was seinen eigenen
Gedanken, seinem Weltempfinden nicht entspricht, was seine
feine Arbeit verzerren könnte. Aber ein passendes Wort oder
Ax utr! He sa&cp, He 9Tor kpaii 6esmonHsti
ÖBLI AS my Moeli POMIMEIM KpaeM,
He anbcs pacupbn, He am&bch OBLT Benmyaem
BEAHRIÄ ITPA3mHuUK MOIOROCTH yyAHoü.
Ax, mn He B ITy BeMO I COM
To, ybMm a u u Ybm a mopokum. (110)
Vgl. auch 108—109 (12. XI. 1844). — Ich gebe immer in Klammern
die Seitenzahl der russischen Ausgabe Berlin 1923.
Tjutcev und die deutsche Romantik 303
Bild verwendet er an rechter Stelle, prägt es um, gibt ihm
einen neuen Sinn und eine tiefere Bedeutung, als es ursprünglich
hatte.
Schon längst hatte man auf eine Entlehnung aus Goethe
hingewiesen. In Goethes Gedicht „Es schlug mein Herz ge-
schwind zu Pferde“ stehen die Zeilen
Wo Finsternis aus dem Gesträuche
Mit hundert schwarzen Augen sah.
Tjuttev dichtet den schönen Vergleich um.
Hoys xmypan, Kak 3BEPpBb CTOoRiIh,
TIAAUT U3 Karkparo Kycra (74)
Nur zwei wesentlich neue Worte — und trotzdem wird das Bild
in Tjuttev’s Weltauffassungssystem eingewoben: die Nacht, die
düster und tierisch ist, das ist eine dem Menschen fremde und
feindliche äußere Kraft, oder vielmehr die Kraft, die von dem
Menschen als fremd und feindlich empfunden wird.
Ein Bild aus Schillers „Geisterseher“* verwertet Tjutcev
für sein Gedicht ‚„PDonrar‘. — Schiller vergleicht den Unsterb-
lichkeitstrieb des Menschen mit dem zur Höhe steigenden „Wasser-
strahl!)“ — „Steigt nicht auch der Wasserstrahl in der Cascade
mit einer Kraft in die Höhe, die ihn durch einen unendlichen
Raum schleudern könnte? Aber schon im ersten Moment seines
Aussprungs zieht die Schwerkraft an ihm, drücken tausend Luft-
säulen auf ihn, die ihn früher oder später, in einem höheren oder
niedrigeren Bogen zur mütterlichen Erde zurücktreiben. Um so
spät zu fallen, mußte er mit dieser üppigen Kraft aufsteigen —
gerade eine elastische Kraft wie der Trieb zur Unsterblichkeit,
gehörte dazu, wenn sich die Menschenerscheinung gegen die
herandrückende Notwendigkeit Raum machen sollte“.
Tjutdev entwickelt dieses Bild in einem seiner Gedichte.
Als ein äußeres Zeugnis für die Übernahme des Bildes ist das
Wort „Wasserstrahl“, „Strahl“ im Tjut&ev’schen Gedichte ge-
blieben, das sonst kaum noch in der russischen Sprache in dieser
Bedeutung vorkommt.
1) „Geisterseher“, Erste Ausgabe. Vgl. Schillers Werke
(Meyer’s Klassiker-Ausgabe) Bd. VI, 8. 547.
304 D. Üvärvseys
®oHraH
CMoTpu, KAK O0JAKOM ?KUBBIM OÖ, cMepTHOü MbICJIU BOMOMET,
©DoHTaH Cini KAYÖHTCA, O, BONoMeT HencrommMbLäl!
Kax mnamenter, KaK APoÖuTcH Kakoü 3ak0OH HEeNOCTHPKUMBLÜ
Ero Ha CoNHN5 BIIAKHBIH MbIM. Teön crpemut, Teön Mater?
JIysyoM HOAHABIINCh K HeÖy, OH Kax »kanHo K HeÖy PBelisca Thı!
Kochyaca BbICOTEI 3aBBTHOH Ho mNaHb He3puMO POKOBaA,
U cHoBa NEINBIO OTHeNBETHOH Tsoü ya ynopHsIä npenoMmimn,
Hacnactb Ha 3eMII OCy»KTEH. Cnepraer B ÖpbIsTaX C BbICOTbI. (94)
Hier ist der naturalistische Zug des Schiller’schen Bildes (der
Kampf zwischen beiden Kräften — der Trägheitskraft auf der
einen und der Gravitationskraft auf der anderen Seite) geschwächt
und die Notwendigkeit des Niederfallens als ein höheres Walten
dargestellt; außerdem wird der Unsterblichkeitstrieb durch alles
Menschenstreben ersetzt — und dadurch der Sinn des Bildes
verallgemeinert und erweitert!).
Wir werden auch später sehen, daß dort, wo man einen
Einfluß auf Tjutdev vermuten darf, es sich immer nur gewisser-
maßen um einen Ausgangspunkt handelt, von welchem aus Tjuttev
seine Gedanken in Bildern entwickelt.
3.
Uns werden aber nicht so sehr die „Einflüsse“ auf Tjutdev
interessieren?). Wir wollen keine willkürlichen Konstruktionen
liefern. Sehen wir uns unbefangen Tjuttevjs Gedichte an, so
merken wir sofort, daß sie manche Verwandtschaft mit der
Dichtung der deutschen Romantik, aber auch mit der romantischen
Philosophie haben. Man hat schon auf die Ähnlichkeit der
Tjut&ev’schen Gedanken mit der Schzuuise’schen Philosophie®)
und der dichterischen Sprache Tjuttev’s mit der Sprache EıcHEn-
1) Tjuttev hat auch 14 Gedichte (und Fauststellen) von Goethe
und 5 von Schiller übersetzt (im ganzen stammen 43 Übersetzungen
von ihm).
2) Der Begriff des literarischen „Einflusses“ ist auch wissenschaft-
lich sehr unklar und sein Anwendungsgebiet ziemlich unbestimmt.
3) So HoORNFELD im Artikel „Auf der Schwelle der doppelten
Welten“. Die innere Verwandtschaft von Tjuttev’s ästhetischen und
naturphilosophischen Ansichten mit SCHELLING’s „Transzendentalem
Idealismus“ wird von mir in einer anderen Arbeit dargestellt.
Tjutcev und die deutsche Romantik 305
DORFF’S hingewiesen!). Aber nur hingewiesen, da keine Belege
für diese Verwandtschaft gegeben werden?).
Wir wollen diese Verwandtschaft im Einzelnen verfolgen.
Wir werden aber nicht bei Einzelheiten verweilen, sondern vor
allem die allgemeinen Gedanken Tjuttev’s uns in Erinnerung
bringen, um deren Ahnlichkeit mit einigen romantischen Ge-
danken festzustellen. Dabei wollen wir uns nicht durch den
Schein der Feststellung beirren lassen, daß wir „Einflüsse“ und
„Entlehnungen“ aufgefunden haben. Die innere Verwandtschaft
ist für die Literatur- und Geistesgeschichte von nicht geringerer
Bedeutung als die (öfters vermeintliche) „Beraubung“ und „Aus-
beutung“ aller älteren Dichter durch die jüngere Generation
oder der Mehrbegabten durch Minderbegabte. Die innere Ver-
wandtschaft ermöglicht ja auch erst alle „Einflüsse“ und „Ent-
lehnungen“. Und in unserem Falle ist es nur von Wichtigkeit
festzustellen, daß die geistige Atmosphäre Tjuttev’s die der
Romantik war.
Die Verwandtschaft Tjutlev’s mit der deutschen Romantik
„fühlt man“ unmittelbar. Seine „Philosophie der Nacht“, die doch
den Gehalt des bedeutendsten Teiles seiner Dichtung ausmacht?),
ist dabei das erste, was unser Augenmerk auf sich zieht. Und
wirklich gelingen uns leicht beim Suchen in dieser Richtung
konkrete Feststellungen der Verwandtschaft?).
1) Brsusov „Pycckiü Apxus‘‘ 1900, I, 8.410.
- 2) BRJUsov (ibidem) sagt nur, „man fühle“ die Ahnlichkeit in
Tjuttev’s Gedichten mit der Lyrik EICHENDORFF’s.
3) Von den 275 Gedichten Tjuttev’s haben 57 entweder die
Nachtlandschaft zum Gegenstand oder zum Hintergrund oder stehen
sonstwie zu der Nacht in Beziehung (97 sind politische und Gelegen-
heitsgedichte).
4) Die Möglichkeit eines Einflusses seitens Tjuttev’s auf deutsche
Schriftsteller besteht nicht, da Tjuttev’s Gedichte zum ersten Male 1861
deutsch erschienen sind (in München, in H. No6’s Übersetzung.) — Man
könnte an einen Einfluß Tjuttev’s auf H. G. SCHUBERT denken; aber
ob sie überhaupt einander gekannt haben, darüber wissen wir nichts
(SCHUBERT weilte ja zu derselben Zeit wie Tjutcev in München). —
Von unserem Standpunkte aus dürfen wir übrigens auch Schriftsteller
und einzelne Werke in Betracht ziehen, die einer späteren Zeit als
Tjut&ev’s Dichtung angehören.
206 D. Ürievikys
Von den beiden Leitmotiven, die in der „Nachtphilosophie“
der deutschen Romantik klingen, finden wir bei Tjuttev nur eines,
aber sehr tief und mit großem Schwung entwickelt. — Für die
Romantiker ist nämlich die Nacht erstens der Hintergrund
für das freie Spiel unserer Geistestätigkeiten, vor allem der
Phantasie, der Hintergrund, den der klare, sonnige, so zu sagen
„kartesianische“ Tag nicht zu geben vermag. Zweitens aber
öffnet uns die Nacht die ontologischen Tiefen, die uns sonst nicht
zugänglich sind, es werden in ihr die Natur- und Seelenkräfte
lebendig, die bei Tageslicht schliefen!). — Tjuttev’s Weltan-
schauung ist ganz aufs Ontologische gerichtet, er sucht auch in
der Kunst keine Illusion, keinen schönen Schein, sondern das
wahre Sein, den Urgrund der Natur und des Lebens. Darum
tritt nur das zweite der genannten Motive der romantischen
Nachtphilosophie bei Tjutlev in den Vordergrund — die Nacht
eröffnet uns den Zugang zum ewigen Wesen des Weltseins —?).
* *
*
Die Romantiker fliehen den Tag und die Nacht ist Objekt
ihrer Sehnsucht: „O, Nacht, Nacht, kehr’ zurück! Ich ertrage
all dies Licht und die Liebe nicht länger?)“. „Muß der Morgen
1) Die Problematik der „Nachtphilosophie* ist in meiner Arbeit
über die Philosophie der Romantik entwickelt (über diese Arbeit habe
ich 1927 in der ukrainischen historisch-philologischen Gesellschaft in
Prag und in der russischen Philosophischen Gesellschaft dortselbst
referiert). In der deutschen Literatur beschränkt sich, meines Wissens,
die Bearbeitung dieses Themas auf flüchtige Bemerkungen in verschie-
denen größeren Werken über die deutsche Romantik. (Z. B. FRITZ
STRICH: Deutsche Klassik und Romantik. M. 1922, 22, 84; J. PETER-
SEN: Die Wesensbestimmung der deutschen Romantik, Lpz. 1926,
8.3: ff.) und eine Greifswalder Dissertation von ILsE KLETTE: „Nacht
in der Dichtung der Romantik“ (1924) — eine sehr brauchbare, aber,
was die philosophische Romantik betrifft, sehr unvollständige und nur
nach zufälligen Grundsätzen geordnete Materialiensammlung. Mir ist
diese Dissertation im Laufe der Arbeit zu Händen gekommen und ich
verdanke ihr manche Ergänzung meines Zitatenvorrats (vor allem aus
Brentano’s Werken).
2) Das erste Motiv wurde in der russischen Literatur hauptsäch-
lich bei Fürst V. ODoJEvskıs, N. GocoL, Graf A. ToLSTOJ (in der
Erzählung „Der Vampir“) vertreten.
3) Nachtwachen des Bonaventura. Lpz. 1919, S. 99—100.
Tjutcev und die deutsche Romantik
307
immer wieder kommen? Endet nie des Irdischen Gewalt? Un-
selige Geschäftigkeit verzehrt den himmlischen Anflug der Nacht!)“.
Jetzt ist es licht und klar,
Sonne nicht steigen mag,
Wünschet den ganzen Tag,
Ich muß im Dunkeln sein.
Sieht so verschlafen drein,
Daß wieder Nacht möcht’ sein ?).
Auch Tijutlev ist der Tag „verhaßt“.
OÖ, kak OPOH3HTeIBHB MH AUKM,
Kax HeHABHCTHEI AIA MeHn
Cei IIyM, ABHKeHbe, TOBOP, KIIUKN
Maıanoro MNAMeHHArTO AHA.
OÖ, kak ayyu ern ÖarpoBkı,
Kak »kTyT oHu Mon ruasal
Hoyp, HO4b, 0 TN& TBOM NOKPOBEI,
Tsof ruxif cympak u pocal (57)
Wie bei EıcHENDoRFF ist bei Tjut@ev die Nachtlandschaft ein
häufiger Gegenstand der Darstellung. Aber immer finden wir bei
Tjut&ev neben einer Landschaftsdarstellung auch einen Versuch,
seine „Nachtphilosophie* zu formulieren. Und die Nacht ist ihm
zugleich eine Offenbarung — die Nacht öffnet das, was der Tag
verdeckt, die Nacht hebt den die Geheimnisse vor uns verdeckenden
Vorhang vom Antlitz der Natur ab:
Ha Mip TauHcTBeHHBÜ NyXoOB,
Han 3Toi 6eanHoli 6e3bIMAHHOH
HOKPOB HaÖpolIeH 3NATOTKAHHBIÄ
BEICOKOH BoJlelo 60TOB.
leu& — ceä Ö1HNCTaTelbHblä NOKPOB
CBATaAA HOYb HA HEÖOCKJIOH B30MMIA,
HU NeHb OTPanHbIä, NeHBb IINOÖesHLIK,
KaK 30A0T0H KoBep OHa CBUNA, —
KOBep HaKUHYTbIa Ha ÖeaHoH.
U u&r uapHu& onoper Hu npenbna
[(4119—120)
Y;Kk 3Bb3AbI CBETIEIN B301IM
a TATOTbRINid Han Hamu
HeÖecHbIl CBON IIPUHOAHAJIU
CBONUMU BJIA?KHBIMH TIaBaMmH. (66)
Und nachdem der Vorhang gefallen ist, sehen wir unmittelbar
das Weltgeheimnis — „das Geisterreich“, „den Abgrund“, „das
Chaos“ —
MEePKHET MeHb, HaCTala HOYb;
IIpnumma — u c Mipa PoKOBoro
TRaHb Ö1aATONaATHyIo HOKPOBAa
CopBaßB OTÖpacbIBaeT npoyb... (102)
3Kusar KonecHuma MiPo3NaHbA
OTKPBITO katurca B cBATuNnmEb Hebec. (67)
Darum verstehen wir, daß Tjuttev die dunkle (stürmische)
Nacht — „leuchtend“ (134) nennt?). Auch der deutschen
1) Novarıs’ Werke (Minor), I, 12—13.
2) EICHENDORFF: Gedichte (Reclam), S. 198.
3) Vgl. auch 161, 88, wo die Nacht „triumphierend“ genannt wird.
(Manchmal sagt Tjutdev auch umgekehrt — bei Nacht „na mip Hounoä
308 D. (vievseys
romantischen Dichtung ist dieses — wohl eigenartige — Bild
des Tages als eines vor uns etwas verdeckenden Vorhangs nicht
fremd. So bei Treck: ein „Vorhang‘‘ verdeckt vor uns das Wesen
der Erscheinungen!), das Auge dringt nicht „durch den Vorhang“,
hinter welchem das Wesen der Dinge verborgen ist?) das „Sicht-
bare“ wird mit den „Teppichen?)“, die Offenbarung der Wahr-
heit wird mit dem Zusammenrollen dieses Teppichs verglichen —
„Ich erinnere mich aus meiner Kindheit, daß uns die weite Natur
mit ihren Bergen in der Ferne, mit dem hohen, gewölbten, blauen
Himmel, mit den tausend belebten Gegenständen, wie-mit einem
gewaltigen Entsetzen ergreifen kann; dann streift der Geist der
Natur an unserem Geiste vorüber und rührt ihn mit seltsamen
Gefühlen an, die wankenden Bäume sprechen in verständlichen
Tönen zu uns, und es ist, als wollte sich das ganze Ge-
mälde zusammenrollen und das Wesen unverkleidet her-
vortreten und sich zeigen, das unter der Masse liegt und sie
belebt‘‘ (ibidem II, 259—260). Und es ist gerade der Tag, der
das Wesen der Dinge vor uns verhüllt,
Der neidsche Tag wirft seinen Mantel über,
Verhüllt — — — das glorreiche Licht ®).
Auch die Philosophen der Romantik charakterisieren die Nacht
als Offenbarung des Ewigen: die Nacht ist die Verkünderin
heiliger Welten, sie öffnet „die unendlichen Augen in uns“, sie
„ward der Offenbarungen mächtiges Schoß°)‘“. — „Der Tag be-
leuchtet die Werke des gegenwärtigen Augenblickes und eine
bald von dem fernen Rand der Ebene begrenzte Spanne des
Raumes, auf welcher hier noch neue, dort bereits zerfallene
Hütten der Väter — die Hütten eines oft gestörten, gleich einem
Traume wandelbaren Friedens stehen; unter dem Saume der
Abenddämmerung aber leuchtet eine vor keinem Gebirge, vor
keinem bald verfließenden Lande der Ebene begrenzte Welt, mit
ihren Hütten des Friedens hervor, welche älter sind, als die
enyerunacn 3arbca‘“ (73) — „ist über die Tagwelt ein Vorhang ge-
fallen“) Siehe auch mehrere andere Stellen.
1) Wır. Lowrur, I 199. 2) ibidem 86.
3) ibidem II 813. 4) Tırck Ausgewählte Werke II 120.
5) Novarıs I 10—11, 36—37.
Tjuttev und die deutsche Romantik 309
Wohnungen der Väter, unvergänglich und bleibend, und in denen
mein Ohr zuerst vom Sichtbaren das Unsichtbare ahnend, das
Wort ‚ewig‘ vernommen!)“.
4.
Die Sprache der nächtlichen Offenbarung ist zunächst der
Sternenhimmel. Mit der Seele „walten und spielen während der
Nacht des Leibes die Lichter und Kräfte eines oberen, fernen
Sternenhimmels?)“. Ein ganzes Buch spricht ‚von der Nacht-
seite‘‘ der Natur®), und ist eben den Geheimnissen der Sternen-
welt gewidmet. „Die stille Welt der Gestirne, die eigentliche
hohe Nachtseite der Natur ist eine das ferne Vormals wie das
Künftige weissagende Zeugin jenes Seins, das vor der Zeit ge-
wesen und nach der Zeit bestehen wird®)“. Nachts gehen wir
aus einer alltäglichen Welt in einen Tempel über — „ein großer
Himmelstempel°), an dessen Kuppel die Welten, als wunderliche
Hieroglyphen schweben®)“. „Der Sterne heil’ge Bilder prangen
so einsam hoch gestellt”)“.
1) von SCHUBERT Ansichten von der Nachtseite der Naturwissen-
schaft, 3. Ausg. 1827 (die erste — 1808), S. 3, vgl. 8. 77.
2) SCHUBERT Geschichte der Seele. Tüb. u. Stut., 3. Ausg. 1850,
Bd. I 99.
3) SCHUBERT op. eit., J. W. RITTER Fragmente aus dem Nachlaß
eines jungen Physikers, Heidelberg 1810, verschiedene Werke von JUST.
KERNER und F. X. GERBER; ebenfalls SCHUBERT Urwelt und die Fix-
sterne, 1822 und J. W. RiTTER Siderismus. Tüb. 1808. Der astro-
logische Gedanke, der in der Romantik gewissermaßen neu geboren
wurde (siehe F. Bor Sternglaube und Sterndeutung), spielt bei Tjut&ev
keine Rolle.
4) SCHUBERT Nachtseite, S. 3 (unmittelbare Fortsetzung der oben
angeführten Zitate). Mit den letzten Worten vgl. BRENTANO Godwi
(Werke, Lpz.-Wien 1914) V 96 — Kordelia te die Nacht eine
enthüllte Zukunft und Vorzeit“. Zukunft und Vorzeit sind für Schiller
(„Geisterseher“) „zwei schwarze, undurchsichtige Decken, die an beiden
Grenzen des menschlichen Lebens herunterhängen“.
5) „Ein Dom“ v. EICHENDORFF Gedichte‘ 8. 72.
6) BONAVENTURA $. 78. Über das Wort „Hieroglyphe* — siehe
SCHUBERT Nachtseite, 8. 52. Vgl. „Symbolik des Traumes“ a. a. 0. —
Ähnlich schon bei THAN PAUL „Hesperus“ (Werke, Berlin 1860—61),
S.44. Der Sternenhimmel ist ein „Sprachgitter der Geisteswelt“.
7) v. EICHENDORFF Gedichte, 8. 274.
310 D. Ürievikys
So auch für Tjuttev. Auch für ihn ist der Sternenhimmel
„eine hohe Nachtseite der Natur“ — eine Tiefe, ein „Abgrund“,
eine „namenlose Abgrundspalte‘‘ —
Hedechsrü cBop, Topamii cnaBoi 3BbanHuoh
TAHHCTBEHHO TAIAAMT U3 TIYOHHBI,
U MbI ILIBIBEM, IIBINAIOINeIO besmHoH
co BCBX CTOPoH OKPyYAteHbl. (76)
Und die „Sternenkreise‘‘ (130) weisen auf das weit Vergangene,
auf die Geburt der Welt zurück —
TanHcTBeHH0, KaK B HepBblä MeHb TBOPEeHbH
B 6esnouHoMm He6%b 3B’b3AHBIH COHM TOPHT. (81)})
Die Offenbarung der Nacht wird auch durch eine Stimme
versinnbildlicht, — eine Stimme, die aus einer „anderen Welt‘
zu uns gelangt. Auf Ceylon werde nachts ein geheimnisvoller
Klang hörbar — der Mensch erzittere, ihn vernehmendä — es
sei eine Stimme vom jenseits, aus der Nacktwelt — dieser zu-
gleich süße und unheimliche Ton?). — Und überall auf der Erde
„würden — in der gedankenvollen Nacht — nach dem vorüber-
gsegangenen Geräusche des Tages die Töne vom jenseits — aus
den ewigen Hütten hörbar?)‘‘ — Bei Treck hört nachts eine
Person „plötzlich — erschreckend ein dumpfes Winseln im Boden,
das sich unterirdisch in klagenden Tönen fortzog, und erst in
der Ferne wehmütig verscholl. Der Ton durchdrang sein innerstes
Herz, er ergriff ihn, als wenn er unvermutet die Wunde berührt
hätte, an der der sterbende Leichnam der Natur in Schmerzen
verscheiden wollte®)“. — Bei Horrmann bringt der Nachtwind
mit sich diese düstere Stimme, diesen Ruf aus der Ferne —
„Es war, als hörte ich in dem dumpfen Brausen des Sturmes,
der durch die zerschlagenen Fenster ins Chor hineinfuhr, klagende,
weinende Stimmen, ja, als riefe mir meine Mutter zu aus weiter
Ferne°)“. „Stimmen gehen durch die Nacht‘, „Übern See kam
Geläute‘“, „kam himmlisch Klingen®)“,
1) Vgl. noch 130, 162 auch ein französisches Gedicht Tjutlev’s
— 8. 250. 2) SCHUBERT op. eit. 8. 89—90.
8) ibidem S. 3. 4) Ausg. Werke IV 216.
5) E.T. A. HorrMmanN Werke. Lpz. 1912. II 41 (Elexiere d. T.);
bei I. KLETTE sind noch mehrere ähnliche Stellen aus HOFFMANN an-
geführt. 6) v. EICHENDORFF Gedichte, 8. 61, 139, 322.
Tjutev und die deutsche Romantik 311
Und Tjut&ev hört nachts dieselben ergreifenden und quälen-
den Töne:
— — — B cyMpak% rıIy6okoM To norpacammie apyku,
BOSAYZUHON ap$&I erkiii 3BOH TO 3amupamınie BIPYT,
KorTAa NOMYHOYb HeHAPOKOM Kak ÖbI NOocHbaHii PonoT MmyRu
APeMaBIINX CTPYH BCTPeBOMkUT COH. B HNX, OTOBRABIINCA, UOTyx. (47)
+KuSHBb, ABUSKeHbe paspbuumnmch
Bocympak ssI6kif, B ganbHidi Try (54)
Hax cnamum TpanoM, KaK B Bepimmnax Ebca
OPocHyJAICcA YyAHbIÄ, erKeHOINHBIH Tyır. (82)
Nachts sprechen zu uns — „die klingenden Wogen‘ „des Elements“,
„SBy4HBIA BOJIHBL“ „cruxin“ (75)
Trac en:,oH Hyaut Hac u npocur (76))
Im Heulen des Nachtsturmes klingt dieselbe Stimme —
O yeM T&I Boelib, BETP HO4HOü, IloHATHEIM Cepauy ABLIKOM
OÖ yem Tak cbryemib Öe3yMHo, Tsepanmb 0 HenoHATHof MmyR%,
UTo 3HayuT CTPaHHblü TOAOC TBOÜ MA Hoems, u BSPbIBaelmıb B HeM
To rıyxo-ka1oÖB2lä, To nıyMmu5bIi? Ilopoä neucTosple 3ByIu. [(88)
OÖ, eTpamıHbIXx IEceH cux Henoäl...
Das nächtliche Heranrücken des wahren Seins an unser
Herz wird von den Romantikern mit der. Brandung des Meeres
oder mit Ebbe und Flut verglichen. Denn im Leben — vom
Tag zur Nacht — wechseln beim Menschen die Zustände der
Trennung von der Natur und der Wiedervereinigung mit ihr. —
Die Nacht ist eigentlich das Weltmeer. — „Diese ganze heilige
Nacht umfängt uns wie ein leise bewegtes Meer?)‘“ wie „ein
wesenloses Meer‘, „Nacht ist wie ein stilles Meer?)“. Nachts
vereinigt die Finsternis alles zu einem unübersehlichen Chaos. —
Dann gehen wir völlig im wilden, ungeheuren Meere unter, wo
Wogen sich auf Wogen wälzen und alles gestaltlos und ohne
Regel durcheinanderflutet. Nirgends kann man sich festhalten; —
wir werden unbemerkt und verschlungen®)‘“ von den „Wellen
der Nacht°)“. Diese „Flut der unzähligen Erinnerungen)‘ be-
1) Vgl. noch 97, 160. 2) BRENTANO Werke III 245.
3) v. EICHENDORFF Gedichte 136, 211.
4) Tieck W. Lowell III, 285.
5) „Die Wellen“ der Nacht — sehr oft bei J. v. EICHENDORFF,
vgl. Gedichte, 8. 76.
6) CARUS Psyche. Pforzheim 1846, 8. 392.
312 D. (yirvskys
einflußt hauptsächlich die unbewußte Seite der Seele. Das
nächtliche Sein dieser ist aber der Schlaf!). — „Der Schlaf ist
nichts als die Flut jenes unsichtbaren Weltmeeres und das Er-
wachen ist das Eintreten der Ebbe‘. — „Leise doch im Herzens-
grund bleibt das linde Wellenschlagen“.
O Herr, auf dunkelschwankem Meere (= Meere der Nacht)
Fahr’ ich im schwachen Boot,
Treufolgend deinem goldnen Heere (den Sternen)
Zum ew’gen Morgenrot?).
So auch bei Tjutdev. —
Hacrauer HOUb U 3ByYHBIMH BOJIHAMH
Criuxia Öber o Öeper cBoü. (75)
Dieser „Strand des Elements“ ist unsere Seele —
Die Nacht, „die Flut* nimmt uns in sich auf. —
V;Rk B IIPUCTAHH BOJIIHeÖHBLI O7KMA Yen
Ilpunmp pacrer u ÖBICTPO Hac YHOCHT
B meıaMmbpuMOoCTB TeMHHIX BOAH. (76)
Der Schlaf, der Traum, ist dieses Gewoge —
Kak okeaH 0oÖBeMAeT map 3eMHOI,
TaK Halla 5KU3Hb KpPyToM 0ÖBATa CHaMıt (75)
CHbr urpamrt Ha npocrop&
IIox marıyeckoi ıyHuoli (117) 3)
— T'yerber Hoyp, kaK Xa0C Ha Bopax,
beanaMmATcTBo, KaK ATIAC AaBıuT cyluy;
Jlum Mysbt MEBCTBeHHyIo Ayııy
B mpopoyeckux TpeBokar 6oru cHax (67) ?)
D.
Was aber wird uns in der Nacht geoffenbart? Worüber
sprechen die „nächtlichen Stimmen‘? Wasbesagt uns die Sternen-
schrift? Was bringen unserer Seele die sie nachts umspülenden
Wellen des ‚„Weltmeeres‘‘?
1) ibidem.
2) wovALıs IV 37; v. EICHENDORFF Gedichte, 8. 211, 274:
BRENTANO V 280; SCHUBERT Symbolik des Traumes. Lpz. 1840,
1. Ausg. 1813. Bei Tjuttev noch 139, 67 („Der Sommerabend®).
3) Damit kann man noch die ersten Seiten aus der Carus’schen
„Psyche“ vergleichen, wo das Gebiet des Unbewußten im Vergleich
zum bewußten Seelenleben gerade unendlich erweitert wird.
4) Vgl. auch noch „Traum aut‘ dem Meer*,
Tjutcev und die deutsche Romantik 313
Das ist zunächst — als Natur, als Kosmos, als Leben zu
bezeichnen. Novarıs sprach über „das volle Leben, wie ein un-
endliches Meer?)‘‘, für Scauserr ist der Mensch vom ‚Meere
der Natur‘ umgeben?), auch für Tjutdev ist das Leben der
Natur — „ein uferloser Ozean°®)“, zu dem uns nachts der Zu-
gang offen steht.
Das All, die Natur, ist aber nicht nur der Kosmos, sondern
auch das Chaos. Es klangen in den von uns zitierten Stellen
schon öfters Worte, die Tjuttev vorwiegend für die Bezeichnung
des Wesens der Dinge, der unermeßlichen Tiefen des wahren
Seins gebraucht: das Chaos, das Element, (oro:yelov), der Ab-
grund. Das Meer der Natur ist nicht nur ein „leise bewegtes‘“,
sondern auch „stürmisches“, ‚„‚chaotisches“* —
Tyerber Hoyb, Kak xaoc HA BONAX —- — ÜeaAHa HAM OÖHaKEHA
— — — 3ByYHbIMH BOAIHaMH [(67) C cBONMH CTpaxamMıı I MTJTaAMuU
eruxim Öber 0 Öeper croü (75) u HET Iperpan Merk ei ıı Hamm (103) ?)
— — — mbimamıman ÖesnHa (76)
Der nächtliche Wind singt uns — vom alten, trauten
Chaos (88) — wie Tjutcev es ausdrückt. Es ist uralt, und
„heimisch“ oder „mütterlich‘ — im zweifachen Sinne. Zunächst
ist das Chaos, „die Nacht‘ auch in unsrer Seele.
Darum verstehen wir auch die Sprache des Chaos — denn
es spricht zu uns in einer für das Herz verständlichen Sprache (88)
und gierig lauscht das nächtliche Gemüt dem vertrauten Worte (88).
Darum hieß auch (im Manuskript) das obenzitierte Gedicht
„Die heilige Nacht“ (119—120): „Das Selbstbewußtsein“. Der
Mensch kann wohl den Tag lieben (‚nen orpannsıä, MeHb
mo6eansii“ 119); aber die Nacht ist ihm „heilig“ (‚die heilige
Nacht“, ibidem) und weckt mit unüberwindlicher Kraft das
1) Novauıs I 50.
2) SCHUBERT Urwelt und die Fixsterne. 1822, S. 13, „Sturm-
bewegtes Meer der Natur“.
3) „„Kusus, kak okeaH ÖesöperkHati‘‘, „„KUBOTBOPHRLIH Okean' (102).
4) Die Natur als Abgrund — noch
TIo ouepenno scbx cBoux ABrei,
CBepIMamwluX CBOÄ NHOABHT 6e3noJIe3Hbli,
oHa (Nmpupona) parHo npıupbrersyer cBoeÄ
Bcenornomaroımeti ır mIrpoTpopHoii 6esanoii. (229).
314 D. ÖrZevskys
chaotische Element in der Seele. Die Seele erkennt im Chaos
sich selber. —
— — — B YyKIOM, HepasranaHHoM, HOYHOM
On ysHaer Hacıbabe pokoBoe (120)
Darum ruft Tjuttev der Stimme des Chaos, der Nacht zu —
O, 6ypb sacHyBıunx He Öynu: '
HoN HUMU xaoc mezenutcn (88)
Im nächtlichen Chaos spiegeln sich unsere Gedanken, unsere Seele —
OTkypa OH, ce TyJI HeIOCTWsKuMBbLIH ?
Unb cMyTHbIX AyM, OCBOÖ0>KAEHHBIX_CHOM,
Mip 6esr&rechzlä, CIBIIIHBIÄ, HO HE3puUMEIH,
Terepp ponutca B xaoc& HOyHoM (82)
da der Abgrund der Seele nachts offen dem Weltchaos gegen-
über steht
— — — npen aroü beemHnoä TemHod M HEr usßmb omopsı Hu npenbra
Ha CAMOTO CeÖA IIOKHUHYT OH, —_— [(120)
ynpasaHeHn yM n MbIcnb ocnporbna, Bor oTuero HaM HoyB crpaınnHa (103)
B ayııb cBoel, Kak B 6eaık’b, NOrpy-
+HeH.
„Die Nacht der Seele“ ist auch einer der zentralen Gedanken
der Psychologie der deutschen Romantik. „Die Nacht der Seele‘
kennt Novarıs!) —. Für EicHENDoRFF ist die nächtliche Angst —.
Ein Schaudern vor dir selbst, denn in dir ist
Die Einsamkeit, das Graun, der nächtliche Abgrund ?).
Und Tieck erklärt psychologisch die Wirkuugen der Nacht auf
die Seele. — ‚Die Finsternis verwandelt und verwirrt die Um-
risse aller sichtbaren Gegenstände und versetzt uns in eine fremde,
bis dahin unbegreifliche Welt. — Es schneidet dann eine Ahnung
durch unser Gemüt, wie wenn all unser Wissen, all unser Glück
nur ein leeres taubes Chaos wäre“ — „Ich möchte nicht in die
grauenvolle Nacht hinuntertauchen, aus der. die Schauer empor-
steigen, die so gewaltig das schwache menschliche Herz ergreifen
und es beinahe erdrücken‘“) —.
Und ScaHuzerrt spricht von der „Region der Dunkelheit in
der Seele“, wo ein „rohes gestaltloses Element“ gegen die „Ge-
1) Z.B. Novauıs 17.
2) I. v. EICHENDORFF Werke IV 396.
3) TIECK Werke XIV 135.
Tjutcev und die deutsche Romantik 315
dankenwelt‘“ sich erhebt!). Nachts steigen „alle geheimen Ge-
danken‘ aus der Tiefe der Seele, wo sie sich vor dem Tageslicht
versteckt halten?), aus der Nacht des unbewußten Lebens“, aus
der „Welt der Träume?)‘“, da das „Dunkel der Nacht dem Un-
bewußten eine gewisse Herrschaft über das Bewußte zu leihen
bestimmt ist*)“. EicHENDoRFF findet dafür einen schönen dichte-
rischen Ausdruck:
Wenn die Wipfel über mir schwanken,
Es klingt die ganze Nacht,
Das sind im Herzen die Gedanken,
Die singen, wenn niemand wacht).
Die Nacht ist für die Romantiker „uralt‘“‘, „heimlich“,
„mütterlich“ auch in einem tieferen Sinne. Das nächtliche Chaos
steht den Urchaos nahe, aus dem einmal der Kosmos geboren
wurde. In diesem Sinne wird die Nacht — ‚Mutter‘ genannt
und von den Romantikern wird mit Nachdruck die antike Weis-
heit, die die Nacht zu den ältesten Göttern zählte, hervorge-
hoben®). — „Mit Recht nennt die Weisheit des Altertums die
1) SCHUBERT Geschichte der Seele II, S. 239.
2) SCHUBERT Symbolik des Traumes 7—21.
3) Carus Psyche 214—5.
4) ibidem, 8. 395, sehr fein auch in den „Fragmenten* von
J:W: BITTER, : 8 8.0:
5) v. EICHENDORFF Schloß Durande (Insel-Bücherei), S. 76, vgl.
Gedichte, S. 272 „Nachtgruß“. — Vgl. schon J. PAUL a. a. O., S. 42
„Gedanken, die der Tag zu einem dunklen Rauch und Nebel macht,
stehen in der Nacht als Flammen und Lichter vor uns“. Vielleicht
meint auch Tjut&ev dasselbe, wenn er (in dem bekannten Gedichte
„Silentium“) sagt:
Ecrtp m&ıd Mmip B ayuıb TBoeü BHuumaü ux mEHBEO u Monum.
TauHcTBeHHOo-BONMIeÖHBIX IYM; Ilyckati 8 ayııesHoi rııyÖuHn&
Ux sarıyınuT Hapy’KkHbIä IUyM, N zexonat u saliäyT 0456
‚Anuenupie ocnbouarT ayuu: Kaxk 38%&3AB1 cBETIEIA B Hoyu. (90)
Vgl. auch 51.
6) Die Orphische Kosmogonie, Herakleitos (z. B. bei Sext. Empi-
rieus: Adv. Math. VII, 129—130), Parmenides (fragm. 1, Dres), Plato
(Timäus S9B, 45). -Erwähnungen bei Aristoteles (Metaphysik XII 6,
1022a; XIV 4, 1091b). Vgl. auch Artikel „Nacht“ bei ROSCHER. An
BOEHME sei auch in diesem Zusammenhange erinnert. HERDER steht
der „Nachtphilosophie* der Romantik nahe (vgl. I. KLETTE, 8.65 a.a. O.).
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 21
316 D. Övievskys
Nacht eine allgebärende Mutter der Dinge?)“. Über die „uralte
Nacht — die Mutter aller Dinge“ spricht Sc#eruine?) „Die
Nacht als Erzeugerin“ — ist die Vignette auf dem Titelblatt
eines romantischen Buches®). Und Görrzs schreibt begeistert
über „die alte Nacht, die Mutter, alles Geschaffenen‘“ — „die
Fülle der Dinge hält sie in sich beschlossen, ewig ruhend, ewig
tiefen Ernstes sinnend, in lautloser Stille harrend, hat sie ihre
Sternenschleier durch die Unendlichkeit gebreitet, sie wallen und
spielen von Himmelsfluten leicht bewegt, unter ihnen schlafen
die Kräfte leisen Schlaf, in ihrem Arm ruht die Geschichte,
Tod und Leben sind, wie das Kreisen eines Sonnenstäubchens
im Schatten und Licht, in ihr befaßt. — So gerne will der Tag
die Nacht um ihre Geheimnisse befragen, — die Mutter, die
eher denn er gewesen®)“‘. Die Nacht führt uns auch in gewissem
Sinne zur Urzeit zurück. Für Novarıs werden wir „in jene
fabelhafte Urzeit‘‘ versetzt, ‚wo jeder Keim noch für sich
schlummerte, und einsam und unberührt sich vergeblich sehnte,
die dunkle Fülle seines unermeßlichen Daseins zu entfalten)“.
„Ist nicht jeder auch der verworrenste Traum eine sonderliche
Erscheinung, die auch, ohne noch an göttliche Schickung dabei
zu denken, ein bedeutsamer Riß in dem geheimnisvollen Vorhang,
ist, der mit tausend Falten in unser Inneres hereinfällt®)!“ —
EICHENDORFF faßt nachts „ein unbeschreibliches Heimweh nicht
nur nach jenen Gärten und Bergen, sondern auch nach einer
viel ferneren und tieferen Heimat, von welcher jene nur ein
HAMANN wird auch — meines Erachtens — ohne Recht — als
Vorläufer der „Nachtphilosophie* genannt.
Die Philosophie der Mythologie der Romantiker entwickelt auch
mit Vorliebe dasselbe Thema — außer SCHELLING, vor allem KANNE
und FR. CREUZER.
1) SCHUBERT Gesch. d. Seele II 236.
2) SCHELLING Werke, I. Abteilung, Bd. IV, 278 („Bruno“ 1802).
Vgl. „Über das Wesen der menschlichen Freiheit“, Bd. VII, „Die Gott-
heiten der Samothrake“, Bd. VIII.
3) K. A. F. KLuce Versuche einer Darstellung des animalischen
Magnetismus. Wien, Bd. I, 1815.
4) „Rheinischer Merkur“ — „Der Sternenhimmel in der Neujahrs-
nacht 1815—16“. Ausgew. Werke (A. Duch) $. 284—5.
5) Novauıs IV 128. 6) ibidem 58.
Tjuttev und die deutsche Romantik 817
leiblicher Widerschein zu sein scheint“. ‚Von den Bergen
sacht hernieder, weckend die uralten Lieder, steigt die wunder-
bare Nacht!)“. Im Schlaf ist die Seele „einer jenseitigen Region
näher, aus welcher sie ihren Ursprung genommen)“. Der Schlaf
ist die Rückkehr der Seele in den Mutterleib ‚des Weltganzen?)“.
Den Leib, sagt man, verläßt der Geist im Schlaf
Und steigt geheim zur unbekannten Tiefe,
Wo Zukunft und Vergangenheit Eins sind,
Im stillen Schoß der Ewigkeit ?).
Darum sinnen wir so oft im Traum über unsere Kindheit’).
Darum auch die Gedanken an die Mutter. Denn die Nacht ist
nicht nur ontologisch, sondern auch psychologisch
(als das Unbewußte) „die Erzeugerin‘“, der schöpferische Anfang
und Urgrund. — EıcHEnDorFF versinnbildlicht diesen Gedanken
sehr schön (obwohl vielleicht, psychologisch nicht überzeugend):
„Meine Mutter neigte sich mit ihrem schönen bleichen Gesicht
und den großen Augen freundlich über mich, daß ihre Locken
mich ganz umgaben, zwischen denen ich draußen die Sterne und
den stillen Schnee durch kleine Fenster heranfunkeln sah. Seit-
dem, so oft ich eine klare, weitgestirnte Winternacht sehe, bin
ich immer wieder wie neugeboren®)“.
Für Tjutev ist nicht nur das Nachterlebnis, sondern auch
und vielleicht besonders der Traum, der Schlaf eine Rückkehr
„zu den Müttern“, eine Vertiefung unsers Seins bis zu den Wurzeln
aller Dinge. Dem Schlaf, dem Traum (ja dem „Unbewußten“ —
mit diesem Wort ist Tjutdev’s „Träume“ gleichbedeutend) gehört
eine zentrale Stellung im psychischen Leben des Menschen
Hak okeaH oÖBbeMmIleT map 3eMHoÄ,
Tax Hama »kKu3Hb KPyToM 00BnTa cHaMmu (75)
Und die Traumsphäre ist höher als Wachsein, als „das Leben‘
Bce nyuıne ram, cBbrabe, ımnpe,
Tax or 3emHoro naneko (159)
1) v. EICHENDORFF II 49, Gedichte, S. 225.
2) SCHUBERT Gesch. d. Seele I 351.
3) ikidem I 350, II 237.
4) v. EICHENDORFF IV 242. 5) Vgl. Novauıs I7.
6) v. EICHENDORFF Glücksritter (Insel-Bücherei) 8. 10, vgl. die
Gedichte $. 272 („Abend“); vgl. schon bei NovaLıs I 9 ähnlich.
212
318 D. Öyievikys
Der Traum ist ja „prophetisch“ —
— (oH mpopoyeckH HenCHkIf,
Kak orkpozenie ayxog (152)!)
Diese „‚Offenbarung“ ist eben das Herabsteigen zu dem „heimischen‘‘
(dem Sinne nach „mütterlichen“ — ‚‚ponnmami‘), „trauten‘ Chaos,
zum Urchaos der Urzeit.
6.
Das Leben der Seele steht in Beziehung zu zwei verschiedenen
Seinsphären, ist in gewissem Sinne Doppelleben. Die Welt des
Verstandes, des Gedankens, des Tageslichts kämpft um die Seele
mit der Welt der Finsternis, der Nacht, des Seelenchaos. Tjuttev
ist sich dessen völlig bewußt:
O, sbyHan ya Mon, Kax Ö5I ABOiHoro Öprin!..
OÖ, cepaue NONHOEe TPeRorI!, Tax, Ter zusnme AByX Mipon (152)
O, kak TbI ÖbembcH Ha NOpor&
Die Seele ist einem Berge gleich, der mit seinem Gipfel über
die Wolken ragt und dessen Fuß im ewigen Schatten verborgen
bleibt?). Auch für die deutsche Romantik. — „Unser Jeben ist
eine leichte Brücke, von einem dunklen Lande zum andern hin-
übergeschlagen®)‘“‘. —- ‚Zu den doppelten Welten“ „steht der
Zugang der Menschenseele offen®)“. Es gibt für sie „zwei ver-
schiedene Pforten‘ — „Licht und Finsternis, Tag und Nacht?)‘.
Im Menschen ‚kämpfen‘ die „beiden Welten‘‘ miteinander®). Der
Mensch ist „ein Gebirge an der Grenze zweier Welten; sein Fuß
steht in der einen, der Gipfel ragt hinauf in die andere?)“.
Und die Nacht hat eine eigentümliche Funktion, die des
Menschen Doppelwesen in seiner Tiefe berührt. Die Nacht ist
1) Die „Träume“ bei v. EICHENDORFF — Gedichte, S. 33 („Zwie-
licht“), 58 („Der Abend“ — hier träumt nicht der Mensch, sondern
die Natur, „die Erde“), 60 („Schöne Fremde*), 67 („Erinnerung*),
109 („Heimweh‘), 136 („Geistergruß‘), 188 („Jagdlieder“, Nr. 2),
189 („Frühlingsdämmerung“), 211 („Die Nacht*).
2) TsuUT6ev 69£., 168£., 152.
3) WACKENRODER Werke I 107.
4) SCHUBERT Nachtseite, 8. 7, vgl. 52.
‘ 5) ibidem. Vgl. Tsurcev’s „Tag und Nacht* (102).
6) ibidem 8, 10.
7) SCHUBERT Gesch. der Seele I, 99.
Tjutcev und die deutsche Romantik 319
nämlich allvereinigend, allversöhnend, allumfangend, allumfassend.
Wie das menschliche Ich, so geht in der nächtlichen Finsternis
auch die ganze Welt unter: „ästhetisch“ (im ursprünglichen Sinne
dieses Wortes — d.h. sinnlich — man sieht nichts mehr, außer
den Gestirnen, man kann nicht recht das Gehörte lokalisieren)
„Da unterging die Welt“, „Fernab ist die Welt’ verschwunden!)“ —
„alle Gestalt zerrinnt leise — der Mensch und alles Einzelne
zerrinnt in das Ganze, nichts trennt sich vom Hintergrunde und
alles verschwimmt im leisen Gefühl der ewigen Gleichheit?)“.
Die Finsternis ‚„verwischt und verwirrt die Umrisse aller sicht-
baren Gegenstände?)“
„Heilige Nacht, heilige Nacht!
Sterngeschlossener Himmelsfrieden!
Alles was die Welt geschieden,
ist verbunden“ ®).
Aber dieser „ästhetische“ Untergang der Welt — besser gesagt
alles Einzelnen in der Welt, diese „Verbindung‘‘ und diese
„Gleichheit“ aller Gegenstände ist ein Symbol und Ausdruck
einer inneren Verbundenheit, eines durch die Nacht gespendeten
„Friedens“, eines Sieges des Weltalls über seine einzelnen und
vereinzelten Teile —
Und alles umarmt sich rings umher
Es gibt keine einzelnen Rechte mehr
Es öffnet jed’ Leben dem anderen die Brust. — —
— — Alles ist freundlich wohlwollend verbunden,
Bietet sich tröstend und trauernd die Hand
Sind durch die Nächte die Lichter gewunden,
Alles ist ewig im Innern verwandt).
Prächtig war die Nacht nun aufgegangen,
Hatte alle mütterlich umfangen,
Freund und Feind mit leisem Friedenskuß.
— — Es bat die alte Nacht
Alles wieder gleich gemacht ®).
Und der Mensch möchte sich in dieser triumphierenden Alleinheit
„verlieren“.
1) v. EICHENDORFF Gedichte 274, 135.
2) BRENTAnO WW. V 133. 3) Tıeck XIV 135.
4) v. EICHENDORFF 199; vgl. Gedichte 138—9 („Nachtfeier“).
5) BRENTANO Ill 248, V 154
6) v. EICHENDORFF Gedichte 158, 184.
320 D. ÜrZevievs
„Es ist mir, als wünschte ich mich zu verlieren in ein anderes
Wesen, wie die Bäume dort sich ineinander verlieren!)“. Im
nächtlichen Chaos — „gehen wir (wie) in — ungeheuerem Meere
unter“, „wir werden unbemerkt und verschlungen“ — denn
„nirgends kann man sich festhalten; unsere Welt sieht dann aus,
wie eine ehemalige Erde“, „die soeben in der Zertrümmerung
begriffen ist?)“.
Diese allverbindende Kraft der Nacht äußert sich auch in
der wundersamen Tatsache, daß sie uns das Fernvergangene und
das räumlich Ferne annähert. Die Nacht „bringt entfernte Gegenden
und Personen der Seele wunderbar nahe®)“. „Die Nacht ist wie
ein Traum’ so weit und still, als könnte man über die Berge
reden mit allen, die man lieb hat in der Ferne“.
Und meine Seele spannte
Weit ihre Flügel aus,
Flog durch die stille Lands,
Als flöge sie nach Haus).
T&Hu cuasIa CMbunnnch, CyMmpak Tuxif, CYyMpak COHHEIÜ,
Us&r nmo6nekHyıa, 3ByK ycHyJ, Jleäca B rıIyÖb Moeü ayıım,
YKuaHpb, HBuskeHbe paspbunauch Tuxiii, TOMHLIÜ, 6NATOBOHHBLÜ,
B cympak sblÖkKiü, B ManbHiä ryı Bce aanei u yrumm.
— U coceH no nopor& rbEuu [(5%) UyscrBa MrAIoü CaMmoBa0BeHbH
y:ke B ONHy cannucah TbHB (74) Ilepenonun uepes kpaäl...
Nat BKyCHTb yHHYTOkeHBbA,
C mipom npemmomum cmbmaä (55)
Und die Vereinigung mit dem All ist auch erreichbar —
| Yac TOCKH HeBEIPasuMoH,
Bce — Bo MH& Hu A — BO BceM (54)
wenn die nächtliche Seelenwelt, das in der Seele lauernde Chaos,
den Klang des Nachtwindes vernimmt:
Ua cmeprHoä pBerca oH TpyAn,
HU c besnpegbubHsIM KARIeT CANTBCH (88)
Jedes Ich erwartet dasselbe Schicksal, wie die im Frühling vom
Sturm hingerissenen Eisschollen —
1) BRENTAno V 318.
2) Teck Wil. Lovell III 285.
3) BRENTANO III 245,
4) v. EICHENDORFF Schloß Dürande. Insel. 8. 55. Gedichte,
8. 290 („Mondnacht“), vgl. Gedichte, 8. 67 ( „Erinnerung“, Nr. 2).
Tjutcev und die deutsche Romantik 391
Bc& sm&cr&, mansıe, 6onsınie, O, Hameii MBICHu O60NBINeHBe,
Yrparur mpemHii 06pa3 cBoH. O, yenop&yeckoe al
Bc#$ 6espasımyaB, Kak CTUXiA, He TaKOBO-Ib TBOE BHAyeHbe,
ConboTcH c 6esnHoM POKOBoUA He rakoBa-ıb cynb6a TBor! (111)
Es klingt auch Tjuttev die Ferne. Es klingt — ‚im Himmel“ (48), man
hört den fernen Klang (54), es entstehen die Bilder — „am Erden-
rand“ (68) „in der dämmernden Ferne“ (B cympaunoi nann).
Und Tjutdev nimmt das menschliche Schicksal — das Schick-
sal der Vernichtung — ruhig auf — er will seine „ganze Seele“
im nächtlichen Meere — im Nachtall versenken (1831)).
* *
*
Wir können und wollen (wie wir schon vorhin sagten) nicht
behaupten, daß Tjuttev im Prozeß des Schaffens von bestimmten
Werken und Stellen der deutschen romantischen Dichtung be-
einflußt oder angeregt worden sei. Die Ähnlichkeit der Gedanken
und Bilder ist aber manchmal so auffallend, daß der Schluß auf
die nähere Bekanntschaft Tjuttev’s mit dem romantischen Ideen-
kreise, mit der „Nachtphilosophie‘“ der Romantik mindestens als
sehr wahrscheinlich anzusehen ist.
Es gibt ja auch manche Unterschiede zwischen der Romantik
Tjuttev’s und der deutschen Romantik. — Tjutev hat weniger
Sinn für das „subjektivische‘ Motiv des romantischen Ge-
dankens. Bei ihm finden wir fast keine Anklänge an die in der
romantischen Philosophie so oft vertretene Idee, daß die Welt
nur ein Spiegelbild unseres Ich sei, daß — im besonderen —
die Nacht den Hintergrund für ein freies Phantasiespiel bilde.
Ihm ist jede Verherrlichung des freien Ich, der „freien Sub-
jektivität‘‘ vollkommen fremd. Er sieht in der Welt vorwiegend
das Ontologische, das Kosmische, das uns unendlich Über-
ragende; sein Blick ist stets zum Ewigen und Absoluten erhoben —
die Stimmung, die ja auch bei den Romantikern (vor allem in
der sog. „späteren‘ Romantik) nicht selten ist. Nur ist bei Tjutdev
mehr Ergebenheit, ja Hingabe dem Absoluten gegenüber vor-
handen; die Angst vor dem Chaos, vor der Selbstauflösung im
All ist bei ihm weniger scharf als z. B. bei Tisck. Er gibt sich
dem All hin, da er seine Persönlichkeit, sein Ich nicht ver-
1) Vgl. „Mobile comme l’onda“ (138—9).
329 D. Ürkevikys
absolutiertt. Darum kann und will er auch alles ihm Fremde
verstehen, er ist mehr „objektivisch“, als die deutschen Roman-
tiker es sind. Darum hat auch seine Sprache und Form etwas
„Klassisches“ an sich.
Diese Eigentümlichkeiten sind vielleicht aus der persönlichen
Eigenart Tjutdev’s, vielleicht auch aus der Prägung des „russischen
Geistes!) zu erklären. Jedenfalls aber sehen wir hier, wie in
so vielen anderen Fällen, daß der deutsche philosophische Ge-
danke und die deutsche philosophische Dichtung — zum Anfang
und Ausgangspunkt für die selbständige Entwicklung des russischen
Gedanken geworden sind, oder mit dem schönen Wort Tjuttev’s
gesprochen — „zur ersten Liebe‘ der zum philosophischen Selbst-
bewußtsein aufgewachten russischen Seele?).
Anhang
F. F. von Mautırz und TsuTsev
F. F. von Maurtırz, Tıurcev’s Schwager, war kein bedeuten-
der Dichter. Wir konnten ihn nicht zusammen mit den großen
Vertretern der deutschen romantischen Dichtung nennen. Man
darf aber nicht vergessen, daß seine „Gedichte“®) (im Jahre 1817,
in Karlsruhe erschienen), die von der romantischen Dichtung der
Zeit stark abhängig sind, die Aufmerksamkeit Tsutiev’s auf die
„Nachtphilosophie* lenken konnten. Die Nachtstimmung ist
1) Vgl. dazu S. FRANK Die russische Weltanschauung. Berlin
1926. Die Wiedergeburt erlebt die „Nachtphilosophie* bei BERDJAJEV
Das neue Mittelalter (deutsch von A. KRESLInG). Darmstadt 1926.
BERDJAJEV hebt aber in der „Nachtphilosophie“ geschichtlich-philo-
sophische Momente hervor. Auch Tjuttev war dieser Gedanke der
hoben Bedeutung der „nächtlichen“ Seite des historischen Geschehens
keinesfalls fremd. Vgl. T.’s Gedichte ‚„‚IInmepon‘“‘ S.79, „Ha Kpan
B kpal‘‘ S. 84.
2) Es gab zu Tjuttev’s Zeiten eine russische romantische Philo-
sophie (Schellingianismus), Ihre Einwirkungen kommen aber für die
Münchener Periode Tjutdev’s gar nicht in Betracht und zur Zeit seiner
Rückkehr nach Rußland war Tjuttev schon eine ganz fertige Persön-
lichkeit.
3) F. F. von MALTITZ „Gedichte“ enthalten übrigens mehrere
Übersetzungen aus dem Russischen, (die Gedichte von Karamzin und
ungenannten Dichtern).
Michajlo Potyk und der wahre Sinn der Bylinen 323
nämlich eines der beliebtesten Motive in F. F. von Maxrırz’ Ge-
dichten. Er vermag freilich nicht diese Stimmung dichterisch
zu gestalten, da seine dichterischen Mittel zu arm sind (vgl. die
fortwährend wiederkehrenden Reime: Nacht Pracht Macht... 9%
Eine Ballade — „Nachtgesicht“ verrät die Bekanntschaft des
Verfassers mit der Psychologie der deutschen Romantik, — im
Mittelpunkt steht hier das Problem des doppelten Sehvermögens —
des täglichen, das uns die Tatsachen der sinnlichen Welt mitteilt
und des nächtlichen, das den Menschen mit dem Geisterreich ver-
bindet. Diese Ballade, trotz ihrer dichterischen Mängel, konnte
auch Tsuröev’s Interesse für die Nachtphilosophie, falls er mit
ihr nicht schon früher vertraut war, anregen.
Wir möchten aber zum Schluß wieder betonen, daß es uns
nicht so sehr auf die Abhängigkeit Tsurtzv’s von der ro-
mantischen Gedanken- und Bilderwelt ankommt, als auf seine
Zugehörigkeit zu einer geistigen Einheit (die als überräum-
lich und überzeitlich aufzufassen ist), zur Einheit der sog.
„Romantik“.
Zähringen i. Br. — Prag. D. ÖrZevseys
Michajlo Potyk und der wahre Sinn der Bylinen')
II.
Zeitschrift III, S. 373—385, war für das Potyklied von einer
Grundform ausgegangen und alle Varianten waren bei Seite ge-
lassen; ebenso für seine lateinische Prosaversion, die allerdings
keine Varianten im gewöhnlichen Sinne des Wortes hat, denn
die anderen lateinischen Versionen (von der ungetreuen Frau des
miles Razo u. a.), sind von ihr unabhängig; sie alle retten ja den
Helden durch seinen eigenen Sohn, aber alle lat. Texte lassen
gleichmäßig den Ver- und Entführer der Frau aus dem Verließ
des Helden selbst kommen und widerlegen somit die unglaubliche
Naivität moderner Historiker (a. a. O. S. 384), die einen Schnörkel
der Sage zu einem historischen Dokument umkrempeln wollten?).
1) Vgl. Zeitschr. III (1926) 8. 373 ff.
2) Wie o. erwähnt, schickt die lat. Version der polnischen Chronik
einen Walthariusstoff voraus und fügt willkürlich an ihn den weiteren
324 A. Brückner
Für uns galt nun als russische Grundform (nicht Urform, noch
Quelle), eine prosaische, aus dem 18. Jahrh. mehrfach überlieferte
Fassung; wir kannten sie bisher nur unvollständig, denn dem
ältesten und ausführlichsten Petersburger Text fehlten Blätter
(die beiden andern Texte sind stark gekürzt). Jetzt hat B.Sokozov,
Etnografija (herausgegeben von OLDENBURG und SoKkoLov, Moskau
1926 Heft 1—2), sieben Bylinen alter Aufzeichnung veröffentlicht,
darunter als erste ($. 115—123) die vollständige, mit dem Peters-
burger Text sich deckende Potykprosa, die zu dem besten über-
lieferten Potykliede trefflich stimmt. Diese Übereinstimmung be-
rechtigte uns daher von Varianten abzusehen, denn wohin man
kommt, wenn man Varianten berücksichtigt, dafür lieferte ein
abschreckendes Beispiel B.J.JarcHo. Er druckte in dem R.Filolog.
Vöstnik von 1913 bis 1916 seinen Opyt po dinamik® cikla Sigurda,
'in dem er „die Sage von Sigurd Fafnisbani und ihrem Wider-
hall im russischen Epos“ behandelte; das letzte, 5. Kapitel, im
Vestnik Bd. 75, Moskau 1916, S. 99—137, war „den Elementen
des Sigurdeyklus in der Byline von Potyk“ gewidmet.
In drei Liedern aus dem Archangelskischen wird nämlich,
im Gegensatz zu allen übrigen Potykliedern, der Held Potyk
auf einmal zu einem schlappen Jungen, der seiner Maria gar
nicht gewachsen ist; sie verwandelt ihn in den ersten ärei Nächten
in ein Tier, so daß um ihn zu retten Dobrynja oder Ilja in der
Brautnacht den Stellvertreter Potyks spielen ünd mit Metall-
ruten oder Peitschen die Maria zähmen: das ist das (aus der
Nibelungensage geläufige) Motiv von Sigurd, der statt Gunnar
Potykstofl. In gleicher Weise fügt eine Krakauer Hds. (15. Jahrh.;
Universitätsbibliothek Nr. 554), an die gewöhnlichsten Collationes (oder
Disputationes) Salomonis et Marcelphi unmittelbar an die Geschichte
von der Entführung der Frau Salomons (uxor Aethiopica), durch einen
rex paganus und deren Zurückführung durch Marchlandus: diese auch
im Abendlande bestens bekannte Geschichte wird genau so erzählt wie
in den Liedern von Salomon und dem Zar Okuleviö; nur ist unrichtiger
Weise Marchlandus an die Stelle von Salomon gerückt (er beruft sich
Ja auf seine königliche Abkunft, als er wünscht, wie es Königen ziemt,
gehängt zu werden); er erteilt eben der Königin die Lehren, die wir
aus den Liedern von IvAN GODINOVIG kennen: Abschneiden von Nase
und Händen, die er Salomon überbringt: J. KRzyZanowsKklı, Pamietnik
Literacki XXII, Lemberg 1926, S. 111£.
Michajlo Potyk und der wahre Sinn der Bylinen 3235
Brünhilde in der Brautnacht überwältigt. In etwa 27, meistens
nordgroßrussischen Märchen, ist dieses Motiv behandelt und aus
diesen Märchen ist es in die drei Lieder abgesprengt; es kommt
übrigens nicht nur in Potyk-, sondern auch in Kostrjukliedern
vor, s. die erschöpfende, methodologisch musterhafte Studie von
Aue. von Löwıs of Menar, die Brünhildsage in Rußland (Palaestra
Nr. 142, Leipzig 1923, 110 8.). Löwıs entscheidet sich gegen
die Annahme, als läge den russischen Märchen eine zersprochene
Byline zugrunde und läßt den Stoff der Märchen Lübecker Kauf-
leute um 1200 nach Novgorod bringen. Aber Maria ist keine
Brünhilde und Potyk kein Sigurd und Gunnar zugleich, und keine
„Zzentralisation“ noch „Konzentration“ noch „Anziehen und Ab-
stoßen der Motive“ — Termini, mit denen JarcHo fortwährend
jongliert, kann uns über diese unmögiiche Annahme hinweghelfen.
Es gibt ja kaum zwei Sagen, die sich nicht in ihren äußersten
Verästelungen — Varianten irgendwie berühren könnten, doch
folgt daraus niemals wirkliche Verwandtschaft der Sagen selbst.
In den meisten Varianten der russischen Lieder herrscht be-
kanntlich nur heilloser Wirrwar. Die Namen der Helden werden
stets verwechselt, alle möglichen und unmöglichen Episoden will-
kürlich eingeschoben, ja Nebensätze ohne jeden Sinn wandern
mechanisch aus einem Lied ins andere. In dem Potyklied bei
Kıräı Danızov z. B. tötet Potyk die Maria, heiratet seine Be-
freierin, lebt lange in glücklicher Ehe, stirbt endlich und nun
wird die zweite Frau lebend mit ihm begraben: diesen Unsinn
hat erst Danızov (oder sein Gewährsmann) erfunden, weil er sich
auf einmal erinnerte, daß die Schwanenmaid Maria und Potyk sich
einst zu einem solchen gegenseitigen Begrabenwerden verpflichtet
hatten, was natürlich die zweite Frau, die eine „bürgerliche“,
keine Schwanenmaid war, nichts anging. Danızov liebt übrigens
„friedliche“ Ausklänge; in welcher Harmonie endigt bei ihm z. B.
das Chotönlied! Die ganze Anlage des Potykliedes hatte nichts
mit irgendeiner Brünhildsage zu schaffen; wenn einige Sänger
ein solches Motiv hereintragen, ist daran nur ihr schlechtes Ge-
dächtnis schuld, denn Lücken und Improvisationen, das Herein-
“bringen fertigen Stoffes von anders woher wechseln bei ihnen
stets miteinander, daher ist es überflüssig, die einzelnen Aus-
996 A. BRÜCKNER
führungen Jarcno’s zu bemängeln: wie soll man etwas ernstlich
bekämpfen, was von vornherein jeglicher Wahrscheinlichkeit ent-
behrt? JarcHo’s verschwendete Mühe erinnert an einen älteren,
ähnlichen Fall: welche Unsumme von Wissen und Arbeit hat
nicht Zpanov verschwendet, um auf 230 enggedruckten Seiten
etwas Unmögliches möglich zu machen, die echt Novgoroder
Sage von Vaska Buszasev mit der Sage von Robert dem Teufel
zu verquicken.
Unter den uns bekannten russischen Liedern gibt es keines,
das die den Märchen wohlbekannte Brünhildesage behandeln
würde, abgesehen von den eben erwähnten vereinzelten Anklängen
in einigen Potyk- und Kostrjukvarianten; das ist das sichere
Ergebnis der Studie von Löwıs. Löwıs wirft S. 105ff. die Frage
nach „einer Umbildung von germanischem Lied zur Byline“ auf;
erwähnt die von RoZnıeckı vertretene „schwedische Herkunft
der Solovejbyline“, was verworfen werden muß (diepaar technischen
Schiffstermini und geographischen Namen sind erst im Norden
an das Kiewer Lied angeflogen und beweisen nichts; weitere
sprachliche Deutungen RoznıEckr's, z. B. die Form Niepra statt
Dniepr sind falsch!); mit Recht wendet Löwıs ein, daß für ein
altes germanisches Lied die Solovejbyline merkwürdig handlungs-
arm ist. Ebensowenig gibt es nach ihm eine Berührung zwischen
dem ersten Helgilied und der Volchbyline, die SchRöper be-
.‚hauptete. Dagegen nimmt Löwıs Eindringen einzelner deutscher
und nordischer Sagenzüge in Bylinen und Märchen an und er-
wähnt „als Prachtbeispiel die Bedeckungsbuße im Chotenliede“
(dem Choten soll der in den Boden gesteckte Speer mit Gold
bedeckt werden, ein altgermanischer Bußbrauch), aber ist dies
nicht eher ein überall möglicher Zug?
Das oben erwähnte Buslajevlied, zu dessen Verdunkelung
und Verwirrung J. Zvanov (Russkij bylevoj epos, S. 193— 429,
Petersburg 1395), alles menschenmögliche beigetragen hat, ist
unter den älteren Bylinen eines der interessantesten, wegen seines
fest umrissenen, lokalen Hintergrundes (das Sadkolied ist ja nur
Zaubermärchen) und wirklich Novgoroder Luft atmend. Es ist
bekanntlich außerordentlich stabil d.h. seine Varianten ändern
nichts wesentliches an der leicht erschließbaren Grundform; es
Michajlo Potyk und der wahre Sinn der Bylinen 397
behandelt die Rüpeleien des Vaska, wie er die Novgoroder Leute
kaput schlägt (bier endigen schon einzelne Texte) und später,
in echt russischem, näher gar nicht motivierten Umschwung
seiner Laune, die Pilgerfahrt zur „Seelenrettung“ unternimmt
(mit seiner Bande, den 29), auf der der Trotzkopf seinen Unter-
gang findet. Was hat nun aus diesem echtrussischen Thema
Zoanov gemacht?
Um es in die Robert-Teufelsage einzuzwängen, dichtete er
gegen den ausdrücklichen Wortlaut aller Lieder dem Vaska einen
dämonischen Ursprung und ein christlichfrommes Ende an. Vaska
soll nicht auf seiner Rückfahrt aus Jerusalem umgekommen sein,
sondern sich nur verletzt haben, sei gesund und fromm geworden
und in hohen Ehren als Novgoroder Posadnik 1171 gestorben.
Nun weiß es ja Zoanov, daß ein solcher Novgoroder Posadnik
rein erfunden ist, trotzdem knüpft er daran sein Hirngespinst
von dem reuigen Räuber und dessen moralischer Wiedergeburt
getrost an. Die dämonische Natur des Vaska erkennt er in dessen
Jugend: die Kinder, mit denen Vaska spielt, verlieren durch ihn
Arm, Beine, Kopf — aber das ist ja typisch, jeder Held fängt
so an, z. B. Dobrynja in Rjazan und viele andere bezeugen ebenso
ihre künftige Heldenkraft in frühester Jugend, ohne dämonisch
zu sein. Für den dämonischen Ursprung Vaskas bringt Zpanov
noch ein Zeugnis bei: Vaska ist ja ein Spätling und da hat
nun ein einziger Sänger diese Spätgeburt begründet, indem er
in Prosa eine Bemerkung darüber hinzufügte, die er /oder sein
Gewährsmann) erfunden hat, denn keine Spur von ursprünglichem
Vers ist in dieser seiner Bemerkung aufzutreiben, während er sonst
das ganze Lied richtig vortrug; für diese willkürliche Erweiterung
ist nirgends (auch bei Danxızov nicht, der das VaSkalied in zwei
Lieder zerschlägt) etwas aufzutreiben und sie ist als müßige Er-
findung, wie der Brünhildestoff im Potykliede n. a. abzuweisen.
Hinter dem Vaskalied steckt nicht Robert der Teufel noch
die Sage vom reuigen Räuber (Madej u. a.), sondern, wenigstens
für sein erstes Motiv, Novgoroder Wirklichkeit. Wir wissen ja,
sowohl von HERBERSTEIN (1518), wie aus russischen Quellen, wie
auf der Volchovbrücke die Bürgerschaft mit Knüppeln aufein-
ander losschlug, ein Knüppelturnier mit festen Regeln und
328 A. BrÜckNER
homerischen Episoden, das bis heute in russischen Städten und
Städtchen fortlebt, wo im boj na kulaöki zu Fastnacht Vorstädter
und andere Leute aufeinander losschlagen; russische Belletristen
des 19. Jahrh. haben uns sehr anschauliche Bilder dieser Massen-
turniere geliefert. Einen epischen Widerhall davon gibt nun das
Vaskalied, doch ist natürlich das Thema aus seiner Alltäglichkeit
sublimiert, mit allerlei epischem Drum und Dran behängt: ein
Kämpe überragt alle andern, schart um sich gleich beherzte
Kumpane und führt mit ihnen Wunderstreiche, daß sich erst seine
betagte Mutter mit List ins Zeug legen muß, um seinem Über-
mut ein Ziel zu setzen. Es ist somit nur überschäumende Kraft
und Waghalsigkeit der Novgoroder Jungen, die im Liede (ohne
irgendwelche Beziehung auf bestimmte Person noch Zeit, also
ganz unhistorisch) sich widerspiegelt. Das andere Motiv, die
Jerusalemreise, war ebenso dem alten Rußland bestens bekannt,
und daß der Wagehals hier seinen plötzlichen Tod fand (ohne
Spur von Reue u. dgl.), war stilgerechter Abschluß, mögen auch
die Einzelheiten (Totenbein; Stein), weit hergeholt sein; die
Byline dürfte nicht vor dem 14./15. Jahrh. entstanden sein; die
Namen des Vaska und seiner Bande sind willkürlich gewählt.
Die Rolle der Mutter-Witwe ist die typische, vgl. Mutter-Witwe
des Dobrynja oder Djuk.
Der Kuriosität halber sei auch die neueste Potykdeutung
erwähnt. Wir glaubten alle, die Mythologisierung der Starinen
wäre mit Aranassev und O. MitLer für immer eingescharrt, aber
sie ist in den Arbeiten von Grorezs DumkzıL auferstanden.
In der Revue des &tudes slaves V, 1925, S. 205—237 (Les Bylines
de M. Potyk et les legendes indoeuropeennes de l’ambroisie),
weist D. nach, wie alle Einzelheiten seines Schemas vom Ambrosia-
märchen (Beschaffung der Götterspeise, Kampf der Dämonen
darum, Entführung usw.), sich Punkt für Punkt und in derselben
Reihenfolge im Potyk wiederholen. Es wäre zu langweilig, diese
Rekonstruktion zu wiederholen; wer Lust hat, lese sie in der
Reyue nach; wir fragen nur, wie ist D. darauf verfallen? Ganz
wie JarcHo auf das Brünhildemotiv. Die Potykstarine ist ja
beliebt d. h. es steht jedem skazitel’ frei, sie mit allerlei Tand
aus dem eisernen Inventar der Starinen zu behängen und je
Michajlo Potyk und der wahre Sinn der Bylinen 329
jünger er ist und sein Gedächtnis schlechter, desto mehr nimmt
er diese Freiheit in Anspruch d. h. er nimmt desto mehr und desto
zufälligere Züge, die von jedem beliebigen Starinenhelden berichtet
werden, auf. D. versteift sich nun gerade auf diese nichtssagende
Zutaten und übergeht alles Wesentliche, kehrt einfach das richtige
Verhältnis um. Wir wissen, daß es gleichgültig ist, ob Potyk
auf die Jagd oder zum Tributerheben ausgeht, ob er mit dem
fremden Zaren Schach spielt oder nicht, ob er für seine Tat
mit dem „Weintrinken gratis“ belohnt wird oder nicht usw., denn
alles dies wird auch von jedem andern Helden, von Ilja, Dobrynja,
Vasilij dem Säufer usw. erzählt, ist nur bloßes Füllsel, nichts
wesentliches, kann immer wegbleiben, ändert und besagt nichts.
Wird die Maria bezsmertnaja genannt, obwohl sie smertnaja ist
und immer getötet wird, so bezieht sich der Name auf ihren
ersten, natürlichen Tod, aus dem sie durch den Schlangentrank
geweckt wird. Einige Varianten erzählen ganz unsinnig, wie
40 Zare und Zarevidi die Herausgabe der Marja fordern, wie
Michajlo sich als Marja verkleidet und durch welche List er
diese Freier vernichtet: unsinnig, denn gleich darauf entführt
ja ein einziger Zar die Marja; es ist jener Kampf usw. somit
nur eine unnütze Erweiterung nach bekannten Mustern! Wenn
D. solchen Nachdruck auf den buveur Potyk legt, schade, daß
er auch nicht der buveuse Marja gedenkt: eines ist ebenso
wertvoll wie das andere. Gar nicht erklärt wird das Annageln;
das Versteinern wird als Folge des Trankes, den Marja ihrem
. Manne reicht, dargestellt, was falsch ist: alle drei sind ganz
getrennte Fakta! Doch will ich diesen Kampf mit Windmühlen
nicht fortsetzen. Das Potyklied ist, wie die ältesten Prosaauf-
zeichnungen und die polnische Version des 14. Jahrh. unwider-
leglich beweisen, ein Lied von der bestraften Untreue der Gattin
und nichts anderes; wie die Gattin erworben war, blieb der
Phantasie überlassen, modelten die einen Erzähler so (sogar
nach dem Valtharius manu fortis!), die andern anders. Aus diesem
natürlichen Zusammenhang einzelne Zusätze, Episoden, Erweite-
rungen herauszureißen und auf ihnen ein den Russen ganz
unbekanntes Ambrosiaschema aufzubauen, ist reine Willkür.
Dasselbe gilt von dem Aufsatz von B. J. JarcHo, epiteskije elementy
330 A. BRÜCKNER
priurodennyje k imeni M. Potyka, Etnografideskoje Obozrenije
Band 87 S. 49-79 Moskau 1911. Das Unbedeutende, Zufällige
(so das Brünhilde-Motiv) wird in den Vordergrund gerückt; wie
wird z. B. die „Annagelung“ grundfalsch nit germanischen Motiven
(aus den Nibelungen) verglichen, mit denen sie nichts zu tun
hat usw.
In Melanges publies en l’honneur de P. Boyer Paris 1925,
hat dann Herr Dumszın in „Soukhmanti Odikhmantievitch‘“
den Zug erklären wollen, nach dem Suchmantij aus seinen Wunden
die Blumen herausreißt, mit denen sie verstopft waren, und so
verblutet (aus diesem Blut entsteht die Suchona). Ich kenne
diesen Aufsatz nur aus dem Referat in Slavia V 850: darnach
soll dieser Zug beruhen auf dem traditionellen Hineinwerfen der
mit Blumen geschmückten Bilder der heidnischen Gottheiten Jarilo,
Kostroma u. a. in einen Fluß. Eine Widerlegung dieses grotesken
Einfalls wäre überflüssig (Suchmantij wird ja gar nicht in den
Fluß geworfen und wie soll er anders seinen Selbstmord aus-
führen ?). Das amüsanteste an der Geschichte ist, daß die beiden
Referenten in der Slavia (V 850 und 866), anstatt mit hellem
Lachen das mythologische Gespenst zu verscheuchen, ihren ehrer-
bietigsten Knix davor machen!
III.
Auf die verkehrte, heute verschollene „mythologische‘‘ Deu-
tung der Lieder folgte die ebenso verkehrte „historische“, die
bald gleicher Verschollenheit anheimfallen wird. Ihre Vertreter,
von Vs. Mıuver bis MArkov, LsAScenko, HRUSEVSKIJ U. a., finden
inChroniken oder Akten dieselben oder ähnlich klingende Personen-
und Ortsnamen, erfinden irgendwelche, illusorische Beziehungen
der Namensträger zum Liederstoff und ziehen aus diesen phan-
tastischen Prämissen weitgehende Schlüsse auf Ort und Zeit,
Bedeutung und Anspielungen der Lieder selbst. Natürlich kommt
dabei jeder Forscherzu grundverschiedenen Resultaten. Das Mamaj-
oder Kamalied geht nach MıLver auf die Kalkaschlacht vom Jahre
1224, nach Marxov auf die Niederlage der Novgoroder in Ingrien
vom. Jahre 1357 zurück; der Fürst Roman der Lieder stammt
nach dem einen Roman von Haliez, nach dem andern Roman
Michajlo Potyk und der wahre Siun der Bylinen 331
von BRJANsk usw. Aber es handelt sich hier nicht um Einzel-
deutungen; das ganze Prinzip als solches ist unmöglich und
widersinnig.
Den Todesstoß hätte ihm schon die Erwägung geben sollen,
daß es von dem Cid Campeador dieser Lieder keine historische
Spur gibt. Ist somit Ilja ein reines Phantasieprodukt, dem nichts
in der Wirklichkeit entspricht, so kann es auch mit den Dobrynja,
AljoSa, Curilo, Djuk usw. nicht anders sein; auch sie sind nur
Märchenprinzen. Daß ein und der andere von ihnen in späten
annalistischen Kompilationen (des 15.—17. Jahrh.) genannt wird,
besagt nichts, denn es hat nur der Kompilator aus dem Liede
seinen Bericht aufgetüncht. Alle Lieder einzeln durchzugehen
und ihre „historischen‘‘ Deutungen zu widerlegen, würde zu weit
führen, hieße oft, offene Türen einrennen?); wir beschränken uns
1) Ich spreche absichtlich von offenen Türen, denn es haben die
„Historiker“ untereinander gründlichst selbst aufgeräumt. Am schlimmsten
ist es Vs. MILLER ergangen. Nach seinem Tode hat sein Schüler,
MARKOV, „dem Andenken des teueren Lehrers“ ausführliche Studien
gewidmet (in den Petersburger Izvöstija 1914 XIX; 1915 XX1,
Ss. 291—349; 1916 XXI1, S. 71—108), worin er alle historischen
Deutungen „seines teueren Lehrers“ als absolut falsch erwiesen hat,
ja nicht nur die einzelnen Deutungen, sondern die Gesamtauffassungen
MILLER’s: von dem Einfluß des smutnoje vremja auf die Lieder
(speziell auf die Iljalieder); von der zweiten Hälfte des 16. Jahrh. als
„der Zeit der Restauration der alten Bylinenstoffe, entsprechend den
zeitgenössischen historischen Bedingungen und sozialen Begriffen“; endlich
von Novgorod als der Heimat so vieler Bylinen. Das Pikante dabei
ist, daß die Deutungen MARKOoV’s oft ebenso falsch sind, wie die von
ihm verworfenen MILLER’s; z. B. den Namen Kofyvanov deutete dieser
aus dem finnischen Kaleva (Finnenheimat), MARKOVY ebenso richtig
aus Kaloioannes; die bei DAnILoV genannten Ljutory erkannte er
treffend als den Namen einer ausgestorbenen sibirischen Völkerschaft,
während MILLER daraus Lutheraner machte. Ob AKULOVIO (Zaren-
name in den Liedern) wirklich auf nordgroßruss. okuwla ‚Gauner‘ (und
dieser auf finnisch o/ckela ‚schlau‘ aus lit. akylas ‚sichtig‘) zurückgeht,
möchte ich doch sehr bezweifeln, würde schon eher auf die akula
zurückgreifen. Die gora palavonskaja im Djukliede erklärt MILLER
als *pawlonskaja aus der finnischen (!!) Paivola; nach MARKOV (8. 319)
ist es Palangonskaja oder Palacgonskaja gewesen, von palan ‚planina‘
nach dem Muster der gora Sivonskaja, was ebenso „richtig“ ist, vgl. u.
Diese Proben reichen aus, um zu zeigen, wie die „Historiker“ miteinander
umspringen;; einer widerlegt den andern und überhebt uns weiterer Mühe.
Zeitschrift f. slav, Philologie. Bd. TV. 22
332 A. BRÜCKNER
daher auf ausführlichere Darlegung einiger weniger, des von Djuk
und des von Qurilo; beide gehören zusammen, weil beiden die
„Historiker“ andichteten, sie wären auf halizischwolynischem Boden
oder zur mindesten aus halizischwolynischem Stoff entstanden.
Das Djuklied beruht bekanntlich auf dem Stoff vom „reichen
Indien“; wie der Brief des Presbyter Johannes an den Kaiser
Manuel die Armut Konstantinopels gegen die Pracht Indiens
ironisieren soll(??), so wird Kievs Schäbigkeit gegen den Reich-
tum von Haliez (!!) persifliert: Kievs Vertreter, Curito, erliegt
im Wettstreit um Kleiderpracht und Rosseskraft dem Haliezer
Djuk, begnadigt vom Sieger, der dann dem ärmlichen Kiev für
immer den Rücken kehrt. Es ist Russifizierung eines !nter-
nationalen Stoffes (der nebenbei gesagt älter ist als Manuel und
sein Großtun!), in derselben Weise, wie der Stoff von Joseph und
Benjamin im Liede von den Vierzig Pilgern oder der Alexander-
roman im Liede von Volch: eine rein literarische Sache; die
Namen selbst, sowohl Halicz-Wolyn wie Djuk Stepanovid, sind
zufällig angeflogen, wie etwa der Name Potyk im Liede von ihm
und besagen nichts über Ort und Zeit, die wie bei andern Liedern
auf Kiev und das 13. Jahrh. hinauslaufen.
Grundsätzlich anders fassen die „Historiker‘‘ dieses Lied
auf. Am ausführlichsten handelte darüber A. I. LsaScenko in den
Petersburger Izvestija XXX, 1926, S. 45—142; auf Grund der
Namen kommt er zu dem Ergebnis, daß Djuk Stepanovi@ der
Arpade Stephan IV (herrschte 1162—1165) ist, der als Prinz-dux
zu Ostern 1151, als Bundesgenosse des Großfürsten Izjaslav
mit seinen Ungarn in Kiev einzog und den Kievern nach dem
Gastmahl, das Izjaslav feierlich anrichtete, mit dem Turnierspiel
seiner Ungarn imponierte: die Hypatiuschronik berichtet über den
tiefen Eindruck, den die ungarischen Reiter mit ihren Künsten auf
die Kiever machten. LsAScenko weist alle „ungarischen‘‘ Anspie-
lungen nach: der Name ist ja klar, nur ist die Würde (dux) ver-
schoben zum Personennamen, aber Stepan hat sich gut erhalten,
wenn auch als Vatersname; der Bischof von Cernigov, der sich
für Djuk verbürgt, ist der Erzbischof von Gran (Esterhom, auch
dreisilbig!!); der Wein, von dem Djuk schwärmt, ist der be-
rühmte Syrmierwein, von dem alle ungarischen Weine stammen;
Michajlo Potyk und der wahre Sinn der Bylinen 333
sein Pferd — die ungarischen waren berühmt; dieKamaadler sind die
ungarischen Steinadler (Kamen); Indien, woher Djuk kommt, ist das
Städtchen Indija in Syrmien, denn Syrmien war dem Prinzen Stephan
zugefallen und hier weilte er bei seiner Mutter-Witwe; sogar der
wunderbare Schmuck seines Kleides weist auf ungarische Kunst hin.
In „Ungarische Jahrbücher‘ VI, Berlin 1926, habe ich in
einem besondern Aufsatz („Ein Arpadenheld russischer Balladen“
S. 427—433), alle Angaben LsaSöenko’s als rein phantastische
Erfindungen oder als nichtssagende Zufälligkeiten erwiesen. Ich
will mich nicht wiederholen und erwähne daher nur, daß nach
Kiev niemals ein ungarischer Prinz oder Erzbischof gekommen
sind; daß sie in dem, erst im 15. Jahrh. genannten Indija nie
residierten; daß der Bischof von Cernigov eine typische Bylinen-
figur ist, die nichts spezielles mit Ungarn noch mit Djuk ver-
bindet; daß Palacz-gora Afanasjeva, vor der die Mutter Djuk
warnt, nichts mit den Palöczenorten (Polovei) Ungarns zu tun
hat: man könnte geradezu den Namen wörtlich nehmen, den
Berg des Henkers Afanasij (viele reiten ja ihn herauf, aber nur
wenige herunter), wenn man überhaupt der phantastischen Geo-
graphie der Bylinen Wert beilegt. Nebenbei bemerkt erinnert die
Pala&- oder Palangora samt der gora palavonskaja an das ge-
birgige Pelagonien im Sprengel von Ochrida, das den Bulgaren
aus ihrer Legende vom H. Räuber Varvar (s. darüber RAnDGENnko
in Afsl Phil. XXII 575) wohl bekannt war: ist nicht der Name
von Potyk ebenso wie der von diesem Pelagonien = palavonskij
zu gleicher Zeit aus Bulgarien herübergekommen? Jedenfalls
kann sich diese Vermutung getrost neben allen andern Versuchen
der Erklärung dieses Namens sehen lassen. LsaSöenko stellt in
Aussicht, auch in andern Bylinen „ungarische“ Reminiszenzen
nachweisen zu können, aber diese Probe genügt völlig.
Die historischen Deutungen haben das gemein, daß jeder
Historiker eine andere gibt. HruSevskıs (IV 139—146) schließt
sich an Vs. MırLer an: der Abenteurer Andronik, Bruder des
griechischen Kaisers, kam 1165 nach Haliez zum Fürsten Jaroslav,
wo er durch seine griechische Kultur, Pracht, Eleganz imponierte;
mit seinem Auftreten mögen sich vermischt haben die märchen-
haften Züge aus dem Briefe des Presbyter Joannes, der vielleicht
22*
334 A. Brückner
speziell gegen den Kaiser und seine Prunksucht gerichtet war,
der Byzanz in diesem Wettstreit schmählich unterliegen ließ.
Was ursprünglich gegen Byzanz abzielte, lief in der neuen Fassung
auf Heruntersetzung Kievs gegenüber Halicz hinaus usw.
Diese „griechische“ Erklärung ist ebensoviel wert wie jene
„ungarische“. Sie geht vor allem von der Voraussetzung aus,
daß das Lied in Halicz entstanden ist, aber was hat die bloße
Nennung Halicz-Wolyn(ec) mit der Heimat des Liedes zu tun?
Diese Nennung ist eine rein zufällige, willkürliche — in einem
Atem wird ja neben Halicz das armselige Karelien als dieses
Wunderland gepriesen! Natürlich hat die nordische Korela die
Historiker nicht befriedigt, sie suchten darin — Korljazi oder
vermuteten Verderbnis aus einem dritten „galizischen“ Ort,
PeremySl oder Terebowlja (HruSevskıs S. 143 Anm. 2)!! Alles
vergebliche Mühe, ebensowenig wie Karelien hat auch Halicz-
Wolyn irgendetwas mit dem Inhalt des Liedes zu tun: der einzige
maßgebende Punkt ist eben das „reiche Indien‘, das in keiner
Variante fehlt, während im weiteren Verlauf des Liedes von
Halicz und Korela in der Regel gar keine Erwähnung mehr ge-
schieht, sie waren nur für den Eingang nötig, für dessen typische
Dreizahl. Das angebliche dreifache Panorama: Haliez, Byzanz,
Indien, von dem aller Glanz schließlich (dovoli nezasiuzeno ge-
steht HruSevskıs selbst S. 145) auf das unbedeutende Halicz
herabfloß, existiert nicht; es gibt nur das reiche Indien d.h. das
Märchen von ihm, das den Verfasser des Liedes zur Nachahmung
und zur notwendigen Verpflanzung nach Kiev reizte. Zur Ab-
wechslung sollte einmal märchenhafter Reichtum geschildert
werden, dessen Vertreter aus dem Wunderlande kommen mußte,
dem gegenüber die Kiever nicht aufkommen können; ein Wett-
streit (z. B. im Pfeilschuß, Pferderennen u. ä.), war längst typisch,
wurde hier auf Kleidung und Roß übertragen; der Sieger kehrte
Kiev den Rücken, aber man schickte in seine Heimat verläßliche
Leute, die seinen Reichtum abschätzen sollten und deren Kräfte
dies überstieg, die dies nach Kiev melden; damit endigt das Lied,
und wenn Djuk hie und da noch in andern Bylinen genannt
wird, geschieht dies nur, weil alle Bylinen zusammen eine Art
Zyklus bilden, in dem man sich gegenseitig nennt, sucht und findet.
Michajlo Potyk und der wahre Sion der Bylinen 335
Entstanden ist das Djuklied im i3. Jahrh., als die Rolle
des Curilo als Stutzer schon feststand.. Wo das reiche Indien
liegen sollte, davon hatte der Sänger keine Ahnung; er konnte
es von Kiev nicht zu weit abrücken lassen; Haliez, Bojaren-
oder Fürstensohn, der westliche Name Stephan, bei Ungarn,
Serben geläufig, der westliche Titel dux waren für ihn ganz un-
klare, daher erwünschte Begriffe. Was die Heranziehung des
französischen Epos von der Fahrt Kaiser Karls nach Jerusalem
und Konstantinopel (durch Vesezovsk1s) bezweckte, ist gar nicht
einzusehen: beide Stoffe liegen sich völlig fern, aber VzsELovskıs
hatte öfters in seinen Kombinationen das gleiche Malheur. Was
hat z. B. Sadko mit dem altfranzösischen Sadoc gemein oder Ivan
gostinyj syn mit dem altfranzösischen Iracle? Aus bloßen zu-
fällig ähnlichen Märchenzügen folgt für den Stoff selbst nicht
das geringste.
Das Djukliec ist genau ebenso entstanden wie alle andern
Lieder, die auf ausschließlich literarischen Quellen beruhen. Der
Sänger hat eine Geschichte gelesen oder, da er meist Analphabet
war, gehört und sie regte ihn zum Nachschaffen für seine Russen
in der typisch gewordenen Bylinenform an. So las oder hörte
er vom Patriarchen Joseph und verwertete ihn für seine Russen;
nur verwischte er dabei sorgfältigst allzu deutliche Spuren seiner
Vorlage, um vor seine naiven Zuhörer mit etwas ganz neuem,
Originalrussischen bintreten zu können. Potifar und Frau wurden
selbstverständlich Vladimir und Apraksija; sie geht selbst zum
schönen Kasjan oder läßt ihn (vergeblich) zu sich kommen und
rächt sich nun mit dem Becher; die Söhne Jakobs zogen wegen
ihrer leiblichen Notdurft, die Pilger wegen ihrer seelischen; da-
mit Kasjans Keuschheit halbwegs glaubwürdig erscheine, ver-
pflichten sie sich dazu durch ein Extragelübde. Charakteristisch
ist, wie die biblische Sage rein menschlich bleibt, die Byline
dagegen am Schluß ins märchen-, legendenhafte ausbiegt (das
Wunder, wie Kasjan am Leben bleibt). Oder der Sänger hat
die Erzählung gehört vom Kaufmann Basargin, wie er in der
Fremde Waren und Leben durch Rätsellösen rettet und den
fremden Zar tötet. Der Kaufmann wurde zum Novgoroder Fürsten
(nur Novgorod trieb ja Seehandel), der seine Schiffer ausschickt,
336 A. BRÜCKNER
die ihm ihre Not melden, worauf er selbst hineilt, die Rätsel
löst und die Zarin tötet (natürlich „Marinka‘“ mit dem Giftbecher,
den er, vorsichtiger als Potyk, nicht trinkt, sondern das Feuer-
wasser ausgießt); durch welchen Zufall Korsun statt eines be-
liebigen andeın fremden Hafens genannt wird, bleibt gleichgültig;
nicht anders ist es mit Halicz im Djuklied.
Der Sänger hatte von dem reichen Indien gehört und neu
lockte es ihn, ein Bilä märchenhafter Pracht zu entrollen. Den
indolenten Vladimir und seine Apraksija konnte er nicht nach
Indien selbst schicken, also kam von dort einer, der Kiev nach
Strich und Faden blamierte und dann ihm für immer den Rücken
kehrte; eine Kiever Kommission stellte noch den Reichtum der
Stadt Indija fest. Hier ließ der Sänger seiner Phantasie freien
Lauf, aber es ist charakteristisch, wie hinter den Märchenzügen
russische Wirklichkeit hindurchschimmert. Dazu gehört förmlich
auch die Nennung von Halicz und Karelien; das auch unter
Osmomyst ganz unbedeutende Halicz konnte keinen begründeten
Anspruch darauf erheben; warum es auftauchen konnte, wird im
VI. Abschnitt noch erklärt werden. Natürlich hat Djuk Stepanovie
nichts mit Halicz noch mit Karelien zu tun, er gehört nur zu
Indija, wie sein unrussischer Titelname beweist. Es fehlt somit
dem Djuklied jede historische Beziehung; es ist ausschließlich
Märchen, eingezwängt in die typische Bylinenform und von auf-
fallender Geschlossenheit: in dem Halbhundert von Varianten,
die wir davon besitzen, wird nichts wesentliches geändert; es ist
der unveränderlichste aller Bylinenstoffe geblieben.
IV.
Im engen Zusammenhang mit dem Djuklied steht das Curilo-
lied, nur ist dieser Zusammenhang kein organischer, durch den
Stoff selbst gegebener. Dieser ist, wie bei allen Bylinen, ein
rein novellistischer, nur ist nie irgend eine heroische Färbung
dieser Novelle von dem Kiever Don Juan angeflogen, seinen Er-
folgen bei dem schönen Geschlecht und deren tragischem Aus-
gang. Man sieht nicht ein, wo hier eine „historische“ Deutung
einhaken könnte, aber die „Historiker“ sind deswegen nicht in
Verlegenheit. Es genügt nämlich dem Curilo nicht seine Schön-
Michajlo Potyk und der wahre Sinn der Bylinen 337
heit, diese muß eine reiche Fassung haben, um desto unwider-
stehlicher zu wirken; sein übergroßer märchenhafter Reichtum
schürt seinen Übermut; seine Leute erlauben sich alle Frech-
heiten und Fürst Vladimir sieht ruhig zu, läßt sich durch reiche
(reschenke bestechen und zieht sogar den Frevler an seinen Hof,
wo er durch seine Schönheit Unheil anrichtet, bis ihn die Strafe
ereilt. Dies genügte, um die „Historiker‘‘ an den Trotz und
Übermut der galizischen Bojaren des 12. und 13. Jahrh. zu er-
innern und so einen „historischen‘‘ Hintergrund des Liedes zu
erfinden; dazu kommt, daß noch heute im Volkslied in Galizien
ein Curilo als Buhler genannt wird, es muß also das Lied in
Halicz entstanden sein. Natürlich ist das Lied wie die meisten
andern in Kiev entstanden und hat hier wegen seines Stoffes,
der nichts von den IdoliS&öa und andern Ungeheuern weiß, eine
außerordentliche Beliebtheit, zumal bei Frauen, gefunden; Curilo
wurde ein Typus. Als 1562 der polnische Dichter Rey in seinen
Stammbuchversen auf die ihm bekannte Familie Curylo zu sprechen
kam, begann er seine „Oktave‘“ mit den Worten: es war einst
in Kiev ein berühmter Buhle Curylo usw. und dieser Name in
dieser Funktion ist förmlich verewigt, nur folgte daraus mit
nichten, daß der Kiever Stoff in Halicz entstanden wäre!
Curilo hat mit Djuk ursprünglich nichts zu tun; er verwirrt
allen Frauen den Kopf; die Fürstin schneidet sich in den Finger,
weil sie sich in ihn beim Essen versieht und verlangt ihn als
ihren Kämmerer (postelnik). Seine Schönheit und Reichtum ge-
paart mit Eleganz lassen ihn zum Zeremonienmeister (der die
Gäste einzuladen hat) aufrücken; so kommt er auch in das Haus
des alten Bermjata, dessen Frau ihm sofort ihre Liebe gesteht.
Er nützt dies aus, wird aber von der schwarzen Dienerin, deren
Schweigen man nicht erkauft, verraten; Bermjata überrascht das
Paar und tötet es. Diese Ehebruchsgeschichte genügte nicht allen
Sängern; sie flechten ganz überflüssiger Weise den Eingang vom
Übermut der Leute Curilos und seinem außerordentlichen Reich-
tum ein, zum Teil mit denselben Details, die bei Djuk auftreten,
die bei Djuk notwendig sind, weil ja sein Reichtum eingeschätzt
werden muß, bei Curilo nur der Verlängerung des Liedes dienen;
sie sind daher erst aus dem Djuklied hier hereingetragen; das
338 A. BRÜCKNER
Lied wird überflüssiger Weise zu einem Zaubermärchen ä la
Djuk. Daß Djuk gerade mit Curilo die Wetten eingeht, die
dieser verlieren muß, ergibt sich aus der Situation: Curilo ist ja
kein Held, hat kein Heldenroß; weder Dobrynja noch sonst ein
anderer Held schickte sich dazu, einem Fremden zu unterliegen,
Gurilo ist dazu gut genug gewesen; der Fluß Saroga, an dem
sein Besitztum liegt, gehört in dieselbe Geographie, in der Halicz
und Korela, Korsuh und Indien figurieren; warum sein Vater
Plenko heißt, bleibt ebenso gleichgültig; die Einfälle von Vese-
vovskıs (Frank aus SuroZ!) bedürfen keiner Widerlegung, vgl.
Vs. Mıtner darüber.
Der Stoff ist so einfach, die Verquickung mit den Haliczer
Bojaren so offenkundig falsch, daß kein weiteres Wort darüber
zu verlieren wäre, wäre es nicht interessant einer tendenziösen
'Verdrehung dieses Liedes besonders noch zu gedenken. So hat
Vs. MıLLER, getreu seiner Tendenz, möglichst vieles für Novgorod
und das 15. oder gar 16. Jahrh. zu retten, auch das Curilolied
in Novgorod in der zweiten Hälfte des 15. Jahrh. entstehen
lassen, als die gelockerte Moral der höheren Novgoroder Schichten
derartigen Stoffen Vorschub leistete!! Einige nichtssagende
Kleinigkeiten!) sollten diesen Einfall stützen, der schon an dem
Zeugnis des Rey von 1562 (damals als alte Sage in Kiev!) als
Seifenblase platzt. CHaranskıs wiederum, getragen von der Ab-
sicht, alles dem Süden nach Kräften abzusprechen, findet in dem
1) Um keiner Voreingenommenheit beschuldigt zu werden, will
ich wenigstens in der Anmerkung diese angeblichen Novgoroder Züge
nennen. Also die (echt novgorodische) Unbedeutendheit des Fürsten
Vladimir, als ob diese Unbedeutendheit nicht typisch für ihn wäre;
der Reichtum des Privatmannes; der gewerbliche Charakter seines Ge-
folges, Jäger und Fischer (aber sie schädigen nur die Jäger und Fischer
des Fürsten — und wo bleiben die Falkner? die Kre&etniki und
sokolniki?); die fatynskije Zerebey seines Gefolges; die kostbaren Felle
nordischer Tiere, die er dem Vladimir schenkt; daß es zu Mariä Ver-
kündigung schneit (im Schnee sind nämlich die Fußspuren des Curio
zu erkennen und Fleischeslust ist gerade an diesem Festtage schwer
verpönt); der Samt und die goldnen "Apfelknöpfe an seinem Putz (aber
bei Djuk ist alles noch viel schöner gewesen!). Diese letzteren Ent-
lehnungen aus dem Westen seien nur für Novgorod selbstverständlich
wie jene anderen, während in Wirklichkeit alle zusammen nichts besagen.
Michajlo Potyk und der wahre Sinn der Bylinen 339
Stoff Moskauer Züge des 16. Jahrh. und hat in V. Röıca einen
unerwarteten Bundesgenossen gefunden, der in Izvöstija XX VIII
S. 75—84, einen Curilo Surovcov in Moskau aufgetrieben hat.
CHarAnskıs nämlich behauptet, daß die Moskauer Periode der
Bylinen sich durch ideale Bilder, reine Erfindungen der Volks-
phantasie auszeichne, während in den Heldengestalten der älteren
Bylinen man mitunter faktische, historische Personen entdecken
kann, die durch heroische Taten berühmtes Andenken erworben
haben. Somit gehört das Curilolied nicht dem „südrussischen“
(charakteristischer Terminus der Russen seit VeszLovskıs, die
das allein richtige ‚„Kiever‘“ gar nicht herausbringen können!),
sondern dem nordgroßrussischen Epos an und ist in der Moskauer
Periode entstanden‘). Es hat nun RZıca aus Klosterdaten Joana
Curilova syna Surovcova aufgestöbert, in den 40er Jahren des
16. Jahrh.; folglich muß sein Ahn, dieser Curilo Surovcov als
bedeutende Persönlichkeit in der zweiten Hälfte des 15. Jahrh.
gelebt haben, zur Zeit da die Byline von Curilo verfaßt worden .
ist. Es braucht kaum erwähnt zu werden, daß alle diese tenden-
ziösen Kombinationen an dem bloßen Reyschen Zitat, das den
Curio 1562 als alt in Kiev verankert hat, restlos zerplatzen.
Zu welchen Künsteleien sich dabei die Forscher versteigen,
zeigt Vs. Mıtuer, der zweierlei Curilolieder ansetzt; das älteste,
uns unbekannte, wäre galizisch-wolynischen Ursprungs; das neue
uns geläufige wäre novgorodisch; ihm scheint der älteste Curito-
stoff im Wettkampf mit Djuk gegeben, aber dieser ist offen-
kundig gerade der jüngste. Daß eine einzige Variante den Djuk
auch mit andern Helden Turniere siegreich ausfechten läßt, ist
eben Ausschmückung eines einzelnen Sängers, der eben diese Helden
an der zastava Wache halten ließ.
Das Potyk-, Djuk- und Curito-Lied allein stützen die An-
nahme eines besonderen, alten galizisch-wolynischen Zyklus,
während sie einfach alle Kiev angehören; bei noch andern Liedern,
die mitunter hier zugezählt werden, ist es der bloße Name, der
1) CHALANSKIJ hat auch eine seiner obigen Ausführungen würdige
Etymologie des Namens Plenkovi& gegeben; gemeint wäre ein Caplenko-
vie d.i. Stegolevit, das %&a fiel ab; diese Etymologie kann sich neben
der von Plenko-Frank „sehen“ lassen.
340 A. BRÜCKNER
reine Zufall somit, der darüber entscheiden soll. Es sind dies
die Lieder von Dunaj; vom Kozarin; vom Fürsten Roman. Dunaj
ist Brautwerber für Vladimir, gewinnt dabei die Schwester dieser
Braut für sich selbst und tötet sie beim Wetten um den Bogen-
schuß; aus seinem und ihrem Blut ergießen sich Flüsse, die
Donau (und andere). „Galizisch-wolynisch“‘ an dem Stoff ist,
daß es in der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. einen Wojewoden
Dunaj in Wolynien gab, der auch nach Polen kam (Dunaj wirbt
für Vladimir um die Tochter eines Königs, der in einigen Texten
als lachovinischer bezeichnet wird). Das Kozarinlied enthält
ein sehr bekanntes Motiv: der Bruder befreit aus Tatarenhand
seine Schwester und erkennt sie im letzten Augenblick vor dem
Begehen einer Blutschande: er reitet wie Djuk aus Wolyn-Haliez
heraus zu Vladimir, nach einer Variante — andere kennen dies
gar nicht; im Jahre 1106 wird durch den Wojewoden Kozarin
ein Polovzerüberfall in Wolynien vereitelt, ihnen die Beute ab-
gejagt und sie bis an die Donau (natürlich ist nicht sie, sondern
ein wolynischer Bach gleichen Namens gemeint), gejagt; dieser
alltägliche Zwischenfall soll den Namen verewigt haben.. Im
Lied von Fürst Roman zahlt er den räuberischen Überfall der
zwei litauischen Königssöhne ihnen heim, indem er dem einen
geblendeten den andern mit den abgehackten Füßen auf den
Rücken setzt: nach der bekannten talmudischen Parabel, die
auch sonst im russischen Märchen, z. B. in seiner Brünhilden-
fassung förmlich fortlebt und aus dieser Parabel herstammt.
Roman von Halicz (gest. 1206) hat wirklich Litauen drangsaliert,
nur wird der najezd Litovcev (oder Tatarov) auch mit andern
Namen verbunden; in anderen Romanliedern rein novellistischen
Charakters sind Anspielungen auf diesen Fürsten noch zweifelhafter.
Es bleibt also bei dem Ausspruch Miuver’s; die Namen sind älter
als die Stoffe (folglich haben sie nichts mit diesen zu tun, was
eben meine These ist). Es handelt sich um epische Stoffe, die
den Sängern geläufig sind und die sie mit irgend einem beliebigen
Namen versehen, da der Held einen Namen haben muß. Das
Romanlied nimmt nicht nur aus der bekannten Parabel ihren
Blinden und Lahmen, sondern entlehnt auch andere epische
Ingredienzen: den Vogel, der dem Helden Bericht erstattet; die
Michajlo Potyk und der wahre Sinn der Bylinen 341
Tierverwandlungen, wie beim Volch (mit dem Unterschiede, daß
Volch mit seinen Zauberkünsten Indien überfällt, Roman mit
ihnen seine Heimat verteidigt). Der Name Dunaj war nicht ver-
einzelt, wie aus Ortsnamen, Dunajow u. a., zu ersehen ist; das
war nicht der einzige Gleichklang oder Übertragung eines Fluß-
namens auf Personen, Polen heißen Dniepr im 12. Jahrh., aber
er frappierte und nach Analogie anderer Fabeln ließ man den
Fluß (ohne dabei irgendwie an die Donau selbst zu denken) aus
dem Menschenblut rinnen; die Verknüpfung des Dunaj mit der
Brautwerbung ist willkürliche Erfindung der Sänger, die nicht
müde werden, ihre Helden dem Vladimir anzuhängen.
Zum Schlusse sei noch ein klassisches Baispiel dafür genannt,
wie die „Historiker‘‘ mit den Stoffen verfahren. Oben war er-
wähnt das Lied vom Choten: seine Mutter, Bluds Witwe, freit
bei der reichen Witwe des Cas um die Hand von deren Tochter
für ihren Sohn und wird schnöde abgefertigt, welche Unbill
Choten blutig rächt. Marxistischer Klassenkampf wird hinein-
getragen: die reiche Kaufmannsfrau verachtet die verarmte Adels-
frau (!) — aber beide sitzen ja in denselben Ehren an demselben
Tisch, sind sich völlig gleich bis auf den Reichtum; Vs. MıLLer
erkannte darin natürlich nur eine Novgoroder Skandalgeschichte,
CHALANSKIS ebenso „natürlich‘‘ das Moskauer möstnitestvo, aber
den Vogel schoß diesmal Brzsonov ab, denn er erkannte ebenso
„natürlich“ in dem Biud der Byline einen Nachkommen des
Wojewoden Blud des Nestor aus dem 10. Jahrh., der den Tod
seines Sohnes am Oleg rächt. Diese Identifizierung macht ja
der Intelligenz eines Brzsonov alle Ehre, aber man staunt nicht
wenig, bei Hrusevskıs IV S. 185 zu lesen: „ich sehe nichts Un-
wahrscheinliches darin, daß in der Byline der Name desselben
Wojewoden Blud aufgeführt werden konnte, des berühmten
Bojaren aus Vliadimir’s Frühzeit, dessen epische Popularität uns
die alte Kiever Chronik bezeugt‘. Ist der Name Blud „historisch“,
warum sollteschließlich nicht auch die Witwenprügelei „historisch“
sein? In Wirklichkeit ist der Name Blud genau soviel wert,
wie Curilo, Ilja, Dobrynja, Volch, Alosa usw., Namen, die samt
und sonders wie aus einem großen Lostopf herausgezogen sind
und ursprünglich gar nichts besagten, aber in der Überlieferung
342 A. Tuomson
der Sänger wiederholt schließlich mit bestimmten Themen ver-
wuchsen und zuletzt mit typischen Zügen, an denen man manche
von ihnen (ja nicht alle!) sofort erkennt, ausgestattet wurden.
Nur hat Geschichte nie etwas damit zu tun gehabt.
Berlin A. BRÜCKNER
Beiträge zur Geschichte des Diphthongs pı in den
slavischen Sprachen
Das idg. lange z hat sich in den meisten slavischen Sprachen
in ein i verwandelt. Daß das russische v:!) ein Übergangsstadium
dieses Wandels darstellt, wird wohl schwer zu bestreiten sein.
Die physiologische Natur des russ. oı, besonders sein teils noch
erhaltener diphthongischer Charakter gibt uns einige Anweisungen
zum Verständnis dieses Lautes im Urslavischen und seines späteren
Wandels.
Ich nehme an, daß @ schon in der slav. Urheimat einen
diphthongischen Charakter angenommen hatte. Sein erster, Haupt-
teil blieb im Urslavischen 2 mit hoher Hinterzungenhebung; aber
gegen das Ende vergrößerte sich etwas die Lippenröffnung und
die Zunge wurde etwas längs dem hinteren Hartgaumen vorge-
schoben. Die Zunge artikulierte also ungefähr wie bei dem
jetzigen russischen hintersten oz. |
Durch diese Umstände bekam der Schlußteil des urslav.
anfänglich den Anstrich eines sehr hinteren ü-artigen Lautes,
der sich mit der Zeit, bei Vergrößerung der Lippenöffnung, in
einen sehr hinteren i-artigen Laut verwandelte. Ich will diesen
urslav. Diphthong daher mit #2 bezeichnen, wobei das auf den
Kopf gestellte © einen Vokal high-mixed bezeichnen soll, der
1) Die Schreibung des russ., altslav. oder urslav. wı vermittelst y
sollte ganz vermieden werden, weil sie die wirkliche Natur dieses Lautes
und seiner Schreibung verstellt. Selbst die russ. Bezeichnung v1, die
seit dem 15. Jahrh. in russ. Schriften wı verdrängte, ist nicht richtig.
Beiläufig bemerkt, ist die Transskription %, % für 3, ® ganz un-
zulässig, da wir in der Geschichte auch mit wirklichen reduzierten Ü,
© zu tun haben, &, ® aber in verschiedenen Stellungen und Zeiten ver-
schiedene Laute bezeichneten.
Beiträge zur Geschichte des Diphthongs u in den slav. Sprachen 343
selbständig in der Sprache nicht existierte, und « ein in erster
Zeit langes @.
Diese Gestalt eines in der Tonhöhe gegen das Ende etwas
ansteigenden Lautes hatte @2 im 6. Jahrh. und später bei der
Ausbreitung der Slaven nach Westen und Osten, und in ihm
lagen die Keime seiner späteren einzelsprachlichen Veränderungen.
Dank dem prävalierenden ersten Teile galt der Laut den
Slaven selbst immer noch als @. Daher wurde z.B. got. hüs mit
xa22 (= abg. altruss. ynıs®, YwKa), anord. fan ‚Zaun‘ mit tan
(= abg. Tuın%, russ. möıno ‚Zaun, Mauer‘) wiedergegeben. Ebenso
ahd. pätil ‚Beutel‘, poln. pytel ‚Sieb‘, böhm. pytel ‚Sack‘ u. a. m.
Für das lange geschlossene fremde ö konnte in den ältesten
Entlehnungen natürlich auch nur % substituiert werden, da das
slav. kurze offene o dazu gar nicht geeignet war. Daher wurde
z. B. auch got. möta ‚Zoll‘ als murto (= abulg., aruss. muTo
‚Lohn‘, ‚Zoll‘, ‚Pacht‘) aufgefaßt. Aber z. B. slav. buknı ‚Buch-
stabe‘, got. böka, ahd. buoh ist eine spätere Entlehnung, als der
ursl. Diphthong 04 schon oder fast wie # lautete und daher
besser 9 vertreten konnte, als »ı, welches unterdessen dem 9
weniger ähnlich geworden war. In diese Periode gehört auch
die russ. Entlehnung des Namens Pyc» aus dem finn. Kuotsi,
Ruossi ‚Schweden‘, estn., wotisch Rötsi;. ebenso russ. Cy.n» aus
finn. Suomi, estn., wotisch söme-mä ‚Finnland‘.
Es war mit diesem Diphthong a2 wie mit den englischen &,
öu. Den Engländern selbst kommt & wie ein langer 2-Laut vor,
den sie z. B. in französischen Wörtern für ein langes offenes oder
geschlossenes @ sprechen, und es fällt ihnen schwer den Unter-
schied herauszuhören, und noch schwerer die monophthongische
Aussprache des 2 sich anzueignen. Aber ein Ausländer faßt diesen
englischen Laut, z. B. in able, safe, gewöhnlich als & auf. Daher
z. B. russ. ceüg.
Ebenso klang das slavische «2 dem fremden Ohr wie ein
Diphthong iz. Daher finden wir in den ältesten Entlehnungen
aus dem Altrussischen, speziell Westrussischen: lit. mutlas < russ.
mono (= minlo), „Seife“, lit. muitas < russ. meımo (= muzto), lit.
tuinas ‚Zaunstaken‘ < meine (= tune), lit. smuikas ‚Violine‘ <
ensıne (= sminko), lit. küila ‚Gemächtebruch‘ <xoua (= kuzla) usw.
344 A. Tuomson
Daß die Litauer den zweiten Komponenten als ? wiedergaben,
ist ja ganz natürlich. Faßt man doch ae, “2 gewöhnlich als ai,
wi auf, maen als main.
Ebenso wurde v: in den ältesten westfinnischen Entlehnungen
mit wi wiedergegeben. In späterer Zeit, als » die Labalisation
verloren hatte und wie jetzt lautete, mußte ihm natürlich ein
anderer fremder Diphthong entsprechen. So wurde im Anfang
des 18. Jahrh. estn., wot. möiza ‚Landgut‘ als noısa aufgenommen,
und das ist eine genaue Wiedergabe des mittleren Hauptteils
des fremden Diphthongs öi, dessen Anfang tiefer nach hinten
liegt (=> in garadd—= eopodd) und dessen Schluß bis : reicht.
Das entsprechende lett. muiZa, aus dem man auch .norsa herleiten
wollte, ist selbst entlehnt aus dem mundartlichen estn. möiza.
Vgl. lett. puika ‚Junge, Knabe‘ aus südestn. poiga, N. poig mit
stimmloser lenis g.
Die Entwicklung eines Diphthongs aus einem langen Vokal
ist ja etwas gewöhliches, und #2 konnte im Urslavischen so ent-
stehen, daß zuerst die Lippenrundung des @, z. B. in ta, batz, sich
gegen das Ende des Lautes zu erweitern begann. So entstand ein
am Ende steigender Eigenton, der bei den jüngeren Generationen
ein Vorschieben der Zunge am Ende des z zwecks Erhöhung des
Eigentons hervorrufen konnte, während die Erweiterung des
Lippenöffnung zur Verminderung der Verdumpfung des Endteils
ihren Gang weiter ging. Die Ursache war das Streben nach offenen
Silben: der dumpfste Laut wurde gegen das Ende schallvoller.
Durch Wechselwirkung dieser beiden Faktoren konnte das
Zungenvorschiebungsgebiet bei 4? immer weiter nach vorne ver-
stellt werden, und auf ähnliche Weise die Lippenöffnung stufen-
weise vergrößert werden, bis beide Bewegungen in mehreren
slavischen Sprachen die äußerste Grenze in i erreichten und
daher in ein monophthongisches i zusammenschrumpfen mußten.
Nur aus der diphthongischen Natur des ı läßt sich dieser Laut-
wandel erklären. Ein langer einfacher hinterer Vokal wäre nicht
in diesen Sprachen zu i geworden.
Außer einigen nördlichen und Karpaten-Mundarten ist auch
im Klruss. vs mit i in einem monophthongischen Laut, der übrigens
dialektisch variiert, zusammengefallen; dabei erreichte aber die
Beiträge zur Geschichte des Diphthongs zı in den slav. Sprachen 345
Artikulationsstelle des s: nicht die i-Stellung, weil unterdessen i
sich bis zum mixed-Gebiet zurückgezogen und etwas gesenkt hatte
und so der Vorschiebung des vo: hier Schranken setzte.
Noch geringer war das Vorrücken des »ı im Poln., vielleicht
weil es durch die Senkung von der Bahn zum i abgelenkt wurde.
Vgl. Broca Slav. Phon. $ 122.
Aber im Groß- und Weißruss. und vielleicht in einigen Kar-
paten-Mundarten!) des Kleinruss. ist die ursprüngliche Zungen-
artikulationsstelle beibehalten und die verhältnismäßig späte
Evolution des mı beschränkte sich auf die Entrundung. Daher
konnte sich hier auch die diphthongische Vorschiebung der Zunge,
der diphthongische Charakter des mı besser bewahren.
Man behauptet gewöhnlich, daß im Urslav. alle Diphthonge
monophthongisch wurden. Das ist aber nicht ganz richtig. Jeden-
falls waren noch nach der Landnahme der sich ausbreitenden
Slaven in ihrer Sprache alte Diphthonge vorhanden. Vgl. BucA
Streitberg-Festgabe S.28ff. Außerdem hatte sich noch im Urslav.
der Diphthong &£> ie, eä aus & verschiedener Herkunft ent-
wickelt, und dieses ?e lebt mundartlich im Nordgrruss. und Nord-
klruss. und dem angrenzenden Südwestweissruss. bis zum heutigen
Tage fort. Ebenso war # schon im Urslav. diphthongiert und
existiert noch als Diphthong im heutigen Russisch. Von den
ursprünglich langen Vokalen blieben somit im Urslav. monoph-
thongisch nur @ und ?, von denen man eben am wenigsten Diph-
thongierung im Slavischen erwarten Konnte.
1) Mehrere Umstände legen den Gedanken nahe, daß hier sich
mundartlich ein diphthongisches vi hätte erhalten sollen. Außerdem
haben wir auch direkte, wenn auch nicht zuverlässige Hinweise darauf.
So O@onowsKI Studien auf d. geb. d. ruthen. Spr. S. 39 Anm. LJAPU-
NOV weist in seiner Skizze A. KoyyÖnnHckiü m ero TPyAbl NO CAHABAHCKOH
&unonorin 1909 S. 21, daraut hin, daß KoOuBInskıJ den Laut dt bei
den Lemken nach seiner Auffassung mit #1 transkribierte (6nika —
Örsıka) und zu einigen ugroruss. Mundarten bemerkt, daß daselbst
wie ein Diphthong gesprochen werde, der dem litauischen uz ähnlich
sei, nicht dem russ. ®, so daß csm» wie can laute mit „gutturalem*“
kurzen % und betontem ®. Ich habe die Aussprache nicht gehört und
kein Urteil darüber. BRocH Slav. Phon. $ 138 sieht hier zwar keinen
Diphthong. Da aber dieser sonst ausgezeichnete Beobachter auch im
Russischen keinen Diphthong ®: anerkennt, bleibt die Frage offen.
946 A. Taomson
Sehr bezeichnend für die diphthongische Natur des wı im
Altruss. ist folgendes. In den altruss. Kondakarien, d. h. kirch-
lichen Gesangbüchern, in welchen die Vokale, selbst », », oft
vielfach gemäß den ihnen beigefügten Notenzeichen wiederholt
werden, finden sich aus dem 12. Jahrh. Schreibungen wie
npkeroooakkk, aanreseeannnn usw. Bei Diphthongen wird der
2. Komponent wiederholt, z. B. egaarosoıeee (= svia-atooo-Te-ee),
gnnuw8gipiun usw. Ebenso wird »ı nicht als solcher wiederholt,
sondern nur als i, z. B. BaaAmıHHHKO00, NRIHHHNK, HEAHNOMLIHH-
CAKHO USW. St. BAAALIKO, HUINKk, EAHHOMLICARNO. D. h. es wird nur
der 2. Komponert des wı wiederholt, und da er, wie oben gezeigt,
selbständig in der Sprache nicht existierte, wurde er mit dem
Buchstaben « wiedergegeben, um so mehr, als vor palatalisierten
Konsonanten, wie in nzın2, wı mit dem Übergangslaut i endete.
Akkmoonanckhininıy% beweist nur, daß kmı dem kn schon nahe war.
Wäre wı ein Monophthong, so würde man *namımınk finden.
Aber das wäre doch dasselbe, als wenn ein Deutscher, der meine
dialektisch wie maene ausspricht, dies Wort auf 4 Noten m£&a-
ae-ae-ne sänge, statt ma-a-ae-ne, oder mae-e-i-ne. Auf diese letzte
Art wurde also im Altrussischen wı beim Gesang vermittelst
eines 2. Komponenten 7 wiederholt. Und so geschieht es auch
jetzt noch, wobei ein äußerst offenes hinteres gesungen wird,
wenn die folgende Silbe hart ist, wie in Bıransıko, und ein engeres
i, wenn eine weiche Silbe folgt, wie in nunrE.
Sacumarov (Oumaeı. cnas. huson. II 1, 8.195) weist auf
Fälle von Vokalverdoppelung hin, die wahrscheinlich die Dehnung
beim Vorlesen in der Kirche andeuteten, z. B. im Cudovo-Psalter
(11. Jahrh.): oyrpunmaay, nooyynnya usw. (s. Opnorskıs POB.
Bd. 68 S. 365). Mehr solche Beispiele aus verschiedenen Denk-
mälern des 11.—14. Jahrh. bei Sosouevskıs 1. c. Bd. 64 (1910),
8.120, die man zum Teil ebenso erklären könnte. Neben Ver-
doppelung anderer Vokale finden wir nirgends "Bla, nur wıH, z.B.
‚ BBIHYK, NPHKPRIHKR St. BRIXR, MPHKPTIKH, Aptasruin St. Apasıki,
MHICKTLIHNA, OBTKIHUAH, TBIH St. TRI, NAKRIH usw. Dieses erklärt sich
natürlich nur aus der diphthongischen Natur des »1, denn "un
würde einen zweifachen Diphthong andeuten. Man fügte daher
nur H zum m, was eine Verlängerung des 2. Komponenten, tat-
Beiträge zur Geschichte des Diphthongs ui in den slav. Sprachen 347-
sächlich aber eine Dehnung der ganzen diphthongischen Vor-
schiebung andeutete, wie man sie auch jetzt noch in der tradi-
tionellen kirchlichen Aussprache hören kann.
Im heutigen Großrussisch hat der urslav. Diphthong w sich
nur in betonter offener Silbe besser erhalten können, während
er in geschlossener Silbe und besonders in den verkürzten un-
betonten Silben mehr oder weniger zum Monophthong gekürzt
worden ist. In der ältesten Periode des Altrussischen, wie auch
im Altbulgarischen, war wı in jeder Stellung noch ein Diphthong
uw mit u-artigem ersten Komponenten.
Es ist verlockend die Zeit der vollständigen Entrundung
des «2 überhaupt nach dem Auftreten der Schreibungen kn, ru,
xH für Kal, rw, Xmı zu bestimmen. Dies ist aber nicht zulässig,
da diese Lautgruppen ihre eigene Wege gingen und ku, rH, XH
sich schon in den ältesten süd- und westruss. Denkmälern finden,
während »ı in anderer Nachbarschaft selbst die Labialisation
auch später bewahren konnte, so z. B. in dem weißruss. mund-
artlichen % (russ. ,) aus »ı wahrscheinlich bis zur Gegenwart.
S. unten.
Im Südrussischen treten die Schreibungen ku, ru, xh aus
Kal, FRi, yaı seit dem 12. Jahrh. auf und im 13. Jahrh. werden
sie hier allgemein. Im westruss. Gebiet von Smolensk und Polock
finden sich «#, ru, x# im 13. Jahrh., obgleich noch später kuı,
ral, Xsı geschrieben wurden. In den nordgroßruss. Mundarten
erscheinen ku, ru, XH seit der zweiten Hälfte des 13. Jahrh. und
sind hauptsächlich erst im 14. Jahrh. aufgekommen.
Den Lautwert des kmı usw. vor und nach dem Übergang in
x# illustriert folgendes Beispiel. Lit. kuila ‚Gemächtebruch‘
wurde aus dem Westruss. entlehnt, als das Wort hier noch wie
kuzla (rosa) lautete, während dasselbe Wort, nochmals nach dem
Übergang des xoı in zu entlehnt, lit. %yla aus russ. zuna ergab.
Eine solche spätere Entlehnung ist auch z. B. kytras ‚listig‘ <
weißruss. zump?s; eine solche Entlehnung etwa aus dem 11. Jahrh.
hätte lit. kuitras aus yuziro (xnırpm) ergeben.
Aber selbst dieser Übergang von Ki, raı, yaı in KH, FH,
xn kann als Beweis der diphthongischen Natur des mı dienen,
denn weder konnte ein monophthongisches mı, noch ein Velar
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 23
348 A. Taomson
dazu den Anstoß geben. Ein russ. kmı mit monophthongischem
xı hätte sich ebenso erhalten, wie grruss, weißruss. Twı, oder
klruss. mu ‚du‘ mit altem harten t, oder wie das frühere x>- in
xoanu. Statt dessen haben wir aber xucny, 2uönymo, Zumpa usw.
mit erweichteu %, g, 2 in allen russ. Sprachen, abgesehen von
späterer mundartlicher Erhärtung im Klruss.
Nur das diphthonrgische »ı (=uz2) unter Mitwirkung des
vorhergehenden Velaren (zudem eines Velaren nicht jeglicher
Bildungsart, wie wir sehen werden) konnte diesen Übergang be-
wirken in den Sprachen, in welchen sonst a2, wenigstens damals
noch, erhalten blieb. Ich erkläre diesen Übergang auf folgende
Weise.
In der Aussprache von ku2, gu, yux war mit der Lockerung
des Verschlusses resp. der Enge zugleich auch die Einstellung
für den Anfang des a2 fertig, da auch die Lippen während der
Explosion oder Enge schon die v-Rundung hatten, wie auch jetzt,
z. B. bei der Aussprache von mosryü, cmpaxyü. Somit war die
Artikulation des 2 die unmittelbare Fortsetzung der Artikulation
von k, 9, x, deren Rekurs mit der Anfangsartikulation von u2
zusammenfiel. Da nun das diphthongische Vorschiebungsgebiet
des uz in Abhängigkeit von den nachfolgenden Lauten und anderen
Umständen beweglich war, z. B. in ev1670.1» ein mehr vorderes war
als in zvuöry, so wurde die mit seiner Anfangsstellung identische
Artikulationsstelle von k, 9,y auch mobil. Die so beweglich ge-
wordenen %, 9, y mußten dem im Russ. stark wirkenden regrsssiven
Assimilierungstrieb nachgeben und sich nach Möglichkeit dem
Endteil des mı anpassen. Ein Vorrücken von k, g, y war aber
zugleich ein Vorrücken des Anfangs von zi, und zur Bewahrung
seines diphthongischen Lautwertes mußte daher auch sein Endteil
vorrücken. Das hatte aber wieder ein Vorrücken der Velare
und des Anfangsteils des „2 zur Folge usw. Beim Vorrücken
des Schlußteils von ız in das Vorderpalatalgebiet wurde die bei
dieser Zungenstellung übliche Lippenspreizung allmählich auch
dem Anfangsteil des Diphthongs und somit auch den %, g, x mit-
geteilt. So verloren sie ihre Labialisation; und als die diph-
thongische Vorschiebung schließlich in i zusammenschrumpfte,
waren auch %, 9, x schon weich, d.h. sie hatten den höchsten
Beiträge zur Geschichte des Diphthongs ur in den slav. Sprachen 349
Eigenton, weil dem auf diese Weise entstandenen Vorrücken der
Zunge nur die äußerste vordere Grenze Schranken setzen konnte
und daher der kleinste Vorderresonator übrig blieb.
Aus dem vorigen wird es verständlich, warum nicht auch
nach Dentalen und Labialen ein solches Vorrücken des 22 zu
Stande kam. Diese waren nicht an die mi-Artikulation gebunden,
die Beweglichkeit des zz konnte auf sie keinen Einfluß haben,
daher war hier keine solche Wechselwirkung, z. B. eines t mit
folgenden u2 vorhanden, die einen solchen Prozeß hätte hervor-
rufen können.
Hiernach wird es auch verständlich, warum im Poln. ky, 9%
zu ki, gt wurden (kinge — KRINÄTH, ginge — TRIENRTH), während
chy erhalten blieb (chytry — yuıtpain, chyd&a — mia). Im Poln.
gingen die aus dem Urslav. ererbten Gruppen ku2, gu ganz auf
dieselbe Weise, wie im Russ, in Ai, öi über. yuı konnte aber
diesen Prozeß nicht mitmachen aus folgenden Gründen.
Das velare y wird gewöhnlich mit geringer Hinterzungen-
hebung gebildet, so daß hier eine verhältnismäßig weite und im
Vergleich mit % mehr hintere Engenbildung entsteht. Vgl. russ.
rar mit zama, pyraxs, deutsch pack mit Dach. Eine solche
bequemere, weite und weniger energische Artikulation ist darum
möglich, weil der y-Laut dadurch nicht beeinträchtigt wird. Der
Luftstrom wird auch so gegen den Hartgaumen geleitet, gegen
den er sich zerschlagen muß, um das charakteristische Geräusch
des x hervorzurufen, dem die schwächeren Geräusche vom An-
prall an die Weichgaumenteile nur wenig Färbung verleihen.
Bei k, g würde aber eine solche hintere Artikulation ihre Qualität
verändern und der mehr hintere Verschluß erleichtert nicht die
Aussprache.
Das poln. z wurde damals ebenso lose, mit geringer Zungen-
hebung unter anderem in der Lautgruppe xu2 artikuliert, wie
man aus der jetzigen Aussprache (s. Brock Siav. Phon. $ 68)
besonders gewisser poln. Mundarten schließen kann, in welchen
die Zungenhebung mitunter wahrscheinlich schon ganz wegfällt,
und somit R für x erscheint, im Gegensatz zum russ. x in xy0do.
Der Rekurs von einem solchen poln. x fiel natürlich nicht
mit dem Anfang des 2 zusammen; zwischen ihnen war ein Gleit-
23%
350 A. Taomson
laut, der aus der Hebung der Zunge zur Anfangsstellung des
2 entstand. Daher konnte hier auch nicht 7 in Zusammen-
wirkung mit der diphthongischen Natur des “2 die Rolle des
Sturmbocks ausführen, der hier ka2, gu2, im Russ. auch xu2, nach
vorne trieb. x und das folgende uz blieben daher im Poln. ebenso
selbständig, wie die Dentale und Labiale + v2 im Poln. und Russ.
Die Folge davon war, daß sich im Poln. kein weiches x
historisch entwickeln konnte und so eine Lücke im System der
harten und weichen Konsonanten blieb. Vgl. einerseits russ.
6vımb, cvınd = poln. bye, syn; andrerseits russ. kucaiz, Zuönymd
= poln. kisty, ginad; aber russ. zdUmpoü, myyxu gegenüber poln.
chytry, muchy.
Wie das Vorschiebungsgebiet des mı-Diphthongs veränderlich
war, können wir aus dem jetzigen Russischen verstehen, in welchem
die Zungenvorschiebung bei v: z. B. in 6110 da enden kann, wo
sie in dem mehr vorne artikulierten coıra beginnt, und vor dem
palatalisierten Dental in zo liegt sie noch mehr nach vorne.
Aber trotzdem wird die Vorschiebung zur Erhaltung des diph-
thongischen Charakters beibehalten. Eine genauere Vorstellung
von diesen Schwankungen kann man aus meinen akustischen
Bestimmungen, Archiv £. sl. Phil. Bd 34 S. 572 bekommen; besser
noch aus der ausführlichen Mitteilung in P®B. Bd. 53 (1905)
8. 240f.°
Auf ähnliche Weise erkläre ich den früheren, urslav. Über-
gang des © nach weichen Konsonanten in 3 (siatt > Sit). Er
konnte erst dann geschehen, als @ schon diphthongisch simti
lautete. Der vorhergehende vorderpalatale Laut entrundete unter
. Mitwirkung des palatalen Schlußteils des Diphthongs schnell das
ut und trieb die diphthongische Vorschiebung in das Vorder-
palatalgebiet, wo sie in i enden mußte.
Die weiche Aussprache der %, g, y scheint dem Russischen
schon im 11.—12. Jahrh. nicht fremd gewesen zu sein, wie man
aus Schreibungen von Fremdwörtern und gewissen analogischen
Neubildungen schließen kann, wie z. B. nnsruckbn, poycscrbu,
Nsck&, eMbrb, anruoxb, apxucrparure, cxnma usw. (Sacan.
OHIKI. ca. dus. XI 1 $ 306). Als nun die Gruppen knı, ri,
xsı nach der Entrundung ein Stadium erreichten, wo »ı schon
Beiträge zur Geschichte des Diphthongs ur in den slav. Sprachen 351
auf der Grenze der vorderen Reihe gebildet wurde und also k,
9, x zwar palatal, aber noch halbweich waren, wie in nhd. Kind,
kennen, so konnten natürlich Schwankungen in der Schrift wegen
Ähnlichkeit der Laute auftreten. Ein solcher Zustand wäre nach
dem obigen für das Weißruss. wenigstens mundartlich zu Anfang
des 13. Jahrh. anzusetzen. In dem Smolensker Handelsvertrag
von 1229 finden wir daher neben der alten Schreibung wie
AATHNECKBIH, PHTBI, TOTCKRIMk usw. mehrfach auch Fälle wie
PHSKHH, AATHNECKHH, AHXHH, povckuma. Der deutsche Name Volker
wurde nach der Kopie E mit $sarkıpa wiedergegeben zugunsten
des harten % in der Aussprache (vgl. Zeitschr. I S. 51), während
in der Kopie A gmakepn und daneben kuntk aus dem deutschen
Namen Kind auf eine weichere Wiedergabe des %k hinweisen.
Derselbe Übergangszustand muß früher im Südruss. und später
im Nordruss. existiert haben. Aus dieser Übergangsperiode konnte
später die Schreibung xoı, eoı, xsı zur Bezeichnung von ki, gi, zi
mit nicht erweichten %, g, x stellenweise gebräuchlich werden,
woneben x, ei, xvı natürlich auch noch rein traditionell, nach
alten Mustern, für Ai, gi, Xi geschrieben werden konnten.
Hieraus ließe sich erklären, daß noch im 13.—14. Jahrh.
in südruss. Denkmälern besonders in griechischen Lehnwörtern
Schreibungen wie HukkıTrı, nanaynıak, apyhieTpartHura usw. auf-
treten (Sacumarov 1. c. 8. 313). Auch jetzt müßte man im Russ.
Huxsrra schreiben, wenn man eine harte Aussprache des k im
Auge hätte, wobei allerdings ein mehr hinteres i gesprochen
werden würde. So gibt man die harte Aussprache des k z.B.
in pycckiü mit der populären phonetischen Schreibung pyerekmä
wieder. Das südruss. < (außer in At, gi, Xi) war aber auch da-
mals schon ein hinteres i, fiel mundartlich auch wohl schon mit
kl zusammen.
LsaPrunov nimmt in einem lithographierten Universitätskursus
„Bsenenie 85 Hcropiro pycckaro aapıka“ 1911 8.56, an, daß in
den russ. Mundarten die Komponenten des a2 (bei ihm ı) unter
dem Einfluß der Betonung und der umgebenden Laute sich gegen-
seitig zum Besten des vorderen oder hinteren Teils des Diph-
thongs assimilieren konnten. So erklärt er unter anderem, dab
nach Labialen und besonders zwischen Labialen unbetontes, und
359 A. Thomson
unter dessen Einfluß auch betontes sı mundartlich u ergeben
konnte. Hierher gehören Fälle wie mundartlich südgroßruss.
Öyedmu, ymysdnaca; Südweißruss. „u, 6yüdy, 6yr < Mono, euLüly,
6bıx; kleinruss. Oyedmu, 6yad, Öyad, mundartlich eyüdy, eyey-
dyeuw usw. S. noch Mitteilungen d. Sevöenko-Gesellsch. CXIV 120.
Man muß allerdings zugeben, daß nicht nur ein durch Re-
duktion aus »ı, sondern auch aus reduzierten o, a entstandenes
neueres. » unter dem Einfluß von Labialen zu « werden konnte,
wie z. B. in südgroßruss. zymapd <romapd, cymasdp < caMosapb,
mynapd < monopd neben nysyper, ymysdmoca < nysupers,
yYMdIBÄMDCH.
Aber im Weißrussischen sind Mundarten verbreitet, in denen
nach Labialen überall v st. nı gesprochen wird z. B. ny < moı,
Öyücmpa, sdoposy <edoposol, nyao < news. In anderen Mund-
arten daselbst findet sich auch sonst u st. w1: zydye < xyObıe,
cyn < con USW. S. Karskıs Bbnopycent Il 1 S.282ff. Schwerlich
läßt sich das anders erklären als durch dialektische Erhaltung,
größten Teils unter Mitwirkung der Labialen, der Labialisation
des urslav. Diphthongs a2. Vgl. noch z. B. obersorb. wupic, wudra,
niedersorb. hupis, wudra, russ. ssınumb, ebIOpa.
Spuren der ursprünglichen Natur des zu2 werden sich auch
in den Sprachen finden, in denen es später in i übergegangen
ist. Ich will nur auf einiges hinweisen, was ich schon vor
20 Jahren anführte. So haben wir in den Freisinger Denkmälern
mw = mu <mu, bu = sn, buiti =BniTH, imugi = umaı und
nichts nötigt uns mit VonprAk Vgl. sl. Gr. I S. 129, hier einen
Einfluß der deutschen Graphik zu sehen. Eigennamen wie Fiustriz
können allerdings verdeutscht sein. Das az hatte sich damals
nur unter Mitwirkung eines Labials in längerer Position erhalten.
Daß wir daneben muzlite < minslite oder zimizla < sommisla
finden, ist verständlich, da auch im Russischen in solcher Stellung
(noicaume, emscaa) »ı verkürzt und wenig diphthongisch klingt.
Auf das ursl. v2 weisen auch die altböhm. Schreibungen aus
dem 12. und 13. Jahrh. wie Buitsow, Buistrice, und es ist kaum
zu bezweifeln, daß die böhm. aj, ej, die seit dem 14. Jahrh. auf-
treten, wie in bayti = suıtn, swatay = esarmın, slaychati =
canıyarn, mundartliche Fortsetzungen des schon entrundeten
2
Beiträge zur Geschichte des Diphthongs zı in den slav. Sprachen 353
urslav. Diphthongs 2 sind, wie auch die dialektischen Formen
wie dobre) usw. Ebenso erklärt sich altpoln. Premuisel usw.
In einer mittelbulg. Urkunde!) aus dem 13. Jahrh. wird ı,
das in der Aussprache des Schreibers fast wie i gelautet haben
muß, regelmäßig mit oi, oö wiedergegeben, z. B. N. A. sg. scakoin .
34KOHNoIH, Pl. NpaBogkpHoing®, 3aKonnoinmn usw. die Lautfolge
oi aber mit ou: L. sg. f. npnaknnekon. Woher diese Schreibung
des nı? Stellen wir uns das Stadium der Sprache vor, wo der
Diphthong a2 (»ı) noch schwach labialisiert war und daher o;-
ähnlich klang. Da konnten die Schreiber nach ihrer Aussprache
ropoi St. FOpKBI, BOiBIUHHXB St. ERIE-, CBATOIH St. CRATKIH, CBA-
Toinmk usw. Schreiben, wobei sie die alte Schreibung ou für altes
o-i bewahrten. Eine solche Schreibart konnte sich dann in einer
bulg. Schreibschule festsetzen und traditionell später auch dann
gebraucht werden, als mı schon zum monophthongischen :-ähn-
lichen Laut geworden war, wie in der Aussprache des Schreibers
dieser Urkunde, der daher dazwischen auch oi (v) mit u ver-
wechselte und z.B. oime st. umA, andrerseits poısuumH St. prl-
EHRIMH neben poısnoim® schrieb. Von den Schriften dieser Schreib-
schule hätte sich dann nur diese Urkunde erhalten. Solche Schrei-
bungen eines aus einem Diphthong entstandenen Monophthongs
finden sich ja überall. Vgl. spätlat. vitae, franz. main, arme,
unlängst klr. u = u.
Dazu ist zu bemerken, daß fast in der Hälfte der Fälle
dieses oi oben mit einem schrägen Querstrich versehen ist, der
wohl die diphthongische Aussprache andeutete und bei sorg-
fältigerem Schreiben wahrscheinlich regelmäßig beigefügt wurde,
wie in gewissen Schriften der Querstrich bei "1, ut.
Wie man durch die Aussprache zu einer solchen Schreibung
des »ı verleitet werden konnte, ersieht man aus folgenden
sporadischen Fällen : nomoıcanraca im Izb. Svjat. v. 1075, Asoıkomn
im Sav. (s. Lavrov llasreorpad. o603p&nie, unit. csraB. Dun. 4,1
S.31), mnoroinn, BoAKSNRHOHYTE, gpkAnnonmn usw. in den Menäen
für den Monat November 1097 (s. Osxorskıs O asuırb Edpe-
mosckoiü Kopmueii S. 33), ebenso in dieser Kormtaja selbst:
1) Siehe ILJINSKIJ T'pamorzi 6onrapckuxp lNapel S. 14, 39, 69.
354 A. Teomson
BEUHCAKNOHMR, HepasAkannonyn. Diese Denkmäler weisen noch
keinen regelmäßigen Übergang des » in o auf, aber der Diph-
thong = (wi) muß in ihnen noch labialisiert gewesen sein.
Ebenso erklärt sich auch die lateinische Schreibung wie spostimar
(= envmu.reps) in d. Fuld. Annal.
Es ist wahrscheinlich, daß einige dieser Beispiele einfach
die bulg. Schreibung si wiedergeben. Aber in den Menäen sind
11 solche Fälle vom Schreiber selbst zu mı verbessert, zeugen
also von seiner Aussprache. Wohl ebenso das später korrigierte
Kpnetanonma im Eugenius-Psalt. v. 11. Jahrh. (Has. orı. pyc. na.
XXIX 186, 302). Über diphthongisches »ı im heutigen Bulg.
s. Rev. des ötudes slav. II 93.
Trotz aller Einwände gibt uns die altkirchenslav. Graphik
eine richtige Vorstellung von der Natur des urslav. zz im Altbulg.,
wenn man dieselbe nur ohne Vorurteil betrachtet. Dieser Diph-
thong mußte ja doch von dem Urheber der Schrift mit »ı (an)
wiedergegeben werden. Sein erster Komponent unterschied sich
von dem Laut », d. h. dem offenen überkurzen u (vgl. diese
Zeitschr.) nur sehr wenig, nämlich durch etwas höhere Zungen-
stellung und größere Gespanntheit. Der zweite Komponent wird
in Diphthongen gewöhnlich durch i bezeichnet, wenn der Laut
dem : nahe kommt, da hier eine Gehörstäuschung die Regel ist
(nue—un).
Der Urheber der Schrift, der bei der Zusammenstellung des
Alphabets ein gründliches Verständnis der Lautverhältnisse an
den Tag gelegt hat!) und sich nicht scheute für die im Griechischen
1) Sein feines Verständnis der Eigenart der slav. Phonetik im
Vergleich mit anderen Sprachen, besonders dem Griechischen, läßt wohl
keinen Zweifel darüber zu, daß KYRıLL schon längere Zeit vor seinen
ersten Übersetzungen und seiner Missionsreise nach Mähren sich mit
der Zusammenstellung der slav. Schrift beschäftigt hatte, und zweitens,
daß die bulgarische "Sprache der Umgegend von Saloniki den Slaven-
aposteln eine zweite Muttersprache war, deren Aussprache sie sich in
ihrer frühesten Kindheit angeeignet hatten. Es ist ja ganz natürlich,
daß wohlhabende Griechen, wie es ihre Eltern waren, Bedienung und
Wärterinnen aus der umliegenden Landbevölkerung hatten. Von diesen
erlernten KYRILL und METHOD ihre slavische Sprache, wie Puskin die
russ. Volkssprache von seiner Amme. Aus demselben Grunde eignen
sich so ziemlich überall wohlhabende Fremde die Sprache der umwohnen-
Beiträge zur Geschichte des Diphthongs zı in den slav. Sprachen 355
fehlenden Laute neue Zeichen einzuführen, konnte doch unmöglich
bei u2 so hilflos gewesen sein, daß er ihn mit 2 Buchstaben be-
zeichnete, wenn das ein Monophthong gewesen wäre. Und wenn
dies wirklich geschehen wäre, so hätten wir oft Schreibfehler
zu verzeichnen; die Buchstaben wären später verbunden worden,
wären in ein Zeichen zusammengeschrumpft, oder sonstwie wäre
dieser Fehler später verbessert worden, z. B. beim Übergang zur
kyrillischen Schrift. Im glagolitischen x (&) sind doch beide
Teile eng verbunden. Man braucht aber nur die breite, gesonderte
Schreibung der beiden Teile » und n in der glagolitischen Schrift
ohne Vorurteil zu betrachten, um jeden Zweifel fallen zu lassen.
Der Gedanke, daß die Schreibung oy für den Laut zu zum
Muster gedient hätte, ist abzuweisen. Der zz-Laut fehlte dem
Griechischen und wäre daher durch ein neues Zeichen bezeichnet
worden wie die Laute >, d, «, ut, sc usw., wenn er wirklich ein
solcher eigenartiger Monophthong gewesen wäre. Mit dem oy
hat es seine eigene Bewandtnis; für den v-Laut lag die griechische
Bezeichnung fertig vor. v allein bezeichnete einen anderen Laut
und man mußte dieses Zeichen für Wörter wie mypo, Kynpuck%,
eypnia, TYp® usw. reservieren und sein Anwendungsgebiet und
seine Aussprache bei den Slaven war anfangs nicht zu übersehen.
Was lag dann näher, als zum griechischen ov zu greifen, der
allen Beteiligten zur Gewohnheit geworden war.
Wie hartnäckig man an der griechischen Bezeichnung des
u festhielt, ersieht man auch daraus, daß in dem um 5 Jahr-
hunderte früher unter dem Einfluß des griechischen zusammen-
gestellten sogen. Mesrog’schen armenischen Alphabet der Laut u
ebenfalls mit diesen 2 Buchstaben wiedergegeben wurde, obgleich
dabei viele andere, dem Griechischen fehlende Buchstaben einge-
führt wurden, ganz wie im Slavischen. Und so schreiben die
Armenier bis zum heutigen Tag, daneben wurde nur in gewissen
Verbindungen der zweite Buchstabe allein für den Laut u ge-
braucht, in anderer Stellung o allein.
den Landbevölkerung schon in der zweiten Generation wenigstens in
phonetischer Beziehung ganz vollkommen an, wo nicht andere Umstände
nationale Schranken setzen, was bei der Stellung der Eltern und der
späteren Tätigkeit der Slavenapostel nicht angenommen werden kann.
356 W. Aprpeı
Aber diese an und für sich richtige Bezeichnung ®ı (%#)
für den Diphthong ı2 hat ihre Schattenseiten, die der Erfinder des
Alphabets nicht vermeiden konnte. Dieselben 2 Buchstaben mußten
nämlich auch heterosyllabische »-i bezeichnen, mit längerem oder
kürzerem i oder ii, und später auch mit unsilbischem 2: 6.aeau.
Das ist aber nicht verwunderlich. Vgl. wi in pfui, Ru-ine, ru-
imieren.
Odessa A. THuomson
Das Kehlkopfrasseln in Vokalen
(Aus der slavischen Station des experimentalphonetischen Laboratoriums des
Prof. E.W. Scripture, Universität Wien.)
Bei den Untersuchungen der Sprachkurven tschechischer und
serbokroatischer Sprachaufnahmen beobachtete ich in manchen
Vokalkurven Unregelmäßigkeiten. Auch Prof. Fürst N. TRUBETZ-
xos konstatierte mit bloßem Gehör bei Tschechen in auslauten-
den Vokalen Geräusche als deren Begleiterscheinung.
In Fig. 1 ist die graphische Registrierung des Wortes blö2i
wiedergegeben. Versnchsperson war der Komensky-Lehrer Porr-
HRADSKY, welcher nur der tschechischen Sprache mächtig ist.
Jede der kleinen Wellen in 42 ist die Registrierung der Schwin-
gungen der Stimmbänder. Im auslautenden 2 sind die kleinen
Wellen auf gröbere Schwingungen aufgelagert. Diese Eigentüm-
lichkeit ist wie folgt aufgetreten:
In den Kurven des Wortes bli£i jedesmal im auslautenden i
(10 Kurven); potomstvu, jedesmal in vw (8 Kurv.); vojdei, neun-
mal im < (10 Kurv.); holoubata, dreimal im ersten a, neunmal
im zweiten a (10 K.); hubicku, sechsmal im ausl. v (9 K.);
otdzka, sechsmal im a (9 K.); koustiöek, fünfmal im £, siebenmal
im e (3 K., eine davon in Fig. 1); slysite, siebenmal im e (9 K.);
hezkd, fünfmal im @ (10 K.); Polehradsky, sechsmal im 5 (9 K.);
mild, viermal im d (10 K.); zlato, viermal im o (10 K.); vseve-
douenost, dreimal im o (8 K.); vypalil, zweimal im i (15 K.);
zavital, zweimal im zweiten « (8 K.); vrdna, einmal im a (12 K.);
Zaludy, einmal im y (12 K.); ona pfinesla rüze, dreimal im u,
siebenmal im ausl. e (21 K.). Der genannte Satz wurde mit
Das Kehlkopfrasseln in Vokalen 357
verschiedenen Betonungen gesprochen ; wenn das Wort ruZe betont
wurde, traten keine Unregelmäßigkeiten auf. hezkäü hubieka
spanilyjch deveat, zweimal im a des Wortes döveat (2 K.); vrdna
neZere Zaludy, einmal im « und einmal im y (5 K.).
Diese Erscheinung zeigte sich nicht in den Kurven der ein-
zelnen Wörter ona, bude, Ipi, rta, lepe, mleko, deläme, zubatı),
tatiek, babiöka, sowie in. den aus ihnen gebildeten Sätzen.
Später wurden mit derselben Versuchsperson, ohne sie auf-
merksam zu machen, die Registrierungen wiederholt. Es zeigten
sich auch diesmal dieselben Erscheinungen. Nachher darüber
befragt, konnte die Person keine Auskunft geben; sie war sich
nicht bewußt, die betreffenden Vokale auf eine besondere Art
auszusprechen. Von nun an achtete sie auf ihre Aussprache und
es gelang ihr, in einigen Beispielen die Erschütterungen zu ver-
meiden. Auch beim Absetzen eines gesungenen Vokals traten
zuweilen die Erschütterungen auf. Im Worte biz? gelang es
ihr aber auch bei besonderer Aufmerksamkeit und sehr deutlicher
Aussprache nicht diese Erscheinung willkürlich zu meistern.
Bei Aufnahmen des Serbokroatischen, wobei Professor M. R.
v. ReSetar, Univ. Zagreb, in den Apparat sprach, traten die
Erschütterungen folgendermaßen auf:
razgovor, viermal im zweiten o (4 K.); glava me boli, sieben-
mal im i, einmal in ok (8 K.) (Kurve mit -oli in Fig. 1); Zuo
sam od Zene, fünfmal im auslautenden e (5 K.); od Zene sam €uo,
zweimal im ausl. o (5 K.); vidio sam put, zweimal im u (3 K.);
vidio sam put, ali nisam poSo, zweimal im u (2 K.); dva su
bora uporedo rasla, medu njima tankovita jela, viermal im a von
njima, einmal im a von jela (4 K.).
In den Kurven der Einzelwörter sva, da, Zena, Zene, voda, vodu,
svila,svileund razdava waren keine Unregelmäßigkeiten vorhanden.
Bei einer zweiten tschechischen Versuchsperson traten die
Erschütterungen nicht auf. Vielleicht geschah dies, weil sie sich
bemühte, besonders deutlich artikuliert zu sprechen.
In Registrierungen der deutschen Sprache wurden solche
Unregelmäßigkeiten nur äußerst selten beobachtet.
Bei den Kurven 1 bis 7 war ich selbst Versüuchsperson. Die
erste Kurve ist die Registrierung des gesprochenen Vokals a.
358 W. ArpeL
Sie beginnt mit einer kleinen Zacke, die vom Knacklaut herrührt.
Die Kurve endet mit einer sinkenden Linie, in der die Stimm-
wellen allmählich verlaufen. Dies entspricht dem Nachhauche.
Die zweite Kurve ist ebenfalls die Registrierung des Vokals a,
welcher aber diesmal absichtlich mit Kehlkopfrasseln gesprochen
wurde. Die Wellen gruppieren sich paarweise und zwar ist jede
zweite höher als die erste. Die Unregelmäßigkeiten entsprechen
denen in den oberen Kurven der Figur. Daraus ist zu schließen,
daß in beiden Fällen der Vorgang der gleiche war.
Die dritte Kurve verzeichnet einzelnes Knacken ohne Stimm-
ton in zeitlich großen Abständen. Sie enthält kleine Ausschläge,
die scharf einsetzen, von der Grundlinie steil aufsteigen und
nachher flach abfallen. Das Knacken erfolgte in unregelmäßigen
Abständen mitunter zweimal in rascher Folge. Bei ihrer Hervor-
bringung nimmt der Mund die «a-Stellung ein und man versucht
in ganz feinen Stößen auszuatmen. Mit jedem gelinden Stoße
hört man ein Knacken im Kehlkopfe.
Die Kurven vier und fünf sind die Aufzeichnung einzelner
ungepaarter Knacklaute in rascher Folge. Sie sind als Rasseln
im Kehlkopfe vernehmbar. Die letzten Wellen der fünften Kurve
sind einzelne Zacken, deren Abstände immer größer werden.
(Vgl. den Knacklaut im Einsatze des a in der ersten Kurve.)
In der sechsten und siebenten Kurve gruppieren sich die
Wellen, was dem Rasseln einen mehr geräuschvollen Charakter
verleiht.
Das Kehlkopfrasseln tritt in Lauten auf, die mit geringer
Energie gesprochen werden und nicht in betonter Stellung stehen.
Nicht immer ist der ganze Laut vom Kehlkopfrasseln be-
gleitet; es kann am Schlusse einsetzen, nur in der Mitte auf-
treten oder ein einziger flüchtiger Verschluß sein und als Störung
nur einer Welle in der Registrierung ersichtlich sein. Seltener
erfüllt es eine größere Lautgruppe. Wenn das Kehlkopfrasseln
nur in geringem Maße vorhanden ist, so kann es mit bloßem
Gehör. nicht festgestellt werden, tritt es stärker auf, so beeinflußt
das begleitende Geräusch auch den akustischen Eindruck.
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Studien über die germanisch-slavischen Beziehungen 359
Studien über die germanisch-slavischen Beziehungen
1. Gibt es slavische Lehnwörter im Gotischen ?
In meiner Besprechung der Czekanowskr'schen Theorie vom
Slaventum der alten Lausitzer Kultur habe ich die Anwesenheit
alter slavischer Lehnwörter im Ostgerman. in Abrede gestellt
(Zeitschr. IV 280ff.). Man wird von mir daher eine Stellung-
nahme zu der Annahme vereinzelter slavischer Lehnwörter im
Gotischen erwarten, die bei früheren Forschern begegnet. Im
folgenden möchte ich mich zu dieser Frage äußern und zwar in
ausführlicherer Weise als es im Rahmen der obigen Besprechung
möglich gewesen ist.
Got. plat n. ‚Flicken‘ wird von Feıstr EW2289 als Ent-
lehnung aus slav. *plats ‚Fetzen, Flicken‘ angesehen. Das sla-
vische Wort ist allerdings weit verbreitet. Wir finden es in
abg. plate ‚pallium, pannus detritus‘, platiste, bulg. plat ‚Zeug‘,
poln. plat ‚Tuch, Leinwand‘, osorb. plat, nsorb. plat, ukr. platok
‚Vortuch‘, russ. plat, platje ‚Kleid. Vgl. Mıixtosıckn EW. 249.
Begrifflich läßt sich eine solche Verknüpfung nicht beanstanden.
Allerdings bietet Torp bei Fıck Vgl. Wb. III? 222 für das im
Germ. allgemein verbreitete Wort, das er von der slavischen
Sippe trennt, einen germanischen Erklärungsversuch. Sollte die
slavische Erklärung doch zutreffen, dann kann die Entlehnung
kaum als sehr alt angesehen werden: das slavische Wort hat
einen langen Vokal gehabt, der erst spät gekürzt worden ist.
Hätten die Germanen das Wort vor Caesars Zeit entlehnt, dann
hätte darin später der germ. Wandel von 4 zu ö eintreten müssen.
Dazu vgl. STREITBERG Urgerm. Gramm. 48. In diesem Falle
müßte das Wort im Gotischen *plöt lauten.
Got. plinsjan ‚tanzen‘ wird schon längst mit slavisch plesati
‚tanzen‘, lit. plesti ‚dasselbe‘ zusammengestellt. Vgl. Frist Et.
Wb.? 289 und Trautmann Balt.-slav. Wb. 225. Für das balt.-
slavische Wort ist es bisher nicht gelungen, eine weitere Ver-
knüpfung zu finden, daher wird man auch diese eventuelle sla-
vische Entlehnung im Gotischen mit großer Vorsicht zu behandeln
haben. Über ihr Alter ist es auch schwer etwas zu sagen.
Mixtosich EW. 249 glaubte an eine Entlehnung in den ersten
360 M. VAsMER
Jahrhunderten n. Chr. Vgl. auch Eow. SchRüDEr Zeitschr. f. d.
Altert. 61 (1924) 17ff. Immerhin sind das noch die beiden an-
nehmbarsten Gleichungen. Was sonst als slavischer Einfluß
im Gotischen angesprochen wurde, ist unzweifelhaft völlig ab-
zulehnen.
Der Vergleich von got. siponeis ‚Schüler, Jünger‘ mit slav.
Zupan» bei Frıst EW.? 319 scheitert nicht nur an der Bedeutung,
sondern auch an den Lautverhältnissen dieser Wörter. Nach
Bvea’s Ausführungen über das Alter der Monophthongierung der
urslav. v-Diphthonge müßte man in einer Entlehnung aus slav.
Zupans ohne Zweifel einen «-Diphthong erwarten, nach der
Monophthongierung aber ein «. In beiden Fällen hätte ein altes
slavisches Lehnwort aber noch ein 9 im Gotischen aufzuweisen.
Die Annahme slav. Herkunft für das got. Wort ist auch nicht
einmal notwendig, wenn man die anderen Erklärungsversuche
für dieses got. Wort bei Feıst berücksichtigt.
Ganz unannehmbar ist auch der Frısr’sche Versuch, got.
skalks ‚Diener, Knecht‘ als eine Entlehnung aus einem roman.
sclavus oder einem mittelgriech. 6xA&ßog ‚Sklave, Slave‘ zu er-
weisen. Den %-Laut erhielt dieses Wort in der Lautverbindung
sl- im Romanischen oder im Griechischen (sl = st! = skl). Vgl.
Unterz. Zeitschr. f. d. Wortforschung IX 21ff., 315 ff. TrıanDA-
PHYLLIDIS Die Lehnwörter der mittelgriech. Vulgärliteratur (Straß-
burg 1909) 8. 65%). Fürs Spätgriechische berufe ich mich auch
noch auf solche Fälle wie: ZxAaraıve ON. 1. Karditsa Kr. Töupov,
2. Trikkala, Kr. IIegaindalov : skr. slatina ‚Salzwasser‘, auch
als Orts- und Flußname belegt (s. Vur s.v.). ZxAnißaıwvov ON.
Trikkala, Kr. Kodwvlov : slav. slivono, bulg. Sliven, Zrilße ON.
1.Elis, Kr. IImvelov, 2. Triphylien, Kr. 4orjvn :slav. sliva „Pflaume“.
Zixlıßıvirce ON. Urkunde von 1798 Mikuosıch-MÜLLer Acta et
Diplomata V 150 aus slav. Stivonica. Sowohl dem romanischen
sclavus, als dem mittelgriech. 6xA«ßog liegt ein slavisches slovönin
zugrunde und von einem Zusammenhang dieses letzteren mit got.
skalks kann keine Rede sein. Das germanische Wort ist auch
von R. Muc# bei Frısr a. O. sehr ansprechend mit germanischen
Mitteln erklärt worden.
1) Mittelgriech. 69%«ßnvol gibt natürlich st! wieder, s. die obige Lit.
Zur Chronologie der slavischen Liquidenumstellung usw. 361
Got. smakka ‚Feige‘ und slav. smoky ‚dasselbe‘ können natür-
lich nicht voneinander getrennt werden. STENDER-PrTERsEN Slav.-
germ. Lehnwortkunde (Göteborg 1927) S. 363 ff. hat neuerdings
schon auf die Gründe hingewiesen, die ihn zwingen, Entlehnung
aus dem Germanischen ins Slavische und nicht in umgekehrter
Richtung anzunehmen: 1. haben wir spätere Entlehnungen einer
Feigenbezeichnung bei den Slaven aus dem Germanischen, 2. hat
das german. Wort eine einleuchtende germ. Etymologie a. O.
Dazu wäre noch zu bemerken, daß in einem gotischen Lehnwort
aus slav. smoky ein kk nicht verständlich wäre, während die
Wiedergabe eines got. kk durch slav. % bei dem Fehlen gedehnter
Konsonanten im Urslavischen durchaus begreiflich ist. Aus dem
gleichen Grunde kann das Verhältnis von got. skatts ‚Vieh, Geld‘
zu slav. skoto ‚Vieh‘ ebenfalls nur so aufgefaßt werden, daß das
slav. Wort germanischen Ursprungs ist. Das germ. tt schließt
die Annahme slavischer Herkunft m. E. völlig aus.
So halte ich den slavischen Einfluß auf das Gotische, auch
wenn got. plinsjan und plat sich als slavisch erweisen sollten,
für höchst unbedeutend. Wenn die Lausitzer Kultur wirklich
slavisch gewesen sein sollte, dann müßte der slavische Einfluß
auf das Urgermanische davon Zeugnis ablegen, was man bisher
in keiner Weise erwiesen hat.
Berlin M. VAsSMER
Zur Chronologie der slavischen Liquidenumstellung in
den deutsch-slavischen Berührungsgebieten')
Zu den vielfachen Problemen, welche die slavische Liquiden-
umstellung bietet, gehört auch dienach der Zeit ihrer Durchführung.
Lehnwörter, Personen- und Ortsnamen gestatten uns, sie in ver-
schiedenen Landschaften zeitlich zu umgrenzen. Im folgenden soll
besonders die deutsch-slavische Grenzzone betrachtet werden.
Eine ältere Schicht der Lehnwörter beruht auf einer
Übernahme von Verbindungen talt, tart, die später umgestellt
worden sind. Bei einigen läßt sich die gebende fremde Sprache
und die Zeit der Entlehnung mit mehr oder weniger Wahrschein-
1) Zu diesem Aufsatz vgl. auch M. Vasmer Symbolae Gramm. in honor.
J. Rozwanowskt II (1928) S. 153 ff.
362 E. ScHwaArz
lichkeit bestimmen. So ist das abg. slem» ‚Helm‘, tech. siem
‚Art Kopfputz für Frauen‘, russ. $lems neben Solom» sehr alt.
Es setzt ein urslav. *chelms voraus, das durch die erste Palata-
lisierung zu *3elm» geworden ist. Die Grundlage war germ.
*chelm-. Nicht das got. hilms der Wulfilazeit kann in Frage
kommen, sondern nur ein älteres;,*helms. Wir kommen dadurch,
durch die Wiedergabe des germ. h als ch (darüber Verr. Die
germanischen Reibelaute s, f, ch im Deutschen, S. 63f.) und durch
die auf ein kriegerisches Germanenvolk weisende Bedeutung in
die Zeit der Gotenherrschaft in Südrußland, von der uns Jor-
danes berichtet. Die Entlehnungszeit weiter zurückzuschieben
geht nicht an, weil wir erst in der germanischen Völkerwande-
rungszeit den Helm in ausgedehnterem Maße als Schutz- und
Zierstück bei verschiedenen germanischen Völkern antrefien
(EBerr in Hoops Reallex. II 501). Da im Cech. eine Bedeutungs-
veränderung eingetreten ist, war die Möglichkeit einer späteren
Neuentlehnung gegeben (dech. helm).
Bei abg. vlach ‚Romane, Hirte‘, Zech. vlach ‚Welscher‘, liegt
ebenfalls germanische Vermittlung der Völkerwanderungszeit vor.
Die in den slav. Sprachen vorhandenen Bedeutungen können
schon bei den Ostgermanen für die Urrumänen bestanden haben
und es ist wahrscheinlich, daß die Slaven in Rumänien und Sieben-
bürgen, die seit der Mitte des 6. Jahrh. mit den Gepiden bekannt
wurden, von ihnen den Namen für die romanischen Wanderhirten
kennen gelernt haben (vgl. Dicuzscu Die Gepiden, bes. S. 168f.;
VerrF. Zeitschr. f. ONForschung I 92).
Altbairische Vermittlung ist bei karmala ‚Aufstand‘ deshalb
wahrscheinlich, weil das Wort besonders im Altkairischen belegt
ist (so in der Lex Bajuv. 2,3). Altbairische Vermittlung habe
ich auch für asl. *tersa ‚Kirsche‘ < *cherssea glaubhaft zu machen
versucht (Arch. f. slav. Phil. 40, 287f.). Von großer Wichtigkeit
für unsere Frage ist &ech. tfebule ‚Kerbelkraut‘. Das Wort, das
auch In späteren Entlehnungen vorliegt (dech. kerblik, slov. kre-
bülja, darüber Bernerer EW.] 501) ist nicht nur durch seine
Beschränkung auf das Cechische (l. Schicht) und durch die
Liquidenumstellung, sondern auch die vorauszusetzende Grund-
lage *chervulle (< roman. eaerifolium) in die Zeit nach 750 zu
Zur Chronologie der slavischen Liquidenumstellung usw. 363
setzen. Im Altbairischen ist inlautendes v (< f) seit etwa 750
in stimmhafter Aussprache vorhanden, so daß seit dieser Zeit
dafür lech. b eintreten kann. Die Entwicklung im Cech. geht
über *cerbule > eräbule, ürebule (dazu Verr. Reibelaute, S. 52).
Durch dieses Lehnwort wird die Zeit der Umstellung von tört >
tret im Cechischen bis in die zweite Hälfte des 8. Jahrh. gerückt.
Lehnwörter der späteren Zeit unterliegen nicht mehr der
Umstellung. Schon im Abg., das ja Metathese hat, zeigen die
frischübernommenen Lehnwörter andere lautliche Behandlung.
Das abg. olstarv stammt wegen -» nicht aus dem lat. altäre,
sondern ist ein Wort der frühen bairischen Mission, die vor dem
Auftreten der Glaubensapostel im großmährischen Reiche gewirkt
hat und der das Aksl. eine Reihe von Kirchenwörtern verdankt
(biskup2, corky,postiti, manichz, kroste). Die nun schon ungewohnte
Verbindung al? wird durch Einschub eines Reduktionsvokales
erleichtert (darüber VAasmer Zs. f. slav. Phil. 1158). Zwischen
850 und 1150 ist das Cech. varhany ‚Orgel‘ aus dem altbairischen
organa übernommen worden (VERF. Arch. f. slav. Phil. 40, 290).
Weitere Belege sind tech. valcha < ahd. walcha ‚Walke‘, halda <
mhd. halde ‚Halde‘ (ein Wort der Bergmannssprache), almuzna <
ahd. almuosan, almef < mhd. almere u. v.a.
Gute Auskunft über die Zeit der Umstellung vermögen
Schreibungen asl. Personennamen zu geben. Im 9. Jahrh.
lassen sich nur Formen mit Umstellung belegen, vgl. 827 im
Placitum von Puchenau (Bırreraur Traditionen des Hochstiftes
Freising 548) Trepigo, wohl = asl. Trebiks < *Terbiko (über alt-
bair. p für slav. d vgl. Verr. Reibelaute, S.51; g bezeichnet
im Altbair. einen stimmlosen Laut, vgl. Schatz Altbair. Gram-
matik, 8.79); 843 Radach (Bırr. 660); 864 wird (Salzburger
Urk.-Buch 2, 22) genannt Trebiznec, Zebedrach, Drasma, die treb-
und drag- <terb- und darg- enthalten (über -drach für -drag
s. Verr. Teuthonista 2, 269); 888 Trebifrater = Trebibratr (Salzb.
UB. 2, 32). Der mährische Herzog Rastislav trägt in der Mitte
des 9. Jahrh. auch schon diese Namensform, nicht etwa *Arstislav.
Die älteste umgestellte Form scheint im Verbrüderungsbuch von
Skt. Peter in Salzburg zu stehen, das 784 begonnen wurde. Es
enthält den Namen Trebel (Mon. Germ. Neecrol. II 101, 5), wenn
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd IV. 24
364 E. ScHhwArz
die Stelle wirklich, wie angegeben ist, mit zu dem ältesten Teile
gehört. ;
In z. T. ältere Zeit führen uns Namen aus Mittel- und
Norddeutschland. Z. J. 630 führt die aus dem 7. Jahrh. stam-
mende Chronik des sogenannten FREDEGAR als Sorbenherzog den
Deruanus an, der infolge der Erfolge Samos von den Franken
abfällt. Zugrunde wird obersorb. drjewo ‚Holz, Wald‘ < dervo
liegen (vgl. zur Bildung die mit widw ‚Wald‘ zusammengesetzten
deutschen PN.). Bei den Wilzen uud Obotriten, wo nichtum-
gestellte Formen sich in gewisser Stellung behauptet haben, zeigt
sich Umstellung schon seit dem Ende des 8. Jahrh., wie sich
aus den von Lorkntz im Arch. f. slav. Phil. 27, 475 beigebrachten
Belegen aus fränkischen Annalen ergibt, vgl. den 789 genannten
Wilzenfürst Dragawitus (auch Dragoidus, Dragovid, Tragowit),
weiter Dragoz, 817—826 Ceadragus. Da hier später ar neben
ro herrscht (außer im Anlaut), ist ra der Schreibungen als der
Vorläufer des ro zu betrachten.
Diese beigebrachten PN. zeigen uns, daß auf dem sorbischen
Gebiet die Umstellung noch nicht im 7. Jahrh., im Ostseewen-
dischen — soweit sie überhaupt eingetreten ist — und Slovenischen
aber schon am Ende des 8. Jahrh. durchgeführt ist.
Sehr beachtenswert und z. T. entscheidend sind die gegen-
seitigen Übernahmeverhältnisse bei Ortsnamen. Hier ist zu-
nächst festzustellen, daß auf dem gesamten deutsch-slavischen
Berührungsgebiete die ältesten in das Slav. eingedrungenen
Namen die Umstellung mitgemacht haben und anderseits die
ältesten in das Deutsche übernommenen slav. Namen noch den
Lautstand vor der Umstellung zeigen. Als Beispiel der Ent-
lehnung ins Slav. mögen genannt werden dech. und elbslav.
Labe < Albia, der in Schriften des 7./8. Jahrh. häufigen Namens-
form der Elbe, und die Schwarzach, tech. Svratka, Fluß in
Mähren, 12. Jahrh. Zuratca, als deren gemeinsame Grundlage
quadisches *Swart-ahwa ‚Schwarzache‘ 'angesetzt werden kann
(VerF. Zur Namenforschung und Siedlungsgeschichte in den
Sudetenländern, Prager deutsche Studien 30, 2 und 12f.; Bedenken
dagegen bei Vasmer Zs, f. slav. Phil. 2,528; wegen der Verkürzung
der Verkleinerungsform auf -»ka, -vka kann auf Mohelka für
Zur Chronologie der slavischen Liquidenumstellung usw. 365
Mohelnice verwiesen werden); aus keltischen Namen *Albanta,
*Albantia stammen altslov. *Albota, *Albanica > Labgta, *Laba-
nica, daraus wieder deutsch Lafant, Lafnitz, vel. Zs. f. slav.
Phil. 1, 331f. Häufiger sind Entlehnungen aus dem Slav. ins
Deutsche: die Perschling, Fluß in Niederösterreich, 834 Bers-
nicha < *Berzonita (zu *berza ‚Birke‘, gegen Schwerz’ Ableitung
von berg» ‚Ufer, Hügel‘ im Arch. f. slav. Phil. 39, 175f. Ver.
Reibelaute, S. 33 und Arch. 40, 315)%); gleichbedeutend wohl
Perschling in Oberösterreich, Bez. Vöcklabruck; Walster, rechter
Nebenbach der Salza in Steiermark, 1348 Walsnik < * ValZenica
(ScHnertz Arch. 39, 168).
Diese Namen stellen, wie ausdrücklich bemerkt werden muß,
eine älteste schwach vertretene Schicht dar. Weit zahlreicher
sind solche der zweiten Schicht, die schon vollzogene Umstellung
zeigen, vgl. die vielen Namen Grätz, Pregrad, Flanitz, Fressen u.a.
(zu grad, blana, breza). Die ältesten Belege sind Zlaten, Bach
und Ort südlich Bruck an der Mur, 904 rivus, locus Zlatina
(Zaun ON.-Buch der Steiermark, S. 350; zu slatına ‚Salzwasser‘);
in Kärnten Treffen nördlich St. Veit, 927 Treuwina (Salzburger
UB. 1, 69; = tröbina ‚Rodung‘). Für das oben genannte Lafnitz
in Oststeiermark taucht der früheste Beleg mit Umstellung 864
auf (Zabenza, Zaun 289). Auch der Name von Prefburg, 907
Brezalauspurc, gehört seiner Entstehung nach ans Ende des
9, Jahrh. Da die Umstellung des per > pr& vor Kons. schon er-
folgt war, ist gegen die Ableitung vom PN. Pr£slavs nichts ein-
zuwenden (VERrr. Zs. f. slav. Phil. 2, 58£.; 4, 109f. gegen MruıcH
a. O. 1,79f. und Hortzmann a. 0. 2, 372f.).
Aus unseren ON. folgt einerseits, daß die Umsteilung zur
slav. Landnahmezeit (dem letzten Drittel des 6. Jahrh.) noch
nicht, aber auch zur Zeit der ältesten Übernahme slav. ON. in
Österreich durch die Baiern noch nicht durchgeführt war. In
Oberösterreich ist ein Nebeneinanderleben von Baiern und Slaven
seit dem 8. Jahrh. nachzuweisen, bzw. zu erschließen (Verr.
Reibelaute, S. 52). Nach Kärnten und Steiermark. sowie Nieder-
österreich kamen die Baiern nach der landläufigen Ansicht nach
1) Für verfehlt halte ich die Deutung aus einem antiken ON.
bei PIRCHEGGER Slaw. ON. im Mürzgebiet, S. 110 [KN.].
24*
366 E. Schwarz
791, nach den Avarenkriegen Karls des Großen. Dann würden
uns die angegebenen Namen zeigen, daß um 800 die Umstellung
landschaftlich noch nicht erfolgt war, wenn wir uns nicht ent-
schließen wollten, an die Möglichkeit früherer Entlehnung zu
glauben. Eine Anwesenheit Deutscher in Niederösterreich ist
auch aus anderen Gründen vor 800 nicht ausgeschlossen, vgl.
Verr. Beitr. z. Gesch. d. deutschen Sprache und Literatur 50, 260.
Nach Kärnten und Steiermark kamen die Baiern schon um 750,
als sie sich in die politischen Verhältnisse dieser Länder ein-
mischten. Doch ist zweifelhaft, ob schon eine volksmäßige bai-
rische Ansiedlung in dieser Zeit eingesetzt hat. Je nach der
Klärung dieser Fragen wird sich die Zeitgrenze der Umstellung
in Österreich um einige Jahrzehnte verschieben.
Unsere Beobachtungen stimmen gut mit den schon von vielen
Seiten beim Lehnworte asl. *karl!'» aus dem Namen Karls des
Großen gemachten Feststellungen überein. In sämtlichen Sprachen
hat dieser Name die Umstellung mitgemacht, die also zur Zeit
dieses Herrschers gewirkt hat. Einige Jahrzehnte nachher wurden
Lehnwörter mit solchen Verbindungen schon anders behandelt,
wie oben erwähnt worden ist. LoRENTz wendet sich Arch. 27, 475
dagegen, weil ein gemeinslavisches Lehnwort vorliege. Aber wir
besitzen eine ganze Reihe von Wörtern, die in dieser Zeit über-
nommen noch den Weg zu allen slavischen Völkern gefunden
haben. Der Zusammenhang zwischen ihnen war eben bis zum
9. Jahrh. sehr lebhaft und ist erst durch den Madjareneinfall
von 895 zerrissen worden. Wenngleich Karl der Große erst 789
die Wilzen jenseits der Elbe unterworfen hat, so wird sein Name
doch sicher schon früher ihnen bekannt geworden sein. Bereits
während der Sachsenkriege, in denen Karl auch mit den Elb-
slaven in Berührung kam, wird der große König den Eindruck
auf sie gemacht haben, der zur Aufnahme seines Namens im
Sinne von ‚König‘ geführt hat. Mit Recht betont deshalb Ber-
NEKER EW.1 572f. gegenüber den gemachten Einwendungen die
Bedeutung dieses Wortes für die Sprachchronologie.
Zu ähnlichen Feststellungen kommen wir auch bei den
anderen ost- und südslavischen Stämmen, wobei immer zu be-
achten ist, daß zeitliche Unterschiede bei einem Vorgang, der
Zur Chronologie der slavischen Liquidenumstellung usw. 367
sich weiter verbreitet, naturgemäß bestanden haben müssen. Die
folgende Auswahl soll nur überblickend den Zusammenhang her-
stellen. Auf der Balkanhalbinsel war zur Zeit der Landnahme
die Umstellung ebenfalls noch nicht durchgeführt, vgl. in Istrien,
das seit 600 etwa von Slaven besiedelt wurde, den Stadtnamen
rom. Albona > kroat. Labin, weiter ital. C'herso, kroat. Öres <
Cersa, Arbe > kroat. Rab (beides Inselnamen), Scardöna, bei
Constantin Porphyrogen. Zx6odova > Skradin, "A4ooı« > Rasa
‚Fluß in Istrien‘, 4oo« > serb. Rasa, Serdica > mbulg. Srödoc»
‚Sofia‘ u.a. Auch im 7. Jahrh. war die Umstellung noch nicht
vollzogen, wie uns Schreibungen slavischer PN. belehren, denn
es sind uns belegt bei Turopayr. Sım. Aoddyasros = Radogost,
bei THEoPHAnEs Jaoyaungöos = Dragomer. Hinzuzufügen ist
noch der um 630 in der Nähe von Saloniki wohnende Rynchinen-
fürst IIsoßoövdog = Perbods (nicht Pervund, wie NIEDERLE Slov.
StaroZ. II 235 schreibt). Von ON. sei hingewiesen auf A«oya-
ueoro in Aetolien, zu asl. darga ‚Tal‘; T’«oöfro«, Dorf in Tri-
phylien, Kaodiroe, Stadt in Böotien und Thessalien < *Gardoco.
Dieselben Feststellungen sind von Vasmer bei Lehnwörtern ge-
macht worden: neugriech. (s)ß&ov« ‚Egge‘ < asl. *barna, Balxög
‚Fischnetz, womit Aale gefangen werden‘ < asl. *valka ‚Wurfnetz‘
(im westlichen Peloponnes ßoAx0s), ngr. ueod« (in Thrakien, Messe-
nien) ‚Netz‘ < *merZa, odlu« ‚Getreide‘ < *salma. Auch im
Rumänischen und Albanischen sind Wörter dieser ersten Schicht
nachgewiesen, vgl. alb. dalte ‚Meißel‘, rum. dalta < asl. *dalta,
rum. gard ‚Flechtwerk, Zaun‘ <*gards (KrErscHhmer Arch. 27, 231
und bes. VasmER Rocznik Slaw. 6, 182f.). Vasmer betont mit
Recht gegenüber Sacumarov Arch. 33, 51f,, daß die Umstellung
nach der Ausbreitung der Slaven auf dem Balkan sowie Deutsch-
land und Österreich eingetreten sein muß. Das Hauptgebiet der
Umstellung liegt bei den Südslaven im Westen, denn im Nord-
osten hat noch um 900 al neben la bestanden (bei Johann dem
Exarchen baltiny, vgl. MıxkoLa Urslav. Grammatik, S. 86).
Ähnliche Feststellungen gelten für die litauisch-weißrussischen
Beziehungen (Beispiele bei Busa Rocznik Slaw. 6, 11f., 34; Streit-
bergfestgabe, 8. 23, 33f.; Zs. f. slav. Phil. 1, 29£. und 35£.). Die
seit der zweiten Hälfte des 9. Jahrh. in das Russische ge-
368 E. Scawarz
drungenen altnordischen (altschwedischen) Lehnwörter und PN.
unterliegen nicht mehr der Umstellung, anderseits haben die
Russen noch einige wenige ältere altnordische Namen und Wörter
umgestellt. Die älteste Schicht der in das Finnische gedrungenen
Lehnwörter aus dem Russischen zeigt noch keine Metathese
(Beispiele bei Mırkoua Berührungen zwischen den westfinnischen
und slavischen Sprachen I, S. 48f., 46; Buca Zeitschr. 1, 30f.).
Im Russischen ist die Umstellung vielleicht erst kurz vor der
Festsetzung der Waräger, also vor 839—862, durchgeführt
worden.
Die Frage, ob die an und für sich wahrscheinliche zeitliche
Verschiedenheit der Umstellung auch an der Hand der Denk-
mäler (einschließlich Urkunden, Lehnwörtern, PN. und ON.) nach-
weisbar ist, läßt sich nur wenig sicher beantworten, wie unsere
Belege dargetan haben. Wir treffen die Umstellung ungefähr
zur selben Zeit in Österreich und Norddeutschland, unumgestellte
Formen neben umgestellten um 900 im Nordosten des Bulgarischen,
Umstellung weiter schon in der zweiten Hälfte des 9. Jahrh.
im Russischen. Anderseits haben wir Beweise in der Hand, daß
sie im Westen und Südwesten wirklich erst in den Jahrzehnten
um 800 eingetreten sein kann. Vasmer’s Bedenken gegen gleich-
zeitiges Auftreten der Umstellung (Zs. f. slav. Phil. 2, 526) sind
gewiß berechtigt, unsere Quellen aber sprechen nicht für weit-
gehende zeitliche Unterschiede im Westen. Es lagen anscheinend
wirklich nur Jahrzehnte zwischen dem Eintritt unseres Laut-
wandels in den einzelnen Gebieten, was insofern auffällig ist,
als z. B. deutsche Lautveränderungen wie hochdeutsche Laut-
verschiebung oder die mittelhochdeutsche Diphthongierung von
7, @, wu Jahrhunderte zur Ausdehnung auf viel kleinerem Raume
gebraucht haben. Die Umstellung von ON. der neu besetzten
Länder und das Unterbleiben der Metathese in Teilen des Elb-
und Ostseeslav. zeigt, daß wir tatsächlich eine Erscheinung vor
uns haben, die erst geraume Zeit nach der Ausbreitung der
Slaven in ihren neuen Sitzen zu wirken begonnen hat und irgend-
wo einen Ausgangspunkt haben muß. Auf die Theorie der Um-
stellung, die ein Problem für sich ist, soll hier nicht eingegangen
werden. Doch bieten unsere Belege einen kleinen Beitrag auch
Nochmals über die Akzentlehre von A. Beli6 369
dazu. In der ersten Hälfte des 9. Jahrh. hat sich, im Süden
vermutlich später als im Norden, der Wandel «> o vollzogen
(vgl. VERF. Arch. 41, 124f.). Neben der Intonation und der damit
vielleicht zusammenhängenden Dehnung von alt, talt > alt, talt
ist auch dieser Wandel in Rechnung zu stellen. In Norddeutsch-
land, wo o früher entstanden war als im Süden und wo teilweise
ar neben ro galt, zeigt sich auch ra in den Schreibungen. Wir
haben demnach auszugehen nicht nur von talt > talt > tlat,
sondern auch von talt > tlat > tlot. Eine Zwischenform tolt ist
nicht bezeugt. Diese aus der historischen Betrachtung gewonnenen
Ergebnisse decken sich mit den auf anderem Wege dargelegten
von Freiherr v. d. OstEn-SAckEn im Arch. f. slav. Phil. 33, 1f.
Eine verschiedene Behandlung von anlautendem alt und inlauten-
dem Zalt, die durch die einzelsprachliche Entwicklung wahr-
scheinlich gemacht wird, läßt sich aus unseren Belegen der deutsch-
slavischen Grenzzone nicht nachweisen, was aber wohl nur Schuld
mangelhafter Überlieferung ist. Abzuweisen ist die Ansicht, daß
das Unterbleiben der Umstellung im Elb- und Ostseewendischen
durch die deutsche Grenznachbarschaft beeinflußt sei, daß deshalb
die bei den Deutschen übliche Lautgruppe beibehalten worden
sei, wie Jasıc Arch. 20, 49 und Vonprix Vgl. slav. Gramm. I?,
S. 401, meinen. Dazu genügt die Randstellung des Nordwest-
slav. allein. Wäre es möglich, eine dialektgeographische Karte
mehrerer Wörter mit talt für das Nordwestslav. herzustellen —
es müßten die ON. im deutschen Munde und die Urkunden stark
ausgenützt werden — so würde sie, wie aus Restformen zu ver-
muten ist, deutlich zeigen, daß die Umstellungsformen vom Süden
her eingerückt sind und die geographische Verbreitung bei ein-
zelnen Wörtern verschieden war.
Prag—Gablonz a.N. Ernst SCHWARZ
Nochmals über die Akzentlehre von A. Belic
.
In dieser Zeitschrift Bd. I, S. 171—137, habe ich A. Beuic’s
Akzentlehre besprochen und habe zu zeigen versucht, daß diese
Akzentlehre auf falschen Voraussetzungen fußte. In derselben
Zeitschrift, Bd. II, S. 1—28, beantwortete A. Beuıc meine Kritik.
370 D. Bvsriıce
A. Beni‘ ist nicht allen meinen Einwänden gefolgt. Er be-
achtet nur einige meiner Bemerkungen über die Akzenttypen im
Urslavischen und besonders meinen Zweifel an der einstigen
Existenz des urslav. , freilich auch hier nicht in vollem Maße.
Vor allem andern sagt A. Beuic einfach: „Ich werde nun nicht
alle Punkte BuzriıcrH’s ungewöhnlicher Argumentation bekämpfen,
denn ich wäre sonst genötigt, jeder einzelnen Behauptung einige
Seiten zu widmen“ (Zeitschr. II 14).
Meine Bemerkungen über die Akzenttypen im Urslavischen
sind, soweit sie den urslav. ” nicht berühren, für die Akzentlehre
von A. Beui6 nicht entscheidend. Entscheidend ist die Be-
sprechung des urslav.”. Aus Grüuden der Raumersparnis be-
schränke ich mich nur auf diejenigen Kapitel des Aufsatzes von
Beuic, die vom urslav.“ handeln, also auf Kapitel II und III.
Diese Kapitel sind nicht weniger als die anderen geeignet, die
polemische Methode A. BeLıc’s zu zeigen.
2.
In Kap. II führt Beuıc aus, wie er die Stokavischen Er-
scheinungen der Art von stäro:stäro mit den @akavischen Er-
scheinungen der Art von stäaro:stäro verknüpft, und versucht,
meine Einwände gegen solch eine Verknüpfung zu widerlegen.
Er sagt:
„Wie versucht nun D. Bugrıcn das zu entkräften? Hin-
sichtlich des Stokavischen meint er: »Eine wichtige Erscheinung
ist dabei nicht in genügendem Maße berücksichtigt worden. In
keinem der Stok. Dialekte, die den alten Stok. Akzent beibehalten
haben, finden wir den Typus stäro: stärö, dafür weist aber einer
von ihnen, der slav. Dialekt von Brlid, den Typus stäro : stärö
auf. Vgl. Akz. st. 22«. Ferner: »Folglich muß der $tok. ” nicht
mit dem &ak. beweglichen °, sondern mit dem ak. ’ zusammen-
gestellt werden. Es wird dann möglich, Stok. staro : stäro >
stäro : stäröo auf Grund des ursprünglichen ... . stäro : stärö
zu erklären, das auf ein urslav. stdro:stdroje zurückgeht«. Un-
glaublich, wie auf einein so engen Raum eine solche Fülle von
Ungenauigkeiten zusammengebracht werden konnte! Und den-
noch ist es so!* (Zeitschr. II 9.)
Nochmals über die Akzentlehre von A. Belic 371
Man beachte, daß es bei mir (Zeitschr. I 175) nicht „mit
dem &ak. beweglichen °“, sondern „mit dem &ak. unbeweglichen “*
heißt. A. Bruıc hat also meine Worte ungenau angeführt.
Dazu heißt es .bei ihm auch „stäro : stäro“ statt des bei mir
(Zeitschr. 1175) stehenden „stäro : staroö“, was freilich auf einem
Korrekturversehen beruhen kann.
Man beachte weiter, daß bei mir (Zeitschr. I 175.) die Stok.
Erscheinungen der Art von stäro:: stäroö < stäro : stärö (slavonisch)
auf die Erscheinungen der Art von stäro:stäro auf analo-
gischem Wege zurückgeführt werden, dabei stellt es BeLı6 so
dar, als wenn ich an einen lautlichen Weg dächte. Welchen
Weg ich mir dabei denke, muß Bruıc wissen, denn ich habe der
Frage 16 Zeilen gewidmet. Nichtsdestoweniger will er es nicht
wissen, wie seine weiter folgenden Worte (Zeitschr. II 9—11)
ausdrücklich zeigen. Bruıc hat also den Zusammenhang meiner
Worte dem Leser vorenthalten.
Man bemerke auch, daß bei mir (Zeitschr. I 175ff.) der Ge-
danke ausgesprochen wird, Stokavische Erscheinungen der Art
von stäro < stärdö < stäro: stärö (slavonisch) seien ganz anderer
Natur als Zakavische Erscheinungen der Art von stäro : stäro,
während Beuıc es so darstellt, als wenn ich sie miteinander ver-
knüpfte und somit Zak. unbewegliches” auf ’ zurückführte. Meine
Worte „Folglich muß der Stok. ° nicht mit dem dak. unbeweg-
lichen °, sondern mit dem dak ° zusammengestellt werden“ be-
deuten, wie es jeder, der meinen Aufsatz gelesen hat, weiß, nichts
anderes als „Folglich muß der Stok. ° in diesem Falle nicht der-
jenige ” sein, dem im allgemeinen &ak. unbeweglicher ” entspricht,
sondern derjenige , dem im allgemeinen Zak. " entspricht (also
derjenige “, der z. B. in hvalı5 vorkommt)“. Beuıc hat hier
meinen Gedankengang ganz entstellt.
Mein Gedankengang ist folgender. Bekanntlich kann Stok.“
verschiedener Herkunft sein. Wie ist die Herkunft von” in den
Adjektiva der Art von stäro.: stärö aufzufassen? ebenso etwa
wie diejenige von ” in ak. Adjektiva der Art von stäro : stärö
oder irgendwie anders? Die Frage müssen diejenigen Mundarten
des Stokavischen entscheiden, die das alte Akzentsystem bewahren.
In keiner dieser Mundarten finden wir Erscheinungen der Art
%
372 D. BusrıcH
von stäro:stäro. Dafür bietet eine von ihnen, die slavonische
_ (posavische) Mundart von Brli6, Erscheinungen der Art von
stäro : stärö. Es ist offenkundig, daß die Stokavischen Erschei-
nungen ganz anderer Natur sind, als die &akavischen, und nicht
als Beweismaterial für den urslav.” dienen können. Was die
Ausbildung dieser Stokavischen Erscheinungen betrifft, so ist ein
analogischer Weg leicht denkbar, denn den Ausgangspunkt der
analogischen Entwicklung können die.urspr. Bildungen der Art
von *stäro.: stäaro (= urslav. stdro.:stäroje) gebildet haben.
Was hat nun Bruıc gegen diesen Gedankengang außer un-
richtiger Anführung meiner Worte zu bieten?
„Es ist vor allem nicht richtig, daß jenen Stok. Dialekten,
die die alte Stok. Akzentuation beibehalten haben, das Verhältnis
staro.: stärö unbekannt ist. Das ist auf S. 22 meines Buches
auch nicht behauptet worden“ (Zeitschr. II 9). Diese Worte
klingen sehr überzeugend. Man erhält den Eindruck, daß Beuıc
Tatsachen besitzt, die meine Erwägungen unmöglich machen.
Was sind nun das für Tatsachen? Vorsichtigerweise sind sie
von Berıc an einer anderen Stelle seines Aufsatzes (Zeitschr.
II 10—14) angeführt. Es sind slavonische (posavische) Er-
scheinungen der Art von stäro: stdrö, die, der Meinung von Beuic
nach, auf ältere Erscheinungen der Art von stäro : stäro auf
analogischem Wege zurückgehen! Beuıc hat also den Leser ge-
täuscht, denn man erwartet Tatsachen und erhält eine Hypothese.
„Demgegenüber ist es richtig, daß alle Stok. Mundarten, wie
auch die meisten Cak., diesen Typus in einer beschränkten An-
zahl von Fällen beibehalten haben. In diesen Beispielen stimmen
&ak. und Stok. Dialekte völlig überein und, wie ich gezeigt
habe, hat sich im Cak. eine größere Anzahl von Beispielen er-
halten als im Stok.; dasjenige aber, was bei den Stokaven und
Cakaven erhalten blieb, ist immer gleich: stäro:: stäro, mälo :
mälöo und zwar bei allen Stokaven und allen Cakaven. Ich
habe mich aber bemüht zu zeigen, daß in einem Teile &ak. Mund-
arten (im nordöstl. Istrien) in allen Beispielen, wo für dieses
System notwendige Bedingungen vorhanden sind, dasselbe voll-
kommen erhalten geblieben ist...“ (Zeitschr. II 9). Auch diese
Worte klingen sehr sicher. Es läßt sich aber auch daran Einiges
Nochmals über die Akzentlehre von A. Beli6 373
aussetzen. Es stimmt nicht, daß alle Stok. Mundarten, wie auch
die meisten &ak., den Typus stäro.: stäro beibehalten haben. Es
stimmt auch nicht, daß in zwei Fällen die Zak. und $tok. Dialekte
völlig übereinstimmen, oder daß in den £ak. und ätok.
Dialekten zwei Fälle immer gleich sind. Auch nicht, daß
zwei Fälle bei allen Stokaven und allen Cakaven eteith: sind.
Denn wir haben ja slavonische (posavische) Erscheinungen der
Art von stäro:stdro, wie auch BeuıG sie erklären mag.
3.
In Kap. III wendet sich Beuiı6 den slovenischen Erscheinungen
der Art von stäro:stäro, den kaSubischen Erscheinungen der Art
von slov. *stäro:stäyre und den (echischen Erscheinungen der
Art von stäro:stare zu.
a) Er schildert, wie er die slovenischen Erscheinungen der
Art von sitdro :stäro mit den @akavischen Erscheinungen der Art
von stäro:stärö verknüpft, und sagt weiter:
„Herr Busrıca meint, die Beweiskraft des slov. Materials
auf folgende Weise entkräften zu können: »Im Slovenischen steht
derselbe , um den es sich in den oben angeführten Beispielen
handelt, in einer großen Anzahl anderer Fälle, für die Beuı6
wohl kaum einen urslav.” annehmen würde. Hierher würden
z. B. die Partizipien im N. Sg. hvalila, pitala und die Loc. Sg.
wie brätu, koZühu gehören«. Herr Buskıch irrt aber, wenn er
glaubt, daß das Vorhandensein von unklaren Fällen im Slove-
nischen, die durchweg in dem Einzelleben dieser Sprache ent-
standen sind, uns nötigt, auch das, was im Slovenischen klar
ist, als unklar oder problematisch hinzustellen“ (Zeitschr. II 15£.).
Man bemerke, daß bei mir (Zeitschr. 1177 ff.) die slovenischen
Erscheinungen der Art von stdro : stäro als Erscheinungen, die
den Zakavischen Erscheinungen der Art von stäro: stärö parallel
sind, betrachtet werden. Von dieser Seite versuche ich auch in
keiner Weise Berıd’s Konstruktionen zu entkräften. Ich ver-
suche das aber von einer anderen Seite aus: ich werfe die Frage
auf, ob es nicht möglich ist, die slovenischen und Zakavischen
Ericheiünngen auf rein slovenischem und takavischem Boden zu
erklären, ohne den urslav.” heranzuziehen. Über diese meine
374 D. BugrıcH
Frage gibt Beuıd keine Auskunft. Meine von ihm zitierten Worte
sind nur einleitend, wie ein jeder sehen kann.
b) Beuı6 schildert ferner, wie er die kaSubischen Erschei-
nungen der Art von slov. *stäro : stäyre mit den takavischen
Erscheinungen der Art von stäro:stärö verknüpft, und sagt weiter:
„Herr Busrıca hat wohl etwas darüber angedeutet, doch
wird schwerlich jemand es verstehen können. Darum führe ich
nur sein Endergebnis an, daß die kaSub. Formen auf stäro : stäroje
zurückgeführt werden sollten. Mir ist es aber klar, daß die
heutigen kaSub. Formen auf diese Weise nie entstanden wären,
sondern daß, wenn Busrıca’s Hypothese möglich wäre, in diesem
Fall auch in der bestimmten Form kurzer Vokal (aus altem ')
zu erwarten wäre; doch kommt dieser nicht vor“ (Zeitschr. II 16).
Man bemerke, daß bei mir (Zeitschr. 176) die kaSubischen Er-
scheinungen der Art von slov. *stärs:stäuwre auf die Erscheinungen
der Art von slov. *stäre : *stäre und weiter auf die urslavischen
Erscheinungen der Art von sitdro:stäroje auf analogischem
Wege zurückgeführt werden, während Beuıc es so darstellt, als
wenn ich an einen lautlichen Weg gedacht hätte. Welchen Weg
ich mir denke, muß Berıc wissen, denn das Wort „analogisch“
kommt bei mir an allen Stellen vor. Meine Worte siud: „stäure
(st. stäre) Konnte neben *stäre analogisch nach skype : *skäpo
gebildet werden (gegen *stäro und *skäpo aus städro und skgpo
läßt sich nichts einwenden....)... Es läßt sich also wohl mit
*stäro : *stäre aus urslav. stdro : stdroje auskommen.“
c) A. BeLı6 sagt weiter, wie er die dechischen Erscheinungen
der Art von sidro:stard mit den &akavischen Erscheinungen der
Art von stäro:stäro verknüpft, und...fügt nichts neues hinzu.
Meine Einwendung (Zeitschr. I 176) gegen seine Auffassung ist
so kurz dargelegt, daß sie keinesfalls mißverstanden werden
konnte. Meine Worte sind: „... diese Formen lassen sich nur
auf urslav. stdro:stäroje... zurückführen“. NB.: stäro (zwei-
silbig) muß im Cech. stäro ergeben, stdroje aber (dreisilbig) stare.
Hier bleibt Beuı6 nichts anderes übrig, als meinen Einwand mit
Stillschweigen zu übergehen. Seine Worte „Es unterliegt keinem
Zweifel, daß es auch andere Möglichkeiten gibt, diesen Fall im
Cech. zu erklären“ sind zu dunkel, um etwas dem Leser zu sagen.
Russ. cem& ‚sieben‘ als gemeinostslavisches Merkmal 375
4.
Nach dem Gesagten halte ich Beuic’s Verteidigung seiner
Position nicht für einwandfrei und glaube nicht, daß meine Ein-
wände dadurch entkräftet sind. Die von ihm gebrauchte pole-
mische Methode ist hier dieselbe, wie die von T. Leur-SprA-
wınskı, Zeitschr. III 364—367, charakterisierte.
Die Akzentlehre von Beuı6 halte ich für im höchsten Grade
revisionsbedürftig.
Petersburg D. BvskicH
Russ. cemp „sieben“ als gemeinostslavisches Merkmal
Als lautliche Merkmale, die dem Ostslavischen von altersher
eigen sind und sonst in keiner anderen slavischen Sprache vor-
kommen, werden gewöhnlich angeführt: — 1. der „Vollaut“
(mosıuornacne) d.h. die Verbindungen oro, olo, ere, ele in solchen
Fällen wie russ. xoposa, conoma, 6epesa, cenesönna,;, — 2. Z aus
*dj) in Fällen wie russ. newca, eusscy, zymce; — 3. o aus anlauten- -
dem *je in Fällen wie russ. odun, osun, oMcuna, osepo, ocemp,
ocenb, osend. Zu diesen drei Merkmalen!) muß nun ein viertes
hinzugefügt werden, — nämlich gemeinostslav. sem», semyjp, se-
mero usw. im Gegensatz zu sedmp, sedmyjp, sedmero der übrigen
slavischen Sprachen. Die Formen sem» usw. treten in allen drei
ostslavischen Sprachen auf (grr. cemp, wr.cem, klr. cin) und sind
die einzigen echtostslavischen: schriftsprachliches und dialektisches
grr. cedvmoü ist aus dem Kirchenslavischen entlehnt. Die „d-losen“
Formen des Zahlwortes „sieben“ sind bereits in den ältesten
Denkmälern des russischen Schrifttums belegt, in den südrussischen
(z. B. Aunnn cema Sborn. Svjat. 1073, cemnAnnre Sborn. Svjat. 1076,
cemos uncao Greg. Naz. 11. Jahrh.) sowohl wie in den nordrussischen
(z. B. 8 roannx cemawk Ostrom. Ev., cemouncannoyw Novgoroder
Menäe 1097, — s. überhaupt Srezwevskw’s Marepiansı s. YV.).
1) Das 2 (aus *e) von russ. duma, cudwm», musuney darf nicht
mit den drei obenaufgezählten Merkmalen vereinigt werden, da einer-
seits die Bedingungen seines Auftretens durchaus nicht klar sind, und
anderseits wenigstens in musuney (= ksl. mksuukun) das 2 auch außer-
halb des Ostslavischen (z. B. in bulg. nusuneys, musunxa) vorkommt.
376 Fürst N. TRUBETZKOY
Die Formen sind also älter als der Beginn des Schrifttums, d.h.
urrussisch.
Die Deutung dieser urrussischen lautlichen Eigentümlichkeit
ist nicht ganz sicher. Urruss. *sem» geht letzten Endes auf ein
vorurrussisches (bzw. frühurslavisches) *sebdm» zurück. Die Ent-
wicklung der Verbindungen zweier Verschlußlaute umfaßte zwei
Momente: zuerst wurde der erste Verschlußlaut dem zweiten
assimiliert (*grepti < *gretti), dann wurde der auf diese Weise
entstandene lange Verschlußlaut gekürzt (*gretti > *greti), —
offenbar, auf Grund des allgemeinen Gesetzes von der Verschie-
bung der Silbengrenze (vgl. Zeitschr. f£. slav. Phil. II S. 119£.).
Der Schwund des kurzen *d vor m (z. B. *pledme > pleme,
*yydme > vyme) vollzog sich in den westurslav. und südurslav.
Dialekten zwischen den oben erwähnten zwei Momenten der
Behandlung von Verschlußlautgruppen, — einerseits nach der
Assimilation von *grepti zu *gretti (bzw. *sebdm» zu *seddmo),
aber anderseits vor der Kürzung von *gretti zu greti (bzw.
*seddmp zu sedmo). Dagegen mußte in den osturslav. Dialekten
der Schwund des kurzen *d vor m entweder vor der Assimi-
lation von *pt > *tt stattgefunden haben (also: *sebdmp > *sebmp
> *sem»), oder— nach der Kürzung langer Konsonanten (also:
*sebdm» > *seddmp > *sedmo > *semv). Es ist schwer zu ent-
scheiden, welche von diesen zwei möglichen Auffassungen die
wahrscheinlichere ist. Eins ist aber sicher: osturslav. *sem» ist
nicht durch eine besondere, speziell-osturslavische Lautveränderung
entstanden, sondern durch eine besondere speziell-osturslavische
chronologische Reihenfolge gemeinurslavischer Lautveränderungen.
Nichtsdestoweniger ist das Fehlen des d in russ. cem» ein
speziell-gemeinostslavisches Merkmal, das mit dem Z von russ.
essca, mit dem o von russ. odurı und mit dem oro von russ. koposa
auf dieselbe Stufe gestellt werden muß.
Wien Fürst N. TRUBETZKOY
Etymologisches. 13. aksl. usw. chodogs ‚kunstfertig, schlau,
listig‘ ist entlehnt aus germ. *handags : got. handugs ‚weise‘ :
handus ‚Hand‘. Die Bildung ist ähnlich wie got. gredags ‚hungrig‘:
gredus ‚Hunger‘. M.V.
Ein Beitrag zu den slavisch-thrakischen Sprachbeziehungen 377
Ein Beitrag zu den slavisch-thrakischen
Sprachbeziehungen
Es unterliegt keinem Zweifel, daß die Personennamen auf
-og15, -por, -porus Sich einer großen Beliebtheit im alten Thrakien
erfreut haben. Man begegnet da folgenden derart gebildeten
Namen: 1. 4ßoov-noAıs aus *Aßoov-zxogıs (TomascHEK Die alten
Thr. I 2 S.3; Kretschmer Einl. S. 184). 2. AöRov-zogıg neben
Alkov-zogıs aus *AbAov-zogıs (Tom. S. 4) und Adılov-zolıg aus
* Adılov-nogıs (Kr. S. 188), 3. Aarr-zogıs (Tom. S. 30) und AaAe-
zogıs (Min. Sbornik XVIII S. 796), 4. Deos-por (Tom. S. 31; Kr.
S. 241, Anm. 3) neben Lı6o-zovo:g (Izvestija na arch. druz. IV
S. 267), 5. Diza-por (Tom. S. 32), 6. AuAl-zogıs und AvAv-zogıg
(Tom. S. 34), 7. Aıvöt-zogıg mit der Variante Aevdov-zogıs (Tom.
S. 33), 8. Jogv-zolıs aus *ogv-zogıs (BCH. XXI S. 13), 9. vrov-
zooıs (KAummkA Antike Denkm. Nr. 34; BCH. XXII S. 526) neben
Duto-boris (Dogruskı Arch. izv. na Nar. muz., S. 112), 10. ’Exvij-
zooıg (Kal. Nr. 34) mit den Varianten Hepta-poris (Tom. S. 9),
Epta-perus (RA. XXXVLIS. 309) und ’Exrj-zvoıs (Kal. Nr. 135))),
11. Keöooö- und Kedor-zolıg aus *-xooıg neben Keroi-nopız (Tom.
S. 48), 12. Movxd- oder Moxd-zooıs, bzw. Muca-poris, -porus,
-por (Tom. S. 25), neben Movxa-ßooıg (Kal. Nr. 176) und Movxc-
ßovoıs (Min. Sb. XI S. 77, XVI—XVII S. 143), 13. Nato-porus
(Tom. S. 27), 14. Peto-porus (Tom. S. 20), 16. ‘Paısxov-zogıs mit
den Varianten ‘Pasoxov-nooıs, Pnoxov-zogıs, ‘Pıoxov-zogıg und
Rhascy-polis aus *Rascu-poris (Tom. S. 27), 17. TiArı-Bogus
(Lucian Alex. 2; Mürzer FHG. III S. 586). Außerdem sind noch
die thrak. Personennamen Poris, IIögıs, Porinis (Tom. S. 21; Dosr.
S. 128, 112) überliefert.
Unter allen diesen Namen verdient Jaj- od. Aaks-wogıs
die größte Beachtung, da seine genaue Entsprechung wohl in
dem slav. Personennamen Dalibor, Dalebor, Dalabor „Fernkämpfer,
TnA£uexos“ (Mıktosıch Denkschr. d. Wiener Ak.X S. 249) auf-
zufinden ist. Dadurch wird zunächst die Gleichsetzung von -porus,
-por, -xogıg mit -Bogıs, -boris, -Bogas (s. ob. Nr. 9, 12, 17) gerecht-
1) Tom. 8.8 gibt dafür die alte fehlerhafte Lesung "Envewc.
378 D. Deöev
fertigt, was auch zur Gleichsetzung der thrak. Namen Poris,
IIögıs, Porinis mit slav. Boris, Boris, Bors und Borin (Mıkı.
S. 250) führt. Ferner dürfen wir schließen, daß das thrak. -porus,
-por, -wogıg von idg. *bher- : bhor- „stoßen, hauen, stechen, schlagen,
bohren“ (Wauoe Lat. etym. Wörterb.? S. 283 s. ferio) abgeleitet
ist und die Bedeutung „kämpfen, streiten“ hat, woran sich auch
das Slavische mit borg, brati „kämpfen, streiten“, bran» „Kampf“,
das Litauische mit barü, barti „in Worten streiten“ und das
Altisländische mit beriask „kämpfen“, bardage „Schlacht“ be-
teiligt (darüber BERNEKER Slav. etym. Wörterb. S. 76). Man dürfte
freilich bei der Identifikation von -poris, -xooıs an eine Konta-
mination zwischen *bhor- „stoßen, schlagen, bohren“ und dem
bedeutungsverwandten *per-:por- „durchbohren, durchdringen“
(darüber Boısacq Diet. &tym. S. 757) denken, das ja leicht auch
zur Bedeutung „kämpfen, streiten“ gelangen könnte, wenn nicht
noch andere Fälle der Vertauschung der mediae mit den ent-
sprechenden tenues wahrzunehmen wären (vgl. Zıxotrng und Zı-
Polens, Kerol-nooıg und Kedor-nolıs, Zirdo-roxog und Zrdo-d0x0g
bei Tom. S. 48, 44). Damit wird verbürgt, daß -thr. -poris aus
*.bhöris entstanden ist und daß dem Thrakischen keine wirkliche
Lautverschiebung der mediae zu tenues, sondern eine schwache
Artikulation der mediae eigen war, und infolgedessen die letzteren
öfters mit den entsprechenden tenues wiedergegeben werden
konnten‘). Nun erscheint auch im Slavischen -por, aber nur
einmal und zwar im Personennamen .BoZe-por (Mıkı. S. 247), wo
der Wandel des b zu p durch Dissimilation erklärt werden muß.
Die Wurzel *bhor- „kämpfen, streiten“ erscheint thrakisch
auch in der &-Stufe, wie dies aus Epta-perus (s. ob. Nr. 10),
Perula (Tom. 8.20) und Bnoı-odöng bzw. Bnosı-odöng (Tom. S. 13)
zu ersehen ist?). Ihrer Bildung nach entsprechen die zwei letzten
1) Die von ToOMASCHER S. 21; KRETSCHMER S$. 185 Anm. 7;
TorP. Zu den phryg. Inschr. S. 20; Dsöev Trako-keltski ezikovi
usporediei S. 16—18, vorgebrachten Etymologien von -poris sind dem-
nach hinfällig.
2) Ein Kurzname von den erwähnten zweistämmigen thrakischen
Namen steckt wohl in dem Ortsnamen Bnou-ndew (Tom. 8. 59), der
ursprünglich die Ansiedlung eines *Bijgıg bezeichnete.
Ein Beitrag zu den slavisch-thrakischen Sprachbeziehungen 379
Namen den slavischen Berislav (über -sdöng von Wurzel *kad-
Kretschmer S. 215—216) und Berilo (Mıkı. S. 216). Daß dabei
nicht an das slav. berg, borati „nehmen“ von idg. bher- „tragen“
(vgl. BERNEKER S. 51) zu denken ist, wird klar aus der berechtigten
Gleichung Berislav = Borislav und Berilo = Borilo (Mıkı. S. 249
— 250), da Beri- hier wie Bori- nur die Bedeutung ‚kämpfen,
streiten‘‘ haben kann!). Von der reduzierten Stufe derselben
Wurzel *bhor- läßt sich auch der Name des troianischen Heros
Il«oıg erklären, der ja als Kurzname der zweistämmigen Namen
IIeg-d6öxag aus *Ilegı-döxes (über die Synkope des i-Vokals
KRETSCHMER S. 228), IIaoı-sdöng bzw. IIcıoı-o&öng und ITaıei-
o«4os (Tom. S. 18) betrachtet werden darf, wo sicher IIcıoı- die
palatalisierte Form von II«oı- vertritt (anders darüber KRETSCHMER
S. 215— 216), wie dies u. a. aus der Zusammenstellung von Oisxos
und "Ooxıog begreiflich wird (darüber MrAnenov Spis. na belg.
akad. X S. 49—51). Demnach sind IIaıoı-sdöng bzw. IIaoı-o«dng,
Bneı-oaöng und slav. Beri-slav als gleichbedeutend zu betrachten.
Wenn neben IIeoı- und Ilaıo:- kein *Bari- und *Bairi- vorliegt,
so ist der Zufall der Überlieferung daran schuld. Übrigens hieß
ein Sohn des Mithradates ’Oo06d-Bagıs (Tom. S. 10). Ob aber hier
-Beoıs gleich *bharis oder *bheris ist, läßt sich bei dem Einfluß,
den die Iranier auf die Armenier ausgeübt haben, nicht ent-
scheiden’).
Es ist von Belang, daß die Wurzel *bher-:bhor- „kämpfen,
streiten“ manchmal im Thrakischen eine «-Färbung bekommt.
Dies erhellt aus Aı60-movoıs, ’Ertyj-mvgis, ’Ern-zwvoıs und Movec-
Bovoıg (s. ob. Nr. 4, 10, 12), zu denen wohl auch die ohne Neben-
form auf -zogıg erscheinenden Personennamen I’yxel-zvgıs und
Neord-zvgis (Tom. S. 51, 26) hinzugefügt werden müssen?).
1) Die von mir in Tr.-keltski usp. S. 16—17 gegebene Deutung
von Bneı- ist unrichtig.
2) Es sei hier bemerkt, daß -nwagog, -rmage in thrak. Ortsbezeich-
nungen sicher mit idg. » anfing und folglich nicht zur Wurzel *dher-:
bhor- gehört. Vgl. KRETSCHMER Einl. S. 221 und DEÖkV Tr.-keltski
usp. 8. 18.
, 3) Ob ITvgoog. IIvgog, Ilvgo- in Ilvgovggndns und Purula (Tom.
S. 21) hierhergebören, lasse ich dahingestellt sein, da ibre Wurzelsilbe
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 25
380 D. Dröev
Übrigens zwingt uns die sich als natürlich ergebende Gleichung
Movxd-Bovoig = Movxd-nooig, auch die thrak. Namen Burus,
Bovo-x£vrıog, Burivista mit den Varianten Bvos-Bloreg und Bo:ge-
Bloreg (Tom. 8. 16), Bovo-Helöng (Arch.-epigr. Mitt. aus Oest. XVII
S.197) und Bovo-yeilog (Kalinka Nr. 34) hierher zu beziehen
und auf die Deutung ihres ersten Bestandteils aus aind. bhar:-
„viel, reichlich“ (vgl. Kretschmer S. 227)!) oder aus russ. burito
„werfen, schleudern‘ (vgl. BERNEKER S. 103) zu verzichten. An
einen Wandel des unbetonten o zu vs zu denken verbietet Burus,
wo der Wurzelvokal ohne Zweifel betont war. Deswegen bleibt
übrig anzunehmen, daß in Bovo- bzw. -fovoıs, -Tovgis, -TVQIS
_ die o-Dehnstufe der Wurzel *bher- „kämpfen, streiten‘ steckt.
Hat doch Krerscaumer Einl. S. 224—225 höchst wahrscheinlich
gemacht, daß das idg. ö im Thrakischen, Phrygischen und Ma-
kedonischen, wie im Armenischen zu @ geworden ist (vgl. auch
Torp Zu den phryg. Inschr. S. 20). Folglich wird thrak. -Bovoıs,
-rovoıs, -wvgig, Bovol(t), Bvgs-, Bo:os- idg. bhör(is) vertreten, wo-
durch auch der Wandel des idg. zu thrak. 2, und weiter zu ü
gesichert wird?) (über griech. v und o: als Wiedergabe des ö-Lautes
vgl. Brugmann-Taumg Griech. Gr.’ S.56 $ 30).
Was AcAn-, Jehs- anbelangt, so erscheint es in den folgenden
thrak. Personennamen: 1. J«)r- oder Aale-zooız (Ss. ob. Nr. 3),
2. Aulc-Gerurg (Tom. S. 30) mit der Nebenform AaArj-Salıs (Kal.
Nr. 34), 3. Aahel-toalıs (Kal. Nr. 34)°). Der Umstand, daß ihr
auch mit dem idg. Wort für Feuer (gr. wöo) zusammenhängen kann.
Vgl. KRETSCHMER S. 239.
1) Den entsprechenden Kurznamen *Boügıg enthält möglicherweise
der thrak. Ortsname Bovgı-dave, Bur(r)i-dava (Tom. S. 61).
2) Manchmal erscheint sogar die idg. Vorstufe ö des thrak. @ über-
liefert zu sein. Vgl. Poıunreixeg und "Pouerdinng neben “Puuerainng,
Rumitalca, "Poıunteinug bei TOMASCHER 8. 28—29.
3) *Dala tritt noch in den thrakischen Ortsnamen Oagodv- dal
und Aoia-ropße (Tom. S. 74. 70) auf. Freilich könnte der erstere
Name auch in Oug-odvdala getrennt werden. WEIGAND Ethnographie
von Makedonien S. 9, hält die beiden Namen für germanisch (genauer
gotisch) und stellt ragß« gleich Daurp „Dorf“. Kaum mit Recht, wie-
wohl FÖRSTEMANN Altdeutsches Nawnenbuch, Ortsnamen I S. 670 viele
mit dal und dala gebildete Namen aufzählt. Der germanische Ursprung
von Aaka-reeße wird durch den dakischen Personennamen T&gßos und
Ein Beitrag zu den slavisch-thrakischen Sprachbeziehungen 381 |
erster Bestandteil genau dem slav. dala (vgl. dazu noch dal;,
dalıns, daleks), das bis jetzt im idg. Wortschatz isoliert stand,
entspricht, läßt uns mit BERNERER S. 177—178 annehmen, daß
das letztere wohl eine Parallelbildung zum Demonstrativstamm
*do- nach Analogie des idg. *tal- darstellt!). Hier muß ich so-
gleich bemerken, daß 4 bzw. Aviv- in den Personennamen
Arkl-zogiz und SvAv-zogıg (8. ob. Nr. 6) gar nichts mit dem eben
besprochenen ScA«- zu tun hat, wie dies aus seiner Nebenform
Aovin- in den Personennamen JovAr-SeAus (Tom. 8.35) und
dem Beinamen des Dionysos 46-dovAng (vgl. Detev Izvestija na
belg. arch. institut, Bd. IIl S. 135) zu ersehen ist. Denn AovAr-,
Avbv-, Aıkı-, wodurch auch der Wandel des thr. % durch & zu
i bezeugt wird?), enthalten die idg. Wurzel *dha-:dheua* „in
heftiger Bewegung sein“ (vgl. WALDE S. 324 s. v. fumus, Boısacg
S. 356 8. Yvuög).
Wenn nun die Thraker und die Slaven die Bedeutung
„Kämpfer, Streiter‘“ des idg. *bheris: *bhöris: *bharis®) und die
Neubildung *dala „fern, von fern‘‘ gemeinsam haben, so läßt sich
das wohl aus ihrer unmittelbaren Nachbarschaft erklären, die
nicht ursprünglich zu sein braucht, da die beiden Völker erst
nachträglich in dieselbe geraten konnten®). Bedenkt man dabei,
den bithynischen Ortsnamen T£eßos (Tom. S. 36) problematisch, da
dieselben idg. *deruo „fest, kräftig, stark* (vgl. WALDE S. 247—248)
enthalten können. Unrichtig darüber DEÖEV Tr.-keltski usp. S. 25—27.
Was den dakischen Pflanzennamen ßov-daiAl« od. Bov-dadAx anbetrifft,
so ist seine zweite Hälfte wohl mit griech. Bd«AAw „saugen“ zu ver-
binden (KRETSCHMER S. 234 Anm. ]).
1) Die von Tom. S. 30 und DEGEV Tr.-keltski usp. S. 30—31,
vorgebrachten Etymologien von thrak. *dala- sind nicht stichhaltig.
2) Man muß nicht vergessen, daß die uns überlieferten thrakischen
Personennamen verschiedenen Gegenden Thrakiens entstammen und
zugleich eine Reihe von Jahrhunderten umspannen, so daß darin sich
auch dialektische Eigentümlichkeiten und Entwicklungsetappen der
thrakischen Sprache wiederspiegeln müssen.
3) *Bher-:bhor- als Bestandteil der Personennamen hat bei den
anderen Völkern dagegen die Bedeutung „tragen, bringen“, wie dies
aus BECHTEL Die histor. Personennamen $. 444—445 s. Dege-, -p£ons,
-90g05 ; JUSTI Iranisches Namenbuch 8. 488 s. -bara u. a. ersichtlich ist.
4) Ich halte nämlich an der Ansicht fest, daß die Thraker ur-
25*
382 D. Deökv
daß bei den Slaven die mit beri- und bor= gebildeten Personen-
namen nicht so zahlreich sind, wie bei den Thrakern, deren
historisch bezeugter kriegerischer Sinn auch dadurch bestätigt
wird, so muß man billigerweise annehmen, daß die Slaven darin
den Thrakern gefolgt sind. Dasselbe dürfte auch für *dala gelten,
weil ja dieses Wort nicht einmal bei den nächsten Verwandten
der Slaven, den Litauern, vorkommt!).
Die hier festgestellte Gleichung von thrak. -poris und slav.
-bors und von thr. eA«- und slav. dala erlaubt uns einzelne
von den hier angeführten Personennamen mit größerer Sicherheit
zu deuten, als dies bis jetzt getan ist. So ist ’Exrij-zogıs und
’Ery-nvoıg gleich griech. ‘Irzö-ueyog (über ’Exrr«- und ’Exo- DECEV
Trako-keltski usp S. 9—10), IIeo-dözug gleich slav. Berislav od.
Borislav (über -Ö6xng = -Gddng KRETSCHMER S. 215—216, DECEV
S. 42), Bovo-zevruog gleich gr. IITgwrd-ueyog (über -xevrıog, -centus
SoLmsen Zeitschr. für vergl. Sprachf. XXIV S 69), Sald-Leiuis
bzw. Auhi-Salıg gleich gr. Tyi-aıdos od. TnAs-pavns (-Fei-u-s
und -&akı-s von idg. *g’hele- „Schein, Glanz‘, Boısacg S. 1063—
1064), Sovir-£eiuss gleich etwa gr. ’Oool-pavros (AovAi- von
idg. *dhu:dheua* ‚in heftiger Bewegung sein“), Jıll- od. AvAv-
xogız gleich griech. @vrj-uexog od. ’Oool-ueyog, Jahut-roaiız gleich
etwa gr. TnAı-zodeng (-toakıs wegen Muca-traulis bei Tom. S. 25
ist von idg. *trou- abzuleiten und mit avest. tatrvaytı „über-
wältigt, bewältigt‘ zu verbinden; vgl. Boısacg S. 959—960, 972
— 973), IIcıol-oalog gleich gr. Aaungö-uayog (-aAos ist dem
-£a)og gleichzustellen). Da Deos-por bzw. Aı6o-zovoıs dem slav.
Bozepor, dissimiliert aus *BoZebor „Kämpfer des Gottes od. Gottes-
kämpfer“ (vgl. bulg. Bozidar) entspricht, (über deo-, dia-, diu-,
deos- Tom. S. 31; KRETSCHMER S. 241 Anm. 3), so dürfen wir
Keög0- od. Kedon-noAıs bzw. Keroi-zoAıs als „Kämpfer des Licht-
sprünglich von den Slaven und Germanen durch die Indoiranier bzw.
Iranier, und die Keltoitaliker bzw. Kelten, getrennt waren und daß
erst, nachdem die beiden letzten Völkergruppen bzw. Völker diese
Zwischenstellung aufgegeben haben, die Thraker den Slaven und den
Germanen Nachbarn werden konnten. Vgl. DEÖEV 8. 41.
1) Die Litauer haben dafür tol aus idg. *al- (BERNEKER 8.171
und WALDE 8. 761 s. tälis).
Zur slavischen Lehnwörterkunde 383
gottes!)“ und Diza-por als „Kämpfer der Stadtmauer“ (Aı6a-
und -Ö/£os ist bekanntlich gleich griech. reiyos) deuten. Ferner
ist Aogv-zolıg dem griech. Aogl-ueyos „Lanzenkämpfer“ gleich-
zustellen (Aoov- scheint mit skr. däru, gr. ö6ov identisch zu
sein)?). Ob 4ßoov- in thr. 4ßgov-zolıs und Aßod- in gr. Aßoo-
ueyos zusammenfallen, läßtsich nicht entscheiden (vgl. KRETSCHMER
S. 248 Anm. 4; Drörv Izv.na istor. druZ. Bd. V S. 17—33).
Sofia D. Deöev
Zur slavischen Lehnwörterkunde
1. russ. Obina.
Die zu dieser Sippe gehörigen Wörter sind noch’ nicht end-
gültig erklärt worden: r. ösira ‚Zuckermelone‘, klr. duns ‚dass.“
bg. Oüna ‚dass‘, skr. dina ‚Zuckermelone, Melone, Art schwarzer
Feigen, Eselsgurke‘, dinka ‚vrsta grozda‘, dinka ‚tako se zovu
neke vrste vinove loze‘, sl. dinja ‚Zuckermelone‘, &. dyn, dyn®,
dine, dynice ‚Kürbis, Melone, Beule‘, p. dynia ‚Melone‘. MıkLosıcHh
hat sie einmal mit duti, dujg zusammengestellt, hat aber doch
später diese Theorie wieder aufgegeben. GoRJsAEY hat sie in-
dessen aufgenommen, PREOBRAZENSKIJ hält sie für wahrscheinlich,
und BERNEKER?), der eine Quelle, woraus das Wort entlehnt sein
könnte, nicht nachweisen kann, zitiert den Deutungsvorschlag
Miktosıca’s mit der Anmerkung „vielleicht mit Recht“. SKöLp®)
weist auf ein ähnliches Wort mit gleicher Bedeutung in MandZu
hin, dungga(n), fügt aber hinzu „though, of course, this may be
purely fortuitous“. Außerdem hat Iusıyskıs das Wort mit anord.
dünn ‚down‘ verglichen®) und leitet beide aus ie. *dhun- ab,
ohne seine Deutung näher zu motivieren. SCHRADER®) hält
1) Ich gehe bei dieser Deutung von dem thrak. Beinamen des
Apollon Kevdgıods, wo der betreffende Stamm nasaliert ist (DECEV
Tr.-keltski usp. S. 19— 20) und von dem Personennamen Keögi-Leoıs
(Kalinka Nr. 244) aus, wo -£egıs, von idg. "y’her- „begehren, Lust haben“
gebildet, dem griech. -xdeng in “Egwo-ydons, Qzo-ydeng u. a. entspricht.
2) Vgl. übrigens DEOEV Tr.-keltski usp. S. 33.
3) BEW. I 250. 4) SKÖLD Linguistic gleanings 45.
5) ILsinskıJ Praslav. gram. 256.
6) SCHRADER RL? I 654.
384 K. Knutsson
das Wort unbedingt für echtslavisch. „Bestehen bleibt auch die
Tatsache“, sagt er, „daß jedenfalls die Slaven schon in ihrer
Urheimat zwei Cucurbitaceenarten (tyky und dynja) kannten“.
Ich meine mit BERNEKER, daß, wenn sich eine Quelle, woraus
das Wort entlehnt sein könnte, nachweisen ließe, diese Deutung
unbedingt vorzuziehen wäre.
Als gemeinslavische Form muß *dünz@ angesetzt werden.
Die Bedeutung muß „Melone“ gewesen sein. Wenn man sich
aber erinnert, wie oft die Namen der Cucurbitaceenarten aus
einer Bedeutung „Apfel“ hervorgegangen sind — man braucht
ja nur auf lat. melo, gr. unAorexov, ahd. erdaphil, ertappel und
p. tykwia ‚gruszka jesienna podluzna‘, &. tykwor ‚Balsamapfel,
hinzuweisen — wäre es vielleicht erlaubt, auch hier eine der-
artige primäre Bedeutung zu suchen. Dann könnte man diese
Wörter mit bg. dyna ‚Quitte‘, skr. düna ‚dass.‘ zusammenstellen.
Diese Wörter gehen mit r. öyas ‚Birne‘, klr. Oyas ‚Art großer
Birnen‘, bg. 0.13 ‚Quitte‘ usw. auf *%kadunia zurück. Dieses wird
aus lat. cydönea (mäla), gr. zvöovıa us. ‚Äpfel von Ködon
erklärt?).
R. Obina usw. muß dann wie skr. düna auf gemeinslav.
*gdanıd zurückgeführt werden. Die verschiedene Repräsentation
des # zeigt nur, daß die Wörter bei verschiedenen Gelegenheiten
in das Slavische aufgenommen worden sind: vor oder während
und nach dem Übergang des % zu y. Die Bedeutung war viel-
leicht auf einmal ‚Melone‘ und, wie klr. öyıa, ‚Art großer Birnen‘.
So wäre also slav. dynja wie die meisten Namen der Kultur-
pflanzen, als ein Lehnwort anzusehen.
Aber auch slav. Zyky ist mir als echtslavisch etwas ver-
dächtig. SCHRADER nimmt Urverwandtschaft mit gr. o/xvog,
6ER0ÖG, Glxvor ‚Gurke‘ an. Boısacg dagegen hält die griechischen
Wörter für aus dem Thrakisch-Phrygischen entlehnt. Von Inter-
esse sind auch languedoc. tüko ‚Kürbis, Kopf‘, gask. tük ‚Hügel‘,
tüküu ‚dass‘. Die Annahmen Mryver-Lüser’s, daß diese Wörter
aus den Slavischen entlehnt seien oder daß es einmal ein gall.
*tükos gegeben hätte, das urverwandt mit slav. tyky wäre, scheinen
1) BEW. 1299. Vgl. jedoch zum griech. Wort SOLMSEN Glotta
III 241 ff.
Zur slavischen Lehnwörterkunde 385
beide nicht allzu wahrscheinlich. Scrucharpr!) vermutet, daß
auch it. zueca ‚Kürbis, halbreife Melone, Kopf‘ aus slav. tyky
entlehnt sei. Gerade das Umgekehrte wäre viel wahrscheinlicher,
wenn man nur die romanischen Wörter anders erklären könnte.
Wie ist übrigens das in Raptorr's Wörterbuch aufgenommene
dsch. tükäläk, tüinäk ‚eine unreife Arbuse, Melone‘, bei ZEnkErR
tükelek ‚unreife Melone‘ zu deuten?
Mit Hinsicht auf den im Slavischen vorkommenden Bedeu-
tungswandel von Melone zu Feige (skr. dina, gunata) möchte
ich fragen: kann nicht slav. {yky von Haus aus dasselbe Wort
wie gr. o0xov, ovxEn, böot. rüxov lat. ficus, arm. tuz (< tüyh)
sein? SCHRADER?) nimmt für diese Wörter eine Grundform
*fjikon an. Dann wäre gr. 6/zvos von Haus aus nur dialektisch
oder chronologisch von gr. 60xov verschieden.
2. poln. gont.
Folgende Wortsippe ist nach BEW. I 327—23 dunkler Her-
kunft: p. gont, gonta ‚Dachschleise, -span‘, gonciarz, gontarz
‚Schindelmacher, -decker‘, &. hont alt vielleicht ‚Brett, Diele‘,
sl. gönta ‚Schindel‘, göntar ‚Schindelhauer‘.
Andere Formen dieser Sippe sind p. gontek ‚nieobrobiona
deska, z ktörej wyrabiaja gonty‘, &. hont ‚Pfosten, Bohlen‘, hon-
tina ‚Querbalken‘, hontiny ‚Deckplanken‘, hontovy plot ‚z hontu,
z vet$ich lati, pri vrchu proutim spletenych‘, hontornik ‚strou-
hädek, jimZ bednär hontor (drähu) na dno vyrezävä‘, dial. hont
‚kud dreva, Spalek, lat, hontina ‚deska stropni‘, slk. hontiny
‚trämec pod prkny v podlaze, podlaha z trämu v chleve‘.
Außerdem finden wir auch im Russischen und Kleinrussischen
Verwandte, die aus dem Polnischen übernommen sind: r. e6nom»,
eönom» ‚ein zerspaltener Klotz‘, eommz, eonmüna ‚Dachschindel‘,
klr. eoım ‚gesägte Bretter, Schindel‘.
Das Wort muß als Lehnwort betrachtet werden, aber, wie
BERNERER richtig bemerkt, lat. scandula kann unmöglich die
Quelle sein. Wie das Beibehalten der Verbindung -on- zeigt,
kann es im Slavischen nicht sehr alt sein. Die meisten Belege,
1) Zeitschr. f. rom. Phil. 28, 149.
2) SCHRADER RL? I 306.
386 K. Knutsson
sowie das größte Divergieren der Bedeutungen finden wir im
Cechischen, woraus geschlossen werden kann, daß das Wort zuerst
in diese Sprache Eingang gefunden hat. Dann muß es nach
dem 10. Jahrh. entlehnt sein und die Quelle ist wahrscheinlich
im Deutschen zu suchen.
Es muß also einmal im Deutschen ein gant- oder gont- in
der Bedeutung ‚Bohlen, Diele, Brett‘ gegeben haben.
D. gant ist in der Tat zu belegen von 1356!). Es wird
durch ‚Sperrbalkenwerk‘ übersetzt, eine Bedeutung, die ganz gut
mit den @echischen Wörtern übereinstimmt. Es soll nach Fischer
eine deutsche Verkürzung von ganter sein. Dies Wort ist vielfach
belegt: schweiz. dial. gänter ‚Gitter vor einer großen Öffnung,
Verschluß, Schrank‘, baier. dial. ganter ‚Unterlage von Balken
oder Baumstämmen für Fässer‘ usw. Die Quelle dieser Wörter
findet man in lat. cantherius ‚Pfähle mit Querstangen, Joch-
geländer, Dachsparren, Dachgebälk, Sparrwerk‘, it. cantiere
‚Werft, Stapel‘, lomb. canter ‚Dachsparren, Zimmerplatz‘, sp. can-
terio ‚Deckenbalken‘. Dazu auch it. canteo ‚Querholz am Säge-
bock, Schartstück, Kimm-, Bodenstück (Böttcherei)‘.
Vielleicht ist ganter, gänter dialektisch im Deutschen als
Plural aufgefaßt worden, wozu ein gant als Singularform rück-
gebildet worden ist. Aber auch ganter muß einmal im Slavischen
entlehnt sein, was durch £. hontornik ‚strouhälek usw.‘ gezeigt
wird. Sehr interessant ist die Bedeutung dieses Wortes in der
Hinsicht, daß sie sehr gut mit der des it. canteo übereinstimmt.
Direkt aus dem Italienischen kann das Wort aber nicht entlehnt
sein, wegen des slav. g für it. c.
Die Bedeutung ‚Dachschindel‘, die diese Wörter in ver-
schiedenen slavischen Sprachen zeigen, muß gewissermaßen sekun-
där sein, aber der Wandel wird leicht verständlich, wenn wir
uns erinnern, daß die Schindeln noch hie und da, z. B. in Bayern
nichts anderes als kleine über Latten geordnete Balken oder
Bohlen sind, also eine Anordnung, wofür „Balkenwerk“ ganz
gut paßt).
1) FISCHER Schwäbisches Wörterbuch IIl 59—60.
2) Vgl. Das Bauernhaus im Deutschen Reiche, S 309: „Die Schin-
deln, etwas über 1 ın lang, ... sind gekloben, nicht geschnitten. Sie
Zur slavischen Lehnwörterkunde 387
Die Aufnahme des Wortes ins Slavische läßt sich ziemlich
genau datieren, Wie wir oben bemerkten, kann es erst nach
dem 10. Jahrh. aufgenommen worden sein, da wir aber im
Cechischen A für g haben, muß es in diese Sprache vor 1200
hineingekommen sein. Schwarz nimmt zwar an, daß die sla-
vischen Lehnwörter aus dem Deutschen, die slav. o für d. a zeigen,
vor ca. 850 aufgenommen worden sein müssen!). Im Bairischen
aber wird das nicht umgelautete a im 12. Jahrh. o geschrieben.
Vielleicht liegt in gont ein so entstandenes o dem slavischen o
zugrunde. Dann wäre die Entlehnung des Wortes ins 12. Jahrh.
zu verlegen.
Später ist d. (bair.) ganter noch einmal ins Slavische ge-
kommen: sl. gäntar, gäntnar ‚Lagerbaum für Fässer im Keller‘2).
3. Ksl. koräyi.
BERNEKER vermutet, daß dies Wort von *korvco abgeleitet
sei, und stellt es mit ai. krnöti usw. zusammen?). Gegen das
Aufstellen einer solchen Grundform opponiert Brückner®). Er
setzt statt dessen kart) an, und meint, daß das Wort ‚mit dem
ältesten überlieferten Gottesnamen der Preußen‘, nämlich dem
im Christburger Vertrag vom J. 1249 genannte curche identisch
sei, eine Annahme, die eine viel eingehendere Begründung fordert,
um als sichergestellt betrachtet werden zu können. SoLnsEn hat
auch eine andere Deutung dieses Namens geliefert?).
Die zwei im Russischen gewöhnlichsten Wörter für Schmied
sind typisch für die Bildungsweise analoger Wörter im Slavischen:
koedus, kyaneyo. Kosdus ist vom Verbum xosdm» ‚schmieden‘
und xysneyse von ryan» ‚Schmiedearbeit, Geschmiedetes‘ gebildet.
Wenn ksl. kor&iji nach dem Typus xosdus gebildet wäre, muß
es ja auffallen, daß diesem Nomen agentis im Slavischen kein
Verbalstamm zur Seite steht. Es scheint mir daher wahrschein-
licher, daß wir es mit eirer Bildung des Typus xysreys zu tun
überdecken sich dreifach und ruhen auf Latten oder geschnittenen
Stangen (Rofen) von etwa 40 cm gegenseitigem Abstand. In yewissen
Entfernungen liegen auf der Schindeldecke Stangen von gleicher Richtung“.
1) Vgl. Schwarz Zur Namenforschung ... 8. 27 ff. und S5fl.
2) BEW.1482: kantn£r. 3) BEW. 1671.
4) KZ. 48, 191 ff. 5) Bei UÜsSENER Götternamen 94.
388 K. Knutsson
haben. Dann können wir das Wort mit einer anderen alten
Bildung derselben Bedeutung vergleichen, nämlich ksl. blechäiji
‚faber, artifex‘. Diesem Wort liegt ein nicht belegtes *dlechs
zugrunde!), das natürlich aus dem Deutschen entlehnt ist. Ich
meine also, daß man auch bei ksl. koräiji von einem Wort für
ein Metall o. ä. ausgehen könnte, wozu dies Wort als Nomen
agentis gebildet wäre. Analoge Bildungen aus dem Slavischen
außer dem obengenannten blechäiji sind z. B. ksl. mödaro : mödı,
p. rudnik:ruda. Aus dem Griechischen können ja yaAxevs, oı-
Önosvs angeführt werden. Ganz wie bei blechäiji ist auch bei
koräiji ein zugrundeliegendes Wort nicht zu belegen.
Im Wörterverzeichnis zu RAQuETTE, Eastern Turki grammar,
S. 218 finde ich aber ein gu(r)c ‚steel‘, bei RAnLorr weiter kas.
koro& ‚dass‘, alt., tel., leb., sart., uig. kur@ ‚il. scharf, 2. stark,
tapfer, 3. Stahl‘, kom., bar. kurc ‚l. scharf, 2. Stahl‘. Könnte
nicht dieses Wort slav. koräiji zugrunde liegen? Man muß dann
entweder voraussetzen, daß es einmal in einem türkischen Dia-
lekte ein *gur£ä ‚Stahlschmied‘ gegeben hat, gebildet wie kur-
Sund2zi ‚Bleigießer‘ zu kursun ‚Blei‘, temird2i, timurdZi ‚Schmied‘
zu timur ‚Eisen‘ u. dgl, das meines Wissens aber nicht belegt
ist, oder daß wirklich einmal im Slavischen ein *korc ‚Stahl‘
vorlag, wozu dann kartiji gebildet wurde, wie blechtiji zu *blech..
4. russ. mYydend, mYyBAaa.
In Rocznik slaw. Bd. 3 (1910) bespricht VAsmEeR BERNEKER’S
Etymologisches Wörterbuch. S. 254 —255 opponiert er gegen die
von BERNEKER vielfach angenommenen ‚Verstümmelungen‘ der
Lehnwörter. Nebenbei wird dann auch eine Erklärung von
r. mYyßend, mypaa gegeben. Er leitet sie aus d. toffel ‚Schuh‘
ab, obwohl er für dieses Wort keinen Beleg im Deutschen finden
konnte. Das Vorkommen dieses Wortes wird aber durch d. dial.
toffel, tuffel ‚einfältiger Mensch‘ bestätigt2). Dieses Wort wäre
1) Vgl. übrigens zu ar. dlecheiji „Blechschmied“ die m. E. sehr
plausible turkotatarische Etymologie bei MIKKoLA Neuphilol. Mit-
teilungen 1914, S. 172. M.V.
2) MÜLLER-FRAUREUTH Wörterbuch der erzgebirgischen und
obersächsischen Mundarten I 226.
Zur slavischen Lehnwörterkunde 389
also eine Verkürzung von pantoffel. Die ‚Verstümmelung‘ wurde
nach VAsmer in folgender Weise zustande gebracht: in einem
Dialekt, wo d mit » zusammengefallen ist, hat man pan-toffel
als band-toffel aufgefaßt und dann nach dem Muster von bund-
schuh eine falsche Teilung gemacht und toffel, tuffel gebildet.
Das Wort muß im Russischen ziemlich jung sein. Erstens
ist pantoffel im Deutschen erst um 1500 belegt, zweitens zeugt
r. ö für d. f davon, daß das russische Wort spät entlehnt ist.
In älteren Lehnwörtern wird ja d. / durch slav. d, in noch älteren
‚durch p repräsentiert. Man kann dann schon a priori voraus-
setzen, daß es seinen Weg durch das Niederdeutsche genommen
habe. Hier ist auch in der Tat Zujfel ‚Schuh‘ belegt: mnd tuffel
‚Pantoftel‘?), brem.-niedersächs. twfel?), mecklenb.-vorpom. tüffel®).
Diese kürzere Form ist ziemlich früh ins Dänische und Schwedische
aufgenommen worden, dän.toffel, schwed. toffel?), seit dem 16. Jahrh.
belegt. Es kann also keinem Zweifel unterliegen, daß r. myge.o,
myg$.as aus dem Niederdeutschen entlehnt ist.
Aber in dieser Sprache sind 5 und p nicht zusammengefallen,
daher ist die Erklärung der Verkürzung nicht annehmbar. Statt,
dessen möchte ich folgenden Vorschlag zur Deutung der ‚Ver-
stümmelung‘ machen.
Mnd. pantuffel kann als eine Zusammensetzung von pand
und tuffel aufgefaßt worden sein. Dieses pand bedeutet ‚Stück,
Fetzen‘ u. dgl). Vgl. Versuch eines bremisch-niedersächsischen
Wörterbuchs... Th. 3 (1768), S. 288: Pand ‚ein von Papier
geschnittenes Muster, Patron, Modell, nach welchem etwas zu-
geschnitten wird‘, Mutzen-pände, Roks-pände ‚sind die Stücke,
woraus eine Mütze oder Rock zusammengesetzet ist‘. Eben die
erste Bedeutung macht es wahrscheinlich, daß wir es mit der
oben genannten volksetymologischen Auffassung des Wortes zu
1) ScCHILLER & LÜBBEN Mittelniederdeutsches Wörterbuch IV 627.
2) Versuch eines bremisch-niedersächsischen Wörterbuches, hrsg.
von der Bremischen deutschen Gesellschaft V 120.
3) Mı [SıBeT#] Wörterbuch der mecklenburgisch-vorpommerschen
Mundart 95.
4) HELLQUIST Svensk etymologisk ordbok 986.
5) Betreffs der Etymologie dieses Wortes vgl. KLUGE EW.10 365:
Pfand.
390 H. MEnHARDT
tun haben, denn beim Ausschneiden des Oberleders oder Ober-
stücks wird im allgemeinen ‚ein von Papier geschnittenes Muster‘
angewendet.
Gleichwie man im Mittelniederdeutschen ein pantkogel ‚Kogel
aus Pfändern (Stücken) zusammengesetzt‘ neben kogel hatte, hat
man neben pantuffel, der als pant-tuffel gedeutet wurde, die
kürzere Form gebildet.
Lund Knut Knutsson
Alttechische Bibelglossen
aus der Maria-Saaler Handschrift 7
Die Handschrift? im Dekanatsarchiv zu Maria-Saalin Kärnten,
15. Jahrh., Papier (die innersten Blätter jeder Lage Pergament),
I+ 171 Blätter, 305 x 200 mm, 2 Kolonnen, 46 Zeilen, gotische
Kursive, teils kalligraphische Initialen, teils mehrfarbige mit
kleinen Miniaturen, aufgetragenem Gold und Randleisten, enthält
auf Bl. 1’-—171Y die Bücher Genesis bis Ruth des Alten Testa-
mentes in lateinischer Sprache. Auf Blatt Iv stehen, von der-
selben Hand geschrieben in 3 Kolonnen, alt&@echische Glossen, die
den Bibeltext bis Bl. 5% begleiten.
Die Handschrift ist mit einem Dutzend anderer im 15. Jahrh.,
vermutlich infolge der Hussiteneinfälle nach Schlesien, von dem
Priester Petrus Seyboth de Jawor (Jauer südl. Liegnitz in Schlesien)
ins Salzburgische mitgenommen worden. Seyboth war dann Kaplan
des „strenui militis domini Cunradi Thannhawser“ auf Burg Moos-
ham a. d. Mur im salzburgischen Lungau. Später hat er die
Handschrift testamentarisch der Kirche Maria-Saal wegen seines
Seelenheiles vermacht. Seit 1925 ist sie in dem von Dechant
Anpekeas Raıprı eingerichteten Stiftsmuseum ausgestellt.
Die dechischen Glossen sind aus einer anderen Handschrift
abgeschrieben worden. Dies ergibt sich daraus, daß die Stich-
wörter educto supercilio, grandia verba und trutino (2. Kolonne)
im Text auf Bl. 2vb nicht vorkommen und der Abschreiber der
Glossen auch einige deutlich erkennbare sinnstörende Fehler ge-
macht hat, was ihm beim Ausziehen des von ihm selbst ge-
schriebenen Textes wohl nicht widerfahren wäre.
Alt&echische Bibelglossen aus der Maria-Saaler Handschrift 7 391
Im Abdruck gebe ich die &echischen Glossen buchstaben-
getreu wieder, bei den lateinischen Wörtern habe ich die Ab-
kürzungen aufgelöst und einige orthographische Unregelmäßig-
keiten beseitigt.
Bl. I, Kolonne 1:
Frater Ambrosius
praeferebant prziednassiechu
necessitudo przizen
glutinio kley
subdolus zchytraly
utilitas vzitek
rei familiaris wlastny
palpans lisagice
adulor pochlebugi
conciliare stowarzissit
historia rozprawa
lustrare zputowali
novos nezname
coram id est patenter pritomnie
Memphiticus dieitur a tali civitate
Memphis aegyptius
peragrare zchoditi
g[ly]mnas[i]a skoly
a[lc]Jademiae achademske
personare zwucziechu
.malo mavis id est maius velle
inprudenter nestydliwde!)
ingerere wnesti
litteras fugientes vezenie vezieka-
giecze
persequitur stihasse
pirata id est latro marinus
paruit plato posluchasse
ductus captivus yatym wiezhiem
manans plowutie
lacteo fonte mlecnu studniei
eloquentiae wymluwnosti
celebrandum miraculum
dyw
Cantasus kantasku hora ?)
Albani sunt populi
1) Für nestydliwie M. V.
8) Für a vhitinie... M.V.
slawny
ad extremum naposledy
in sabulo na mielu neb piesku
lustratas pochozeni
ebdoas sedm düi
ocdoas osm dai
experimentum zkussenye
energia tayna awnitrme pratie®)
docilis vezedliwa nec ne proto
quo gymz
ardor horliwost
ingenium misliwost
armatus odien
telis odienym
eonfidenter bezpecz®.
lectionis eitanie
revincere id est redarguere
rustieitas sprostnost
aedificat prospiewa
intantum takowie
cantabiles spiewatedIne
in descriptione vwypisowane
firmamentum nebe hwiezdhie
distant wzdaleni gsu
armarium zchrana
Pr Kolonne:
quamquam kakz koli
prudentia zwieblasnost
reprobabo zawrhu
titulus znamek
praenotatur predepsan gest
praedestino predeslan
interim mezi tiem
volueret prziemietasse
perstrietus id est leviter tractus
evagor wytulugi sie
[sine] praevio predchozi
2) Für kantaska M. V.
392
de grammatieis o slowornitiech !)
rhetor krassoreczny
geometra mierhik
dialecticus dwoymlwce
musicus zpiewak
astrologus hwiezdonisich ?)
doctrina navcenie
ratio rozmn (= rozum)
usus pohodle
metallorum leskniow
vila opuscula latina diela
fabricant czinie
traetant piestugi
fabrilia kowadliny
passim obecznie
vendico ossobugi
poema, poematis id est versus
garula howorna
anus baba
delirus bezymy neb pominuly
verbosus sophils]ta reczliwy schi-
tralecz
educto supercilio v vedce 8) znamek
pychy
grandia verba zp{ur)na vritnanaduta
trutino wazym
proch pudor ohanba
Et ne parum hoc sit Nacz gest to
neslussno
immo nebrz
mulserunt okroczuge
incongrua neslussne
quasi grande sit yakoby bylo welike
et non vitiosissimum genus a ne
bezprawe plemie mluwe®.
ceireulati zechowawanky
immo ut cum sto- nebrz shniewem
macho #) loquar mluwym
videlicet upatrziti slussie
plaga ohroma
sacrificia swietienyüy
1) Für o slowarnitiech M. V.
2) Etwa für hwiezdopisec? M. V.
H. MEnHARDT
sacramenta tagemstne)
arilth]metica poczetne vmienie
spira wzdychagi
mansiones stanowiscze
exemplar prziklad
prosa prostrana recz
versu labitur verssowu reczi pliue
3. Kolonne:
propositione polozenym
przigimanym potwı-
zowanym neb se-
wrenim
determinat dokonawa
complector obkliezuge
cautius wierhege
in gestis w czinech
typus podoba
praefert prednassie
viculus miesteczko
lugubris zalostiwa
sacramentum swatnosti
historia rozprawa
coartati stistieny
praestolatur czaka
eruca husenice
brutus kobilka
rusticus rolnik
morum, -ri jahodie klokoczkowe
uncinus hak
aemulus nenawistnyk
pertono hrzmym
naufragio potopu
praefigurans znamenage
vastatio zahuba
luctator zapusnik
rigidus prisny
figit vstanowuge
gradum stopu
aemulatus krik
indieit przikazuge
assumptione |
sumptione
3) Für v vedie M. V.
4) In der Hs. cum Soerate statt cum stomacho!
5) Lies tagemstwie M. V.
Alttechische Bibelglossen aus der Maria-Saaler Handschrift 7
pila stupa
festivus hodowni
multiplex rozliezny
dissipatas quadrigas rozsapanych
etyrech woziech
sordidus zkaleny
quadruplex ctrwnasob t)
lyrico krzidlem
decacordus dessieti strunacny
veteris instrumenti wetche nadoby
sublime wzbuoru
perplexi [sunt] spleteni
caecutio oslepugi
pro merito pro wzacznost
hebes blupy
syntagma navcenie
tumidus chlupny
venustas slusnost
Klagenfurt
393
petentim id est paulatim krokem
obvius potikagiei
dominatio predwiedienie
sortitus vspolezil
sugillatio potupenie
pro vili portione za malu czascku
foedari ohawiti
illustre facit oznamiti
quae minus ante fuerant genz su
drew nebila
auctoritate moci
apocryphus negisty skladacz
deliramentum nesmysl
autbenticus dogisteny
praeferunt prziednassiegi
videbatur cadere zdasse sie zeby
wstupil.
HERMANN MENHARDT
Studien zu Krasinski’s „‚Irydion‘“®)
Il.
Die Chöre
Im Irydion ist die Verwendung von Chören eine außerordent-
lich komplizierte. Krasinski macht hier den Versuch, Chöre ganz
verschiedener Personen — der Gladiatoren, Barbaren, dienender
Frauen, Christen, Priester — einzuführen; dieses Stilmittel kann
im Irydion nicht auf Zufall beruhen, da auch die gleichzeitig
entstandene „Ungöttliche Komödie“ viele Chöre und zwar in der
gleichen Funktion aufweist (vgl. die Lakaien-, Fleischer-, Räuber-,
Priester-, Geisterchöre); wie im „Irydion“ werden sie auch hier
teils vereinigt, um der sie beherrschenden Gesamtstimmung Aus-
druck zu verleihen, teils in kleine Partien, ja sogar in Einzel-
stimmen zerlegt, die den durch den Chor auf die Zuhörer aus-
geübten allgemeinen Eindruck gleichsam ergänzen. So singt z. B.
der Bauernchor: Naprzöd, naprzöd! pod namioty, do braci na-
szych —- naprzöd, naprzöd! pod cien jaworöw, na sen, na mila wie-
1) Für &tvrnasob M. V. 2) Vgl. Zeitschr. IV 8. 84 ff.
394 V. ÜERNOBAJEV
ezorng gawedke — tam dziewki nas czekaja — tam woly pobite,
dawne plugöw zaprzegi, czekaja nas!). Diese Charakteristik der
herrschenden Stimmung findet eine Bestätigung in folgendem.
Erste Stimme: Ciagne go i wloke, zZynia sie i opiera — idZ w
rekruty — idZ! — Stimme des Gutsherrn: Dzieci moje, lito$ci,
litogei! — Zweite Stimme: Wrö& mi wszystkie dni panszczyzny.
Dritte Stimme: Wskrze$ mi syna, Panie, z pod batogöw ko-
zackich. — Vierte Stimme: Chamy pija zdrowie twoje, Panie —
przepraszaja, cie, Panie?).
Auf diese Weise wird der Eindruck individualisiert und
konkretisiert. Aus der Verwendung dieses Stilmittels geht bereits
hervor, daß der Chor bei Kr. in den meisten Fällen nicht als
Zuschauer die sich abwickelnden Ereignisse ruhig bewertet, sondern
sich durchaus bewußt und sehr aktiv an ihnen beteiligt. Ich
denke dabei besonders an die sogar in zwei feindliche Parteien
gespaltenen Christenchöre des Irydion und an den Chor der
Krieger am Ende des Dramas, die noch aktiven Widerstand zu
leisten versuchen. Wenn Kr. sich konsequent auf den Standpunkt
gestellt hätte, daß dem Chor eine aktive Rolle zukommt, so hätte
das ihn natürlich zu einer vollständigen Auflösung der Chor-
partien, zu ihrer vollständigen Individualisierung führen müssen.
Soweit geht aber Kr. nicht. Mitunter können wir noch im kom-
plizierten Mosaik seiner Chöre die alte Passivität, Erhaltung
des durch die Tradition gefestigten Zeremoniells erkennen. Es
sind dies Züge, die zweifellos auf die antike Tragödie und Schillers
Braut von Messina?) zurückgehen. Bekanntlich wollte ja Schiller
1) Krasınskı Wyd. Jub. III S. 58. 2) ib. 8. 58.
3) Es darf wohl nicht bezweifelt werden, daß Kr. Die Braut von
Messina gelesen hat, obgleich seine Briefe keine direkten Anhaltspunkte
dafür bieten. Die erste Bekanntschaft Kr.’s mit Schiller’s Werken fällt
noch in seine Warschauer Periode. In Kr.s frühesten Werken lassen
sich sogar einige Spuren des Schiller’schen Einflusses feststellen. So
weist seine Schilderung des Dunois und dessen Beziehungen zu Johanna
in der Novelle Joanne D’Arc 1827 einige poetische Reminiszenzen aus
der Jungfrau von Orleans auf; diese war 1820 ins Polnische übertragen
worden von ANDREAS BRODZINSKI, dem Bruder des bekannten Pro-
fessors und Literaturkritikers KAZIMIERZ BRODZINSKI, den Kr. an
der Warschauer Universität gehört hat. Kaz. BR. verkehrte im Hause
der Krasinski’s, äußerte sich mehrfach begeistert über Schiller und
Studien zu Krasifiski’s „Irydion“ 395
den Tragödienchor wieder in das Drama einführen. Ihn lockte
am Chor jene „beruhigende Betrachtung“, „die uns unsre Frei-
nannte ihn den größten Dichter (vgl. BRopzınskı Pisma Bd. VIII
S. 279). In den Novellen Gröb rodziny Reichstalöw und Wladystaw
Herrmann i jego dwör ist der Ehekonflikt unter dem Einfluß Der
Räuber und Der Braut von Messina dargestellt (so bereits J. ANTONIE-
wıcz Zygmunt Krasinski i dziefo St. Tarnowskiego. Przeglad Polski
1896). In der zweiten der soeben erwähnten Novellen von Kr. beruht
Js auch der gegenseitige Haß der beiden Brüder, wenn auch nur teil-
weise, auf ihrer gemeinsamen Liebe zu derselben Frau. Die Situation
erinnert somit in vielem an Die Braut von Messina. Als Kr. Warschau
verließ, schwand unter dem Einfluß ausgebreiteter Lektüre der fran-
zösischen und besonders englischen Literatur sein Interesse für Schiller
merklich; jedoch vor der endgültigen Bearbeitung des Irydion nahm
es bereits wieder zu, besonders als Kr. Schiller im Original lesen
konnte, obgleich er von einem vollen Verständnis der deutschen Bücher
in einem Briefe an Reeve erst nach Veröffentlichung des Irydion’s
schreibt (s. Correspondance Bd. II S. 110). So spricht er im Erschei-
nungsjahr des Irydion von dem ganzen Schaffen Schiller’s wie von einem
ihm gut vertrauten Gebiet und gibt ihm sogar vor demjenigen Goethe’s
den Vorzug: „Le raisonneur Shakespeare, le calceul& Goethe, ne m’enivreront
autant que le jeune Schiller, car Schiller est &ternellement jeune“ (Brief an
Reeve Bd. Il S.117; vgl. KoBzDAJ Kaz.Zygmunta Krasinskiego twörczo$&
w stosunku do literatury niemieckiej S. 59 aus Ksiega Pamigtkowa ku
uczezeniu setnej roczniey urodzin Z. Krasinskiego Lemberg 1912). Auch
andere Briefe Kr.’s aus der Zeit, als er am Irydion arbeitete, beweisen,
daß ihm die Schiller’schen Stücke vertraut waren. Von seiner Be-
geisterung über die Aufführung der Dramen von Schiller im Wiener
Burgtheater spricht K. vielfach, leider schon nach der Veröffentlichung
des Irydion. So heißt es in einem Brief an Gaszynski vom 30. April
1837 „Überall erblüht der Frühling“ — „von allen Seiten bricht ewige
Jugend an“. Kr. gibt Schiller vor Shakespeare den Vorzug, weil er es
verstanden hätte, den Menschen die „ewige Wahrheit“ zu offenbaren,
die erschauern macht und feierlich klingt. Shakespeare erfaßt jedoch
nach ihm besser die „alltägliche Wahrheit“ (vgl. Listy Z. Krasinskiego I
S. 109). Diese vergleichende Charakteristik der beiden großen Drama-
tiker entspricht durchaus der Stellung, die Kr. ihnen in seinen Dramen
einräumt. Der Einfluß Shakespeare’s zeigt sich in der Zerlegung der
Chöre, die sich gegen Ende des Dramas mit dem Straßengesindel ver-
mischen, derjenige Schiller’s im Versuch, ihnen eine erhabene Bedeutung
zu verleihen — besonders in den Chorpartien des zweiten Teils des
Irydion. Hieraus geht zweifellos hervor, daß alle Stücke Schillers, dar-
unter auch Die Braut von Messina, Krasinski, als er den Irydion schuf,
gut bekannt waren. M. SzyJKoWsKlI in seinem Buche „Schiller w Polsce“
Krakau 1915* berührt gar nicht die Frage vom „Irydion“.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd.IV. 26
396 V. ÜERNOBAJEV
heit zurückgibt, die im Sturm der Affekte verloren gehen würde?)“.
Durch den Chor bezweckt Schiller, die Stärke der Schläge zu
mildern, die sonst unablässig auf den tragischen Helden nieder-
prasseln und die Zuschauer zwingen würden „sich mit dem Stoffe
zu vermengen und nicht mehr über demselben zu schweben)“.
Auch die tragischen Personen selbst bedürfen nach Schiller
„dieses Anhalts, dieser Ruhe sich zu sammeln“. „Die Gegenwart
des Chors, der als ein richtender Zeuge sie vernimmt, und die
ersten Ausbrüche ihrer Leidenschaften durch seine Dazwischen-
kunft bändigt, motiviert die Besonnenheit, mit der sie handeln,
und die Würde, mit der sie reden?)“. Wie bereits gesagt wurde,
ist Kr.’s Einstellung zum Chor anders. Reflexen der Schillerschen
Ansichten begegnet man aber bei den gerade in dieser beschau-
lichen Rolle auftretenden Frauen- und Dienerinnenchören. Wie
in der Braut von Messina kommen auch im Irydion diese Chöre
nur bei kultischen Handlungen, bei Hochzeit und Begräbnis, vor.
Natürlich müssen sich inhaltlich die entsprechenden Chorpartien
bei Kr. und Schiller unterscheiden: Schiller verlegt die Handlung
seiner Tragödie ins 12. Jahrh. und duldet bewußt neben christ-
lichen auch heidnische Elemente; Kr. dagegen war bemüht, auf
dem Boden der Antike zu bleiben; mitunter benutzt er den Chor,
um die Stimmung des Helden zu charakterisieren — ein Stil-
mittel, das seinem Wesen nach undramatisch ist und auf jeden
Fall Schiller nicht angehört z. B. Chor der Frauen (Elsinoe um-
ringend): Czemu dröa czloniki twoje pod $niezna zaslona, pod
wstegami z purpury, ktöremi obwiazujem ci piersi? — ezemu
bledniesz pod wiencem, ktöry splotiySmy dla ozdoby ezola twojego?
(Wyd. Jub. Bd. 3 S. 136). Dieses Stilmittel ist fast das einzige,
alle Chorpartien von Kr. vereinigende. Bei Schiller gibt sich
der erste Chor, nachdem er den Leichnam Don Manuels herbei-
getragen hat, traurigen Gedanken darüber hin, daß ein jeder
dem Tode unterliege.
Der erste Chor (Berengar):
1) Schillers sämtliche Werke hgb. Goedecke Stuttgart 1872
Band XIV 8.11.
2) ib. 8.11.
3) ib. 8.11.
Studien zu Krasinski’s „Irydion‘ 397
„Mit gewaltsamer Hand
Löset der Mord auch das heiligste Band,
In sein stygisches Boot
Raffet der Tod
Auch der Jugend blühendes Leben“),
Eine Fortsetzung findet diese Stimmung etwas weiter in den
Chorliedern (Cajetans), die denjenigen preisen, der
». . . Sich heraus gerettet
In des Klosters friedliche Zelle* 2).
Kr. verzichtet aber auf eine solche Christianisierung des Stoffes
und verleiht auch dem Chor nicht jene gehobene und dominierende
Rolle, wie Schiller es tut; er führt solche Chorpartien nur
sporadisch ein und deswegen kömmt ihnen nicht jene selbständige
Bedeutung zu wie bei Schiller. Doch in ihrer bescheidenen Rolle
als Vollzieher des Kults, die ruhig den Ereignissen zuschauen,
decken sich diese Frauenchöre von Kr. mit den allgemeinen An-
sichten Schiller’s über die Rolle des Chors. Inbezug auf das
Hochzeitszeremoniell muß bemerkt werden, daß Schiller, gewohnt
alles wesentliche durch die Handlung darzustellen, und nicht nur
den Held davon erzählen zu lassen, die Schilderung dieser kultischen
Handlung dem Chor nicht direkt überläßt; der Chor beteiligt sich
aktiv, er ist nicht nur Zeuge der kultischen Handlung; in den
Vorkehrungen zum Hochzeitszeremoniell, die Don Manuel trifft,
finden wir viel gemeinsames mit Irydion; im Gegensatz zu dem
Bestattungszeremoniell, das bei Schiller nur den Hintergrund
bildet, sind die Hochzeitszeremonien oder wenigstens die Vorbe-
reitungen dazu bei Schiller viel genauer beschrieben als bei Kr.
Die Erklärung liegt m. E. darin, daß Kr. nicht über genügend
Tatsachenmaterial aus dem Kultleben der alten Griechen ver-
fügte; vielleicht wollte er nicht diese Details einführen. Aus-
künfte über Cerberus, Radamant, Styx usw., die bei Beschreibung
des Begräbnisses der Elsinoe erwähnt werden, haben einen zu all-
gemeinen Charakter. Es braucht nicht unbedingt der Fall zu sein,
daß Kr. einige Einzelheiten des Begräbniszeremoniells bei Schiller
entlehnt hat, aber auch er verkündet durch den Frauenchor,
1) Schiller ib. S. 106.
2) ib. S. 117.
26*
398 V. CERNOBAJEV
daß Elsinoe noch „diesseits des Styx umherirre!)“. Es kann hier
nicht auf die Gründe eingegangen werden, warum Kr. eine Reihe
mythologischer Einzelheiten nur als dekoratives Milieu heranzieht.
Zweifellos bleibt er hierin aber dem Stilmittel treu, das allen seinen
Chören gemeinsam ist, wie sehr sie sich auch untereinander unter-
scheiden — der choralischen Selbstcharakteristik und nichtdrama-
tischen Klärung durch den Chor dessen, was der Held tut, statt
Schilderung der Handlung selbst, wie sie gewöhnlich bei Schiller
und den anderen Dramatikern vorliegt. Erwähnt werden müssen
hier die zweimal vom Chor gleichsam refrainartig wiederholten
Worte: Ale juz sztuke zlota kladziemy ci w usta, by okupila sie
przewoznikowi. — Ale juz miöd i mak kladziemy ci w dionie, byS
uspila Cerbera?). Dieser Refrain erinnert an die zu Beginn des
Dramas auch zweimal wiederholten Worte der Bedienten: Niesiemy
ei röze, kadzidla i perly®)! Was die Hochzeitszeremonie anbe-
langt, so verweilt Schiller, wie bereits gesagt wurde, bei diesem
Motiv recht ausführlich, hauptsächlich bei den Anweisungen, die
Don Manuel seinem Chor erteilt und die den Vorbereitungen der
Zeremonie vorangehen:
„Erst wählet aus die zierlichen Sandalen,
Der zartgeformten Füße Schutz und Zier
Dann zum Gewande wählt das Kunstgewebe
Des Indiers, hellglänzend, wie der Schnee
Des Atna, der der Nächste ist dem Licht —
Und leicht umfließ es, wie der Morgenduft,
Den zarten Bau der jugendlichen Glieder.
Von Purpur sei, mit zarten Fäden Goldes
Durchwirkt, der Gürtel, der die Tunica
Unter dem zücht’gen Busen reizend knüpft;
Dazu den Mantel wählt von glänzender
Seide gewebt, im gleichen Purpur schimmernd
Über der Achsel heft’ ihn eine goldene
Cieade. — Auch die Spangen nicht vergeßt,
Die schönen Arme reizend zu umzirken;
auch nicht der Perlen und Korallen Schmuck,
Der Meeresgöttin wundersame Gaben.
Um die Locken winde sich ein Diadem,
Gefüget aus dem köstlichsten Gestein,
1) Wyd. Jub. III 269. 2) Wyd. Jub. III 269.
3) Wyd. Jub. III 135.
Studien zu Krasinski’s „Irydion® 399
Worin der feurig glühende Rubin
Mit dem Smaragd die Farbenblitze kreuze
Oben im Haarschmuck sei der lange Schleier
Befestigt, der die glänzende Gestalt,
Gleich einem hellen Lichtgewölk umfließe
Und mit der Myrthe jungfräulichem Kranze
Vollende krönend sich das schöne Ganze.“
(Schiller ib. 8. 46£.)
Auch bei Kr. finden wir „Purpurbänder (wstegami z purpury —
ib. S.136), mit denen der Chor die Brust Elsinoes umwindet,
auch „schneeige Hüllen“ ($niezna zasiona) und den Kranz, der
zur Zierde ihrer Stirn gebunden wurde (wieniec, ktöry splotiySmy
dla ozdoby czola twojego — ib. III S. 136). Dasselbe Bild wird
nur durch andere Mittel als bei Schiller gegeben. Kr.’s Versuch,
dieser kultischen Handlung Lokalkolorit zu verleihen, ist nicht
ganz gelungen: er beschränkte sich nur auf zwei mytholo-
gische Vergleiche in den Chorpartien der Dienerinnen: Elsinoe
wird mit der aus dem Meeresschaum entstiegenen Aphrodite und
mit Helena, die soeben vom Priamiden geraubt war, verglichen
(Wyd. Jub. III S. 135). Im Vorwort zur Braut von Messina sagt
Schiller, daß er bewußt eine Mischung von christlicher Religion
und griechischer Götterlehre zugelassen habe. Zur Rechtfertigung
fügt er hinzu, daß die Poesie als ein kollektives Ganzes für die
Einbildungskraft zu behandeln sei, in welchem alles, was einen
eignen Charakter trägt, eine eigne Empfindungsweise ausdrückt,
seine Stelle findet). Kr., der es im Irydion mit einer noch
stärkeren Mischung religiöser Kulte zu tun hatte als Schiller,
konnte von ihm natürlich den Versuch übernehmen, Chöre auch
in jene Teile des Dramas einzuführen, die das Christentum dar-
stellen. Begreiflicherweise finden sich hier bei ihm noch mehr
Abweichungen als früher von der antiken Tradition. Die Art,
Chöre einzuführen, bleibt in vielem hier die alte, undramatische;
wie vorher konstatiert der Chor nur dasjenige, was mit dem
Helden vorgeht, sogar ohne den Versuch zu machen, ihm einen
Rat zu erteilen oder seine Entscheidungen zu beeinflussen ; über
Symeon aus Korinth sagt z. B. der Chor: Scisnely sie zmarszezki
czola jego.- KrzyZ ezarny dry mu w dioniach, jak galaz wsröd
1) Schiller ib. S. 12.
400 V. ÜERNORAJEV
wichröw! (Wyd. Jub. III 216). Oder sich zu Cornelia Metella
wendend: Skad do nas idziesz tak pözno, sama, z rozpuszczonym
wiosem? (Wyd. Jub. III 217). Das ist bereits keine leidenschafts-
lose Betrachtung mehr, von der Schiller spricht, sondern es sind
aufgeregte Fragen von Personen, die vollkommen vom Helden
abhängig sind und ein Unglück ahnend, selbst nicht wissen, wie
ihm zu entrinnen. Im Drama von Kr. erhalten wir nämlich nicht
die Möglichkeit, uns von den gespannt tragischen Erlebnissen
mit Hilfe des Chores zu erholen, wie das Schiller im Auge hatte.
Zu der Konzeption der „Philosophie des Leidens“, (es ist
hier die Rede von dem Einfluß von Ballanche, die das ganze
Drama durchzieht) hätte eine solche Ruhe nicht gepaßt. Als
Irydion am Ende des ersten Teiles Massinissa fragt, ob es ihm
jemals gelingen würde, sich zu beruhigen, sich zu erholen, ant-
wortet Massinissa: Nie pytaj sie przed czasem! Idz naprzöd...
naucz sie cierpied, jak cierpia duchy poteZniejsze od ciebie! (ib. 190).
Dieser Theorie zuliebe mußte Kr. besonders bei Schilderungen
der christlichen Welt, den Charakter der Chorpartien stark ver-
ändern; er teilte ihnen häufig die Rolle passiver Opfer zu, die
sich mit dem unentrinnbaren Leiden zu versöhnen haben. Trotz-
dem diese Chöre von Kr. die Grundkonzeption der Schillerschen
Chorpartien verloren, gingen sie doch nicht der ganzen Form
verlustig und erhielten keine neue Gestalt. Ausschlaggebend
wurde die starke Beharrlichkeit der literarischen Tradition.
Durch gemeinsame Stilmittel, von denen oben die Rede war, mit
den Schillerschen verbunden, verblieben sie dadurch auf dem
traditionellen Wege. Gleich den Chören dergriechischen Dienerinnen
konstatieren die Christenchöre hauptsächlich nur den eignen
Stimmungswechsel (Stilmittel der Selbstcharakteristik); auf die
Reden Irydions hin, der die Christen zur Waffe ruft, äußert z. B.
der Greisenchor: Ogien modlitwy gasnie w lonie naszem — mgla
tajemnicza zasuwa sie nad nami — Panie, od pokus zwodziciela
wybaw nas, Panie! (Wyd. Jub. III 215). Noch häufiger stellt der
Chor fest, was mit den Haupthelden, Irydion, Kornelia, Symeon
aus Korinth, passiert. Vgl.z. B. Einer aus dem Chor: Wäröd
glöw i pochodni jej wiosy podskakuja i tona jak fala (Wyd. Jub.
III 218). Oder, wenn der Greisenchor Symeon fragt, warum
Studien zu Krasinski’s „Irydion® 401
Irydion, der früher die Kleidung eines Katechumenen getragen
habe, jetzt bewaffnet zu ihnen gekommen sei (ib. 213). Wie bei
den Chören der Griechen versucht Kr., wenn auch nicht immer
erfolgreich, das -Lokalkolorit durchzuführen. Deswegen muten
wahrscheinlich einige seiner Chorpartien fast wie Gebete an
(ib. 212). Neu ist bei den Christenchören von Kr. die scharfe
Zweiteilung (Chor der Greise und Chor der Jünglinge); obgleich
sie sich durch gemeinsame Unterstellung unter Irydion oder durch
seine Ablehnung zeitweise vereinigen, behält ein jeder von ihnen
doch seine eigene Physiognomie, so daß sie sich mitunter feindlich
gegenüberstehen, wenn auch ein offener Zusammenstoß vermieden
wird. Ferner tritt der Barbarenchor bald allein auf, bald in
der Vereinigung mit dem allgemeinen Chor. Obgleich auch dieser
in keinen offenen Konflikt mit den zwei anderen Chören gerät,
so nimmt er doch eine Sonderstellung ein: das geht aus der An-
rede Irydions nicht mit dem christlichen Namen Hieronymus,
sondern mit Sigurd hervor (ib. 222). Da Kr. bei der Einführung
von Chören besonders die Bewahrung des Lokalkolorits anstrebte,
sonderte er diese Gruppe der nördlichen Barbaren ab; er ver-
fügte ja über genügend Material, um sie mit lokalen Zügen aus-
zustatten. So verwertet er für eine Chorpartie den bekannten
Sieg des berühmten Germanenführers Hermann (Arminius) über
die Römer und bringt einige Einzelheiten über die heiligen
Wälder von Irminsul an (vgl. ib. 219). Die Sonderstellung dieses
Chors, die durch das Vorliegen des erwähnten Materials durchaus
motiviert wird, bietet im weiteren nichts Neues. Auch hier werden
die bei allen Chören von Kr. üblichen Stilmittel angewandt.
Gleiches läßt sich über die vereinzelt vorkommenden Chöre der
Priester des Mithraskultes!), der Praetorianer?) und Gladiatoren®)
sagen. Überall wird der Versuch gemacht, Lokalkolorit und
Selbstcharakteristiken einzuführen. Sie bilden aber nur den
Hintergrund für die Bilder und üben auf die Handlung selbst
keinen Einfluß aus. Anders ist es um die zwei Christenchöre
bestellt, die verschieden auf Irydions Reden reagieren — die
1) Vgl. ib. 8. 144—145f. 2) Vgl. ib. S. 166.
3) Vgl. ib. 8. 138.
402 V. CERNOBAJEV
Greise verurteilen ihn, weil er zu den Waffen ruft, die Jünglinge
dagegen, entflammt durch seine Reden, wären bereit gewesen
ihm zu folgen, wenn sie Bischof Viktor nicht im letzten Moment
zurückgehalten hätte. In diesem Aufeinanderprallen der Chöre
kann man mit Recht einen Reflex des doppelten Choraufbaus
der Braut von Messina vermuten. In Widerspruch zu der oben-
angeführten, von Schiller selbst geäußerten Überzeugung, daß
dem Chor nur die Rolle eines ruhigen Zuschauers zukomme, läßt
Schiller in dieser Tragödie zwei Chöre sich an den Geschehnissen
mitunter aktiv beteiligen. Beatrice's wegen kommt es zwischen
ihnen sogar zu einem offnen Zusammenstoß. Um ihn zu unter-
streichen, greift Schiller zu einem kurzen, bedeutungsvollen
Dialog der Chöre. Darauf kommt es zu einer Aussöhnung
zwischen ihnen und gemeinsam stellen sie dann die (antike)
These auf, daß man sich unweigerlich in das Schicksal fügen
müsse und an Don Caesar für den Brudermord au Don Manuel
Rache zu nehmen habe. Durch die scharfe Teilung seiner Chöre
wich Schiller aus innerer Notwendigkeit von der antiken Tradi-
tion ab; der Chor wurde bei ihm aus einem retardierenden zu
einem antreibenden Element der Handlung. Sehr wirkungsvoll
wandte auch Kr. dieses Stilmittel im Irydion an, um die unter
den Christen herrschende Verwirrung und ihre sich anschließende
Weigerung, Irydion zu folgen, schärfer begründen zu können.
Kr. erreichte es durch den Greisenchor, der von Anfang an gegen
Irydions Pläne ist, während die Jünglinge und Barbaren sie
unterstützen, ihm sogar folgen, nachdem der Bischof ihn ver-
flucht hat, und zum Glauben Odins zurückkehren.
Man könnte annehmen, daß die Chöre der bösen Geister
unter dem Einfluß von Goethes Faust in den Irydion und die
Ungöttliche Komödie aufgenommen sind, besonders am Ende des
zweiten Teils des Irydion, wo die von den bösen Geistern angerichtete
Verwirrung unter den Christen und ihr Triumph darüber beschrieben
wird. Natürlich erinnert der Kampf der bösen Geister um Irydion
stark an die entsprechenden Stellen im Faust, wie bereits mehr-
fach hervorgehoben wurde. Wohl kaum wird man eine gewisse
inhaltliche und gedankliche Abhängigkeit dieser Szenen vom Faust
bezweifeln dürfen. Was aber die hier angewandten Stilmittel
Studien zu Krasinski’s „Irydion“ 403
betrifft, so unterscheiden sich diese Szenen in nichts von den
anderen Chören, selbst solchen nicht wie die der Praetorianer,
Gladiatoren, Zwerge, deren Teilnahme im Drama einen deutlich
dekorativen Charakter trägt; ganz abgesehen von der etwas
ironisierenden Darstellung der bösen Geister, die Kr. gar nicht
liegt, verzichtete er auch auf die bei den Hexen- und Zauberer-
chören (Walpurgisnacht) angewandten Stilmittel, auf das spott-
lustige Gezänk mit entsprechender Vulgarisierung des Stils.
Folglich bot der Faust nur die Anregung, mitunter auch böse
Geister im Irydion und der Ungöttlichen Komödie vorkommen
zu lassen, in der Darstellung folgte Kr. aber nicht Goethe, sondern
war bemüht, die Chöre der bösen Geister ebenso auszustatten
wie die meisten seiner anderen. Eine Bestätigung hierfür bietet
der Briefwechsel Kr.’s: aus ihm geht hervor, daß Kr., als er am
Irydion arbeitete, in gewissem Sinne von Goethe abrückte. Auch
hinsichtlich des Bösengeisterchors bediente sich Kr. der Selbst-
charakteristik und war folglich bemüht, ihn mit „höllischem
Lokalkolorit“ auszustatten. Deswegen singen die Geister inmitten
der heranrückenden Feuersäulen „Chwala nam i temu, co dotad
jaSnieje w ogniu odrzucenia, jak palal niegdyS teczami sily! —
Chwala nam — chwala nam!“ (Wyd. Jub. III 225). Die bei Kr.
übliche Charakterisierung des Helden durch den Chor zeigt sich
in den Worten über Irydion: „Ile razy ta mysl bez glosu dot-
knela mu serca, bladt i mieczem bladzil po zbrojach i nie lamal
zadnej] — w przerwach bil sie, jak aniol stracony“ (Wyd. Jub.
III 285). Scheinbar entspricht das Stilmittel der Selbstcharakte-
ristik, das die meisten der bisher behandelten Chöre vereinigt
und weder aus der Braut von Messina, dem Faust, noch aus der
antiken Tragödie erklärt werden kann, am ehesten der Manier
des Ahasverus von Quinet!). Bekanntlich ging Quinet in seinem
1) Daß Kr. Quinet gelesen hat, als er am Irydion arbeitete, geht
aus seinem Brief (Petersburg, 20. Jan. 1833) hervor. Dieser enthält
den ersten mehr oder minder sorgfältig ausgearbeiteten Plan für den
Irydion und folgende Bemerkung: „In diesem Winter habe ich Ballanche,
Damiron und Quinet gelesen* (KALLENBACH Zycie i twörezo$6 lat
miodych Zyg. Krasinskiego II 28 Correspondance de Sig. Krasinski et
de Henry Reeve Bd. II Paris 1902 Teil 2 S. 30). Auf die Ähnlichkeit
zwischen der äußeren Form des Ahasverus von Quinet und dem Irydion
404 V. CERNOBAJEYV
Bestreben, das mittelalterliche Mysterium zu erneuern, so weit,
daß er außer Menschenchören noch Chöre der Sterne, Berge usw.
einführte. Diese Versuche widersprachen allzu stark der mensch-
lichen Weltanschauung Kr.’s und fanden deswegen keinen Nieder-
schlag im Irydion. Dem Stilmittel der Selbstcharakteristik be-
gegnen wir aber auch bei Quinet; häufig wird es sogar dort
wie bei Kr. in der Gegenwart durchgeführt. Z. B. „Ceur des
Herules. Tenons nous par la main pour une danse guerriere: Les
femmes du Danube se dressent & demi dans le fleuve, sur leurs
corps de cygnes, pour nous regarder passer. Mais le vent du
nord est notre roi; c’est lui qui nous envoie abattre sur la terre
les feuilles des orangers et les fleurs de la vigne* (Revue de
deux Mondes IV 1833 S. 20). Oder: „Ch&ur des goths, (dans
le lointain)... Et nous aussi, nous savons le chöne, sous lequel
s’est abattue la cavale de Rome, que nos serres vont dechirer.
Nornes et valkyries, m&lez dans vos chaudieres le bec de l’aigle,
les dents de Sleipnir, l’ivoire de l’elöphant, qui font les runes
des combats, et donnent la sagesse aux levres qui les touchent.
Par le bord du bouclier, par la proue du vaisseau, par la pointe
du glaive, par la roue du chariot, par l’ecume de la mer, suivez-
nous, soyez nous propices. Le corbeau se penche sur l’epaule
d’Odin pour redire nos paroles & son oreille.. Le cerf court a
travers la foröt, et se nourrit des branches du frene qui ombrage
les dieux; et nous nous marchons aprös lui sur les feuilles seches
des for&ts. Nous descendons vers le midi, comme la neige fondue,
qui descend dans les vall&es“ (ib.). Besonders die Barbarenchöre,
von denen bereits oben die Rede war, erinnern an die Chöre
hat erstmalig SIEMIENSKI in einem Gespräch mit MıcKIEwicz, der
im allgemeinen sich ihm anschloß, hingewiesen. MICKIEWIcZ’s Meinung
darüber siehe bei KALLENBACH S. 268. Allerdings kann Kr. damals
nicht den ganzen Quinet gekannt haben, sondern nur Teile daraus, die
1833 in der Revue des deux Mondes erschienen waren. Aber bereits
aus dem dort erschienenen Vorwort und den Auszügen aus den vier
„Tagen“ seines Mysteriums konnte Kr. sich ein erschöpfendes Bild von
der Arbeit Quinets und den von ihm angewandten Stilmitteln machen.
Über den Einfluß des Ahasverus auf den Irydion will ich ausführlicher
in einer anderen Arbeit handeln. S. auch Prof. SINKo Wstep do
Irydiona (Biblioteka Narodowa, Serja I Nr. 42 S. L’—LVI).
Studien zu Krasinski’s „Irydion‘‘ 405
von Quinet in ihrem Bestreben, ein entsprechendes Lokalkolorit
zum Ausdruck zu bringen. In beiden Fällen streben die Chöre
nach Süden, um Rom zu zerstören; die Barbaren Kr.’s aber er-
wähnen, daß in ihren Ahnen dieser Wunsch lebendig gewesen
sei, während Quinet’s Goten davon wie von einer realen, für sie
jetzt noch bestehenden Sehnsucht sprechen. Das ist verständlich;
ein elementares künstlerisches Gefühl liegt dieser Stelle zugrunde:
Die Barbaren von Kr. befinden sich ja in Rom und hassen es
immer, die Sehnsucht der Söhne des Nordens nach dem Süden
lebt aber nur in der Erinnerung fort. Die Ähnlichkeit zwischen
dieser Stelle von Quinet und den Barbarenchören ist offensicht-
lich; das gilt aber mehr oder weniger auch für die übrigen
Chöre Kr.s, die gleichfalls das Stilmittel der Selbstcharakteristik
des Chores, meist in der Gegenwart durchgeführt, anwenden.
Da Kr.s Chor aber in eine Reihe recht kleiner Einheiten mit
entsprechender lokaler Färbung zerfällt, muß dieses Stilmittel
den einzelnen Chorpartien angepaßt werden. Ein typisches Bei-
spiel ist der Praetorianerchor bei Kr.: Niech Zyja koscie i wino
— sesterce i röze! — Dopöki czara sie pieni, dopöki Plutus
sie uSmiecha, stopy nasze do tanca, rece gotowe do boju. — Daj
nam chocby czarne po syrtach murzynki, chodby Sniade po lasach
Germanki! Partöw i Getöw starym obyczajem nie chodzimy
Scigac. — Ojce nasze leza w grobie — z nimi nuZace pochody.
— Tu, na lozach, tu, czolo ustroiwszy bluszczem, tu, w Rzymie,
czekamy na wrogöw — niech nadejda, wtedy z obje& czarnowlosych,
wsröd dzwieku szklanic, porwiemy sie do tarczy i odporu — do
miecza i rzezi! Teraz evoe! niech Zyja koscie i wino — niech
zyja sesterce i röze!* (Wyd. Jub. III 166). Eine solche chorische
Selbstcharakteristik liegt auch im Zwergenchor vor und zwar
gibt sie Kr. wiederum in der Gegenwart: „Stoim z ubocza, a
na szezycie wiezy pan nasz stroi lire swoja — u stöp jego wSröd
nocy czarnej i mglistej pali sie miasto bogöw! (Wyd. Jub. III 163).
In den zufälligen dekorativen Chorpartien wirken diese Züge
noch plastischer als dort, wo durch diese oder jene literarischen
Einflüsse der Typus der Chorpartien verändert worden ist. Ihre
typische Eigenschaft war auch ein kurzer Exkurs in das Ge-
biet der Geschichte oder Mythologie, um ihnen das sog. Lokal-
406 V. CERNOBAJEV
kolorit zu verleihen. Vgl. z. B. die Fortsetzung des oben er-
wähnten Zitats: „On wzniecil te ognie — on cheial widziec,
jak Troja gorzala przed laty — on zyc nie mögl, jak Zyja
$miertelni — plomienmi wiec sie otoczyl i stal sie panem dramatu
z ognia! (Wyd. Jub. III 163f.). Wenn gegenüber Quinet, der
häufig durch ein anderes Mittel, das Lokalkolorit zum Ausdruck
bringt, nämlich durch Aufforderungen, die von den Chören aus-
gehen (vgl. z. B. Hunnenchor: „A cheval! & cheval! demain vous
ach&verez de tondre la criniere des &talons sauvages“ usw. Revue
d. d. Mondes 1833 IV S. 20) mitunter Abweichungen vorkommen,
so begegnet man solchen auffordernden Befehlen teilweise auch
im Praetorianerchor von Kr. An und für sich wird hier das
gemeinsame, von Quinet entlehnte Stilmittel der choralen Selbst-
charakteristik nur geringfügig variiert. Besondere Erwähnung
verdient die Kompliziertheit der Stilmittel Kr.’s bei Darstellung
von Chören, da der gleiche Chor nicht nur seine eigne Charak-
teristik, sondern auch die des Helden gibt; dieses, für die Ent-
wicklung des Dramas so wichtige Moment fehlt bei Quinet
gänzlich. Liest man sich genauer in die Chorpartien hinein und
achtet man darauf, wie Kr. dieses Stilmittel anwendet, so fällt
vor allen Dingen die große Abgerissenheit und Kürze jener Stellen
auf, die die Charakteristik des Helden enthalten im Gegensatz
zu seinen recht breiten chorischen Selbstcharakteristiken. Mit-
unter nehmen sie nur eine bis zwei Zeilen ein und tragen meist
einen fragenden Charakter; z. B. wendet sich der Christenchor
an Cornelia unmittelbar vor ihrem Tode mit der lakonischen
Frage: „Czego$ tak zbiadla strasznie, czemu powsta6 nie moZesz?
(Wyd. Jub. III 258). Besonders häufig und vielleicht in reinster
Gestalt wird dieses Stilmittel auf die Christenchöre angewandt.
So wendet sich z. B. der Chor an Cornelia, als sie bereits dem
Einfluß Irydions unterlegen ist, mit den Worten: „Skad do nas
idziesz tak pöZno, sama, s rozpuszezonym wlosem“? (ib. 217).
Oder am Ende der Tragödie sagt der Chor über Irydion: „Patrzeie!
odbiysk-li to Zaröw, czy promieh, zestany od bogöw, tak wspaniale
osrebrzyt mu lica?“ (ib. 281). Es wäre aber unrichtig, dieses
Stilmittel nur als Eigentümlichkeit der Christenchöre anzusehen ;
auch in vielen anderen Fällen, ganz abgesehen von dem letzten,
Studien zu Krasiniski’s „Irydion“ 407
der auch kein Christenchor ist, wird es angewandt. So beginnt
z. B. der Chor der Zauberer mit der Frage: „Co sie stalo synowi
stonca, panu tajemnic i ofiary usw. (ib. 144). Während die lako-
nische Kürze ein .untrennbarer Bestandteil dieses Stilmittels ist,
kann die Frageform bisweilen unterbleiben. Vgl. z. B. die Worte
des Chors der bösen Geister über die Christen: „I przyjda jese
chleb nasz i mieszkad w ciemnym domu naszym!“ (ib. 224).
Oder die Worte des Christenchors über Symeon aus Korinth:
„Seisnely sie zmarszczki czota jego. — KrzyZ ezarny dry mu
w dloniach, jak galaz w$röd wichröw;“ (ib. 216). Als aber Irydion
den angeblichen „Ring Roms“ ins Feuer wirft, spricht der Chor
über die in Zusammenhang damit stehende Veränderung an
Ulpinus: „Rzymianin toge zarzucil na lica — pier$ jego wzdela
sie zalem i nie Smie spojrzet na oblicza nasze!“ (ib. 280). Be-
kanntlich bediente sich auch die altgriechische Tragödie, der
auch Schiller in seiner Braut von Messina folgte, des Chors,
um den Helden oder wenigstens einzelne Veränderungen in
seiner Stimmung teilweise zu charakterisieren. ÜRoIsET stellte
z. B. „eine enge Anlehnung des (altgriechischen) Chors an einzelne
Helden!)“ fest. Doch weder Schiller, noch seine antiken Vor-
bilder gehen hierin so weit wie Krasinski, bei dem wir häufig
nur aus den Chorpartien ersehen können, was in dem Helden
vor sich geht; vgl. die obenangeführten Szenen mit Cornelia,
Ulpianus, Symeon aus Korinth. Aus der Kürze dieser Chorpartien
ergibt sich, daß ihnen nur eine dienende, vermittelnde Bedeutung
zukommt. Krasinski nutzte die Chöre zu diesem Zweck aus, da es
ihm häufig schwer fiel, die zerstreut in seinem Drama wirkenden
Kräfte in ein gemeinsames System zu bringen. Er schrieb ja
keine religiöse Tragödie, wie die alten Griechen es taten und
nach ihnen Schiller. Seine Chöre brauchten nicht den erhabenen
Willen der Götter und die unabwendbare Unterordnung unter
das Schicksal auszudrücken. Er verstand aber ausgezeichnet,
die Bedeutung des sozialen Elements im Drama zu schätzen und
strebte danach, den Chor aus einem einfachen Zuschauer der
Ereignisse nach Möglichkeit zu bewußten und aktiven Teilnehmern
1) A. und M. CROISET Weropun rpeveckoii AnTeparypt, russ.
Übersetzung bgb. von S. ZuBELEV Petersburg 1912 S. 241.
408 V. CERNOBAJEY
zu machen. Da er sich nicht der Versform bediente, wurde es
ihm leicht, durch den Chor die Masse, die sich aktiv an den
Ereignissen beteiligt, ins Drama einzuführen. Die kurzen, oben-
erwähnten Stellen mit dem Stilmittel der choralen Charakteristik
des Helden waren Übergangsstufen zur Verschmelzung der Chor-
partien mit der Rolle des gewöhnlichen Straßenpöbels, der beim
Hervortreten des verehrten Helden diesem entweder laut Beifall
zollt oder ebenso laut sich von ihm lossagt. Nur allmählich
entschloß sich Krasinski, den Chor soweit zu erniedrigen. Erst
ganz am Schluß des Dramas wird dieses Stilmittel in seiner
reinsten Gestalt angewandt, Ansätzen dazu begegnen wir schon
viel früher. Was die Kürze anbelangt, so bestehen die Chor-
partien im letzten Akt mitunter nur aus einem einzigen Wort,
bisweilen der Wiederholung des letzten Wortes des Helden; vgl.
z. B. die Rede Irydions an Ulpianus über die Missetaten Roms
und die entsprechende Begleitung des Chors (ib. 273) oder das
gleiche Stilmittel etwas weiter mit der Wiederholung der Worte:
Niewolnik! Swiata! (ib. 281). Interessant ist ferner, daß besonders
in den letzten Szenen des Dramas, diese Chorpartien sich einfach
verflechten mit den Reden einzelner Personen aus der Menge
und zu ihrer natürlichen logischen Entwicklung und Beendigung
dienen. Vor der endgültigen Niederlage wird z. B. die wachsende
Unzufriedenheit der Krieger mit ihrem Führer folgenderweise
dargestellt: Einer der Krieger: „Wodzu, bilem sie od mroku az
do zachodu miesiaca — Ein zweiter: Kto ostal sie przy nas?
Jedni leza bez ducha — drudzy konaja w torturach — inni sobie
poradzili lepiej] — przeszli do Cezara! Die anderen: Patrz na
rany nasze — ledwo ustaC moZemy. — Andere: Arystomachus
pöl Zelezca w piersiach mi zalamal. — Daj wody — wody troche!
..t Alle: Ty, okrutny — ty, bezbozny! Chor der Stimmen: zle,
zle nam — mdlo i posepnie — co z naszych mak umarlej ojezyznie?
(ib. 1II 289£.). Dieses Stilmittel der Spaltung des Chors, Indi-
vidualisierung seiner Eindrücke, die aber später mit dem Ge-
samteindruck zusammenfallen, mußte unweigerlich kollidieren mit
der als dramatisches Mittel Kr. längst gut bekannten Darstellung
der Masse und überhaupt der Volksversammlungen bei Shake-
speare. Wenn Kr. auch früher, bei der Lektüre des Hamlet
Studien zu Krasifiski’s „Irydion® 409
z. B., sich mit deren Darstellung bei Shakespeare bekannt machen
konnte, so interessierte ihn damals eine andere Seite dieser
Tragödie; außerdem war der grobe Komismus, der z. B. dem
Gespräch der Totengräber eigen ist, für Kr. aus mancherlei
Gründen nicht annehmbar. Anders lagen die Dinge, als Kr. in
Zusammenhang mit seinem wachsenden Interesse für die römische
Geschichte sich an eine eingehende Lektüre der römischen Dramen
Shakespeares — Julius Caesar, Antonius und Kleopatra, Koriolanus,
machte. (Sein Interesse an den Tragödien Shakespeare’s geht aus
seinem Briefwechsel hervor, S. Correspondance Bd. II S. 113, 128).
Allerdings hängt keines dieser Dramen direkt mit jener Zeit
zusammen, für die sich Kr. speziell interessierte, alle handeln
aber von Verschwörungen und Schlachten (wie auch der Irydion)
und folglich mußten durch die Gemeinsamkeit des Themas ent-
sprechende Darstellungsmittel hervorgerufen werden. Die uns
hier beschäftigenden Stilmittel konnte Kr. in so reiner Gestalt
nur bei Shakespeare finden. Aus der Fülle der Fälle sei hier
als das entsprechendste Beispiel die Schilderung des Eindrucks,
den die Rede des Antonius nach der Ermordung Cäsars auf das
Volk machte, angeführt: „Erster Bürger: O kläglich Schauspiel!
Zweiter Bürger: O edler Cäsar! Dritter Bürger: O jammervoller
Tag! Vierter Bürger: OÖ Buben und Verräter! ... Zweiter
Bürger (alle gemeinsam): Wir wollen Rache, Rache! Auf und
sucht! Sengt! brennt! schlagt! mordet! laßt nicht Einen leben!)“.
Im Koriolanus kommt eine ebensolche Kampfszene vor der Haupt-
stadt der Volsker vor: Erster Soldat: Tolldreist! Ich nicht! —
Zweiter Soldat: Noch ich. Dritter Soldat: Da seht! Sie haben
ihn eingesperrt. Alle: Nun geht es drauf, das glaubt nur?). Es
handelt sich darum, daß Koriolanus allein in die feindliche Stadt
eindrang, als seine Krieger sich fürchteten, ihm zu folgen —
eine Situation, die also in vielem an die letzte Szene des Irydion
erinnert; auch hier kommt es zu einem Zusammenstoß zwischen
den ermüdeten Soldaten und ihrem Führer. Die von Shakespeare
und Krasinski angewandten Stilmittel decken sich vollständig,
mit der einen Ausnahme, daß Shakespeare nicht die Bezeichnung
1) Shakespeare’s Dramatische Werke übers. von SCHLEGEL und
TıEock Bd. V S. 74—75 Berlin 1856. 2) ib. Bd. VIII S. 126.
410 V. ÜERNOBAJEV
„Chor“, sondern „Alle“ wählte. Aus Antonius und Kleopatra
gehören hierher die zwischen den drei Kriegern geführten Ge-
spräche?); aus Koriolanus noch die Unterhaltung der Verschwörer,
Wachen, Bedienten und anderer. Eine solche breite Anwendung
dieses Stilmittels charakterisiert namentlich Shakespeares römische
Dramen. Es ist kein Zufall, daß Kr. gerade aus ihnen dieses
Stilmittel entlehnte und es in recht origineller Weise bei seinen
Chorpartien anwandte. Unterstützt wurde er noch durch den
Umstand, daß er in der Ungöttlichen Komödie, die fast gleich-
zeitig mit dem Irydion entstand, bereits vereinzelt die Chor-
partien zur Einführung des sozialen Elements in das Drama
ausgenutzt hat, jedoch ohne jene scharfe Individualisierung, wie
sie erst unter dem Einfluß der römischen Dramen Shakespeares
durchgeführt wurde. Nur wenn man den Einfluß dieses Shake-
speareschen Stilmittels in Betracht zieht, kann man auch jene
„undramatische“ Unterhaltung der Sklaveu zu Beginn des Irydion
verstehen, die Pını und andere Forscher in Verwirrung brachte
und sie bewog, gänzlich unmotiviert eine Beeinflussung durch
Ferriere anzunelımen. Obgleich nachgewiesen ist (s. W. Hann’s
Artikel: Pamietnik Literacki 1912 S. 152 u. f.), daß Kr. in seiner
Anmerkung Ferriere benutzt hat, ist die Anmerkung wahrschein-
lich erst nach dem Drama geschrieben, so daß in dem Drama
selbst keine bemerkbaren Spuren des Einflusses von Ferriere
vorhanden sind. Aus den römischen Dramen Shakespeares, die
Kr. zweifellos kannte, erklärt sich jedoch dieses Stilmittel aus-
gezeichnet, vgl. z. B. das Gespräch zwischen den Dienern des
Aufidius, wie der verkleidete Koriolanus zu ihm kommt?), und
dasjenige zwischen den Dienern des Kapitalius über Koriolanus:
Erster Ratsdiener. Komm, komm. Sie werden gleich hier sein.
Wie viele werben um das Konsulat? Zweiter Ratsdiener: Drei
heißt es; aber jedermann glaubt, daß Koriolanus es erhalten wird.
Erster Ratsdiener: Das ist ein wackrer Gesell, aber er ist ver-
zweifelt stolz, und liebt das gemeine Volk nicht?).
Leningrad V. CERNOBAJEV
1) ib. Bd. X 8. 123—124. 2) ib. Bd. VIII 8. 214—216.
3) ib. 8. 152.
Vermeintliche Gräzismen 411
Vermeintliche Gräzismen
Archiv 41 (1927) S. 171 Anm. 2 stellt Marsunızs abg. ol&js,
das man bisher als lateinisches Lehnwort aufgefaßt hat und das
ich aus diesem Grunde in meine Arbeiten über griech. Lehnw.
im Abg. bzw. Russischen nicht aufgenommen habe, — als eine
Entlehnung aus einem von ihm ad hoc konstruierten „vulgär-
griech.“ ölcıov aus &Acıov mit Hinweis auf Tuums Ngr. Hdb.
S.10ff. hin und tut so, als ob ein solches „vulgärgriech.“ Wort
sicher sei. Dabei findet man bei Trums a. O. nur einen kurzen
Hinweis auf eine Sandhierscheinung, die ich in meinen T'p.-caae.
Jrronst wohl berücksichtigt habe. Vgl. auch Zschr. IV 91f.
Trotzdem habe ich in 0/&» kein „vulgärgriechisches“ Lehnwort
gesehen und es sollte mich wundern, wenn ein Kenner des Spät-
griechischen M.’s Erklärung mitmachte. Das vulgärgriechische
Wort für &iaıov lautet nämlich EAddıov : Addı : aAadı. Vgl. die
Belege bei mir T'p.-cıas. Ironsı III 134. Weder im byzanti-
nischen Vulgärgriechisch, noch in ngr. Mundarten ist ein *öA«ıov
nachgewiesen, das doch mindestens mit einem Sternchen zu ver-
sehen gewesen wäre.
Ebenso sehe ich keine Möglichkeit von griech. 'Pouy „Rom“
eine „dialektische Nebenform“ Rumi anzunehmen (MARGULIES
Cod. Supr. 70). Ein „griech. Wandel“ & > ov müßte doch be-
legt werden. Die Erklärung von Kim» aus dem Griechischen
halte ich für unmöglich. Da Kollege GAMmILLScHEG auch eine
Erklärung von Rims mit Hilfe des Romanischen nicht für mög-
lich hält, bleibt vorläufig die Deutung von Korsch C6opHuk»
Apunosa S. 58, die vom adj. pumsck® ausging und deutsche Ver-
mittelung annahm, die wahrscheinlichste.
Auch sonst operiert M. mit spätgriechischen Formen, die er
nicht belegen kann (z. B. Archiv 41 S. 97 für nepaanm, 'Iog-
ddvng u. a.). Die Auseinandersetzungen über enoyaph stimmen
allerdings (a. O.), aber die hätte er auch bei mir Ilaberin XII 2
S, 226 finden können. Es empfiehlt sich doch, mit spätgriechischen
Formen, die man weder theoretisch begründen, noch irgendwo
belegen kann, vorsichtiger zu sein, wenn man zu „neuen Ergeb-
nissen“ (vgl. MarsuLızs Cod. Supr. 67) gelangen will. M.V.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 2
412 M. VASMER
Zu den germanischen Personennamen im Altrussischen
1. @lebe.
Dieser a'truss. Name läßt sich ohne Schwierigkeiten auf
*@ydlebs zurückführen, was einem urgerm. *Gudalaibaz entspräche.
Kollege NeckeL macht mich darauf aufmerksam, daß altwest-
nordisch @udleifr reich belegt ist (s. Lip Norsk-isländska dop-
namn s. v.). Das Alter dieses Namens geht nach ihm aus der
ags. Parallele Gadlaf (Finnsburg 18) hervor. Andere Namen
auf -laibaz findet Necken in der Skioldungasaga und zwar als
Namen altdänischer Könige (s. Hruster bei Hoops Reallex. d.
germ. Altertumsk. 2, 506).
Berlin M. VAsSMER
Zum Flußnamen Adoos
(vgl. Zeitschrift I 101)
Den Namen des Nebenflusses der Donau Aöo«g (Herodot
IV 49) stelle ich zu: 1. gr. &v@voog ‚Bergstrom, Gießbach‘ (PrELr-
wırz) und "Avevoog ‚gr. Flußname in Thessalien‘; 2. gr. xevravoog
(bei Homer ein Volk in Thessalien) und inzo-xErravgog; zevravoog
soll hier ‚Mensch‘ heißen. Vgl. Avx-«vdowzos.
Berücksichtigt man aind. ärn@ ‚Fell‘, lat. vellus, altruss.
BbIHa aus *Bbuma ‚Fell‘, abg. BIach-, russ. BOA0oC» so haben
m. E. die ersten Wörter die Bedeutung ‚haarlos, glatzköpfig‘,
d.h. „ohne Wassergewächse (wie Schilf usw.) seiend“, die zweite
die Bedeutung „zusammengestecktes (d. h. geflochtenes und auf
dem Kopfe mit Nadeln zusammengestecktes) Haar habend“.
Auch darf der kelt. Name des Flusses Avara in Gallien
nicht außer acht gelassen werden.
Moskau A. SOBOLEYSKIJ
Etymologisches: 14. russ. südöstl. zadapda „Fischotter“, mir
nur aus ZELENIN Russ. Volksk. 226 bekannt, klingt merkwürdig an
osset. Aüf ‚Fisch‘ und *urd- : avest. udra- ‚Otter‘ an. M.V.
Besprechungen
Die russische (ostslavische) volkskundliche Fors chung in
den Jahren 1914—1926
Bräuche und Volksglauben!).
. Hochzeitsritual.
. Begräbnisritual.
. Geburtsbräuche.
. Werke über verschiedene Bräuche und Aberglauben.
. Volkskalender und Bräuche des Jahreszyklus.
. Vergnügungen und Spiele.
. Volksglauben und Vorzeichen.
$ 1. Hochzeitsritual.
Die meisten Arbeiten der umfangreichen russischen volkskund-
lichen Literatur handeln über die Hochzeitsbräuche. Bisher gibt es
darüber aber noch keine Untersuchungen, sondern nur Beschreibungen
und Materialsammlungen. — 1926 gab die Kommission zur Veran-
staltung von volkskundlichen Studentenausflügen unter der Leitung
von BOGORAZ und STERNBERG folgendes Werk heraus: Marepmansı
no CcBanbbe HM CeMeüHo-PoN0oBoMy CTpow HaponoB ÜCCP. Petersburg
1926, 265 S. Den Bräuchen der Ostslaven sind dort zwei Aufsätze
und zwei kurze Mitteilungen gewidmet. Das meiste Interesse bean-
sprucht der Aufsatz von HAGENTORN CBanb6a B CAJITBIKOBCKOM BOJIOCTH,
Mopmanckoro yesna Tam6osckoüi ry6epanu S. 171—195, eine ausführ-
liche Beschreibung der heutigen großrussischen Hochzeit mit ihren
vielen altertümlichen Bräuchen. Nach dem Verf. ändert sich die Hoch-
zeit in dieser Gegend von Jahr zu Jahr. „Das Ritual wird immermehr
eingeschränkt, und ist im Schwinden. Niemand verzichtet offen darauf,
sagt nicht, daß man des Rituals nicht bedürfe; besonders die Frauen
bemühen sich mitunter möglichst genau das alte Ritual zu vollziehen,
die Männer reagieren aber nur schwach, treiben zur Eile an. Besondere
Bedeutung legt man ihm nicht bei, und das ganze Zeremonial voll-
zieht man in gekürzter Form, halb im Scherz“. Der Hochzeitsleiter,
der Druika, gebraucht statt des alten Terminus „schöne Jungfrauen*
N WM UN UR URN UN UR
SI1O9UVPROD-
1) Vgl. Zeitschr. 1S.189—198, 419—429, II S. 202—213.
27%
414 De. ZELENIN
(kpachsie nepyıurm) den neuen „Bürgerinnen“ (rpamxmaHoukm). Die Hoch-
zeiten finden hier meist während der Herbstfeiern statt; die versprochene
Braut trägt bis zur Hochzeit Trauerkleidung; von der Schwester der
Braut und derjenigen des Bräutigams (den sogenannten moskIBäTzle)
werden alle Jungfrauen zur Hochzeit eingeladen, früher lud man sogar
die minderjährigen ein. Als rituelles Hochzeitsbrot (kypsur) dient
ein mehrschichtiger „hoher“ Pirog, gefüllt mit Weizengrütze und darin
ein heiles, ungeschältes Ei; oben wird in den Pirog ein Hühnerknochen
gebacken, woran die aus Teig gefertigten Köpfe von Braut und Bräu-
tigam befestigt werden. Wenn die Neuvermählten am Tisch sitzen,
trägt man einen ungekochten, mit Papier und Stofffetzen verzierten
Schweinskopf auf.
Der Aufsatz von MyL’nIKovA und V. CINCIUS CeBepHo-BejIuko-
pyccran cBans6a S. 17—170 gibt eine Materialzusammenstellung aus
24 Ortschaften. Die Aufzeichnungen haben die Studenten nicht auf
Grund eigner Beobachtungen, sondern nach den Berichten der Orts-
eingesessenen gemacht; sie gehören verschiedenen Zeiten seit 1870 an.
Abgesehen von der zeitlichen Verschiedenheit ist auch das Material selbst
sehr bunt und von ungleichem Wert. Trotz des Reichtums an Tatsachen
gewinnt man doch kein vollständiges Bild. Die Verfasser behandeln
ein sehr großes Gebiet, vom Gouv. Tver und Petersburg im Westen bis
zu den Gouv. Niänij-Novgorod und der N. Dvina im Osten, bemühen
sich aber nicht, die lokalen Typen des Hochkzeitsrituals festzustellen,
obgleich solche zweifellos existieren. Mit wenigen Ausnahmen werden
nur die Anfangszeilen äer Lieder geboten.
D. TRAvIN Urpa z 6ayy na Ileuope S. 197 f. beschreibt ein Früh-
lingsspiel der Mädchen, das bei den Großrussen gewöhnlich B roponku
und s nonma genannt wird. Die Bezeichnung selbst 6aya muß als Harn
gedeutet werden d. h. als Geistlicher, Pope. Die Stöcke zu diesem Spiel
erhalten die Mädchen von den um sie werbenden Jünglingen (nach
einer anderen Arbeit des gleichen Verfassers wird der Stock oft von
dem Bruder des Mädchens angefertigt); Gestalt und Verzierung der
6aya erinnert an einen Phallus. Fälschlich hält der Verfasser die orna-
mentale Figur des Rhombus für ein „lokales Ornament*“: bei den Weiß-
russen ist sie aber z. B. gleichfalls stark verbreitet. — E. KARAGEVS-
KAJA CBape6nsä Tmonapok Ha Yrpanne; im Kreise Krementug Gouv.
Poltava schenken die Eltern des Bräutigams den Brauteltern nach der
Hochzeit gebackene Teigfiguren und zwar 1. eine am Spinnrad arbeitende
Frau, 2. eine Tonne mit Nabenringen, etwa 9 cm lang. Beim Über-
reichen sagen sie: „Wir haben von Euch eine Spinnerin, eine Arbeiterin
genommen, da habt Ihr dafür eine Arbeiterin, eine Spinnerin* (Ms
BaANm y Bac pa6oTHnuy IIPAXy, BOT BAM B3aMeH OT Hac Pa6oTHnIa-
ıpaxa) resp. „Wir haben von Euch eine Wasserträgerin genommen,
nehmt dafür eine Wassertonne‘“ (Msı Baanm y Bac BONOHOCKY, BOBbMHTE
BMECTO Hee Öoyky Ana Bons). In der Einleitung vergleicht der Heraus-
geber die großrussischen Hochzeitsbräuche mit indischen, melanesischen
Die russische (ostslavische) volkskundliche Forschung 415
ünd anderen, doch sind diese Zusammenstellungen oft sehr problematisch,
da sie nicht auf einer vergleichenden Analyse der herangezogenen
Bräuche beruhen. — Die übrigen Aufsätze des Sammelbandes handeln
nicht über Slaven, sondern über Finnougrier und Türken; so schreibt
STARCEV über die Syrjanen (Komi) und Ostjaken, DYRENKOVA und
JEFIMOVA über die Teleuten, Altaier und Schorzen.
N. GRINKOVA Crapan u HoBan cBanp6a B Pıkesckom yesze TBepckoä
ry6. in Prkesckuä Kpal. Cöopnuk Prkesckoro O6mecrBä Kpaegexennn
Nr. 1 Rzev 1926 S. 98—142 schildert aus eigner Beobachtung eine
dortige Hochzeit vom Jahre 1924 und auf Grund von Mitteilungen
der Ortseingesessenen eine aus dem Ende des 19. Jahrh. In der heutigen
Hochzeit „sehen wir statt des alten Hochzeitsdramas mit verschiedenen
Handiungen und Wechselreden, die eine geheiligte Bedeutung für die
vorige Generation hatten, eine Hochzeit, die des ethnographischen
Interesses fast ganz entbehrt, mit sehr wenigen hier unnötigen und
unangebrachten Überresten der alten Handlung“ 8. 111. Entgegen einer
solchen Ansicht der Verfasserin ist das heutige Hochzeitsritual ethno-
graphisch nicht weniger interessant als das alte. Vorhanden ist vom
alten Ritual nur das Zeremonial, die Handlung selbst im Schwinden
begriffen, weil das neue, sich kritisch zu der Handlung verhaltende
Bewußtsein sie als überflüssig, unnötig und unangebracht empfindet;
gedankenlos werden aber gleichzeitig die Wortformeln, die diese Hand-
lung begleiteten, wiederholt, da sie noch nicht der Kritik und Kon-
trolle des neuen Bewußtseins unterlegen sind. Auch das Hochzeitslied
ist erhalten geblieben, ohne mit dem Zeremonial verbunden zu sein.
Früher, vor 2—3 Jahren, wurden hier die Hochzeiten viel komplizierter
als heute gefeiert. Noch vermeiden die ortseingesessenen Mädchen eine
Zivilehe, weil sie fälschlich der Meinung sind, daß eine ungetraute
Frau nach dem Tode ihres Mannes der Erbschaft verlustig gehe. Jetzt
ist der Gatte im Falle einer Scheidung verpflichtet, seiner früheren
Frau die Aussteuer zurückzuerstatten und sie bis zur Volljährigkeit
der Kinder zu unterstützen; dis Aussteuer besteht aus Kleidung und
Schuhwerk — Pelzen, Kleidern, Stiefeln, Wäsche.
Ein großer Aufsatz von I. KoLoBovV Pycckan cBanb6a ON10Henkoro
yesna, Kop6osepckoi Bonocru erschien gemeinsam mit einer kurzen
Autobiographie des Verfassers in der 3Kusarı Crapnna 1915 Nr. 1—2
S. 21—90. Verfasser ist ein ungebildeter Bauer. Das Hauptaugenmerk
richtet sich auf die Lieder und Klagegesänge, das Zeremonial selbst
wird nur unvollständig beschrieben. Im Text begegnet man vielen
unverständlichen und unerklärten Stellen.
I. MAKSIMOV Csape6nste o6papsı KpectsaH JIy»kcKoro yeana Ile-
mporpanckoä ry6epnmn. Hupan Crapmama 1916 Nr. 4 S. 243—262.
Auch hier finden hauptsächlich Lieder Berücksichtigung und die Be-
schreibung des Rituals ist unvollständig; bald nach der Trauung heizt
unter anderem die Neuvermählte eine „fürstliche“* Badestube (kunxan
6ann), wobei sie gemeinsam mit der Schwester ihres Mannes durch
416 Dem. ZELENIN
das Dorf geht und alle zum Baden einlädt (S. 262); wer aber dieser
Einladung Folge leistet und in welcher Reihenfolge das Waschen der
Eingeladenen vor sich geht, wird verschwiegen.
N. VINOoGRADOV HaponHan cBanb6a B KoCTpoMcKoM yeal?. Tpyası
Kocrpomckoro OÖmecTBa NO H3yYeHNM MECTHOTO span VIII 1917 S. 71
bis 152, eine eingehende Beschreibung des Hochzeitsrituals mit Biblio-
graphie der Hochzeiten in Kostroma (20 Nr.).
M. ZıMmIn Csaneönsit o6pan 8 Beruysickom yesne Hocrpomckof
ry6. Zeitschrift Cesep 1923 Nr. 2 8. 174—181, eine sehr kurze Be-
schreibung; angeführt werden die Reden des Druzka. — Vom gleichen
Verfasser Kosepunscknä kpai. Tpyası Kocrpomcroro Odmecrsa XVII
1920 enthält Texte von Hochzeitsliedern 8. 34 ff.
2. R. Cpaye6nsıä o6pan Kaäroponckof BONOCTH CNO60NCKOorToO yesna
Barcrof ry6. C6opnnk Cno6onckoro PonnHogenueckoro Myzer Nr. 1.
Slobodskoj 1921 S. 12—30. Auch hier wiederum mehr Lieder als
Beschreibungen des Zeremonials. So wird zum Beispiel mehrfach der
traditionelle Hochzeitskuchen koposaü erwähnt, aber nichts über seine
Gestalt oder seine Herstellung mitgeteilt. Am Polterabend setzen sich
die Freundinnen der Braut um das moranoe Kopsrro (eigentlich unreiner
Kübel, gemeint ist wahrscheinlich ein Kübel zum Wäschewaschen); sie
verbüllen sich mit Schürzen oder Tüchern und beginnen schluchzend
Klagelieder zu singen S.23. Am Hochzeitstage wird im Hause der
Braut vor Ankunft des Bräutigams die Öffnung der Ofenröhre mit
Brettern vernagelt, weil „sich unter den Ortseingesessenen bis auf heute
der Glauben erhalten hat, daß die Gäste am Hochzeitstage von Zauberern
in Wölfe verwandelt werden können, die dann durch die Ofenröhre auf
die Straße entspringen und in den Wald entkommen“ $. 24. Wenn die
Neuvermählten bereits im Ehebett sind, schüttet die Freiwerberin in
das von ihnen ausgezogene Schuhwerk Gerste, Roggen und Hafer, da
dieses Getreide in Zukunft eine gute Ernte versprechen soll $. 29.
A. BELINSKIJ CBane6Hsie OÖBIyan, OÖPAANEI, IIPHMeTBI Cpenu Haceıe-
Hua Omoyenkoro yeana in Ilossaä cBoä xpai. C6opkHuk IIcKoBckoro
Oömecrsa Kpaesenennn Lief. 2 1925.
P. BOGOSLOVSKIJ Kpectbauckan cBanb6a B necax Busnspur TIepm-
cKOTO Okpyra. Ilepmcknä Kpaegenyecknä C6opnuk Lief. 2 Perm’ 1926
S. 128—-159. Die Beschreibung wird in halbbelletristischer Form ge-
boten, so daß der Leser nicht immer die Möglichkeit hat zu entscheiden,
was individuell und was allgemein üblich ist. Es finden sich hier viele
Lieder (60 Nr.), viele Details des Brauchtums, eine erschöpfende Voll-
ständigkeit des Zeremonials fehlt aber. Die rituellen Lieder unter-
scheiden hier zwischen „ehrlicher Schönheit“ (wenn die Braut bis zur
Ehe ihre Keuschheit bewahrt hat) und „Mädchenschönheit‘, wenn das
nicht der Fall war 8. 142. Vor der Abfahrt zur Trauung singt der
Mädchenchor das Preislied zu Ehren eines jeden Freundes (npyka)
des "Bräutigams und der Braut, ein jeder von ihnen wird im Lied
mit einem der anwesenden jungen Mädchen in Verbindung gebracht;
Die russische (ostslavische) volkskundliche Forschung 417
während des Gesanges tanzt der Druska und setzt sich dann auf den
Schoß desjenigen Mädchens, das für ihn bestimmt, d.h. im Liede seine
Braut genannt wurde, und küßt sie; das junge Mädchen steckt ihm mit-
unter ein Blumensträußchen an, und er gibt ihr dafür etwa 50 Kopeken —
1 Rubel; unterläßt der Druska diese Zeremonie, so faßt das junge
Mädchen es als eine Beleidigung auf.
I. SOLOSIN Onncanne cBaxe6Horo o6pana cena Ilerposckoro, Yp-
3KYMCKOTO yesna Batckoä ry6. Tpyası Batcroro IIexaroruyeckoro Un-
cratyra umenu B.M. JIenuna Bd. I Vjatka 1926 S. 75—83. Eine kurze
Beschreibung, deren Hauptwert in den beigefügten Notenbeilagen für
den Klagegesang (voj) der Braut und dem Hochzeitsliede Bo cany ım u
orovone epnua Tyıaasa besteht.
Eine südgroßrussische Hochzeit des Kreises Pronsk, Gouv. R’azan
mit ausführlicher Schilderung der Werbung behandelt die Broschüre Kpe-
CTbAHCKAA CBanb6a MH ee oÖsIyau von AL. PoPOV-KoPcEv Pronsk 1920
4° 8. Am Morgen des Polterabends vollführt die Braut die Zeremonie
des Springens in den Unterrock; es beteiligen sich daran noch der Tauf-
vater der Braut und ihr Bruder. Auch einige Bräuche mit dem Hoch-
zeitskuchen, Korovaj, haben sich hier noch erhalten. Im Hause des
Bräutigams wird unter Gesang von bestimmten Liedern von einem nur
in erster Ehe getrauten Paar der Korovaj auf einer Schaufel, an der eine
Wachskerze befestigt ist, in den Ofen geschoben; der Mann steht dabei
mit seinem linken, die Frau mit ihrem rechten Fuß in einem Futterkorbe.
Über die sibirische Hochzeit handelt ausführlicher M. KRAsNnoZE-
NOVA vgl. darüber S$ 4.
I. MAJNOvV Kpectsauckan cBanb6a mo peke MHnumy. Hinzar Cra-
pusa 1914 Nr. 1-—2 S. 45—66; es sind Aufzeichnungen eines dortigen
Pädagogen K. KoKoULIN aus den Jahren 1830—1890. Sie beziehen
sich auf den Kreis Kirensk Gouv. Irkutsk. Die Beschreibung des Rituals
ist weder ausführlich genug, noch abgeschlossen; sie reicht nur bis
zur kirchlichen Trauung. Über 40 Lieder sind angeführt. Am Polter-
abend wird dort ein geschmückter Schweinskopf auf den Tisch gestellt.
A. Epov Crapeönsıe o6paası u mecan Yukolickoro xpan B 80—90 ronax
mpomnoro reka. Masecrusn Kadenpst IIpn6ahkansererennn I 1921
S. 24—27 Verchneudinsk. Kurz beschrieben werden: die Werbung,
der Polterabend und der Hochzeitsmoment. — Eine noch kürzere Be-
schreibung liefert A. NOVOSELOV Ymnpamıuan crapnna. 3arınckı Cemn-
nanatuuckoro Ilonsorzena Teorpahnueckoro OÖmecrka X 1915 S. 9—12
Semipalatinsk.
Über die sibirische Hochzeit handelt auch die bibliographische
Notiz von E. SAMOJLoVvIG Bu6nmorpapmueckme Marepnanki MIA Uay-
yennn PYCCKuX CBaneÖRkx oÖprnoB B CnOnpu. Cuönpckan YKıan
Crapnna III—IV 1915 S. 205—216. Es werden hier 72 Arbeiten über
die Hochzeiten der Russen Sibiriens von 1818—1922 notiert.
Trotz der vielen neuen und alten Arbeiten über großrussische
Hochzeiten besitzen wir bisher noch keine einzige vollständig erschöpfende
418 Dım. ZELENIH
Beschreibung. Als 1923 das Staatliche „Experimentelle Theater“ das
Zeremonial einer großrussischen Hochzeit inszenierte, verfügte es nur
über ungenügende Aufzeichnungen: die Handlungen (Szenerien) waren
unaufmerksam beschrieben, es fehlten Angaben über die Art und Weise
der Ausführung vgl. Kpaesenenne 1924 Nr.3 8.356— 357: O6pan pycckoä
HaponHof CBanbÖBI B T'OcyNapCTBeHHOM OKCHEPUMEHTANDHOM TeaTpe.
Beschreibnngen der ukrainischen Hochzeit finden wir in 3 Aus-
gaben: in den Tpynsı O6meersa Viccnenozarerei Bonsiun Band 12
1914 hat V. KrRAvCenKo das Hochzeitszeremonial dreier Ortschaften
beschrieben: a) Kreis Sosnica Gouv. Cernigov Dorf Volynki 8. 149—163;
b) Kreis Zitomir Dorf Sumsk 8. 168—170 und c) Kreis Zitomir Dorf
Vol’anstina 8. 170—200. In der Zeitschrift Bicank Opecpkoi Komicii
Kpaesnascrsa Lief. II—III Odessa 1925 finden wir Mitteilungen über
das Hochzeitszeremonial von 5 Ortschaften der Gouv. Cherson und
Odessa; E. JEGOROV C. Bermki Konani, ma Xepconmmni S. 194— 200;
die Neuvermählten vollziehen hier den Beischlaf in Gegenwart von
anderen Personen; falls der Gatte impotent ist, ersetzt ihn der älteste
Bojar; das Hemd der Neuvermählten legt man darauf zusammen mit
dem Brot auf den Tisch im vorderen Winkel der Hütte. In dieser
Nacht schlafen der älteste Bojar und der älteste Dru&ka zusammen.
B. JURKIVS’KYJ Becimsunä o6pay y ceni Aydismi ma Opeumsi
S. 200— 204: Ders. BecinsHi micni 8. 204f.; O. SIKYRYNS’KYJ Yk-
paincpke Becimma. Cerno I'nm6oronp Tupacninschkoi orpyru S.205— 217.
Unter anderem hängt man hier in einem Tischtuch den Hochzeits-
kuchenteig an den Haken des Deckenbalkens, wo er aufgehen muß; in den
Hochzeitskuchen werden zwei Hühnereier und zwei Kupfermünzen einge-
backen. — Jetzt wird das alte Hochzeitszeremonial hier übrigens nicht mehr
eingehalten. Die Arbeiten von R. VOLKoV ErHorpadiyki marepisım und
A.MIKOr’'UK C. HoBo-36yp’iska, Xepconmmmna enthalten auch Mitteilungen
über Hochzeitsbräuche. S. KvETKo Becinshi sBayai i micHi y Öonrap na
Xepconmmui Ceno Tepniska na Mukonaisumni S. 217—238 beschreibt
das Hochzeitszeremonial bulgarischer Kolonisten im Gouv. Cherson.
Im 19. und 20. Band der Lemberger Zeitschrift Marepiasm no
ykpaikcbkoi erHomsorii 1919 S. 1—193 liegen 10 Beschreibungen des
ukrainischen Hochzeitsrituals aus den Gouv. Kiev, Cernigov, Voronei
und anderen Gouvernements vor; sie stammen von 10 verschiedenen
Verfassern, vereinigt unter dem gemeinsamen Titel Yrpaincbki BecinbHi
o6pann A senyai; im Vorwort zu diesen Aufsätzen macht V. HnAT’UK,
der Herausgeber, einige bibliographische Angaben über ukrainische
Hochzeitsbräuche.
Auf einzelne Momente des ukrainischen Hochzeitszeremonials gehen
ein: E. KAGAROV IIlo BusKayamTs zenki yKpainchki BeciisHi OÖpanm.
Ernorpadiunnä Bichnk Heft 2 1926 S.27—29: Aufzählung von Bräuchen,
‘die Überreste der ursprünglichen Magie sind und den Zweck verfolgen,
die Fruchtbarkeit der Neuvermählten zu sichern, die bösen Geister,
den bösen Blick usw. fernzuhalten oder als Reinigung gedacht sind.
Die russische (ostslavische) volkskundliche Forschung 419
P. DANKOVSKAJA Ileyeune CBane6Hsx KopoBaeB B BMHERCKOM
yesre. OIruorpabmueckoe Odospenne 1915 Nr. 3—4 8. 88—90; hier
backt man sowohl bei der Braut als auch bei dem Bräutigam drei
Hochzeitskuchen je einen „fürstlichen*, großen und langen; in den ersteren
werden Kupfermünzen gebacken.
Über einzelne Momente des großrussischen Hochzeitsrituals be-
richtet E. KAGAROY O sHuayeHun HeKOTOPHX PYCCKHX CBAHEÖHBIX O06PpANOB.
Hasectnun Pocc. Aranemuu Hayk, Band XI 1917 S. 645—652. 14 ost-
slavische Bräuche werden darin religiös-magisch erklärt. Der Verf.
hält das rituelle Baden der großrussischen Braut in der Badestube für
einen Überrest des alten Rituals der Eheschließung mit dem Badestuben-
geist; der Stock im Hochzeitsritual habe die Bedeutung eines Phallus;
das Spritzen des Weines nach oben sei aus der landwirtschaftlichen
Magie entnommen.
V. CHARUZINA ÜBane6Hoe neyeRbe „poma*. IrHorpaduueckoe O60-
spenme 1914 Nr. 3—4 S. 179—181. Bei den Großrussen des Kreises
Jurjev Gouv. Vladimir hat sich das rituelle Hochzeitsbrot in eine lustige
Komödie verwandelt: es stellt einen Wald vor und heißt daher auch
poma; statt der Bäume sind mit buntem Papier umwickelte Stäbchen
in ihn gesteckt und dazwischen findet sich eine aus Papier geklebte
Hütte des Buschwächters, der selbst durch eine Puppe dargestellt wird;
zuerst verkauft er den Wald und darauf das Land unter dem Wald.
Die Auktion findet im Hause der Neuvermählten nach dem Hochzeits-
mahl statt; während der Herausziehung des gekauften Baumes wird
das entsprechend geänderte Arbeiterlied Iyönnyıka gesungen. Das ist
die für die Großrussen charakteristische Entwicklung der alten Bräuche.
N. GRINKOVA. Kpäcora, Flugblatt herausgegeben von der Ethno-
graphischen Abteilung des Russischen Museums in Petersburg 1926.
Beschrieben wird darin das geschmückte Hochzeitsbäumchen der Groß-
russen, das meist eine Tanne, seltener eine Kiefer ist, mit zwei Ab-
bildungen davon aus dem Gouv. Kaluga.
E. BLOMQVIST IIonoreune B pycckom Ösıry ein ähnliches Flugblatt
des oben genannten Museums aus dem Jahre 1926 mit 2 Abb. über
den Gebrauch von Handtüchern bei Hochzeits- und Begräbnisfeiern ;
der Verf. äußert eine Vermutung über den Gebrauch von Handtüchern
bei den altrussischen heidnischen Opferdarbringungen.
G. ARGENTOV Harozopst apy’kkm Ha cBanbbe, Kyurypcko-Kpa-
cHoybnumckuüt Kpai 1925 Nr. 2. Texte der Hochzeitsreden (prigovory)
des Druika aus dem Gouv. Perm‘.
I. ULIANOV O6paası nmBbei KPäCOTEI IO CBaeÖHLIM IPHYHTAHHAM
cena Ilmakosckoro, Up6nrtckoro yeana llepmcrof ry6. Marepnansi no
usyuennm Ilepmcroro kpar V Perm’ 1915 S. 52—68. Die großrussische
Braut beweint in ihren Klagegesängen ihre nüsea kpa’cora; darin sieht
der Verf. „das ganze Mädchenleben mit der Idee der Jungfräulichkeit
im weitesten Sinne des Wortes“.
I. ULJANOV 06 o6panax oÖpyuennA m IPOoCBaTaHnA y JaypanbcKuxX
420 Dı. ZELENIN
Berukopyccos ibidem $. 33—48. Kurze Zusammenfassung eines Vor-
trages über das Hochzeitsritual der Großrussen im Gouv. Perm.
V.GRUZDEV OknnKaHne MononsIx. Mssecrun O6mecrBa Apxeororun,
Ucropnn un Iruorpadau npm Kasauckom Yrngepcurere Bd. 32 Lief. 1
1922, S. 93—96 über eine Sitte am letzten Tage der Osterwoche im
Gouv. Kostroma: eine Gruppe von Kindern oder Erwachsenen singt vor
dem Fenster der im Laufe des letzten Jahres Neuvermählten Lieder
und bekommt dafür Naschwerk, Eier oder wird bewirtet. Der Aufsatz
enthält sechs solche Lieder.
$ 2. Begräbnisritual.
V. SMIRNov Haponuste mOoxopoHsI u NpmunTannn B KocTpoMmckoM
xpae Kostroma 1920 8° 106 (= Tpyms Kocrpomckoro HayunHoro
O6mmectBa NO H3yyeHmm MecrHoro kparn XV); eine sehr reiche, auf hand-
schriftlichem Material (Rundfragen von 1900, 1918 und anderen Jahren)
beruhende Sammlung von Mitteilungen über das großrussische Begräb-
nisritual; die Anmerkungen enthalten Vergleichsmaterial, hauptsächlich
ostslavisches. Der Verf. beginnt mit volkstümlichen Vorzeichen und
Träumen, die auf den Tod hindeuten. Das Sterben, Waschen der Leiche,
Sarg und Grab, Denkmäler, die eines gewaltsamen Todes Gestorbenen ;
Gebräuche bei Epidemien (Umpflügen mit dem Hakenpflug u. a.); Be-
gräbnis bei den örtlichen Sektierern: einige umwickeln die Leiche mit
Leinwand und versenken sie in einen Sumpf. Seelenmessen. Vor-
stellungen über das jenseitige Leben und den Tod. Analyse der lokalen
Klagegesänge um den Verstorbenen und 81 Texte dazu.
G. VINOGRADOV Cmeprk u 3arpo6HaR }KU3Hb B BO38PeHuAX PYC-
CKOTO CTapo;kunoro Hacerenun Cuönpm Irkutsk 1923 80 87 (aus den
Tpyası mpodeccopog m nmpenonaBarenefi MUpkyrckoro T'ocyNapCcTBeHHoro
Vunsepcntera Lief. 5). Inhalt: Vorboten des Todes. Vorbereitung
auf den Tod. Der Tod. Herannahen des Todes. Heraustragen des
Leichnams und Begräbnis. Die Seelenmesse. Die Seele. Das Jenseits.
Lebende und Tode. Der Friedhof.
Eine schöne Ergänzung zu dieser Arbeit von VINOGRADOV stellt
das Werk von AZADOVSKIJ dar, das über die Begräbnisklagegesänge
der gleichen Sibirischen Landschaft handelt: JIenckue npnunranna.
Tpyası Tocynapcrsennoro Uncruryra Haponsoro O6pasoranın B Unre
Heft 1 Cita 1922 S. 121—248. 68 von AZADovsku 1915 an der
Lena aufgezeichnete Klagegesänge. In der Einleitung wird eine detail-
lierte Anzlyse der örtlichen Klagegesänge geboten; in ihrer Poetik glaubt
der Verf. drei Grundmotive zu sehen: das Motiv des „Vorwurfs“ oder
der „Klage“, des „Waisenschicksals‘ und der „Erwartung“ S. 162.
V. SEREBRENIKOV IIoxopoHHLIe oÖblIyan MH IPHYHTaHHR TO yMepuımM
y KPecTbAH CTpAnyXxuHckofi BoNocTu OxaHckoro yesza Perm 1918 8° 6;
Begräbnis und Begräbnisklagen der Großrussen im Gouv. Perm‘.
I. VoLoSyns’kYJ Iloxoponsi apmyai i ronocinun B Topopenmuni.
Marepinsm no ykpaikcbkoY eruonsorii Band 19— 20 Lemberg 1919
Die russische (ostslavische) volkskundliche Forschung 421
S. 194—213. Das Spiel „v lubok“ in Gegenwart des Leichnams ist hier
bereits verschwunden; man spielt Karten, erzählt Märchen usw. Auf
S. 201 wird über den Glauben an einen Vampir gehandelt.
Über die ukrainischen Spiele in der Nähe der Leiche handelt der
Aufsatz von P. BOGATYREV in Le monde slave III 1926 Nr. 11
5. 196—224: Les jeux dans les rites funebres en Russie subcarpathique
mit zwei Illustrationen. Spiele mit Beteiligung des Leichnams; Spiele,
in denen einer der Anwesenden den Verstorbenen vertritt (hierher gehört
z. B. die Parodie auf das Begräbnisritual); Spiele mit sportlichem,
komischem und erotischem Charakter. Neben einer detaillierten Be-
schreibung bietet der Verf. auch eine Untersuchung der Spiele, im
wesentlichen mit folgendem Resultat: die Parodiehaftigkeit der Spiele
ist nicht die gewöhnliche, sondern eine spezifische; einige Spiele am
Sarge des Toten (das sog. cBiyiun z. B.) haben ihren alten magischen
Charakter bewahrt; durch Fröhlichkeit will man sich vor dem schlechten
Einfluß des Todes schützen und den Tod selbst in den letzten Tagen,
da er im Hause weilt, zerstreuen; die Trauer der Anwesenden soll dem
Verstorbenen nur schaden.
V. BıLYJ No asnyar Kanartn TiIKu Ha MOTHIM „‚BallokHux‘ Meplis.
Ernorpadiuunä Bichuk III (Kiev 1927) S. 82—94. Der Brauch auf
das Grab des eines gewaltsamen Todes Gestorbenen verschiedene kleine
Sachen, besonders Baumzweige zu werfen, ist vielen Völkern bekannt.
BıLYJ bringt mannigfaltiges neues Material für die Ukraina bei; dort
wird mitunter Steppengras und Knoblauch auf das Grab geworfen.
Der Verf. meint, daß man sich ursprünglich durch diesen Brauch vor
dem Verstorbenen schützen wollte.
V. BOGDANOV JIpesHue u coBpemeHHbIle OÖPAABI NoTpedeHnn >KH-
BOTHBIX B Poccuu. ItHorpaßmueckoe O6ospernne 1916 Nr. 3—4 8. 86
bis 122. Der Verf. polemisiert mit dem Archäologen V. GORODCOV,
der aus der Bestattung von Tieren den Schluß zieht, daß sie vergött-
licht wurden und geht darauf, mit methodischen Fragen beginnend,
sehr ausführlich auf diesen Brauch ein; seiner Ansicht nach habe der
Forscher bei einer historisch-ethnographischen Analyse dreierlei Probleme
zu lösen: das der Zeit, der Ausbreitung und Volkskultur. Das Ergebnis
von BOGDANOYV ist folgendes: die Tiere begrub man nicht als Götter,
sondern als beseelte Begleiter des Menschenlebens; nach der Volks-
anschauung wohnt dem toten Körper, sowohl dem menschlichen wie
auch dem tierischen, dieselbe Kraft, die vernichtende Gewalt des Todes,
inne, vor der sich die Lebenden durch bestimmte Handlungen und
Bräuche, wie z. B. Begraben des toten Körpers, zu schützen suchen.
$ 3. Geburtsbräuche.
Den Geburtsbräuchen sind nur einige ukrainische Aufsätze gewidmet.
P. DonyYkKıv Ponnun m xpecrunn Ha Tyuysneoımmi. Marepianm no
yrpaiucproi eruonsorii Band 18 (Lemberg 1918) S. 86—122. Genaue
Beschreibung des Volksglaubens, der mit Schwangerschaft, Geburts-
4223 | Di. ZELENIN
und Taufbräuchen verknüpft ist; unter anderem wird die seltene Sitte,
ein schwangeres Mädchen zu bedecken, beschrieben. Das Material
stammt aus zwei Siedlunger des Kreises Kosovka.
F. SAvöENKO Ponnun, xpecrunn, noxpecrunn. Ilepsicue rpoMma-
MAHCTBO TA Horo Meperxurku Ha Yrpaini. Haykosmü mopiuuuk hgb.
von der Kulturhistorischen Kommission der Ukrainischen Akademie der
Wissenschaften 1926 Nr. 1—2 8. 76—82. Beschreibung der ukrai-
nischen Geburts- und Taufbräuche des Kreises Borzna, die 1854 von
MARKOVIÖ-NOMIS gemacht, aber nicht veröffentlicht worden ist. Seiner-
zeit wurde diese Beschreibüng kurz in den 3anncku ÜepHuroBcKord
Craracruyeckoro Komutera II S. 341—347 behandelt. __
M. HruSEVS’KYJ Ilocrpnkenun 4 unmi o6panm, BiylpaBmoBani
HaX NiTBMmu m ninmirkame. Tlepsicne T'pomanaucrso 1926 Nr. 1—2
8. 83-86. Überreste des Schurbrauches bei den Ukrainern und anderen
slavischen Völkern; am Schluß ein Fragebogen dazu (33 Fragen).
Wir erwähnen hier auch den Aufsatz von DIviL’KovsKl (redigiert
von A. CARUSIN) Yxon u BocnnraHune nereä y Hapona. IlepBoe nertcrBo.
Uszecrun Apxanrensckoro O6mecrsa nsyueaum pycckoro cesepa 1914
Nr. 18 8. 589—600. Physische Erziehung der Kinder bei den Groß-
russen.
$ 4. Verschiedene Bräuche und Volksglauken.
Eine der ausführlichsten Beschreibungen der nordgroßrussischen
Bräuche und des Volksglaubens befindet sich im Aufsatz von G. ZAVOJKO
BepoBanun, o6pansI u .0ÖIyau BeunkopoccoB BaranumnpcKkoü TyÖepHun.
IrHorpabuueckoe O6ospenne 1914 Nr. 3—4 S. 81—178. Obgleich das
Gouv. Vladimir eines der russischen Zentralgouvernements ist, haben
sich doch in einigen seiner Kreise, besonders in Sudogda und V’azniki,
die alten Bräuche sehr gut erhalten. Der Verf. beginnt mit den christ-
‚lichen Formen der Volksbräuche, mit den Gebeten und Beichten und
dem Glauben an das jenseitige Leben. Weiterhin wird sehr ausführlich
das dortige Begräbnisritual beschrieben S. 87—100. Von den über-
natürlichen Kräften wird auf die Waldgeister, den Hausgott, den Teufel,
den „Begegnenden“ (vstre&nik — ein böser Geist, der wie ein Pfeil
binter der Seele eines sterbenden Sünders, besonders des Selbstmörders,
einherjagt), die Baba-Jaga u. a. eingegangen. Weiter folgen Mitteilungen
über Zauberer S. 111, Werwölfe und den Antichrist. Gebräuche und
Volksglauben, die sich an Speisen, besonders die verbotenen, knüpfen,
werden hier genauer beschrieben, als es bisher bei den großrussischen
der Fall war. Gleiches gilt auch für die Bräuche mit Haustieren.
Von den Feiertagen werden behandelt: Christwoche, Butterwoche, Ostern,
Pfingstwoche (semik) und Pfingsten, Reigenspiele mit Anführung der
rituellen Lieder. Die letzten Kapitel sind dem Familienleben, der
Hygiene und Wohnung der Bauern gewidmet.
M. FENOMENOV CospemenHan Mepesun. ONEIT KpaeBenyeckoro
oÖcHenOBaHuR onHoA mepesun Teil II Crapsü u Hoss 6sm. 1925
Die russische (ostslavische) volkskundliche Forschung 423
Staatsverlag 8° 211. Von den zahlreichen heimatkundlichen Ausgaben
ist das zweibändige Werk von FENOMENOV für den Ethnographen
besonders interessant. Das Werk enthält eine detaillierte Beschreibung
des Brauchtums im nordgroßrussischen Dorf GadySi Kreis Valdaj,
Gouy. Novgorod. Der erste Band handelt über die materielle Kultur
und die Wirtschaft, der zweite über das Familienleben: die Beziehungen
zwischen den Geschlechtern, Ehe, Stellung der Frau, Erziehung der
Kinder; das Gemeinschaftsleben des Dorfes, Sprache und Volkspoesie,
Religion und Zauberei, Volksmedizin, Wahrsagen, Vorzeichen und Volks-
glauben, Ethik, politische Ansichten, Feiertage; zum Schluß: Texte,
Melodien zu den Liedern, Erzählungen, Wörterbuch. Auch Abbildungen
sind beigefügt.
M. KRASNOZENOVA Us HaponHEIXx OÖklyaeB KpecTkaH nepesun IIo-
KPoBkuH. Maspecrun Kpacnonpcroro Ilonsorzena BocrouHo-Cuönpckoro
Orpena Teorpaßuueckoro O6mmecrsa Band II Lief. 6 1914 S. 67—116.
Beschreibung des Brauchtums der Bauern im Gouv. Tomsk, die um
1890 hierher aus den Gouv. Minsk, Vitebsk und Kursk übergesiedelt
sind. Genauer wird auf das Hochzeitsritual eingegangen. Hier hat
sich das rituelle Backen des Hochzeitsbrotes, des „Korovaj“ und der
„Siska“ erhalten, wie auch die Nachprüfung der Keuschheit der Braut
(Bräuche mit dem Hochzeitshemd der Braut). Beschrieben werden auch
die Tauf-, Weihnachts-, Frühlingsbräuche, die „Taufe des Kuckucks*,
die Pfingst- und Johannisbräuche; die dazugehörigen Lieder sind an-
geführt, unter anderem auch die bei verschiedenen Arbeiten gesungenen ;
Sprichwörter; vermerkt sind die Sitten und der Volksglauben.
Zu erwähnen ist ferner die in Vologda herausgegebene Beschreibung
der Handschriften des Wissenschaftlichen Archivs der Vologdaer Gesell-
schaft zur Erforschung des nördlichen Gebiets — Tpynsı Bonoronckoro
O6mecrsa Usyyenun CesepHoro Kpar Vologda 1926 8° 71. Aus den
beschriebenen Handschriften werden Zitate gebracht, die das dortige
großrussische Brauchtum schildern, unter anderem das Hochzeits-,
Begräbnisritual, Volksglauben und Vorzeichen, Sitten, gemeinsame
Arbeiten (posidenki) und Spiele, Volkskalender. Ein Sachregister am
Ende des Buches erleichtert die Benutzung dieser sehr inhaltsreichen
und nützlichen Publikation.
B. und Ju. SoKoLOV Crasku m mechn Benosepckoro kpan Moskau
1915 8° 118-+665. Im einleitenden Kapitel Benosepckan nepeBun
n ee 6srr wird auf den Volksglauben der Großrussen im Gouv. Nov-
gorod, ihre Vergnügungen, Spiele, Tänze, Begräbnis- und Hochzeits-
bräuche, Reigen, Wahrsagungen, Vorzeichen und ihre Volksmedizin ein-
gegangen.
P. BoGOSLOVSKIJ Marepnanki 10 HapoNHOMy ÖbITy, POABKIOPy u
aureparypHoä crapıune. TekcTsI M 3aMeTku. IIepmcknü Kpaebenyecknü
C6opmuk Lief. 1. Perm’ 1924 8. 70—83 hgb. vom Kpymtok no nay-
yennio CegepHoro kpanı rpm Ilepmckom Vunsepcurere. Die Volkspoesie
überwiegt hier, es findet sich aber auch Material über Begräbnisbräuche
494 De. ZELENIN
und den Volksglauben der Permischen Großrussen, besonders über die
Rolle des Handtuchs im örtlichen Totenkult $. 74f., Mitteilungen aus
der Volksmedizin, dem Volksglauben: alte Bastschuhe auf dem Viehhof,
Pferdeköpfe auf Bienenstöcken; der Hühnergott; Feiertage und Ver-
gnügungen der Syrjänen (Finnen).
V. BUSCH O coBpeMeHHOM COCTOAHHH YCTHO-IOITHYECKOTO TBOP-
yecrsa B mepepnnx Bonbckoro yesna. Yuensie 3anmern CapaToBcKoro
Tocynapersenuoro Vunsepcnrera Band V Lief. 2 1926 S. 169—184.
Hauptsächlich über die großrussische Volkspoesie im Gouv. Saratov,
aber auch’ über Kalenderbräuche, wie diejenigen der Christwoche; ferner
Wahrsagungen, Frühlings- und Johannisbräuche; Faustkampf; Volks-
medizin; einiges über Hochzeiten. Die Mitteilungen sind im all-
gemeinen, kurz. :
D. CIRCOV O cBaneÖHLIx oÖprmax, TecHax m Tpasnuukax B Iln-
HeCKoM yesne. Mlssecrun Apxanrensckoro Oömecrsa Mayuerun Pyc-
ckoro Cesepa 1916 Nr. 9, 10, 11; über die nordgroßrussischen Hoch-
zeiten und Feiertage.
D. ZELENIN IrtHorpahnueckne pa6oTkI BOCHHTAHHHKOB Mlerporpan-
ckoro Yunrensckoro Mnucruryra. BrHorpabmueckoe O6oapenne 1916
Nr. 3—4 8. 156—160, geschrieben anläßlich des Aufsatzes von V. DANI-
Lov im 3KMHIN. 1916 Nr. 8 Abt. 3 S. 113—126 (Pa6otsı no 3THo-
rpabnn B Y4NTeIbCKUX MHCTHTyTax u cemnuapnax); Mitteilungen über
einige Johannisbräuche der Großrussen, über den eigentümlichen Brauch
des Feuerzaubers bei den Großrussen im Gouv. Vologda; einiges Material
über die Volksmedizin und über das Begräbnisritual; die Fischer opfern
dem Onego-See im Winter am Nikolaustage eine Puppe von Menschen-
gestalt, die in einem durchlöcherten Boot in den See gestoßen wird.
M. ALEKSEJEV K Bonpocy 06 atnorpabmueckux pa6orax Ne-JIa
Dımsa. Bichnk Opecpkoi Komicii Kpaeznascrsa npm Yrkp. Aran. Hayk.
Nr. 2—3 Odessa 1925 S. 172—179. Der Arzt De La FLIES (gest.
1861), hat eine ethnographische Beschreibung des Kiever Gouvernements
im Manuskript hinterlassen. ALEKSEJEV zitiert nun einige Seiten
dieses Manuskripts, die über ukrainische Bräuche bei Regenmangel,
beim Teerbrennen, auf Hochzeiten handeln; auch die Handschrift selbst
wird beschrieben.
E. KAGAROV 3amerkn no pycckofi Mmudonorun. Masecrun OPAC.
1918 Band 23 Heft 1 8.113—124. Über Volksglauben und Gebräuche,
die mit den Nixen und dem Hausgeist zusammenhängen; über die
Bedeutung einiger Feiertagsbräuche und Spiele; unter anderem auch
über die Johannisbräuche. DERS. O sHuayenun HeKOTOPLIX PYCCKUX
HapoNHBIX OÖbIyaep. Boponexckuä VIcropmko-Apxeonoruyecknuä Bectkuuk
Nr. 2 1921 8.40—41. K. ZavoJKo B Kocrpomeknx necax no Bernyre
peke. Tpynst Kocrpomcroro Hayunuoro O6mecrsa Lief. 8 1917 8. 3—40.
Vgl. Zeitschr. I S. 422 u. 425.
‚ Den ukrainischen Bräuchen beim Hausbau ist der Aufsatz von
L. SEVCRNKO 3puyal 3BAsaHi 3 Baktanmımamu Oyniem. Ilepsiche T'po-
Die russische (ostslavische) volkskundliche Forschung 425
manaucrso 1926 Nr. 1—2 S.87—95 gewidmet; ein Fragebogen zu
diesem Problem ist dem Aufsatz beigefügt.
N 5. Volkskalender und Bräuche des Jahreszyklus.
Über den großrussischen Volkskalender als Ganzes handelt der
bekannte sibirische Ethnograph G. VINOGRADOV Marepnasmsı nıa Ha-
POAHOTO KAneRnNapA PYCCKOTO CTaPO>KHNOIO HacereHun Cu6npn. Bannckk
TyayHosckoro OTp. O6mmectsa usyyerun Cnu6npu m yıyumennn ee Ozıra I
Irkutsk 1919; es ist die Rede von den Großrussen des Kreises Tulun
(früher NiZneudinsk) des Gouv. Irkutsk.
Der gleiche Verfasser G. VINOGRADOV hat noch den Aufsatz
Nercknä HaponHBa Kanennapt. Ma ogepkoB NO Nerckofi aTHorpabun.
Cnuönpcran 3Kusaı Crapuna II 1924 S. 55—86 veröffentlicht. Er
schreibt auch bier über den Tuluner Kreis, hauptsächlich über die sich
nach den Jahreszeiten verändernden Kinderspiele. Zur Begründung
dieser Hervorhebung der Kinderethnographie meint der Verf., Kinder-
ethnographie sei nicht Reflex des Brauchtums der Erwachsenen, sondern
weise urwüchsige, bei den Erwachsenen nicht vorkommende Eigenarten
und Züge auf, die durch das Kindesalter bedingt sind. 8.59; im
Anhang finden sich drei Proben von Kindermelodien. DERS. Nerckuf
donbknop m Ö6st. IIporpamma Haömopeunä Irkutsk 1925 160 83 S,,
eine Umarbeitung des obenerwähnten Aufsatzes.
Aus dem Volkskalender der europäischen Großrussen sind nur
einige Fragen bearbeitet worden. A. SMIRNOV und A. TROICKL
IIoxopoust Kocrpomsi. Tpynsı Baanamupckoi Yyenofi ApxusHuoä Ko-
muccnu Buch 16 1914 8° 14; das bekannte rituelle Frühlingsspiel, in
dem eine weibliche Puppe, die sog. Kostromä, hinter dem Weichbild
des Dorfes begraben wird. Beigefügt ist eine Darstellung dieses
Brauches auf einem Holzschnitt, das dem von PERELECKIJ im Becrauk
Apxeosorun u Ucropum 1911 Lief. 20 veröffentlichten ähnelt.
G. ZAVOJKO Tapansıı y kpectpsan Baannmnpckon Tybepknun. OTHO-
rpabmueckoe O6oapenne 1915 Nr. 1—2 S. 113—118; es werden
40 Arten von nordgroßrussischen Wahrsagungen beschrieben, von denen
nur eine am Vorabend des Vvedenije (21. Nov.) vollzogen wird, die
anderen jedoch erst am Silvesterabend.
ÜCEKALOVA Penurun, O6pAAEI, CAMOTOH (B yacryıukax) Hama npak-
Tuka B NepesHe. Is onsira npaktmueckof Pa6oTsI CTYyAeHToB IIOANTHRo-
npocBeruTensHoro nHcTutyra B Mockpe 1925 Staatsverlag S. 51—56.
Unter anderem wird der Frühlingsbrauch, die Mädchen zu schlagen,
erwähnt, auch werden gemeinschaftliche Arbeiten (posidelki) beschrieben.
Dem ukrainischen Volkskalender sind eine Reihe von Auf-
sätzen gewidmet, die auch nur Einzelfragen behandeln. B. JACIMIRSKIJ
ManaHuka Kak BAHN CBATOYHOTO O0PANOBOTO PsIKeHHA. OTHOTPahnyecKoe
O6ospenne 1914 Nr. 1—2 $S. 46—77. Dieser Neujahrsbrauch hat
seinen Namen von der Hl. Melanie, deren Andenken am 31. Dez. ge-
feiert wird, erhalten. Der Verf. beschreibt ausführlich diesen Brauch
496 Dm. ZELENIN
in Podolien und gibt auch Abbildungen der Maskierten. A. VESELOV-
sKIJ stellte diesen Brauch zu dem deutschen Volksglauben an die
Bertha; JACIMIRSKIJ neigt aber dazu, hierin eine Personifizierung des
alten Jahres zu sehen, die sich mit dem alten Zeremoniell der Weih-
nachtszeit verbunden hat und von den Intermedien und Krippenspielen
beeinflußt worden ist.
O0. KURILO Ak Bonum neperenw. Erkorpadiunnü Bicahuk I 1925
S. 66—68. DBeschrieben wird ein Brauch des Kanever Kreises im
Gouv. Kiev, der früher von den Mädchen während des Mangoldjätens
vollzogen wurde. Die Mädchen nahmen ihre roten Gürtel ab und um-
wickelten damit eines aus ihrer Mitte, so daß nur Augen und Mund
frei blieben. Das so umwickelte Mädchen trug den Namen Peregen ‘a.
Beim Gehen hielt sie ihre Arme über den Kopf und in der Hand eine
Blume; neben ihr ging der „Kosak“, auch in rote Gürtel gewickelt.
Mit Gesang zogen dann alle zum Herrenhofe.
B. JURKIVS’KYJ Kynansckuf o6pan y ceni Alydismi na Onemnni.
Bicuuk Opecpkoi Komiccii Kpaesnascrsa Nr. 2—3 1925 S. 193f. Die
Mädchen schmücken zum Johannistage einen Baumzweig, tragen ihn
zum Meer und versenken ihn vom Boot aus im Wasser; die Burschen
begießen dann die Mädchen mit Wasser. Johannisfeuer gibt es hier
anscheinend nicht.
Zum Aufsatz von SIKYRYNS’KYJ über die Bräuche des Georgs-
tages am 23. April vgl. Zeitschr. I S. 426.
M. HAJDAJ IIpo ‚„3uubHnupkuü‘‘ O06pAn m CNoJIyueHi 3 HUM TicHi.
Ersorpaßiunuä Biennk III 1927 S. 95—101. Der Zil’nyk wird am
10. Mai zum Gedächtnis des Hl. Simeon Zilota (ukr. Zölota) gefeiert.
An diesem Tage werden in der Ukraina spezifische Frauenbräuche ein-
gehalten: die Frauen graben im Walde nach Heilkräutern, worauf dort
oder auf freiem Felde mit mitgebrachtem Gebäck und Getränken eine
Bewirtung stattfindet. Die Heilkünstlerinnen graben nackt nach den
Gräsern. Im Kreise Zvenigorod findet an diesem Tage ein rituelles
Baden der Frauen in einem großen Bottich statt, worin sich ein Aufguß
von verschiedenen Gräsern befindet. Als erste badet eine Witwe, die
den Simeon darstellt. Am Ende des Aufsatzes befindet sich ein Frage-
bogen über ähnliche Bräuche.
F. KOLOMIICENKO Pipssani o6pann B Yepknrismnni. Marepiann
no YKp. erHuonsorii Bd. 18 Lemberg 1918 S. 142—154 handelt über
das Dorf Prochora, Kreis Borzna. Weihnachtsbräuche und Neujahrs-
bräuche mit den dazugehörigen Liedertexten; das Spiel „eine Ziege
führen“; Aussaat zum Neuen Jahr, Wahrsagungen, drei rituelle Weih-
nachtsessen.
Den Erntebräuchen hat der ukrainische Ethnograph KoPERZYNS’KYJ
zwei Untersuchungen gewidmet: O6panu 360py BPomal y CHOBAHCKBKUX
HaponiB y HafnasHiımy Mo6y posBurky. Ilepsicne I'pomanancreo 1926
Nr. 1—2 8. 86—75. Untersucht werden hier die Bräuche mit den
letzten Ahren auf dem Felde, mit der letzten Garbe und dem Kranz,
Die russische (ostslavische) volkskundliche Forschung 427
die dem Besitzer des Feldes dargebracht werden. Der Verf. hat die
Literatur über die Erntebräuche aller slavischen Völker ausgiebigst
herangezogen. Zufällig ist ihm aber das Buch von JAN BYsTRoN
Zwyezaje Zniwarskie w Polsce 1916 entgangen. Bemerkenswert ist
doch, daß drei Ethnologen, BYSTRoN, KOPERZYNS’KYJ und ZELENIN
(Russ. Volkskunde 41), die unabhängig voneinander über slavische Bräuche
mit den letzten Ahren geschrieben haben, die Theorie von W. MAn-
HARDT, daß sich in diesen Ahren ein Korndämon verberge, für die
slavischen Bräuche ablehnen. KOPERZYNS’KYJ sieht in diesen Bräuchen
ein magisches Spiel, die Wiederholung der Landarbeit; Unterz. den
magischen Brauch der Aussaat. — Die zweite Arbeit von K. KoPER-
ZYNS’KYJ O6mmakm Odessa 1926 80 59 behandelt ein späteres Ent-
wicklungsstadium dieser Erntebräuche.
An dieser Stelle verzeichnen wir auch folgende Fragebogen: 1. über
einige Bräuche SULGINA Hapoxkiä kasennape III: Benurpens Kiev 1925
16° 32 hgb. von der Ethnographischen Gesellschaft in Kiev; 2. über
Pfingst- und Johannisbräuche — R. DANKOVSKAJA IIporpamma ua
coÖnpanun CcBereHknä o mpasmunkax Tpoüusi n Usana Kymara. Myseü
Cno6oncpkoi Yrpaiun. Bulletin 1925 Nr. 1 8.44. 3. über Ernte-
bräuche N. ZAGLADA IIporpamma no CoÖHpaHmio CBeneHnü 0 »KarTBe.
Kiev 1923 80 4 hgb. von dem Wissenschaftlichen Komitee der Ukraina,
Sektion für Volksbräuche.
Dem ukrainischen rituellen Backen, das eng mit dem Volkskalender
verbunden ist, hat R. DANKOVSKA zwei Aufsätze und ein Programm
gewidmet: 1. ErHorpapiyne NocHimKeHHA YRPaAiHCBKUX OÖPANOBHX TIeYuB.
Hayrosuft 36ipuuk Xapbkiscbkoi Haykoso-nocninyaoi Karenpu Yxp.
Kyasrypan Nr. 2—3 1926 S. 199—208: aus der Literatur des Gegen-
standes, Klassifikation der rituellen Gebäcke, detaillierte Behandlung
der Frühlingsgebäcke (%avoronki) und Aussaatgebäcke (kresty); fünf
Abbildungen dieser Gebäcke; 2. über die rituellen Gebäcke in Nußform:
Hapoynui o6prapopi neyuuBa ‚‚ropimmkn‘‘. Sanmnckn Ernorpadiuuoro ToBa-
puerea Buch I Kiev 1925 S. 27—33 mit einer Abbildungstafel: die
Form dieser Gebäcke, Art ihrer Herstellung, Zeit des Backens (Weih-
nachten, Butterwoche, Pfingsten, Herbst, vor dem Verreisen), magische .
Bedeutung des Brauches; 3. IIporpamma aa co6npaunn OÖpANOBBIX TIe-
yenn# u cBeneHnü o Hux. Myseiä Cno6onckkoi Yrpainn. Bulletin 1925
Nr.1 8. 42—43.
$ 6. Vergnügungen und Spiele.
K.P. Söastuivonv Mepezeuckan ‚‚cBoska‘‘ B MarBeeBckofi BONOCTU
Konorpusckoro yeapa. Tpynsı Konorpnsckoro O6mecrsa Kpaezerennn
Lief. II 1923 8.14—16. Die „Svözka* der Kostromaer Nordgroßrussen
ist eine Zusammenkunft der Jugend im Winter, um sich zu zerstreuen;
solche Zusammenkünfte finden zwischen dem 15. Nov. und dem 6. Dez.
statt; es wird dabei getanzt und gespielt.
A. NovoZıLov Jlepeseuckue „Öucens‘‘. 3Kuzarı Crapuna 1916
Zeitschrift f. slav. Philologie, Bd.IV. 28
428 Dam. ZELENIN
Nr.1 8.29—85. Es ist der Schluß des Aufsatzes über die Ver-
gnügungen der nordgroßrussischen Jugend des Kreises Kirillov, Gouv.
Novgorod, der Anfang hierzu erschien ib. 1910 Nr. 1—2 8. 132—146.
Beschrieben werden fünf Reigenspiele, die von Gesang und Tanz be-
gleitet sind. |
S. TomILcY Kpectsanckue npasnHnku B IlmHerxcrom yesne. Bion-
nerens Cesepo-Bocrounoro O6nacruoro Biwpo Hpaezenenun Lief. 3
Archangelsk 1925 8. 29—32; Bewirtung mit Hausbier und Süßigkeiten ;
die sog. metista, Spiele der Jugend auf der Straße, kleine und große
Morgen- oder Abendspiele. Die Beschreibung ist kurz und befriedigt nicht.
M. KRASNOZENOVA Bantue ‚‚CH2>kHoTO roponka‘‘ B Ennmceickoi
rydepuum. Cu6npckaa HKusan Crapuna II 1924 S. 21—37. Eine
Untersuchung der bekannten Vergnügungen während der Butterwoche,
die auf dem Bilde des russischen Malers SURIKOV dargestellt sind.
Es ist ein ganzes Drama, mitunter mit tragischem Ausgang, da der
Scheinkampf zwischen den Angreifern der Schneefestung und ihren
Verteidigern bisweilen sich zu einem wirklichen Kampf entwickelt,
wobei es mitunter zu Verstümmelungen kommt.
G. FoMmın Kynaumsie 60n 8 Boponerssckof ryÖepnnn. Vlssecrtun
Bopouexckoro Kpaegenueckoro Odmecrsa 1925 Nr. 3 S. 14—18, Nr. 5
8.13—17 und Nr. 6 S.11—15. Geschichte der Frage und Beschreibung
der Kampftechnik.
Über Kinderspiele: 1. A. MELKOV Herotopsle HeTCkHe UTPE B
Kypckroü ry6epanz. OIrtnuorpaßmueckoe O6ospenne 1914 Nr. 3—4
8. 181—184. Beschrieben werden drei großrussische Spiele: Kostroma,
Chren oder Red’ka, Kapustka. 2. A. SOBOLEV Jlerckne urpsı u mechu
Vladimir 1914 80 48. Tpynsı Branumnpckoft YVyenot Apxusnoi Ko-
muccnn XVI;3 zum Aufsatz von A. PopovA über sibirische Spiele
vgl. Zeitschr. I 8. 426; 4. A. MELKOV Heckonsko ykasannü nA CoÖn-
PaHuA MeTckux HaponHbX urp. Knsan Crapnua 1916 Nr. 4 Anhang
Nr. 6 S. 0103—4; Zwölf Fragen über Spiele und drei Fragen über
Spielzeug; im Anhang ein Aufsatz des gleichen Verfassers Kocrpoma
S. 0105—6, ein Wiederabdruck des im IrHorpaßnueckoe O6ospenune
1914 Nr. 3—4 S. 181 erschienenen, vgl. oben unter Nr. 1.
Über die ukrainischen Volksbelustigungen handeln eine ganze Reihe
von Aufsätzen im 18. Bande der Lemberger Zeitschrift Marepuasm no
yrpaincproi eruonsorii 1918: F. KOLOMYJGENKO Cinscki 3a6ası B
Yepsnrismuni S. 123—141. Beschrieben werden 13 Kinderspiele und
Spiele von Erwachsenen, öffentliche Belustigungen, Tänze, gemeinschaft-
liches Arbeiten (dosvitky), Schaukeln, Frühlingsspiele (chretik und
rusalki), Frühlings-, Johannis- und andere Lieder mit ihren Melodien.
OL. Rıpko’KyJ Ilapy6oui ü nisoui spnyai B ceni Annpinmismi Ha
Horraeumsi ibid. S. 155—169: gemeinschaftliches Arbeiten (dosvitky)
aus dem Kreise Lochvica mit Übernachten, Weihnachtsbräuche, Spiele
der Weihnachtszeit, Wahrsagen, gemeinschaftliche Bewirtung (skladka),
Schaukeln.
Die russische (ostslavische) volkskunäliche Forschung 439
36ipKH CINBCKOY MonopbKm Ha Yrpaimi ibid. S.170— 275. Unter
diesem Titel sind mehrere Aufsätze aus den Papieren des verstorbenen
ukrainischen Ethnographen M. DIKAREV, gest. 1899, veröffentlicht
worden. Die Aufsätze stammen von verschiedenen Personen, den Korre-
spondenten des Verstorbenen, und beschreiben hauptsächlich die ukrai-
nischen Bräuche der Kreise Bogutar und Valujki im Gouv. Vorone%;
ein Aufsatz ist der parubolaja hromada, der Organisation der männ-
lichen Jugend, gewidmet; sieben Aufsätze den Sommervergnügungen,
die unter dem Namen vulyca (eigentlich „Straße*“) bekannt sind; acht
Aufsätze den Winterversammlungen der Jugend, den veöernyci und
dosvitky und fünf der gemeinschaftlichen Bewirtung der Jugend (skladka).
$ 7. Volksglauben und Vorzeichen.
Den Volksglauben, speziell das altrussische Heidentum behandeln
eine Reihe großer und wertvoller Arbeiten. Gelöst worden ist nun
die erste und wichtigste Aufgabe, mit der man die Bearbeitung der
russischen Mythologie hätte beginnen sollen und ohne die eine wissen-
schaftliche Erforschung des russischen Olymps im wesentlichen unmög-
lich war, nämlich die kritische Analyse der in den alten Schriftdenk-
mälern erhaltenen Angaben über die altrussischen heidnischen Götter,
— eine Analyse, die zu bestimmen hatte, was wirklich alt ist und wo
Einschübe späterer Abschreiber vorliegen. Dieser Aufgabe haben sich
E. AnıCKoV Aasiuecrso u npesHan Pycp Petersburg 1914 80 38 + 386
und der finnische Gelehrte V. MAnSIKKA Die Religion der Ostslaven. I
Quellen Helsingfors 1922 8° 408 unterzogen. — Neben einer Text-
kritik finden wir in beiden Büchern neue originelle Hypothesen und
Sichtung des vorliegenden Materials; ANICKOV entwickelt im genannten
Buch die Theorie von dem ausschließlich lokalen Stammes- oder feudal-
staatlichen Charakter der Vladimirschen Götter.
Einige seiner Ergebnisse aus dem Buche fAlasiyectso u Apesunn
Pyc» kurz zusammenfassend bietet ANICKOV in Ilocnexune pa6otst mo
CHABAHCKHM PesIurmosHEIM MpeBHoctaMm Slavia II 1923 Nr. 2—3 S. 527
bis 557 Nr. 4 S. 765—778 eine Reibe neuer methodischer Erwägungen
und sachliche Hinweise. Erwähnt werden muß hier auch die der sla-
vischen heidnischen Religion gewidmete erste Lieferung des zweiten
Bandes von L. NIEDERLE’s Zivot starych slovanü Prag 1916 80 299.
ANISKOV charakterisiert seine Bedeutung mit folgenden Worten: „Die
Arbeit von NIEDERLE ist eine neue, wichtige Etappe in der Erforschung
der slavischen religiösen Altertümer; der Ausgangspunkt hat sich ge-
ändert und in Zukunft werden alle, die diesen Weg einschlagen, hiervon
auszugehen haben. Endlich ist ein neues Fundament gelegt worden,
dem niemand den Vorwurf der Unsicherheit machen kann“ (Slavia II 528).
F. R’AZANOVSKIJ J]lemoHonorun B ApeBHe-pyccKof NMTeparype
Moskau 1915 8° 126 3annekn Mmn. MockoBcKkoro ApxeoNnorTnyeckoro
Uncruryra Bd. 37 1914. Aufgabe des Buches ist, den altrussischen
Giauben an böse Geister nach den Schriftdenkmälern darzustellen und
28*
430 De. ZELENIN
nach Möglichkeit seine Entstehung zu erklären. Gehandelt wird aus-
schließlich von den Dämonen (besy), in deren Geschichte der Verf. auf
russischem Gebiet die psychologischen Einflüsse der Bibel, hauptsächlich
des Neuen Testaments, der byzantinischen und Bogomilischen Dämo-
nologie, vom 17. Jahrh. ab auch der westeuropäischen klarlegt; in der
altrussischen Dämonologie finden sich aber auch originelle Züge, die
von den slavischen heidnischen Gestalten auf die Dämonen übertragen
worden sind.
Anders aufgebaut ist die Arbeit von D. ZELENIN Ouyepkn pycckKoä
mubonorun I. Ymepimme HeecrectBeHHoP CMepTsw u pycankn Petersburg
1916 8° 16-+312. Der Verf. geht nicht von den historischen Nach-
richten über das altrussische Heidentum aus, um sie mit den heutigen
russischen Vorstellungen zu verbinden; den Ausgangspunkt bieten ihm
die jetzigen Volksbräuche und Vorstellungen, durch deren Zusammen-
stellung und Untersuchung dann das alte Heidentum rekonstruiert wird.
Die Nixen werden hauptsächlich mit dem Kult der unreinen Toten in
Zusammenhang gebracht; aus diesem Grunde konnte der Verf. nicht
zu einem endgültigen Resultat über die alten Gestalten der Nixen
kommen. Dafür ist der altrussische Kult mit den unreinen Toten
besser geklärt worden; für diese unreinen Toten, zu denen alle eines
gewaltsamen Todes Gestorbenen, besonders solche, die im Augenblick
des Sterbens unbefriedigt sind, gehören, bestand eine besondere Be-
stattungsart, die bereits in den Denkmälern des 13. Jahrh. angedeutet
wird. Es war dies eine Bestattung durch Hinauswerfen des Leichnams,
ohne ihn in die Erde einzugraben, weil der Glaube bestand, daß sich
die Erde empören könne, wenn man einen unreinen Leichnam in sie
eingräbt; es mag sein, daß diese Anschauung von dem Zorn der Erde
in Zusammenhang mit den alten östlichen Anschauungen (bei Zoroaster)
von der Verunreinigung der Erde durch einen Leichnam steht. Im
16. Jahrh. entstanden in Rußland auf Grund dieser besonderen Be-
stattungsart der unreinen Toten die sog. y6orue noma. — Unter Heran-
ziehung von einigen neuen Tatsachen hat der Verf. eine kurze Zusammen-
fassung seiner Ergebnisse 1927 in einem Vortrag, der unter dem Titel
pesHepyccknü AabIyecKui KylIbT „‚3aJl0’kHEIX‘‘ HOKOÄÜHHKOB. MsBecrun
Aranemnu Hayk 1917 Nr. 7 S. 399—414 erschienen ist, gegeben.
Gleichfalls von dem heutigen Volksglauben geht der ukrainische
Ethnograph V. PETROV aus. Er stellt sich eine noch schwierigere
Aufgabe, indem er die Entstehung der Mythen in Bipysannn B BUXOP
n yopHa xopo6a Ernorpadiunnft Bichuk 3 (1927) erklären will. Die
epilepsia gravioris heißt bei den Ukrainern minsiüä und wird dem Ein-
fluß des Windes zugeschrieben. Der Medizin ist es bekannt, daß vor
einem epileptischen Anfall die Kranken einen Lufthauch zu spüren
vermeinen, der sie anzuwehen scheint (die sog. Aura epilepsia). Auf
diese Weise wurde das innere Gefühl der Kranken auf die äußeren
Naturerscheinungen übertragen, und es entstand die Dämonengestalt des
ningsiä, des Sturmes, der dem Menschen angenehm ist, ihm aber die
Die russische (ostslavische) volkskundliche Forschung 4831
schwere Krankheit bringt. Der Verf. zieht ähnliche Vorstellungen der
alten Griechen heran und erklärt die Entsiehung der Mythen überhaupt
durch krankhafte Empfindungen, Erlebnisse und Halluzinationen der
Menschen, durch Sublimation epileptischer Neurosen.
Daneben finden sich einige junge ukrainische Gelehrte, die bestrebt
sind, den ukrainischen Olymp zu bevölkern, wie z. B. A. KovaLıvs’KYJ,
der Verf. der mißlungenen „soziologischen Studie“ Bupo6nuui kyabın
B nasHifi Yrpaiui. Haykopnü 36ipkuk Xapbkischkoi HaykoBo-Nocainuoi
Karenpu Nr. 2—3 1926 S. 141—176. Neben dem Svaroii& (svaroZitee,
was ‚Getreidetrosknend‘ bedeuten soll) finden wir auch „aktuelle“ ukrai-
nische Gottheiten, die Ackerbaugottheiten: Jadrij (von dem Worte anpo,
anpeniä — Gott des Reifens), Spich (von der Wurzel cniru, russ.
mocueBaTs), Sporyni (Gott des Überflusses), Obilucha (wer etwas bleicht,
etwa den Stoff); außer Perun werden Zilot, Pokrova, Chlib, Naum er-
wähnt; Rod ist die „Gottheit des Geburtsaktes der Menschen“, in seinen
Händen liegt die Geburt.
Den Versuch, eine allgemeine Zusammenstellung der russischen
religiösen Altertümer zu geben, finden wir bei N. GAL’'KOVSKIJ Bops6a
XPHCTUAHCTBA C OCTATKaMm AsblyecrBa B npepHeä Pycn Bd. I Charkov
1916 8° 44-376 (= aus der Zeitschr. Bepa u Paaym 1915). Trotz
des sehr reichen, von dem Verfasser herangezogenen Materials ist dieser
Versuch mißlungen, er entspricht nicht den heutigen wissenschaftlichen
Anforderungen. Die methodischen Fehler dieses Buches werden aus-
führlich von E. KAGAROV im Borocnoscknä Becruuk 1916 Maiheft
besprochen. Wertvoller ist der zweite Band GAL’KoVSKIJ’s; er enthält
die Texte der altrussischen, gegen die Überreste des Heidentums im
Volk gerichteten Predigten (3amnckn Umn. Mockosckoro Apxeonorn-
yeckoro Uncruryra Bd. 18 1913).
Das Buch von E. KAGArov Penurun apesunx cnasau Moskau
Verlag IIpaktuseckue 3Hanun 1918 &° 72 handelt hauptsächlich über
die russischen religiösen Altertümer, die hier öfter mit dem klassischen
Kult verglichen werden als mit demjenigen der slavischen Völker. Von
den vier Kapiteln des Buches behandelt das erste die Geister der
niederen Mythologie, das zweite die höheren Gottheiten (Perun u. a.),
das dritte die Festbräuche, das letzte die Vorstellungen von der Seele,
die Begräbnisbräuche und den Ahnenkult. Die Darlegung ist vorwiegend
dogmatisch, in den Anmerkungen wird aber auch ein wissenschaftlicher
Apparat geboten.
Von den Beschreibungen der religiösen Vorstellungen der einzelnen
Gegenden beansprucht der Aufsatz von P. BoGATYREV Beposanın
Bennkopyccop Illenkypckoro yesna. IrHorpabmueckoe O6ospenne 1916
Nr. 3—4 $. 42—80 das meiste Interesse. Der Verf. hat im Sommer
1916 Aufzeichnungen gemacht und gibt vor allen Dingen eine Cha-
rakteristik jener Erzähler, von denen er sein Material gesammelt hat.
In systematischer Anordnung folgen darauf Mitteilungen über den
Teufel, Gespenster, Nixen, Waldgeister, über Felddämonen (poludnica),
432 Dm. ZELENIN
den Haus- und Badstubengeist, den Riegegeist, Hexen und Wehrwölfe,
Zauberer, über die Volkskosmographie, die verbotenen Speisen, angeführt
werden auch Wahrsagungen und Angaben aus dem Volkskalender.
Gleichsam als Beilage zu diesem wertvollen Aufsatz erschienen zehn
Legenden, die der gleiche Verfasser in $Knsan Crapnua 1916 Nr. 4
Anhang Nr. 6 8. 71—76 unter dem Titel Heckonpko serenn Illenkyp-
ckoro yesna Apxaurensckof ry6. veröffentlichte. Die erste Legende ist
dualistisch und behandelt die Schöpfung der Welt durch Gott und den
Satan.
M. SoKOLOV Oöpapsi, moBepbn Mm cyeBepun BeimkopyccoB Capa-
ToBckoä Tydepunu. Tpyast Caparopckoü Apxmsuoä Komnccnn 1916
Lief. 33 S. 97”—105: über Naturverehrung, Hexen und unreine Geister.
M. ZiMIn Kosepnunnckuä kpai. Ha6monenna mn sannckn. Kostroma
1920 8° 89 Tpyaeı Kocrpomckoro Hayunoro O6lecTBa NO H3YYeHHIo
MmectHoro kpan XVII. Es wird hier hauptsächlich Material über die
Volkspoesie geboten, aber auch die religiöse Lage des Dorfes S. 12, 21,
die Aberglaubenheiligtümer 8. 16, das Wahrsagen S. 23 beschrieben,
Erzählungen über einige Schätze angeführt, schließlich wird auf die
unreinen Kräfte und Gespenster S. 74, die Beschwörungen, Vorzeichen
und den Volksglauben eingegangen 38. 81—84.
A. OGNEVA Kukumopa. O6HoBrenHuan mepesua Sammelband hgb.
von TAn-BoGoRAZ Petersburg 1925 S. 98—103; eine halbbelletristische
Wiedergabe des Kikimoraglaubens; die Kikimora wohnt in einer von
einem Tataren gegen Mehl gekauften Flasche und man gibt sie jungen
Mädchen im Tee. Gehandelt wird von den Großrussen des Kreises
Jaransk, Gouv. V’atka; leider ist nicht ersichtlich, was auf Bräuche
und was auf das Märchen zurückgeht.
G. ZAVARNICKIJ O Tom cBere u 06 atom. Pacckassı CapaToBCKoTO
Iloposmxbn. OrtHorpaßuyueckoe O6ospenue 1916 Nr. 1—2 S. 67—83;
neun Erzählungen über die Erschaffung der Welt, den Teufel, Wald-
geister, Nixen, den Wolfsgott Georg und den die Dämonen tötenden
Donner.
I. CEKANINSKIJ CienbI INAMAHCKOTO KyNbTa B PYCCKO-TYHTYCCKUX
NOCceleHnAX No peke Uyıe B Ennceickoü ryÖepknu. ITHoTpahnueckoe
O6ospenne 1914 Nr. 3—4 8. 61—80. Eine Reihe sehr charakteristischer
Illustrationen dazu, wie die Russen Sibiriens sich zu den andersstämmigen
Schamanen und zu den Gegenständen des Schamanenkultes verhalten;
ihre Einstellung dazu ist keine skeptische, sie erkennen vielmehr die
wundersame Kraft der Schamanen an und greifen mitunter selbst zu
diesen Kräften; aktiv beteiligen sich die Russen aber nicht am Scha-
manentum; der Verf. hat nur einmal gehört, daß ein Russe Schamane
geworden sei.
A. TEILS 3amerku u noBepu A HapoAHLIe m yapıı kommynop Sarapul
1915 hgb. von der Gesellschaft zur Erforschung des Kamagebietes.
Das Material ist 1850 im Gouv. Tula gesammelt. Der Aufsatz enthält
Vorzeichen über das Wetter und den Erfolg der Landwirtschaft; Volks-
Die russische (ostslavische) volkskundliche Forschung 433
glauben und Bräuche, die mit der Viehzucht, mit den Gebäuden und
verschiedenen Zeitpunkten des Volkskalenders enainenhängen; endlich
Beschwörungen und Zauberbräuche.
A. KOMARov Haponusıe cyesepun B OcnHckom yesne. Haecrun
O6imecrsa uayuennn Ilpukamcroro kparn. Sarapul 1917:
I. KosSTOLOVSKIJ Haponnsie NOBepbA »kure.zeli IPocHaBcKoTO Kpan.
#Kusar Crapnna 1916 Nr. 2—3 Anhang Nr. 5 8. 31—47, Volksglauben
über den Gürtel, Öfen, das Geschlecht der künftigen Kinder, über Zwillinge,
Selbstmörder, über Volksmedizin, das Wetter usw.; eine systematische
Anordnung fehlt.
]; KALLINIKOV Haponusıe npnmersr ibid. 8. 47—49. Aufgezeichnet
1915 im Kreise Mcensk, Gouv. Orel. Vorzeichen für die Heirat, über
Speisen, ‚Insekten, kleine, Kinder, Feuer; im ganzen 43 Nummern.
A. SUSTIKOV euer U HPHMeTbI 13 MuPa #AtMBOTHEIX. Ma-
Becrun Bonoronckoro O6mmecrBa HayyeHunn cepepHoro kpan IV 1917.
Aufzeichnungen, die 1916 unter den Großrussen des Kreises Kadnikov
gemacht worden sind; an Pferde, Kühe, Schafe, Hunde, Katzen, Hühner,
wilde Tiere und Vögel sich knüpfende Vorzeichen.
E. ZoLOTOV Haponkzie IpHMeTsI u TIpeickasaHun. HKyurypcxo-
KpacHoydumcknü Kpaü 1925 Nr. 1 über das Wetter und die Ernte.
G. KuULYGIN Us Haponssıx nmpmMmer. C6opkuuk Kyarypckoro O6-
ımecrßa Kpaesexenun I Kungur 1925.
M. SMIRNOV Kyabr m HapoAHoe cenbckoe xosnäctBo. KpaezBeneHne
1923 Nr. 28.150—153. Fragebogen mit 31 Punkten über den Volks-
glauben, der mit der Landwirtschaft zusammenhängt und die Anwen-
dungspraxis dieser Fragebogen durch das Ilepencnasnp-3anecckoe IIpo-
CBETHTENIBHOe ÜOÖINECTBO.
Über den weißrussischen Volksglauben ist wenig neues Material
veröffentlicht worden: E. KLETNOVA Ocratku 3MeuHoTO KybTa B IIpe-
menax CMmonenckoii ryOepsnn. Hayunpıe Usgecrun T'ocymapcTBeHHoro
CMOJIeHCKOTO Yunsepcurera II 1924; gesammelt ist hier alles, was zur
Schlangenverehrung im Gouv. Smolensk gehört auf Grund von Schrift-
denkmälern, der Archäologie und Überlieferung. — Vgl. den Aufsatz
von 6. ZAVARNICKL über die Überreste des "Schlangenkults bei den
Großrussen im Gouy. Saratov: Us smereng m nosepnfi Caparosckoro IIo-
BopkBbA 0 amesx. Iruorpadnueckoe Odospenne 1915 Nr. 3—4 8.77—87
— die Schlangen in der Volksmedizin, im Volksglauben und den
Legenden.
Über den ukrainischen Volksglauben findet sich viel Material in
den Arbeiten von V. KRAVGENKO Eruorpahnuni marepiarın, siöpani Ha
Bonsiun Ta no CyMexHnx ryOepnisx. Tpyası OörmecrBa ucecneroBarTeneli
Bomsıun Bd. XII 1914 ff.
V. BARVINSKIJ K Bonpocy 06 ynsıpıx. Becruuk XapbKOBCKorTo
UCTOPHKO-PUAONOTUYECKOTO O6wmecrsa Lief. V 1914 S. 14—18. Eine
Gerichtsverhandlung um einen Vampir des Kreises Lubny, Gouv. Pol-
tava aus dem Jahre 1727; dieser Mann hat vor Gericht sein Vampiren-
434 R. HoLTzmAnn
tum nicht in Abrede gestellt, sondern von seinen Erlebnissen, die mit
seiner seltsamen Tätigkeit zusammenhängen, berichtet.
M. von ZIEGLER CrapnHuHsie nyenoBogst ibid. S. 56—61: über
den ukrainischen Volksglauben, der sich an die Bienenzucht knüpft.
Der auf einigen Bienenstöcken wohnende „pasecnik“ ist ein besonderer
Vertreter der unreinen Kräfte, analog dem Haus- und Waldgeist; man
kann ihn auch anderen Menschen übergeben und sogar erkaufent
A. GAJEVA Usyesnybmme HapoAHLIe OÖBIyan H TIOBepbn1 B JloH6acce
IIpocsemenue Mon6acca 1924; Volksglauben und Vorzeichen aus dem
Gouv. Jekaterinoslav.
Zu erwähnen sind hier noch die der Geschichte der Zauberei
gewidmeten Arbeiten. Ein besonders wertvolles Material bietet das
Buch von E. JELEONSKAJA K- uayyeuno saroBopa MH KONNOBCTBA B
Poccnu Lief. I Samordino 1917 hgb. von der Kommission für Volks-
poesie bei der Ethnographischen Abteilung d, Moskauer Ges. f. Altertumsk.
Das Material ist in drei Aufsätzen An geötändki 1. Beschwörungen und
Zauberei in Rußland des 17.—18. Jahrh.; 2. Sammlung von Beschwörungs-
formeln des 17. Jahrh.; 3. Beschwörung von Waffen, Sichtung des Materials.
Der zweite Aufsatz untersucht einen handschriftlichen Sammelband aus
dem Beginn des 17. Jahrh., worin neben russischen Beschwörungen,
auch wepsisch-finnische, mit russischen Buchstaben geschriebene, ent-
halten sind.
S. VVEDENSKIJ Ma npommoro BopoHexkckoro Kkpan. II. Yaenor c
semneä ns mpuBopora. Wszecrun BopoHerickoro Kpaezenueckoro O6-
ımecrsa 1925 Nr.1 8.11. Ein Dokument über Zauberei des Jahres
1700 aus der Stadt Ostrogozsk Gouv. Voronez; als magische Mittel
figurieren die Erde, die unter einem Zaun gelegen hat, und ein Kreuz.
B. Kn’AZINSKIJ 3naxaperso B 17 Bere. ApxuBHse CTPpaHnuEı
ibid. Nr.6 8.15—16. Mitteilungen über Zauberei in Usman’ und
Lebed’an’ Gouv. Vorones im 17. Jahrh.; 1658 wurden bei einem Ein-
wohner der Stadt Usman’ ‚zagovornyje kni&ki“ (Beschwörungsbücher)
gefunden.
Zu erwähnen bleiben noch die Werke über die russischen Alt-
gläubigen und Sektierer. 1914 erschien in den Acta et Commentationes
der Dorpater Universität Nr. 6—9 der zweite Teil der bekannten Arbeit
von K. GRAsS Die russischen Sekten.
N. VysockıJ Marepnası a8 ucropum nyxo6opueckoä cerrsı 1914
8° 56; Archivmaterial aus dem 18. Jahrh. über die Sektierer der-Gouv.
Tambov und Vorone2; vier Lieder der Sektierer und eine Aufzeichnung
aus dem Jahre 1769 küber die Lehre derselben.
D. OstRovsK1J Bsrosckan NyCTEIHB U ee aHayenme B HCTOpun
cTapoo6prnYeckoro packona. Wszecrun Odmecrza nayyennn ONOHeNKoA
rydepsum 1913 und 1914. Nach den Ausführungen des Verf. ist das
Kloster am Vyg von Anhängern der nationalen Vergangenheit auf alt-
russischen Prinzipien begründet worden; sowohl die religiösen wie auch
die rein landwirtschaftlichen Elemente spielten hier eine selbständige Rolle.
Die Quellen zur slavischen Namenforschung 435
E. MoLoSTvovA MWerosuers. }Kusmb m counHenne KanuTaHa
H.C. Unpuna. BoskuukHoBenme cekTEI u ee PaaBbutue. S3anncku Teo-
rpabuueckoro O6mecrsa mo oTnenenmo oruorpaßun Band 38 1914.
Das Buch interessiert mehr den Religionshistoriker als den Ethnographen;:
der Verf. behandelt an erster Stelle den Begründer der Sekte, auf
dessen Schüler und die Sekte,selbst geht er weniger ein; übrigens war
die Anhängerzahl dieser Sekte nur gering.
Petersburg DM. ZELENIN
Die Quellen zur slavischen Namenforschung
in der Provinz Sachsen und dem Freistaat Anhalt
Eine Einführung in die Quellen zur Erforschung der slavischen
Namen im Gebiet der heutigen Provinz Sachsen!) und des Freistaates
Anhalt darf zunächst auf den vorbildlichen Bericht verweisen, den
RUDOLF KÖTZSCHKE in dieser Zeitschrift III S. 438 ff. über die Quellen
der slavischen Namenforschung in Thüringen und dem Freistaat Sachsen
einschließlich der Oberlausitz gegeben hat. Denn da die beiden Länder-
gruppen historisch und geographisch in engstem Zusammenhang stehen,
versteht es sich, daß vieles von dem, was für die eine gesagt worden
ist, auch für die andere gilt. Nicht nur daß ein Teil der Landschaft
Thüringen heute zur Provinz Sachsen gehört; auch die Grenze zwischen
dem Freistaat und der Provinz Sachsen besteht erst seit 1815. Und
so sind größere Teile der Provinz (Erfurt, Naumburg, Merseburg) mit
Recht schon von KÖTZSCHKE mit berücksichtigt worden. Selbständiger
1) Über die Quellen der Provinz im allgemeinen handelt WALTER
SCHULTZE Die GQ. der Provinz Sachsen im MA. und in der Reforma-
tionszeit (1893). Zur Geschichte: EDUARD JACoBS Geschichte der in
der Preußischen Provinz Sachsen vereinigten Gebiete (1883). — Wir
gebrauchen in den Anmerkungen die folgenden Abkürzungen: bb.
— bearbeitet; CD. = Codex diplomaticus; DD. = Diplomata; GQ. =
Geschichtsquellen; GQS. — Geschichtsquellen der Provinz Sachsen (vgl.
unten 8.438 Anm. 2); hg. = herausgegeben; L. = OTTOKAR LORENZ
Deutschlands GQ. im MA. seit der Mitte des dreizehnten Jahrhunderts,
2 Bde. (3. Aufl. 1886/87); MA. — Mittelalter; MG. — Monumenta
Germaniae historica; NR. = Neue Reihe; SS. = Scriptores (in der Folio-
Reihe der MG.); SSrG. — Seriptores rerum Germanicarum in usum
scholarum (in der Oktav-Reihe der MG.); SuA. = Sachsen und Anhalt,
Jahrbuch der Historischen Kommission für die Provinz Sachsen und
für Anhalt, hsg. v. R. HOoLTZMANN und W. MÖLLENBERG (1925 ff.);
UB. — Urkundenbuch; W. = WıLH. WATTENBACH Deutschlands GQ.
im MA. bis zur Mitte des dreizehnten Jahrhunderts, Bd. 1 (7. Aufl.
1904), Bd. 2 (6. Aufl. 1894).
436 R. HoLTzMANnN
ist nach seiner Geschichte der Norden der Provinz, bestehend aus der
Altmark, dem Herzogtum Magdeburg, dem Fürstentum Halberstadt, den
Grafschaften Wernigerode und Mansfeld und einigen anderen alten
Territorien, dazu das Fürstentum (1863 Herzogtum, 1918 Freistaat)
Anhalt. Aber bei der Nachbarschaft zu den anderen Ländern ist es
begreiflich, daß die allgemeinen, insonderheit die erzählenden Quellen
(die Schriftsteller im Gegensatz zu den Urkunden) auch hier vielfach
dieselben sind. In dieser Hinsicht darf zu einem guten Teil auf
KÖTZSCHKE verwiesen werden. Was dort über die karolingischen
Annalen (Jahrbücher) und das Hersfelder Zehntenverzeichnis des 9. Jahrh.,
über die Quedlinburger Annalen!) und die Chronik des Bischofs Thiet-
mar von Merseburg?) aus dem Anfang des 11. Jahrh., schließlich über
die staufischen Geschichtsschreiber, insonderheit die Chronik vom Lauter-
berg, dem heutigen Petersberg bei Halle°), gesagt ist, hat die gleiche
Bedeutung auch für die Provinz Sachsen, der ja Merseburg, der Peters-
berg und Quedlinburg angehören. Für die Provinz darf zur Ergänzung
vielleicht noch kurz auf zwei Gruppen erzählender Quellen aus der
Kaiserzeit verwiesen werden; die eine umfaßt drei Bistumsgeschichten
(Chroniken), die andere vornehmlich annalistische Werke. Die Bistums-
geschichten betreffen Magdeburg, Merseburg und Halberstadt. Das Bistum
Halberstadt geht, wenigstens in seiner Wurzel, auf Karl den Großen,
in seinem Ausbau auf Ludwig den Frommen zurück, während das
Erzbistum Magdeburg und das Bistum Merseburg erst 968 durch Otto
den Großen gegründet worden sind. In Halberstadt hat man in der
zweiten Hälfte des 10. Jahrh. mit Aufzeichnungen begonnen, die dann
von anderen fortgesetzt wurden, uns freilich nur in einer späteren und
gekürzten Gestalt erhalten sind *). In Magdeburg arbeitete man seit der
1) Annales Quedlinburgenses, MG. SS. III (1839), 18ff. 72 ff. Der
chronikalische Anfang beginnt mit Erschaffung der Welt, der annalistische
Teil umfaßt die Jahre 702—1025. Vgl. R. HOLTZMANN Die Quedlin-
burger Annalen, SuA. Bd. 1 (1925).
2) Thietmari Merseburgensis episcopi Chronicon (von Heinrich 1.
bis 1018), hg. v. F. Kurze 1889 (SSrG.); eine Neuausgabe von mir
ist in Vorbereitung. Thietmar war 1009—18 Bischof von Merseburg;
er verstand slavisch und versucht in seiner Chronik mehrmals, slavische
Namen zu deuten und zu übersetzen (nicht nur in den von KÖTZSCHKE
S. 440 Anm. 1 angeführten Fällen).
3) Chranieon Montis Sereni (1124—1225), MG. SS. XXIII (1874),
130. Vgl. W. Ii 857.
4) Gesta episcoporum Halberstadensium (781— 1209), MG.SS.XXIIL-
73#f. Ein Fragment zu 780 mit Beschreibung der Diözesangrenze ebd.
XXX, Teil 1 (1896), 19£. Vgl. W.I 379f. II 356 £.; WALTER MÖLLEN-
BERG Zur Frage der Gründung des Bistums Halberstadt, Zeitschrift
des Harz-Vereins für Geschichte und Altertumskunde Bd. 50 (1917).
Über Halberstädter Werke des 14. Jahrhunderts L. II 129£.
Die Quellen zur slavischen Namenforschung 437
1. Hälfte des 11. Jahrh. an der Chronik der Erzbischöfe, die dann mit
wechselndem Eifer im Ganzen bis 1513 fortgeführt worden ist 2,8 Dia
Merseburger Bischofschronik ist erstmalig um 1130 begonnen und im
Lauf der Jahrhunderte gleichfalls bis an die Schwelle der Reformation
weiter fortgesetzt worden?). Etwas größere Bedeutung für die Namen-
forschung kommt indes den annalistischen Quellen zu, die, nachdem jene
älteren aus der Karolinger- und Sachsenzeit verstummt waren, mit dem
12. Jahrh. wieder in reicherem Maße einsetzen. Ein ganzes Bündel,
z. T. recht wertvoller Annalen des 12.—14. Jahrh. besitzen wir aus
Erfurt, wo besonders das Peterskloster sich darin hervorgetan hat;
diese Erfurter Geschichtsquellen hat OswALD HOLDER-EGGER gesammelt
und vortrefflich herausgegeben®). Die Annalen von Pegau (im Frei-
staat Sachsen, an der Weißen Elster), die bis 1227 fortgeführt wurden ®),
sind schon von KÖTZSCHKE hervorgehoben worden. Aus dem (heute
nicht mehr vorhandenen) Kloster Berge in Magdeburg stammen die
Magdeburger Annalen, die früher unter dem Namen des „Sächsischen
Chronographen“ (Chronographus Saxo) gingen und bis 1188 reichen).
Auf Grund vieler, z. T. veriorener Quellen schrieb um die Mitte des
12. Jahrh. ein sächsischer, wohl dem Bistum Halberstadt angehöriger
Geistlicher, den man den „Sächsischen Annalisten* (Annalista Saxo) zu
nennen pflegt, ein großes kompilatorisches Werk über die vier Jahr-
hunderte von 741—1139®). Und auch die, bis 1182 reichenden Annalen
des Harzklosters Pöhlde (südl. v. Herzberg, am Südwestabhang des Harzes,
zum hannöverschen Kreis Osterode gehörig) dürfen hier wegen ihrer
Beziehungen zu den benachbarten Strichen der Provinz Sachsen genannt
werden”). Aus dem 13. Jahrh. haben wir schließlich eines berühmten
1) Gesta archiepiscoporum Magdeburgensium (938—1513), MG.
SS. XIV (1883), 361. Vgl. W.I386f. II 349£.; L.I1122f. Über
die Magdeburger Schöppenchronik (14. Jahrh., gleichfalls bis ins 16.
fortgesetzt) L. II 123— 127.
2) Chronica episcoporum ecclesiae Merseburgensis (968—1514),
MG. SS. X (1852), 157 ff. Vgl. E. WILLRICH Die Chronica episcoporum
Merseburgensium, Göttinger Diss. 1899; O. RADEMACHER Die Merse-
burger Bischofschronik, 2 Teile, Merseburger Programm 1903/07;
KÖTZSCHKE S. 440 Anm. 5, wo auch die unbedeutende Klosterchronik
von Goseck zitiert wird.
3) Monumenta Erphesfurtensia saec. XII. XIII. XIV, hg. v. HOLDER-
EGGER 1899 (SSrG.). 4) Annales Pegavienses (c. 1000—1227),
MG. SS. XVI (1859) 232f. Vgl. W. II 353—55
5) Annales Magdeburgenses (von Christi Geburt bis 1188), MG.
SS. XVI105f. Vgl. W. II 438f.
6) Annalista Saxo (741—1139), MG. SS. VI (1844), 542. Vgl.
W. II 256—58. ;
7) Annales Palidenses, auch Pöhlder Chronik genannt (von Er-
schaffung der Welt bis 1182), MG. SS. XVI 481. Vgl. W. 11 435—38.
438 R. HoLTzMANnN
Werkes in deutscher Sprache zu gedenken, der Sächsischen Weltchronik,
die Eike von Repgow, der Verfasser des Sachsenspiegels, um 1225 ge-
schrieben hat und die später von anderen erweitert und fortgeführt
worden ist?).
Erheblich wichtiger freilich als die erzählenden Quellen sind für
die Namenforschung die urkundlichen, da in diesen naturgemäß sehr
viel mehr Orts- und | Flurnamen enthalten sind. Das urkundliche Material
über die ‚zur Provinz Sachsen und zu Anhalt gehörigen Namen ist
noch keineswegs vollständig publiziert. Aber vieles. geschieht doch seit
geraumer Zeit dafür. Insonderheit unterzieht sich die, im Jahre 1876
gegründete „Historische Kommission für die Provinz Sachsen“ (seit
1900: und für Anhalt) in den von ihr herausgegebenen „Geschichts-
quellen der Provinz Sachsen °)‘ mit Eifer und Erfolg der Aufgabe,
landschaftliche und örtliche Urkundenbücher erscheinen zu lassen, so
daß man heute bereits eine stattliche Reihe solcher Veröffentlichungen
buchen kann. Wir beschränken uns hier allerdings auf die Namhaft-
machung derjenigen Werke, welche Urkunden, die älter sind als 1250,
in nennenswerter Weise enthalten; denn im späteren Mittelalter treten
die Namen, worauf schon KÖTZSCHKE (S. 440) aufmerksam gemacht
hat, zumeist in einer umgebildeten, eingedeutschten Schreibart auf, aus
der kaum mehr als aus der heutigen Form zu entnehmen ist. Besondere
Bedeutung behalten freilich die sog. „Wüstungen“, d.h. Orte, die ein-
gegangen sind und heute nicht mehr existieren. Auch mit ihrer Samm-
lung hat man begonnen; und soweit neuere Wüstungsverzeichnisse er-
schienen sind, sollen sie bei dem folgenden Rundgang durch die Ur-
kundensammlungen der Provinz und Anhalts gleich mit aufgezählt
werden).
Wir beginnen den Rundgang im Südwesten, dem Teil der Provinz,
der landschaftlich zu Thüringen gehört und etwa dem heutigen Re-
gierungsbezirk Erfurt entspricht. Da sei zunächst an die von DoBE-
1) Sächsische Weltchronik (von Erschaffung der Welt bis 1248),
MG. Deutsche Chroniken II (1877), 1. Über die Entstehungsgeschichte
vgl. W. BALLSCHMIEDE Die Sächsische Weltchronik, Niederdeutsches
Jahrbuch 40 (1914, auch Berliner Diss.). Danach steht die A-Rezension
dem verlorenen Originalwerk Eikes am nächsten; dieses endete, wie die
Hss. A 1—7, mit Kap. 366 (8. 244).
2) GQ. der Provinz Sachsen und angrenzender Gebiete, 47 Bde.
1870—1922. — 6Q. der Provinz Sachsen. und des Eräistahlek Anhalt,
NR., bis jetzt 5 Bde, 1925—27.
3) Vgl. die ausführliche Untersuchung von GUSTAV REISCHEL
Die Wüstungen der Provinz Sachsen und des Freistaates Anhalt, mit
besonderer Berücksichtigung der Kreise Bitterfeld und Delitzsch, SuA. II
(1926) 222 ff. Über di Wüstungswerke und Wüstungskarten REISCHEL
ebd. I 355 ff. (hier S. 372—85 "auch über ältere Wüstungskarten und
Wüstungsverzeichnisse). Dazu unten $. 442,
Die Quellen zur slavischen Namenforschung 439
NECKER bearbeiteten „Regesta historiae Thuringiae“ erinnert, deren Be-
deutung bereits durch KÖTZSCHEE (8. 441) hervorgehoben worden ist.
Auch eine alte, aber noch immer brauchbare Untersuchung über die
thüringischen Ortsnamen darf hier verzeichnet werdent). Urkunden-
bücher aus dieser’ Gegend liegen vor für die Stadt Erfurt, für die
Erfurter Stifter und Klöster, für Stadt und Kreis Langensalza und für
die Stadt Mühlhausen?2). Ein Wüstungsverzeichnis erschien für das
Eichsfeld ®), d. h. für die heutigen Kreise Mühlhausen, Heiligenstadt und
Worbis im westlichsten Zipfel der Provinz Sachsen und für den an-
grenzenden hannöverschen Kreis Duderstadt.
Aus den ehemals kursächsischen Teilen der Provinz, die den größten
Teil des heutigen Regierungsbezirks Merseburg ausmachen, besitzen wir
Urkundenbücher des Klosters Pforte (Schulpforta bei Bad Kösen), des
Hochstifts (d. h. der bischöflichen Kirche) Naumburg, des Hochstifts
Merseburg und der Stadt Torgau®). Dazu kommt die wichtige Wüstungs-
kunde der Kreise Bitterfeld und Delitzsch®); sie gab dem Bearbeiter
GUSTAV REISCHEL Anlaß und besonders reichhaltiges Material zu einem
sehr instruktiven allgemeineren Aufsatz über die Wüstungen der Provinz
Sachsen ‚und: des Freistaates Anhalt®).
Eine stattliche Anzahl urkundlicher Veröffentlichungen bezieht sich
auf Orte und Gegenden am Ost- und Nordrand des Harzes (Teile der
heutigen Regierungsbezirke Merseburg und Magdeburg)., Die Klöster
der Grafschaft Mansfeld (Gerbstedt, Hedersleben, Helfta, Holzzelle,
Mansfeld, Rode, Sittichenbach, Walbeck, Wiederstedt, Wimmelburg)
1) PauLus CassEL Thüringische Ortsnamen, 1. Abt. 1854 (in den
Wissenschaftl. Berichten der Erfurter Akademie II/!II), 2. Abt. 1858.
2) UB. der Stadt Erfurt (742—1400), bb. v. KARL BEYER, 2 Bde.
1889/97 (GQS. 23/24). — UB. der Erfurter Stifter und Klöster, Bd.1
(706—1330), bb. v. A. OvERMANN 1926 (GQS. NR. 5); Bd. 2 ist in
Vorbereitung. — UB. der Stadt und des Kreises Langensalza, hg. v.
A. WEnzEL Bd..1 (775-—1212), 1908. — UB. der ehemals freien
Reichsstadt Mühlhausen in Thüringen (775—1350), bb. v. K. HERQUET
unter Mitwirkung v. W. SCHWEINEBERG 1874 (GQS. 3).
3) Die Wüstungen des Eichsfeldes, bb. v. L. Freih. v. WINTZINGE-
RODA-KNoRR 1903 (GQS. 40). Vgl. REISCHEL in SuA. I 366f. —
Ein Eichsfeldisches UB. ist in Vorbereitung.
4) UB. des Klosters Pforte (1132—1543), bb. v. P. BOEHME 2 Teile
in 4 Halbbdn. 1893—1915 (GQS. 33/34). — UB. des Hochstifts Naum-
burg Bd. 1 (967—1207), bb. v. F. ROSENFELD 1925 (GQS. NR. 1);
weitere Bde. sind in Vorbereitung — UB. des Hochstifts Merseburg
Bd. 1 (962—1357), bb. v. P. Keur 1899 (GQS. 36). — UB. von Torgau
(965-—1535), hg. v. C. KnagE 1902.
5) Wüstungskunde der Kreise Bitterfeld und Delitzsch, bb. v.
G. REISCHEL 1926 (GQS. NR. 2).
6) SuA. I; vgl. oben $. 438 Anm. 3.
440 R. HoLTZMANN
sind mit ihrem Urkundenbestand in einem Band vereinigt worden').
Über Quedlinburg haben wir eine alte, umfassende, einen sehr starken
Folianten füllende Publikation des Braunschweiger (zuletzt Dillenburger)
Historikers ANTON ULRICH v. ERATH, der eine Zeitlang im Dienste des
Quedlinburger Stiftes gestanden hat?). Sie ist nur, was die Stadt an-
langt, überholt durch eine neuere, die der Quedlinburger Magistrat
veranlaßt hat®). Aus Halberstadt haben wir Urkundenbücher des Hoch-
stifts, der Stadt, des Bonifazius-Stiftes und der Paulskirche‘), die wir
alle dem früheren Direktor des dortigen Dom-Gymnasiums, GUSTAV
SCHMIDT, verdanken. Vier andere Urkundenbücher führen in die Graf-
schaft Wernigerode. Sie sind von EDUARD JACOBS, dem sehr ver-
dienten langjährigen Archivar und Bibliothekar des Grafen von Stol-
berg-Wernigerode, bearbeitet und betreffen die Stadt Wernigerode, die
beiden Klöster Drübeck und Ilsenburg sowie, in einem Band vereinigt,
die Deutschordenskommende Langeln und die Klöster Himmelpforten
und Waterler®). Auch die Wüstungen der Grafschaft hat JACOBS ge-
sammelt und untersucht; das Ergebnis seiner Arbeit konnte nach seinem
Tod (} 1919) der Öffentlichkeit übergegeben werden ®). — Ein Urkunden-
buch des Nonnenklosters Stötterlingenburg (westl. v. Osterwiek) kommt
für die hier in Rede stehenden Interessen wohl weniger in Betracht’).
1) UB. der Klöster der Grafschaft Mansfeld, bb. v. M. KRÜHNE
1888 (GQS. 20). Die Urkunden reichen vom 10.—16. Jahrh.
2) CD. Quedlinburgensis, hg. v. A. U. AB ErATH 1764.
3) UB. der Stadt Quedlinburg (922—1477), bb. v. KARL JANICKE
2 Teile 1873/82 (GQS. 2).
4) UB. des Hochstifts Halberstadt und seiner Bischöfe (780—1425),
hg. v. G. SchMIDT 4 Bde. 1883—89 (Publikationen aus den preußischen
Staatsarchiven Bd. 17, 21, 27, 40). — UB. der Stadt Halberstadt (c.
1050—1500), bb. v. dems., 2 Teile 1878/79 (GQS. 7). — UB. der
Collegiatstifter S. Bonifacii und S. Pauli in Halberstadt (1136—-1787),
bb. v. dems. 1881 (GQS. 13). — Ein UB. des Stifts S. Johannis in
Halberstadt ist in Vorbereitung.
5) UB. der Stadt Wernigerode (1121—1460), bb. v. E. JAcoBS
1891 (GQS. 25). — UB. des in der Grafschaft Wernigerode belegenen
Klosters Drübeck (877—1594), bb. v. dems. 1874 (GQS. 5). — UB.
des in d. Grfsch. Wernigerode belegenen Klosters Ilsenburg (1003—1597),
bb. v. dems. 2 Teile 1875/77 (GQS. 6). — UB. der Deutschordens-
Kommende Langeln und der Klöster Himmelpforten und Waterler in
d. Grfsch. Wernigerode (1109—1690), bb. v. dems. 1882 (GQS. 15).
6) Wüstungskunde des Kreises Grafschaft Wernigerode, bb. v.
E. JAcogs 1921 (GQS. 46).
?) Die Urkunden des Klosters Stötterlingenbure (1106-1572
bb. v. C. v. SCHMIDT-PHISELDECK 1874 (GOS. A) . £
Die Quellen zur slavischen Namenforschung 441
Und auch auf das umfangreiche Urkundenbuch der (hannöverschen)
Stadt Goslar sei hier nur kurz hingewiesen !),
Der Freistaat Anhalt nimmt mit seinem Oberland (Kreis Ballen-
stedt) ebenfalls am Harzgebiet teil; das Hauptstück liegt freilich weiter
östlich, an der mittleren Elbe. Die auf Anhalt bezüglichen Urkunden
sind seit langem veröffentlicht), in einer für jene, heute um ein halbes
Jahrhundert zurückliegende Zeit jedenfalls rühmenswerten Weise, durch
den Braunschweiger Historiker OTTO von HEINEMANN, der eine Reihe
von Jahren Gymnasialprofessor in dem anhaltischen Städtehen Bernburg
gewesen ist. Auch darf hier auf zwei gute Bücher zur Geschichte und
Landeskunde Anhalts verwiesen werden).
Der heutige Regierungsbezirk Magdeburg, das nördliche Drittel
der Provinz Sachsen, wird größtenteils aus dem Hauptstück des ehe-
maligen (erzbischöflichen, 1680 säkularisierten) Herzogtums Magdeburg
und aus der Altmark gebildet. Die Urkunden des Magdeburger Erz-
bistums hat, gleichfalls vor einem halben Jahrhundert, der langjährige
Direktor des Magdeburger Staatsarchivs, GEORGE ADALBERT v. MÜL-
VERSTEDT, in Form von Regesten zusammengestelit*); und wenn seine
Arbeit nicht ohne Grund mancherlei Ausstellungen erfahren hat, so ist
sie doch bis heute ein brauchbares, ja kaum zu entbehrendes Hilfs-
mittel der Forschung. Ausführliche Veröffentlichungen bieten die Ur-
kundenbücher®) der Stadt Magdeburg sowie der Magdeburger Klöster
Berge und Unser Lieben Frauen (auch Marienkloster genannt). Voll-
ständig bearbeitet sind die Wüstungen dieses Gebiets, in zwei Bänden,
von denen der eine den Nordthüringgau, der andere die Altmark be-
trifft®). Der alte Nordthüringgau entspricht etwa dem Hauptstück des
1) UB. der Stadt Goslar und der in und bei Goslar belegenen
geistlichen Stiftungen (922—1400), bb. v. GEORG BoDE, 5 Bde. 1893
— 1922 (GQS. 29—32, 45).
* 2) CD. Anhaltinus (934—1376), bg. v. O. v. HEINEMANN 6 Bde.
1867—83. Zur Bestimmung der Ortsnamen in den Registern vgl.
REISCHEL in SuA. I 358.
3) EmıL WeyuE Landeskunde des Herzogtums Anhalt, 2 Bde.
1907. — HERMANN WÄSCHKE Anhaltische Geschichte 3 Bde. 1912/13.
4) Regesta archiepiscopatus Magdeburgensis, Sammlung aus Ur-
kunden und Annalisten zur Geschichte des Erzstifts und Herzogtums
Magdeburg, hg. v. G. A. v. MÜLVERSTEDT 3 Bde. 1876—86, Register
v. G. WINTER und 6. Liebe 1899. Das Werk geht vom 5. Jahrh. bis 1305.
5) UB. der Stadt Magdeburg (805— 1513), bb. v. GUSTAV HERTEL
3 Bde. 1892—96 (GQS. 26— 28). — UB. des Klosters Berge bei Magde-
burg (965—1564), bb. v. H. HoLstein 1879 (GQS. 9). — UB. des
Klosters Unser Lieben Frauen zu Magdeburg (1016—1524), bb. v.
G. HerteL 1878: (GQS. 10). — Ein UB. des Erzstifts Magdeburg
(Teil 1, bis 1192) ist in Vorbereitung.
6) Die Wüstungen im Nordthüringgau, bb. v. G. HERTEL 1899
442 S. BaLücHaryJ
Herzogtums Magdeburg links der Elbe, von der Bode bis über die
Ohre; die Altmark bildet den nördlichsten Teil der Provinz, umfassend
die heutigen Kreise Stendal, Osterburg, Salzwedel, Gardelegen und den
nördlichsten Streifen von Wolmirstedt (um die Dolle).
Eine Warnung, die sich besonders auf die älteren dieser Urkunden-
bücher bezieht, und die schon KÖTZSCHKE (S. 442) ausgesprochen hat,
sei auch hier hinzugefügt. Wo es sich um die besonders wichtigen
Urkunden der deutschen Könige und Kaiser handelt, hat man sich
immer zu fragen, ob die betreffende Urkunde nicht inzwischen bereits
besser in der mustergültigen Abteilung „Diplomata* der Monumenta.
Germaniae historica veröffentlicht worden ist. In dieser Reihe sind
bisher die Urkunden König Pippins und Karls des Großen (751—814)
sowie der deutschen Könige und Kaiser von Konrad I. bis in die Re-
gierung Heinrichs III. hinein (911—1047) und Lothars von Supplinburg
(1125—37) erschienen!); einige weitere Bände (Ludwig der Fromme,
Lothar I. und II., Schluß von Heinrich III.) stehen in naher Aussicht.
Endlich noch ein Wort über Flurnamen und Flurkarten. Die
Historische Kommission für die Provinz Sachsen hat sich wenige
Jahre nach der Begründung an ihre Sammlung und Aufzeichnung ge-
macht, und das Ergebnis dieser großen und mühevollen Arbeit liegt
jetzt in den Flurkarten, Wüstungsbüchern und Feldwannenbüchern vor,
die sich (handschriftlich) z. Zt. im Provinzialmuseum zu Halle befinden 2).
Zu den Flurkarten wurden die Meßtischblätter der Provinz (Maßstab
1:25000) benutzt, in die man die auf Grund umfassender Untersuchungen
festgestellten Flur- und Wüstungsnamen eintrug. Jedes Blatt erhielt
außerdem eine nähere Begründung und Erläuterung in je einem zu-
gehörigen Wüstungsbuch und Feldwannenbuch. Die Wüstungsbücher
enthalten große handschriftliche Kartenskizzen der einzelnen Gewanne,
nach den sog. Separationskarten, die s. Zt. bei den Grundstückszusammen-
legungen angefertigt worden sind, mit Eintragung aller Flur- und
Wüstungsnamen, der alten Wege, verfallenen Gebäude usw. Die Feld-
wannenbücher bringen ein systematisches Verzeichnis der Flurnamen
mit Angabe über Größe und Gestalt der einzelnen Gewanne. In diesen
(GQS. 38). — Die Wüstungen der Altmark, bb. v. W. Zaun 1909
(GQ3..43). Zu beiden Bden. vgl. REISCHEL in SuA.1365 f. 367 £. Über
Wüstungen im Jerichowschen (also rechts der Elbe) handelt HERTEL
in den Geschichtsblättern für Stadt und Land Magdeburg 34 (1899).
1) MG. DD. Karolinorum Bd. 1 (Pippin, Karlmann und Karl d. Gr.)
1906. — MG. DD. regum et imperatorum Germaniae Bd. 1 (Konrad I.,
Heinrich I. und Otto I.) 1879—84; Bd. 2, 1. Teil (Otto IL) 1888,
2. Teil (Otto III.) 1893; Bd. 3 (Heinrich II.) 1900— 03; Ba. 4 (Konrad II.)
1909; Bd. 5 (Heinrich III), 1. Teil 1926; Bd. 8 (Lothar III.) 1927.
2) Vgl. G. REISCHEL Die Historische Kommission von Sachsen-
Anhalt und ihre Karten- und Wüstungswerke, SuA. I 344 fi.
Die Cechov-Forschung seit 1918 443
umfangreichen Werken, die mehrere große Schränke füllen, besitzt man
ein sehr reichhaltiges, wertvolles, allert dings auch weitschichtiges Material
für alle Orts- und Flurnamen in der Provinz Sachsen aa in Anhalt.
Halle a. S. | ROBERT HOLTZMANN
Die Cechov-Forschung seit 1918
1924 jährte sich der Todestag Cechov’s zum zwanzigsten Male.
Gewöhnlich genügt eine Zeitspanne von 20 Jahren, um die Einstellung
der postumen Kritik zu dem vor kurzem noch aktuellen Schaffen eines
Schriftstellers charakterisieren zu können. Für die einen Künstler be-
deutet dieses kritische Datum, daß sie der Vergessenheit anheim fallen,
für die anderen ist es der Beginn ihrer Erforschung, ihrer Würdigung
unter dem Gesichtspunkt des organischen Wachsens und Wandels der
Literaturformen. Auch für die Einstellung der Kritik zum Werke
echov’s war dieses Datum entscheidend. Die künstlerische Kraft
seiner Werke und der Zauber seiner Persönlichkeit riefen bald nach
seinem Tode Würdigungen der Persönlichkeit Öechov’s in Form zahl-
reicher Memoiren und kritischer Erörterungen über sein Schaffen hervor.
Im Vordergrunde stand darin weniger Cechov als gerade die Persön-
lichkeit des Kritikers mit offensichtlichen Sympathien für den ver-
storbenen Schriftsteller und Menschen. Durch diese halbkritische und
halblyrische Literatur über Cechov wurde für lange die Möglichkeit
einer wissenschaftlichen Analyse seiner künstlerischen Errungenschaften
und ihrer literarhistorischen Würdigung versperrt. Die soziale Be-
deutung seiner Themen und ihrer realistischen Behandlung war bereits
zu Lebzeiten Üechoy’s hervorgehoben worden; die spätere kritische
Literatur konnte sie nur variieren und vermehrte damit die allgemeine
traditionelle Würdigung. Ein sehr reges Interesse für Cechov bestand
noch 1914, aber in den nächsten Jahren nahm es bereits unter dem
Einfluß sozialer und hauptsächlich neuer literarischer Faktoren (neuer
Schulen, Stile, Probleme) merklich ab. Die Literatur über ihn ging
quantitativ zurück und wandte sich nun einem neuen Gebiet zu, der
wissenschaftlichen Erforschung des Schriftstellers. Als vb die Prophe-
zeiung Cechov’s — „Alles von mir Geschriebene wird nach 5—10 Jahren
in Vergessenheit geraten; aber die von mir gebahnten Wege werden
unversehrt bleiben; darin besteht mein einziges Verdienst“ — sich
erfüllen sollte. In den letzten Jahren beginnt man eifrig, die von
Cechov gebahnten Wege auf dem Gebiet der Novelle und des Dramas
zu untersuchen. Gleichzeitig wird literarisches, biographisches und
Memoiren-Material über Öechov und seine Zeit gesammelt.
Unterz. will hier eine Übersicht der wichtigsten Publikationen und
Untersuchungen auf diesem Gebiete geben.
Zeitschrift £. alav. Philologie. Bd. IV. 29
444 8. BALUCHATYJ
I. Neue Texte.
Ein großer Teil, jedoch nicht alle Werke Öechov’s erschienen 1903
(mit zwei Ergänzungsbänden 1911 und 1916) bei A. Marks in Peters-
burg; 1918 wurde davon eine unveränderte Neuausgabe besorgt (1) 2).
In dem hier behandelten Zeitraum richtete sich die Aufmerksamkeit
der Forscher hauptsächlich auf das Auffinden von Werken, die aus
irgendeinem Grunde nicht in die Gesamtausgabe aufgenommen worden
waren. Man veröffentlichte die dort fehlenden Werke, hauptsächlich
die des jungen Cechov, des Dichters humoristischer Novellen, aus
Zeitungen und Zeitschriften der 80er‘Jahre. Aus der Sammlung des
Taganroger Cechov-Museums wurde ein Aufsatz Cechov’s aus seiner
Gymnasiastenzeit (5) publiziert — zeitlich der erste „literarische“ Ver-
such des Schriftstellers; ferner das Konzept einer humoristischen Er-
zählung der Frühperiode, aus dem hervorgeht, wie Cechov Humoresken
schrieb, und die abgeschlossene Tatna cro copoka Karacrpod ... (Roman
in gedrängter Form) — eine Parodie auf Abenteuerromane. Im Druck
erschienen auch ein von der Zensur nicht genehmigtes satyrisches
Märchen — Hensnauuar ckaska (8), die Erzählung Könnei (7) aus
dem Schauspielerleben und andere kleinere Erzählungen und Feuilleton-
aufsätze aus den Zeitschriften Crpekosa, Ockonku, ByAanabHuR, CBep-
yok (9). Dieses Material ist für die Stoffe und die Manier des jungen
Cechov charakteristisch; da es aber den vielen Novellen der Ergänzungs-
bände von Marks ähnlich ist, bietet es in diesem Sinne nichts Neues,
weder was seine Publikation anbelangt — es lag ja gedruckt vor —
noch seinen Themen nach. Wertvoller in literarhistorischer Beziehung
ist die Ausgabe zweier bisher unbekannter Theaterstücke; eines davon
befand sich im Archiv Öechov’s ohne Überschrift und wurde nun unter
dem Titel Hemapansar nbeca (6) herausgegeben; es ist in den Jahren
1880—1881 entstanden, aber nicht publiziert worden. Einen künst-
lerischen Wert besitzt das Stück nicht; es ist aber auch bezeichnend
für die dramatische Manier des Anfängers Cechov; er versuchte damit
erstmalig, ein kompliziertes Drama zu schaffen. Den Stoff bot das
Leben der Gutsbesitzer; die Handlung spielt in Südrußland und be-
absichtigt wird eine Charakteristik der Gegenwart. Im Drama wird
die Handlung um eine Person, Platonov, konzentriert, die stofflich mit
allen Heldinnen des Stückes zusammenhängt: mit seiner Person sind
fünf Liebesintrigen verbunden. Das Stück ist reich’an melodramatischen
Effekten: eine Heldin will sich unter einen Zug werfen, auf das Leben
des Helden werden zwei Anschläge gemacht, hysterische Frauen treten
auf, hinter der Szene ereignet sich eine Reihe von Todesfällen. Der
Dialog des Stückes ist gespannt expressiv. Gleichzeitig mit der melo-
dramatischen Formung des Stoffes wird im Stück ein naturalistischer
Plan verwirklicht: die Sprache der handelnden Personen wimmelt von
1) Die eingeklammerten Zahlen beziehen sich auf das beigefügte
Literaturverzeichnis.
Die Cechov-Forschung seit 1918 445
alltäglichen Themen, vulgarisiertem Wortschatz und Wendungen, Phrasen
— Sentenzen; die Handlung verläuft in alltäglichem, volkstümlichem
Milieu. In szenischer Hinsicht zeichnet sich das Stück durch die
Länge der Akte aus, Weitläufigkeit in den Dialogen, unmotiviertes
Auftreten und Abgehen der Personen, häufige Abschweifungen und
umfangreiche Monologe. Reflexe dieses nicht inszenierten Stückes finden
sich teilweise im Wpamop und JIenmüi. Dieses Stück ist interessant
als ein sehr früher Versuch Üechov’s, umfangreiches thematisches,
sprachliches und milieuzeichnendes Material zu verwerten; seine Form-
gebung geht auf den melodramatischen Stil der 80er Jahre zurück.
Das zweite, jetzt erst veröffentlichte Stück, der Einakter Tarsaua
Penuna (10, 9) stammt aus dem Jahre 1889; damals war Öechoy’s
Msanop bereits aufgeführt worden. In diesem Einakter stellte sich
echov die Aufgabe, durch ein Finale das gleichnamige Stück von
Suvorin fortzuführen und zu beenden; die handelnden Personen behielt
er bei und verlegte den Ort der Handlung in die Kirche (Trauung
Sobins mit der Olenina). Die Erlebnisse Sobins, in dramatischem Ton
behandelt, bilden trotz der in der Oechovliteratur verbreiteten Ansicht,
keine Parodie auf den Stoff des gleichnamigen Stücks von Suvorin.
Das ganze Stück durchziehen tragische Motive, die in stark expressiver
Form behandelt werden und es kompositionell organisieren. Für das
emotionale Thema des Dramas ist eine doppelte Umrahmung gewählt:
die kirchliche Trauungszeremonie, systematisch durchbrochen von Milieu-
schilderungen. Nur durch die Kontrastvereinigung allgemein-mensch-
licher, milieuhafter Züge mit feierlich-religiösen wird der Eindruck
einer Parodie erweckt. Unsere Aufmerksamkeit wird aber durch die
Ironie des Verfassers nicht von den expressiv-lyrischen und dramatischen
Leitmotiven abgelenkt, die in den stilistischen Absichten des ganzen
Stückes liegen. Bemerkenswert ist hier das. Suchen Cechov’s nach
Stilmitteln, um die lyrischen Partien im dramatischen Aufbau zu or-
ganisieren und naturalistisches Material einführen zu können; dieses
zog er zum erstenmal in der anfänglichen Redaktion des JIenmä heran.
Abgesehen von diesem dramatischen Experiment kann die Tarsına
Permna Bedenken erregen durch die falsche Hinlenkung der Aufmerk-
samkeit auf das Pseudoantireligiöse des Themas. Ob die Tarsana Pennna
als Parodie zu deuten ist, untersucht auch A. DoLININ in IIaponna nm
Tarsına Penuna (9). r
Aufschluß über die Entstehungsgeschichte der Cechovwerke geben
die von $. BALUCHATYJ in Petersburger Archiven aufgefundenen an-
fänglichen Redaktionen der Cechovwerke. Vorläufig hat Unterz. nur
die von der Zensur früher unterdrückten Stellen veröffentlicht im Auf-
satz Yexos u npamaruyeckan wersypa (11).
II. Briefe.
Die bekannte sechsbändige Ausgabe der Cechovbriefe, herausgegeben
von der Söhwester des Schriftstellers, M. Cechova, enthält nicht das
; ‚ 29%
446 S. BALucHaArtYI
ganze umfangreiche Briefmaterial. Eine Reihe neuer Briefe wurde
bereits in die Neuausgabe der einzelnen Bände dieses Werkes auf-
genommen. So finden wir in der 2. Auflage des zweiten Bandes (12)
der Öechovbriefe (hgb. M. Gechova) fünfzehn neue Briefe an bereits
bekannte Persönlichkeiten. Außerdem wurde in den letzten Jahren ‚die
Veröffentlichung neuer, in der großen Ausgabe nicht vorhandener Briefe
fortgesetzt. JU. SoBOLEV gab z. B. zwei Briefe des Gymnasiasten
Gechov an seinen Vetter M. Öechov heraus (30). V. BuscH veröffent-
lichte die in der Gesamtausgabe aus Zensurrücksichten fortgelassene
scherzhafte Stelle eines Öechovbriefes an I. L. Steglov (13). Gedruckt
wurden ferner: Briefe an I. Jasinskij (14), geschrieben anläßlich der
Mitarbeit Cechov’s an den Bnp;xepzre Benomocra, ein Brief an S. Andre-
jevskij (15), der durch die von Cechov gebotene Erklärung interessant
ist, warum es für ihn nicht möglich sei, dessen Buch zu besprechen;
ein Brief an O. Knipper (16) aus Anlaß der Inszenierung von Tpu
cecrpsi; Briefe an Ja. Polonskij (17) aus der Zeit, als Cechov an der
Cren arbeitete, enthaltend Äußerungen Üechov’s über die russische
Prosa (...,als ich noch Literaturgeschichte lernte, war mir bereits
eine Erscheinung bekannt, die ich fast zum Gesetz erhob: alle großen
russischen Dichter werden glänzend mit der Prosa fertig... Lermon-
tov’s Tamass und Puskin’s Kanuranckan nouka, ganz abgesehen von
der Prosa andrer Dichter, beweisen förmlich die enge Verwandtschaft
des saftigen russischen Verses mit der künstlerischen Prosa“), über die
Mitarbeit an Zeitungen und Zeitschriften, über den Charakter der
Journalistik Ende des 19. Jahrh.; Briefe an F. Cervinskij 1891—1904
(18); einen Brief an V. Korolenko (27); Geschäftsbriefe an verschiedene
Persönlichkeiten aus der Sammlung des Taganroger Öechov-Museums (5);
45 Briefe aus der Sammlung des PuSkinmuseums in Petersburg, her-
ausgegeben von B. MODZALEVSKIJ (20). Den letzten Briefen kommt
nur eine biographische Bedeutung zu. Ein besonderes Interesse be-
anspruchen nur jene Stellen (hauptsächlich an Marks), worin Cechov
von der Redaktion und Herausgabe seiner Gesammelten Werke spricht.
Die Tatsache, daß Cechov für die letzte, zu seinen Lebzeiten besorgte
Gesamtausgabe seine Werke sorgfältig bearbeitet und verbessert hat,
war bereits früher bekannt, hier erhält sie aber eine neue schlagende
Bestätigung. Die neue Ausgabe der Cechovbriefe des Puskinmuseums
in dem Üechov gewidmeten Sammelwerk (9) enthält den in biographischer
und teilweise auch sozialer Hinsicht (Urteile Cechov’s über L. Tolstoj)
interessanten Briefwechsel Cechov’s mit dem Publizisten M. Men’tikov,
ferner Geschäftsbriefe an A. Tichonov-Lugovoj, N. Gar$ina, I. Jasinskij,
A. Urusov, P. Bezobrazov, L. Tolstoj. Freundschaftlichen Charakter
trägt der gleichfalls hier publizierte Briefwechsel Cechov’s mit A. Suvo-
rina. In dem vor kurzem veröffentlichten Briefwechsel zwischen Cechov,
und Korolenko (21) finden sich keine neuen Briefe Cechov’s; im all-
gemeinen bietet er aber viel über die Beziehungen der beiden Schrift-
steller zueinander. Besorders wertvoll sind die in Berlin, Verlag Slovo
Die Cechov-Forschung seit 1918 447
1923, herausgegebenen, in Rußland nur in Auszügen erschienenen (22)
Briefe Cechov’s an seine Gattin O. Knipper. Dieser umfangreiche
Briefwechsel ist in biographischer und literarhistorischer Hinsicht wichtig.
Er gibt uns Aufschluß über die Arbeit Öechov’s an seinen letzten
Werken, besonders an den Tpm cecrpsı und dem Bummessrä can, über
seine Beziehungen zum Moskauer Künstler-Theater, über neue Züge
der Persönlichkeit des Schriftstellers. Eine teilweise Würdigung findet
dieser Briefwechsel in einem Aufsatz von SoBOLEV (80).
IIL Biographisches Material und Biographien.
Auch die Veröffentlichung von biographischem Material, haupt-
sächlich über den jungen Cechov, schreitet fort. So erschienen im
Druck Dokumente über den Vater des Schriftstellers, P. Öechov (25);
Dokumente aus der Gymnasiastenzeit und den ersten Studentenjahren
Cechov’s (30); Dokumente aus verschiedenen Lebensperioden aus den
Sammlungen der Cechovmuseen (66); Dokumente aus dem Theater-
museum des Verbandes der Dramatiker und Komponisten (24). Ver-
öffentlicht wurden einige Geschäftspapiere aus der Sammlung des Tagan-
roger Cechovmuseums (5). ‚Auf Grund der Bücherei dieses Museums
und des Materials aus dem Cechov-Kabinett in Jalta ist die Bibliothek
Cechov’s beschrieben worden, die gegen 2000 Bände enthielt, viele mit
Widmungen der Verfasser und Randbemerkungen Üechov’s (31). Zum
biographischen Material gehört auch der Aufsatz von M. KLENSKIJ über
Cechov als Gerichtschronisten (26). Wir erfahren hieraus zum ersten-
mal über die in der „Peterburgskaja Gazeta“ 1884 nichterschienenen
Feuilleton-Berichte Cechov’s in Angelegenheiten der Skopinschen Bank.
Durch Charakteristik von Inhalt und Stil dieser Berichte kommt
KLENSKIJ zum richtigen Schluß, daß es sich hier um frühe Proben
des „einfachen“, „natürlichen“ Stils handelt; sie vermehren unsere Kennt-
nis von den Quellen des künstlerisch-realistischen Stils von Cechov.
Auf Grund neuer Dokumente, hauptsächlich Briefe aus dem Korolenko-
Archiv legt A. DERMANN (27) in interessanter Weise die Gründe für
den Verzicht Cechov’s und Korolenko’s auf den Titel eines Ehrenmit-
gliedes der russ. Akademie dar.
In dem hier behandelten Zeitraum ist einigemal versucht worden,
die Biographie Cechov’s auf Grund von neuem Material oder neuer
Würdigung seiner Persönlichkeit und seines Werkes zu geben. Der
bekannte Schriftsteller E. ZAM’ATIN versah die von ihm herausgegebene
Auswahl von Erzählungen Cechov’s (4) mit einer interessanten bio-
graphischen Skizze. Abgesehen von einigen Einzelheiten erfährt hier
Öechov’s Leben und Schaffen eine sorgfältige und zutreffende Darstellung.
In beherrschter, zutreffender, stellenweise glänzender Weise ist die sich
an die reine Biographie schließende „Innere Entwicklungslinie Cechov’s,
die Biographie seines Geistes“ durchgeführt. Es wird darin über Fragen
der Weltanschauung, Religion, des Gemeinwesens gehandelt, über soziale
Motive in‘den Werken Cechov’s, seine Tendenz und seinen Realismus;
448 S. BALucHATYJ
hierzu bemerkt ZAM’ATIN: „Für die Erforschung des russischen Lebens
Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrh. ist alles von Öechov Ge-
schriebene ein ebensolches Dokument wie die Nestorchronik für die
Erforschung Altrußlands“. Weiter folgen fein abgewogene Bemerkungen
über die realistischen Gestalten, die Stilmittel Öechovs, des Impressio-
nisten, über seine Neuerungen in der Dramaturgie. Es sind Ausblicke,
Richtlinien, kurze Charakteristiken, knappe Schemata, die jedoch die
Möglichkeit weittragender Ausführungen des Verfassers über seine
Cechovstudien ahnen lassen.
Das Buch Michael Cechov’s, des Bruders unseres Schriftstellers (29)
gehört bereits zur biographischen Memoirenliteratur; es ist eine Zu-
sammenfassung dessen, was er früher über Cechov geäußert hat #Kypna«
nıa scex 1905 Nr. 7, 1906 Nr. 7; Sammelwerk Hosoe cnoso Heft 1,
1907, Sammelwerk fe) exoge 1910; endlich in der Biographie zur
sechsbändigen Briefausgabe Cechov’ 5). Unter den Memoiren zeichnen
sich die früheren Erinnerungen Michail Cechov’s durch strenge Sach-
lichkeit aus; sie erlauben, auch das Nichtausgesprochene richtig und
nach Gebühr einzuschätzen. Die gleichen Vorzüge weist auch das neue
Buch auf, obgleich der Titel (Auron Yexos u.ero cıokersı) unglücklich
gewählt ist; bei der heute herrschenden theoretischen Einstellung zu
den „Sujets in der Literatur“ verheißt er etwas, was das Buch nicht
bietet, denn es wird darin nur ÜÖechov’s Leben erzählt mit besonderer
Berücksichtigung jener Episoden, die die Entstehung einzelner Werke
hervorriefen. Erwähnung finden über 50 Erzählungen. Wie früher
werden die ersten Schaffensperioden Cechov’s (die Moskauer mit Nieder-
schlägen aus der Taganroger und Melichover) eingehender beleuchtet.
Die Darstellung ist schematisch und hält sich streng an die Tatsachen.
So ist es ein Abriß der ersten und vorläufig noch einzigen literarischen
Biographie Cechov’s (das Werk von MUSKATBLÜT enthält j ja nur Material
für eine Biographie bis 1890, das Buch von IzMAILOV ist ein er-
weitertes Zeitungsfeuilleton). Für alle späteren Öechovhiographien wird
aber dieser Abriß eine unersetzliche Grundlage sein. Öechoy’s Bruder
übergeht die inneren Antriebe, er behandelt aber die äußeren Anlässe
für das Schaffen resp. ihre Reflexe im Werk, die nach Ort und Zeii
fixiert sind. Man ersieht aus dieser Biographie so recht, wie notwendig
es ist, die tieferen organischen Zusammenhänge zwischen dem Leben
und «dem Werk eines Schriftstellers aufzudecken.
IV. Memoiren.
In den letzten Jahren wurde die Öechovliteratur durch wertvolle
Memoiren von Persönlichkeiten, die den Schriftsteller gut kannten,
bereichert. Teilweise enthalten sie neue Tatsachen, teilweise allgemein-
bekannte Episoden aus dem Leben und Schaffen des Schriftstellers in
neuer Beleuchtung. Wertvoll sind darunter die Erinnerungen von
A. Koni (Cechov’s Reise nach Sachalin; die Persönlichkeit des‘ Schrift-
stellers), A. Suvorina (hauptsächlich ae die Inszenierung der Yalıka
Die Cechov-Forschung seit 1918 449
und über persönliche Zusammenkünfte), T. S&epkina-Kupernik (über
Zusammenkünfte mit Üechov in seiner Moskauer Frühperiode) (9).
A. Goldenweiser’s Erinnerungen an Tolstoj (37) enthalten dessen Urteile
über Cechov, die‘ für ihn wie überhaupt für alle tiefer veranlagten
Kritiker jener Zeit (N. Michajlovskij) charakteristisch sind. Tolstoj
hebt die realistische Technik Cechov’s hervor, seine schlichte und aus-
drucksreiche Sprache und seine Eigenart gleichsam in „Flecken“, mit
hingeworfenen Worten ohne unnütze Details zu schreiben und ist zu-
gleich unwillig darüber, daß Cechov eine „bestimmte Weltanschauung“
fehle; nach Tolstoj sind die Erzählungen Cechov’s „Mosaiken ohne
einen leitenden inneren Faden‘, die Dramen — ohne Handlung. Die
gleiche Außerung Tolstoj’s, Cechov sei ein Schriftsteller „ohne einen
bestimmten Standpunkt“ führt auch BIR’UKoV im 3. Bande der Tolstoj-
biographie (38) an. Es ist begreiflich, daß eine Zeit, die zu ihren
„Prinzipiellen* und konfessionellen Ansichten über Kunst und deren
soziale Rolle treu hielt, die „prinzipielle Prinziplosigkeit“ der neuen,
mit Öechov beginnenden ästhetischen Theorie nicht organisch aufnehmen
und anerkennen konnte. i
Nach den episodischen und farblosen Erinnerungen an Cechov von
I. BELOUSov (35) greift man gern zu denjenigen der Gattin Cechov’s
0. KnIPPpER (36); sie macht neue wertvolle Mitteilungen über die
Eindrücke Cechov’s von der Inszenierung der Yaüxa, über einige Züge
seiner schöpferischen Einfälle, seine letzten Tage und sogar Stunden.
Einzigartiges Interesse beansprucht das Tagebuch von SUVORIN (39);
es sind Aufzeichnungen über das Zusammensein mit Cechov und über
einzelne Gedanken dieses Schriftstellers. Hier finden wir eine Reihe
neuer Tatsachen (die Absicht Cechov’s, eine Zeitung herauszugeben,
den Versuch, Maupassant zu übersetzen), Cechov’s Gedanken über Tod,
Freundschaft, Liebe, Frauen; seine Meinung über Gorkij; Mitteilungen
über die Inszenierung der Yaüka; biographisches Material; Urteile
Tolstoj’s und besonders Suvorin’s über Öechov als Schriftsteller. Dieses
Tagebuch bietet durch seinen reichen Inhalt und intimen Ton eine
neue, mitunter gänzlich unerwartete Beleuchtung der Beziehungen
zwischen diesen zwei größten Gestalten aus dem Ende des 19. Jahrh.,
dem Schriftsteller Cechov und dem Verleger und Feuilletonisten Suvorin;
es zwingt uns auch die in der periodischen kritischen Literatur tra-
ditionelle Auffassung von der „Freundschaft“ dieser Persönlichkeit zu
revidieren.
V. Arbeiten über die Prosa.
Die Erforschung der novellistischen Eigenart Cechov’s ist, heute
eine der wichtigsten Aufgaben der russischen Literatur. Die von Öechov
ausgearbeitete beschreibende und psychologische Milieuschilderung, seine
Stilmitiel in der Fixierung der Merkmale der beschriebenen Objekte,
überhaupt seine sorgfältige und ausdrucksvolle Arbeit am Wort haben
zur Erneuerung der Erzählungsmanier beigetragen und sind grundlegend
450 S. BALUCHATYJ
für den neuen Novellenstil geworden; dieser beginnt mit Cechov und
verzweigt sich später in die einzelnen stilistischen Manieren seiner
Nachfolger. Die literarhistorische Bedeutung Üechov’s ist noch bei
weitem nicht genügend gewürdigt; heute wirft man dieses Problem
nur in den Arbeiten über Cechov’s Prosa auf.
In seinem nur auf Briefmaterial, hauptsächlich den neuerschienenen
Briefen Cechov’s an Polonskij beruhenden Aufsatz handelt N. ‚PIKSANOV
über Öechov zur Zeit der Abfassung der Crens (40). Üechov der
Miniaturist war damals durch seine literarischen Freunde veranlaßt
worden, große und verantwortungsvolle Sachen zu schreiben. Diese
erste große Novelle Cechov’s betrachtet PIKSANOV unter dem Gesichts-
punkte des Kampfes zwischen zwei Poetiken: der kurzen Erzählung
und der großen Novelle. Nach Pıksanov hat Cechov durch die
Schaffung der Crens „die Poetik der kurzen Erzählung überwunden‘;
auf diese erste Novelle folgten weitere: WImenunsi, CkyyHan ucTopun.
Ayass, IIanara Nr. 6 u.a. Das interessante und für die Erforschung
der Frühperiode Öechov’s kardinale Problem des Suchens nach der
„großen Form“ wird jedoch in diesem Aufsatz von PIKSANOV nicht
gelöst. Ob Cechov tatsächlich die Poetik der „kurzen Erzählung“ über-
wunden hat, indem er die ihn selbst nicht befriedigende Crenp schuf,
bleibt hier unentschieden. Dieses Werk hängt doch in keiner Hinsicht
mit der erzählenden Literaturgattung im wesentlichen zusammen; nach
Cechov ist es das „Originelle“, das zu keiner der traditionellen litera-
rischen Formen paßt. Außerdem hat der vielleicht im Novellenstil
gedachte Pacckaa HenaBecTHoro ueroBeka, dann Mor »kusus und selbst
Ayasıs nicht künstlerisch überzeugende Cechov’sche Formen: sie besitzen
nicht die Eigenschaft seiner vollkommenen Miniaturen. Es ist auch
seltsam, daß Cechov selbst diese „Überwindung“ nicht weiter ausgenutzt
hat: in seinen darauffolgenden Erzählungen kehrt er wieder zur miniatu-
ristischen Komposition zurück. Eine statistische Tafel der wenigen,
von Cechov nach 1880 gedruckten Erzählungen (von PIKSANOY zitiert)
sagt weder über den Umfang, noch über die Poetik dieser Erzählungen
etwas aus: Ö. bleibt bis an sein Lebensende in der Prosa dem Umfang nach
Miniaturist, der Poetik nach Verfasser kurzer Erzählungen. Ausnahmen
bilden nur solche Werke wie My»kukn und B ospare. Im Aufsatz Typreues
u “Mexop (41) gibt A. DoLININ eine vergleichende Analyse der Er-
zählungen Cunnanne von Turgenev und Ereps von Üechov, die in Thema
und Sujet einander ähnlich sind. Durch eine vergleichende Analyse
dieser ähnlichen Erzählungen versucht der Verfasser, die Unterschiede
in der Manier und den erzählenden Stilmitteln dieser beiden Schrift-
steller festzustellen. Aus methodologischen Erwägungen verwirft DOLININ
die Frage der „Beeinflussung“ und beschränkt sich nur auf die Fest-
stellung der „Ähnlichkeit“ zwischen den beiden Erzählungen; darauf
folgt eine genaue Charakteristik der Architektonik und künstlerischen
Stilmittel von Turgenev’s Cuupanne und Cechov’s Ereps. Der Aufsatz
ist interessant durch die Anwendung der stilistischen Analyse und die
Die Cechov-Forschung seit 1918 451
Beobachtungen über die Verschiedenheiten des novellistischen Stils der
beiden Schriftsteller, trotzdem sie das gleiche Sujet behandeln; bei
Turgenev finden wir: Enthüllung der „subjektiven“ Grundlage der
Erzählung, „Parallelismus“ zwischen Natur und Mensch, geschwächtes
Interesse fär das Milieu, ständige emotionale „Begleitung‘, Reichtum an
Details und Farben, obligatorische Landschaftsschilderungen, Streben
nach „Effekten“. Bei Cechov — objektive Grundlage der Erzählung,
Einschränkung des Landschaftlichen auf ein Minimum, die handelnden
Personen stets in ihrem Milieu, nur Helden als Träger der Gefühle,
Verstärkung des emotionalen Moments gegen Ende der Erzählung, Ein-
haltung der epischen Form, spärliche Farben, lakonische Kürze in den
Details, wenig allgemeine Ausdrucksmittel.
Zum 20ten Todestage Üechov’s erschienen eine Reihe von Auf-
sätzen, die auf seine gesellschaftliche Bedeutung hinwiesen (42, 43, 44,
45, 46, 47); hauptsächlich hervorgehoben wurde die Bedeutung seiner
Werke für die Charakteristik der russischen Gesellschaft in den 80er
und 90er Jahren, sowie der hohe Wert seines Prosastils.
VI. Arbeiten über die Dramen.
Gleich den Novellen werden in den letzten Jahren auch die Dramen
Cechov’s sorgfältig untersucht. Sie sind für die gesamte russische
Dramaturgie von größtem Einfluß gewesen, weniger durch ihren ideellen
Inhalt, der an „Romane“ erinnert, als vielmehr durch ihre Technik.
Die neuen, von Üechov eingeführten Prinzipien der Inszenierung von
dramatischem Material mußten eine Reform der Bühnentechnik hervor-
rufen. Daher ist auch die Geschichte der Cechov’schen Dramaturgie
aufs engste mit der Entwicklung des Moskauer Künstlertheaters ver-
bunden, mit der in Rußland Ende der 90er Jahre eine neue Theaterära
anbrach. Die Frage nach der Entstehung des neuen psychologischen
Milieudramas, wie auch der neuen Milieubühne weist den Forscher un-
weigerlich auf Cechov’s Dramaturgie hin. Bemerkenswert in dieser
Beziehung sind die erschienenen Monographien über die Tpu cecrpzı (48)
und den Buıumessıü caı (49) in der Inszenierung des Moskauer Künstler-
theaters. Sie handeln über die Inszenierungsgeschichte dieser Stücke
und charakterisieren die dabei angewandten Prinzipien der Regisseure
und Schauspieler. Es sind Werke in der Art großer Albumfeuilletons,
die weder auf eine erschöpfende szenische Analyse noch auf eine voll-
ständige illustrative Beschreibung der Stücke Anspruch erheben. Ein-
zelne Monographien über die Regisseure und Schauspieler des Künstler-
theaters — Stanislavskij (50), Nemirovi-Dantenko (51), Katalov (52),
ausgeführt in demselben großen Feuilletonstil, enthalten nicht wenig
wertvolle Bemerkungen über die Behandlung der Rollen in den Cechov-
stücken. Viel Material zur Inszenierungsgeschichte der Cechovstücke
und der Darstellungsmethoden findet sich in dem zum Jubiläum des
Künstlertheaters erschienenen Buch vor N. EFRoS (56). V. TEL’AKOV-
sKu (55) teilt in seinen Memoiren die Umstände mit, unter denen
4593 S. BALUCHATYJ
Iapı Bann für eine Inszenierung in den früheren Kaiserlichen Theatern
abgelehnt wurde. Einige Bemerkungen zum Stil der Öechovdramen
finden wir bei WOLKENSTEIN in den Büchern über Stanislavskij (53)
und über die Dramaturgie (54).
Über Üechov’s Einakter Tarsına Pennna hat A. DoLInIn ge-
schrieben: Haponun ın Tarpana Pennna Mexosa? (9); er bsantwrörtel
diese Frage in negativem Sinn und hält das Stück für den ersten
Versuch Öechov’s, ein Drama mit Iyrischen Stilmitteln zu schreiben.
Obgleich DoLinin das Suchen nach einer neuen dramaturgischen Ferm
und ihren Reflex in diesem „Scherz“ Cechov’s richtig erkennt; handelt er
doch größtenteils von der literarhistorischen Umgebung dieses Stückes (dem
Anteil Öechov’s am gleichnamigen Stück von Suvorin); die stilistischen
Zusammenhänge mit den späteren dramatischen Werken Öechov’s werden
kaum analysiert. M. E. würde eine sorgfältigere vergleichende stilistische
Charakteristik von Tarpına Pennna, Meanos und Jlemmü eine Reihe
mißverständlicher Fragen lösen, die sowohl durch den Aufsatz von
DOLININn wie auch besonders durch das Stück selbst entstehen.
M. GRIGORJEV (57) versucht, die darstellenden und auf die Psyche
der Zuschauer einwirkenden Elemente der Cechoystücke zu analysieren.
Die Arbeit stellt sich „die Untersuchung der Cechov’schen szenischen
Methodologie“ zur Aufgabe und zerfällt in zwei Teile: „im ersten werden
die Motive der Lebensweisheit bei Cechov festgestellt, im zweiten wird
die Gestaltung dieser Motive durch szenische Termini“ behandelt. „Die
Motive der Lebensweisheit und szenischen Termini können, nach dem
Verfasser, als Inhalt und Form der Cechovstücke betrachtet werden“.
Ferner werden die verstreuten Kompositionsmittel der Stücke unter-
sucht; hauptsächlich als Elemente, denen diese oder jene psychologisch-
metaphysische Rolle zukommt. GRIGORJEV beginnt mit einer Analyse
der „musikalischen Begleitung“ in Form von Lauteffekten oder Effekten
der ‚Stilles, des „Schweigens“, die sich in den Öechovstücken findet
und ihren emotionalen Hintergrund bildet. Der Verf. untersucht dann
einige Arten von Bühnenanweisungen. Er weist auf die Mannigfaltigkeit
des lautlichen Kolorits, die Dynamik der Laute hin und ihre Anpassung
an die Situationen der einzelnen Akte; gleichzeitig wird auch der Anteil
des musikalischen (lautlichen) Moments ‚an den Stücken gewürdigt.
Weiterhin analysiert der Verf. das bei Cechov häufige Stilmittel des
„Abschieds und der Begegnung“; er erklärt es als ein Stilmittel, das
Momenten verstärkter und gehobener Gemütsbewegungen entspricht;
das xonkrete Stilmittel der dramatur gischen Poetik Öechov’s erhält dabei
in der Behandlung des Verfassers die Bedeutung „eines inneren musi-
kalischen Charakters“, „einer inneren lautlichen Dynamik“, „einer musi-
kalischen Komposition“. M. E. verdunkelt eine solche „musikalische“
Erklärung oder richtiger nur terminologische Charakteristik das Problem,
weil dadurch der durch das Stilmittel „Abschied und Begegnung“
eigentümliche Rhythmus der Handlung im Stück nicht hervorgehoben
wird; dieser ist eng verbunden mit dem Anschwellen und Abebben
Die Cechov-Forschung seit 1918 4583
der Emotionswellen (im Erleben der handelnden Personen) und mit
dem milieuschildernden Stil der Stücke. Außerdem werden im Aufsatze
noch die Schlußszenen der Üechovstücke analysiert (die optimistischen
Repliken und ihre metaphysische Rolle bei Andeutung der Ausblicke
in die Zukunft), Stilmittel, die in die intimen Seiten des Familienlebens
einführen, groteske Verknüpfung des Tragischen mit dem Komischen
in den Stücken und ihr Sinn; es wird auch über die Bedeutung der
Geschmacksempfindungen bei Cechov gehandelt. Der Verf. hat recht,
wenn er behauptet, daß es nötig und an der Zeit sei, die „szenische
Methodologie“ der Cechovstücke zu definieren. M.E. müßte das aber
in einer konkreteren und organischeren Weise geschehen. Der meta-
physische Beigeschmack der Erklärungen des Verf., wenn auch „in das
System der in szenischen Termini ausgedrückten Cechov’schen Lebens-
weisheiten“ gehüllt, ist allzu unbeständig, weil die dramaturgischen
Stilmittel Cechov’s einzeln genommen und charakterisiert verschieden
gedeutet werden können und noch nicht das richtige Verständnis des
dramaturgischen Systems als eines Ganzen erschließen. Sie müßten im
System des Cechov’schen psychologischen Milieustils, im System der
traditionellen oder neu erfundenen Kombinationen dieser Stilmittel gefaßt
werden. Die konkrete „szenische Methodologie“ Cechov’s kann nur durch
eine evolutionsstilistische Analyse seiner gesamten dramaturgischen Mittel
geklärt werden, die in jedem einzelnen Stück besonders organisiert sind,
nicht aber durch eine extrem subjektive psychologisch-metaphysische
Würdigung einzelner dramatischer Stilmittel aus verschiedenen Stellen
zeitlich voneinander geschiedener Öechovwerke.
Der Cechovbühne ist teilweise ein Aufsatz von S. JELEONSKIJ (58)
gewidmet. Der Verf. vergleicht das von Ostrovskij gemeinsam mit
N. Solovjev 1881 geschriebene Drama Cserur za He rpeer mit dem
Bnunnessrt can und behauptet, daß jenes inhaltlich und durch die
Situation der handelnden Personen an das Üechovstück erinnere. Die
Übereinstimmungen (gleichklingende Familiennamen, identische Charak-
terzüge, ähnliche äußere Situationen) sind mitunter verblüffend; durch
die vom Verf. angeführten „nichtzufälligan“ Übereinstimmungen wird
diese Frage aber noch nicht gelöst: vergleicht man die beiden Stücke
im einzelnen so bleiben doch noch allzuviel Abweichungen bestehen.
Läßt sich das Gemeinsame der einzelnen Stellen nicht als stilistisches
Resultat erklären, bedingt durch den gleichen Ausgangspunkt — die
künstlerische Konzeption oder das Thema der beiden Dramaturgen ?
Im ideellen Plan beabsichtigen sie ja beide, ein Bild der „überlebten
adligen Kultur“ zu geben. Es mag sein, daß sich Öechov bei der Be-
arbeitung dieses Themas von irgendwelchen Reminiszenzen an ein früher
gelesenes oder gesehenes Stück leiten ließ.
Über die Textgeschichte, Komposition und Charakteristik der dra-
maturgischen Stilmittel Cechov’s handeln die Arbeiten des Unterzeich-
neten. Sie beruhen auf den von ihm in Petersburger Archiven ge-
fundenen zensierten Manuskripten und'szenischen autorisierten Texten aller
454 S. BALUCHATYJ
Cechovstücke; die meisten davon sind frühe oder Übergangsredaktionen,
die stark von den endgültigen, allgemeinbekannten abweichen. Vor-
läufig konnte nur das-Resum& über eine Analyse der Textgeschichte
von Usauos und JIemmü veröffentlicht werden; das letzte Stück hat
echov in Nana Baua umgearbeitet (59). Auf Grund der überlieferten
Handschriften des Usanos (59, 60) ließen sich vier Redaktionen fest-
stellen, ein Beweis dafür, wie schwierig sich für Cechov die Arbeit an
seinem ersten großen Drama gestaltete. Durch eine Charakteristik der
Eigenarten einer jeden Redaktion dieses Dramas und der kompositio-
nellen Unterschiede der verglichenen Texte lassen sich bestimmte Ten-
denzen feststellen, von denen sich Cechov bei der kompositionell-
stilistischen Bearbeitung der einzelnen Redaktionen leiten ließ: Cechov
bemühte sich, einen den Anforderungen der Bühne entsprechenden und
literarisch vorbereiteten (szenischen und literarischen) Text zu liefern.
Alle radikalen kompositionellen Abweichungen zwischen den einzelnen
Texten entstanden hauptsächlich durch eine Umarbeitung des Finale:
durch Änderung des Kompositionsplans machte Cechov aus einer dra-
matischen Komödie ein Drama. — Den JIemnä hat Unterz. nach der
von ihm aufgefundenen ersten Redaktion untersucht, die später in der
bekannten zweiten, von Üechov stark geändert worden ist. Ein Ver-
gleich dieser zwei Redaktionen zeigt, welch große Bedeutung der an-
fänglichen Redaktion im Suchen Üechov’s nach einer neuen Form des
Dramas zukommt. In der ersten Redaktion strebte Cechov danach,
neuen originellen Bestrebungen im szenischen Plan Ausdruck zu ver-
leihen: ein Stück so zu konstruieren, daß die Zuschauer eine Illusion
vor dem Alltagsleben mit seinen geringfügigen alltäglichen Zufälligkeiten
der Handlungen und Gesten, seinem verwickelten Redefluß erhalten.
Das Ziel Cechov’s war, dem konventionellen realistischen Dramenstil
seiner Zeit neue „naturalistische Tendenzen“ entgegenzustellen, dann
Bekämpfung der in den 80er Jahren üblichen melodramatischen Mittel
zur Zeichnung der handelnden Personen; aus diesem Grunde wandte
Cechov im JIemmä lyrische Stilmittel an, die expressiven Redeformen
unterstrich er durch reiche Iyrische Partien mit breitem Spielraum für
Pausen. Das lyrische Material des Stückes erlaubte es Cechov, das
psychologische Dramenmaterial mit Hilfe neuer Stilmittel zu organi-
sieren. In dieser, originellen, die dramatische Tradition der Zeit durch-
brechenden Form kam der JIemmä an das Theater, wurde aber in dieser
für die frühen reformatorischen Bestrebungen Oechov’s charakteristischen
Gestalt abgelehnt. Cechov sah sich genötigt, das Stück einer Um-
arbeitung zu unterziehen; den Forderungen der damaligen Bühne ent-
gegenkommend, (gab er seine originellen Stilmittel, die naturalistische
und Iyrische Materialformung auf. Als er nach der Yaüra sich wiederum
im Mana Bann dem JIemnü-Sujet zuwandte, kehrte er auch zu den
bei der Yaüika erprobten frühen naturalistischen und psychologischen
Methoden zurück.
Die Textgeschichte und Komposition der übrigen großen Cechov-
Die Cechov-Forschung seit 1918 455
stücke ist noch nicht geklärt. Einen Hinweis auf die eigenartige
Stellung, die der Monologszene O spene ra6aka (überliefert in zwei
Redaktionen) in einer Reihe anderer Cechovstücke zukommt, enthalten
die vom Unterz. veröffentlichten Iromsı (59). Nach Abfassung der in
Moll gehaltenen Tpn cecrpsi, die von der Kritik stark umkämpft worden
sind, wandte sich Cechov unter Einfluß von neuen Forderungen des
Publikums der rein komischen Literaturgattung, dem Vaudeville zu.
Damals (1902) arbeitete er das alte Vaudeville O spexe radaza (1886)
um, führte in den anfänglich komischen Plan lyrisch-dramatische Partien
ein. *Diese Umsetzung seines alten Werkes in eine neue Tonart brauchte
Cechov als Vorarbeit zu einer großen Komödie, dem Bummessü can,
einem in Durton mit originellen Komödienstilmitteln geschriebenen Stück.
In einer anderen umfangreichen Arbeit (61) beschreibt S. BALu-
CHATYJ Cechov’s dramatischen Stil, die Stilmittel seiner dramaturgischen
Technik. Cechov’s ganze dramaturgische Praxis ist nur ein einziger Weg,
der die Lösung neuer Probleme und die Verwirklichung neuer Tendenzen
anstrebt. Der Verf. verfolgt die verschiedenen dramatischen, komposi-
tionell-stilistischen Systeme Üechov’s; durch eine Charakteristik der
Stücke in chronolögischer Reihenfolge wird die Entstehung von Cechov’s
dramatischen Formen festgestellt, Komposition und Stil der einzelnen
Stücke behandelt, eine Analyse der fertigen, gefestigten Form geboten.
Den Dramen folgend betont der Verf. folgende Elemente des Cechovstils.
Im Hsanos war für das psychologisch-soziale synthetische Thema des
Stücks eine allseitige Erneuerung der Stilmittel ihrer dramaturgisch-
szenischen Interpretation nicht vorgesehen. Üechov bediente sich nur
einzelner neuer Züge des milieuhaften und szenischen Stils. Im allge-
meinen bereitet sich die psychologisch-naturalistische Stiltendenz des
Dramaturgen vor. Mit den Kompositionsmitteln des üblichen dramatischen
Stils bricht Öechov im Jlemmät: er verzichtet auf ein Sujet mit kompliziert
zu entwickelnder Fabel und auf eine dynamische Durchführung ihrer
Grundlinien („Handlung“); schränkt die Gruppierung der Personen des
Dramas nach „Helden“ ein und zerstört das übliche System der Rollen-
verteilung. Im Stil des Stückes machen sich zwei Tendenzen bemerkbar:
die naturalistische — im Dialog und der szenischen Begleitung des
milieuhaften Materials, und die expressiv-emotionale — in den zahlreichen
lyrischen Partien des Stückes. In der Yaika werden die Tendenzen der
vorhergehenden Stücke fortgeführt. Die dramatischen Situationen und
„Erlebnisse“ der Personen finden eine Lösung im System der expressiven
Rede- und Kompositionsftormen. Das milieuhafte Element des Stückes wird
im Dialog mit milieuhafter Thematik und Motivierung entwickelt. Durch
das Fehlen einer Einteilung der Akte in Auftritte durchbricht das Stück
die Struktur des üblichen Dramas. Somit stellt die Yatika als Ganzes
genommen den ersten szenisch realisierten Versuch (der JIemmit wurde
in der ersten Redaktion nicht aufgeführt) @ines durch originelle Wort-
und Szenenmittel eıneuerten psychologischen Dramas mit einem Hinter-
grunde und einer Handlung, die milieuhaft durch lyrisch-expressive
456 S. BALUCHATYJ
Stilmittel in Molltonart organisiert ist, dar. Aann Bann trägt dieselben
Stilmerkmale wie die Yaika; das Thema ist aber nicht eine Liebesfabel,
sondern ein psychologisch-soziales, aus dem Alltagsleben der „Familie“.
In den Tpn cecrpsı werden die mannigfaltigen Stilmittel der Iyrischen
Redeform und der lyrisch-expressiven Anordnung des Dialogs und der
Komposition herausgearbeitet. Eine weitere Überwindung des damals
üblichen szenisch-kompositionellen Plans zeigt sich in der Struktur der
Akte: die Fortführung eines Dialogthemas ist nicht mehr an eine Szene
resp. eine Gruppierung der Personen gebunden. Stilistisch dominiert
die Ausarbeitung eines charakteristischen und lyrischen Dialogs in milieu-
haften Ausdrucksformen. Abweichend von den vorhergehenden Dramen
entwickelt Cechov im Bnummepsrä can das sozial-synthetische Thema im
Plan einer neuen Literaturgattung (komödienhafter, nicht dramatischer
Plan) in Durtonart. Durch die einfache Linienführung des Sujets ist das
Stück der dramatischen und stofflichen Spannung entkleidet; das Sujet
entwickelt sich ausschließlich durch den milieuhaften Verlauf einer ganz
einfachen Fabel, die des in allen vorhergehenden Oechovdramen üblichen
Liebesanlasses entbehrt. Aufgebaut ist dieses Drama auf einer des-
organisierten Gliederung der Komposition und zugleich auf einer lyrischen
und symbolischen Vereinigung der Kompositionsteile und einzelner
Elemente der Rede.
Das von Üechov geschaffene, neue psychologisch-naturalistische
Drama weist folgende Eigentümlichkeiten auf:
im Bau der Handlung: Vereinfachung der Verflechtung der
Handlung in ihren Hauptfäden; Einschränkung der „Ereignisse“ auf ein
Minimum; Umgestaltung des Sujets zu einer milieuhaften Kette von
Geschehnissen und Tatsachen;
in der Zeichnung der Personen: lakonische und schema-
tische Aufzeichnung einer beschränkten Anzahl charakteristischer Züge;
nicht „Bewegung“ sondern „Enthüllung“ des Charakters in seinem emo-
tionalen Gehalt; Fehlen eines Finale, das abschließend für die Cha-
rakterentwicklung ist;
in der Komposition: Ersetzung der Gliederung eines Aktes
nach thematischen Gruppen durch eine unmotivierte Aufeinanderfolge
von Dialogthemen, die auf den milieuhaften Verlauf der Rede und der
Handlungen orientiert sind; Verzicht auf eine für Sujet und Charaktere
finale Funktion des letzten Aktes;
Im dramatischen Plan: Abschwächung scharfer dramatischer
Situationen, der Aktfinale, Abschwächung des dynamischen Ganges und
Auswertung von Effekten, die durch einen passiven, lyrischen Verlauf
der zutage tretenden Emotionen erzielt werden;
in der Führung des Dialogs: wie in der Aktkomposition
— Ersatz der szenisch organisierten Bewegung eines Themas durch die
desorganisierte Bewegung einer Reihe von Themen, die unmotiviert
unterbrochen, zerrissen und durchbrochen werden, milieuhafte und emo-
tionale Organisation des Dialogs;
Die Cechov-Forschung seit 1918 457
in der szenischen Komposition: Ausnutzung einer milieu-
haften und expressiven Inszenierung, der Pausen und Laute, durch
welche die Enthüllung der sprachlich charakteristischen Themen er-
gänzt wird.
echov war stets bemüht, die psychologisch-naturalistischen Ten-
denzen zu verfolgen, die er in einem originellen, kompositionsstilistischen
System verwirklichte. Dieses System besteht in der psychologischen
Nuancierung der Charaktere und Emotionen, der Reden und Intona-
tionen, der Gesten und Handlungen; in der naturalistischen Nuancierung
des szenischen milieuhaften Hintergrunds, der milieuhaften Charaktere
und emotionalen impulsiven Äußerungen dieser Charaktere; in einer
expressiven Nuancierung der emotionalen Vereinigung des vorhandenen
psychologisch-naturalistischen Materials durch Lyrisierung der Reden
und Gesten, Auswertung der Redetonalität, des Laut- und Pausenspiels.
Das von Cechov geschaffene dramatische System hat durch Ver-
zicht auf die traditionelle Form des Milieudramas und Vernachlässigung
der damals üblichen szenischen Mittel des künstlerischen Einflusses die
Erneuerung des dramatischen Stils durch den Erzählungsstil herbeige-
führt. Die Inszenierung eines solchen Dramas setzt eine neue Arbeit
des Theaters voraus, die in ihren Bühnenprinzipien mit den eigenartigen
Stiltendenzen des Dramaturgen kongruent sein mußte. Nur im Moskauer
Künstlertheater haben die Cechovstücke eine der Konzeption und den
Tendenzen entsprechende künstlerisch überzeugende szenische Inter-
pretation erhalten.
Bibliographie russischer Arbeiten über Cechov seit 1918?)
Cechov-Ausgaben.
a) Neudrucke bekannter Texte.
1. Honsoe co6panne counuennü 23 Bände Petersburg Literaturverlag
des Kommissariats für Volksbildung 1918 (Unveränderter Neudruck
der bei A. Marks erschienenen Üechov-Werke).
2. Us6panngıe mpamarnyeckne nponspenenun (Haika, Ina Bann,
Buwmeszft can) hgb. S. BALUCHATYJ Moskau-Petersburg Gosizdat
1923.
3. Us6panusıe pacckasst Lief. I, II, III. Hgb. S. BALUCHATYJ Moskau
Petersburg Gosizdat 1923.
4. Us6pannsie counuennn Band I. Redigiert, eingeleitet und mit
Anmerkungen versehen von E. ZAM’ATIN Berlin-Petersburg, Verlag
Grzebin 1921.
1) Ein Verzeichnis der russischen Cechovliteratur (1904—1914)
enthält SOBOLEV O Yexoze Moskau 1915; die wichtigsten Arbeiten von
1914 bis 1923 bietet VLADISLAVLEV Pycckne mncarenn Petersburg
1924; über die neuesten Arbeiten vgl. auch den Aufsatz von SOBOLEV
Nr. 63.
458 S. BALUCHATYI
5.
6.
d
8.
9
10.
11.
12.
13.
14.
15.
b) Neue Texte.
S. BALUCHATYJ Hensnaunsıe marepmansı YexoBCKofM KOMHATEH BT.
Taranpore. JInreparypsan Msıcnb II Petersburg 1923 $. 216—-221.
A. P. ÖecHov Hensnauuan npeca Moskau Verlag Hosar Mocksa
1923 SS. 253. Redigiert,, eingeleitet und mit Anmerkungen ver-
sehen von N. BEL’CIKOV.
S. BALUCHATYJ Ba6sınık pacckas Mexosa „O6nseü‘ (im Anhang
die Textausgabe) in 3Kusup Vcerycersa 1924 Nr. 4 8.15; Nr. 5
Ss. 12—14.
Hensnansaan ckaska A. II. Mexosa. Vorwort von S. L’UBIMOV
Kpachzıt Apxus Bd. VIII (1925) S. 237—239.
A. P. ÖncHov 3aTepAHHLIe HPONsBeNeHHA, HeM3NAHHLbIe IUChMA, BOC-
nomzHaunA, Ön6nmorpabun. Hgb. BEL’AJEV und DOLInIN Tpyası
IIyukuackoro ]Ioma npu Poccuückoä Aranemun Hayk Petersburg
Verlag Areneä 1925 SS. 301. Inhalt: 3arepraunsie pacckasp u
crarsu Yexosa — ‚lo amepmkanckr‘‘, „Mesichu ynratena Taser m
»KypHanop‘‘, „Cayyau‘‘ „Mania grandiosa*, „K cBenenmo rpyruei‘‘,
„OKBAaMeH‘‘, „‚aunsie mpasuna‘“‘, ‚„‚Ciyrkeönste MoMerkn‘“‘, „Moä
Momocrpoä‘‘, „‚Busntusie KaproukH', „„pama‘‘, „OCKONKU MOCKOB-
CKOM »kusHn‘‘, „OTPbIBOK‘‘, „Ws sanncHof KHIPKKH OTCTABHOTO TIe-
narora‘‘, „Ppi6ba mo60BR‘‘, der Einakter „Tarpına Penuna*. DOLININ
IIaponur ım „Tarsaua Penana“‘. Unveröffentlichte Briefe Öachov’s
an M. O. Men’Sikov, A. A. Tichonov-Lugovoj, N. M. Garfina, I. I. Ja-
sinskij, A. I. Urusov, P. B. Bezobrazov, L. L. Tolstoj. Erinnerungen
an Cechov von A. SUYORINA (mit einem Abdruck der an sie ge-
richteten Briefe von Üechov), A. Kont, T. SCHPEINA-KUPERNIE.
KLENSKIJ Bnö6mmorpaßmuecknü cımcok counnennü Mexora (1880
—1904).
M. P. CECHOV Anton Yexog. Tearp, akrepsı u ‚Tarpıma Penuna“
(Hensnaunar mbeca Yexopa) Petersburg Selbstverlag 1924 SS. 99.
S. BULACHATYJ YexoB u npamarnuyeckan mensypa. Pyccknü Coppe-
meunnKk 1924 Nr. 2 S. 187—191.
Briefe.
IInesma A. II. Yexopa. Hgb. M. P. Öechova Band II (1888— 1889)
= ne und ergänzte Auflage. Moskau Schriftstellerverlag s. a.
V. BuscH IIncsmo Yexopa k M. JI. IHernosy. JInreparypno-Bu6mo-
aornyecknä C6opunk Petersburg 1918 SS. 72—73.
Henspannoe uncsmo Yexopra x U. Acnuckomy. Kpacksit OroHer
1918 Nr.8 S.2.
Hensnaunoe muchmo Yexora k C. A. Aunpeesckomy mitgeteilt von
N ai in der Zeitung Hoss Beyepunü Uac Petersburg 1918
E h
16.
17.
31.
Die Cechov-Forschung seit 1918 459
Faksimile eines unveröffentlichen Briefes von Cechov an O. L.
Knipper-Öechova in der von NEMIROVIÖ-DANÖENKO besorgten Aus-
gabe der Tpm cecrpzst Petersburg 1919 zwischen $. 48 und 49.
IIncpma Yexoza x A. II. Iononckomy erläutert von POKROVSKAJA
Des Ilymsueckoro Moma „Panyra‘‘ Petersburg 1922 8. 287
. Incpma Yexosa x ©. A. Yepsunckomy. JlIeronuch ]Ioma JIurepa-
ropog 1921 Nr. 1 am 1. Nov. 8. 5.
. Briefe an verschiedene Personen: Alexander Cechov, G. M. Lint-
varev, M. P. Cechova, K. E. Foti, M. I. Morozova, M. P. Batura,
I. P. Belokonskij, K. P’atnickij vgl. Nr. 5.
. Hexos. Hossie nmmcpma (aus der Sammlung des PuSkinmuseums).
Hgb. MoDzALevsK1ıs Petersburg 1922 132 S.. Inhalt: Briefe an
Lu. Steglov, V.L. Kign-Dedlov, T.L. Stepkina-Kupernik, N. I Storo-
%enko, F. D. Bat'uSkov, S. S. Tatißtev, P. A. Sergejenko, A. F. Marks,
Ju. O. Grünberg, P. N. Polevoj, A. N. Veselovskij.
. A. II. Yexog u B. T. Koposenko (Briefwechsel) herausgegeben und
eingeleitet von N. PIKsanov, Kommentar von FRIDKES. Mysei
umeHnu A.II. Yexosa B Mockzse 1923 S. 106.
. Öechovbriefe Pyccknü CoppemenHuk 1924 Nr. 2 S. 167—186.
. IIncpma Hexosa x A. M. Cysopunof. Vgl. die Erinnerungen von
A. I. Suvorina Nr. 9, 27.
Biographisches Material.
x En L. K 6norpahun Yexosa. Becruuk JInteparypzı 1921 Nr. 2 S. 9.
. Hogoe B marepmanax 06 A. II. Yexoze.-Ponurenn A. II. Texopa.
Ztschr. IIerporpag 1923 Nr. 11, 14. Okt. S. 16.
. M. KLENSKIJ A.II. Yexoß B ponm cyme6ÖnHoro xpoHurepa. Bu6nno-
rpabnueckne „merst 1922 Heft III S. 2—4.
. A. DERMAN Axrapemnyecknä ununpenrt (Ncropun yxona us Akagemuu
Hayk B. T. Koposenko nu A. II. Yexopa B cBAau C PasbACHeHneM
M. Topsxkoro) auf Grund von Materialien aus dem Korolenko-Archiv.
Simferopol’ Krimizdat 1923 63 S. (enthält einen Brief Öechovs an
Korolenko).
Cechovbiographie vgl. Nr. 4.
.M. P. CECHOV Auron Mexog u ero cwkersi. Moskau 1923 158 S.
. Ju. SOBOLEV Hoszü Yexor. Marepnansı u NOoKyMeHTst. Verlag OroHer
(Bibliothek Oroner Nr. 12) Moskau 1925 63 S. Inhalt: Yexos u
CospemeuHoctp.-Hoszıä YexoB (IIo noBony HoBoX mepenuckn HexoBa
c 0. I. Kunnmep-Yexosoi). — Is rumHasmueckux ner exona (Do-
kument aus dem Üechovmuseum in Moskau). — 3aBrTpa-akgameH
Neudruck einer autobiographischen Erzählung von Alexander Cechov
über die Familie der Cechov’s und hauptsächlich über A. P. Cechov).
Eu6smorera Uexopa. Beschreibung der Bücher (über 1000 Nummern),
die Öechov gehört haben und sich jetzt im Taganroger Öechov-
zimmer und im Jaltaer Kabinett. des Schriftstellers befinden. Die
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd.IV. 30
460 S. BALUCHATYJ
32.
33.
34.
35.
36.
37.
38.
39.
40.
41
42.
43.
44.
45.
46.
47.
48.
Beschreibung rührt von 8. Baluchatyj her und ist noch nicht er-
schienen.
Erinnerungen an Cechov.
A. PoL’aAKov O II. M. Ceodonnune. Bupiou Ilerporpancknx T'ocynapcTe.
Tearpos 1921 S. 215f.
P. GNEDIÖ Mon meHsypH2Ie MEITAPCTBa. BocnoMHHARNR. en
IIerporpanckux Tocynaperserux Tearpos. Saison 1918—1919.
Petersburg 1922 211 8.
Auf S. 53f. des Buches ‚‚Unpn Cau‘‘ Moskau-Petersburg 1923 be-
findet sich die Erzählung des früheren Starosta (in Moskau) über
echov.
I. BELOUSOV JIncrku Bocnomunannü (an Öechov).‘ Mockosernü IIo-
Hegensuuk 1922 Nr. 2 (26. Juni) 8.3.
O0. KNIPPER-CECHOVA Ua MOnX BOCHOMHHAHNHÜ O XYMOKECTBEHHOM
rearpe u 06 A. II. Yexose (im Buch Aprucrs Mockosckoro Xyno-
KeCTBeHHoTO Tearpa 3a py6eskom Prag. Verlag Hama peu 1922
S. 23—32).
A. GOLDENWEISER B6nnsu Toncroro I Moskau 1922 S. 31, 38—39,
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SOBOLEY Yexop u Yexosımmua Ztschr. IIporkerrop 1924 Nr. 13 (35)
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Die Cechov-Forschung seit 1918 461
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V. WOLKENSTEIN Crauncnasckad. Moskau, Verlag Ilnnosuur 1922.
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M. GRIGORJEV IIpmemsı cmeHnyecKoro BOsNelicTBHn Ha 3apnTenn B
nbecax Mexosa. Zeitschr. Tops Moskau 1920 Nr. 5; auch bei
M. GRIGORJEV Cuennyeckan komnosnmun Uexosckux Ibec. Moskau.
Ausgabe der KYB. B. JI. X. WM. 1924 S. 123.
S. JELEONSKIJ K ucTopnu apamartnyeckoro TBopyuecrBa A. H. OcrpoB-
ckoro (IlpenBocxnumennsd samsicesn BumHeBoro Cana) in C6opkuk
crareä k 100-nerumw co zua pompeunun A. H. Ocrposcroro. Hgb.
KoGAn Ivanovo-Voznesensk 1923 S. 105—114.
S. BALUCHATYJ ITIombI IIO HCTOpPHH TekcTa m KoMmnosnımu YexoB-
CKux unbec in Iloaruka I. BpemeHunk cuoBecHoro oTaA. Tocyn.
Uncrutyra Ucropun 'Ucrycerg Petersburg 1926 S. 138—154. In-
halt: 1. Hsanos (1887—1889, 1903—1922) 2. JIeumä (1889) und
Inıa Bann (1896). 3. O spene rabaka — der Aufbau dieses
Vaudevilles wird mit der Komposition des Bumnesnü Cay verglichen.
S. BALUCHATYJ Mcropun Tekcra u KoMnosnnau Ibec YexoBa I. UpaHoB
(erscheint in den Usgecrun orn. pyccr. a8. u cnop. Akaemun Hayk).
S. BALUCHATYJ IIpo6nempi npamaryprauyeckoro aHanmaa (Hexop)
Petersburg. Verlag Academia 1926. Serie Bonpocı noarukn. Lief. IX.
Bibliographie und Lehrbücher.
M. KLENSKIJ Bu6nmorpaßnyecknä enncok counHuennä Yexoza (1880
—1904) vgl. Nr. 9.
SoBOLEV Mexosrmana sa 1917—1922 rr. Ileyarz u peromoumn
1924 Buch I S. 92—104.
M. PRYGuUnov A. II. Yexop-npamarypr. KokcnekT-nporpamma oye-
pensoi mekumm (c mpunorennem On6nnorpaban) MIA CTyNeHToB
Kasanckoro Bocrouno-Ilegarornyeckoro Uncruryra Kazan 1923 16 8.
L’vov-ROGACEVSKIJ A. II. UexoB B BOCHOMHHAHHAX COBPeMEHHNKOB
u ero mnucpmax Moskau. V. Dumnov 1923 SS. 207. Inhalt: Apro-
6uorpahun.-XpoHonornyeckan:KaHBa.-4exoB, eTO aTOXa, Cpena, IH4-
HOCTE M TBOPYeCTBO B BOCIIOMHHAHUAX COBPeMeHHHKOB.-IluchMä
30? »
462 A. BRÜcKNER
Yexopa.-IIucpma x Mexopy.-Us sanuchofä kHumeku Mexosa.-Ilnan
JIemero.-Bu6nnorpabun.
66. SOBOLEYV A. II. Yexop. JInteparypusıe arckypcun. Moskau V. Dumnov
1924 SS. 87. Inhalt: Tararpor.-MockBa.-Mennxopo.-Aura.-Ilocne
akekypcaa. — Im Anhang I. Taraspor-namarn Yexosa. 2. KomHaTa
80-x ronoß Pymanmesckoro Myaenr.-Bibliographie.
67. N. PIKSANOV ]Isa Beka pycckof „ureparypsı (Brepenme.-Temer nun
mreparypHsıx pa6or.-Cucremaruyeckan 6n6nnorpahun.-PyRoBonaume
gonpoczi). Moskau Petersburg Staatsverlag 1923 SS. 208.
Leningrad S. BALUCHATYJ
Hrusevskys MycHaAJLo, Istorija ukrainskoi literatury. Bd. ],
Kyiv-Lviv 1923, 360 SS.; II, 231 SS.; III, 295 SS.; IV, (Kyiv,
DerZavne vydavnyctvo Ukrainy), 1925, 689 SS.; V 1, 1926,
204 SS.
Voznsak MvcHaAsro, Istorija ukrainskoi literatury. Bd.I; Lviv
1920, 344 SS.; II 1921, 416 SS.; III 1924 564 SS.
Die Ukrainer waren bisher von einer gewissen Gleichgültigkeit
gegen das allerdings sehr dürftige geistige Erbe ihrer alten Vorfahren
nicht freizusprechen; abgesehen vom Igorlied überließen sie es ganz
der Obhut und Verwaltung der Russen, die es auch völlig beschlag-
nahmen. Die Werke eines Ohonovskij, Franko, Jefremov, Barvinskij
behandelten die Kiever Texte recht stiefmütterlich. Erst unlängst ist
mit dieser Gleichgültigkeit gebrochen und wir erhielten auf einmal
zwei ausführliche Werke darüber; das eine aus der Feder des bewährten
Historikers, der eben sein 60 jähriges Jubiläum feiern konnte; das andere
von einem jüngeren Forscher; das erste reicht vorläufig bis 1500, das
zweite bis 1800. Da jedoch Literatur in der Ukraine erst im 19. Jahrh.
entstanden ist, behandeln beide Werke nur eine Kulturgeschichte des
Landes auf Grund von überlieferten Texten, ohne auf materielle Denk-
mäler Rücksicht zu nehmen. Übersetzungen kanonischer und apokrypher
Evangelien und Legenden, erbauliche und polemische Traktätlein,
Chroniken und Akten, Predigten und Liturgien, halbpolnische Pane-
gyriken und fadeste Schuldramen schaffen eine Kultur-, doch noch
lange keine Literaturgeschichte und anderes gab es auf der Ukraine
nicht; eine Schwalbe, das Igorlied, macht noch keinen Sommer.
Die fünf Bände des ersten Werkes reichen nur soweit wie der
erste Band des zweiten; freilich enthält jener erste und vierte (Riesen-
band) nur Folklore. Ich spreche zuerst von HRUSEVSKIJ, obwohl er
später begonnen hat. Vorausgeschickt sei Bewunderung der erstaun-
lichen Arbeitskraft und Arbeitslust des Verfassers, der auch unter
M. Hrusevskyj, Istorija ukrainskoi literatury 463 :
widrigen Verhältnissen sich seine Schaffensfreudigkeit voll wahrt, der
den Gegenstand seiner Arbeit liebt und kennt wie kein anderer. Eben-
so das patriotische Motiv seiner Arbeit; sie ist gewidmet „dem ukrai-
nischen Volke, sich ebenso stark bei der Arbeit zu erweisen, wie es
sich im Worte erwiesen hat“. Die alten Texte dem heutigen Bewußt-
sein nahe zu rücken, ihren Gehalt für den modernen Leser ganz aus-
zumünzen, erstreben seine ausführlichen, oft viele Seiten füllenden Über-
setzungen und Auszüge, namentlich aus den Chroniken (z. B. III 1—82);
Wissen und Wollen des V. flößen nur Respekt ein.
Diese Kulturgeschichte der Ukraine ist äußerst planvoll geordnet,
freilich ist der Plan selbst reine Willkür. Der erste Band enthält
nämlich den „lyrischen“ Folklore, Hochzeits-, Weihnachts-Lieder, Toten-
klagen, Beschwörungen, Märchen; der zweite und dritte die Kiever
Texte des 11.—13. Jahrh.; der vierte den „epischen“ Folklore, den
weltlichen und frommen, d. h. Bylinen und Legenden; der fünfte a) ein
paar lose Texte des 14. und 15. Jahrh. mit einzelnen Abstechern
(Skorina u. a.) bis in das 16.: scheinbar eine einzige Kette von der
Urzeit und der Donauperiode(!) an bis 1500. In Wirklichkeit wird
schon im ersten Bande willkürlich einheitlicher lyrischer Folklore in
zwei getrennte Perioden auseinandergerissen, denn aus der „Geschlechter-
zeit“ (Urzeit) sollen stammen die magischen Lieder bei Gebräuchen,
Frühlingstänzen, Beschwörungen, Totenklagen; dagegen gehören erst
zur späteren Zeit (nach den Wanderungen) die übrigen Lieder und
Märchen. Hierauf kommen, wie gesagt, die Texte (11.—13. Jahrh.);
darauf fallen in das 13.—15. Jahrh. die Bylinen und Legenden. Texte
des 19. Jahrh. werden somit in die Urzeit versetzt; ebenso könnte man
ja die Sprache des heutigen Ukrainers der Urzeit zuschreiben. Wohl
hat die Urzeit auch gesprochen, gesungen, getanzt, beschworen, nur ist
uns davon rein nichts erhalten. Man nehme z. B. russische Besch wö-
rungen, deren Zahl unlängst MAnsSIRKA im Sbornik Filologicky VIII
1926 S. 185—233, Zagovory pudozskago uezda O4oneckoj gubernii, um
einige hundert vermehrt hat; wie eine heidnische Beschwörung aussieht,
lehrt Deutschland; bei den Slaven gibt es’ davon keine einzige Spur,
sind alle ihre-Beschwörungen nur christlich, spät und unursprünglich ;
sogar deren „mythische“ Wesen tauchen nur unter den christlichen,
späten Namen auf (l&$ij, vodjanoj); ebenso verhält es.sich mit den
Totenklagen, Hochzeitsliedern, Kupafoliedern usw.; ebenso mit den
kosmopolitischen Märchen und Tierfabeln; alles ist jung und modern,
geht nur hier und da in das 16. oder 17. Jahrh. zurück. In dem vierten
Bande handeln S. 1—340 von den Bylinen Nordgroßrußlands als „Wider-
hall des Gefolgschaftsepos* (druZinnyj epos); daß es ein solches Epos
nie gab, daß die Bylinen d. i. lose Lieder der skomorochi erst seit dem
12. Jahrh. einsetzten, daß keine einzige Byline irgendeinem bestimmten
historischen Faktum oder Person dient, habe ich in Zeitschrift IV und V
ausführlich bewiesen. S. 341—666 sind ukrainischen Legenden gewidmet,
nur ist die Bedeutung der kosmogonischen Anekdoten und ihres an-
464 A. BRÜCKNER
geblichen Dualismus stark überschätzt, doch sehe ich hier von Band I
und IV als bloßem Folklore ab, beschränke mich auf II, III, Va}).
‘Die Sorgfalt, mit der HruSevskıs die Texte untersucht, kann
nicht genug gerühmt werden; er berücksichtigt die ganze einschlägige
Forschung und sucht sie nach Kräften zu fördern; daß dabei oft nicht
viel herauskommt, ist nicht seine Schuld. Z. B. beim Igorlied: man
weiß ja, was es heißt, wenn ein altrussischer Text in einer einzigen,
späten Abschrift vorliegt, daher wird es 1927 ebensowenig verstanden,
wie 1800 oder 1400; ja man frägt, ob für den Verfasser des Igor-
liedes selbst alle seine Phrasen und Tropen noch klaren Sinn hatten?
Es bleibt also HRUSEVSKIJ nichts übrig, als nacherzählen, den Bericht mit
Chroniken vergleichen, einzelne Anklänge an andere Texte (Flaviusu. dgl.),
nachweisen, rätselhafte Wendungen als solche hinstellen; Zeit, Ort,
Verfasser ergeben sich ja fast von selbst; dann kommen die vergeblichen
Versuche, die rhythmische Prosa in irgendwelche Verse zu zwängen ;
die überflüssigen Parallelen mit den Volksliedern (aber Igorlied und
Volkslied haben nichts miteinander zu tun; ebenso gut kann man
Homer vergleichen); ein paar unglückliche Einfälle, die lieber unge-
druckt blieben (z. B. 8. 209f., wo als möglich gilt, daß der Schluß,
von der Klage der Jarostavna ab, einem andern „Sänger“ angehörte ;
LJAOKIJ in Prag soll ähnliches planen); endlich das Lob der patriotischen
Tendenz und der Schönheit einzelner Partien, namentlich der Jarostavna-
klage (II S. 166—226) d. i. alles ziemlich gleichgültige an dem ver-
schleierten Bild von Sais.
Ungleich reicher ist die Ausbeute bei andern Texten; zwar ver-
fügt Hr. über keine neuen Quellen oder Abschriften, aber er gibt uns
förmlich wertvolle Monographien, z. B. über das Wort des Hilarion;
über das Lazarwort, das er zweimal ganz mitteilt, im Original und in
freier Übersetzung; über die Judaisanten; über Skorina u.a. Schwächer
ist der Turover Kirill behandelt: bei der ausdrücklichen Angabe im
Prolog, daß Kirill gegen den Fedoree viel schrieb, hat erst Jeremin
in den Petersburger Izvöstija XXX (1926) 8. 322—352, richtig erkannt,
daß die Parabel vom Blinden und Lahmen in ihrer ausführlicheren
Fassung Kirill eben gegen den Fedorec von Rostov ausgenützt hat;
so lernen wir Kirill von einer neuen Seite, mit persönlichen Spitzen,
kennen und wird die Parabel als sein eigenstes Werk erwiesen, woran
1) In dem Sammelband für HNATIUK (Zapysky der Lemberger
- Sev&enko-Gesellschaft Bd. 147) handelte ich über diesen folkloristischen
Teil; zeigte an Beispielen, wie HRUSEVSKIJ viel zu wenig die fremden
Vorlagen berücksichtigt, namentlich die polnischen, daher die falsche
Beleuchtung der Stoffe; was z. B. die Ukrainer von Palij oder Dovbus$
erzählen, wie sie nach Hostien schossen, aber ihren Frevel durch Er-
schießung eines Teufels, dem Gottes Blitze nichts anhaben konnten,
sühnten, ist einfach den Polen nacherzählt, nur ganz willkürlich mit
Namen ausgestattet; einzelnes wird noch weiter unten erwähnt.
M. Hrusevskyj, Istorija ukrainskoi literatury 465
man bisher zweifelte. Die eingehendsten Untersuchungen widmet der
Historiker historischen Texten; was er z. B. über die wolhynische
Chronik (III 8. 142—206) sagt, ist eingehendste Würdigung, die bis-
her eben gefehlt hat; ebenso das über die Kiever Chronik des 12. Jahrh.
Hr. sucht namentlich aus dem frommen mönchischen Brei die fetteren
Bissen einer „Gefolgschaftserzählung“ herauszufischen und sie besonderen
Verfassern zuzuschreiben, was durchaus nicht notwendig ist; auch in
lateinischen Chroniken finden wir ähnliches: die Erzählung z. B. über
die Schlacht von Lenzen bei Widukind (970) ist ungleich frischer und
anschaulicher als alles, was Nestor schreibt, und doch ist sie in der-
selben Mönchszelle geschrieben, wie alles andere; es kommt eben auf
den Bericht an, den der Verfasser erhält, aber der Verfasser bleibt stets
derselbe. Besonders weist HR. fortwährend auf die Lücken der bis-
herigen Forschung hin, immer wieder Jüngere auffordernd, in dieser
oder jener Richtung zu schürfen, Themen nennend, die zunächst zu
erledigen wären, dadurch gewinnt sein Werk besonderen propädeutischen
Wert. Und nun die Riesenfülle des Stoffes, namentlich in den beiden
Folklorebänden ; zumal die Legenden sind es, zu denen er alle möglichen
Varianten heranzieht und oft: das Schema oder gar den ursprünglichen
Wortlaut rekonstruiert; es ist die erste, planmäßige und erschöpfende
Übersicht des gesamten Stoffes, geordnet nach Fest- und Heiligenzyklen,
mit Hinweisen auf die zugrunde liegenden Quellen.
Gerade der Historiker war berufen, wie kein anderer, diese Kultur-
geschichte zu schreiben, doch rächt sich dies mitunter; der Historiker
schreibt nämlich ausführlich z. B. über die abendländischen Geißler
oder über den Hussitismus, während der Kulturhistoriker vergebens
nach irgend einem Texte suchen würde, der ihn dazu berechtigte, denn
die „Himmelsbriefe“* (von der Sonntagsheiligung), „T:äume der Mutter-
gottes“ und die „12 Freitage“ sind auch ohne Geißler selbstverständ-
lich aus Polen gekommen und Hussitismus hat trotz der Beteiligung
von Litauern an den Zügen des Litauer Sigismund von 1426 keinen
Widerhall in der Ukraine selbst gefunden; die Hussiten ignorierten sie
auch völlig, wandten sich an Konstantinopel direkt. ;
Die Vorzüge des trefflichen Werkes haben eben auch ihre starken
Fehler im Gefolge; patriotische Phantasie häuft Glanz und Pracht über
die Ukraine, von der diese nichts weiß, und übersieht wirkliche Mängel,
möchte z. B. die völlige Ausschaltung geistigen Lebens in der Ukraine
durch drei Jahrhunderte (1250—1550) möglichst vertuschen, den un-
endlichen Tiefstand der Geistlichkeit, der einzigen des Leseus und
Schreibens kundigen Schicht, übersehen. Und doch ist daran z. B. das
Werk der Turzos!) gescheitert, und über welch unglaubliche Unwissen-
1) Die Turzos finanzierten die Krakauer Drucke von 1491; diese
gerade in dem erzkatholischen Krakau herzustellen, statt in Lemberg
oder in Wilna mit ihren kleinen schismatischen Gemeinden, war wenig
besonnen (in Venedig lag die Sache anders) und Gnesen (der Erzbischof)
466 A. BRÜCKNER
heit in den berühmtesten Klöstern hat Budny berichtet! Damals standen
Moskau und Novgorod ungleich höher als das Schisma in Lemberg,
Wilna, Smolensk; Kiev existierte überhaupt nicht.
Schlimmer waltet die Phantasie des Verf., wenn sie die uns über-
lieferten Texte nur als Bruchteil dessen gelten läßt, was angeblich einst
vorhanden war. Aber nichts von Bedeutung scheint uns verloren; der
Norden, wohin Tataren gar nicht drangen, hat wohl alles getreulich
bewahrt. Verloren sind einzelne Briefe-postanija, z. B. die des Kirill
an den Bogol’ubskij über den Fedorec; es fehlt der Brief des Foma,
wir haben nur die Antwort des Klim; es fehlt eine und die andere
chronistische Kompilation, die wir auszugsweise doch noch besitzen; es
fehlt das Leben des H. Antonius, aber das dürfte so ziemlich schon
alles sein, was verloren ging; wir besitzen alles alte, mehr gab es nicht.
Und noch ungleich phantastischer ist es, von einer alten epischen Poesie
zu sprechen, von Zyklen des Wladimir usw.; es gab nie russische Epen
noch epische Liederzyklen: das ist moderne Erfindung, an der freilich
nicht Hr. allein die Schuld trägt; er teilt sie ja mit andern.
HR. ist natürlich noch heute Antinormannist und sieht nicht ein,
daß die Normannen im J. „861“ nicht nur den russischen Staat, sondern
auch die russische Tradition schufen; vor ihnen gab es weder das eine
noch das andere. Der amorphe slavische Brei der Polanen, Drev-
lanen usw., hatte keine Geschichte, daher auch keine Tradition, die dumpfe
Erinnerung an die Obre steht auf einer Stufe fast mit Psohlavy u. ä.;
die Kiever und Novgoroder wußten nichts über 861 hinaus. Als nun
„Nestor“ Geschichte schreiben sollte, war die Lücke zwischen der Arche
Noah und dem J. 861 schwer auszufüllen; er half sich auf dieselbe
Weise, wie seine Zeitgenossen anderswo. Wie Kosmas seinen Krok und
Töchter, wie Vincencius seinen Krak und Kinder aus topographischen
Namen (falsch noch dazu!) konstruierte, ebenso konstruierte sich „Nestor*
den Kij und Geschwister ; ein anderer Kniznik hatte’einen viel gescheiteren
Einfall: weil Kiev am Dniepr liegt, nannte er es nach einem Fährmann
Kij!). Diese naiven Erfindungen als echte Tradition von Sängern und
Epen hinzustellen, ist einfach unverzeihlich.
protestierte; wohl hatten die Turzos Geld und Einflüsse, um diesen
Widerstand zu brechen oder wenigstens einen andern Druckort zu
wählen, aber sie scheuten vielleicht weitere Ausgaben, nahmen dem
Fiol seine Drucke (ihr Kapital!) ab und dieser besaß schon 1497 kein
einziges eigenes Exemplar mehr. Das Werk war ja für die ukrainische
Geistlichkeit ‚berechnet, aber diese war zu unwissend, als daß sie sich
dafür hätte interessieren können. Auch Skorina traf auf dieselbe Indo-
lenz und hörte ebenso mit seinen Drucken auf; er wird vor Fiol be-
sprochen.
1) Die Novgoroder Knizniki haben vom 14.—17. Jahrh. die tollsten
Geschichten frei erfunden, vom Gostomysi u. dgl.; daß SACHMATOV den
Gostomyst in seinen „Urnestor* aufnahm, beweist nur die Wertlosigkeit
M. Hrusevskyj, Istorija ukrainskoi literatury 467
‚Echte Tradition, aber nicht im Epos noch Liederzyklen, sondern
in einfachen Bauernsagen überliefert, die aus triftigstem Grunde viel-
fach so stark altnordisches wiederholen, gibt nur Nestor, und Hr. ver-
kennt wieder, daß dessen einfache Erzählung von späteren Knikniki
willkürlich erweitert wird, was nun wertlos ist. Z.B. die Knappheit
der Rogneda-Sage genügte nicht dem Kniönik, der die Alexandreis
und die Esther gelesen hatte und nun schmückte er mit Reminiszenzen
daraus den Bericht des Nestor. Nach ihm greift nach Jahren (!) Rogndda
zum Dolch aus Eifersucht(!!); wie Alexander für seine Mutter gegen
Philipp auftritt, ebenso erweist sich als ritterlicher Kavalier der junge
Svjatopofk und aus dem Esthertexte übernimmt der Kniönik wörtlich
die Forderung vom Erscheinen der Frau im Hochzeitskleide (posjag!),
was hier sinnlos ist. Andere Knizniki trieben diesen Unfug noch weiter,
ließen ja die Pofocker Geschichte sich wörtlich in Cherson wiederholen.
Solche späte und müßige Erfindungen machen überall die Regel aus;
was haben Vincencius und Diugosz aus den paar Worten des Gallus
über Popiel erfunden! wie haben die Dalimil und Häjek den Kosmas
übertrieben! nur ist dies alles wertloses Geschwätz. Das russische
Epos, das historische Lied oder gar Zyklen solcher Lieder gehören aus-
schließlich der Phantasie an und es wäre hohe Zeit, mit diesen Popanzen
aufzuräumen.
Mit einer historischen Tradition haben auch die Bylinen nichts
gemein. Aber die Bylinen sind großrussisch, nicht ukrainisch und da
soll nun die späte Erfindung von Mychajfyk und dem goldenen Tor
in Kiev eine Brücke von ihm zu den Bylinen und zwar zu den vom
Michajto Danitovi@ schlagen. Man traut seinen Augen nicht, wenn
man das liest, was von VESELOVSKIJ bis HRUSEVSKIJ über dieses
Thema zusammengefabelt ist; jene Bylinen und die Kiever Sage haben
nämlich nicht das geringste miteinander zu tun. Das Kiever späte
Märchen ist nicht durch einen Mychajtyk, sondern ausschließlich durch
das „goldene Tor“ hervorgerufen, denn man nahm diese Bezeichnung
wörtlich und fragte mit Recht, wo denn dieses Palladium Kievs ge-
blieben wäre; nach den einen hätten es Tataren nach Perekop ver-
schleppt ; nach andern ist es weggetragen, wird aber noch zurückkommen ;
wann und woher? am Ende der Welt, von dem Antichrist, aus Kon-
stantinopel; wegtragen, retten vor Batyj, konnte es nur ein Held und
dafür bot sich auch ein Knabe dar, wie im Ringen mit dem Polovzer.
Die älteste Aufzeichnung vom J. 1672 nennt nur Goldenes Tor, Kon-
stantinopel und Kiev, keinen Mychajtyk ; ob dieser schon damals existierte
oder erst später hinzugedichtet ist, bleibt gleichgültig. Die Bylinen
(und ihre Prosafassung in einer Historija aus dem 18. Jahrh.) wissen
dieses „Urnestor“. Novgoroder Knizniki haben auch die Geschichte von
Perun und dem Bauer, als pendant zu den Kiever Vorgängen nach-
träglich fabriziert; diese „Tradition“ ist ebenso wertlos wie die von
dem Drachen Peryn und dem Wolch.
468 A. BRÜCKNER
natürlich nichts vom Goldenen Tor usw.; der Stoff von einem zur Ab-
wechslung ganz jugendlichen Helden, seinem Vater, der eine entscheidende
Rolle spielt usw. wird mit stereotypen Motiven vom Ilja her und Potyx
(wie er die Kiever für ihren feigen Beschluß schilt) ausgestattet. Die
nur in Prosatexten des 19. Jahrh. bekannte Sage vom Mychajtyk
kennt gar nicht seinen Vater(!) und stammt von Leuten, die etwas
von Bylinen hörten, weil ja schon im 18. Jahrh. Interesse dafür vor-
handen war; in das Volk ist dieses künstliche Produkt spät hinaus-
getragen und beweist nichts für das Fortleben einer Bylinentradition
bei Ukrainern oder Weißrussen; die angeblichen Reste davon stammen
öfters erst von Großrussen her, sind ihnen nacherzählt; z. B. der Bericht
bei Hr. IV, 72ff. über Helden und Heldenrosse, geht ausdrücklich
auf einen „Moskal odstavnyj“ zurück; die einzige bekannte weißr. Byline
ist ebenso Moskauer Produkt usw.
Jeder Zusammenhang zwischen Einst und Jetzt ist längst und
völlig zerrissen; einzelne Namen schwirrten in der Luft, Vladimir,
Batyha, Roman, Carhorod, und wurden an Personen angeheftet, nur
gibt es weder im Spiel (z. B. vom vorotar) noch in den Koljacki mit
ihren monströsen Wucherungen, noch in den Kupato- oder Kostrub-
liedern, noch in den Beschwörungen oder Märchen irgend eine alte,
heidnische Spur. Die Kupafolieder sind die gewöhnlichsten erotischen
und Spottlieder und nur der Refrain Kupato knüpft sie an den 24. Juni,
aber dieser Refrain selbst ist spät christlich, bezieht sich auf die War-.
nung, vor dem 24. Juni zu baden, ebenso wie z. B. das Gebot, kein
Obst vor dem Spas (6. August) zu essen. Die Kostrublieder sind aus-
schließlich Spottlieder; die junge Frau verwünscht und begräbt ihren
alten Kostrub, dankt Gott, daß er endlich auf dem Friedhof liegt, sie
ist zu schade für ihn usw.; wenn Hr. I 169 darin Begräbnis des Winters
oder den Tod des Kupalo-Adonis (!! was haben denn beide miteinander
zu tun?) sieht, so lehnen wir diesen Afanasjev-redivivus einfach ab.
Das Schwimmenlassen der Mädchenkränze (I 170), das Schleppen zu
Fastzeiten des Klotzes durch Ledige (I 164), sind ebenso wie das Hinaus-
tragen des Todes deutsche städtische Bräuche, die über Polen nach der
Ukraine gekommen sind, in Polen noch heute fortleben.
Sogar ganz auffällige Übereinstimmungen, die Hr. unbekannt sind,
ergeben nichts „mythisches“. Die Koljadki z. B. beginnen oft mit dem
Baum (Eiche, Ahorn usw.), der auf dem Hofe steht; ebenso beginnt
die im 14. Jahrh. aufgezeichnete böhmische Koljadka (Stoi dubec prostted
dvora) und doch steckt dahinter nur das Bild des Hausherrn und seiner
Familie (Aste usw.), nichts „mythologisches“. Oder russ. Beschwörungen
_ (und Koljadki) nennen drei Schwestern-Zori; ebenso kommen in der
ältesten bekannten poln. Formel (Anfang des 16. Jahrh.) trzy sostry
zarzyce vor, nur ein Beweis für die Geltung der Zahl drei und nichts
weiter. Im heutigen Folklore, in Koljadki oder Bylinen usw. etwas
historisches oder gar heidnisches, mythisches aufspüren, heißt nur, am
hellichten Tage Gespenster sehen wollen.
M. Hrusevskyj, Istorija ukrainskoi literatury 469
Es wäre schärfer zu betonen gewesen, daß zwischen 1350—1550
jedes geistige Leben sich von der Ukraine nach Weißrußland völlig
verschoben hat; denn was in Band Va besprochen wird, ist fast aus-
schließlich weißrussisch, nicht nur Skorina, sondern auch das meiste
andere. Freilich ist eine scharfe Trennung nicht gut möglich, weil in
der Folgezeit (1550—1700) weißrussisch und ukrainisch zusammen-
gehen, gemeinsam den Kampf gegen die Union aufnehmen, doch über-
wiegt in der Schriftsprache dieser Zeit das weißrussische („litauische*)
Element von Smolensk und Potock: das- ukrainische ist spärlichst ver-
treten. Besonders wäre dann der polnische Einfluß hervorzuheben; er
beginnt ja bereits im 15. Jahrh. (HR. möchte überall den böhmischen
dafür einsetzen!); wie stark er gerade in Weißrußland war, beweisen
die wörtlichen Übersetzungen oder lieber Transkriptionen aus dem
polnischen (ja nicht aus dem lateinischen, wie HR. es auch hinstellen
möchte) der bekannten Legenden. Und den De morte prologus be-
sitzen wir nur in einer einzigen Hds. aus der Mitte des 15. Jahrh.
und doch ist dieser, sonst in Polen ganz unbekannte Text in russ.
Übersetzungen vorhanden.
Ich brauche kaum zu betonen, daß das pessimistische Urteil
GOELUBINSKIJ’s über das Niveau der Kiever Bildung das richtige ist,
man vgl. hierzu die treffenden Ausführungen von Wanczura, Szkol-
nietwo w starej Rusi, Lemberg 1923; die Naivitäten des Briefes des
Klemens Smolatyez beweisen dasselbe. Spricht Hr. von einem „goldenen
Zeitalter“ (dem 12. Jahrh.), so ist, wie bei ähnlichen „goldenen Zeiten“
in Böhmen (16. Jahrh.) und Polen (Zeitalter der Sigismunde) der Aus-
druck ja nicht an sich richtig, sondern nur völlig relativ d. h. gemessen
an dem unendlichen Verfall der Folgezeit. Auch in der sog. goldenen
Zeit gab es nur eine primitive gramotnost’, über die einzelne, z. B.
Kirit von Turov, und dank günstigen Umständen, nur individuell, her-
ausragten, was GOLUBINSKIJ richtig formuliert hat.
Das Werk von VOZNJAK ist mit dem von HRUSEVSKIJ gar nicht
zu vergleichen ; dieses, eine gelehrte, ich möchte fast sagen, monumentale
Leistung; jenes eine gut gemeinte, oft flüchtige, populäre Besprechung
der alten Texte, mitunter schlecht geordnet, die Darstellung zersplittert,
vielfach sich wiederholend; zu rühmen sind an ihr die chronistischen
Tahellen, die Illustrationen (Porträts, Schrift- und Druckproben) und
die sorgfältigste Bibliographie zu den einzelnen Kapiteln, leider alpha-
betisch geordnet, nicht nach der Reihenfolge des Textes. Ich übergehe
die beiden ersten Bände, die nichts neues bringen; Band I reicht bis
1500; II bis 1700, enthält vor allem die Polemik um die Kirchen-
union und die Kiever Theologen; III bis 1800, doch greift er in das
17. Jahrh. bei der Besprechung der Schulkomödien und der Verse
zurück. Der V. ist trotz seines großen Fleißes mitunter unzuverlässig,
so z. B. beim Evangelium von Peresopnica (II 11—16) rühmt er zuerst
dessen künstlerischen und philologischen Wert, aber auf einmal heißt
es „das Evangelium ist nicht im Original auf uns überkommen; Mazepa
470 F. TrÄvnföek
ließ es abschreiben und weihte es als Original der Kirche in Pere-
jaslavl*; wenn V. diese Annahme von Kamanin abdruckte, so hätte
er sie dem Leser wenigstens nicht als Faktum hinstellen sollen. Das
Evangelium ist höchst sonderlich; es behauptet zwar, es wäre aus dem
Bulgarischen ins Russische übersetzt, schweigt sich jedoch über seine
böhmischen und polnischen Vorlagen wohlweislich aus; VOZNJAK weiß
nichts von den polnischen und doch scheinen sie nach der Untersuchung
von I. Janöw (Berichte der Lemberger Ges. d. Wiss. 1926, 3—7 und
Slavia V 470-499), unzweifelhaft, zumal Seklucjans Übersetzung von
1554 käme in Frage; aber ich kann nicht überall JAnöw beistimmen,
der ja nur mit Ziteckij’s Auszügen aus dem Evang. arbeitete; vielleicht
schafft die vollständige Ausgabe mehr Licht. Über den dritten Band
folgen hier einige Bemerkungen. Welcher Art die Kritik des V. sein
kann, zeigen seine Worte S. 58ff. über das ukrainische Element in der
polnischen Literatur; er nennt als „Ukrainer von Geburt“ Gregor von
Sanok und Paulus von „Korosno* (in dieser unmöglichen Form!), aber
mit gleichem Rechte könnte er auch mich für die Ukraine reklamieren,
da ich in Tarnopol geboren bin und in Lemberg die ruthenische Haupt-
schule besuchte; Paulus Crosnensis nannte sich Ruthenus nur um sein
rotrussisches Krosno von dem ungleich berühmteren Krossen an der
Oder zu scheiden; wir wissen ja heute, durch ST. WITKOwsKI, sogar
seinen deutschen Familiennamen und er studierte in Greifswald, war
eben kein Ruthenus. S. 67 ff. bespricht V. die „Piesn Kozaka P4achty*
vom J. 1624, eine der schönsten Balladen aller Slaven; ich habe einen
Polen als ihren Verfasser erwiesen, aber meinen Beweis, „muß man mit
aller Entschiedenheit ablehnen“; V. rekonstruiert (stellenweise fehler-
haft) den angeblichen russischen Urtext, da dies aber mit der vierten
Strophe unmöglich geht, so streicht er diese einfach, sie allein wäre
vom Polen hinzugedichtet!! Ein Blick auf den unendlich kunstvollen,
bei den Ukrainern unerhörten Strophenbau und auf die End- und
Binnenreime erweist den künstlichen, hier polnischen Ursprung des
Liedes, mag es auch HrusevsKk1s I 91 als volkstümlich betrachten:
polnische Lyriker haben im 17. Jahrh. mit Vorliebe russisch-polnische
Lieder gedichtet und ihrem Einfluß auf die ukrainischen wäre besonders
nachzugehen: Ukrainer ahmen sie so sehr nach, daß sie sogar den
eigenen russischen Text polnisch überschreiben (so „Piesn $wiatowa“
auf einem Faksimile bei VOZNJAK selbst). S. 234—238 wiederholt sich
dieselbe Geschichte mit den beiden russischen Intermedien, die der
polnische Schullehrer seinem Johannesdrama einfügte und 1619 druckte;
wiederum wird mit aller Gewalt die polnische Autorschaft abgestritten;
es soll sogar Gawatowicz den ursprünglichen cyrillischen Text falsch
transkribiert haben; polnische Intermedien sollen erst 1612 gedruckt
sein (falsch, seit 1590 häufig); es war für den Schullehrer nur natür-
lich, mit seinen eigenen Schülern zu wiederholen, wie er es selbst ge-
lernt hatte und daß er auf völlig rotrussischem Boden seine Bauern
rotrussisch radebrechen ließ, ist ebenso selbstverständlich; gab es denn
V. Vondräk, Vyvoj soutasneho spisovndho jazyka deskcho 471
1619 russische Intermedien von Russen? Diese Proben genügen zur
Illustrierung der unkritischen Voreingenommenheit des Verf. Trotzdem
ist der dritte Band ungleich wertvoller als die beiden ersten; man
merkt, der V. bewegt sich freier, die neuere Zeit liegt ihm näher und
hier kann er seinen- Fleiß und Belesenheit noch viel besser zum Aus-
druck bringen, er wird unabhängiger von seinen Vorgängern und gibt
zum ersten Male eine vollständige Übersicht des äußerst zersplitterten,
vielfach ganz wertlosen Stoffes. Freilich auch hier kommt es zu keiner
Synthese, die durch bloßes Aufzühlen ersetzt wird und der Text wird
in kleine Abschnitte mit besondern Titeln — Inhaltsangaben zerschlagen.
So werden auch alle Dumy einzeln genannt, mit der stereotypen Ein-
teilung in turkotatarische älteste Stoffe, Sklavenklagen, Chmelnyckij-
stoffe usw., die man nur gelten lassen kann für den Stoff selbst, nicht
etwa für das Alter der Lieder. Hier war schärfer zu betonen: die
Gleichgültigkeit der Sänger und des Volkes gegenüber historischen
Liedern, wie wenig ist ja von Chmelnyckij erhalten (drei Themen nur!);
die unhistorischen Themen, die bloßen Anekdoten sind unendlich be-
liebter; zweitens, das Überwiegen des moralisierenden, und lyrischen
Elementes, manche duma ähnelt ja geradezu einem stich und längst
hat man betont, wie das ukrainische Lied bei gleichem Stoffe (z. B.
vom H. Alexius) an faktischem Material ärmer ist als das großrussische;
drittens, die völlige Trennung von der alten epischen Weise der Bylinen:
zwischen diesen und den dumy liegt ein Abgrund, die dumy knüpfen
nieht an die byliny, sondern an die serbischen Lieder an. V. ist nicht
ganz konsequent; anders als HRUSEVSKIJ schließt er ja die volkstüm-
liche Produktion, die Koljadki u. dgl. völlig aus, dagegen befaßt er
sich mit den doch ebenso volkstümlichen dumy. Er spricht stets von
einem Kosakenepos, obwohl einzelne völlig lose Lieder noch lange kein
Epos schaffen; gerade der völlige Mangel an strafferer Konzentration
ist für das ukrainische, großrussische, serbische „Epos“ bezeichnend.
Manche Bemerkung ist befremdend genug, z. B. das Urteil über die
alte abendländische Literatur; manches ist überflüssig, z. B. die un-
mögliche Allegorie (Kamanin’s) der duma vom soko4 (falls sie nicht
abschreckend gedacht ist); manches recht weitschweifig, aber das reiche
Material entschädigt für diese Schlacken.
Berlin A. BRÜCKNER
VonDsAk V.: Vyvoj soucasneho spisovnedho jJazyka Ceskeho. Brno
1926. 8°, 1008. (=Spisy Filosof. Fak. Masarykovy Univ.Nr.17).
Die vorliegende, im J. 1908 für die Innaknonenin cNaBaHcKof
$nnonorin verfaßte Arbeit wurde aus dem literarischen Nachlaß Von-
DRAK’s herausgegeben. Sie bietet in zwölf Kapiteln eine gedrängte
Geschichte der grammatischen und lexikalischen Entwicklung der böh-
mischen Schriftsprache. Auf andere Momente, die in der Entwicklung
472 F. TRAvNicEK
der böhm. Schriftsprache bald eine untergeordnete, bald eine wichtige
Rolle spielen, wie z. B. die Anwendung der Schriftsprache, ihre Aus-
breitung, nimmt der Verf. bloß teilweise Rücksicht. Was die Methode
anbelangt, kann die Arbeit als der beste Beitrag zur Geschichte der
böhm. Schriftsprache bezeichnet werden.
Zum Unterschied von allen neueren Arbeiten auf diesem Gebiete,
die fast ausschließlich das bisher gesammelte Material vorführen, beruht
das Werk von VONDRAK teilweise auf speziellem Studium der nicht
beleuchteten Fragen. Besonders sei die Analyse der Sprache der Kra-
licer Bibelübersetzung und einiger neuerer Schriftsteller, wie JUNG-
MANN’s, KOLLAÄR’s, hauptsächlich aber VRCHLIOKY’s hervorgehoben.
Auch das verdient erwähnt zu werden, daß VONDRAK fremde Einflüsse
auf die böhm. Schriftsprache recht sorgfältig festzusteller sucht. Schade,
daß der Verf. nicht die Möglichkeit hatte, seine methodisch vollständig
richtig angelegten Untersuchungen fortzusetzen. }
Bei der Beurteilung der Frage, inwieweit VONDRAK die bisherigen
Ergebnisse verwertet hat, muß man sich vor Augen halten, daß er
seine Arbeit fast vor 20 Jahren verfaßt und mit ihr sich nicht mehr
beschäftigt hat. Seitdem sind manche wertvolle Beiträge zur Geschichte
der böhm. und slovak. Schriftsprache erschienen, wovon folgende er-
wähnt werden sollen: FR. OBERPFALCER J. A. Komenskeho mily a
milostny jazyk oteovsky (= Üesk& hovory Nr. 4), Praha 1921. —
M. Hysek D£jiny t. zv. moravsk6ho separatismu, Brno 1909. —
FR. Sıme& 0 jazyku Ant. Marka po stränce grammaticke a lexikaälni.
Listy filolog. XLIX, L, LII. — J. JAKUBEO O spisovn& teli A. V. Smi-
lovsk&ho, das. LII. — B. HAVRANEK O dobov6m zabarveni jazyka u
Jiräska in Al. Jiräsek. Sbornik studii a vzpominek... Praha 1921.
— Zur Entstehungsgeschichte der slovak. Schriftsprache vgl. besonders
A. PRAZAK D£jiny spisovng slovenstiny po dobu Sturovu (= Okna.
Knihy zkuSenosti a uvah Nr. 3), Praha — Kr. Vinohrady 1922. —
Seit dem J. 1917 wurde das Interesse für die Vervollkommnung der
böhm. Schriftsprache durch die Gründung der Zeitschrift „NaSe re&“
lebendig, welche in erster Reihe das phraseologische und syntaktische
Moment ins Auge faßt. Darin gebührt das größte Verdienst J. ZUBATY,
der einschlägige Fragen im Gegensatz zu den Sprachverbessern auf
Grund einer eingehenden Kenntnis der historischen Entwicklung der
böhm. Sprache löst.
Es ist zu bedauern, daß V. nicht auf alle vor dem J. 1908 er-
schienenen Untersuchungen seine Aufmerksamkeit gerichtet hat. So
besonders auf jene von K. NovAK und J. GEBAUER über die Sprache
des Hus (Listy filol. XVI, XX, XXV, XXVIJ) und von J. JAKUBEC
über die Sprache Havlicek’s (Närodopis. sbornik teskoslovan. VII 1901).
Sowohl diejenigen Partien des Werkes von VONDRAK, wo er sich
auf Ergebnisse anderer Forscher stützt, als auch diejenigen, in welchen
der Verf. Ergebnisse seines eigenen Studiums liefert, bedeuten keines-
wegs immer eine endgültige Lösung der betreffenden Fragen. Im
V. Vondräk, Vyvoj soutasndho spisovneho jazyka 473°
Folgenden will ich einige Fragen kurz streifen, wobei mir nichts ferner
liegt, als dadurch die Verdienste VONDRAR’s um die Erforschung der
Geschichte der böhm. Schriftsprache schmälern zu wollen.
Der Verf. äußert die Meinung, daß es in der Zeit vor Hus ‚eine
allgemein anerkannte Schriftsprache* nicht gab (8. 9). Ich vermag ihm
nicht beizupflichten. Es ist bereits von vornherein klar, daß man in
den ältesten Bruchstücken der böhm. Sprache aus dem 10.—12. und
aus der ersten Hälfte des 13. Jahrh. keine Schriftsprache im engeren
Sinn des Wortes, d. h. eine Sprache „der Andern* (BEHAGHEL Gesch.
d. d. Spr.? S. 66) oder „anderer und früherer* (HIRT Gesch. d.d. Spr.
147) suchen kann. Aber die zahlreichen zusammenhängenden Sprach-
quellen aus dem Ausgang des 13. und aus dem 14. Jahrh. weisen eine
in hohem Grad einheitliche Sprache auf, die man mit vollem Recht
als eine Schriftsprache im engeren Sinn des Wortes bezeichnen kann.
Da die poetischen Denkmäler aus dem Anfang des 14. Jahrh. eine
wunderbar herausgebildete poetische Sprache zeigen, so wird man an-
nehmen dürfen, daß die Anfänge der böhm. Schriftsprache recht tief
in das 13. Jahrh. zurückreichen. Einige Merkmale (# < dj, &a < ag,
7<F u.a.) sprechen ganz deutlich dafür, daß man es mit einer der west-
lichen Mundarten zu tun hat, und auf Grund ihrer späteren Entwick-
lung kann man sie näher als eine mittelböhmische Mundart bezeichnen.
VONDRAK weist darauf hin, daß in den Denkmälern aus der Zeit um
1300 bald 2° bald e (hnüti — hnüci) und bald z.B.:, ohen bald ho,
hohen (mit hiatischem h-) vorkommt, worin seiner Ansicht nach dialek-
tische Unterschiede zu erblicken sind. Neuere Forschungen haben aber
bewiesen, daß die assibilatorische Aussprache der Dentale d” 7‘, also
3 c, und hiatisches A- in früherer Zeit auch dort vorhanden waren,
wo sie heutzutage unbekannt sind, so daß Doppelformen in der Art
wie Anüti: hnüeci, ©: hd nicht als dialektische Unterschiede, sondern
als Beispiele einer Schwankung innerhalb einer und derselben Mundart
zu betrachten sind.
Demnach erscheint eine ältere Meinung Flajihans’, die VONDRAK
teilt, daß erst Hus die böhm. Schriftsprache herausgebildet hatte, als
unhaltbar. Diejenige Sprache, der sich Hus in seinen zahlreichen
Schriften bediente, ist mit jener der Denkmäler aus der Zeit um das
J. 1300 wesentlich identisch, indem sie sich von jener nur dadurch
unterscheidet, daß sie ein späteres Entwicklungsstadium vorstellt. Es
darf nicht vergessen werden, daß die ältere böhm. Schriftsprache die-
selbe Entwicklung auf dem Gebiet der Laute, Formen usw. durch-
gemacht hat wie die Volkssprache. Unter solchen Umständen kann es
sich nur darum handeln, inwieweit Hus auf die weitere Entwicklung
der bereits vorhandenen Schriftsprache eingewirkt hat.
Die altböhm. Schriftsprache ist freilich nicht absolut einheitlich,
sondern sie trägt in sich mancherlei nicht mittelböhm., kurz gesagt
dialektische Elemente. Dabei hat man sich vor Augen zu halten, daß
lautliche dialekt. Charakterzüge, die am meisten auffallend sind, in
474 N. van Wısk
literarischen Texten verhältnismäßig gering sind (z. B. unumgelautete
au, &e für yy) und hauptsächlich erst in späteren Denkmälern auf-
treten, so daß die Einheit der altböhm. Schriftsprache dadurch nicht
bedroht, ja nicht einmal stärker gestört war. Es muß wundernehmen,
daß VONDRAK, der — wie bereits oben angedeutet — mit Unrecht
in einigen Erscheinungen dialektische Unterschiede erblickte, auf die-
jenigen Erscheinungen, die unzweifelhaft einen dialektischen Charakter
aufweisen (e & für y y usw.), allzu wenig Rücksicht nimmt.
Aus dem Vergleich der altböhm. Schriftsprache mit dem heutigen
Stand der mittelböhm. Volkssprache geht hervor, daß die Schriftsprache
keiner der wichtigsten Veränderungen gänzlich entging, denen dis Volks-
sprache auf dem Gebiet der Laute, Formen und Syntax unterlag. Es
ist aber von vornherein wahrscheinlich, daß die Schriftsprache bisweilen
konservativ war, indem sie mit der natürlichen Entwicklung ‘nicht
gleichen Schritt hielt. Es besteht z. B. in den Denkmälern aus dem
16. Jahrh. Wechsel zwischen 9 und ej (dodbry : dodrej), o- und vo-
(oleno : vokno), obzwar die Veränderungen y > ©) und o- > vo- aller
Wahrscheinlichkeit nach damals gänzlich vollzogen waren. Diese und
ähnliche Fragen sind einer eingenenden Untersuchung wert.
Die neuböhm. Schriftsprache ist keine unmittelbare Fortsetzung
der altböhm., was die Folge der katholischen Gegenreformation im
17. und 18. Jahrh. ist. Die Jesuiten trachteten darnach, sämtliche
Spuren der „ketzerischen* Vergangenheit zu tilgen und vernichteten
die ältere Literatur. Die nichtkatholische Intelligenz, die den größten
Teil der gesamten böhm. Intelligenz bildete, wanderte fast gänzlich
über die Grenze aus. In der einheimischen Literatur kam dann ein
durchaus neuer Geist zur Geltung, so daß die eigentliche Fortsetzung
der älteren böhm. Literatur die Exulantenliteratur ist, die. aber dem
größten Teil des Volkes unzugänglich war. So gab es für die heimischen
Schriftsteller keine Muster der Schriftsprache und sie griffen größten-
teils zu der Volkssprache. Die krasse Tendenz dieser Literatur war für
die Pflege des sprachlichen Moments derselben keineswegs von Vorteil,
sie führte vielmehr zur Vernachlässigung derselben. Die Folge von
diesen Verhältnissen war ein Verfall der Schriftsprache. Als gegen
Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrh. bei uns eine Neubelebung
des während der Gegenreformation stark gesunkenen geistigen Lebens
eintrat, äußerte sich diese in sprachlicher Hinsicht durch direkte An-
knüpfung an die Zeit Veleslavin’s in der zweiten Hälfte des 16. Jahrh.
Außerdem aber macht sich das Bestreben geltend, die Schriftsprache
der mittelböhm., besonders der Prager Volkssprache anzunähern. Ferner
war es nötig, den Wort- und phraseologischen Vorrat zu vermehren.
Die neuböhm. Schriftsprache entwickelte sich demnach unter ganz neuen
Umständen. Dieses Moment scheint mir bei VONDRAK nicht genug
klar hervorgehoben zu sein. In die rege Entwicklung der Schriftsprache
greifen sowohl Schriftsteller als auch Theoretiker, was bei V. allzu
schematisch dargestellt wird. Obzwar es unzweifelhaft ist, daß eine
A.Margulies, Der altkirchenslavische Codex Suprasliensis 475
eingehende, vollständige Übersicht dieser Entwicklung bis zur Stabili-
sierung gegen Ende des 19. Jahrh. erst auf Grund monographischer
Untersuchungen, an denen es bisher fast gänzlich fehlt, möglich ist,
erscheint es mir nicht ausgeschlossen, daß man wenigstens die wich-
tigsten Phasen dieser Entwicklung in groben Zügen darlegen kann. So
findet bei VONDRÄK keine Berücksichtigung die auffallende Erscheinung,
daß einige ältere Schriftsteller, darunter besonders J. K. TyL, sich
einer der Volkssprache nicht nur lautlich, sondern auch lexikalisch und
phraseologisch sehr nahen Sprache bedienten. Ferner vermisse ich bei
VONDRAK den Hinweis darauf, daß man gegen Ende des 19. Jahrh.
eine Stabilisation der neuböhm. Schriftsprache auf dem Gebiet der
Laute und Formen beobachtet, die in nicht letzter Reihe den Schul-
grammatiken und der Lehrtätigkeit GEBAUER’s zuzuschreiben ist. End-
lich kann ich die Bemerkung nicht unterdrücken, daß das X. Kapitel
über die grammatische Bearbeitung der böhm. Schriftsprache allzu
wenig konkret ist, obzwar es nicht besonders schwierig wäre, die wich-
tigsten der Grammatiken, in denen sich verschiedene Richtungen geltend
machen, wenigstens allgemein zu charakterisieren.
Brünn FRANT. TRÄVNIÖER
Marcunıks A. Der altkirchenslavische Codex Suprasliensis.
[Sammlung slavischer Lehr-und Handbücher, herausgegeben von
A. Leskıen f und E. BERNEKER. III. Reihe: Texte und Unter-
suchungen. Bd.4.] Heidelberg, Winter, 1927, 8°, XVI-+253S.
Dieser Schrift liegt der Gedanke zugrunde, daß die jetzige Wissen-
schaft sich, was das Altkirchenslavische anbetrifft, die Aufgabe stellen
muß, „die Denkmäler individuell zu untersuchen und ihre Zusammen-
setzung zu ergründen“. Gerade der Suprasliensis ist für eine solche
Untersuchung besonders geeignet, weil er aus einer großen Anzahl (48)
Predigten und Legenden besteht, welche von mehreren Übersetzern
herrühren. Daß kein einheitlicher Text vorliegt, wußte man seit VoN-
DRAK’s Bemerkungen zur Epiphanios-Homilie (Nr. 40) in dessen Alt-
slovenischen Studien; leider hat seitdem die Erforschung der Vor-
geschichte des Kodex beinahe vollständig geruht. Es ist ein großes
Verdienst von MARGULIGS, verstanden zu haben, in welcher Richtung
man arbeiten muß, und sein Buch hat zur Lösung des Problems sehr
viel beigesteuert. Die Resultate würden wohl noch größer gewesen
sein, wenn der Verfasser, dem wohl nur eine beschränkte Anzahl Druck-
bogen zur Verfügung stand, dieselben speziell einem Unterteil des
Gegenstandes gewidmet hätte, etwa der Syntax oder dem Vokabular.
In dem vorliegenden Buche behandelt er diese zwei Kapitel und außer-
dem noch die Lautlehre und, ganz kurz, die Formenlehre, sogar geht
er auch auf paläographische Fragen ein; für das alles gebraucht er
Zeitschrift f. alav. Philologie. Bd.IV. 31
476 N. van WıJk
ungeführ 200 Seiten; auf den letzten 50 Seiten stellt er die Resultate
zusammen. Auf diese Weise war es in jedem einzelnen Kapitel un-
möglich all dasjenige zu geben, was für eine endgültige Lösung der
Probleme nötig ist. Für die Rekonstruktion der Vorgeschichte haben
nicht alle Teile der Grammatik und der Lexikologie denselben Wert.
Am meisten wurde wohl die Lautbezeichnung von den Schreibern
modernisiert und normalisiert; man beachte im Suprasliensis etwa die
durchgehende Verwendung der Gruppen ıua, Io; 44, uoy (nicht uk,
uno; uk, um) usw.; allerdings kommen daneben Reminiszenzen älterer
Vorlagen vor (z.B. ıı'k, pk neben nıa, pa), sogar gibt es in gewissen
Fällen, z. B. was den Jer-Gebrauch betrifft, ein so buntes Nebeneinander
orthographischer Varianten, daß man bisweilen nicht weiß, was aus
einer Vorlage stammt, was von dem letzten Schreiber herrührt und
was als Schreibfehler betrachtet werden muß. Es gibt aber auf dem
Gebiete der Lautlehre keine Fälle eines solchen Konservatismus wie
etwa bei der morphologischen Unterscheidung der zwei Aoristtypen
nayA und HayAaTr (2. 3. Ps. Sg.), die man ohne weiteres als ein Kri-
terium für die Herkunft der einzelnen Nummern des Kodex anwenden
darf; allerdings gilt das nicht für alle morphologischen Kategorien.
Die Syntax dürfte im allgemeinen noch konservativer sein, und am
wichtigsten ist für die Vorgeschichte das Vokabular: überaus altertüm-
liche Wörter wie BhAATH cA und upkAHurTH blieben mehr als fünf
Jahrhunderte in den Hss. der Vita Cyrilli bewahrt; lautlich und mor-
phologisch modernisierte Klemens-Hss. bewahren noch solche Wörter
wie KPHHR, HETENR, 3AKAema. Ich bin daher der Überzeugung, daß
eine eingehende lexikologische Untersuchung unseres Kodex besonders
wichtig für das Studium von dessen Vorgeschichte sein würde. Manches
hat MARGULIES schon gesammelt, viele wichtige Wörter hat er aber
nicht oder zu wenig berücksichtigt; auf dem Gebiete der Lexikologie
ist seine Arbeit also vielmehr Ausgangspunkt für künftige Forschungen
als ein erreichtes Ziel. Ich möchte etwa darauf hinweisen, daß er bei
vielen Nrn. des Kodex das Vorkommen der Konjunktion TH hervor-
hebt, aber gerade bei Nr. 20, für welche dieses Wort besonders cha-
rakterisch ist (6 mal), läßt er es weg. Er erwähnt die meisten Stellen,
wo Akkıım (Acum) vorkommt (Nrn. 26, 27, 30, 31, 85%); außerdem
in 38 einmal Ak); gerade so wichtig wäre aber mminiayuoy gewesen,
welches für dieselbe Partie charakteristisch ist (Nrn. 26, 27, 31, 35, 36),
während auch a (ku1) anstatt auıme (Eu), abgesehen von zwei Belegen
in Nr. 2, ausschließlich in dieser selben Homiliengruppe (Nrn. 26, 27,
29, 30, 31, 35, 36) vorkommt; diese drei Wörter betrachte ich als eine
Bestätigung meiner Gruppierung von Nr. 26—39 Archiv XL'267£.
Um so merkwürdiger sind diese Tatsachen, als auch im kurzen Jefrem-
Sirin-Fragment, das uns im mazedonischen glagolitischen Blatte be-
1) 402, 3/4, von MArauLıss 8.189 nicht erwähnt.
A. Margulies, Der altkirchenslavische Codex Suprasliensis 477
wahrt ist, NRınkyoy und in andern Teilen desselben Textes Akleu[n
vorkommt), was doch wohl auf Herkunft aus derselben Gegend
oder demselben Literatenkreise wie Supr. Nr. 26 usw. hinweist. Es
wäre erwünscht gewesen, vollständige Verzeichnisse der Belegstellen
mehrerer Wörter (etwa rn, Akkıımn, NRIHIAUOY, HEBONTE, HEAH, NO AOBA
ECT bezw. n. Sk, FOWkTH, NRBATH, Bachk, RAINER usw.) aufzu-
stellen, gerade so wie VONDRAK es für paan, Aka'ıma, Akar, paanma
gemacht hat; welche Wörter wichtig sind, das ergibt sich aus einem
eingehenden Studium des Denkmales selber. MARGULIKÄS hätte viel
mehr sammeln sollen, aber jedenfalls hat er einige wichtige Sachen
zusammengestellt; ich erwähne besonders die Präfixvarianten npk-, o-,
CR-ASAKTH (-Ae-). — Auch die $$ über die Syntax hätten einen
größeren Wert, wenn für die wichtigeren Erscheinungen ein vollständiges
Material gesammelt wäre, welches uns das Verhalten der einzelnen
Übersetzer den wichtigeren Konstruktionen usw. gegenüber zeigte.
Leider hat der Verfasser gerade bei der Syntax dieser interessanten
Seite des Suprasliensis-Problemes eine geringe Aufinerksamkeit gewid-
met. Im allgemeinen hat er ein besonderes Interesse für die syntak-
tischen Unterschiede zwischen den griechischen Grundtexten und ihren
slavischen Übersetzungen. Sein Material und seine Bemerkungen dazu
sind sehr wichtig und oft vollständig neu; ich konstatiere gerne, daß
ich bei meinen eigenen syntaktischen Untersuchungen der letzten Monate
sehr viel bei MARGULIES gefunden habe, was sonst nirgends zu finden
wäre, — was um so dankenswerter ist, als die aksl. Syntax seit POTEBN’A
und MIKLOSICH arg vernachlässigt wurde; anderseits aber ist es zu
bedauern, daß die Weise, wie die syntaktischen Kapitel bearbeitet
wurden, für das Hauptziel der Arbeit, die Zerlegung des Suprasliensis
in seine ursprünglichen Komponenten, sich als nicht sehr fruchtbar
ergeben hat. Das dürfte aus einigen der Bemerkungen hervorgehen,
welche ich jetzt zu einzelnen Abschnitten des Buches machen werde.
S.3. Neben OBNORSKIJ’s Arbeit Was. XVII 3, 242 (so, nicht
252) ff. hätte auch diejenige über die Gruppen p%, ph, Ak, Ak, Use.
XVII 4, 333 ff. erwähnt werden sollen. 8. 236 wird dieselbe kurz be-
sprochen; MARGULIES nennt sie „bemerkenswert“, bat aber Einiges an
derselben auszusetzen; er meint, daß es für die Synkopierung der
schwachen Jers gleichgültig sei, „ob Liquida oder ein anderer Konsonant
dem schwachen Halbvokal voraufgeht“, wobei er auf $ 16ff. seines
Buches verweist. Nun wird in $ 16, S. 46 mitgeteilt, daß die Fälle
von Synkope im ganzen mit SGEPKIN’s Zusammenstellung des Materials
der Savvina kniga, Pascy»aenie 115 fl. übereinstimmen. An SCEPKIN
wird hier keine Kritik geübt, obgleich sich aus seinen Ausführungen
gerade das Umgekehrte von demjenigen ergibt, was MARGULIES 5. 236
behauptet, daß nämlich für die Synkopierung der Jers die konsonan-
tische Umgebung, sowohl der vorhergehende wie der folgende Konsonant.
1) S. PoGoRELOV C6opknkp DoprTyHaToBy 496.
31*
478 N. van WısK
überaus wichtig sind. MARGULIES hat dieser Frage nicht die nötige
Aufmerksamkeit gewidmet. Gerade für den Suprasliensis fehlt noch
eine systematische Übersicht der Synkope, und gerade diese empfindliche
Lücke in unseren Kenntnissen hat M. nicht ausgefüllt; wenn er mit-
teilt, daß die Verhältnisse im Suprasl. zu denjenigen in Savv. kn.
stimmen, so ist das sogar unrichtig; ein oberflächlicher Blick zeigt
schon, daß für Supr. Bkc- ebenso regelmäßig ist wie für Savv. Ec-,
während anderseits in Savv. Kun- stets unverändert bleibt, Supr. da-
gegen oft das Jer wegläßt. — Weiter meint M., daß aus OBNORSKIJ’S
„feißiger Materialsammlung* hervorgehe, „daß die Liquidaphoneme für
die Bestimmung des Schreiberdialekts nichts besagen“; auch das ist
kaum richtig. Obgleich nicht jedes Jerzeichen klar ist, bekommt man
doch den Eindruck, daß bei der Vertretung von r durch pn bezw. ph
der Vokalismus der folgenden Silbe Einfluß gehabt hat, gerade so wie
im Clozianus. In dem Abschnitte über „die Lautgruppe tro£, trot usw.“
blieb OBNORSKIJ vollständig unberücksichtigt. Ich muß gestehen, daß
ich diesen Abschnitt für den schwächsten des ganzen Buches halte; es
wird nicht einmal zwischen den alten Sonanten r, | einerseits, den ur-
slavischen Gruppen ri, rü, Zi, lü anderseits unterschieden! Soll das
heißen, daß der Verfasser für den Suprasliensis den Zusammenfall der
Gruppen r® usw. in schwacher Stellung (und durch analogische UÜber-
tragung auch in starker Stellung) mit r usw. als bereits vollzogen
betrachtet? Dann hätte er das doch erst beweisen sollen. Spuren
des alten Unterschiedes — welche wohl größtenteils auf die Vorlagen
zurückgehen —, gibt es jedenfalls. Gerade für eine Untersuchung
dieser Art bildet das übersichtlich gruppierte Material OBNORSKIJ’s
einen schönen Ausgangspunkt.
S. 10. Die Kyrillica des Supr. wird hier als „der Wende des
10. und 11. Jahrhs. angehörig“ betrachtet; S. 11 wird die Schrift des
Hauptschreibers „Kyrillica des 10. Jahrhs.“ genannt; $S. 151 wird die
Entstehung der Hs. in das „beginnende 11. Jahrh.“ verlegt und $. 246
die Zeit genauer als „um 1010* bestimmt. Paläographische Details
werden dabei nicht besprochen, was doch um so nötiger gewesen wäre,
weil die verschiedenen Datierungen von MARGULIES nicht ganz zu
dem sonst Angenommenen stimmen ; man vergleiche die paläographischen
Handbücher von LAvRov, KARSKIJ), SCEPKIN. Um so merkwürdiger
sind MARGULIES’ Datierungen, als es ja kaum aksl. Handschriften gibt,
weder glagolitische noch kyrillische, welche man mit einer relativen
Gewißheit dem 10. Jahrh. zuschreiben könnte. S. 242 bemerkt der
Verf. richtig, daß syntaktische und gewisse morphologische Kriterien
den Suprasliensis ‚als jünger erkennen lassen“ denn die andern aksl.
Denkmäler; das spricht doch gegen eine frühere Datierung als 1000
und macht 1050 oder sogar eine noch spätere Zeit wahrscheinlich. —
Eine andere Frage ist die, wann die einzelnen Abschnitte aus dem
Griechischen übersetzt sind. Seit VONDRAK’s Untersuchungen über
die Epiphanios-Homilie wissen wir, daß nicht alle Übersetzungen aus
A.Margulies, Der altkirchenslavische Codex Suprasliensis 479.
derselben Zeit stammen; die Epiphanios-Homilie ist wohl ziemlich früh
übersetzt worden; von Nr. 21 (Chrysostomos-Homilie: dA xapäg
eüayy&ite) hoffe ich an einer andern Stelle zu zeigen, daß sie sprach-
lich, und auch was die Übersetzung von Bibelzitaten anbetrifft, stark
an Klemens erinnert und sehr gut von diesem Mitarbeiter Kyrills und
Methods übersetzt sein könnte. Vielleicht stammt noch die eine oder
die andere Nr. aus derselben Zeit, aber im allgemeinen dürfte MaAr-
GULIES S. 86f. recht haben, wenn er meint, daß Wortwahl und Über-
setzungstechnik vielmehr auf die „Jahrtausendwende“ hinweisen; auch
morphologische Tatsachen sprechen dafür. Wenn man in einigen Nrn.
Aoristformen wie NAYATR, Ympkrm findet, die meisten Nrn. aber
keine einzige Form dieses Typus und ausschließlich naua, oympk usw.
zeigen, so ist es sehr wahrscheinlich, daß dieser Unterschied auf die
Übersetzer zurückgeht; ebenso war offenbar einigen Übersetzern, u. a.
demjenigen (bezw. denjenigen) der Legendenserie Nr. 1—5, 7—19,
22—25, der Partizipialtypus auf -HKu ganz geläufig; das weist auf
ziemlich jungen Ursprung hin und spricht gegen MARGULIES’ Ansicht
(8. 4), daß die „erste Übersetzung“ dieses Teiles des Kodex ‚an der
Wende des 9. und 10. Jahrh. angefertigt worden“ sei. Wenn die An-
sicht richtig sein sollte, daß es um 900 so ausführliche griechische
Menologien gegeben hat, so dürfte doch die slavische Übersetzung jünger
gewesen sein. Allerdings ist M. von seiner Datierung nicht ganz sicher
(s. 8. 5), es besteht aber doch ein unleugbarer Widerspruch zwischen
S.4 und der oben angeführten Stelle S. 86f. Die Bemerkung über
Methods Paterik S. 221 ist für die Datierung der Legenden des Suprasl.
wertlos.
8.17. Der Spiritus in skäyx, eTohm usw. „markiert irgendwie
das Neueinsetzen des Stimmtons“. Die Frage kommt auf: wie wurde
der Übergang zwischen den Vokalen gesprochen: mit Glottisverschluß ?
Die unleugbare Vorliebe der meisten aksl. Dialekte für Hiatus (Aospaa,
AkarıH, -aaro, Supr. -oyoymoy usw.) legt auch für andere Denkmäler
dieselbe Frage nahe.
S. 27. Die drei Beispiele camapanhı, BeECAAdAMR, cAamo für ckmo
stehen nicht auf einer Linie: camapanı zeigt den dialektischen Laut-
wandel ra (rä) > ra, der in den Maa. von Savv. und Supr. statt-
gefunden hat; camo für ckmo ist eine im Mbg. sehr häufige Form?),
welche man richtig nach Tamo, KaMo usw. erklärt; in geca\amn liogt
vielleicht eine Art Vokalassimilation vor (vgl. Tpaßa neben Tpkka
Ps. sin, Tpenesa usw.); auf jeden Fall steht diese Form nicht auf einer
Linie mit came oder camapannı. — Daß nk, Ak, pk anst. nıa, Ara, pa
(< ra) der Mundart des Schreibers R fremd waren und aus einer Vor-
1) Im Supr. kommt ein solches camo kaum vor; an der einzigen
von M. angeführten Stelle (126, 8/9) übersetzt © camonpHxoAALITHHMR
gr. Eni rolg abrowolodoıv!
480 N. van Wısk
lage übernommen wurden, darin hat der Verf. ohne Zweifel recht; für
die Frage, inwiefern gewisse Teile der Hs. auf glagolitische Prototypen -
zurückgehen, haben diese Schreibungen aber einen geringeren Wert als
M. 8.152 meint: es gibt ja bis in die mbg. Zeit kyrillische Hss., die
regelmäßig pk, ak, #k schreiben; der Gegensatz pk, ak, uk : pia
(pa), Ata, nıa ist vielmehr einem teilweise chronologischen teilweise
dialektischen Unterschiede in der Aussprache (Fä: ra, ra usw.) als
einem Unterschiede zwischen den zwei Alphabeten zuzuschreiben. Ich
verweise auf meinen Aufsatz über aksl. &, za, a, der bald in der Revue.
des etudes slaves erscheinen wird. "
8.29. Das seltene ako ist eine jüngere Nebenform zu taK9; da-
gegen ist bei aktı der a-Anlaut alt.
S. 31£.: -aaro, -oyoymoy u. dgl., welche gerade für Supr. charak-
teristisch sind, entsprechen wohl der Aussprache des Schreibers. Es
ist jedoch nicht ausgeschlossen, daß in gewissen andern Formen die
Kontraktion früher stattgefunden hat.
S.43fl. S. meine Bemerkung zu 8.3.
S. 48. mmuntm wurde im allgemeinen im Aksl. wohl t3dito ge-
sprochen. Die Orthographie TRURKR weist auf eine Reduktion des 2
hin, welche zu vollständigem Schwunde führen konnte; dann sprach
man also tsdzo und Formen mit kt, KM, hie, Kia werden oft einfach
mit 20, gu, ge, ia gesprochen sein; ebenso s3eMuta usw. mit u anstatt 2
epentheticum; was MARGULIES dazu S. 60 ff. bemerkt, ist mir nicht
ganz klar und in den Detaus nicht immer richtig. Daß Savvina nie
solche „Ersatz-k“ hat (S. 62), ist unrichtig; BAarocAoREN"% ist eine auch
außerhalb des Supr. häufige Form mit wohl dissimilatorisch (#2 — 8! — vl)
geschwundenem 7‘; M. hätte auf den Gegensatz seMH usw. : 36Mhla,
3EMkA usw. hinweisen sollen.
S8.49fl. S. oben 8. 477.
S. &1: „die beiden ältesten kyrillischen Denkmäler, Supr. und
Savva“: steht es denn fest, daß kein anderes kyr. Denkmal älter ist,
sogar wenn die Inschrift von 993 außer Betracht bleibt?
8.56. „Aa für a“, 1: m für A.
S. 59. Die Beispiele oyAaoBenHIE, TOMEHHIE, NACTARENHH, BAATo-
cAOBeN% sind nicht gut gewählt; hier könnten Be usw. auch durch
morphologische Analogiewirkung erklärt werden; zu BAar9cAoREN" S. 0.
Die Konsonantverhärtung ist m. E. nur für r bewiesen.
S.60ff. S. die Bemerkung zu 8. 48.
3.66f. Die überaus häufige Einschaltung eines Jers in griech.
Wörtern von den ältesten Texten an weist darauf hin, daß man zu der
Zeit, als die Jers noch gesprochen wurden und alle Silben offen waren,
auch auf die Fremdwörter und Lehnwörter die slavische Regel für den
Silbenauslaut angewandt hat. Ich verstehe daher MArauLıks’ ab-
lehnende Bemerkung zu VAsMER’s Aufsatz Zeitschr. f. sl. Ph. I 156 ff.
nicht. Für den Schreiber des Supr. existierten diese eingeschalteten
A. Margulids, Der altkirchenslavische Codex Suprasliensis 481
Jers in der Aussprache nur noch in einer solchen konsonantischen Um-
gebung, die auch sonst konservierend auf die Jers wirkte.
S. 68. Zur Wiedergabe des griech. v und os s. MEILLET Etudes
189f., VASMER Was. XII 2, 210.
S. 70. Slav.-Rims wurde kaum durch griechische Vermittlung
entlehnt.
S. 71. Neben K, F auch X: payunak 386, 13.
8.73. Die Formenlehre ist allzu kurz. Eine Zusammenstellung
der wichtigsten Ergebnisse früherer Forschungen und der in 8 66 bei
der Besprechung der einzelnen Nrn. hervorgehobenen Erscheinungen
wäre erwünscht gewesen. Daß für eine „Einteilung der einzelnen Be-
standteile“ die Formenlehre wichtiger sei als die Syntax, kommt mir
weniger sicher vor als MARGULIES. Leider aber wurden bisher die
syntaktischen Kriteria stark vernachlässigt.
S. 86. Mazedonischer Ursprung ist jedenfalls wohl für die Nrn. 21
und 40 anzunehmen, vielleicht auch für andere. In diesem ganzen
Kapitel (Wortschatz, S. 75—87) sollte die verschiedene Herkunft der
einzelnen Teile des Kodex mehr berücksichtigt sein.
3. 93. Eine Aufzählung der im Supr. vorkommenden Kollektiva
wäre sehr erwünscht gewesen.
S.94f. cgepknoyn übersetzt an der zitierten Stelle äygıe; s. SEVER-
JANOV zur Stelle. Ein attributives Adjektiv zu einem Vokativ steht
auch wohl im Vokativ, z. B. Supr. 21, 26/7. Diese Konstruktion ist
besonders häufig in den von JAGIG herausgegebenen Menäen.
S.98f. Zum Gen.-Akk. vgl. auch THaoMson’s und MEILLET’s
Untersuchungen. MEILLET stellte ein reichhaltiges aksl. Material zu-
sammen, aus welchem sich u. a. ergibt, daß ©- und u-Stämme und
Deminutiva (bezw. Bezeichnungen junger Lebewesen) den Akkusativ
bewahren; daher AkKTHUT», crın% und auch — eTpaRu; man be-
achte die Formen eTpa&kHie, eTpamıMmH und die Betonung von r. CT6-
po»x5, welche ebenfalls für alte »-Flexion spricht. — Eine Zusammen-
stellung der Gen.-Akk.-Formen bei Wörtern, die keine Lebewesen be-
zeichnen, wäre sehr wichtig gewesen, auch für die Charakteristik der
einzelnen Abschnitte.
S.103 und 105f. Auch für den prädikativen Instrumental und
den adverbalen Lokativ wäre ein umfaugreiches Material erwünscht.
Der Ersatz des prädikativen Nomin. und Akkus. durch den Instrum.
und die Verdrängung des Lokativs bei npHBASaTH, npHaknHTH usw.
durch Präpositionalkonstruktionen sind Erscheinungen, welche für die
Bestimmung der Chronologie des Entstehens und der weiteren Entwick-
lung altkirchenslavischer Texte einen besonders großen Wert haben.
Die Untersuchungen POTEBNA’s und MIKLosıcH’s bilden dabei einen
so schönen Ausgangspunkt, daß man gar nicht versteht, weshalb M.
sich auf ein paar Beispiele beschränkt hat.
8.123f. Ich nehme mit MARGULIES an, daß Verbindungen wie
MAKk Th, AbHk T% schon früh bestanden haben. Anderseits aber
482 N. van WısK
beweist eine beschränkte Anzahl Stellen, wo solche Verbindungen eine
oriechische Artikelkonstruktion übersetzen, für mich nicht, daß man T% im
Abg. schon als Artikel und nicht als deiktisches Pronomen empfunden hat.
8.135. Auch imperfektive Präsentia können mit Futurbedeutung
vorkommen, s. z. B. Supr. 30, 20; 61,3. Sowohl beim Präsens wie bei
den Präterita sollten die Aktionsarten mehr berücksichtigt sein. Solche
Fälle, wo ein Imperfektum oder ein Partizip präs. perfektiver Verba
ohne weiteres in imperfektiver Bedeutung gebraucht werden (z.B.
412, 23; 413, 18/9, — 143, 16—18; 157, 6/7), sind für die Frage der
relativen Altertümlichkeit der Texte nicht ohne Bedeutung.
S.139. Im klassischen Aksl. ist die 3. P. Aorist vielmehr AacT#,
nicht Aa.
8.153. Ob gr. « durch slav. *k wiedergegeben werden kann
(Bıödva : guAkna), das hängt von der Mundart, nicht vom Alphabet
ab. Wenn diese Wiedergabe in glagolitischen Hss. möglich ist, so ist
sie es auch in aus denselben Gegenden stammenden kyrillischen.
S. 155— 201: „Die einzelnen Stücke des Suprasliensis“. Dieser $
enthält eine Übersicht derjenigen sprachlichen Eigentümlichkeiten,
welche für die Charakteristik jeder einzelnen Nr. wichtig sind. Viel
Interessantes ist hier zusammengestellt; ich hätte aber ein reichhaltigeres
lexikalisches und auch syntaktisches Material gewünscht. So kommt
z. B. die ziemlich junge Konstruktion 34 c. gen. mit kausaler Bedeutung
nur in den Nrn. 6, 42, 43 vor, allerdings auch in Nr. 2, wenn 34 Ekcero
poAa KpnetHianncka 17, 1/2 als ein Gen. und nicht als ein Gen.-Akk.
aufzufassen ist; auch Zeitwörter, welche mehr als eine Konstruktion
zulassen (HAAkUTH cA, (OY)nBBATH, (BRS)TNRWATH CA, MEUTH CA,
zahlreiche Komposita mit npH- usw.) sind für die Charakteristik ein-
zelner Texte wichtig, wenn auch bisweilen in einem Texte zwei Kon-
struktionen nebeneinander vorkommen. Viele Erscheinungen, welche
MARGULIES in seiner Syntax ohne Rücksicht auf den heterogenen Cha-
rakter der einzelnen Teile des Kodex besprochen hat, hätten auch in
dem analytischen Kapitel ein größeres Recht auf eine eingehende Be-
handlung gehabt als etwa die Formen mit / epenth. oder diejenige mit
% anstatt ıa, welche für das Verhältnis des vorliegenden Kodex zu
seinen direkten Vorlagen einen größeren Wert haben als für die Cha-
rakteristik der ältesten Prototypen. Was die Syntax anbetrifft, so hat
MIKLOSICH in seiner Vergleichenden Syntax ein sehr wertvolles Material
aus Suprasl. gesammelt, MIKLOSICH hat aber die individuellen Züge
der einzelnen Texte wenig berücksichtigt. MARGULIES, der gerade für
Probleme dieser Art ein offenes Auge hat, hätte sich m. E. in seinem
analytischen Kapitel die doppelte Aufgabe stellen sollen: 1. das Mi-
klosichsche Material zu vervollständigen, 2. das syntaktische Material für
die Charakteristik der einzelnen Nrn. zu verwerten. Auch .sonst hätte
er mehr, als er es tut, das hisher von andern Forschern Erreichte als
Ausgangspunkt nehmen sollen.
A.Margulids, Der altkirchenslavische Codex Suprasliensis 488
S. 202—227. Die Analyse der Herkunft der einzelnen Teile des
Supr. dürfte im allgemeinen richtig sein. Nr. 1—5, 7—19, 22—25
bilden den ersten legendarischen Teil der Hs. Daß diese Serie auf eine
griechische Sammlung gleichen Inhaltes zurückgeht, ist sehr plausibel:
Allerdings ist eine eingehende lexikologische Erforschung dieser Legenden
nötig für die sichere Beantwortung der Frage, ob all diese Nrn. von
derselben Person übersetzt worden sind. Eine zweite Legendenserie,
welche einerseits eine einheitliche Gruppe bildet, anderseits aber anderer
Herkunft ist als die erstgenannte Serie, liegt in den Nrn. 46—-48 vor.
Die Predigten Nr. 6, 20 und 21 sind von andern Personen übersetzt
worden als die vorhergehenden und folgenden Legenden. Für die
Homilien nimmt M. an, sie seien aus zwei Homiliarien kopiert, die er
A und B nennt. Er erkennt aber den heterogenen Charakter der in A
enthaltenen Predigten an. Tatsächlich ist ja der Unterschied etwa
zwischen Nr. 32, die sprachlich an Joannes den Exarchen erinnert, und
Nr. 40 (Epiphanios-Homilie), welche einen mazedonischen Eindruck
macht, sehr bedeutend, viel größer als der zwischen 26 und 27, welche
durchaus den Eindruck machen von einer und derselben Person übersetzt
zu sein; man beachte Akkıun, nRinmuoy, a gBI1 (S. 0.), und was Nr. 27
und 28 anbetrifft, für welche M. ebenfalls verschiedene Herkunft an-
nimmt (Nr. 26 — A, Nr. 27 — B, Nr. 28 — A), das von M. aus diesen
Nrn. und aus keiner andern Nr. angeführte ck oyso. Auch sonst bleibe
ich bei der Ansicht, daß die Einteilung der Serie 26—39 in zwei
Gruppen: a) 26—31, 33—37; b) 32, 38, 39 — die einzige richtige
ist; offenbar steht auch M. dieser Ansicht nicht allzu ablehnend gegen-
über, indem er jedenfalls 32, 38, 39 als eine besondere Gruppe an-
erkennt. Nr. 40 ist isoliert, Nr. 41—43 bilden eine Gruppe, über 44
und 45 möchte ich vorläufig kein Urteil aussprechen; M. wird darin
recht haben, daß diese zwei Nrn. nicht von altersher zusammengebhören.
S. 208. uncmA steht in Nr. 6 siebenmal, nicht viermal; BeuncMme»
HANBIA steht 442, 29, maaouncmennna 429, 1.
S. 209. Der Lokativ nocrea’n 242, 14/5 gehört zu einem Nomin.
NOC TEA.
8. 229. Ra- anstatt westslav. ro- beschränkt sich auf einen Teil
des Mittelslovakischen. |
$. 229/230. Daß das o von pos% und dasjenige von A9 (: A4)
und oKkkı genetisch zusammengehören, hat M. nicht plausibel gemacht,
— noch weniger, daß diese abg. o mit gewissen neubulg. dial. 4,0 <a
zusammenhängen.
S. 230. Bei der Behandlung des neubg. dial. y (6) wird oft, und
auch in diesem Buche, ungenügend unterschieden zwischen den Dia-
lekten, wo sowohl slav. © wie % y-artig gesprochen werden und den-
jenigen, die die zwei Vokale noch voneinander unterscheiden.
8.234. Obgleich das Ostromir-Ev. wohl auf eine ostbulgarische
Redaktion zurückgeht, darf man doch den „Dialekt der Schreiber des
484 N. Guns
Ostromir-Evangeliums“ nicht ohne weiteres als mit demjenigen von
Savv. und Supr. besonders nahe verwandt betrachten. Das Ostr.-Ev.
ist russ.-ksl.
S. 236. S. oben die Bemerkung zu 8.3.
8.237. In noyaA-, muoy- soll „dissimilatorische Denasalierung*“
vorliegen. So sicher ist das doch' nicht.
8. 241. Eine so genaue Lokalisierung wie M. vorschlägt, halte
ich nicht für möglich. Ich kann ihm aber zugeben, daß die Ma. des
Schreibers s in starker Stellung unverändert bewahrt hat und daß die
e <n einer Vorlage entstammen; dann.ist die Ma. des Schreibers süd-
ostbulgarisch, während e < » ein Nordostbulgarismus einer Vorlage ist.
Gerade solche Fälle wie ARBORANRIH, CMOKOBKNAATO, Kpknor (8. S. 42)
kommen ja auch jetzt in solchen ostbg. Maa. vor, die im allgemeinen
das % in starker Stellung bewahren. Auch ist eine ostbg. Überlieferungs-
schicht zwischen der wohl ostbg. Übersetzung der Legenden des ersten
Teiles und der vorliegenden ostbg. Handschrift an sich wahrscheinlicher
als eine wbg. Zwischenredaktion.
S. 243. Oloz. 776 steht zwar AkporonnHen, dagegen 868 die Über-
setzung ATKAEN". '
S. 245. Ein solches Russisch wie Sbornik dest’ Lamanski sollte
doch in slavistischen Schriften nicht vorkommen.
Die Zahl der Einzelbemerkungen ließe sich bedeutend vermehren,
wenn ich auf alle Stellen, wo meine Ansicht von derjenigen von MAR-
GULIES abweicht, einginge und auch auf die sehr zahlreichen Über-
einstimmungen zwischen unseren Meinungen hinwiese. Ich hebe nur
noch hervor, daß wir über die Hauptsache einig sind. Als die Haupt-
sache betrachten M. sowohl wie ich die Tatsache, daß nicht alle Teile
des Suprasliensis gleicher Herkunft sind, woraus sich als Hauptaufgabe
für die Suprasliensis-Forschung das Studium der Vorgeschichte unseres
Kodex und die Rekonstruktion und Vergleichung der sprachlichen Typen
der einzelnen Übersetzer ergibt. Sogar über die Gruppierung der Nrn.
gehen unsere Ansichten nicht bedeutend auseinander. Manches von
dem bisher Erreichten dürfte wohl feststehen, andere Sachen müssen
noch näher untersucht werden. Als Ausgangspunkt solcher Unter-
suchungen wird man künftig das Buch von MARGULIGS verwenden
müssen. Es verdient als wissenschaftliche Leistung und als Zusammen-
stellung bisher unberücksichtigten Materials alle Anerkennung. In
zwei Punkten von prinzipieller Bedeutung hätte ich freilich eine andere.
Behandlungsweise gewünscht: ich wiederhole dieselben noch einmal,
weil sie oben nur im Vorübergehen, im Zusammenhang mit allerlei
weniger wichtigen Sachen, erwähnt werden: 1. in den einzelnen Ab-
schnitten sollte zuerst mitgeteilt sein, was die früheren Forscher (MI-
KLOSICH, VONDRAK usw.) bereits gesammelt und befriedigend erklärt
haben; daran könnten sich dann das neue Material und die neuen
Gesichtspunkte des Verfassers anschließen; natürlich wäre es nicht
V. Peretz, C1oBo o nonky Iropesim 485
nötig, alles bereits Gefundene.zu wiederholen: Verweisungen und kurze
Notizen dazu würden genügen; — 2. es ist zu bedauern, daß der Ver-
fasser in den Abschnitten über Lautlehre, Formenlehre und hauptsächlich
in dem über Syntax die Unterschiede zwischen den Bestandteilen des
Kodex nicht mehr berücksichtigt hat; dies ist ja das Hauptproblem,
welches nicht nur in dem Kapitel über „die Entstehung des Supras-
liensis“, sondern auch in den andern Kapiteln im Mittelpunkt der Auf-
merksamkeit stehen sollte.
Leiden N. van WıuIK
PERETZ V. C.1060 o noıury Ieopesim. Ilamamxra deodanonoi Yrpai-
nu-Pycu XII eiry. Einleitung, Text, Kommentar. Kiev.
Ukrainische Akademie derWissenschaften 1926, 356 8. (36ipnur
ICTOPUYHO-PIiNONOTHYHOTO Bimmuy 33).
Dens. K usyuenum „Cosa o no.ıny Heopese“ (= Hssecmusomd. pyccr.
23. u caosecnhocmu XXVIII—XXX). Leningrad 1926, 149 S.
L
Den größten Teil des erstgenannten Buches nimmt ein sehr aus-
führlicher, an die 200 Seiten umfassender Kommentar zum Igorliede
ein. Ihm geht eine Einführung voraus (S. 1—88), worin eine Reihe
Einzelfragen des Igorliedes berührt und gelöst wird. Darauf folgt das
kritisch bearbeitete und rekonstruierte Igorlied selbst. Den Schluß
bilden die Chronikenschilderungen des Igorfeldzuges, die entsprechenden
Abschnitte aus der Chronik des Feodosij Safonovic und der „Istorija
Rossijskaja* von Tatiscev.
PERETZ hält das Igorlied für ein Produkt jener sozialen und
politischen Struktur, die für die feudale Ukraina des 11. und 12. Jahrh.
charakteristisch ist. Auf den ersten Seiten versucht er daher diese
Struktur zu charakterisieren in Einklang mit jener historischen Auf-
fassung, die im politischen Aufbau Altrußlands bereits alle Merkmale
des Feudalsystems zu finden glaubt. Die historischen Hinweise von
PERETZ sind bei einer Reihe von Fällen an und für sich sehr interessant,
wenn sie auch nicht mit dem Igorliede zusammenhängen und deswegen
einen etwas abstrakten Charakter tragen. Was hat z. B. die von PERETZ
gebotene Charakteristik der Stellung der Geistlichkeit im politischen
Aufbau Altrußlands mit dem Igorliede zu tun? Von der Geistlichkeit
ist ja in diesem Denkmal gar nicht die Rede. Was die Art der Ideali-
sierung von Personen und Ereignissen in den Chroniken des 11.—
13. Jahrh. anbelangt, so ist sie nicht nur für diese Zeitspanne charak-
teristisch, Die Bedingtheit und offiziöse, der Wirklichkeit wenig ent-
sprechende Darstellung historischer Ereignisse ist ein gemeinsamer Zug
aller offiziellen Historiker und Annalisten.
486 N. Gupzis
Darauf wird über die Entdeckung des Igorliedes und die Datierung
der überlieferten Handschrift gehandelt. Was die Abfassungszeit der
Hs. anbelangt, nimmt PERETZ eine Mittelstellung einerseits zwischen
JERMOLAJEV und KARAMZIN, die die Hs. dem 15. Jahrh. und anderer-
seits zwischen TICHONRAVOvV und BARSoV, die sie dem Ende des
16. Jahrh. zuschreiben, ein. Peretz neigt dazu, die Handschrift mit
dem Beginn des 16. Jahrh. zu datieren. Seine Ansicht findet aber
keine ausführliche Begründung und ist gleichsam das arithmetische
Mittel zwischen den zwei am glaubwürdigsten scheinenden Datierungs-
versuchen.
Durch eine detaillierte Untersuchung der Abschrift von Musin-
Puskin und der für Katharina bestimmten, kommt der Verf. zum wichtigen
Ergebnis, daß die Abschrift für Katharina, was die getreue Wiedergabe
des Originals betrifft, einerseits nicht allzu stark binter der Musin-
Puskinschen zurücksteht, andrerseits eine Reihe von Lesungen bietet,
die glaubwürdiger als die bei Musin-Puskin sind und der verloren ge-
gangenen Handschrift näher stehen.
Im folgenden Paragraphen werden die in der literarischen Tradi-
tion vorliegenden Spuren des Igorliedes behandelt. Sie finden sich
1. in der Hypatiushandschrift unter dem Jahre 1185; 2. in der be-
kannten Stelle des Apostolos von 1307 der Moskauer Synodalbibliothek;
ferner in der Schilderung der Mamaj-Schlacht, der Schlacht bei OrSa
unter 1514 in der 1. Pskover Chronik, im Zitat aus der Vita des
Alexander Nevskij, verfaßt von dessen Pskover Hagiographen Vasilij
Varlaam (16. Jahrh.). Nicht später als im 15. Jahrh. sollen die 36 Zeilen
des Igorliedes umgestellt worden sein (vgl. weiter unten). Eine Be-
gründung für diese Datierung bietet aber Peretz nicht. Hypothetisch
bleibt auch, daß das von BUSLAJEV und ZDANOV angeführte Zitat aus
dem Mosenue Nannnna 3aroyanka: U cyna me Boxmua um xurpyymy
HH TopasHy He MuHyru auf einen viel älteren Text des Igorliedes als
den Musin-Puskinschen zurückgehen soll. Seine Ansicht begründet Peretz
damit, daß im Musin-PuSkinschen Text des Igorliedes die Worte Hu
uTamo ropasıy ausgelassen sind. Warum kann der Verf. des Molenije
aber nicht selbst dieses Zitat gekürzt haben? Wie dem auch sei, dieser
Paragraph ist sehr wertvoll dadurch, daß es der erste Versuch ist, das
Schicksal des Igorliedes in der literarischen Tradition zu klären.
Ein starkes prinzipielles Interesse beansprucht $ 10: Igorlied und
Volkspoesie. Ausgehend von seinen früheren Beobachtungen über das
Verhältnis zwischen gelehrter Tradition und Volkspoesie lehnt Peretz
. die Ansicht der meisten Forscher, von der Beeinflussung des Igorliedes
durch die Volkspoesie ab. Die bekannten Übereinstimmungen in den
Stilmitteln erklärt Peretz durch eine Beeinflussung der Volkspoesie
durch das Igorlied. Seine Hauptbeweise beruhen einerseits auf Ana-
logien (Anführung von Tatsachen, die den Einfluß der gelehrten Lite-
ratur auf die Volkspoesie offenbaren), andrerseits auf jenem Umstand,
daß wir nicht wissen, wie die Volkspoesie des 12. Jahrh. beschaffen
V. Peretz, Cnoso o nonky Iropesim 487
war. M.E. hat Peretz recht, wenn auch seine Begründung noch ge-
nauer ausgearbeitet werden muß. Vor allen Dingen sind bei Peretz
die Begriffe Volkspoesie und mündliche Poesie nicht sorgfältig genug
herausgearbeitet. Diese Begriffe decken sich nämlich nicht immer. $o
können wir wohl kaum von einer Beeinflussung des Igorliedes durch
die Volkspoesie im engeren Sinn sprechen, wohl aber von einer solchen
durch die mündliche Poesie, die in den priviligierten Kreisen jener
Vasallensänger kultiviert wurde, zu denen der Bojan des Igorliedes ge-
hört hat. Zugegeben, daß die Formen und Stilmittel der Volkspoesie
in den meisten Fällen von der gelehrten Literatur beeinflußt sind,
können wir doch nicht die Möglichkeit von der Hand weisen, daß auch
andere Einflüsse vorliegen, daß z. B. die mündliche Poesie der kulti-
vierteren Klassen, die allmählich in die niederen drang, eingewirkt hat.
Wir wissen, daß einerseits die meisten poetischen Formeln der ge-
lehrten Literatur, sei es. auch nur der Literatur der Kriegserzählungen,
keinen Widerhall in der volkstümlichen poetischen Tradition gefunden
haben, andrerseits aber solche Verbindungen des Igorliedes wie crpensi
KalleHkle, IIM3BIÄ Open, CHHee MOpe, THCOBA KPOBATb, YePHEIÜ BOPOH,
4ncroe none und einige andere, wie Peretz selbst in der zweite Arbeit
nachweist, sich in keinem einzigen altrussischen Denkmal aus der Zeit
des Igorliedes finden, dafür aber in der Volkspoesie sehr zahlreich sind.
Sowohl in die Volkspoesie als auch ins Igorlied sind m.E. die er-
wähnten Verbindungen aus jener mündlichen Liedertradition der kulti-
vierten Kreise eingedrungen, deren Vorhandensein mehrfach durch die
Denkmäler bestätigt wird. Aus diesem Grunde schließen wir uns gern
der von Peretz K usyuenuw Ca. o II. Ur. gebotenen Formulierung an:
„Wir werden gezwungen sein, die genetische Abhängigkeit einer be-
stimmten Epithetagruppe der mündlichen Tradition anzunehmen, die
aber vielleicht lebend, im mündlichen Gebrauch gewesen ist, jedoch
nicht bei der des Lesens und Schreibens unkundigen
Landbevölkerung, sondern den kultivierteren Stadt-
bewohnern!)* S. 148.
Schließlich wird in den zwei letzten Paragraphen eine ausführliche
kritische Analyse der verschiedenen Meinungen über die heidnischen
Götter im Igorliede geboten und über sein Verhältnis zum westeuropä-
ischen mittelalterlichen Epos gehandelt.
Auf die Einleitung folgen: 1. der rekonstruierte paläographische
Text des Igorliedes in kirchenslavischer Schrift zur Erhellung der
wichtigsten Fehler; 2. darunter — die Lesungen der ersten Ausgabe
mit den notwendigen Verbesserungen (in gewöhnlicher Schrift) ; 3. unter
dem Strich — die Abweichungen zwischen der Kopie für Katharina
und der ersten Ausgabe (falls eine andere Lesung angenommen worden
ist), die Auszüge von Malinovskij, Karamzin und Verweise auf die von
früheren Gelehrten vorgenommenen Konjekturen. Technisch ist der
1) Kursiv von uns.
488 N. Gupzıs
Text so gedruckt, daß er 19 Blätter (38 Seiten) umfaßt, die letzte
Seite enthält 18 "Zeilen. Diese Einteilung in 19 Blätter ist dadurch
bedingt, daß Peretz in dem überlieferten Igorliedtext mit JAKOVLEV
und SOBOLEVSKIT"starke Umstellungen vornimmt: und zwar setzt er
den Abschnitt von O Bonse, conoBil craparo Bpemenn bis zu den
Worten a xknasm cıasb zwischen Ha semmo IlonoBbuskym 34 3eMllo
Pycsryw und Torıa HUrops »sspb Ha_cBbrnoe connme. Diese Um-
stellung ist durchaus einleuchtend, weil dadurch der logisch folgerichtige
Erzählungsgang hergestellt wird. "Peretz hat sich aber in der Blattzahl
der verlorenen Handschrift geirrt. Um die Umstellung zu rechtfertigen,
muß nämlich angenommen werden, daß in der Handschrift nicht 19
sondern 38 Blätter oder 76 Seiten waren und jede Seite 9 und nicht
18 Zeilen umfaßte, d.h. der Absatz Torna Nrop& B53pE — mIe1oMoMb
Hony nahm ein ganzes Blatt ein und nicht nur eine Seite: ferner der
erste Absatz von O Bonne an — zwei Blätter, wie auch SOBOLEVSKIJ
vorgeschlagen hat. Nur dann kann man mit SOBOLEVSKIJ annehmen,
daß ein Blatt (beginnend mit Torna Urops B&3p%) sich losgelöst hatte,
mechanisch zwei Blätter früher eingelegt und in dieser falschen Reihen-
folge abgeschrieben wurde.
Durchaus annehmbar sind auch drei andere, weniger wichtige Text-
umstellungen, die der Verfasser gleich 1 MAKSIMOVIÖ, V’AZEMSKII,
POTEBNA u. a. vorschlägt. Zu den Konjekturen seiner Vorgänger
verhält sich Peretz äußerst vorsichtig und kritisch: er übernimmt nur
solche, die vollkommen überzeugend sind. In sechs Fällen bietet er
neue, m. E. sehr glückliche. Besondere Beachtung verdienen: Csucr»
sBbpuH» Bcra; 30mCnus% statt des Musin-Puskinschen: Cuncrp 3BEpun®
Bb CcTas6n; ferner He Bam AM BON 31NaAyeHHEIMU mmenomsı statt Musin-
Puskin: He Bam NM 3Na4yeHbIMH IIeJIOMB.
Wie bereits oben erwähnt wurde, ist der größte Teil des Buches
einem erschöpfenden und allseitigen Kommentar gewidmet, der auf
Grund ausgezeichneter Stoffbeherrschung und vielseitiger Erudition ge-
schrieben ist. Der Kommentar enthält 1. alle irgendwie glaubwürdigen,
früher vorgeschlagenen Verbesserungen mit Ausnahme der offensichtlich
phantastischen; 2. eine historische Charakteristik der im Igorliede er-
wähnten Personen, Erklärungen der geographischen Termini; 3. Archäo-
logische Notizen; 4. Angabe der im 12. Jahrh. üblichen Bedeutung
von Worten, die heute ungebräuchlich sind oder einen anderen Sinn
haben; 5 Mannigfaltige stilistische Parallelen, durch die das Verhältnis
des Igorliedes zur russischen Literatur des 11.—12. Jahrh. und zur
Volksliteratur, sowohl der großrussischen als auch der ukrainischen und
weißrussischen geklärt wird. Einzelne Kommentare, wie z. B. der zu
Sv’atoslav’s Traum sind kleine Spezialunter suchungen von selbständigem
wissenschaftlichen Wert.
Der reiche Inhalt des vorliegenden Werkes besteht in einer Zu-
sammenfassung der bereits früher erzielten positiven Resultate der Igor-
V. Peretz, Ca0B0 0 nonky Iroperim 489
liedforschung, die Peretz nun durch eine Reihe neuer wertvoller Be-
obachtungen vermehrt hat.
II.
Das zweite hier angezeigte Buch enthält: 1. eine kritische Über-
sicht der neuesten Igorlied-Literatur; 2. Einflüsse der Bibel und der
Zerstörung Jerusalems von Josephus Flavius auf das Igorlied: 3. Ana-
lyse der Epitheta des Igorliedes und der Volkstradition.
‚ Die Übersicht zeichnet sich durch Vollständigkeit und viele wert-
volle kritische Bemerkungen aus. Nicht nur die mehr oder weniger
wichtigen Erscheinungen in der neuesten Igorliedliteratur, sondern auch
einzelne Bemerkungen und Äußerungen über einige Details des Igor-
liedes werden hier vom Verf. besprochen.
Was das weitere anbelangt, so findet sich auch dort vieles Wert-
volle neben einigen strittigen Behauptungen. Im 2. Kapitel werden
2. B. weniger die stilistischen Übereinstimmungen als gerade die wört-
lichen zwischen dem Igorliede und der Bibel nachgewiesen; dabei sind
in einer Reihe von Fällen diese Übereinstimmungen so allgemein, daß
sie die Beeinflussung des einen Denkmals durch das andere nicht er-
weisen. Hierher gehören die Parallelen mperpsrocra 60 cBon 6pssan
komoHfn Igorlied und U yası uxB npersp;ke Bibel oder To 6BMO BB TEL
zum dgorlied und B% Tıı zum Bibel oder cyımum cBon moBpbroua Igor-
lied und nosbpr& cpe6öpo Bibel usw.; es sind dies ja ebensolche zufällige
Wortübereinstimmungen, deren Heranziehung Peretz selbst einem früheren
Forscher zum Vorwurf macht 8. 51. Einige der angeführten Parallelen
sind allerdings treffiender und beweisen die Gemeinsamkeit der Stilmittel
von Igorlied und Bibel. Im Allgemeinen liegt aber m. E. ein Einfluß
der Bibel nicht vor. Eher muß man annehmen, daß sowohl das Igor-
lied wie die russischen Übersetzungen des Bibeltextes die im 11. und
12. Jahrh. vorhandenen stilistischen und lexikologischen Möglichkeiten
angewandt haben. Peretz selbst ist übrigens auch nicht geneigt, den
Einfluß der Bibel im Igorliede allzu hoch einzuschätzen vgl. S. 75.
Viel offensichtlicher zeigt sich im Igorliede der Einfluß der Zer-
störung Jerusalems von Josephus Flavius. Bereits BARSOV hat darauf
hingewiesen. Peretz’ Verdienst besteht aber darin, daß er hier wie
auch im vorherigen Kapitel nicht wahllos die zur Verfügung stehenden
Abschriften der genannten Erzählungen verwertet hat, sondern diejenigen,
von denen man annehmen muß, daß sie die ältesten sind und unge-
fähr gleichzeitig mit dem Igorliede entstanden. Diese methodisch richtige
Einstellung hat Peretz auch die Möglichkeit gegeben, die Beziehungen
zwischen Igorlied und Zerstörung Jerusalems präzis und überzeugend
zu formulieren. Durch eine Reihe von Gegenüberstellungen wird die
Einwirkung der Zerstörung Jerusalems auf Stil, Komposition und
Handlungsgang des Igorliedes nachgewiesen. Aber auch hier finden
sich einige Parallelen, die wenig beweisend und hauptsächlich lexi-
490 N. Durnovo
kalischer Natur sind wie z. B. Tpymia ce6& mbnaue Igorlied und ma-
TOIRHHIH ;ke XOnAxy No Tpoynir Flavius u. a.
Das letzte Kapitel des Buches ist das ausführlichste; es handelt
über die Epitheta des Igorliedes verglichen mit denjenigen aus der
gleichen Zeit und den genetisch mit ihm verbundenen (denjenigen der
Erzählung von der Mamajschlacht, der gelehrten Literatur; ferner der
großrussischen, ukrainischen und weißrussischen Volkspoesie). Das ge-
sammelte Material ist sehr groß und in vielen Fällen überzeugend.
Gegen seine Verwertung lassen sich aber mitunter Einwände erheben.
So liegen an manchen Stellen, wie auch Peretz hervorhebt, nicht Epi-
theta sondern einfache Attribute vor, z. B. ist in der Verbindung ons
Beruknä — Bermkmü zweifellos ein Epitheton in !mMo6osk Bejmkan
(Devgenevo Dejanije) aber Attribut. Vgl. ferner remm& 6epes% (Igor-
lied) und »% remusx® mEcrbxp (Alexandreis) usw. Aus solchen Zu-
sammenstellungen lassen sich keine Schlüsse ziehen. Ungerechtfertigt
ist auch die Anführung von „Stellvertretern“ für dieses oder jenes
Epitheton mit anderen Vergleichswurzeln. In diesen Fällen haben wir
es m. E. nicht mit „Stellvertretern“ sondern mit anderen Epitheta zu
tun, z. B. wenn statt 6opasıä kOBb — NO6psrä kom oder statt kameHHEIA
TOpEI — BbIcokan oder kpyrsia gebraucht wird. Durch diese Bemerkungen
wird natürlich die wissenschaftliche Bedeutung dieses Kapitels nicht
beeinträchtigt. Wertvoll ist ja schon das durch besondere Tafeln er-
läuterte Material an sich und die daraus gezogenen Schlüsse. Im’ all-
gemeinen wird hier das Verhältnis des Igorliedes zur Volkspoesie ge-
nauer dargelegt und präzisiert, als Peretz es in dem zuerst besprochenen
Buch getan hat. Untersuchungen dieser Art sind bereits deswegen
wertvoll, weil sie schönes Material für eine historische Poetik liefern.
Moskau N. GUDzıJ
Kırmskıs N. O6pasyoı nucoma Öpesneliweeo nepuoda ucmopuu
Pyccroü rnueu. 68 Bomomunuueckux cHUMKOe C Öpesnepycckux
NaMAMHUKOB, mpeumyujecmenno XI e., na 29 mabanuyaz.
Petersburg 1925. 4°. 20 S.+29 Tafeln.
Die vorliegende Ausgabe sollte die erste Lieferung einer von dem
Petersburger Archäologischen Institut bereits vor dem Kriege geplanten
systematischen Sammlung von Abbildungen russischer Handschriften
des 11.—14. Jahrh. bilden. Man beabsichtigte augenscheinlich in die
erste Lieferung Abbildungen aller in den Hss. des 11. Jahrh. erhaltenen
Schriftzüge aufzunehmen. Krieg und Revolution verhinderten die Ver-
wirklichung im geplanten Umfang; es konnten daher die „Proben der
russischen Buchschrift des 11. Jahrh. nur unvollständig“1) herausgegeben
werden. Worin diese Unvollständigkeit besteht, wird im Vorwort nicht
1) Vgl. Vorwort 8. 3.
N. Karinskij, O6p. mmchma IpegH. epmona cr. pycck. kunru 491
erwähnt. Beabsichtigte man etwa noch Abbildungen von Handschriften
aufzunehmen, die in der vorliegenden Ausgabe fehlen, oder sollten die
bereits vertretenen in stärkerem Maße Berücksichtigung finden? Wie
dem auch sei, auch in der heutigen Gestalt bieten die O6pasnsı ein
sehr reichhaltiges und wertvolles Material, das imstande ist, ein mehr
oder weniger klares und abgerundetes Bild von der russischen Buch-
schrift des 11. Jahrh. zu vermitteln.
Das Album enthält Proben aus 20 Hss.; wenn mehrere Schreiber
an einer Hs. gearbeitet haben, werden Proben von allen Schriftzügen
gegeben. Auf 29 Tafeln liegen somit Abbildungen von 30 Schriftzügen
in natürlicher Größe vor; aus einer jeden Hs. wird mindestens eine
Seite ganz, mit allen Rändern geboten; die übrigen Abbildungen ent-
halten den einen oder anderen Teil der Seite. Durch phototypisches
Verfahren sind alle Abbildungen ausgezeichnet ausgeführt, so daß sie
sogar auf die Dicke und Verarbeitung des Pergaments schließen lassen }).
1) Abkürzungen: AE — Archangelsches Evangelium, AE! —
. Schreiber des AE, Bl. 1—76 (bei KARINSKIJ der zweite), AE? —
. Schreiber des AE, Bl. 77—175 (bei Kar. der erste), AE® —
. Schreiber des AE, datiert mit 1092, Bl. 175—177 (auf Bl. 175 — 176
. sind die alten Schriftzüge mit Tinte später nachgezogen), AEt —
. Schreiber des AE, Bl. 178—178 v., AP — Pandekten des Antiochos,
AP! — 1. Schreiber der AP, Bl. 2—18 v. und 30 v.—31 v. (Kar.
Tafel 18, und 19), AP? — 2. Schreiber der AP, Bl. 18 v._—29 und
32—309 (Kar. Tafel 20,.,), AP® — 3. Schreiber des AP, Bl. 1—1v.
(Kar. Tafel 18,), AP* — 4. Schreiber der AP, Bl. 309 v.--310 (Kar.
Tafel 20,), BPs — By£kov-Psalter, CPs — Cudover Psalter, EK —
Jefremovskaja Kormtaja, EPs — Psalter des Jevgenij, GrTh — 13 Pre-
digten des Gregorius von Nazianz, Izb 73 — Izbornik von 1073, Izb 731
— 1. Schreiber des Izb 73, Bl. 1—86, 264—266, Izb 73? — 2. Schreiber
des Izb 73, Bl. 86—263, Izb 76 — Izbornik vom Jahre 1076, JE —
Georgsevangelium um 1120, KJ — Predigten des Kyrill von Jerusalem,
KL — Vita des Kodrat, M 95 — Liturgisches Menäum für September
1095—1096, M 96 — Liturgisches Menäum für Oktober 1096, M 97
— Liturgisches Menäum für November 1097, ME — Mstislav-Evan-
gelium vor 1117, NBl — Novgoroder (oder Kupriancvsche) Blätter, OE
— Ostromir-Evangelium, OE! — 1. Schreiber des OE, Bl. 2—24, OE?
— 2. Schreiber des OE, Bi. 25—289, OE® — 3. Schreiber des OE,
PM — Menäum des Put’ata, RE — kyrillischer Teil des Reimser Evan-
geliums, Sav" — russische Ergänzungen zur Savvina Kniga, SPt — Pate-
ricon Sinaiticum, SPt! — steile Schrift des SPt, SPt? — schräge Schrift
des SPt, TBI — Turover Blätter (Turover Evangelium), TE — Evan-
gelium der Typographischen Bibliothek Moskau Nr. 1, Typ -- Typikon
und Kondakarion der Typographischen Bibliothek Nr. 142. Vgl. über
diese Hss. unter anderem bei KARINSKIT Xpecromarun no ApeBHellep-
KOBHO-CHAB. H PYCckoMy Asbiky und DURNOVO J® IV 77—85.
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 32
"done
492 N. Durnovo
Fast alle Hss. des Albums werden vom Herausgeber (auf. den
Tafeln oder in der Einleitung) dem 11. Jahrh. zugewiesen; eine Hs,.,
das PM, ist auf der Tafel und im Inhaltsverzeichnis mit dem 11. bis
12. Jahrh; datiert, zwei Hss. — EPs und BPs — sind undatiert?) und
eine — EK — wird dem 12. Jahrh. zugewiesen.
Den Abbildungen geht eine ze Einleitung (S. 5—14) voraus,
worin der Verf. eine allgemeine Charakteristik der russischen Schrift
und der Handschriftentechnik des 11. Jahrh. gibt; etwas eingehender
befaßt er sich bei der Charakteristik der Schreiber des OE, Izb 73 und
den AP, mit den Schriftarten der russ. Hss. des 11. Jahrh. und dem
Duktus einzelner Buchstaben. Er sagt dabei Einiges über den ältesten
Duktus einiger Buchstaben, über die Nationalität der Verfasser des
slavischen Alphabets (nach KARINSKIJ bietet das Alphabet selbst An-
haltspunkte dafür), das Verhältnis der russischen Schrift zu derjenigen
ihrer bulgarischen Vorlagen und über die Unterschiede zwischen Kiev
und Novgorod auf dem Gebiet der Handschriftentechnik.
Leider gibt der Verf. nirgends die‘ Gründe an, warum er den
größten Teil der im Album abgebildeten Hss. dem '11. Jahrh. zuweist,
die EK aber dem 12. Jahrh. und wieweit vollständig das 11. Jahrh.
berücksichtigt wurde. Es macht sich sogar das Bestreben bemerkbar,
eine genaue Datierung der Hss. zu umgehen. Auf den Tafeln und in
der Inhaltsübersicht sind nicht nur EPs und BPs undatiert, sondern
auch SPt, CPs und Sav’, die nur in der Einleitung dem 11. Jahrh.
zugewiesen werden. In der Datierung des PM gehen Einleitung und
Tafelüberschrift auseinander. Von der auf der Tafel und in der
Übersicht ins 12. Jahrh. datierten EK wird in der Einleitung ge-
handelt als von einem Denkmal des 11. Jahrh. (die genaue Datierung
der EK fehlt in der Einleitung). Eine solche Unentschlossenheit wäre
verständlich, wenn der Verf. nicht so bestimmt zwischen dem 11. und
12. Jahrh. scheiden und über die Schrift des 11. und 12. Jahrh. im
allgemeinen handeln würde. KARINSKIJ spricht aber nur von der
Schrift des 11. Jahrh., trennt sorgfältig das 11. vom 12. Jahrh. und
läßt in seiner Übersicht selbst die ihrer Schrift nach archaischsten
Handschriften des ersten Viertels des 12. Jahrh. unberücksichtigt; ja
er ist sogar bereit, eine genaue Zählung der Schreiber des 11. Jahrh.
vorzunehmen, vgl. 8.8: ie Zahl der heute bekannten Schreiber des
11. Jahrh. beträgt ungefähr dreißig“. Die gleiche Anzahl ist auch im
Albuin vertreten. Diese Genauigkeit verpflichtete aber KARINSKIJ,
seine Datierungen zu motivieren, sei es auch nur in so allgemeinen
Zügen, wie sie durch seine Bestimmungen „i1.Jahrb.', „11: —12. Jahrh.*,
„12. Jahrh.* gegeben werden. Man muß bedauern, daß solche Motivie-
rungen fehlen, besonders da sowohl die Auswahl der Abbildunger., wie
die Bemerkungen über die Handschriftentechnik im Rußland des 11. Jahrh.
die große ße Vertrautheit KARINSKIJ’s mit altrussischen Hss., seine feine
1) Gewöhnlich datiert man diese beiden Hss. mit dem 11. Jahrh.
N. Karinskij, O6p. nucbma ApeBn. repnona ucr. pycck. kunru 493
Beobachtungsgabe und seinen Scharfsinn verraten. Eine Reihe von
Hss. datiert K. anders als seine Vorgänger, m. E. mit vollem Recht.
So schreibt er die KJ (GORSKL) und NEvosTRrusev: 13. Jahrh.; SoBo-
LEVSKIJ: 11. Jahrh. oder Anfang des 12. Jahrh.) und das SPt (Srez-
NEVSKIJ, SOBOLEVSKIJ, SMIRNOV: 12. Jahrh.) dem 11. Jahrh. zu; da
aus den von KARINSKIJ veröffentlichten Abbildungen hervorgeht, daß
die graphische Manier dieser Hss. älter ist als die aller Schriftzüge
von AE und M 95—97, ist die Datierung „11. Jahrh.“ richtiger als die
„Ende des 11. Jahrh. — Anfang des 12. Jahrh.“. Die übrigen Hss. des
Albums datiert KARINSKIJ erstmalig oder ungefähr wie seine Vor-
gänger. Die Datierung von AE! und AE? mit 1092 ist nicht ganz
genau; von beiden läßt sich nur behaupten, daß sie dem 1092 ge-
schriebenen AE® vorausgehent). Unerklärlich ist für mich auch, warum
KARINSKIJ die EK vor den übrigen Denkmälern des 12. Jahrh. bevor-
zugt; in der Einleitung behauptet er nämlich, ihre Graphik sei cha-
rakteristisch für das 11. Jahrh. Tatsächlich gehört aber die EK zweifellos
in die 2. Hälfte des 12. Jahrh. und, wenn sie auch eine für jene Zeit
recht archaische Graphik aufweist, so steht sie doch stark hinter solchen
Hss. mit ausgesprochen archaischer Graphik der 1. Hälfte des 12. Jahrh.
zurück wie ME, JE und TE. Augenscheinlich hat KARINSKIJ sie
hauptsächlich deswegen aufgenommen, weil dort die Form des y mit
rechtwinkligem Oberteil (y) vorkommt; in der EK ist es aber bereits
stilisiert und unterscheidet sich merklich von den Formvarianten in
den Handschriften des 11. Jahrh. (z. B. Izb 73°, 251d, KJ 215, GrTh,
Typ 17 v,31, 42v u.a.).
Von vielen russischen Hss. des 11. Jahrh. waren bis zum Erscheinen
der O6pasusı Abbildungen überhaupt nicht oder nur unbefriedigend
veröffentlicht worden; von einigen Handschriften wiederum mußte man
nach Abbildungen in verschiedenen, teils schwer zugänglichen Ausgaben
suchen. Es ist ein großes Verdienst von KARINSKIJ, die meisten rus-
sischen Schriftzüge des 11. Jahrh. in einem Buch vereinigt und dadurch
die Erforschung der altslavischen kyrillischen Paläographie wesentlich
erleichtert zu haben. Besonders wertvoll ist m. E. die Veröffentlichung
derjenigen, ihrer Schrift nach archaischen und für die Geschichte
der altrussischen Graphik wichtigen Handschriften, die man früher
entweder einer späteren Zeit zuwies (SPt und KJ), gänzlich ignorierte
1) Aus irgend einem Grunde hält KARINSKIJ den Schreiber der
ersten 76 Blätter des AE für den zweiten, denjenigen der Blätter
77—174 für den ersten; eine solche Bestimmung verwirrt nur den
Leser und ist unmotiviert. Der Schriftzug der ersten 76 Blätter des
AE ist archaischer als der der. Blätter 77—174; beide Teile sind un-
gefähr gleichzeitig geschrieben; es läßt sich nur behaupten, daß der
Schreiber der Blätter 1—76 seine Arbeit abschloß, als der Schreiber
der Blätter 77”—174 seine Arbeit bereits begonnen hatte.
er 32*
494 N. Durnovo
(Sav”) oder unterschätzte (AP)?). Finigermaßen befriedigende Abbildungen
dieser Denkmäler gab es bisher noch nicht, obgleich sie die altrussische
Graphik und ihr Verhältnis zur südslavischen in ganz neuem Licht
erscheinen lassen.
Sehr wertvoll ist bei KARINSKIJ auch, daß er die Frage, wieviel
Schreiber an den einzelnen Hss. gearbeitet haben, einer Revision unter-
zieht. Obgleich vor ihm viele, darunter auch ausgezeichnete Paläo-
graphen das OE untersucht haben, gelang es ihm erstmalig, drei Schreiber
in diesem Denkmal festzustellen. Auch die genaue Schreiberzahl von
Izb 78, AP u.a. hat K. ermittelt. Mit Unrecht behauptet er aber, daß
seine Vorgänger im Izb 73 nicht die zwei Schreiber bemerkt hätten ?).
Ich verweise auf die Dissertation von POGORELOV°®), worin beide
Schreiber verglichen und die Unterschiede im Duktus aller bei ihnen
vorkommenden Buchstaben genau untersucht werden.
Wie K. bereits im Vorwort erwähnt, ist es ihm nicht gelungen,
bei der Auswahl der Proben aus der russischen Buchschrift des 11. Jahrh.
die erwünschte Vollständigkeit zu erzielen. Nicht alle Hss. und Schreiber
des 11. Jahrh. werden in der Ausgabe herangezogen; von den berück-
sichtigten Schreibern hätte mehr geboten werden müssen, denn nicht
alle für diese Schreiber typischen Buchstabenformen und graphischen
Manieren sind auf den Abb. vertreten. Unter anderem fehlen im Album
Typ und RE. Fast alle Forscher datieren das Typ ins 11.—12. Jahrh.;
ich wäre aber geneigt, es eher dem Ende des 11. als dem Beginn des
12. Jahrh. zuzuweisen. Obgleich diese Handschrift auf einer südrussischen
Vorlage beruht, ist sie zweifellos im Norden von mehreren Schreibern
mit verschiedenen graphischen Manieren hergestellt worden. Paläo-
graphisch ist sie auch als die älteste Hs. mit Notenzeichen interessant %);
außerdem findet man darin häufiger als in den anderen Hss. des 11. Jahrh.
das y mit rechtwinkligem Oberteil in altertümlicher Gestalt; ı und #
werden konsequent mit einem Haken zur Bezeichnung der Palatalität
geschrieben; die letzte Seite enthält einen glagolitischen Zusatz. Unter
anderem ist eine Seite daraus hei Lisicyn5) abgebildet. Ferner ver-
mißt man in der Ausgabe auch Abb. van den in der Typographischen
Bibliothek aufbewahrten nordrussischen Menien aus dem Ende des
1) Ich verweise z.B. auf die schräge Schrift SPt?, die flüssige
AP® und AP* und die in Aufschriften übliche Schrift AP?.
2) S. 10a.
3) Tonkopauun Deonopura Ha IIcantsıpp Warschau 1910; ent-
hält u. a. eine Tabelle, auf der der Duktus der beiden Schreiber des
Izb 73 mit demjenigen des CPs verglichen wird. Über die von K.
nicht erwähnten Unterschiede zwischen dem Izb 73! und Izb 73? vgl.
Durnovo J® IV 77£.
4) Unverständlich ist mir, warum K. behauptet, Abschriften von
Notenbüchern seien nicht früher als aus dem 12. Jahrh. überliefert $. 8.
5) Ilepsonayanpasıh craBanopycckii TnmmkoHb Petersburg 1911.
N. Karinskij, O6p. ıncpma APeBH. Tepuona HCT. Pycck. kunru 495
11. Jahrh.; sie gehören zur gleichen Serie wie die Menäen von 1095
bis 1097. Auch Abb. aus dem RE, das sich graphisch stark von den
übrigen russischen Hss. des 11. Jahrh. unterscheidet, fehlen. K. datiert
es allerdings ins 12. Jahrh.t), doch wohl kaum mit Recht.
Die abgebildeten Hss. sind nicht mit den Schriftzügen aller Schreiber
vertreten. Es fehlen Abb. von der dritten, mit 1092 datierten und der
vierten Hand des AE, von einer, wenn nicht sogar von zwei Händen
des SPt, von einer oder zwei Händen des M 97. Interessant ist die
kleine, etwas gezierte, von den übrigen Schriften des 11. Jahrh. ab-
weichende Schrift AE® dadurch, daß sie m. W. die einzige (von RE
abgesehen) ist, die nicht na gebraucht; sie gehört jedoch einer anderen
Schreiberschule als das RE an. Daß eine Abb. dieser so gut datierten
Schrift-fehlt, ist besonders zu bedauern.
Von den einzelren Buchstabenformen kommt das in einer gewissen
Handschriftengruppe (Izb 73!, Izb 732, AE?, GrTh, SPt!, CPs, Typ)
häufige # mit einem Haken zur Bezeichnung der Palatalität nur einmal
auf der Abb. aus dem CPs?) vor; ganz fehlen einige selten vorkommende
Buchstabenformen, wie z. B. 018), y mit rechtwinkligem Oberteil archa-
ischen Typus‘), m mit einem Haken zur Bezeichnung der Palatalität
(vg!. Izb:731 — zemu 19 v.), eine Reihe von Ligaturen, die in einigen
Denkmälern üblich sind (vgl. im Izb 73! die Ligaturen für na, ım,
MA, TH, TEI u. 2.) usw.; das Zeichen für 90 kommt nur auf einer Abb.
aus dem OE® vor und zwar in einer Form, die sich von der in den
Hss. des 11. Jahrh.5) üblichen unterscheidet (vgl. die bei K. fehlende
Form im Izb 73 und SPt). In den Proben der einzelnen Schreiber
vermisse ich außerdem folgende Buchstabenformen: bei Izb 73! fehlt
das in der Hs. recht häufige ı mit einem Haken, das verbreitete ı
(hauptsächlich beim Verbum mıcarz und seinen Ableitungen), ferner
8, 1, ki, BR, kA, \r in Form einer Lilie und das jotierte &; übrigens
zeichnet sich das ır im Izb 73! verglichen mit der vorliegenden Abb.
aus AP und BPs®) durch größere Sorgfalt und ausgesprocheneren Stil
aus. Auf den Abb. aus Izb 73°? vermißt man unter anderem das ı
mit einem Haken, das hohe p, mm als m mit darüber geschriebenem r
(1b), sı am Ende der Zeile (die übliche Stellung, in der dieser Buch-
stabe im Izb 73? häufig vorkommt) u.a.m. Auf der Abb. aus dem
AE?® fehlt das ı mit einem Haken, das in der Hs. seltene ® und das
nur einmal vorkommende u mit einem Haken rechts’). Aus dem KJ
1) S.10a. In die zweite Hälfte des 12. Jahrh. verlegt es auch
VoNDRAK Cirkevnöslovanskä Chrestomatie Brünn 1925 S. 149; die
Gründe hierfür bleiben aber unklar. 2) Tafel 24.
3) Vgl. DuRNovo Zur Entstehung der Vokalbezeichnungen. Zeit-
schr. II S. 368 ff. 4) Vgl. oben; u mit rechtwinkligem Oberteil
findet sich im Album nur auf der Abb. aus der EK.
5) Tafel 5 Abb. 3. 6) Tafel 20 Abb. 2, Tafel 23 Abb. 2.
7) Vgl. DURNOVo K wcropnn 3ByKoB PyCCKOTO AabIKa II Slavia II 4,
496 N. Durnovo
fehlen unter anderem Ahb. der etwas geneigten Schrift, ferner des
runden e, sı mit Interlinearzeichen, $, & (als Kreis, der von einer langen
dünnen vertikalen Linie mit einem Punkt in der Mitte durchschnitten
wird)!), des in der Hs. häufigen tr, des Jr in Kreuzesform, *k mit
hohem Mast, a mit langem Rücken (am Ende der Zeile), einiger Liga-
turen usw. Auf den Abb. aus dem SPt! vermißt man unter anderem
8, wa und die Ligaturen; auf den Abb. aus dem SPt?; $ und y mit
tiefem Oberteil; auf der Abb. aus GrTh: Ti, nm mit einem Haken, das
in der Hs. häufige o mit einem Punkt in der Mitte, 8, $, »ı mit ver-
bindendem Strich, 5 mit hohem Mast, 5 verbessert aus a und A, die
jotierten Buchstaben ım und MA, A, ır in Kreuzesform, Bogen auf den
Buchstaben zur Bezeichnung der Auslassung von Vokalen, glagolitische
Buchstaben, Ligaturen usw.?); auf der Abb. aus CPs fehlen: i, d, ı,
Ur (in Form einer schön gezeichneten Lilie) ®, &, hohes », a mit langem
Rücken von zweierlei Gestalt, 8 als o mit darübergesetztem Bogen,
der nicht das 0 berührt, der Buchstabe % ohne Schleife in kleinerer
Schrift usw.?).
Einige dieser Lücken scheinen mir wesentlich zu sein; das lilien-
förmige ır im Izb 731 ist eins der anschaulicusten Kennzeichen dieser
Hand, das es von dem Izb 73° unterscheidet. Da Abbildungen des
lilienförmigen Jr im Izb 731 und CPs und des kreuzförmigen Jr im KJ
und GrTh fehlen, kann man auf Grund der O6paaısı kein richtiges
Bild von dem Gebrauch dieser Buchstabenformen in den russischen
Hss. des 11. Jahrb. gewinnen. Hervorgehoben sei noch, daß von den
im Album gebotenen Abbildungen des lilienförmigen ıf, die eine diesen
Buchstaben als Zahlenzeichen gibt, die andere in verkürzter Schreibung
bei der Überschrift; hierin wurden aber häufig Buchstaben gebraucht,
die für den fortlaufenden Text ungebräuchlich waren, vgl. im AE?z. B.
% im Überschriftswort c#°; im Izb 731 und CPs kommt dagegen Y
auch im fortlaufenden Text vor: Izb 73* \raumo 2, ransmsch 42 v,
CPs: \ramsma 17 u.a. Der Gebrauch der Buchstaben ı und u mit
einem Haken zur Bezeichnung der Palatalität ist für eine ganze Hand-
schriftengruppe des 11. und 12. Jahrh. charakteristisch und zwar kommen
sie nur in der steilen Schrift vor; an den Gebrauch der Buchstaben
# und ı mit einem Haken knüpfen sich auch gewisse Eigenarten im
Gebrauch der Buchstaben e und ı€, wie auch von A und ra. Statt-
dessen gewinnt man auf Grund der Proben von K. den Eindruck, daß
in den russischen Handschriften des 11. Jahrh. das # mit einem Haken
1) Vgl. dieses $ bei K. auf den Abb. aus SPt? (Tafel 22 Abb. 1
und 3) und TBl (Tafel 27 Abb. 1).
2) Vgl. BuDILOVI© Nccnenopanne AssIka NP.-CHaB. nepesona XIII
cnoß T'puropun Borocaosa Petersburg 1872, Tafel III.
3) Vgl. POoGoRELOV Tonkorannn Deonopura na Icanteipe War-
schau 1910 S. 9—35 und Tafel. DERS. Yynosckan Ilcantsıpb.
N. Karinskij, O6p. nncpma apeBH. mepnona ucr. pycck. kuuru 497
sehr selten ist und das ı mit einem Haken nur im SPt! und ÖPs
vorkommt. Das Fehlen von Beispielen für diese Buchstabenformen aus
dem OE (nur ı mit einem Haken), Izb 731, Izb 732, AE? und GrTh
bei K. erweckt eine falsche Vorstellung von dem graphischen System
dieser Denkmäler und ihrem Verhältnis zu demjenigen des SPt! und
CPs. Ich erwähne noch, daß bei AE?, SPt, CPs und Typ in gewissen
Stellungen systematisch m und # mit einem Haken gebraucht wird;
im Izb 731, Izb 73°? und GrTh dagegen werden ı und # mit einem
Haken nicht so folgerichtig gebraucht, weil das Anwendungssystem
dieser Buchstabenformen hier von einem anderen durchkreuzt wird.
Die hier erwähnten, zum größten Teil nicht vom Verfasser selbst,
sondern durch die äußeren Umstände verschuldeten Lücken hätten bis
zu einem gewissen Grade durch Verweise auf die vorliegenden Faksimile-
Ausgaben russischer Handschriften des 11. Jahrh. beseitigt werden
können. Leider hat K. auf solche Literaturangaben verzichtet!).
Nun soll auf einige von K. in der Einleitung gestreifte Fragen
näher eingegangen werden.
K. hält es nicht für möglich, die russischen Handschriften des
11. Jahrh. auf Grund der einzelnen Buchstabenformen in Schreiber-
schulen einzuteilen, weil ihre Varianten in den mannigfaltigsten, bei
einem jeden Schreiber besonderen Kombinationen vorkommen; seiner
Meinung nach kann man nur von 2 Typen sprechen, der steilen und
schrägen Schrift, die unabhängig voneinander auf bulgarische und
griechische Vorlagen?) zurückgehen. Die erste Annahme ist im all-
gemeinen richtig: unter den russischen Handschriften des 11. Jahrh.
ist es schwer, irgendwelche bedeutenderen Handschriftengruppen aus-
zuscheiden, die sich von den anderen durch eine gewisse Gemeinsam-
1) Abbildungen von einigen Handschriften des 11. Jahrh. finden
sich unter anderem in den Kursen der slav. russischen kyrillischen
Paläograplie von SOBOLEVSKIJ und KARSKW, bei KARSKIJ O6pasneı
cnaB. KHPuUNMOoBCKoro nncpma Warschau 1912; in der alten, den heu-
tigen wissenschaftlichen Anforderungen nicht gerecht werdenden, aber
immerhin wertvollen Ausgabe des Bischofs SavvA Ilaneorpabnueckne
CHUMEH C Tpeyeckux M CHABAHCKAX PyKonnceh Mockosckoä CHHoNanbHoä
Bu6nnoreru Moskau 1863 u.a.; vgl. ferner BUDILOVIÖ Mccnenogaune
(op. c.), POGORELOV Yynopckan Ilcanrsips in Ilamatunku cTapocaBaR-
ckoro nasıka III 1 Petersburg 1910 (2 Aovb.), JAGIC Cayme6npte Munen
83a CEeHTAÖPb , OKTAÖPb MH HOoAÖpb IIO PyKOINcAM 1095—1097 Peters-
burg 1886, LısioyN Ilepsorayansruk cnap.-p. Tunnkon (1 Abb. aus Typ).
Faksimileausgaben des OE hat Savınkov 1883 und 1889 herausgegeben,
des Izb 1073 — 1880, ferner des AE das Moskauer Rum ancev-Museum
1912, der NBl KAMINSKIJ in den Nssecrun oTn. pycck. As. I CIIOB. 28
(1924), der TBl der Wilnaer Lehrbezirk 1868, des RE Louis LEGER
1899 (L’&vangeliaire slave de Reims dit Texte de sacre Reims-Prag).
2) Vgl.8. 8.
498 N. Durnovo
keit in der Form der einzelnen Buchstaben auszeichnen; klassifizieren
lassen sich nur die mit der Orthographie zusammenhängenden Schreiber-
manieren; so lassen sich z. B. ganz exakt die ı und u mit einem Haken
gebrauchenden Hss. zu einer ‚Gruppe zusammenfassen. Es sind dies
diejenigen Hss., die die alten velaren und palatalen Konsonanten genau
zu unterscheiden suchen; mit dem Gebrauch von ı und # mit einem
Haken hängen auch noch andere orthographische Eigentümlichkeiten
zusammen, z. B. eine besondere Anwendung der Buchstaben e und €
und von A und ıa. Daran schließen sich die Handschriften mit der
mehr archaischen Palatalitätsbezeichnung durch Interlinearzeichen wie
z. B. im Izb 73 und KJ. Im Gegensatz zu dieser Gruppe gibt es eine
andere, die u und a mit einem Haken oder einem anderen Paiatalitäts-
zeichen nicht gebraucht und zwischen den Buchstaben e und &, A
und ı4 nicht so konsequent scheidet. Handschriften mit den Merkmalen
dieser beiden Gruppen, wie der Izb 731, Izb 73? und KJ spiegeln
augenscheinlich das Zusammentreffen zweier verschiedener Schreiber-
traditionen wieder und nicht eine freie Kombination von verschiedenen
Schreibweisen.
Über die Wechselbeziehungen zwischen steiler und geneigter Schrift
als besonderen Schrifttypen läßt sich in den russischen Handschriften
des 11. Jahrh. schwer etwas sagen, weil eine ausgesprochen geneigte
Schrift nur im SPt? vorliegt; sie unterscheidet sich auch sonst noch
durch einige archaische Buchstabenformen: ich erwähne z. B. das an
das 5 in der Sav erinnernde %5 mit sehr tiefem Querbalken. Die von
KARINSKIJ als für die geneigte Schrift typisch bezeichneten Buch-
stabenformen — das y mit tiefem Oberteil und das x mit kurzem
dicken Zapfen — fehlen auf den Abb; übrigens ist ein solches y im
SPt? häufig. Aus diesem Grunde könnte man meinen, daß dieser ge-
neigte Schrifttypus tatsächlich auf südslavische Vorlagen zurückgeht.
Die übrigen von K. angeführten Beispiele sind nicht beweisend. Am
stärksten ist die Neigung im AP* vorhanden; da es aber eine sehr
eilige Schrift ist, kann die Neigung unabhängig von der Tradition
durch schnelleres Schreiben verursacht sein; hierfür könnte auch die
Erhaltung der vertikalen Form bei einer Reihe von Buchstaben sprechen;
bei schnellerem Schreiben erhält die steile Schrift leicht eine gewisse
Neigung nach rechts, vgl. eine äbnliche Neigung auf den Abbildungen
aus dem Izb 73? (Tafel 8 Abb. 1) und AP! (Tafel 19 Abb. 1)!) und
KJ. Auch die Schrift AE! ist ihrem Wesen nach nicht geneigt; die
Neigung kann auch hier durch Eile erklärt werden. Von den nach
K. für die geneigte Schrift charakteristischen Buchstabenformen fehlt
auf den Abbildungen das x mit kurzem, dickem Strich, das y mit tiefem
Oberteil wird hier nur durch AP veranschaulicht; auf den Abb. aus
SPt? hat das y einen flachen Oberteil (obgleich auch dasjenige mit
2 Nebenbei erwähne ich hier den Druckfehler in der Unterschrift
zu dieser Tafel: statt 212v. muß es 18v. (Abb. 3) heißen.
N. Karinskij, Oöp. nncpma ıpesH. nepnona ner. pycck. knuru 499
tiefem Oberteil in dieser Schrift vorkommt); im AE1 ist der Oberteil
des u eher flach vgl. die weniger dick geschriebenen Beispiele. U
mit tiefen Oberteilen hat K. aber auch in den steilen Schriften fest-
gestellt. Das für SPt? charakteristische 5 mit tiefgezogenem Querstrich
kommt auch im AE! vor, dagegen ist im AP* und AP! der Typus
des 5 ein anderer. Wir erwähnen noch, daß keine einzige russische
Handschrift in durchweg oder größtenteils geneigter Schrift erhalten
ist; man findet sie nur inmitten steil geschriebener Texte. Möglicher-
weise hängen mit der geneigten Schrift (abgesehen von den Fällen, wo
die Neigung eine zufällige ist) auch gewisse orthographische Eigenarten
zusammen, so unterscheidet sich z. B. der SPt? orthographisch. stark
von dem SPt!.
K. weist auch auf das Vorhandensein von zwei steilen Schrift-
typen — dem breiten und engen, in den russischen Handschriften des
11. Jabrh. hin; letzterer findet sich nur in den TBl. Da die enge
Schrift für eine spätere Zeit typisch ist und die TBl keine Datierung
aufweisen, könnte bezweifelt werden, ob sie tatsächlich im 11. Jahrh.
geschrieben sind. K. bezieht sich darauf, daß alle Gelehrten, die über
die TBl geschrieben haben, dieses Denkmal spätestens mit dem Anfang
des 12. Jahrh. datieren und daß eine ebensolche enge Schrift auch in
den Chil. vorliegt. Da jedoch die Chil. gleichfalls undatiert sind, bin
ich geneigt, die mögliche Altertümlichkeit der TBl durch ihre Ähn-
lichkeit mit dem griechischen Evangelium von 890, das in der gleichen
gedrängten Schrift geschrieben ist, zu stützen. Gleichzeitig sehe ich
nicht einen so grossen Unterschied wie K. zwischen der gedrängten
Schrift der TB] und der breiten der anderen russischen Handschriften
des 11. Jahrh. und finde, daß es unter jenen auch solche gibt, deren
Schrift nicht viel breiter als die der TBl ist.
Bei Charakterisierung der beiden Hauptschreiber des OE bemerkt
K., daß „der erste Schreiber beim Abschreiben den Originaltext be-
deutend verändert und ihn an die russische Aussprache angeglichen hat*
und ‚in tirchlicher Graphik (Orthographie?) und kirchlichen Dingen
weniger bewandert war“ als der zweite Schreiber; er sei „mehr Künstler
gewesen *)*. j j
Ein solcher Schluß läßt sich aber aus der Orthographie der beiden
Schreiber nicht ziehen. Von allen altslavischen orthographischen Regeln
war für russische Schreiber natürlich der richtige Gebrauch von ®&
und A am schwierigsten, weil die russischen Schreiber hierfür u und «a
sprachen. Gegen diese Regel verstoßen die Schreiber außerordentlich
selten; dabei ist der Prozentsatz der vorkommenden Fehler bei beiden
Schreibern ungefähr gleich groß (inbezug auf die Textlänge verhält
sich OE1:OE?—= 1:12, die Fehleranzahl im Gebrauch der Nasale be-
trägt im OE! ungefähr 20, im OE?— 235 2)), die Fehlerkategorie ungefähr
1) S. 9b. 2) Abgesehen vom Kalender, bei dem der
Schreiber des OE*? weniger aufmerksam war.
500 N. Durnovo
dieselbe. Leichter war der richtige Gebrauch von »xa und ın dort, wo im
Russischen »x und u vorlag, weil die kirchliche Aussprache dieser Laute
sich von der lebenden unterschied. Aus diesem Grunde weisen beide
Schreiber im Gebrauch von m oder mr nicht einen einzigen Fehler auf.
Im Gebrauch von 1 gibt es Fehler, weil die russische kirchliche Aus-
sprache der durch »tn bezeichneten Verbindung nicht der der Schrei-
bung entsprach und diese Verbindung bereits vor der Abfassung des
OE in der russischen Schrift richtig, nur durch einen Buchstaben und
zwar »xt wiedergegeben wurde; diese Wiedergabe war beiden Schreibern
bekannt, findet sich bei ihnen aber sehr selten: im_OE! 4 mal, im
OE? 30mal!) (im OF! prozentual häufiger, die Zahlen "sind aber
so gering, daß man das Prozentverhältnis nicht bestimmen kann).
Die Regel über den Gebrauch von » und » nach Liquiden bereitete
weiter keine Schwierigkeiten und wenn der Schreiber des OE! von
dieser Regel konsequent abweicht, bei dem Schreiber des OE®? aber
Verstöße gegen diese Regel bedeutend häufiger vorliegen, als gegen
die anderen, schwereren Regeln der altslavischen Orthographie (auf
266 Fälle der Schreibung % und » nach Liquiden kommen ungefähr
175 Fälle vor mit %, 5 vor Liquiden oder zu beiden Seiten der Liquiden) 2),
so handelt es sich offensichtlich nicht darum, daß der Schreiber des
OE? schreibgewandter ‘war als derjenige des OE!, sondern um etwas
anderes. In den Hss. der 11.—12. Jahrh. findet sich die. altkslavische
Buchstabenfolye dieser Verbindungen häufiger in den nicht gottes-
dienstlichen Texten als in den gottesdienstlichen, weil die Schreiber
der nicht gottesdienstlichen Texte häufiger das Original einsehen mußten,
als die der anderen, die sich nicht nur vom Original sondern auch von
ihrer Textkenntnis leiten ließen. Augenscheinlich war auch der Schreiber
des OE®? weniger selbstsicher und weniger fest in der Orthographie;
er gab daher häufiger die von seinen orthographischen Gewohnheiten
abweichenden Schreibungen des Originaltextes wieder; diese Unsicher-
heit wird auch in anderen Fällen offenbar. Durch die Kenntnis der
kirchlichen Aussprache läßt sie sich aber nicht erklären. Denn, falls
die kirchliche Aussprache tatsächlich » und » nach Liquiden gehabt
hat, wären doch bei einem Schreiber, der so gut mit der schwierigen
Regel des Gebrauches der Nasalvokalzeichen fertig wurde3), die vielen
Abweichungen (!/, aller Fälle) von der richtigen Schreibung unver-
ständlich.
S. 7a und 10b erwähnt K. die runde Unziale oe im Izb 73°, ohne
anzugeben, ob diese Form dem ersten oder dem zweiten Schreiber des
1) Vgl. die vorhergehende Fußnote.
2) Vgl. meinen Aufsatz Pycekne pyronucn XI u XlIe. xak na-
MATHHKH CT.-C1. AsbIKa JD VI.
3) Bl. 109 (bei K. Tafel 8) und 185 v. Ob auf Bl. 186 das o gleich-
falls auf einer abgekratzten Stelle geschrieben ist, steht in meinen
Notizen nicht verzeichnet.
N. Karinskij, O6p. nncpma ApesH. nepnona ncr. pycck. kuuru 501
Izb 73 angehört. Da von den drei vorliegenden Fällen wenigstens bei
zweien‘) der Buchstaben oe mit anderer Tinte auf einer abgekratzten
Stelle geschrieben ist, ist es möglich, daß diese Form dem Schreiber
Izb 73° nicht angehört.
Zustimmung verdient die sich KuL’BAKIN ?) und LAvRov 3) nähernde
Ansicht K.’s, das die NBl russischer Herkunft sind.
Nicht einverstanden bin ich mit dem, was K. über den Unterschied
zwischen Novgorod und Kiev auf dem Gebiet der Handschriftentechnik
sagt. Er hebt die grobe Bearbeitung des Pergaments in den Novgoroder
Handschriften) hervor und ausgehend davon, daß das OE, der Izb 73
und Izb 76 „in Kiev und die M 95, M 96 und M 97 in Novgorod ent-
standen sind“, zieht er den Schluß, „Kiev habe in bezug auf die Technik
der Handschriftenherstellung* Novgorod übertroffen, „die Möglichkeit
der Herstellung luxuriöser Denkmäler, ... . die Erledigung von Be-
stellungen auf Abschriften von Büchern für andere Städte (z. B. für
Novgorod) sei nicht unwichtig für eine Charakteristik des Kiever Schrift-
tums in der ältesten Periode°)“. Ich glaube, daß die Unterschiede in
Aufmachung und Rechtschreibung zwischen OE und I1zb.73 einerseits
und M 95—97 andrerseits nur dafür sprechen, daß die luxuriösen
Handschriften geschickten, gebildeten Schreibern und gewandten Orna-
mentatoren anvertraut und auf gutem Pergament geschrieben wurden;
die Handschriften aber, die in den Händen der Diakone blieben, von
weniger gebildeten Schreibern auf schlechtem Pergament hergestellt
wurden, nicht aber dafür, daß das OE ein Kiever Denkmal ist und
die Herstellungstechnik von Handschriften in Kiev höher als in Nov-
gorod stand. Daß auch Novgorod gebildete Schreiber besaß, die u und
u richtig zu gebrauchen verstanden, beweist das Typ, worin auf 125 Seiten
nur dreimal ı und y verwechselt wurden. Allerdings muß angenommen
werden, daß die Herstellungstechnik von Handschriften in Kiev tat-
sächlich höher stand als in Novgorod, doch darf über die Kiever Technik
nicht auf Grund von Handschriften geurteilt werden, die keine direkten
Hinweise darauf enthalten, daß sie nicht aus Novgorod stammen.
An verschiedenen Stellen der Einleitung handelt K. über die alt-
bulgarischen Vorlagen und die Originale russischer Handschriften des
11. Jahrh.; er leitet dabei verschiedene Eigenarten und Methoden der
russischen Schrift von jener Quelle her. Vorsichtiger wäre es, nicht
von altbulgarischen Vorlagen, sondern von südslavischen überhaupt zu
sprechen, weil neben den eigentlichen bulgarischen und makedonischen
Handschriften im 11. Jahrh. nach Rußland auch serbische Handschriften
dringen konnten, denn gleichzeitig mit den Bulgaren kamen auch Serben
dahin; genau festzustellen, was auf die ostbulgarische, makedonische
oder serbische Buchtradition zurückgeht, ist eine Arbeit der Zukunft.
1) Siebe Anm. 3, 8. 500. 2) JD IV 234f.
3) Iumakır. cnas. punonorun IV 1. 4) 8.5. 5) 8.5.
509 O. Meauıtz
Auf 8. 5 behauptet: K., die gemeinsamen Züge in der russischen
Graphik des 11. Jahrh. beruhten ‚zweifellos‘ auf der vorhergehenden
Epoche des russischen Schrifttums und ließen „Schlüsse auf den Charakter
der Schrift vor dem 11. Jahrh.“ zu. Da alle russischen Handschriften
nicht vor der zweiten Hälfte des 11. Jahrh. entstanden sind und wir
keine bestimmten Hirweise auf das Vorhandensein eines russischen
Schrifttums vor dem 11. Jahrh. haben, dürfen wir m. E. in unseren
Mutmaßungen über den Charakter der russischen Schrift vor der Ent-
stehung des OE nicht weiter als in die erste Hälfte des 11. Jahrh.
zurückgehen.
Die sogenannten jotierten Vokalzeichen in: kirchenslavischen Alpha-
bet und die Kombination vos zwei Buchstaben: p und i für den Laut
y lassen K. vermuten, daß der Verfasser des Alphabets, als Grieche,
die slavischen palatalen Konsonanten und den Laut y nicht artikulieren
konnte; statt der palatalen Konsonanten habe er nichtpalatale Kon-
sonanten mit unsilbischen 7 vor Vokalen und statt 4 den Diphthong
wi gesprochen. Ursprünglich fehlten aber die jotierten Vokalzeichen
im slav. Alphabet und jene Verbesserer der Schrift, die diese Zeichen
einführten, sind wohl kaum Griecken gewesen; außerdem ist © als Be-
zeichnung der Palatalität eines Konsonanten vor Vokalen eine übliche
Erscheinung in jenen Fällen, wo an eine Sprache mit weichen Kon-
sonanten ein Alphabet angeglichen werden muß, in dem die Bezeich-
nungen für palatale Konsonanten fehlen. Ferner beweist die Kombina-
tion aus zwei Buchstaben zur Bezeichnung des Lautes y in der slavischen
Schrift ebenso wenig seine diphthongische Aussprache wie die Kombina-
tion oy. Außerdem ließ sich durch die Schreibung wi d.h.» -+i auf
keine Weise der Diphthong w2!) bezeichnen.
Brünn N. DURNovo
Wın&Ler M. Prrer Jakovievis Carnaev. Ein Beitrag zur
russischen Geistesgeschichte des 19. Jahrhunderts. Berlin und
Königsberg 1927. 8°, 106 S. (= Osteuropäische Forschungen.
N.F. Heft 1.)
Da die vorliegende Arbeit im 4. Bericht der Notgemeinschaft der
dt. Wiss. [für 1924/25] S. 93 erwähnt und verschiedentlich angekündigt
worden ist, konnte man annehmen, daß sie eine streng wissenschaftliche
Leistung mit neuen Ergebnissen darstellt. Leider ist das nicht der
Fall. Es handelt sich um eine geschickt und allgemein verständlich
geschriebene, populäre Schrift. Sie behandelt in Kap. 1 den Menschen (.,
in Kap. 2 die Einflüsse, denen er unterworfen war. Kap. 3. Seine
Schriften. 4. „Hauptprobleme* und bietet in Kap. 5 eine „Zusammen-
1) Vgl. Durnovo Zur Entstehung der Vokalbezeichnungen.
M. Winkler, P. Caadaev 503
fassung* — meist früher geäußerter Ansichten. Das Buch zeigt
stellenweise Spuren großer Flüchtigkeit. Auf die große Zahl von Druck-
fehlern, sprachlich-stilistischen Unrichtigkeiten und Überschwenglich-
keiten des Stiles, sowie auf die Mängel in der Transkription der russ.
Wörter soll hier nicht eingegangen werden, auch darauf nicht, daß der
Verfasser (wohl aus Rücksichtnahme auf den deutschen Leserkreis) sich
möglichst an die dt. Übersetzungen der Werke fremder Autoren hält:
das sind ja schließlich nur Kleinigkeiten. Zu bedauern ist aber, daß
W. in methodisch-sachlicher Hinsicht, namentlich russischen Quellen
gegenüber, versagt, und dies, nachdem doch durch GERSENZoN’s Caadajev-
Monographie yon 1908 und vor allem durch desselben Forschers gut
kommentierte Caadajev- Ausgabe 1913—14 ein Fehlgreifen in Einzelheiten
so gut wie unmöglich gemacht war.
Daß W. den Abschnitt „SCHELLING und ÖAADAJEV“ im IV. Bde.
von E. BOBROV „Dunocodun B Poccnu“ nicht herangezogen hat, ist kein
großer Fehler; aber das wichtige biographische Material, das ZICHAREV
VE 1871 IV (7) 172—208; V (9) 9—54 und LonaInov RV 1862
XI 119— [160] 156) bieten, hat er sich sehr zu seinem Schaden ent-
gehen lassen, Dabei zitiert MILIUKOV Glavnyje telenija, den er kennt,
wenigstens ZICHAREV, während GERSENZON }Kusas sich sogar auf beide
Gewährsmänner beruft.
In der ideengeschichtlichen Darstellung scheint mir einiges ver-
zeichnet zu sein. S. 12 macht sich der Verf. offenbar eine falsche Vor-
stellung von dem Schaffensprozeß der „echten Kinder des XVIII. Jahr-
hunderts und seiner rativnalistischen Welt“, und ich vermag gerade in
der Entwicklung von C.’s Ideologie sehr wenig „Kaltes, Künstliches“
zu sehen; „nicht aus innerstem Drange, sondern um der Wirkung in
der Umwelt willen“: mit dieser Antithese ist C.’s Werk nicht richtig
motiviert. — S. 30 findet sich eine starke Übertreibung: „Es ist wohl
nicht zu viel gesagt, wenn man behauptet, daß es nicht zum mindesten
gerade die Nachwirkung dieses Einflusses (nämlich der Jesuiten in
Rußld. seit Paul !.) gewesen ist, die bis in unsere Tage hinein
den russischen Adel ganz in der französischen Kultur auf-
gehen, in Frankreich die Wahlheimat sehen ließ“. — S. 59 besteht
auch auf Grund der zitierten Stellen keine Notwendigkeit, den heiligen
Geist als eine dritte Verkörperung der Einheit bei C. anzunehmen. —
S. 80 überschätzt der Verf. den Einfluß HEGEL’s auf Caadajer. Die
Frage nach dem Einfluß von HeGEL’s Geschichtsphilosophie in Rußland
vor 1837 ist an sich schon überaus schwierig zu beantworten. #)
Wendung um die Mitte der 30er Jahre wäre besser durch direkte
Einflüsse von SCHELLING und bes. von den Slavophilen her zu erklären,
vor allem war sie seinem Denken immanent: man vergleiche nur einmal
die beiden Stellen Cou. 1188 1835 an A. I. TURGENEV: „.. Tel sera
le rösultat logique de notre longue solitude: toujours les grandes choses
1) VE bedeutet bei mir Becrunk Eeponur, RE — Pycexuä Becrunk,
504 O. Meauıtz
sont venues dw desert“ und I 73 1829 an PuSkin, wo er schließt: „Je
vous dis comme ce Mahomet disoit & ses Arabes, — ah si vous saviez*.
Daß Caadajev HEGEL ‚im Innersten geistesverwandter“ war, „als er
selbst es gewünscht hätte“, glaube ich nicht. — S. 98 erhebt W. zu
Unrecht den Vorwurf gegen den ©. bes. der „Philosophischen Briefe“,
daß er nichts abnte von den Reichtümern der altruss. Kultur, „obwohl
den Suchenden, wenn wirklich er ein großer selbständiger Denker ge-
wesen wäre, tagtäglich die Reste-altrussischer Kultur hätten gemahnen
müssen, seine Anschauung von der Vergangenheit Rußlands nachzuprüfen“.
Ein inneres Verhältnis zur altruss. Kultur “hatten damals in der Tat
einige Gelehrte, nur wohl nicht in der idealen Form, wie W. sie fordert:
das waren die Leute vom Schlage PoGopin’s, de Geschichtsauf-
fassung C. aber gerade überwinden wollte. — S. 96 ff. ist dem Verf.
die Stelle in dem Briefe an SevYRRv 1844 ou. I 253 entgangen, die
für C’s Hochschätzung der „schönen Vergangenheit“ Rußlands in seiner
späteren Zeit charakteristisch ist und die auch durch die Ironie I 255
nicht entkräftet wird. — S. 96 wirkt der Versuch einer Erklärung von
Cs Mystik an der Hand von SAUER-NADLER in der von W. durch-
geführten Form nicht überzeugend. Die ganze Auseinandersetzung
'8.96f. macht einen unglücklichen Eindruck, da der Verf. z.T. banale
Selbstverständlichkeiten bringt (z. B. C. „hätte, was immerdar unmöglich
bleibt (!), die Geschichte ungeschehen machen müssen“... .).. — S. 16
ist es zu viel gesagt, wenn für die ersten Regierungsjahre Alexanders I.
von einer „großen Zeit“ der Moskauer Universität gesprochen wird.
Eine „große Zeit“ durchlebt die Moskauer Universität in den 40er Jahren.
Bedenklich stimmen verschiedene Unrichtigkeiten in Einzeltatsachen,
aus denen hervorgeht, daß W. eigentlich nvr da zuverlässig ist, wo
er sich auf Hurwıoz’ dt. Ö.- -Übersetzung verlassen kann, daß er aber
russ. Quellen gegenüber versagt.
8.13: „Die Angst vor der Cholera... entsprang, wie SVERBEEV
richtig annimmt (wir wissen nicht, ob er etwa direkte
Äußerungen Üs in dieser Richtung hörte), eben wieder
dieser Angst vor den unerfreulichen Erscheinungen des Lebens“. RA 1868
S. 998: On Ö6onaca xonepkl HU He CKPEIBA CBoeH 6OASHH, Ho 6OANCA
TOABKO IHOTOMY, 4TO KOHEI XOJePo@ NPencTaBınnmch eMy B KAKOM-TO
HENPHIMYHOM, OTBPATUHTENBHOM BuNe. ‚„‚Malo-Toro 3KHTb XOPOIIO, Hajo
NH yMepeTb NPHCTOAHO“‘, 206aPuUsan On MHe, u ewe nedenu 3a Öse unu
30 MPU No6mopuNn mosice ... — 8.14: C. war durchaus nicht wählerisch
in seinem Umgange. — An 6: Apxn ÖparbeB Typrenessıx Heft 3
S. 428 Anm. 143 kann als Beleg für das von W. im Texte Gebrachte
(von dem lastenden Pessimismus der jungen Generation nach den Frei-
heitskriegen) nicht herangezogen werden. — $.16 Anm. 13: BuUHLE
ist nur bis 1811 Prof. an der Univ. Moskau (s. Pycer. Bnorpad. Ca.). —
Anm. 14: CHRISTIAN VON SCHLOEZER kehrt schon 1826 nach Dild.
zurück (s. ebenda; indirekt auch aus ADB 31, 601f. zu erschließen). —
8. 20f. übersieht W., daß C. damals nicht mehr zum Semenovschen
M. Winkler, P. Caadaev 505
Regt. gehört. Er hat doch selber berichtet (S. 18), daß C. 1813 von
der Garde zu den „Achtyrskije*-Husaren überschrieben worden ist, und
hätte hier nun gleich (s. LonGinov a. a. O. 122 ff.) hinzufügen können,
daß C. Anfang 1816, nach der Rückkehr in die Heimat, zum Leib-
husarenregt in Carskoje Selo versetzt wird, und daß er dann 1817 als
Adjutant des Generals I. V. Vasil’&ikov nach Petersburg kommt. An
der Tatsache selbst, daß Ü. damals mit den mil. Geheimgesellschaften
in Berührung gekommen ist, wird niemand zweifeln, aber die Beweis-
führung W.’s ist z. T. hinfällig. — S. 26 Anm. 23: Maksim Iv. Nevzorov
„als Martinist 1792 nach Sibirien verschickt“. Einfache Nach-
schlagewerke, aber auch der von W. zitierte II. Bd. des „Maconcrso »
ero HPpomMoMm u Hacronmem‘‘ S. 126 (DOVNAR-ZAPOLSKIJ) und ausf.
208#. (KUL’'MAn) zeigen, daß Nevzorov jene ganze Zeit über (1792—
98) in Pburg sich aufgehalten hat; von Sibirien ist keine Rede. —
S. 27 f. hätte noch auf Ö.’s Verhältnis zur Loge der „Nordischen Freunde*
hingewiesen werden können (vgl. Coy. I 366). — S. 28: Aus dem Grenz-
verhör Ü.’s „können wir entnehmen, daß er... die Beziehungen mit
ihnen (den Logen) abbrach, da er es, nach seiner Auslegung, nicht
für angängig hielt als ehrenhafter Mensch länger ihr Mitglied
zu bleiben“, Couw.171: „... A BCAKoe OTHOMIeHHE C MACOHCKUMH JIOHtaMH
npecek, IIO COÖCTBEHHOMy YÖdocmosepeHum, YTO B OHOM HUYE2O HE 30-
KAMUAEMCA MO2YUye20 YOOBNEMEOPUMP YECMHO20 U PACCYYUMEABHO2O
yenogera“‘.— S.30: „Wir können PyPpIn glauben, wenn er behauptet, daß
drei Viertel der heranwachsenden adeligen Generation
bei den Jesuiten die Erziehung erhielt“. PYPINn Xapakrepnernkn S. 147:
„B nesaynrckom manrcnoHe Ha(!) mpu vemsepmu Ö6vL.1O BOCnUMAHHUKOE
u3 cemeücme ericweü apucmorpamuu*(!). (Übrigens keine Behauptung
PyPpın’s, sondern Zitat aus MOROSKIN „Heayntsı u Poccnn*). — 8. 41:
das „M&moire sur Geistkunde“ schreibt C. nicht, wie W. meint, in den
Tagen vom 23. April 1824 bis zum 26. Januar 1825, sondern vom
23. August 1824 bis zum 1. Februar 1825 nieder. Vielleicht hat
das „apr.“ (= aprös) der Überschrift Cor. I 39 den Irrtum veranlaßt. —
S. 48: ein Brief C.’s muß vorhanden gewesen sein „über das Dogma vom
FILIOQUE und von der Freiheit der Kirche...“ GERSENZON
}Kusup 72 Anm. 2: ABa ... BAKHBIe BONPOoCa XPHCTHAHCKON MEPKBH:
0 cBo6one mepkopHnoä m 0 Aormare filioque. — 8.49: „Eine aktive
Teilnahme seinerseits an dem Abdruck im »Teleskop« können wir also
wohl mit vollem Rechte ablehnen“. Die Darstellung W.s in dieser
Frage ist irreführend, da er sich ganz einseitig auf die Angaben Us
stützt; auf jeden Fall hätte der Verf. auch das Material für die Gegen-
seite heranziehen müssen, wie es von LEMKE in s. „Hnkosaesckue
YKasmapms 1908 geboten wird (GERSENZON }Knsnp zitiert den in Frage
kommenden Abschnitt „Caadaev i Nadezdin* S. 71 Anm. 2; 203!) oder
wie es auch bei N. K. Kozmın H.M. Haperknun. }Knsub u Hay4uHo-
anreparypnan nenrensuoct 18U4—1836 Petersburg 1912 = BannckHu
Verop.-dunonor. Daryısrera Cn6. Yame. Bd. 111) S. 533 ff. vereinigt
506 _M. VaAsMER
ist. — 8.59: „Auch an der Idee der Zahl meint er die beiden Prozesse
verfolgen zu können: die Teilung und Häufung, auch bei ihren
Funktionen gilt es, daß Teilen zugleich Vernichten der größeren Einheit
bedeutet, schwächer machen im Innersten, während Häufen
einigen und damit stärken heißt“. Cou. 1149: zce ymcıa m pac-
yeTbI IPKHANNEHAT HIIH MEIeHMO, MM YMNHODCEHUM; MeiuTb — YHH-
YTOATB; yMHoocamd — npoussodumd. — 8.81: „Die Russen aber
haben dadurch, daß sich bisher das Theatrum Europaeum vor ihren
Toren abspielte, den Vorteil, ohne die Fehler des Westens mit-
gemachtzuhaben,dochvielerfahrener zu sein“. Cow. 1285:
n. ».. ÖESYMHO ÖbI ÖBLTO HAM BENUYATBCA IIpen CTapIumMmu ÖpaTbAMH HAIIHMH.
OHn He ınyame Hac; Ho onu onsimnee mac“. — S. 86: „Nur durch die
Religion war ja auch bisher die Menschheit für Gottes Sen-
dungen vorbereitet worden“. Davon steht 1. c. (Cou. I 337) nichts.
— 8.87: „Deshalb will ihn (Pu$kin) C. das Mysterium des ewigen
Lebens sehen lassen .. .“(?) Cou. I 73: „Mon veux le plus ardent mon
ami est de vous voir initi6 au mystere du temps. „Il n’y a pas de
spectacle plus affligeant dans le monde moral que celui d’un homme
de genie meconnaissant son sidele et sa mission“. — Ebenda: „Später
wieder scheint ihm (C.) einmal SAINT SIMON der Führer werden zu
wollen“. Cou. 1165: „Mais une vague conscience me dit que bientöt
viendra un homme nous apporter la verite du tems. Peut-ötre sera-ce
quelque chose d’abord de semblable & cette religion politique prechee
en ce moment par 8. SImoN dans Paris, ou bien & ce catholicisme de
nouvelle espdce que quelques pretres t@m6raires prötendent dit-on sub-
stituer & celle que la saintet& du temps avait faite*.
Dem Popularisator W. wird man seine Anerkennung nicht ver-
sagen. Für einen größeren Kreis, der allgemein belehrt sein will, ist
er der gegebene Darsteller osteuropäischer Probleme. Wer einen an
sich ziemlich spröden Gegenstand in so interessanter Weise zu behandeln
weiß, wird immer seine Leser finden.
Leipzig OTTO MEHLITZ
A. Duison. A xaparmepucmure yrpaunckux 2080poe Peenyöauru
“ Aemyes ITosoaseoa. Pokrovsk, Deutscher Staatsverlag 1928,
8°, 378. (= Zentralstelle für Wolgadeutsche Mundarten-
forschung. Berichte u. Aufsätze hgb. G. Dinges Heft 1).
Es war ein glücklicher Gedanke des rührigen Begründers und
Leiters der Wolgadeutschen Zentralstelle für Mundartenforschung
G. Dinges, sich auch der vernachlässigten ukrainischen Mundarten des
Wolgadeutschen Gebietes anzunehmen. Ein Schüler von Dinges legt
in dieser ersten Veröffentlichung der Zentralstelle eine Materialsammlung
vor, die die Ergebnisse einer an 17 ukrainische Dörfer dieses Gebietes
A. Dulson, K xapakrepnetnke YKPanHckuX TOBOPoB 507
gesandten Umfrage enthält. Wie aus der Einleitung hervorgeht, sind
die Antworten in einer recht bunten Transkription eingelaufen. Ein
Teil bedient sich der russischen Schrift, ein anderer der ukrainischen,
ein dritter einer Mischung beider Orthographien. Dem Verfasser selbst
ist klar, daß diese Antworten nur einen provisorischen Wert haben.
In mehreren Fällen stellt er selbst die Inkonsequenzen fest. Bei dem
Fehlen anderer Materialsammlungen ist aber auch diese zu begrüßen
und die vorliegenden Bemerkungen sollen nur dazu dienen, den Verf.
zu weiterer Arbeit auf diesem Gebiet anzuregen.
Ich habe aus der vorliegenden Publikation den Eindruck, daß die
Dialekte mitunter nicht wenig voneinander abweichen und daher würde
ich es für richtiger halten, wenn zuerst die Mundart jedes einzelnen
Dorfes besonders beschrieben würde, bevor eine Zusammenfassung ge-
geben wird. Der Verf. registriert die Fälle, wo ein durch Vokal-
schwund in folgender Silbe ersatzgedehntes 0, e zu © geworden ist
(S. 8ff.). Die Beispiele bieten aber nur Belege für ein © aus o, e in
betonter Silbe. Es wird auf die Unterscheidung betonter und unbe-
tonter Silben, deren Bedeutung durch die Arbeiten V. Hancov’s be-
sonders klar geworden ist, kein Wert gelegt. Aus dem vorliegenden
Material kann man sich kein Bild davon machen, warum z. B. im Dorf
Msanopka omeyd, omya, omyw (8. 17), aber kinyi gesagt wird. Ähn-
lich anscheinend in Casmtoso, XapbkKoBka: xinyi aber omey®. Handelt
es sich bei omya etc. um analogisches 0? Das viel zu geringe Material
gestattet vorläufig keine Antwort auf diese Frage.
Reichhaltiger ist das Material für den Dativ sing. der urspr. -o-
und -20- und analogisch durch sie beeinflußten Stämme. Allerdings
findet es sich in dem Buch an verschiedenen Stellen und man muß es
sich zusammensuchen. Da findet sich in einigen Dörfern -u wie im
Nordukrainischen, in andern -ov@ in Übereinstimmung mit dem Süd-
ostukrainischen. Ständiges -u findet sich in Kapnenka: 6aTbky, cHAy,
6pary, 6arayy, KOHI, TOCTIO, KoBanm. Ebenso in Denopopka: 6aTbky,
CHHY, KOHIO, Opaty, 6oraum, TOCTO, KysHumo. Ständiges'-ovs findet
sich in Kossimkuno: 6aTbKOBi, CHHOBi, KOHeBi, OparoBi, ÖarayeBi, TO-
CTeBi, KoRanepi, in JIaBpoBka: 6aTbKOBi, CHHOBIi, KoHeBi, ÖPAToBi, TO-
CTeBi, KoBalleBi, in CaBAHKa: CHHOBIi, ÖaTbKOBi, OparToBi, 6arayeBi, TO-
cTeBi, KOoBaleBi. Y3MOpbe: 6aTbBKOBI, CHHOBIi, KOHeBi, ÖPaToBi, TOCTeBi,
koBanepi. T'’eHepasısckoe: CHHOBi, KoHepi, OparoBi. Auch CemeHoBkä
scheint zu dieser Gruppe zu gehören. Dort heißt es: 6arbkoBi, CHHOBi,
KORHeBi, 6orayeBi, TocTeBi, daneben aber sind Doppelformen registriert
wie: 6parosi: Öpary, kopanesi: koBamo. Es wird nicht gesagt, ob
diese Schwankung durch russ. Einfluß oder durch ukr. Dialektmischung
hervorgerufen ist. Ähnlich Xapskopka: 6aTbKoBi, KOHeBi, 0oraueBi, rocreBi,
aber Doppelformen: cuuy : cauogi, Opary : OpatoBi, KoBamo : KOBANleBl.
Die Angaben über die andern Mundarten gestatten keine Klärung
der Frage: Auncoska hat: 6aTbKoBi, CHHOBI, KOHeBi, aber Öpary, 6oraay.
ViBaHopka: ÖaTbKOBi, CHHOBIi, KoHeBi, aber Gpary, 6orauy, TOCTIO, KO-
Zeitschrift f. slav. Philologie. Bd. IV. 33
508 M. VasmER
par. Kpachstä Kyr: meist -%: KOHIOo, CUHY, TOCTIo, KoBamo, daneben
heißt es aber 6atpkogi und neben 6Gpatogi auch ÖOpary. Kypnaeska:
fast immer -oBi: 6aTbBKOBi, CHHOBIi, KOHeBi, Ö0TaueBi, TOCTeBi, KOBaJleBi,
aber 6pary. Hnkonaeska: CHHOBi, 6aTbKOBIi, KoHeBi, aber 6pary, 6a-
raylo, TOCTIO, KY8Helfo.. CAAITOBO: OATbKOBi, CHHOBI, KOHEBi, OPaToBi,
aber 6arauy. in Ilanogo heißt es nach dem Verf.: cnHoBi, Öparogi,
6orayeBi, KoHeBi, KöBaneBi, aber 6arbky, Tocrw. In Illymeükopka:
6aTbKOBi, ÖPATOBi, CHHOBIi, KOHeBi, TOcTeBu, aber Oarayy, Ky3Helo.
Solche Unklarheiten lassen die Frage aufkommen, ob die Ant-
worten auf den vom Verf. ausgesandten Fragebogen immer zuverlässig
und ob seine Gewährsmänner immer geeignet gewesen sind. Diese
Frage wird besonders akut, wenn man auf S. 23 verschiedene Plural-
formen auf -@ von Substantiven männlichen Geschlechts findet, wie sie
zwar fürs Großruss., nicht aber für das ukrainische Mutterland bezeugt
sind. Man hat da den Eindruck, daß die Frage mißverstanden worden
ist und die Formen roponä, noMmä, Macrepa usw. nur für das Russisch
dieser ukrain. Dörfer gesichert sind.
Es wäre zu wünschen, daß die einzelnen Dörfer genauer auf ihre
Mundart untersucht würden und auch über die Herkunft jedes einzelnen
Dorfes Erhebungen angestellt würden. Den größten Anteil an der
Besiedlung dieses Gebietes hat ohne Frage der südöstliche Teil des
heutigen ukrainischen Sprachgebietes.
Möge es dem Verf. vergönnt sein diese dringend notwendige aus-
führliche Untersuchung baldmöglichst vorzunehmen. Er wird dadurch
nicht nur die ukrainische Mundartenforschung und die Kolonisations-
geschichte des Wolgagebietes fördern, sondern auch die Erkenntnis der
viel weitere Kreise interessierenden Frage vom Verhältnis der Sprache
eines Kolonisationsgebietes zum Mutterlande.
Berlin M. VASMER
Berichtigungen:
Zum Aufsatz von F. BALoDIs Zeitschr. IV 1 ff. möchte ich bemerken,
daß die beiden Tafeln aus von mir unabhängigen Gründen nicht, wie
ich geplant hatte, in farbiger Rep roduktion erschienen sind.
Ich bitte ferner zu lesen:
3.143 2.21: Komposition, nicht: Komposita.
8. 221 2.5: pö'stars, nicht: pirstais.
5. 221 2.7 von unten: Vydünas, nicht: Vidünas.
S. 222 2.13: dütelj, nicht: duteli.
S. 223 2.11: raitelis, nicht: raitelis. M.V.
Bei der Redaktion eingegangene Bücher
09
Bei der Redaktion eingegangene Bücher
Abhandlungen des Ukrainischen Wis-
senschaftl. Instituts in Berlin. Bd.1.
Berlin, W. de Gruyter 1927, 8°,
180 S.
Acta et Commentationes Universitatis
Dorpatensis. Serie A Bd. 9, 10, 11.
Serie B Bd. 7, 8, 9, 10 und 11. Dor-
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Bd. 52 Heft 3—4). Braunschweig,
Westermann 1927, 8°, S. 161—320
+ VIS.
Archiv für slavische. Philologie hgb.
E. BERNERER Bd. 41, Heft 3—4.
Berlin, Weidmann 1927, S. 161—320
+ IV SS.
Arhiva. Organul societatii istorico-
filologice din Jasi. Bd. 34, Nr. 3—4.
Jasi, Presa Buna 1927, 8°, 3.81 —237
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Asveta. Casopis. 1927, Nr. 2—4.
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158 + 160 8.
Aus den Forschungsarbeiten der Mit-
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und des Collegium Hungaricum in
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gers gewidmet. Berlin -Leipzig,
. W. de Gruyter 1927, 8, XII +
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BABıngEr Fr, GraGGER R., Mıtr-
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Balkan- Archiv hgb. G. Weıcann.
Bd.2. Leipzig, J. A. Barth 1926,
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Baudouin de Courtenay-Ehrenkreut-
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eych przedmioty dla Muzeum Et-
nograficznego Uniwersytetu Stefana
Batorego. Wilna, Pracownia Etno-
logiezna 1928, 8°, 288.
| Belaruskaja kul'ttura, Casopis. Jahr-
gang 1, Nr. 1. Wilna 1927, 8°, 66 S.
Belaruskaja Skola u Latvüüi.. Jahrg. 2,
Nr. 7(5). Riga, 1927, 8°, S. 89—108.
Bibliologitni Visti, Kiew, Ukrainskyj
Naukovo-doslidöyj Instytut Kny-
hoznavstva 1926, Nr.1, (10), 8°, 88S.;
Nr. 2 (11), 8°, 86 S. Nr. 3 (12), 8°,
96 S. Nr. 4(13), 8°, 115 S. 1927,
Nr. 1 (14), 8°, 128 S., Nr. 2 (15),
124 S., Nr. 3 (16), 8°, 146 8.
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Nr 2.—4. Bratislava 1927, 8°,
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Casopis Madicy Serbskeje 1927,
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Indogermanische Forschungen. Bd. 45,
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Indogermanisches Jahrbuch. Bd. 11.
Berlin-Leipzig, W. de Gruyter 1927,
8°, 661 S.
Izvestija Central'nogo B’uro Krajeve- |
denija. Jahrg. 1927, Nr. 4—7.
S. 113— 264.
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i slovesnosti Akademii Nauk SSSR.
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Suzdal’skaja Letopis po Lavrent-
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chovjach Desny i Oki. Teil 1.
Moskau 1927, 8°, 168S. (Memuary
Etnograf. Otd. Obs£. 'Ljub. Jestest-
vozn. Antropologii i Etnografii 2.)
Letapis Beleruskaha Druku. Jahrg. 2.
Nr. 1—6. Minsk. Belar. Dzar-
Zavna Bibl. 1926. 8°, S. 1-80.
Letopis Matice Srpske. Jahrg. 101.
Band 311, Nr. 1-3, Bd. 312,
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Bei der Redaktion eingegangene Bücher
460 + 492 + 160. Dasselbe Jahrg.
102. Bd. 315 Nr. 1. 1928, 8°, 160 S.
Levcenko M. Zpol’a fol’klorystyky
j etnografi. Kiew, Ukrain. Akad.
1927, 8°, 124 S. (= Zbirnyk isto-
ry£no-filologien. Viddilu Nr. 55.)
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Slavisch
(Urslav. u. Abg.
unbezeichnet)
Bebrs 215
Bitolj bulg. 931.
blato 218
blecheiji 388
565 poln. 213
boss 213
czechl poln. 213
czwartek poln. 213
cadrd russ. dial. 94 ff.
caders bulg. 94 ff.
cator wruss. bulg. 94 ff.
cekati 216
cersa 362
erevo 213
culan russ. 283
Cumnata sloven. 283
dozit’ russ. 215
Oyae6 russ. 263
duplo poln. 215
dura poln. 215
*dasc» 62 ff.
*dezdz» 62 ff.
OvinA russ. 383
dziuplo poln. 215
dziura poln. 215
Glebs russ. 412
gont poln. 385 ff.
guna 103
gvezda 214
chata russ. 275
cholds 217
chodoys 376
hontorntk c. 386
ikra 216
jablkobity apoln. 43
jablkowity poln. 43
jalowiee poln. 215
jate 215
Jugo poln. 216
xa6apda russ. dial. 412
kals 216
Wortregister
Wortregister
karw poln. 213
ketrzny poln. 216
klabositi &. 216
koliba 283
kopyto 216
K0p0s aruss. 102
koryto 216
kots 216
kra 216
krava 213
krdel sloven. 216
kreslo 213
krosno 213
krets 216
kuka 216
kardiji 387
kvets 216
lemes 216
ledo 280 £.
Yuds 216
mezinoct 375
meso 213
miechrad poln. 216
mizinec russ. bulg. 375
mleko 216
moskotilonyj russ. 107
moskot» russ. 104.107
moskva slovak. 107
Moskovice slovak. 107
Mocxearuss.104 ff.262
Moskovee slovak. 107
moszcz poln. 104
mozgasloven. russ. 104
Mozgawa poln. 104
naceti 216
nags 213
nestera 216
nozda 216
olejv 411
oskard poln. 213
pecera russ. 263
Pecora russ. 263
Permv, Peremv russ.
263
517
pero 217
perper- 216
plats 359
plesatı 359
posochs 144
Pytati 217
resiti 217
Rıms 411. 481
rota 217
rozsocha poln. 144
sacit polab. 217
sand 213
sekyra 284
sem» russ. 375
sebrs 213
stla 217
siolo poln. 218
skula 213
slono 217
smoky 361
socha 144
sochor &. 144
stena 217
swieboda poln. 217
Saters russ. I4f.
Sator aserb. 94 ff.
Scet- 217
3ömnusa ngrruss. 283
Surja 217
trebule €. 362
myderd, MyPAA russ.
388 fl.
tosto 214
tyky 384 ff.
ypma russ. dial. 263
ustro 215
uzda 215
vap- 218
vapa 218
vitegs 44 fl.
Volga russ. 105 £.
Vrbas skr. 282
wal, walek poln. 214
wröbl apoln. 218
518
zawieziel poln. 217
öaba poln. 213
Zeraw 214
öoladek poln. 218
soladz poln. 218
zona poln. 213.
Baltisch
(litauisch unbezeichnet)
äbuölains lett. 43
äbuöluöts lett. 43
alu- 215
älva 215
&unu lett. 104
azderö 215
babo apreuß. 213
bagotas 215
baltas 218
basas 213
dirgiö 215
dirza 215
eiga 215
eiva 215
gabawo apreuß. 213
gena apreuß. 213
gywas apreuß. 213
igyti 215
jJuokas 216. 284
kalbasyti 216
karve 213
kaulas 213
kekulis apr. 213.
kenkieti 216
kerda 216
ketwirtiks apr. 213
kvitu lett. 216
kletis 216
krase 213
kreslas 2183
kurmis 216
kurwis apr. 213
limtei 216
mazgöti 104
mensa apr. 213
mesa 213
misras 216
Wortregıster
nautin apr. 216
nuogas 213
obuolainis 42
obuolidotas 42
obuolmusas arklys
42 ff.
obuolmusys 42 ff.
pela- 216
peizda- 216
Perkunas 217
piauti 217
pirtis 217
plesti 359
putpela 216
rısti 217
sauinsle apr. 217
savinsle- apr. 217
sembi apr. 213
siena 217
skersas 216
skilwis 213
skinu 216
skurdis apr. 213
smirda lett. 214
sparnas 217
stirna 217
subs apr. 218
Sakı 144
Saltas 217
Sukos 217
tuscias 214
valanda 214
wahs apr. 214
wertemat apr. 217
zari apr. 214
zarija 214
zvirblis 218
Indisch
cakhä 144
Iranisch
cädır, Cädar npers. 95
catr npers. 95
Say npers. 144
Griechisch
Boixı mgr. 284
"Eco ngr. 92
"Eteo« ngr. 92
"Efsotrs ngr. 92
Efeoircı 92
Ne$eod& ngr. 92
Ne$eoo ngr. 92
Ne£egitine ngr. 92
Ne:geoog ngr. 92
Nıßeoös ngr. 92
’O&eoög ngr. I1fl.
*oAcıov 411
*Povun 411
oinvog 385
onAdßog mgr. 360
cünov 385
xoAddes 218
Lateinisch
Bustricius 282 ff.
culina 283
ficus 385
glans 218
gunna 103
ind-uo 104
jocus 284
mergere 104
putare 217
sacum 144
securis 2834
Tsiernensis Statio 282
Romanisch
gona frz. 103
gonna ital. 103
gonne afız. 103
moscatello ital. 107
muscato ital. 107
tüko languedoc. 384
zucca ital. 385
Germanisch
(nhd. und latinisierte
Formen unbezeichnet)
faran got. 217
goun(e) mengl. 103
höha got. 144
Lugii ostgerm. 278
pand mnd. 389
plat got. 359
plinsjan got. 359
Preßburg 109 ft.
Presseck 111
Preßnüz 111
siponeis got. 360
skalks got. 360
smakka got. 361
svefnhus anord. 283
toffel schwed. 389
tuffel mnd. 389
Wenia 114
Wien 114
Keltisch
gün cymr. 103
gun corn. 103
fian air. 104
Albanesisch
kol’übe 283
ul’k 282
Illyrisch
OvoAnos 282
Urbate 282
Thrakisch
"Aßooöunolıs 377
’Asdoving 381
Adkovnolıs 377
Avgas 412
Bnondoa 378
Bnowsdöns 378
Wortregister
Bovödiia 381
Bovoyeilog 380
Bovreiıs 93
Bvoeßlorosg 380
Bovodelöng 380
Boveldave 380
Bovgıs 380
Bovoxevriosg 380
Burus 380
Innalnvgıs 379
Achateluıs 380
Achatroalıs 380
Acharcoße 380
Acintalıs 380
Acınmogıs, Aaktrogıg
377
Deospor 377
Aıklnogıg, Avkönogıs
377
Awölnogis 377
Aionvgis 379
Dizapor 383
Aogunokıs 377
Aovinteiuıs 381
Avrovmogıg 377
Erennogis 377
Oapoavöaie 380
Kedolteoıs 383
Kedoönolıs 377
Movndmogıs 377
Natoporus 377
Neorönvoıs 379
IIogdönug 379
IIagıs 379
IIagıoadns 379
519
Petoporus 377
Ilogıs 377
Rafe)scuporis 377
“PorunrdAung 880
reoße 380
TıAAıßooas 377
Turkotatarisch
Cadir, Catir, datur
dschag. 95
cadyr uig. tel. alt. leb.
osm. kas. 95
Cater kom. 95
catör osm. kas. 95
catyr kumük. balkar.
osm. kas. 95
sadyr sag. koib. 95
sadyr schor. 95
Satra teleut. 95
Satyr kirg. 95
t'$aDör tschuw. 95
tükäläk dschag. 385
Finnisch-ugrisch
czimbora magyar. 213
dul’epa syrj. 263
dauts wotjak. 263
hdz magy. 275
Masku finn. 109. 262
Parma syrj. 263
petser syrj. 263
röis syrj. 263
Kaukasisch
*mosk- 108
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